Objection (nach Chapter 8 von NaD)
Objection (nach Chapter 8 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 8 von Night and Day gelesen werden.
4. Objection
- März 2022 -
“Nahm Minju Seonbaenim, Hallo”, begrüßte er ihren Kopf des Managements und folgte dessen Aufforderung, in sein Büro zu kommen. Da Nahm ihm die Tür geöffnet hatte, folgte dieser ihm anschließend zum Schreibtisch, auf den Jungkook zu steuerte … nein, gerade fühlte er sich eher wie Jeongguk. Klein, unbedeutend und nervös. Dieser Gang fiel ihm nämlich alles andere als leicht …
Auf halbem Weg lotste ihn der Manager - ein Mann Mitte 50 mit fast 25 Jahren Berufserfahrung, der diesen Job vor rund einem Jahr übernommen hatte - zu einer kleinen Sitzecke, die aus vier Sesseln und einem Tisch bestand, auf dem einige Zeitschriften lagen. Oder war es vor zwei Jahren? Er hatte keine Ahnung, sein Zeitgefühl war total hinüber. Eine typische Berufskrankheit, wenn der Tag ständig 16 Stunden hatte und man regelmäßig von einem Kontinent zum anderen reiste. Wie lange es auch sein mochte, es war nicht lange genug, um sich an seinen Gegenüber gewöhnen zu können. Er hatte das Misstrauen noch nicht ganz ablegen können, was das hier natürlich nicht leichter oder einfacher machte.
Nachdem Jungkook sich in einen der Sessel hatte fallen lassen, holte Nahm ihm etwas Wasser - ohne zu fragen, ob er überhaupt etwas wollte. Wollte er nicht, aber das behielt er für sich. Kämpfte gegen den Drang an aufzustehen und die Aufgabe zu übernehmen, etwas Wasser für sie beide einzuschenken. Das hier fühlte sich falsch an. Immerhin war er der Jüngere hier … aber das Machtgefüge verhielt sich hier etwas anders. Etwas, an das er sich ebenfalls nur schwer gewöhnen konnte. Vielleicht würde es ihm auch nie gelingen.
“Was kann ich für dich tun?”, fragte Nahm und stellte die beiden Gläser auf den Tisch ab.
Jungkook nahm das Glas dankend an sich und nahm einen kleinen Höflichkeitsschluck. Als er es zurückstellte, fiel sein Blick kurz auf die oberste der Zeitschriften. Sie zierte ein Bild von ihm und seinen Hyungs - was ihn gequält aufstöhnen ließ. Es missfiel ihm, dass sie ihn hierbei sehen würden. Sei es auch eher metaphorisch …
“Ich möchte mich mit einer Frau treffen. Für-”, er stockte kurz und musste sich sammeln, bevor er weitersprechen konnte: “Für Sex. Wenn wir in Las Vegas sind.”
“Einen Escort?”, fragte Nahm und Jungkooks Gesicht wurde heiß.
Ja, er wusste, dass manche seiner Kollegen diesen in den Staaten legal erhältlichen Service gerne nutzten. Natürlich war das für Leute wie sie nach wie vor eine Grauzone, aber man hatte da so seine Mittel und Wege, diese zu verlassen. Soweit er im Bild war, gehörten er und seine Hyungs jedoch nicht zu den Leuten, die dies getan hatten. Bisher jedenfalls nicht. “Nein”, gab er schließlich zurück, “eine Frau-die Frau, vom letzten Mal.”
Natürlich wusste Nahm, von wem er sprach. Er gehörte zum inneren Kreis, indem sie alle wissen würden, von wem er sprach. Folglich zog sein Gegenüber wie erwartet eine Augenbraue hoch. “Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist - und ich bin recht sicher, dass man mir da auch auf höheren Ebenen zustimmen würde. Wie wäre es stattdessen mit jemandem, der ihr ähnlich sieht? Sie war blond, nicht? Wir werden sicherlich eine vertrauenswürdige Agentur-”
“Nein”, sagte er fest und kämpfte gegen den Drang an, einen weiteren Schluck Wasser zu nehmen. Sein Mund war trocken, aber das würde ihn schwach aussehen lassen.
“Das ist keine gute Idee”, wiederholte Nahm sich nicht minder fest und schien ihn mit seinen Blicken durchbohren zu wollen.
“Da ist nichts im Umlauf, oder bin ich nicht auf dem neuesten Stand?”, schoss er zurück und richtete sich im Sessel auf. Versuchte Nahms durchbohrendem Blick standzuhalten.
Schließlich war es wie erhofft der ältere Mann, der nachgab. Oder auch die Taktik wechselte. Aber darauf war er ebenfalls gefasst gewesen. Jungkook war immerhin kein Trainee mehr und das war nicht das erste Gespräch dieser Art, das er führen musste. Ja, nicht mit Nahm und sicherlich auch nicht unter vergleichbar schwierigen Umständen, aber er hatte dennoch mehr als einen blassen Schimmer gehabt, wie das hier ablaufen würde. Also wappnete er sich schon einmal für den nächsten Gegenschlag.
“Ich fürchte, da müssen wir Einspruch einlegen”, sagte sein Gegenüber vollkommen überraschend …
… und dem jungen Mann entwischte ein ungläubiges Lachen. “Bitte was? Einspruch?” Einen Moment blickte er ungläubig kopfschüttelnd auf das Magazin hinab.
“Wir wollen nur das Beste-”
Jungkook hob den Blick und fiel dem älteren Mann grob dazwischen. “Das hier ist mein Leben und ich trage allein das volle Risiko. Wer sagt mir also, dass irgendeine andere Frau ebenfalls den Mund halten wird - so wie sie es bisher getan zu haben scheint? Was soll sie davon abhalten? Eine Verschwiegenheitsvereinbarung, wie Hana sie unterschrieben hat?” Er zuckte zusammen, als er sich selbst ihren Namen sagen hörte. Zum einen, weil er ihn sicherlich verhunzte, zum anderen aber auch, weil er damit unbewusst zu viel gesagt hatte.
“Sollten wir da etwas wissen?”, hakte Nahm wie erwartet nach, “wo ihr zwei scheinbar schon sehr vertraut beim Vornamen seid?"
“Es ist nur Sex”, gab er zurück.
“Wir wollen nur das Beste für dich und wenn da mehr ist, müssen wir das wissen”, schob Nahm drängend nach.
“Es ist nur Sex”, wiederholte er sich und fügte dann hinzu: “Also?”
Der ältere Mann seufzte und blickte kurz auf seine Hände hinab. "Das ist ungemein riskant. Uns fehlt da drüben der Einfluss, den wir hier haben. Das erhöht das Risiko immens. Warum muss es ausgerechnet jemand aus den Vereinigten Staaten sein?”
Erneut musste er ungläubig lachen und schüttelte den Kopf. “Weil ich sie treffen will und sie nunmal in den Staaten lebt.” Was mehr als offensichtlich sein sollte.
“Was ist mit dieser Japanerin? Midori?”, fragte Nahm und beugte sich vor, “die hat sich immerhin auch als außerordentlich vertrauenswürdig erwiesen.”
Jungkook beugte sich ebenfalls vor und flüsterte: “Diese Japanerin ist nicht die Frau, die ich treffen will.” Ein weiterer absolut unnötiger Fakt, von dem er nicht gedacht hatte, dass er es aussprechen müsse.
Nahm ließ sich seufzend zurück in den Sessel fallen. “Ganz sicher, dass es da nichts gibt, was wir wissen sollten?”
Der junge Mann atmete tief durch und ballte seine Hände kurz zu Fäusten. Das hier lief schlechter ab als erwartet. Und zugegeben hatte er nicht erwartet, dass es angenehm oder leicht werden würde. Immerhin hatte er, was diese Sache anging, erst kürzlich zu viel Sand aufgewirbelt. “Ich habe einen Fehler gemacht und das tut mir entsetzlich leid.” Er hob den Blick und entspannte seine Finger wieder, “aber glücklicherweise hatte dieser Fehler scheinbar keine Folgen-”
“Also legen wir es erneut darauf an?”, fiel ihm Nahm ins Wort.
Okay … er hatte diese Karte nicht ausspielen wollen, aber anscheinend blieb ihm nichts anderes übrig. “Wir beide wissen, dass hier niemand mehr in der Position ist, mir vorzuschreiben, welche Fehler ich machen darf und welche nicht. Also sage ich es ein letztes Mal. Ich will sie treffen. In Las Vegas. Geben Sie das bitte weiter und kümmern Sie sich darum, dass dieses Treffen zustandekommt."
Ja, das würde ein Nachspiel haben. Und ja, das ließ diese ganze Sache gewichtiger erscheinen, als sie es war. Aber er war kein verdammter Trainee und er war auch keine 16 Jahre mehr alt. Außerdem gingen sie alle hin und wieder dieses Risiko ein. Ja, in erster Linie mit Leuten hier aus Korea, aber am Ende des Tages änderte das nichts. Sie alle lebten, was das anging, ständig am Limit. Praktisch stets einen Schritt vom nächsten Skandal entfernt. Es war unter anderem Nahms Aufgabe zu verhindern, dass sie in die falsche Richtung gingen und die Lücke schlossen.
“Okay”, gab Nahm endlich nach und Jungkook atmete ein wenig zu offensichtlich erleichtert aus. “Dennoch bleibt die Frage bestehen, was sie dir bedeutet, wenn du so sehr dafür kämpfst, sie zu sehen. Ich möchte nur sichergehen, dass du dir dem wirklich bewusst bist.”
Guter Sex … das bedeutete sie ihm. Guter Sex und das Gefühl, einfach mal er selbst sein zu können. Jedenfalls hoffte er, dass sie ihm dieses Gefühl jetzt - wo sie wusste, wer er war - noch geben konnte. Er wollte herausfinden, ob es nach wie vor so besonders sein würde, wie es das beim letzten Mal gewesen war. Ja, ihm war bewusst, dass es das wahrscheinlich nicht mehr war. Aber er wollte es wissen. Wollte diese Gewissheit. Danach würde er weitersehen.
Zudem ging es ihm gerade noch um etwas anderes. “Es geht ums Prinzip”, entgegnete er also, “ich will sie sehen und mich nicht rechtfertigen müssen, warum."