Trash (nach Chapter 70 von NaD)
Trash (nach Chapter 70 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 70 von Night and Day gelesen werden.
52. Trash
- 15. Januar 2023 -
“Schläfst du genug?”
‘Was für eine verdammt blöde Frage’, schoss es ihm durch den Kopf, während er eine weitere, imaginäre Runde auf dem Laufband drehte. Seine erste in diesem Jahr. Was im Grunde ein Armutszeugnis war, wenn man bedachte, dass das neue Jahr bereits 15 Tage alt war … 15 Tage lagen also bereits hinter ihm und er hatte jeden einzelnen davon vergeudet.
Größtenteils im Bett herumlungernd … masturbierend oder sich selbst bemitleidet. Manchmal auch beides auf einmal … es war ihm nach wie vor ein Rätsel, wie genau er das zustande brachte. Aber … es schien zu funktionieren. Beschämend gut. Was recht deutlich machte, in welch vernachlässigter Verfassung er sich befand. Was diese Gefilde anging. Aber auch alle anderen sonst. Etwa Gefilde wie dieses hier.
Er quälte sich hier gerade nämlich etwas zu sehr durch die Kilometer, die noch vor ihm lagen. Was kein Wunder war, wenn man bedachte, wie er den Großteil seiner Tage neuerdings verbrachte. Wenn nämlich nicht im Bett, essend auf dem Sofa. Filme schauend zum Beispiel. Er hatte sogar versucht, erneut ins Zocken zurückzufinden - jedoch erfolglos.
Stattdessen hatte er sich alle Marvel Filme noch einmal angeschaut. Natürlich in der chronologischen Reihenfolge … um sich selbst über das Trauma hinwegzuhelfen, das eine kleine Session von ‘Showgirls’ in ihm hinterlassen hatte.
Ja … er hatte sich eine Weile dagegen gewehrt, dem Drang nachzugeben, ausgerechnet diesen Film einzuwerfen. Und was sollte er sagen? Es war ernüchternd gewesen. Der Zauber war weg. Gänzlich verschwunden. Verpufft mit der Euphorie, die er in Busan verspürt hatte. Bevor die Bombe hochgegangen war. Zurück blieb also nur die bittere Erinnerung an das, was nach dem Tod der Euphorie kam … und ein verdammt schlechtes Stück Filmgeschichte, wenn man es nüchtern betrachtete.
Nicht einmal geil wurde er davon noch. Wobei die Frage war, ob es daran lag, dass er älter und abgestumpfter geworden war … oder, ob es an Blondie und dem Tod der Euphorie lag. Wie auch immer. 131 weitere Minuten seines Lebens, die er verschwendet hatte. Danach war der Film in den Müll gewandert. Sei es auch nur kurz … ähnlich wie diese lächerliche Kerze, die sie ihm geschenkt hatte.
In den Müll und zurück … das könnte der Titel seiner Biografie werden … immerhin war in den vergangenen Wochen und Monaten einiges wieder in diesen und wieder hinaus gewandert. Die Massagepistole, die Kondome, die Kerze, der Film … und nicht zuletzt auch seine Selbstachtung und sein Stolz. Allerdings schienen wenigstens die letzten beiden Dinge nach wie vor in der Tonne zu liegen und dort zu versauern. Er hatte jedoch nicht vor, es zu ändern … nicht so schnell jedenfalls.
Nicht solange wie er hier mit nahezu sieben Kilogramm und demnach auch beinahe sieben Schwimmringen zu viel auf dem Laufband um sein Leben keuchte …
Gewichtstechnisch waren die vergangenen Monate und Wochen ein ständiges Auf und Ab gewesen. In erster Linie ein Auf, weil er sich kaum, dass er den Gig in Katar erfolgreich hinter sich gelassen hatte, wieder hatte gehen lassen. Nach allen Regeln der Kunst - wenn es ums Essen und Faulenzen ging. Demnach machte gerade selbst der Senior, der neben ihm auf dem Laufband spazierte, ein besseres Bild.
“Schläfst du genug?”, wiederholte sich Tommy, sein langjähriger Trainer und sah ihn besorgt und forschend an. Was noch einmal unterstrich, wie verdammt ernst und erbärmlich seine aktuelle Situation und somit Ausgangslage war. In anderen Worten hieß das nämlich so viel wie ‘Was zur Hölle ist los mit dir?’
“Nein”, gab er also zu, während er kapitulierte, beide Füße auf dem Rand links und rechts neben dem Band abstellte, das nun weiterhin mit schier lächerlichen 15 Stundenkilometern zwischen seinen Beinen hindurchlief und versuchte sich und seine vollkommen aus dem Takt geratene Atmung zu sammeln … um nicht einzufangen zu sagen …
Der Schweiß war schier überall … lief ihm ins Gesicht und am Rücken bis in die verdammte Arschritze hinab. “Nein” wiederholte er sich also und ließ sich oder auch seine Schultern etwas durchhängen.
“Du brauchst Schlaf”, ließ Tommy ihn unnötigerweise wissen.
“Ich weiß”, japste er nach wie vor nach Luft. Spürte den Blick des Seniors auf sich. Entschied sich jedoch, ihn wie so vieles andere auch auszublenden.
“Du hast gerade etwas Zeit und Luft, du solltest beides nutzen. Wie sieht dein Schlafrhythmus aus?”
“Weiß nicht”, gab er lustlos zurück. Natürlich wusste er es. Er kam auf rund 6 Stunden Schlaf … wenn es gut lief.
Realistischer war momentan allerdings, dass er irgendwann bis um 14 Uhr nachmittags die Nacht zum Tag machte und sich dann für zwei Stunden hinlegte. Zwei Stunden, in denen er eher unruhig bis gar nicht schlief … um dann irgendwann zu kapitulieren und wieder aufzustehen. Oder auch, aufs Sofa umzuziehen. Wo er manchmal noch zwei oder drei Stunden auf diesem schlief. Während irgendein Film oder eine Serie lief … und er sich den Rücken oder den Nacken auf dem Sofa verdrehte.
Oh ja … es war ‘wundervoll’. Sein Leben auf diesem verdammten Abstellgleis. Es wirkte noch trostloser - vor allem jetzt, wo sie den ersten von ihnen im vergangenen Monat in den Militärdienst verabschiedet hatten. Das und die Gewissheit, dass er nächstes Jahr um diese Zeit ebenfalls in den Kasernen sein Dasein fristen würde, machte das alles nur noch schlimmer. Trostloser, beklemmender und erdrückender. Er konnte die Uhr förmlich ticken hören. Die Uhr, die ihm davonzulaufen schien. So wie die Zeit, die zwischen seinen Fingern veran … während er absolut nichts damit anfangen konnte.
Also ja … es frustrierte ihn. Um nicht zu sagen, es kotzte ihn an. Es kotzte ihn an, dass er zu viel Zeit hatte - Zeit, die er nicht zum Schlafen, sondern zum Nachdenken nutzte. Es kotzte ihn an, dass Seokjin nicht greifbar war. Übergreifend und nicht nur auf besagte Situation bezogen. Denn Jungkook redete nach wie vor ungern über diese … Sache. Dennoch war das nicht gut. Ganz und gar nicht. Es zermürbte ihn. Ließ ihn weich werden und die Kontrolle verlieren … zunehmend.
Allem voran auch ein paar Worten wegen, die er und sein Hyung vor einigen Wochen - im Grunde kurz vor dessen Einberufung über diese Sache gewechselt hatten.
“Lass dir nicht in diese Sache reinreden. Nicht von mir und nicht von uns … aber schon gar nicht von denen.” Natürlich wusste Jungkook auch so, von wem die Rede war. “Immerhin bist du es, du ganz allein, der mit den Konsequenzen leben muss.”
Vielmehr hatte er dazu nicht gesagt. Das war jedoch auch nicht nötig gewesen. Auch wenn der Blick, der er ihm bei der Verabschiedung noch einmal nach der letzten Umarmung zugeworfen hatte, Bände gesprochen hatte. “Pass auf dich auf”, hatte Seokjin ihm zugeflüstert. Und auch hier ohne viele Worte so unendlich viel gesagt …
Genug, um seine Kontrolle bröckeln zu lassen. Vor allem in den vergangenen Wochen. Neuerdings verlor er sich immer wieder darin, stundenlang auf ihre verdammten Nachrichten zu starren. Stets das Gefühl im Nacken, das Falsche zu tun. Einen Fehler zu begehen. Mit sich selbst und dem Drang zu antworten kämpfend. Ein schier zermürbender Kampf, der Tag für Tag schwerer zu werden schien.
Aber … er durfte nicht nachgeben. Nach wie vor stand nämlich die Frage im Raum, was passieren würde, wenn er falsch lag. Wenn Seokjin und Jimin falsch lagen. Was, wenn es doch Blondie war, die sie alle äußerst gekonnt in die Irre führte?
“Nehmen wir an, deine Vermutung ist richtig und wir haben ihr Unrecht getan. Was dann? Ist es das alles wirklich wert? Wo siehst du euch … sagen wir mal in einem Jahr? In zwei Jahren? Eine Fernbeziehung ist alles andere als einfach. Nicht nur in deiner Situation - allerdings vor allem in dieser. Doch nicht nur das steht euch bevor. Hinzu kommt der Militärdienst … wir beide wissen, was das für den Großteil der Beziehungen bedeutet, die sich mit diesem überschneiden”, hörte er Nahms Echo hinter seinen Schläfen raunen.
Bei einem dieser unzähligen Gespräche, die sie in den vergangenen Wochen geführt hatten. Und er hörte ihn weitersprechen. Unschöne und doch traurige Wahrheiten: “Und nun nehmen wir an, unsere Vermutungen stimmen doch. Nehmen wir an, sie führt uns alle äußerst gekonnt vor. Du weißt, was auf dem Spiel steht. Auch hier solltest du dir also die Frage stellen, ob es das wert ist. Ob es das wirklich wert ist.”
“Wie sieht deine Einschlafroutine aus?”, bohrte sein Trainer weiter nach und riss ihn erneut aus diesen zermürbenden und betäubenden Gedanken, die ihn wie so oft in den vergangenen Wochen nahezu in den Wahnsinn treiben wollten.
“M-meine Einschlafroutine?”, entwischte es ihm verräterisch irritiert.
Wie sollte die bitte aussehen? Er ging noch einmal pinkeln und legte sich ins Bett. Wenn er gut drauf war, putzte er sich noch die Zähne, kämmte sich die Haare und zog sich zur Feier des Tages was anderes an.
Das kam aktuell so rund dreimal die Woche vor. Was nicht hieß dass er sich nicht frisch machte. Das machte er meistens morgens … oder auch nachmittags. Naja … wenigstens was das Zähneputzen und eine kurze Katzenwäsche anging. Das mit dem Klamottenwechsel und Haare kämmen … das war so ein Ding. Das machte er aber sicherlich auch mindestens dreimal pro Woche. Ausnahme stellten seine Boxershorts da. Die wechselte er täglich … meistens jedenfalls.
Aber … zurück zur Einschlafroutine. Wenn er richtig gut drauf war, ging er vorher sogar duschen. Das kam momentan so zweimal die Woche vor. Was übergreifend besorgniserregend bis erbärmlich war. Das war ihm durchaus bewusst. Aber … wenigstens ließ er sich nur gehen, wenn er wirklich niemanden unter die Augen - und somit auch Nase - kam. Also nicht an Tagen wie heute. Das war mehr als nur ein wenig wert. Wenigstens redete er sich das ein.
"Versuche, für Entspannung zu sorgen. Nimm ein Bad oder eine heiße Dusche. Trink einen Tee, mach ein paar Entspannungsübungen und höre entspannende Musik. Und achte darauf, dass die Temperatur in deinem Schlafzimmer angenehm ist. Und dass du nicht durch störende Geräusche-”, begann Tommy und der Gesichtsausdruck, der sein Gesicht zierte, sprach mehr als nur Bände.
“Ich weiß”, sagte Jungkook so bestimmt und doch sanft wie möglich. Und ja … das war ausnahmsweise mal nicht aus der Not heraus gelogen. Das wusste er tatsächlich. Themen wie dieses hatten sie alle schon mehrfach durch. Und mit ‘sie alle’ meinte er sich und den Rest der Band. Immerhin gehörte ein gestörter Schlafrhythmus zu ihrem Leben dazu.
Ebenso wie Einschlafprobleme, ständiger Jetlag und häufige und langanhaltende Erschöpfung. Er kannte das alles also. Dennoch war das hier anders. Das hier saß tiefer. Hielt ihn von innen heraus in diesem selbstzerstörerischen Kreislauf gefangen, der daraus bestand, sich selbst davon abzuhalten, sie online zu stalken und sich zu verteufeln, weil er den Kampf gegen sich verloren hatte.
“Möchtest du was trinken?”, wollte Tommy wissen … und ja, wollte er.
Also machte sich der ältere Mann davon, in Richtung der Getränkeautomaten und Wasserspender, um ihm etwas Flüssigkeit zu holen. Und er blieb zurück. Nach wie vor auf dem Laufband kauernd … kauern, weil er nach wie vor nicht rannte. Stattdessen immer noch wie eine lächerliche Version von sich selbst mit den Füßen auf den Rändern verharrend dem Laufband unter sich dabei zusah, wie es ihm davonzulaufen schien.
Und ja … das brachte mindestens einen Teil von sich dazu, ihn laut auszulachen. Verdächtigerweise klang er wie die 20-jährige Version von sich. Diese unbekümmerte und vor Leben sprühende Version von sich. Die, die Untertitel noch ohne Brille lesen konnte. Die, welche die Straßen von Berlin noch mit unwissenden Augen betrachten konnte.
“Es wird besser”, hörte er und sah irritiert auf. Der Senior zu seiner Linken sah ihn an. Etwas … Wissendes und beinahe Mitleidiges lag in seiner von Falten und Erfahrungen gezeichneten Miene. “Man darf nur nicht zu hart zu sich selbst sein.”
Jeongguk schwieg. Starrte ihn einfach nur an. Sicherlich mit verräterisch großen Augen. War es wirklich so offensichtlich? War er so offensichtlich?
Die Miene des Alten sagte ja … war es. War er. Aber da der Alte sich schon wieder abgewandt hatte und seines sieben Stundenkilometer schnellen Weges ging, entschloss er sich dazu, es dabei zu belassen. Seine Beine wieder auf das Band zu schwingen und weiterzulaufen. Über den Frust hinweg, der ihn zu durchspülen schien. Mit jedem Schritt ein wenig stärker und mehr …
… und ja. Irgendwo zwischen Kilometer 37 und 40 entschloss er sich, dem Rat des Alten zu folgen. Er würde nicht mehr so hart zu sich sein. Allerdings wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er den Kampf gegen sich selbst in weniger als 24 Stunden verlieren würde. Denn er würde ihr antworten … aus einer kleinen Laune heraus … einer Laune, die er danach bitter bereuen würde.
Eine Laune, die ihm eine weitere, schlaflose Nacht bescheren würde. Und seinem Stolz und seiner Selbstachtung einen weiteren Tag im Müll.
***
Hallo ihr Lieben. An dieser Stelle möchte ich euch schon einmal allen für eure lieben und verständnisvollen Worte danken. Es freut und beruhigt mich wirklich sehr, dass ihr bei meiner Entscheidung den Intervall zu strecken und im kommenden Monat eine kleine Auszeit zu nehmen, hinter mir steht. Ihr rockt. <3
Ausführlichere Antworten auf eure Reviews und Nachrichten folgen noch, allerdings hat es mich gerade erkältungstechnisch ziemlich umgehauen. Deshalb kam ich noch nicht dazu. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Versprochen!
Habt einen wundervollen Tag heute und bis Freitag bei NaD. <3