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Home (nach Chapter 90 von NaD)

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Home (nach Chapter 90 von NaD)

Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 90 von Night and Day gelesen werden.

71. Home

- Ende Mai 2023 -

Sein Apartment fühlte sich leer an. Beinahe ungewohnt leer - und das obwohl er eigentlich meistens allein war. Seine Haushaltshilfe schneite hier nur ab und an rein. Meistens dreimal die Woche für ein paar Stunden, um aufzuräumen, seine Einkäufe einzusortieren oder für ihn zu kochen. Für seine aktuellen Wohnverhältnisse genügte das. Sobald sein bedeutend größeres Haus fertig und bezugsfähig war, würde sich das sicherlich ändern.

Hier und jetzt war er jedoch überwiegend allein. Und das fühlte sich, nachdem er rund eine Woche lang im wahrsten Sinne des Wortes nahezu jede Sekunde des Tages Haut an Haut mit Blondie gelebt und gewütet hatte, ungewohnt und merkwürdig an. Um nicht beklemmend zu sagen.

Dabei zog sich das Gefühl der Beklemmung schier durch den ganzen Tag. Es suchte ihn bereits beim Erwachen heim. Allein in seinem viel zu großen und viel zu kalten Bett. Und es zog sich über die ersten müden Schritte in den Tag hinein, auf denen ihm in der Hütte meistens wenigstens ihre Augen, oft jedoch sogar ihre übereifrigen und neugierigen Hände, gefolgt waren. Um seine allseits bekannten schmalen Hüften hinweg.

Es verfolgte ihn beim Frühstücken, beim Duschen und beim Filme schauen. Einzig wenn er das Apartment verließ und in seinen von Tag zu Tag hektischer und voller werdenden Schedule eintauchte, ließ es nach. In diesem fand sich nämlich kein Raum für sie. Noch nicht jedenfalls. Das mochte sich ändern, wenn sie in einigen Wochen in seine Welt eingeführt wurde. Inwieweit würde sich zeigen.

Jungkook befürchtete, sie erwartete zu viel. Allerdings hatte er ihr diesen kleinen aufkeimenden Hoffnungsschimmer nicht nehmen wollen.

Ja, das Schauspiel würde manches einfacher machen … einfacher bedeutete allerdings nicht immer besser. Jedenfalls nicht aus allen Blickwinkeln. Das hatte er bereits recht früh lernen müssen. Nun war sie an der Reihe und ein Teil von ihm wusste, dass er ihr dies nicht vorwegnehmen konnte. Sie musste es sehen. Mit eigenen Augen, um wirklich begreifen zu können, was sie erwartete. Was sie erwartete und was es bedeutete, in den kritischen Augen der Öffentlichkeit an seiner Seite zu sein. Sei es auch ‘nur’ als gute Freundin.

In der Badewanne liegend ließ er seine Gedanken gleiten, so wie auch seine Hände durch das mit Schaum bedeckte Wasser. Langsam und gemächlich. Eigentlich war das nicht so seins … baden. Er war eher der Typ Dusche. Bevorzugte die schnelle Erfrischung. Aber das hier erinnerte ihn an sie. Und gerade wollte er in die Erinnerungen eintauchen.

Wenigstens einen ruhigen Moment lang, den ihm dieser Abend bot.

Einen Moment, in dem er sich … zuhause fühlen konnte.

Ja … das war es. Etwas fehlte. Und das obwohl er im wahrsten Sinne des Ortes an dem Ort war, den er gerade am ehesten sein Zuhause nannte. Vom Haus seiner Eltern oder der Wohnung seines Bruders mal abgesehen. Aber das war anders. Bei ihnen ging es nicht um die Orte, es ging um die Menschen, die diese bewohnten. Menschen, die bei ihm allein durch ihre Anwesenheit überall auf dieser Welt das Gefühl bei ihm auslösten, zuhause zu sein.

Dieses Gefühl hatte er bisher nur bei seiner Familie gespürt. Nicht einmal die anderen Member hatten es gänzlich auslösen können. Teil- und streckenweise, aber nie voll und ganz. Aber … Blondie konnte es. Blondie war ein neuer Teil von zuhause geworden. Ein Teil, der nun fehlte … der für seinen Geschmack und die wachsende Leere in ihm viel zu weit weg war. Am anderen Ende der Welt und das nicht nur gefühlt. Tatsächlich.

Jungkook seufzte und ließ sich gänzlich ins Wasser gleiten. Mit angewinkelten Beinen, bis sein Kopf komplett unter Wasser war und dieses alles davonspülte. Sowohl die gedämpft durch sein Sicherheitsglas durchdringenden Geräusche der Stadt, die Musik, die er aufgelegt hatte und die Gedanken.

Einen Moment war da einfach nur Stille. Willkommene Stille.

Er war ausgezerrt. Ausgemergelt und erschöpft und das sowohl mental als auch körperlich. Sein Tag war lang gewesen. Lang und hektisch und die Gewissheit, dass es in den kommenden Wochen nicht gemächlicher werden würde, machte es nicht besser. Vor ihm lagen nämlich nicht nur sein Solodebüt und der Start seines Militärdienstes, sondern auch das nächste Festa. All das bereitete ihm Sorgen. Als hätte er nicht schon genug von solchen …

So als hätte es seine aufsteigenden Sorgen gespürt, rief kaum dass er aus der Badewanne gestiegen und sich in einen Bademantel geworfen hatte, den er aus irgendeinem der unzähligen Hotels - in denen er bekanntlich abstieg - mitgehen lassen hatte, ein Teil seines Zuhauses an: Sein Bruder.

“Na, du lebst noch? Manchmal glaube ich, es ist schwerer dich zu erreichen als den Präsidenten”, scherzte Junghyun halbherzig, als Jungkook den Anruf annahm. Nicht den ersten, in den vergangenen drei Tagen, seitdem er wieder im Lande war. Allerdings hatte ihm bisher stets die Zeit und die Muße dafür gefehlt, auf den grünen anstatt den roten Hörer zu drücken - oder das Klingeln gänzlich zu ignorieren. Sofern er den Anruf zeitnah und nicht erst Stunden später registrierte.

“Du hast seine Nummer und sprichst aus Erfahrung?”, schoss der jüngere der beiden Brüder schmunzelnd zurück, während er nur in den Bademantel gewickelt und barfuß durch seinen Wohnraum rüber zum Sofa tapste.

Junghyun lachte und murmelte nach wie vor scherzend: “Ja, überrascht dich das?”

“Kein Bisschen, du bist ein gefragter Mann.”

“Nicht so gefragt wie du.”

Eine Aussage, die Jungkook einfach mal unquittiert im Raum stehen ließ. “Ich wollte zurückrufen. Zigmal.”

“Ich weiß, das hattest du mir bereits geschrieben. War auch eigentlich gar kein Vorwurf. Du kennst mich und ich kenne dich”, kam es leise und fast schon behutsam zurück. Dicht gefolgt von einem: “Wie geht es dir? Bist du wieder gut angekommen?”

“Noch nicht ganz. Der Jetlag hat zwar wieder weitestgehend nachgelassen, aber … ich vermisse sie.” Dieses Mal ließ Junghyun seine Aussage unquittiert stehen. Nahezu jedenfalls. Er gab einen Laut von sich, der vermutlich Zustimmung ausdrücken sollte. Viel mehr hatte Jungkook aber ganz ehrlich auch nicht erwartet. Was sollte sein älterer Bruder dazu immerhin auch sagen? Richtig, nicht viel.

Immerhin gab es da gerade nichts, was ihm bei dieser seiner zahlreichen Miseren helfen würde. Da musste er durch … so oder so und wie so oft allein. Wenn man Blondie als einzige Mitfahrerin in diesem sehr speziellen und exklusiven Boot mal außen vor ließ.

“Sie hat das Angebot der Company angenommen. Wenigstens unter Vorbehalt. Sie wird es von ihrer Anwältin prüfen lassen. Allerdings denke ich, sie ist dabei”, warf er also leise ein.

Sprach aus, was sie beide gewusst hatten. Sie war dabei. daran hatte er keinen Zweifel, auch wenn sie ihm versichert hatte, in Ruhe darüber nachzudenken und nichts zu überstürzen. Nicht Herz über Kopf zu handeln. Allerdings kannte er sie zu gut, um sich von ihren Worten blenden zu lassen. Bei ihr hatte das Herz oft zu viel zu sagen.

“Das ist gut, oder?”, gab sein älterer Bruder vorsichtig zurück.

Jungkook zuckte mit den Schultern und starrte einen Augenblick in die Leere, die seine Augen im schwarzen Spiegel seines Flatscreens fanden, der ihm und dem Sofa gegenüber an der Wand hing. “Ja und nein”, verlieh er seinen Gedanken schließlich Worte.

Worte, die sein älterer Bruder glücklicherweise ohne weitere Ausführungen verstand. Was kein Wunder war, immerhin kannte er ihn so gut wie niemand sonst: Ein paar sehr enge Freunde mal ausgenommen.

“Dann ... ist das mit euch nun also wirklich eng? Im Sinne von fest?”

“Offensichtlich ist es das”, gab der jüngere der beiden Männer stirnrunzelnd zurück.

“Das war kein Angriff. Ich möchte an dieser Stelle allerdings einmal als Vorwarnung Eomma zitieren: Wie fest ist fest, wenn er sie uns noch nicht vorgestellt hat? Oder in anderen Worten: Wann lernen wir sie kennen, damit wir uns ebenfalls ein Bild von ihr machen können?”, hakte Junghyun behutsam nach.

“Gar nicht”, schoss Jeongguk zurück. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, woher das gerade kam. Ob es daran lag, dass er sie schlichtweg noch mit niemandem teilen wollte oder ob es daran lag, dass er für sowas alles andere als bereit war. Dabei ging es ihm nicht nur darum, sie nicht seiner Familie vorstellen zu wollen.

Nein, es ging ihm vielmehr darum, dass sie dann sicherlich auf kurz oder lang ebenfalls erwarten würde, dass er ihre Familie kennenlernen sollte. Und ganz ehrlich, dieser Gedanke zog ihm rückwärts die verdammten Schuhe aus. Das war nämlich nicht nur grundlegend ein beängstigender Gedanke, es war absolutes Neuland für ihn.

Das hatte es in seinem Leben nämlich bisher noch nicht gegeben. Keine seiner Beziehungen war bisher ernst oder lang genug gewesen, um diesen immensen Schritt namens ‘ins Zuhause des anderen einzudringen und ihm im Gegenzug dazu alle Türen in das seine zu öffnen’. Inklusive all der peinlichen Fotos, die seine Mutter sicherlich rauskramen würde … und den Geschichten, die sein Vater und Bruder so in petto hatten.

Nein … er war für vieles bereit. Nicht aber für das …

Eher zeigte er sich der Welt da draußen in seinen verdammten Unterhosen. Und bekanntlich sollte das was heißen.

“Okay, fassen wir also mal zusammen: Es ist eng, aber nicht eng genug, um sie uns vorzustellen. Wie eng bedeutet eng also? So in deiner schrägen Ansichtsweise, Bruderherz?”, bohrte Junghyun mehr neugierig als vorsichtig weiter.

Und weil Jungkook wusste, dass hier in gewisser Weise auch ihrer beider Mutter aus ihm sprach, schoss er angriffslustig zurück: “Eng genug, um in Zukunft auf Kondome zu verzichten!”

Mal wieder hatte er keine Ahnung, warum er ausgerechnet das durch die Leitung schickte. Vermutlich, weil er wusste, dass das ohne große Worte andeutete, wie viel sie ihm bedeutete - und wie sehr er ihr vertraute. Und wie eng sie im Sinne des verdammten Wortes waren. Allerdings hatte er es vermutlich auch rausgebrüllt, weil er wusste, dass sein nervtötender Bruder das so nicht eins zu eins an seine Mutter weitergeben konnte und würde.

Schweigen, bedeutungsschwer füllte es die stille Leitung zwischen ihnen aus … gut, damit hatte er nicht gerechnet. Nicht gänzlich jedenfalls.

“Ich weiß, was das bedeutet und was ich tue. Ich bin keine zwölf mehr”, fügte er schließlich minimal gereizt hinzu.

Junghyun seufzte, räusperte sich und raunte dann: “Was genau tust du denn da? Oder eher: Was genau willst du mir damit sagen? Dass ich bald Onkel werde, oder-”

“Nein, natürlich nicht! Sie lässt sich da was einsetzen. So ein … Ding”, murmelte er, weil er die Bezeichnung natürlich schon wieder vergessen hatte. Er hatte es nachschlagen wollen … in einer dieser ominösen ruhigen Momente, die ihn bisher nicht eingeholt hatten. “Es beschießt meine Spermien, mit ... Ionen oder so” fügte er ganz, ganz leise hinzu.

Wie erwartet lachte Junghyun leise. Ganz ganz leise, aber durchaus hörbar. “Na dann … hast mich überzeugt. Fast jedenfalls.”

“Ich weiß, ich wiederhole mich: Aber ich bin keine zwölf mehr. Ich weiß was ich tue”, entwischte es ihm erneut. Vielleicht hätte er noch hinzufügen sollen, dass vor allem Blondie so schien, als wisse sie, wovon sie sprach und was sie tat - und er vertraute ihr.

Das genügte ihm … fürs Erste jedenfalls.

“Ach ja … ich erinnere mich. An damals, als du zwölf warst. Wo du vor Panik fast eingegangen bist, weil du dachtest, du hättest eventuell unsere Cousine geschwängert - weil du es dir unter der Dusche gemacht und sie direkt nach dir duschen gegangen ist.”

“Hyung”, knurrte er und spürte, wie ihm mindestens ein ganzer Liter Blut in den Kopf schoss.

“Hast du nicht sogar vor Angst geweint?”, lachte sein älterer Bruder.

“Das war aus Wut! Weil du das Ganze so überaus lustig fandest”, spie er zurück.

Junghyun lachte erneut. Einmal, kurz und schallend. Anschließend holte er tief Luft und fügte ernster hinzu: “Du bist erwachsen. Das weiß ich. Pass aber trotzdem auf dich auf. Versprich mir das.”

“Das tue ich. Aber … ich vertraue ihr.” Da … nun war es doch raus.

Ohne ihm gegenüber zu sitzen, sah er seinen älteren Bruder vor seinem inneren Auge nicken. “Das ist gut. Aber … es ist schwer für uns, ihr zu vertrauen - so ohne sie zu kennen.”

“Ja Hyung … das kommt noch. Irgendwann. Aber ... ich brauche noch etwas Zeit”, flüsterte er nervös mit der Kordel seines Bademantels spielend. Fügte heiser “okay?” hinzu.

“Okay”, gab Junghyun zurück. Leise … dicht gefolgt von einem Seufzen. “Wir beißen nicht. Auch Europäerinnen nicht. Versprochen.”

Nun war es an ihm zu nicken. Weil er das wusste. Immerhin kannte er seine Familie und bei ihnen wurde Toleranz und Freiheit ganz groß geschrieben. Immerhin sprachen sie hier über die Familie, die ihn als halbes Kind von Busan nach Seoul ziehen ließ, um seinen Traum vom Popstar zu jagen.

Aber bekanntlich ging es nicht um seine Familie. Die war es nicht, die ihm in diesem unvorhersehbaren Szenario Angst machte. Es war der andere Part des ‘Wirs’, das er und Hannah neuerdings bildeten. Der mit den beiden Brüdern, die offenbar von keinem geringeren als dem Wikingerkönig Ragnar Lodbrok abstammten.

***

Ihr Lieben, und schon ist wieder Mittwoch - fast. Eigentlich sollte dieses Chapter ja erst morgen online gehen, aber da diese Story kurz vor der Pausierung bei FF.de steht (heute Nacht wäre es soweit) und ihr grundlegend ja auch lange genug gewartet habt, dachte ich, ich ziehe sie einfach mal auf heute Abend vor. :)

Ähnlich werde ich es bei der Hauptstory handhaben: Das nächste Chapter kommt nicht erst am letzten Tag des Monats, sondern bereits eine Woche vorher am 24.7. Zum einen auch hier, weil ihr lange genug gewartet habt - zum anderen aber auch, weil ich sehr gespannt bin, was ihr dazu wohl so zu sagen haben werdet. Dieses und das nächste Kapitel haben mich nämlich in puncto Recherchen ziemlich auf Trapp gehalten. Allerdings auch, wegen der Handlung ect. :)

Nun gut, habt einen schönen Dienstagabend und ich hoffe, es ist euch allen in den vergangenen Wochen gut ergangen. Und natürlich die Frage der Fragen: Wer hat ein paar schöne Konzertgeschichten für mich? Ich musste leider passen und freue mich über jedes noch so kleine Schmankerl. :)

Und denen, denen das Konzert noch bevorsteht, wünsche ich viel Spaß! ♥