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Vikings (nach Chapter 38 von NaD)

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Vikings (nach Chapter 38 von NaD)

Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 38 von Night and Day gelesen werden.

27. Vikings

Blondie eskalierte auf seinem Telefon. Zigmal hatte sie in den vergangenen Stunden versucht, ihn zu erreichen. Leider war es ihm schier unmöglich, ranzugehen oder zeitnah zurückzurufen. Ja, das war an sich nicht selten der Fall, heute war es jedoch besonders schlimm. Ihr Zeitplan war eng. Extrem eng. So eng, dass es teilweise schon eine Herausforderung war, zwischen zwei Punkten auf dem Plan schnell aufs Klo zu gehen.

Ein Meeting, eine Probe und zwei Telefoninterviews später, hatte er endlich Luft für beides. Also pinkelte er so schnell es ihm möglich war und nutzte die Ruhe im grau gekachelten Badezimmer, um sie zurückzurufen. Leider erfolglos. Nun war es sie, die ihn in der unbeantworteten Leitung hängen ließ.

Und das tat sie auch bei zwei weiteren Versuchen, die er aus dem Van heraus und schließlich in irgendeiner Ecke auf dem Flur, bei dem der nächste Punkt auf dem Zeitplan auf ihn wartete, tätigte. Und ja … er würde lügen, wenn er behaupten würde, das machte ihn nicht nervös. Sie war hartnäckig. Zu hartnäckig, um einfach nur seine Stimme hören zu wollen. Demnach ging er gerade durchaus davon aus, dass es ein Problem gab. Der Zahl ihrer erfolglosen Anrufversuche nach ein Großes. Eins ala ‘ich bin schwanger’ zum Beispiel. Oder dass sie aufgeflogen waren - allerdings ging er schwer davon aus, dass er es in diesem Fall früher oder später erfahren würde - und in 9 von 10 Fällen wahrscheinlich, bevor sie es tat.

Außer sie plapperte, verstand es sich. Allerdings ging er davon nicht aus. Wäre sie ein Plappermaul, hätte es seinen Erfahrungen nach schon bedeutend besorgniserregende Gerüchte gegeben. Oder gar mehr als nur das … also ja. Jungkook ging gerade vom Naheliegendsten aus. Außer vielleicht einer Geschlechtskrankheit … ganz ehrlich wäre die ihm gerade sogar lieber, als Variante A. Variante A, die ihm ganz sicher den Schlaf rauben würde, wenn er Blondie nicht erreichte, bevor er nachher ein Zeitfenster von rund fünf Stunden hatte, um wenigstens etwas zu schlafen.

Leider rückte dieses zunehmend mit jedem erfolglosen Versuch, sie an die verdammte Strippe zu bekommen, näher. So nahe, dass er die Nervosität, die ihn zu übermannen drohte, irgendwann nicht mehr überspielen konnte. Jedenfalls nicht vor dem kleinen exklusiven Kreis, der ihn besser als er selbst zu kennen schien.

“Was ist los? Geht es dir nicht gut?”, wollte Tae also irgendwann, in einer ruhigen Millisekunde zwischen der Tür des Vans und der Angel der nächsten Tür, die sie zum nächsten Zielpunkt des Plans brachte, wissen.

“Alles okay”, gab er zurück und versuchte, sich an seinem Bandmate vorbeizuschieben. Leider war dieser auch einer seiner besten Freunde.

Demnach durchschaute er ihn natürlich und stemmte sich dagegen. Hielt inne und ihn mit der Hand an der Schulter zurück, bis wirklich auch das letzte Mitglied des Staffs im Inneren des großen Gebäudes, das sich beinahe erdrückend vor ihnen in den hereinbrechenden Abend gen Himmel erstreckte, verschwunden war.

Einen Moment blieben sie alleine im Innenhof zurück, in dem man die insgesamt drei Vans, mit denen man sie schon seit 5 Uhr nachts von A nach B bugsierten, geparkt hatte. Nur noch die drei Fahrer waren zurückgeblieben. Allerdings saßen sie in den Fahrzeugen und waren demnach außer Hörweite - vorausgesetzt sie nutzten nicht ihre Stadionstimmen.

“Was ist los? Komm schon, ich sehe, dass es eben nicht okay ist. Und bei dem Ausdruck, den dein verdächtig aschfahles Gesicht gerade ziert, werden dass auch alle anderen da drinnen sehen”, drängte Tae nach und fügte leise hinzu, “du weißt, wir haben nur ein paar Minuten, bevor sie nach uns suchen kommen.”

Jungkook holte tief Luft und gab nach. Trat einen Schritt zurück, sodass der Druck, den Taehyungs Hand an seiner Schulter ausgelöst hatte, nachließ. “Irgendwas stimmt nicht. Sie hat versucht mich anzurufen. Unzählige Male. Und nun erreiche ich sie nicht und … und habe das wildeste Kopfkino.”

Der ältere der beiden jungen Männer nickte wissend. “Welche Art von Kopfkino?”

“Sie könnte schwanger sein”, gab er zu. Ja, es mochte für Außenstehende befremdlich klingen, dass ausgerechnet das eine seiner größten Ängste war. Aber es war in seiner Branche und vor allem in diesem Land, in dem er lebte, eine stets präsente Angst.

Zwar waren seine Eltern nicht so extrem traditionell, wie manch andere koreanische Familie es war - aber auch sie fänden es sicherlich wenig erfreulich, wenn er uneheliche Kinder in die Welt setzte. Allen voran mit einer Europäerin … einer Europäerin, die er seit nicht einmal einem Jahr kannte. Und das ja auch eher flüchtig. Zunehmend, aber nach wie vor flüchtig. Und das in seinem Alter. Ja, er wollte irgendwann mal Kinder, aber ganz sicher-

Der Druck von Taes Hand auf seiner Schulter nahm wieder zu. Dieses Mal hatte es was Beruhigendes. “Okay, hör auf. Durchatmen und abwarten. Das bringt dich jetzt nicht weiter. Willst du es noch einmal versuchen, oder bis später warten?”

Natürlich hatte sein Hyung recht. Also atmete Jungkook tief durch und zückte das Telefon erneut. Begann ein weiteres Mal zu wählen, während Taehyung von ihm abließ und mit einem Seitenblick auf die Tür, die sie nach innen führte, seine Zigaretten aus der Tasche seiner Jacke zog. Er trat ein paar Schritte auf die Tür zu und zündete sich eine an. Und auch ohne dass er sein Handeln näher erklärte, verstand Jungkook den Plan dahinter und trat mit dem Hörer am Ohr ein paar Schritte zurück und entfernte sich somit von der Tür.

Tae würde, wer auch immer auf der Suche nach ihnen durch diese Tür schritt, eine Zigarettenlänge lang hinhalten. Ähnliches hatten sie schon unzählige Male für einander in ähnlichen Situationen getan.

Dieses Mal hatte er mehr Glück. Jemand hob ab. Allerdings war es nicht Blondies Stimme, die ihn am anderen Ende der Leitung begrüßte. Und ja, das warf ihn aus der Bahn. Brachte das Blut hinter seinen Ohren so laut zum Rauschen, dass er erst beim zweiten Mal verstand, wen er da in der Leitung hatte. Brother … Bruder … Blondies Bruder. Einen der Wikinger.

Und ja, das beruhigte ihn. Einen gefühlt endlos langen Moment hatte er nämlich damit gerechnet, dass er stattdessen Blondies neuen oder auch alten Lover an der Strippe hatte. Beispielsweise, weil der sie beide erwischt hatte und der Sache ein Ende bereitete. Oder weil sie sich auf der Hochzeit jemand neuen angelacht hatte, der dies nun für sie tat.

Aber … es war nur der Bruder. Was ihn nach einer Sekunde der Erleichterung erneut aus der Bahn warf. Das war immerhin ihr verdammter Bruder. Und ja, auch wenn das hier nach wie vor nichts wirklich Ernstes war, wollte er wenigstens einen halbwegs … guten Eindruck hinterlassen. Was mit seinen eher spärlichen Englischkenntnissen alles andere als einfach war. Glücklicherweise schien es der bebenden Stimme am anderen Ende der Leitung nicht anders zu ergehen.

Er stockte viel, suchte nach den richtigen Worten und atmete immer wieder schneidend aus. Er war nervös … mindestens ebenso nervös, wie Jungkook es war.

Und ja, einen Augenblick oder zwei ließ ihn diese Reaktion skeptisch werden. Was wusste der Wikinger, dass er so reagierte? Was wusste er, dass er einen Anruf von unbekannter Nummer annahm? Genug, wurde dem jungen Asiaten bewusst, noch während der Bruder ihm mit Hilfe von ein paar unbedeutenden Silben mitgeteilt hatte, dass Blondie zu betrunken war, um abzuheben. Und ja, das erklärte einiges. Jedenfalls nahm Jungkook das an.

“Und?”, wollte Tae wissen, als er aufgelegt und wieder auf die Tür zugesteuert war, an der sein Mate gerade zwei Staffmitglieder abgewehrt hatte. Nun waren sie wieder einen Moment allein. Noch rund drei Züge lang, wie Jungkook mit einem Blick auf Taes Zigarette vermutete.

“Sie schläft. Hat sich anscheinend total die Kante gegeben”, gab er zurück und atmete tief durch.

“Das ist gut, oder nicht? Wahrscheinlich sind da nur die Sehnsucht und der Alkohol mit ihr durchgegangen. Und wäre sie schwanger, würde sie nichts trinken, vermute ich. Oder was meinst du?”

Jungkook stimmte schwach nickend zu. “Würde sie nicht. So schätze ich sie jedenfalls nicht ein. Ich denke aber … ihr Bruder weiß Bescheid.”

Taes Braue schoss hoch, während er den ersten der schätzungsweise drei verbleibenden Züge nahm. “Warum vermutest du das?”

“Seine Reaktion war … einfach verdächtig. Er war zu nervös, wenn man davon ausgeht, dass er nur mit irgendeinem Typen spricht, den seine Schwester-”

Er stockte, was Tae zum Grinsen brachte. Glücklicherweise sprach der das abgeschnittene Wort nicht aus. “Naja, es ist ihr Bruder. Ich denke, das ist vertretbar. Oder nicht?”

“Findest du?”, hakte er vorsichtig nach und steckte die Hände in die Hosentaschen, weil ihn das manchmal auf absurde Weise beruhigte.

“Ja, finde ich. Ich meine, seien wir mal ehrlich. Könntest du das absolut für dich behalten? Ich könnte es nicht, deshalb verlange ich das auch nicht von ihnen. Entscheidend ist, wem sie es erzählen. Und mir wäre der Bruder da bedeutend lieber als die beste Freundin: Die, soweit ich im Bilde bin, ein Fan ist.”

Tae reichte ihm wortlos die Zigarette und der jüngere der beiden Männer nahm den vorletzten Zug. Hielt dem älteren die Zigarette im Anschluss wieder wortlos entgegen, was diesen erst ablehnen ließ. Aber nein … er hatte genug. Ihm war gerade nicht wirklich danach zu rauchen. Ihm war auch so schon übel genug. Also ließ er Tae das wissen, der den Glimmstängel schließlich wieder an sich nahm.

Jungkook schluckte. Blickte kurz zu Boden. Ja, da hatte sein Hyung wohl recht. In gewisser Weise jedenfalls. Natürlich gefiel ihm der Gedanke, dass sie über diese Sache zwischen ihnen sprach, nicht. Immerhin stellte jede und jeder Mitwissende eine Gefahr dar, die sie nicht einschätzen konnten. Allen voran die er nicht einschätzen konnte, wenn es Mitwissende waren, die nur sie kannte. Allerdings konnte er durchaus nachvollziehen, dass sie manchmal über diese Sache sprechen musste. Immerhin tat er es auch … und ja … darüber hatten sie beide schon einmal gesprochen. Demnach wusste er bereits, dass sie das hier nicht komplett für sich behielt. Ihr bester Freund wusste ebenfalls Bescheid, sei es ihren Worten nach auch nicht im Detail.

Also schluckte er und nickte. Sah Taehyung dabei zu, wie er den letzten Zug nahm, die Zigarette in einen dafür vorgesehenen Aschenbecher warf, der neben der Tür stand und sagte: “Außerdem vermutest du gerade nur. Vielleicht war er auch aus vollkommen anderen Gründen nervös. Zum Beispiel, weil er englisch sprechen musste. Ich wäre es.”

“Ja”, stimmte der jüngere der beiden Männer zu. Auch das wäre natürlich eine Option. Deshalb nahm er es so hin und folgte seinem Hyung durch die Tür ins Innere des einnehmenden Gebäudes. Drängte alle Unsicherheit und Zweifel beiseite und setzte wieder diese Maske auf, die all das, was ihn bewegte, so gut wie möglich vor der Außenwelt verbergen sollte.

***

Palim Palim … ich glaube, diesen Einblick haben sich einige von euch gewünscht. Demnach hoffe ich, er hat euch gefallen und einige Fragen geklärt. Habt einen wundervollen Tag heute und bis Freitag. Aber schon einmal als Vorwarnung, da kommt das Chapter etwas später - vermutlich im Laufe des Nachmittages. Da ich von Donnerstag auf Freitag unterwegs bin, schaffe ich es nicht eher.