Strategys (nach Chapter 53 von NaD)
Strategys (nach Chapter 53 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 53 von Night and Day gelesen werden.
38. Strategys
Natürlich musste er von allen Dingen, die er eigentlich nicht hätte vergessen dürfen, ausgerechnet das obligatorische Geburtstagslive vergessen. Offensichtlich hatte er die Welt außerhalb dieser schützenden Wände etwas zu gut ausgeblendet. Und so musste die Company den Cockblock des Jahrhunderts vollziehen - glücklicherweise von deren Seiten aus unbewusst - und ihn daran erinnern.
Dabei war das, was sich zwischen ihm und Hannah angebahnt hatte mehr als nur vielversprechend gewesen. Sie war in den vergangenen Tagen zusehends entspannter geworden. Fühlte sich hier, bei ihm in der ihr sicherlich etwas befremdlichen Umgebung, spürbar sicherer und aufgehobener. Zwar hatte sie bisher nicht wieder geheult, wie sie es am Telefon oder praktisch direkt auf dem Klo getan hatte. Allerdings war ihre innere Unruhe anfangs doch deutlich spürbar gewesen.
Es war nicht so, dass er heulende Frauen nicht gewohnt war. Ganz im Gegenteil. Heulen war grundlegend eine der häufigsten Reaktionen, die sie beim anderen Geschlecht auslösten Dicht gefolgt vom Schreien oder Kreischen, wobei es dabei ein wenig auf das Setting ankam. Bei Konzerten oder ähnlichen Gigs wurde eher geschrien und gekreischt als geheult. Stand man ihnen gegenüber, etwa bei Fanmeetings oder unerwartet auf der Straße, wurde häufiger geheult. Oder gezittert, während sie versuchten, sich im Zaum zu halten. So zu tun, als warf sie das alles nicht aus der Bahn. Mehr als nur gelegentlich funktionierte auch das jedoch nicht. Nicht selten flossen auch dann Tränen.
Also ja … er war es in gewisser Weise gewohnt, dass man in seiner Gegenwart heulte. Wie die meisten Leute in seiner Branche, hatte er gelernt, damit umzugehen. Hatte sich verschiedene Strategien erarbeitet, die ihm je nach Person und Situation dabei halfen, damit umzugehen und sein aufgelöstes Gegenüber bestenfalls etwas runterzuholen.
Händchenhalten war eine von ihnen. Händchenhalten und gut zureden. Eventuell mit ein paar seichten Scherzen am Rande. Bis hin zu leichten Neckereien, etwa indem er sie spielerisch imitierte. Oder er heulte einfach mit. Ja, auch das konnte er mittlerweile. Auf Kommando heulen. Meistens überkam es ihn aber tatsächlich. Er war einer dieser Menschen, die ebenfalls heulen mussten, wenn jemand anderes weinte. Vor allem, wenn sie ihm nahe standen.
Hannah heulen zu sehen, war also nicht einfach gewesen. Allerdings war ihm bewusst gewesen, dass dieser Kampf verloren gewesen wäre, hätte er sich ebenfalls dem Drang ergeben und hätte mit Blondie gemeinsam geheult. Glücklicherweise sah sie ein wenig aus wie dieses Vieh aus Herr der Ringe, während sie da auf seinem Klo saß und der Heulkrampf sie schüttelte. Mit dieser lächerlichen Haube, aus der hier und da ein paar verirrte blonde Strähnen hervorlugten, vom Heulen geröteten Augen und einer leicht geröteten Nase.
Gollum … ein Gollum dass er ficken würde. Und allein dieser absurde Gedanke, hatte ihn soweit runtergeholt, dass er sich zusammenreißen konnte. Dass er nicht auch noch die Fassung verlor.
Schwieriger war es gewesen, sie am Telefon zu sehen. Es war eine andere Art von Weinen gewesen. Anders als auf dem Klo, als sie ihre Emotionen kurz eingeholt zu haben schienen. Blanke Panik war es gewesen, die ihr in das hübsche Gesicht geschrieben stand. Und er konnte absolut nichts dagegen tun. War nicht einmal ansatzweise in der Nähe, um eingreifen und diese Sache deeskalieren zu können.
Dieses Bild von ihr auf dem Display hatte sich in ihm eingebrannt. Und er hoffte, er musste es nie wieder sehen. Natürlich wollte er sie auch nicht nochmal auf dem Klo heulen sehen. Oder übergreifend heulen. Denn außer wenn es Glückstränen waren, waren Tränen im Grunde nur selten etwas Gutes. Aber … bekanntlich war vieles, was sie gerade umgab, nichts Gutes. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass es besser werden würde. Dass sich das hier legen und die Gründe für weitere Tränen ausbleiben würden.
Und auf genau das konzentrierte er sich, während er vor dem Stativ, das sein Handy hielt, wie so oft in den vergangenen Tagen gute Miene zum bösen Spiel machte. Wohlwissend, dass Blondie und Seokjin gerade scheinbar in seinem Studio saßen und sich dieses Elend hier live ansahen. Das Elend in Form von Hasskommentaren, die immer wieder seinen Chat fluteten. Hin und wieder unterbrochen von einigen positiven Nachrichten - wenn er es gerade richtig gesehen hatte, scheinbar auch von seinem heimlichen Sideprofil.
Nachrichten in englischer Sprache, was darauf hindeutete, wer da an der Tastatur saß. Und ja, das gab ihm was. Die Gewissheit, dass sie da war. Hinter dieser Wand rechts von ihm. Gemeinsam mit Seokjin, der gegensteuern konnte, wenn das alles doch zu viel für sie wurde. Sie hatte genug dieser Abgründe gesehen, die das Leben im Rampenlicht und das Fandom ihnen manchmal boten. Weitere Einblicke in noch tiefere Schluchten musste sie nicht bekommen. Etwa die Mord- und Todesdrohungen oder die lustigen kleinen Edits, die seinen Kopf auf Tierkörpern, mit bis zur Unkenntlichkeit verzehrtem Gesicht oder als Hauptakt in den verschiedensten Gewaltfantasien zeigten.
Glücklicherweise verlief das Live weitestgehend ereignislos. Abgesehen von den Hasskommentaren hin und wieder, die häufig schnell erstarben, um wenig später von einem neuen Account wieder aufzuleben. Allerdings war ihre Lebensdauer stets nur von kurzer Dauer. Und er hatte mehr als nur eine schwache Ahnung, wem er das zu verdanken hatte. Zum einen sicherlich Seokjin. Anscheinend aber nicht nur dem. Auch Yoongi, Taehyung und Hoseok meldeten sich kurz nachdem er das Live beendet hatte mit Sprüchen wie >Geschafft!<, >Gut gemeistert< und >Wie geht es dir?<
Noch während er ihre Nachrichten beantwortete, trat sein Hyung also wieder aus dem Schlafzimmer. Vorsichtig und bedacht - auf die zwei Mitglieder des Staffs blickend, die seine Darbietungen still und leise aus dem Off überwacht hatten. Und auch sie hatten hier und da sicherlich eingegriffen. Jedenfalls ging er davon aus.
“Wie geht es dir?”, wollte auch Seokjin wissen, während er sich neben ihm auf einen der freien Stühle an den Esszimmertisch fallen ließ, an dem er saß.
“Okay. Ich hatte ganz ehrlich schlimmeres erwartet”, entgegnete er ehrlich und löste sein Handy aus dem Stativ, welches augenblicklich eines der beiden Staffmitglieder an sich nahm.
Beide waren männlich, was andeutete, dass sie absolut auf Nummer sicher gehen und den Scheißesturm nicht noch weiter ankurbeln wollten, indem sie Frauen zu ihm nach Hause schickten. Zudem waren sie schon länger und schon häufiger für ihn und die anderen Member zuständig gewesen. Was ebenfalls andeutete, dass man auf Nummer sicher gehen wollte - immerhin wusste die Company, dass Hannah hier war.
Das Stativ gehörte zur Ausrüstung des Staffs. Ebenso wie ein Handy, welches sie eigentlich für Übertragungen wie diese nutzten. Heute musste allerdings sein eigenes herhalten, weil besagtes Gerät keine Verbindung zu seinem WLAN hatte herstellen können. Ein altbekanntes Problem. Eines, das er bisher nicht hatte lösen können.
Seokjin ließ seine Antwort kurz blechern auflachen. “Du hattest es schlimmer erwartet”, wiederholte er ihn und sah ihn durchdringend an.
“Habe ich wirklich”, gab er zurück. Das war nicht gelogen, das hatte er tatsächlich.
Zugegeben war es alles andere als angenehm gewesen. Wenigstens streckenweise nicht. Allerdings waren Dinge wie Hasskommentare zu erwarten gewesen. Es hatte allerdings auch einen ganzen Haufen positiver Kommentare gegeben. Nicht nur von Hannah, die sich seinen Account zu eigen gemacht hatte. Auch viele der Fans hatten ihm gut zugesprochen. Und ja, natürlich hatte es auch ein paar enttäuschte und eine handvoll amüsierte Kommentare gegeben. Kommentare, in denen man ihn und seine Entscheidungen kritisierte oder sich über ihn lustig machte. Weil er nicht Mann genug war, sich seine eigenen Kondome zu kaufen, zum Beispiel.
Und last but not least waren da natürlich die rassistischen Kommentare gewesen, die wenigstens Blondie nicht hatte lesen müssen. Jedenfalls hoffte er das. Da ihm allerdings nur koreanische und ein paar japanische Kommentare dieser Art untergekommen waren und er nicht davon ausging, dass Seokjin ihr ausgerechnet diese übersetzt hatte, vermutete er, dass wenigstens sie von diesen verschont geblieben war.
Kommentare darüber, dass er es offensichtlich nicht schaffte, sich eine gute koreanische Frau zu angeln. Kommentare darüber, dass alle westlichen Frauen Schlampen waren. Oder ausgeleiert. Und er eh zu mickrig ausgestattet, um sie lange halten zu können. Wie erbärmlich er war. Eine Schande für das koreanische Volk und dass seine Eltern ihn enterben sollten … und und und.
“Wie geht es … dir?”, fragte er mit einem Seitenblick auf die beiden Staffmitglieder, die sich gerade unterhielten, während sie die restlichen Dinge des Equipments verstauten. Make-up, ein paar Ringleuchten und mehr. Das letzte Wort bewusst betonend und Seokjin dabei vielsagend ansehend.
Natürlich ging es nicht um sein Gegenüber. Und da sie Spiele wie dieses alle mehr als einmal hatten spielen mussten, verstand sein Hyung, um wen es eigentlich ging. Um Hannah. Demnach ließ er ihn wissen. “Gut. Es war etwas viel, aber es war ... erträglich. Ich habe mich gut geschlagen”, schloss er und fügte dann in gewohnter Manier breit grinsend hinzu: “So wie immer. Wie wir es von mir kennen.”
Jungkook nickte ebenfalls grinsend, sei es sicherlich auch etwas schief. “Danke”, flüsterte er und hoffte, dass das genügte, um seinem Gegenüber auch ohne Worte zu sagen, wofür. Nämlich dafür, dass er sich um Hannah gekümmert hatte, während er hier vorne festgehangen hatte.
“Gerne”, gab Jin wie erwartet mit vielsagender Miene zurück. Er verstand. “Übrigens mag ich mich. Wirklich. Ich bin verdammt hübsch, freundlich”, raunte er und beugte sich vor, um noch etwas leiser hinzuzufügen: “Und du bedeutest mir scheinbar sehr viel.”
Und ja … auch wenn ihm das nicht ganz neu oder unbekannt war, lösten diese Worte ein angenehm wärmendes Gefühl in ihm aus. Ließen ihn mehr als nur offensichtlich grinsen, während er sich über die Lippen leckte und versuchte, sich möglichst nicht anmerken zu lassen, worum es hier ging - und was das in ihm auslöste. Natürlich scheiterte er kläglich. Aber das spielte keine Rolle. Jedenfalls hoffte er das.
***
Hello again. Lange nicht gelesen und schön, dass ihr wieder hier seid. Na, wer hat die freudige Botschaft schon erfahren - und für wen geht's im Juli zu Hobi nach Berlin? Ich werde aus gesundheitlichen Gründen leider passen müssen. Ich erwarte also viele schöne Berichte von allen Glücklichen, die live dabei sein werden.
Habt einen wundervollen Tag heute und wir lesen uns Freitag wieder.