Euphoria (nach Chapter 63 von NaD)
Euphoria (nach Chapter 63 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 63 von Night and Day gelesen werden.
45. Euphoria
“Was machst du da?”, wollte Yoongi von ihm wissen. Oder eher, er brüllte es von der Bühne, auf der er gerade stand, zu ihm herunter. Mit einer dicken, fetten Furche an der Stelle, an der sich normalerweise seine Stirn befand.
“Nichts”, gab Jungkook ertappt zurück und spielte kurz mit dem Gedanken, über die Stühle nach vorn und somit zurück zur Bühne zu klettern. Da sie ihm jedoch zu … instabil für Aktionen wie diese aussahen, machte er sich daran, den bedeutend unbequemeren Weg anzutreten.
Den, der ihn rund 20 Plätze zurück zum Mittelgang führte, an dem der Sitzbereich lag, in dem er sich gerade wahrscheinlich wie ein absoluter Vollidiot stehend und auf die Bühne starrend verschanzt hatte. In Gedanken versunken in die Luft starrend. Wie lange, wusste er nicht. Der Gesichtsausdruck, den Yoongi zur Schau trug, sagte ihm jedoch: zu lange. Zu lange, um hier irgendjemanden glaubhaft zu machen, dass das da gerade eben ein typischer Moment ala 'ich habe die Akustik studiert’ oder ‘Ich habe das hier einfach nur einen Augenblick auf mich wirken lassen’ war.
Sein skeptischer Hyung wartete auf ihn, während er sich seinen Weg wie ein normaler Mensch zurück auf die Bühne bahnte. Also nicht, wie er es ansonsten oft tat - über Absperrungen, Stühle und Co. hinweg. Das war ihm heute einfach zu riskant. Und genau das schien auch Yoongi aufzufallen, dessen Stirnfalte mit jedem Schritt, den er machte, größer wurde. Vor allem, als er den Umweg über die Stufen seitlich der Bühne in Kauf nahm, anstatt sich einfach mit etwas Schwung über den Rand der Bühne zu befördern.
“Was zur Hölle machst du da?”, wollte sein skeptischer Hyung also wissen, als er ihn schließlich erreicht hatte. Bevor Jungkook jedoch etwas erwidern konnte, musterte dieser ihn auf den letzten Metern eindringlich und fügte hinzu: “Hast du dir was gezerrt?”
“Nein, aber ich habe es auch nicht vor. Daher halt”, er deute einmal mit den Armen um sich, in der Hoffnung, das sagte alles, was es sagen sollte. Da das Gesicht seines Gegenübers allerdings nach wie vor nicht so aussah, als genüge das, lehnte er sich zu seinem Hyung rüber und raunte diesem ein vielsagendes: “Ich habe heute Abend noch was vor”, ins Ohr.
“Das haben wir alle”, gab dieser trocken zurück.
Und ja … einen Moment verwirrte das den Jüngsten. Bis es ihm schließlich dämmerte.
“Nein, ich werde nachher-” Er stockte … ja, was würde er? Er hatte Großes mit Blondie vor - allerdings konnte er gerade noch nicht so ganz sagen, wie genau das Ganze aussehen würde. So oder so würden ihm ein gezerrter Nerv oder ein verstauchter Knöchel aber sicherlich den Spaß verderben. Weil das aber so nicht gesagt werden sollte - vor allem nicht hier - sagte er stattdessen: “Ich gehe nachher noch ins Dampfbad."
Das war ihr Geheimcode für, es gab nachher Sex. Den er wahrscheinlich nicht haben würde, aber sie hatten keinen Code für es gab nachher ein wenig Küssen, Kuscheln und Massagen, weil sie ihre Monatsblutungen hatte. Also musste das Erstbeste hinhalten - und das war nunmal das.
“Okay”, gab sein Hyung ihm zu verstehen, dass er verstanden hatte. Wandte sich mit einer schwungvollen Bewegung ab und ließ seinen Blick über das Stadion gleiten.
Einen Moment tat Jungkook es ihm gleich. Das hier war beeindruckend. Obwohl sie es nicht zum ersten Mal sahen. Aber der Gedanke, dass das hier eventuell das letzte Mal für lange Zeit sein würde, hatte etwas sehr Melancholisches. Um nicht Bedrückendes zu sagen. Das hier war eine Ära, die endete. Auch wenn jeder von ihnen Pläne hatte. Das hier war nicht das Ende … über diese Ära hinaus jedenfalls. Ihre Reise würde weitergehen. Aber es war beklemmend, nicht zu wissen, wie genau der Weg, der vor ihnen lag, wohl aussehen mochte. Umso mehr, da sie große Teile von diesem alleine gehen mussten.
“Und was genau hast du da unten gesucht? Haben sie dir gesagt, wo sie sitzen wird?”, riss Yoongi ihn aus seinen Gedankengängen.
Da diese aber alles andere als angenehm waren, war er tatsächlich dankbar dafür. “Nein, natürlich nicht”, gab er zurück.
Das taten sie nie. Aus verständlichen und guten Gründen. Es würde sie zu sehr ablenken. Zu wissen, dass sie hier sein würde, war schon merkwürdig genug. Das war es jedes Mal aufs Neue. Euphorisch und beschämend zugleich. Weil sie ihn hier oben sehen würde - und weil sie ihn hier oben sehen würde. Je nachdem wie es lief in seinen besten und schlechtesten Momenten.
Zu wissen, sie war da unten und sah ihn an, würde jeden Fehler, der ihm unterlief, umso schwerer und ärgerlicher machen. Jeden guten Moment allerdings auch umso größer und berauschender. Das war nichts Schlechtes. Er würde diese Euphorie, in die ihn ihre Anwesenheit versetzen würde, mit der Menge teilen können. Das konnte er allerdings nur, wenn er nicht wusste, wo genau sie war. Nur so konnte er diese Energie auf sie alle und nicht nur auf einen Punkt, der ihn immer wieder magisch anziehen würde, umleiten.
“Also hast du versucht, mental in Erfahrung zu bringen, wo sie sitzt? Hast deinen Geist schon einmal mit der Zukunft verbunden … oder was war das da unten gerade?”, fragte sein Hyung scherzend.
Jungkook lachte. “Ja, so in etwa.”
Was er da unten gerade getan hatte, war schwer zu erklären. Wenigstens wenn es um Außenstehende ging. Aber ja … es mochte lächerlich klingen. Oder auch, es klang lächerlich. Aber irgendwie hatte er sich ihr einen Moment nahe fühlen wollen … ihr, aber auch allen anderen, die später dort unten stehen würden. Das tat er manchmal. Nicht nur an Tagen und demnach bei Shows wie heute. Heute hatte er es jedoch intensiver getan als er es sonst meistens tat. Aus naheliegenden Gründen.
Yoongi nickte wissend. Starrte mit Jungkook gemeinsam eine Weile einfach nur in die schier unendlichen Weiten des aktuell noch leeren Stadions, das später in einem Lichtermeer aufgehen und von Rufen gefüllt sein würde.
“Das heute wird etwas Besonderes”, flüsterte er irgendwann in die Leere hinein.
“Das wird schon”, gab sein Hyung zurück … aber, gerade war es ihm nicht allein darum gegangen, dass Blondie später dort unten stehen würde.
Blondie, seine Eltern, einige weitere Familienmitglieder und ein ganzer Haufen Freunde. Es ging darum, dass das hier das Ende einer verdammten Ära werden würde. Nach heute Abend, wäre nichts mehr, wie es gestern gewesen war. Der vor ihnen liegende Weg würde sie trennen. So wie es die Militärzeit tun würde. Und ja … auch wenn er zum Teil darauf hinfieberte, was er auf diesen neuen Wegen entdecken und erfahren würde, machte ihm der Gedanke, sie gehen zu müssen, manchmal doch ein wenig Angst. Das Militär mal außen vorgelassen. Es war wie ein großer Schatten, der gerade am Ende seines Weges wartete. Ein Schatten, vor dem er nicht davonlaufen konnte.
Es fühlte sich an, wie … dieses Gefühl, das man vor einem längeren Krankenhausaufenthalt hatte. Jedenfalls vermutete er das. Sein längster war als Kind mal knapp zwei Wochen gewesen. Dieser hier würde 18 Monate dauern. Aber … danach würde der Weg weitergehen. Allerdings war dieser Abschnitt zu weit weg, um ihn gerade im Blick haben zu können. Der Schatten, der ihn verdeckte, war einfach zu groß.
Jungkook versuchte, seine Gedanken in wenigstens halbwegs verständliche Worte zu fassen. Ob es ihm gelang, wusste er nicht. Allerdings schien Yoongi dennoch zu verstehen. Das sagten ihm sowohl sein Gesichtsausdruck, der sich veränderte und etwas Leeres bekam ebenso wie seine Körperhaltung, die sich anspannte. Während sie weiter in diese unendlichen Weiten des Stadions blickten.
“Das wird schon. Wir kommen hierher zurück”, sagte sein Hyung. “Gemeinsam. Irgendwann. Aber … wir brauchen das. Wir müssen uns selbst entdecken und verwirklichen, um uns weiterentwickeln zu können. Und der Rest … der lässt sich nunmal nicht vermeiden. Auch das werden wir überstehen. Ob nun zusammen oder nicht … da wird es immer andere geben, denen es so geht wie uns. Neue Menschen, die wir kennenlernen - und neue Erfahrungen und Möglichkeiten, die sich dadurch bieten werden.”
Und ja … weil Yoongi damit vollkommen recht hatte, nickte er einfach stumm und ließ diesen Moment ein letztes Mal auf sich wirken, bevor sie gleich wieder zurück hinter die Bühne gehen würden. Um später in ein mit Leben gefülltes Stadion hinaus zu gehen. Ein Stadion, in dem heute irgendwo auch Hannah sitzen würde. Sie würde hier irgendwo sitzen und ihn in all seinen Facetten sehen. Und er hoffte, er würde sich und sie nicht enttäuschen. Immerhin war das auch auf andere Weise etwas Besonderes. Etwas, das nur sie beide hatten und haben würden. Etwas, das nur sie beide verstanden.
***
Ihr Lieben, da sind wir wieder. Und ja … ich weiß, das ist gerade wahrscheinlich nur schwer zu ertragen. Denjenigen, die es später nahezu zeitgleich mit der Story lesen, wird es da wahrscheinlich anders gehen - bzw. werden die es nicht so nachvollziehen können. Aber … ohne zu spoilern war das hier das letzte Chapter aus JKs Sicht, in dem er noch unwissend ist. Im Kommenden platzt die Bombe. Ohne jetzt zu viel zu spoilern.
Also: Haltet weiterhin durch. Es kommen bald wieder bessere Tage - wenigstens in der anderen Story. Hier haben wir das ganze Elend immerhin noch vor uns. Aber so hat es vielleicht was Gutes, dass das hier jetzt gerade etwas zeitversetzt passiert. So gibts fast immer einen kleinen Ausgleich.
Habt ein schönes Bergfest und wir lesen uns Freitag bei NaD. Wie immer danke für eure lieben Worte, danke an all die tollen Leute, die ich durch diese FF kennenlernen durfte und danke an alle, die bei diesem wilden Ritt aka Story begleiten. <3