Emotional (nach Chapter 72 von NaD)
Emotional (nach Chapter 72 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 72 von Night and Day gelesen werden.
53. Emotional
-10. Februar 2023 -
Der Februar kam und mit diesem schienen die Zweifel zu verschwinden. Zunehmend. Aber … es war nicht ganz einfach, sich diesem neuen Gefühl zu ergeben, das sich stattdessen ganz langsam an ihre Stelle setzte. Angetrieben von den kleinen Bildchen, die sie neuerdings tauschten. Nahezu unbemerkt und heimlich, während sich die Welt um ihn herum übergreifend wieder ein wenig zu verändern schien.
Zum einen näherte sich mit Hoseoks Eintritt ins Militär im übernächsten Monat ein weiteres Ende. Yoongi würde folgen … allerdings erst im September. Das war noch weit genug weg, um es zu verdrängen. Wenigstens ein wenig. Aber … die Tatsache, dass die Zahl seiner Hyungs um ihn herum nach und nach immer mehr zu schrumpfen schien, hatte etwas Beklemmendes. Etwas Beklemmendes, das sich nur schwer ausblenden ließ.
Darüber hinaus hatte er zum anderen jedoch endlich auch das verdammte Abstellgleis hinter sich gelassen. Zum Teil aus eigenen Antrieb, indem er Anfang diesen Monats irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes auf die Hinhaltetaktik der Company geschissen und einfach Live gegangen war. Ohne Go von oben. Und ja … selbstredend war das alles andere als gut angekommen. Bei niemandem. Nicht beim Staff, der ihnen am nächsten stand - aber natürlich noch weniger in den höheren Rängen. Was er natürlich nachvollziehen konnte. Wenigstens zum Teil. Wenn er einfach unangemeldet und unabgesegnet die Kamera seines Handys einschaltete und die Welt da draußen reinließ, ohne unter Supervision zu stehen, riskierte er, Dinge zu zeigen, die er nicht zeigen sollte. Oder auch Dinge zu sagen, die er nicht sagen sollte.
Auch bei seinen Hyungs war seine Trotzreaktion - denn zugegeben war es wenigstens zu Beginn nichts anderes gewesen - alles andere als gut angekommen. Was allerdings eher daran lag, dass er angetrunken gewesen war und trank … was zum einen riskant und zum anderen kein allzu gutes Vorbild für seine Zuschauer war. Und diese waren zahlreich … erfreulich zahlreich. Zugegeben hatte er nämlich in den vergangenen Wochen und Monaten mehr als nur einmal und gelegentlich befürchtet, nahezu niemand schaltete mehr ein, wenn er sich der Welt endlich wieder zeigte.
Doch die Welt schaltete ein … und das gab ihm etwas. Mehr als nur die Bestätigung, dass sie noch da war. Dass sie ihn nicht vergessen oder abgeschrieben hatte. Und ja ... auch das waren Gedanken und Zweifel, die er froh war, ablegen zu können. Diese Stunden, die er neuerdings wieder in so großer Zahl - nur mit den Fans - vor dem Handy verbrachte, gaben ihm darüber hinaus aber auch etwas anderes. In gewisser Weise waren sie ein Ersatz für all diese Stunden, die er zuvor mit Blondie am Telefon verbracht hatte - und die nun wegfielen.
Wobei es nicht grundlegend so war, dass er die Lücke, die Blondie hinterlassen hatte, einfach so mit seinen Fans schloss. Nicht gänzlich jedenfalls. Sicherlich steckte wenigstens ein Versuch hinter dem Drang, live zu gehen - ein Drang, der aktuell stärker denn je zu sein schien. Weil er sie sehen wollte … ohne sie zu sehen, verstand sich.
Aber der Anblick der Kommentare gab ihm etwas. Der Likes und Zuschauerzahlen, die stetig anzusteigen schienen - auch wenn er einfach nur da saß und schweigend in die Kamera starrte. In all die Seelen jener, die sich am anderen Ende des Bildschirms verbargen, der stets nur sein eigenes Gesicht zeigte …
Aber das war okay. Für ihn und die Band waren sie niemals etwas anderes gewesen. Ein großes Ganzes, das nur hin und wieder und vorübergehend zu einem oder mehreren erkennbaren Gesichtern zu werden schien. Etwa auf Konzerten oder anderen Events, bei denen das große Ganze namens Army eine greif- und sichtbare Form annahm.
Fragte er sich manchmal, wenn er da saß und schweigend auf die über den Bildschirm rasenden Kommentare blickte, ob Blondie eine von diesen gesichtslosen Seelen waren, die ihn beobachteten?
Ja, natürlich tat er das. Allerdings versuchte er, diese Gedanken so gut wie möglich auszublenden. Versuchte diese beiden Welten zu trennen und all diese Stunden, die er in ähnlicher Konstellation mit ihr am Ende dieses Bildschirms verbracht hatte, auszublenden. Denn das war er ihnen schuldig … sie sollten nicht einfach nur so etwas wie Lückenfüller sein.
Zudem half es, sich an seine Seite des Bildschirm zu klammern und diese andere Seite, die sich am anderen Ende von diesem verbarg, auszublenden. Immerhin wollte er sie nicht sehen … allem voran dieses eine Gesicht nicht. Weil es das alles nicht einfacher machen würde.
Wobei nein … er wollte sie sehen … und doch nicht. Weil er wusste, dass das zu viel ändern würde. Dass das wahrscheinlich selbst den letzten Zweifel vertreiben würde. Immerhin sprach weiterhin nahezu nichts gegen sie. Es gab keine Gerüchte, die auf sie zurückzuführen waren. Aber … dennoch war es wahrscheinlich besser so.
Vor allem, wenn er Nahms Worte in sich widerhallen ließ: “Wo sollte das alles hinführen?”
Sie hatten diese unbekümmerte und unbedeutende Phase längst hinter sich gelassen. Das, was vor ihnen lag, würde kompliziert werden. So unfassbar kompliziert. Unkompliziert und unbefriedigend. Außerdem war so viel passiert … so viel, das so viel zwischen ihnen zerstört hatte. So viel, das es wieder aufzubauen galt.
Im Grunde war Nahms Frage also berechtigt. Und die Antwort auf diese war alles andere als positiver Natur.
Hinzu kam, dass er ihr Unrecht getan hatte. Wenigstens zum Teil … schließlich hatte sie geredet. Hatte riskiert, dass sie aufflogen. Zum einen Teil aus Unwissen und zum anderen aus niederen Gründen. Weil sie dieses Wissen, das da draußen so heiß gehandelt wurde, für sich nutzen wollte. Das Wissen von Leuten, die sich sollte sich die Gelegenheit bieten, ebenso auf sie stürzen würden wie auf ihn.
Demnach hatte sie sich zwar als vertrauenswürdig, aber im gleichen Atemzug als leichtsinnig erwiesen. Und das machte es nicht einfach … das machte es alles andere als einfach, über seinen Schatten zu springen und ihr und sich einzugestehen, dass er sich von diesem Endzeitszenario hatte blenden lassen. Allerdings stand ihm dabei ebenso die Angst, am Ende doch noch eines Besseren belehrt zu werden, im Weg.
Dennoch konnte er dieser Sache nicht gänzlich den Rücken zukehren. Konnte sie nicht beenden und hinter sich lassen. Zu groß war das Gefühl der Euphorie, das ihre Nachrichten bei ihm auslösten. Diese kleinen Bilder, die ihm zeigten, dass sie nach wie vor an ihn dachte. Und diese Nachrichten, in denen er manchmal stundenlang zu versinken schien … diese Nachrichten, die ihm zeigten, dass sie nicht bereit war ihn aufzugeben. Das gab ihm etwas … etwas schier Unbeschreibliches.
Hinzu kam der zunehmende Drang, sein Leben mit ihr zu teilen. Über die Bildchen hinaus, die er ihr hin und wieder als Antwort auf die ihren schickte. Als Ausgleich für all die Nachrichten und Bilder, die er ihr nicht schicken konnte und wollte. Bilder von ihm, die zeigten, dass er endlich wieder den Arsch hoch bekam und sich wieder in Form brachte. Für dieses verdammte Modeshooting, das in wenigen Tagen auf ihn zukam.
Calvin Klein … bei Weitem würde es nicht sein erstes Shooting sein, aber das erste dieser Art. Eines, nach dem seine Fans schon lange verlangten. Zum Teil würde er sie enttäuschen müssen.
Ja, er würde sich ausziehen, wie man es von besagter Marke kannte … was ihn unfassbar nervös machte. Auf gute und auch schlechte Art und Weise. Denn wie Blondie es mal gesagt hatte, hatte er selbstredend hart für diesen Körper gearbeitet. Demnach war er durchaus stolz, ihn der Welt da draußen zu zeigen. Sei es auch nur bis zur Gürtellinie … und wenigstens teils verdeckt.
Darauf hatte er sich mit dem Kreativdirektor und seinem Ansprechpartner des Labels geeinigt. Er zeigte nur, was er zeigen wollte … und das war ein Teil seiner nackten Brust. Trotzdem ließ er sich dies noch einmal bestätigen, als er einige Tage vor besagtem Shooting noch einmal alles mit seinem Manager Kim Eojin durchging.
“Genau … keine Fotos komplett oben ohne und ohne Hosen. Das haben wir hier so festhalten lassen”, ließ dieser ihn wissen. Und ja … auf gewisse Weise beruhigte es ihn.
Natürlich hatte man versucht, ihn einzulullen. Auf gewitzte und wenig aggressive Art und Weise jedenfalls. Hatte versucht, ihm eines dieser spezielleren Shootings schmackhaft zu machen. Mit Hinweisen darauf, dass die Nachfrage nach diesem sicherlich da war - und lauter werden würde, sobald die ersten Bilder und Videos droppten. Hatte ihm zugesichert, dass er jedes einzelne Bild absegnen können würde. Und dass es zahlreiche Tricks gab, um die Beule zwischen seinen Beinen, die ein solches Shooting unweigerlich in den Mittelpunkt setzen würde, in seinem Sinne und Belieben zu … beeinflussen. So hatte man es ihm jedenfalls versuchsweise verkauft.
Es gab allerlei verschiedene Schummeleinlagen. Von solchen, die einfach nur eine undeutbare Wölbung kreierten, über minimal gewagtere Varianten, die die Fantasie der Konsumenten mit dezenten Umrissen anregen würde - ohne zu deutlich oder vielsagend zu sein. Bis hin zu solchen, die es waren. In Form einer naturgetreuen Variante, die nahezu absolut nichts mehr der Fantasie überließ.
Aber … das war nichts für ihn. Er wollte sich nicht ausstopfen. Weder auf die eine, noch auf die andere Art und Weise. Der Backlash, wenn das aufflog, würde schier gigantisch groß sein. Da stand er lieber zu dem, was er hatte … wenn er soweit war, verstand sich. Und das war er gerade nicht. Noch nicht … vielleicht war er es auch nie. Das würde die Zeit zeigen müssen. Glücklicherweise hatten sie ihm diese gegeben. Mit jeder Menge anderer Freiheiten.
“Wir machen ihnen erst einmal Lust auf etwas mehr”, hatte man ihn wissen lassen - und dabei auf ein weiteres Shooting im April angedeutet. Eines, bis zu dem er noch weiterhin an sich arbeiten konnte und würde. Er hatte im Januar von diesem in Kürze anstehenden Shooting erfahren. Und ja … er hatte es versucht. Allerdings war das trotz aller Willenskraft, die sich mit dieser Ankündigung eingestellt hatte, nicht genug gewesen. Nicht genug jedenfalls, um sich körperlich in die Form zu bringen, in der er sich komplett oben ohne dieser Welt zeigen wollte … geschweige denn noch nackter als das.
“Das ist okay”, schien Kim Eojin seine Gedanken zu lesen. “Du bist gefragt und kein 0815-Model. Sie nehmen, was sie bekommen. Und das ist das, was du ihnen gibst. Oder in anderen Worten: Zeigen willst.”
Jungkook räusperte sich unbehaglich. “Aber, sicherlich ist es das, was sie erwarten werden”, warf er leise ein, “wer lässt sich schon ausgerechnet für eine Marke wie Calvin Klein komplett angezogen ablichten?”
Sein Manager sah ihn an. Mit einem aufbauenden Lächeln auf den Lippen. “Du. Und das ist vollkommen in Ordnung.”
‘Natürlich war es das’, schoss es ihm bitter durch den Kopf. Aber er beließ es dabei - weil es nichts brachte, das Thema weiter-
Das Klingeln eines Handys brachte ihn einen Moment aus der Fassung. Es war nicht seins. Demnach deutete ihm sein Manager an kurz zu warten, um einen Blick auf das Display zu werfen, das nur wenige Augenblicke zuvor außerhalb ihres Sichtfeldes auf dem Schreibtisch, vor dem sie gerade saßen, zu leuchten begonnen hatte. Kim stockte kurz und schien in Gedanken zu versinken, bevor er ihn ansah: “Das ist sie.”
Einen Moment irritierte Jungkook diese Aussage. ‘Wer war sie?’, schoss es ihm durch den Kopf … bis es ihm dämmerte.
Also nickte er … benommen. Sah seinem Manager mit merkwürdig rasendem Herzen dabei zu, wie dieser das Gespräch annahm - bevor das Telefon verstummen konnte.
Es folgte ein Wortwechsel, von dem das Idol nur die Hälfte verstand. Er wirkte distanziert und … einseitig. In erster Linie schien sie zu sprechen … sein Manager schwieg. Nickte nur hin und wieder und warf leise Sätze und Worte wie “verstehe”, “da kann ich Ihnen nicht helfen”, “Bitte”, “Das tut mir leid” und “Miss Pries, wir kommen hier nicht weiter.”
Und ja … Jungkook wusste nicht, was es war. Was ihn antrieb. Vielleicht war es Kim Eojins teils resignierter und verzweifelter Gesichtsausdruck. Vielleicht waren es aber diese kleinen, leisen Fetzen und Laute, die vom anderen Ende der Leitung zu ihm durchzudringen schienen. Es war nicht viel … dennoch hörte er genug, um zu realisieren, wie verzweifelt sie zu sein schien. Und das war genug, um ihm bewusst zu machen, dass er ihre Stimme mehr als nur eine Weile nicht mehr gehört hatte. Also ließ er seinen Instinkt übernehmen. Diesen Impuls, der kurz durch seine Glieder fuhr und ihn seine Hand ausstrecken ließ.
Einen Augenblick lang blickte sein Manager irritiert auf. Dann kam er seiner stummen Bitte jedoch nach - und reichte ihm das Handy.
Die nächsten Minuten waren der reinste Rausch. Wie in Trance nahm er das Telefon an sich und hielt es sich ans Ohr. Ließ sich von dieser schier unüberschaubar großen Welle an Emotionen überrollen, als er ihre Stimme hörte … zum ersten Mal, nach so langer Zeit.
Sie schluchzte … das war das Erste, das ihm bewusst wurde, als er sich wieder etwas gesammelt hatte. Sie schluchzte und … lallte. Merklich … extrem.
“Bist du betrunken?”, fuhr er ihr irgendwann sanft in den undeutlichen und nur schwer verständlichen Redeschwall hinein, dem sie ihm durch die Leitung entgegen spie. Aufgebracht und mehr als nur offensichtlich mit verräterisch schwerer Zunge.
Und ja … offenbar hatte der Klang seiner Stimme eine ähnliche Wirkung auf sie, wie die ihre auf ihn hatte.
Sie stockte. Sog hörbar schneidend die Luft ein. “Loverbo-” begann sie und wüsste er es nicht besser, wäre er jetzt sicherlich erbost. Aber ja … ihm war sein Spitzname nicht neu. Also atmete er einfach nur schneidend ein, während sie sich selbst verbesserte … oder auch daran erinnerte, wie er hieß …
Nunja … sie versuchte es. Wenigstens auf die Aussprache bezogen. Sie stolperte mehrfach über seinen Namen, bis irgendwann eine ziemlich wirre Version davon die war, bei der sie zu verbleiben zu entscheiden schien. “Johncook” also … und obwohl er es heute nicht amüsant und lustig fand, beließ er es dabei. “Ich habe dich vermisst”, ließ sie ihn wissen … bevor sie haltlos zu weinen begann.
Einen Moment … und dann einen weiteren. Momente, in denen er ihr einfach nur sprachlos und untätig lauschte. Und ja … das tat weh. Er mochte es nicht, sie weinen zu hören. Das mochte er noch nie … und er mochte es auch jetzt nicht. “Okay. Alles gut. Ganz ruhig”, versuchte er halbwegs verständlich über seine verräterisch bebenden Lippen zu bringen … er hasste es nicht nur, wenn sie weinte.
Er hasste es übergreifend, wenn andere Menschen vor ihm weinten … aber hier schien es extremer zu sein. Es traf ihn irgendwo tief drinnen. An einer Stelle, die ihm bisher gänzlich unbekannt war.
“... nicht einfach”, konnte er ihren Worten, die irgendwo in einem Lallen und Schluchzen untergingen, entnehmen. “Ich kann nicht zahlen”, war das nächste … und ja. Das warf ihn ein wenig zurück. Es ging also ums Geld … das hätte er sich denken können … jedenfalls schoss ihm das durch den Kopf, bis sie wieder zu schluchzen begann und ihn erneut wissen ließ: “Ich vermisse dich. Du fehlst mir.”
Das saß … traf wieder diese bisher unbekannte, wunde Stelle in ihm. Was ihn unbehaglich auf seinem Stuhl zurückweichen ließ. Kurz traf sein Blick den seines Managers. Etwas merkwürdig Wissendes lag in dessen Blick - bevor er schweigend aufstand und sich scheinbar daran machte, sein Büro zu verlassen. Dadurch blieb Jungkook zurück … allein. Mit Blondie, die nach wie vor in die Leitung schluchzte und ihm immer und immer wieder wissen ließ, wie sehr sie ihn vermisste … und wie leid es ihr tat.
“Okay, du kannst nicht zahlen”, versuchte er, das Thema wieder in etwas weniger emotionale Gefilde zu lenken.
Was sie kurz stocken und geräuschvoll ihre Nase hochziehen ließ. "Haben wir noch … Chance?”, lallte sie schließlich.
Und ja … auch das traf ihn. Machte ihn jedoch ebenso dezent wütend. “Was heißt, du kannst nicht zahlen?”, wiederholte er sich … nicht weil er so ein emotionsloser Bastard war, eher weil er wusste, was es bedeutete, wenn sie nicht zahlte. Sie würden sie in der Luft zerreißen.
“Ja … ich mache das schon”, ließ sie ihn wissen, dicht gefolgt von einem trotzigen “ist eh alles egal” - wie ihm die App übersetzte, die er irgendwann zwischen ihrer letzten Heulattacke und ihrem Schniefen gestartet hatte - nachdem er sein Handy aus seinem Hoodie gezogen hatte.
“Du musst zahlen. Nicht zu zahlen ist keine Option”, ließ er sie mithilfe der App wissen. Leise … flüsternd. Er hatte sich auf dem Stuhl, auf dem er saß, etwas zusammengekauert.
Sie seufzte … schniefte ein paar Mal und sagte dann: “Ich kann nicht. Ich hab … hab nichts mehr. Außer … Eizellen und Nieren.” Lallend und trotzig.
Jungkook runzelte irritiert die Stirn, während er ihren letzten Satz sicherheitshalber zwei weitere Male mit der App übersetzte. Um sicherzugehen, dass es sich hierbei nicht um einen Übersetzungsfehler handelte. Aber tat es anscheinend nicht. Sie hatte tatsächlich von so etwas wie Organ- und Eizellenhandel gesprochen. “So viel ist das doch sicher nicht”, gab er leise zurück …
… was sie heiser zum Lachen brachte. So sehr, dass sie zu würgen begann und er kurz dachte, sie würde sich jeden Augenblick mit dem Handy in der Hand und somit mit ihm als unfreiwilligen Zuhörer übergeben. “So viel ist das doch sicher nicht”, schien sie ihn, oder eher den Satz, den die App rausgeworfen hatte, spöttisch lallend zu wiederholen. “Ich schulde jedem Geld. Jedem! 80.000 Dollar hier … 40.000 Dollar da. Und … 40.000 Dollar … offen. Und dann … Marsh. Marsh … die Hände offen hält. Hier 6.000 Dollar … eine Beratung und … 4.000 Dollar … Konsultation … 6.000 Dollar … Halsabschneider! Nochmal … Dollar für was weiß … hoch … Zeitverschiebung … Nachtarbeit”, begann sie wieder zu speien - so schnell und undeutlich, dass selbst die App teilweise nicht mehr mitkam.
Dadurch musste er manche Lücken selbst füllen … was eher schlecht als recht funktionierte. “Langsam. Ich verstehe nicht”, presste er also angespannt dazwischen, als sie kurz Luft zu holen schien.
“So viel ist das doch nicht”, imitierte sie ihn erneut und fügte gehässig lachend hinzu: “Du hast gut Reden. Mister Balenciaga und … was kostet die Welt.” Glücklicherweise sprach sie nun langsamer. Bedachter … so dass wenigstens die App etwas besser mitzukommen schien als er es tat: “Heute Bambi und … ein unnahbares Monster … auf der Bühne. Ein Monster, mit schönen Augen … zugegeben”, sie stockte und seufzte, bevor sie fortfuhr: “ein Monster mit schönen Augen und … schöner Arsch … was für ein Arsch! Ein teurer Arsch! Busan … fast 4.000 Dollar für Busan. Und … 12.000 Dollar … in den Miesen. Wegen Seoul, LA und Vegas.”
“Langsam”, ermahnte er sie, als ihre Worte wieder hektischer und undeutlicher wurden.
Blondie holte tief Luft. Einmal … zweimal. Dreimal. “Langsam”, imitierte sie ihn schließlich … was nun Jungkook dazu brachte, einmal tief ein- und wieder auszuatmen. Doch bevor er etwas erwidern konnte, setzte sie erneut an: “Ich habe es versucht. Wirklich … und … was hab ich bekommen? Du hast mich über die grüne Meile geschickt … und … und … du hast mich hinrichten lassen!”
Sie stockte und schluckte … und Jungkook tat es ihr gleich. Dank seinem Bruder kannte er den besagten Film mit Tom Hanks … und dank Joon das Buch, auf dem dieser zu basieren schien. Demnach verstand er ganz ohne App, was sie gerade implizierte. Allerdings kam sie ihm erneut zuvor, bevor er irgendetwas einwerfen konnte. Beispielsweise, dass das auch für ihn kein leichter Gang gewesen war. Dass er nicht das Monster war, das sie sich einredete in ihm zu sehen.
Auf der Bühne und wie und wo sonst noch …
“Und ach ja: … unnötige Mitgliedschaft im Fitnessstudio … ganzen Haufen überteuerter Unterwäsche! Das … bekommen! Und ich durfte … nicht … Nippel lutschen … Hintern massieren”, lallte sie sich wieder in Rage … was bedeutete, dass sich ihr Redeschwall wieder beschleunigte.
“Okay … langsam”, warf er ein. Zugegeben, etwas überrumpelt … und das nicht nur, weil es wieder schwerer geworden war, ihren wirren Worten zu folgen. Auch, weil das hier eine unerwartete Wendung nahm. Eine unangenehm unerwartete Wendung.
Einen Moment starrte er also mit wahrscheinlich lächerlich großen Augen auf die App auf seinem Handy - oder eher darauf, was diese ihm gerade als Übersetzung für diesen wirren Wortschwall entgegen warf, den Blondie ihr geliefert hatte. Sein Handy hielt er in der linken Hand, Kims in der anderen Hand … mit eingeschaltetem Lautsprecher, damit ihre verbalen Ausgüsse auch auf seinem Handy und demnach der App ankamen.
Demnach nahm er sich erneut einen Augenblick - dieses Mal, um sich unbehaglich umzusehen. Glücklicherweise war er nach wie vor allein.
Dennoch gefiel es ihm nicht, dass sie gerade derart brisante Dinge in die Welt hinausposaunte. Schließlich konnten auch diese Wände hier Ohren haben. Zumal das Handy, über das sie besagte brisante Dinge losließ, nach wie vor nicht das seine war.
“Okay”, setzte er also an, nachdem er sich ein wenig gesammelt hatte. Und ja … es überraschte ihn, dass sie tatsächlich schwieg. Verdächtig. “Noch da?”, hakte er also Ungutes ahnend nach. Etwa, dass sie mit dem Telefon in der Hand das Bewusstsein verloren hatte und gerade an ihrem Erbrochenen erstickte.
Immerhin war das ganz sicher nicht das, was er gerade wollte. Auch wenn er gerade nicht wirklich definieren konnte, was es war, was er wollte - das war es nicht. Ebenso wenig wie dass sie ihre Organe und was noch alles verkaufen musste, um diese elende Rechnung zu bezahlen, an der er nicht ganz unschuldig war.
Ja … jeder verdammte Won war berechtigt. Da gab es nichts schönzureden. Immerhin war es die Rechnung dafür, dass sie ihrer besten Freundin wahrscheinlich brühwarm erzählt hatte, wie besagter Arsch aussah, den sie nicht massieren durfte … und was wusste er noch alles.
Dabei war er human gewesen. Dass sie ihrem besten Freund erzählte, dass er keinen hoch bekam und dass sie ihren Bruder mit der Info, dass er sie flachlegte, versorgte und diesen dann auch noch ans Telefon gehen ließ - das hatte er für sich behalten. Trotz allem Ärger und all der Wut, die ihn eingenommen hatten. Vor allem zu Beginn dieser Scheiße …
“Ja”, gab sie heiser zurück … und sprang mit einem schier vernichtend weinerlichen “ich vermisse dich. Ich vermisse dich so sehr”, wieder auf den emotionalen Zug auf, der anscheinend irgendwo während ihres aufbrausenden Monologs an ihnen vorbeigerauscht war.
Nun war das Emotionale also zurück … doch das änderte gerade nichts. Allem voran ihren Zustand nicht, der alles andere als passend für Gespräche wie dieses war. “Okay”, sägte er also ab, was immer ihr noch so auf den Alkohol benetzten Lippen liegen mochte, als sie zu einem “ich lieb-” ansetzte, welches er atemlos im Keim erstickte. “Hör mir zu. Wir kriegen das hin. Okay?”, sagte er … teils mit eigenen Worten und teils mit denen der App.
“Wir?”, japste sie erstickt und fing wieder an zu heulen.
“Nicht. Beruhige dich”, versuchte er sie runterzuholen. Was ihm nur bedingt gelang. Denn sie sprang wieder auf die ‘Ich liebe dich’-Schiene auf, auf der er sie gerade nicht haben wollte. Das Timing war schlichtweg beschissen. “Okay. Ich regel das. Stell bitte den Alkohol weg und leg dich ins Bett. Wir sprechen morgen noch einmal miteinander”, ließ er sie mithilfe der App wissen.
Sie schniefte. Schluckte … er hoffte nur Spucke und nicht noch ein wenig mehr von diesem Gebräu, das ihr die Fassung und den Verstand aus der Birne gehämmert hatte. “Versprochen?”, nuschelte sie.
“Ja”, gab er zurück. Atmete tief durch und machte sich auf den nächsten Ausbruch von was auch immer gefasst, als sich die Tür hinter ihm öffnete und sein Manager mit sichtlich alarmierter Miene durch diese trat.
Mit der Hand an der Kehle machte er diese international bekannte Geste, die ihm sagte, dass er das Gespräch beenden musste. Also tat er genau das. Augenblicklich … Blondie abschneidend. Allerdings wusste er, dass Kim nicht spielte. Und das wusste er, bevor sich die Tür wenig später erneut öffnete und Nahm und Konsorten durch diese im Büro erschienen.
***
Hallo ihr Lieben, da sind wir wieder. Pünktlich zum Monatsende. Bevor ich in die Pause gehe, lesen wir uns Freitag noch einmal bei NaD. Hier aber dann erst am 2. Juli wieder.
Habt einen wundervollen Tag heute. Das Wetter ist bei uns gerade eher so meh, aber ich hoffe, das wird sich schnell wieder legen. Hab heute immerhin eine neue Sonnenbrille in Auftrag gegeben. XD