Hope (nach Chapter 78 von NaD)
Hope (nach Chapter 78 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 78 von Night and Day gelesen werden
57. Hope
“Annyeong, ich sollte mich melden … wenn wir diese Sache … geklärt haben”, stammelte er zugegeben etwas kleinlaut in den Hörer …
… und er konnte seinen älteren Bruder regelrecht durch die Leitung hindurch grinsen hören, bevor dieser schließlich mit leicht süffisanten Unterton zurückgab: “Solltest du. Ich hatte nicht mit knapp zwei Tagen gerechnet, aber-” Ein kurzes Stocken, untermalt von einem unterdrückten Lachen, “ich bin bereit. Wann soll ich vorbeikommen, um sie in den Flieger zurückzusetzen? Morgen? Nächste Woche? Oder soll ich schon einmal das Aufgebot-”
“Hyung”, ermahnte der jüngere der beiden Männer den älteren. Das hier war nicht lustig. Oder auch: Ihm war gerade nicht wirklich zum Lachen zumute.
Allem voran, weil er unnötig angespannt war. Die hinter ihnen liegende Nacht war … zehrend gewesen. Um es mal in verblümte Worte zu fassen. Zehrend und herausfordernd. Plötzlich wieder in ihrer Nähe zu sein war nicht einfach. Noch weniger einfach war es jedoch, seine verdammten Finger und Lippen bei sich zu behalten. Vor allem nicht, wenn es ihr offenbar ähnlich ging.
Deshalb hatten sie die ganze Nacht durchgeknutscht und durchgefummelt. Jedoch ohne auch nur ansatzweise ein erlösendes Ende zu finden. Was zugleich berauschend erregend und doch so unendlich unbefriedigend war, dass er gerade streckenweise das Gefühl hatte, ihm platzen nicht nur jeden Moment die Hoden, sondern zugleich auch der verdammte Kopf. Was eine Sauerei der ganz anderen Art werden würde.
Blut und Sperma überall. Er konnte es regelrecht sehen … wahrscheinlich weil beides ihm gerade bis zur Oberkante-Unterlippe stand.
“Okay … ich halte mich zurück. Jedenfalls fürs Erste. Also, wann geht es los?”, hörte er seinen Bruder unterdrückt schmunzeln. Dabei hatte dieser nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie schlimm das Elend gerade wirklich war.
Aber das war gut so. Gut und erleichternd. “Ihr Flieger geht morgen früh, um … warte, ich hake nochmal kurz nach”, ließ er kleinlaut verlauten und machte sich langsam auf den Weg in Richtung seines Badezimmers - in dem Blondie sich gerade … entkleidete, stellte er fest, als er um den Türrahmen herumlugte.
Glücklicherweise hielt sein Bruder sich wie versprochen zurück, als er hatte verlauten lassen, dass dieses Elend hier nicht nur zwei, sondern im Grunde genommen sogar drei Tage anhalten würde. Soviel also zum Kinderspiel, das er sich eingeredet hatte … und das, obwohl er sich selbst eigentlich gut kannte, was Sachen wie diese anging. Um nicht Herzensangelegenheiten zu sagen.
Er war bekanntlich nicht gut in so etwas. Und mit so etwas meinte er, sich zu tief in seine Emotionen zu verrennen. Zum Teil war dieser naive Junge, der sich eine Romanze wie die, die Rose und Jack im Film 'Titanic' erlebt hatten, also noch da. Irgendwo tief in ihm und hinter dieser Mauer, die er nach den Reinfällen der letzten Jahre und Beziehungen um sich herum errichtet hatte. Vor allem Bora sei dank … bei ihr hatte er das letzte Mal wirklich gebrannt. Lichterloh …
Damals hatte er sich selbst versprochen, von nun an bedachter und besonnener zu sein. Weniger naiv und gutgläubig. Versprechen, die er offensichtlich nach wie vor nicht in der Lage war zu halten …
… aber, die Dinge schienen anders zu stehen. Anders, als man es ihm eingeredet hatte. Anders, als er es sich selbst eingeredet hatte, weil dieser skeptische Part, den er seit geraumer Zeit in sich trug und der immer stärker zu werden schien, es hatte glauben wollen. Aber die Ereignisse der vergangenen Tage hatten diesen Part verstummen lassen. Hatten ihn in den Hintergrund seines Kopfes befördert.
Sodass in diesem nun wieder Raum für andere Gedanken war. Für hoffnungsvollere … und ja, natürlich war ihre unerwartete Anwesenheit nicht ganz unschuldig daran.
Die wieder aufkeimende Hoffnung hatte diesen anderen Teil in sich wieder lauter werden lassen. Diesen naiven und gutgläubigen Teil. Demnach wollte er ihr glauben. Ihr und all dem, was sie ihm mit und auch ohne Worte versprach. Natürlich handelte es sich dabei nicht um die Art Romanze, die Rose und Jack erlebt hatten. Was grundlegend gut so war. Immerhin war diese in einer Tragödie geendet.
Und eine Tragödie war das Letzte, was er anstrebte. Selbst dann nicht, wenn sie vorher etwas ganz Großes darstellte. Etwas so ungemein Vielversprechendes, dass man niemals darüber hinweg kam und ihr noch mehr als 80 Jahre und ein ganzes Leben voller Liebe und Leben später nachtrauerte. Er wollte etwas Greifbares … Solides … etwas, das ihn zwar brennen, aber nicht verbrennen ließ. Und irgendetwas in ihm versuchte ihm einzureden, dass er das haben könnte. Vielleicht … aber das schien zu genügen.
Wenigstens hier und jetzt, während er im Türrahmen stand und sie ansah. Einen unbemerkten Moment lang, während sie sich aus seinen Sachen pellte. Schwerfällig und ungelenk. Geschunden … so wie dieses Elend auch ihn geschunden hatte. Irgendetwas war in ihm zerrissen, als er diese Fotos zu Gesicht bekommen und sie über diese ominöse grüne Meile geschickt hatte, wie sie es am Telefon hatte verlauten lassen.
Eine Meile, über die sie beide gegangen waren. Leider war ihm das zu spät bewusst geworden. Und es wurde ihm erst jetzt wirklich bewusst, dass sie beide blutend und verletzt aus dieser Sache herausgegangen waren. Es hatte keine Gewinner gegeben. Nur Verlierer …
Wenigstens folgte dem Elend so etwas wie ein kleiner Teilsieg. Nur zum Teil, weil er sich eigentlich vorgenommen hatte, stark zu bleiben. Dicke Eier hin oder her … aber, sein Schutzwall und seine Standhaftigkeit hatten sich wie so oft in Staub und heiße Luft verwandelt, kaum hatte er sie nackt unter seiner Dusche stehen sehen. Mit verführerisch verhangenem Blick … demnach hatte er gewonnen und verloren.
Vor allem seinen Stolz … zum einen, weil er trotz allem nachgegeben und seine eigenen Prinzipien über Bord geworfen hatte. Nicht, dass sie eh schon in den sprichwörtlichen Seilen hingen, als er ihr nur wenige Stunden zuvor an den Nippeln gelutscht hatte. Durch das scheiß Shirt hindurch, das wohlgemerkt seines war. Statt des Geschmacks ihrer Haut lag ihm folglich also der seines Weichspülers im Mund. Und ja … er mochte ihn. Allerdings nicht so.
Was er ebenfalls nicht mochte, war sich ihr so zu präsentieren. So … undefiniert und außer Form. Sei es auch nur für seine Verhältnisse. Sie mochte seinen Körper. Das hatte sie ihn in der Vergangenheit mehr als einmal wissen lassen. Mal subtil und mal weniger subtil. Mal mit Worten, mal mit Blicken und mal mit Gesten. Wenigstens machte sie nicht den Eindruck, als gefiel ihr nicht, was sie sah. Dennoch wirkte sie nicht so … begeistert wie sie es sonst tat. Wich gar etwas vor ihm zurück.
Was natürlich auch aufgrund der Überforderung und dem Jetlag der Fall gewesen sein konnte, die sich definitiv zwischen ihnen in der eigentlich so geräumigen und plötzlich viel zu engen Nasszelle breit gemacht hatte. Allerdings funktionierte sich genau das einzureden nur halbwegs gut. Und dass sie ihm für den Großteil ihres feuchtföhlichen Abenteuers den schönen Hintern und Rücken zudrehte, war nur ein sehr schwacher Trost.
Ebenfalls, dass was immer sie in ihm sah, sie nach wie vor einzuschüchtern vermochte. Weil sie durch all diese Macken und Fehler hindurchsah und dennoch diesen übergroßen Teil von sich zu sehen schien. Immer … unter allen möglichen Umständen und demnach auch wenn er nackt und durchnässt vor ihr unter der Dusche stand. Nackt, durchnässt und … verletzlich. So verletzlich, wie er sich in den vergangenen Wochen und Monaten gefühlt hatte. Diese Situation hätte es also nicht besser beschreiben können.
Glücklicherweise gewann er durch diese kleine Offenbarung unter der Dusche allerdings wieder etwas Fassung und Blut zurück, das ihm vom Schoß wieder hinauf in den viel zu benebelten Kopf schoss. Was das alles nicht besser machte … höchstens etwas erträglicher. Und klarer. Denn das was folgte, machte ihm nicht nur erneut deutlich, dass er nicht stark bleiben konnte - er war mehr als offensichtlich auch nicht wirklich gewillt es zu tun. Demnach entschloss er sich irgendwann, zwischen all den verstohlenen Blicken, Berührungen und Küssen, schließlich dazu, dass er den Kampf gegen sich selbst beenden würde.
“Es gibt ein Problem”, ließ Junghyun ihn wissen, als er am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit bei ihm im Apartment auflief, um diesen kleinen blonden Quälgeist, der ihn neuerdings wieder auf allen möglichen Ebenen um den Schlaf brachte, aufzusammeln.
Der Abschied war schwermütig genug gewesen. Die Unsicherheit und Rastlosigkeit, die sich in der letzten gemeinsamen Nacht zwischen ihnen breit gemacht hatte, war schier zum Erdrücken groß. Demnach fehlten ihm Probleme gerade noch. “Was für Probleme?”
“Der Flughafen ist mit Fans überlaufen. Ich habe es gerade aus Zufall gesehen, als ich auf dem Weg hierher war.”
“Großartig”, zischte er und ging mit ein paar großen und hektischen Schritten rüber zur Essecke, auf dessen Tisch sein Handy lag.
Bereits ein kurzer Blick ließ ihn - ein paar gewitzter Schlagworte sei Dank - wissen, was sie oder auch Blondie gleich am Flughafen erwartete. Nicht nur einige Member der Girlgroup Aespa kamen heute von einem inoffiziellen Schedule in den Staaten zurück, sondern auch einige der Mädchen von IVE von einem Termin in Japan zurück. Etwa eine halbe bis anderthalb Stunden, nachdem Hannahs Flug zurück in die Staaten gehen würde. So oder so würde sie sich also durch einen Tumult an wartenden Fans kämpfen müssen.
“Was machen wir? Ändern wir den Plan?”, wollte Junghyun neben ihm wissen. Sein Blick war über die Schulter des Jüngeren ebenfalls auf dessen Handy gerichtet.
Jungkook schüttelte den Kopf. “Sie muss morgen arbeiten. Das ist also keine Option. Nein … wir ziehen das durch. Allerdings müsst ihr gleich sofort los. Geh nicht mit rein. Setz sie einfach draußen ab und sei vorsichtig. Man darf euch nicht zusammen sehen.”
Es war leider alles andere als ausgeschlossen, dass sich Sasaengs oder Fans dort versammelt hatten, die seinen Bruder erkennen würden. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, wäre es dennoch ein zu großes Risiko, seinen Bruder mit seiner … Flamme durch den Flughafen zu schicken. Dazu waren einfach zu viele Kameras vor Ort.
Junghyun nickte. “Okay. Ich sag ihr dann vor Ort Bescheid - und wie sie sich verhalten soll. Oder willst du das machen?”
“Nein. Mach du das”, gab der jüngere der beiden Männer zurück, “ich will nicht, dass sie sich die ganze Fahrt über verrückt macht.”
“Okay. Stellst du uns noch kurz vor?”, wollte sein Bruder wissen.
Jungkook nickte und machte sich auf den Weg um Blondie und ihr Mini-Gepäck aus seinem Schlafzimmer zu holen, in dem diese sich gerade noch frisch machte und umzog. Ihnen lief die Zeit davon. Sie musste dort ankommen, bevor der Tumult zu unübersichtlich wurde. Sonst wurde sie im schlechtesten Fall nicht nur von den falschen Leuten gesehen, sondern verpasste gegebenenfalls sogar noch ihren Flug.
Also machte er sich daran, diesen Abschied hier so kurz und schmerzlos wie möglich zu gestalten. Stets darauf bedacht, die Hoffnung auf ein weiteres Treffen in der Zukunft möglichst hoch zu halten. Für sie, aber auch für ihn.
Dennoch würde er mit ihnen reden müssen. Denn wenn er sie schon mit sich ins Wasser reißen musste, dann wenigstens nicht ins kalte …