Cruising (nach Chapter 90 von NaD)
Cruising (nach Chapter 90 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 90 von Night and Day gelesen werden.
72. Cruising
- Anfang Juni 2023 -
Er liebte sie, diese nächtlichen Touren durch das ungewohnt stille und in sich zurückgezogene Seoul. Da waren die mal eher spärlich und mal grell beleuchteten Straßen, auf denen sich zu dieser Zeit meistens nur einige wenige Nachtschwärmer fanden. Mitternächtliche Cruiser, wie er einer war oder Menschen, die sich – weil sie es mussten – durch die Nacht hinweg auf dem Asphalt von einem Ort zum anderen bewegten. Stets ein Ziel vor Augen: Sei es die Arbeit, ein Restaurant für ein Date oder das eigene Zuhause.
Bei ihm war das anders. Seine nächtlichen Touren hatten kein Ziel. Meistens jedenfalls nicht. Selbstredend gab es Ausnahmen, etwa wenn er von späten Proben oder Zusammenkünften von der Company heimfuhr. Oder wenn er, lange nachdem der Tag sich verabschiedet hatte, von seiner Familie in Busan oder von Freunden den Heimweg antrat. In der Regel arteten jedoch auch diese Touren aus.
Es mochte an der kühlen Nachtluft liegen und an den sich im verschwundenen Tageslicht versteckenden Schatten: Es war stets dasselbe. Sobald er das verdunkelte Visier seines Helms heruntergeklappt hatte und den Motor der Maschine aufheulen hörte, die ihn über den Asphalt fliegen ließ, verlor er sein Ziel aus den Augen. Kreuzte einfach nur planlos umher.
Nicht selten mehrere Stunden lang.
Manchmal hielt er irgendwo an und inne. Bevorzugt auf abgelegenen Lichtungen oder Aussichtspunkten, die tagsüber von Menschen überlaufen oder übergreifend von Menschen vergessen waren. Ließ den Blick über Wälder, Seen oder die Skyline der Stadt wandern, die er je nach eigener Verfassung liebte oder hasste.
Er hasste sie, weil sie ihn manchmal nicht leben ließ. Leider tat sie das zunehmend öfter, statt vorzugeben, ihn nicht zu kennen. Immer dann, wenn die Schatten mit dem Tageslicht aus den Ecken krochen und er sein schützendes und verdunkeltes Visier nicht trug. Doch er liebte sie, wenn sie es doch tat. Wenn sie ihn wie einen von vielen behandelte und ihm Nichtbeachtung schenkte. Etwa in Momenten wie diesem.
In Momenten wie diesen, in denen er aus reiner Spontanität den Bugak Skyway hochgecruist war. Auf dem Rücken seiner neuen Harley, Typ Fat Bob 114. Im Grunde war sie schon ein paar Wochen alt, allerdings war er bisher aufgrund seines dichten Schedules noch nicht dazu gekommen, sie wirklich auszufahren.
Demnach war das hier zwar nicht seine erste Tour hinauf, aber das Debüt mit seinem neuen Baby: Zwölf Kilometer eine einladend kurvige Bergstraße am Kamm des Bugaksan entlang. Ein kleines, waldiges und abgelegenes Stück Natur inmitten der City, die ihm und mehr als einer Handvoll weiterer Biker gerade zu Füßen lag. Wie so oft interessierten sich die meisten von ihnen allerdings nicht für ihn. Noch nicht einmal, wenn er das Visier hochklappte - wie er es beispielsweise jetzt tat, um das Handy aus der Innentasche seiner Lederjacke zu fischen und auf die hell erleuchtete Stadt unter ihm zu halten. Den Anblick für sich und die Ewigkeit festhaltend.
Oder eher für Hannah, welcher er soeben entstandenen Schnappschuss zukommen ließ. Ganz oldschool via Textnachricht. Kurz darauf jagte er das Bild via Kakaotalk in den bandeigenen und in den Chat der sagenumwobenen 97er-Line, wie ihre Fans sie benannt hatten.
Kurz überlegte er, sich doch ein paar seiner Freunde privat herauszupicken. Warum? Weil ihr 97er-Gruppenchat tot war … und das seit rund einem Jahr.
Sie hatten es mit dem Texten alle nicht so. Typisch dem chinesischen Tierkreiszeichen Büffel nach, vermutlich? Der Persönlichkeitstyp konnte es immerhin nicht sein, da sie nicht alle demselben angehörten.
Was immer es war, das letzte Mal, als jemand etwas in ihren seit rund drei Jahren zunehmend sterbenden Chat geschrieben hatte, war zum Seollal – dem koreanischen Neujahrsfest – gewesen. Und von ihnen hatten genau zwei eher halbherzig mit einem Emoji geantwortet.
Der Rest hatte die Nachricht aus zeitlichen Gründen ignoriert – oder weil sie sich alle meistens bereits privat eine gute Zeit gewünscht hatten.
Aber vielleicht war das hier ja der Moment, um dem digitalen Denkmal ihrer jüngeren Jahre versuchsweise neues Leben einzuhauchen? Also jagte er besagtes Bild auch hier gebündelt an die übrigen acht Teilnehmer durchs Netz.
Und tatsächlich fruchtete sein Vorhaben. Keine zwei Minuten später ploppte etwas auf dem digitalen Friedhof auf:
>Wo bist du? Oben am Palgakjeong-Pavillon?<, wollte Jaehyun alias Jae - wenn es nach ihren engen Kreisen ging - wissen.
Ja, war er. Jedenfalls fast. Der vor allem in der Biker-Szene bekannte und beliebte Aussichtspunkt befand sich rund 350 Meter oberhalb des Ortes, an dem er Halt gemacht hatte.
Zwar war dieser aufgrund seines 360-Grad-Panoramablicks auf das hell erleuchtete Stadtzentrum inklusive dem N Seoul Tower, der historischen Stadtmauer und dem in der Ferne sichtbaren Lotte World Tower bedeutend spektakulärer - aber er war wegen des rund um die Uhr geöffneten Cafés und Stores meistens recht beliebt und äußerst gut besucht.
Zu gut für seinen Geschmack. Selbst um diese Zeit. Deshalb mied er es die letzten Meter bis zum Pavillon zurückzulegen. Meistens jedenfalls. So wie heute.
Allem voran, weil er gehofft hatte, Hannah würde sich eventuell melden. Immerhin war es bei ihr 12.13 Uhr mittags. Allerdings legte das nahe, dass sie gerade auf der Arbeit festsaß - was wiederum erklärte, warum sie seine Nachricht bisher nicht nur unbeantwortet gelassen, sondern noch nicht einmal gesehen hatte.
Sein Bild lag auch einige Minuten später noch ungelesen in ihrem privaten Chat herum. Ähnlich sah es im Bandchat aus. Zwar hatten Yoongi und Namjoon sein Bild gesehen, beide hatten bisher allerdings noch nicht reagiert.
In beiden Fällen war dies jedoch nicht ungewöhnlich.
Yoongi befand sich gerade mitten im asiatischen Teil seiner ersten Solotour. Aktuell war er deshalb in Japan, um dort bei drei ausverkauften Konzerten abzuliefern.
Und das gewaltig – trotz des Lampenfiebers, da es seine ersten Live-Alleingänge im Land der aufgehenden Sonne waren. Wohlgemerkt bei extrem schlechten Wetterverhältnissen: Ein Taifun namens Mawar zog über das Land und ließ nicht nur bei den Fans die Sorge aufkommen, dass das heiß erwartete Event im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen könnte.
Aber auch ihr Leader stand momentan gewaltig unter Druck. Zum einen, weil ihm seine psychische Verfassung zu schaffen machte, zum anderen aber auch, weil das nächste Bandjubiläum anstand. Wohlgemerkt das zehnte, weshalb man sich einiges ausgedacht hatte. Da der Großteil der Band allerdings gerade mit Soloprojekten oder dem Militärdienst eingespannt war, blieb vieles auf ihrem angeschlagenen Leader hängen.
Unter anderem eine eigens von Namjoon moderierte Radioshow, zu welcher Jungkook hinzugeschaltet werden sollte - weil er sich zu diesem Zeitpunkt mitten in den letzten und finalen Vorbereitungen für sein nahendes Debüt als Solokünstler befinden würde.
Etwa dem Videodreh … dem ersten, bei dem er vollkommen alleine vor der Kamera stand und diesem deshalb beinahe ebenso bange entgegensah wie sein Bandmate seinen ersten Solo-Konzerten.
Beinahe, weil so ein Konzert doch noch ein anderes Kaliber als ein Videodreh war …
… der Gedanke an ein solches machte ihn nervös und euphorisch zugleich.
So ein Videodreh war mittlerweile eher eine spannende und doch nötige Last geworden. Zahlreiche Stunden, in denen man nicht im Studio an neuen oder weiteren Songs arbeiten oder auf der Bühne stehen konnte.
Ein kleiner Lichtblick war bisher immer die Anwesenheit der anderen Jungs gewesen. Diesen Rückhalt gab es hierbei aber nicht. Da war nur er … und der Staff. Ein schwacher Trost.
Das Surren seines Smartphones riss ihn aus seinen Gedanken. Gedanken, von denen ihn auch Touren wie die, die ihn heute Nacht auf diesen Berg über den Köpfen der Stadt geführt hatte, ablenken sollten.
Wie man sah, klappte das nicht immer und je näher die Mitte dieses oder gar des nächsten Monats rückte, desto schwerer würde es werden: Erst kam der Videodreh, dann die Veröffentlichung seines Debütsongs als Soloist. Und dazwischen kam noch irgendwann das Essen mit Blondies Verlag und Konsorten …
Demnach war sein Kopf gerade voll. Zu voll …
Da kamen ihm Ablenkungen wie die 24 neuen Nachrichten in ihrem jüngst wiederbelebten 97er-Gruppenchat gerade recht.
Jungkook überflog sie eher flüchtig, denn es war eigentlich nur typisches Palaver. Ein stetiges Vor und Zurück mit Blick auf Orte, an die man sogenannte Love-Interests liebevoll entführen und bezaubern konnte - vorausgesetzt man konnte sich so waghalsige Nummern erlauben.
Was bekanntlich niemand von ihnen konnte …
Das unterstrichen nicht nur die verstohlenen Blicke, die man ihm immer wieder trotz kompletter Ledermontur und nicht gänzlich geöffnetem Visier zuwarf, sondern auch die verdammten Stalker, die sein Apartment von Tag zu Tag stärker frequentierten.
Demnach verwarf er den Gedanken, irgendwann mal mit Hannah hierher zu fahren und ihr die Stadt zu Füßen zu legen, wieder. Widmete sich stattdessen einer der letzten Nachrichten. Eine der wenigen, die nicht nur aus inhaltslosem Palaver bestand.
>Du hast den Schein wirklich gemacht? Warum wusste ich das nicht?<, hatte Bang Chan alias Chris, wie sie ihn manchmal nannten, geschrieben und ohne weitere Antworten abzuwarten, drangehangen: >Wann? Und wie viele Punkte hast du erreicht?<
>Letzten November<, antwortete er und ließ die erfragte Punktzahl absichtlich weg. Was natürlich weitere Nachfragen hervorrief, die er mit einem >weiß ich nicht mehr. Unwichtig< abzublocken versuchte.
Natürlich fiel ihm Mingyu alias Gyu in den verdammten Rücken: >Volle Punktzahl natürlich. XD<
>Volle Punktzahl? Oller Streber! hahaha<
>Jetzt mal ehrlich, hätten wir es anders erwartet?<
>Die Hoffnung stirbt zuletzt und so …<
>Ist sie golden, stirbt sie aber langsam.<
>Sehr, sehr langsam! hahahaha<
Raste es blitzschnell über sein Display. So schnell, dass er einen Moment den Überblick darüber verlor, wer was schrieb. Vor allem, da die Nachrichten immer wieder von lachenden und vor Hysterie heulenden Emojis und Gifs nach oben gepusht wurden.
Und das geschah gefühlt stetig schneller.
>Naja, zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich damals die Zeit hatte, mich voll reinzuhängen. Ich hab nichts anderes gemacht, als mich auf diese Prüfung vorzubereiten! Nicht mal geschlafen und gegessen!<, schoss er irgendwann schmunzelnd zurück.
Natürlich war das gelogen … wenigstens der Part mit dem Essen.
Geschlafen hatte er durchaus. Pro Nacht drei bis vier Stunden. Allerdings hatte er den Großteil damit verbracht, Blondie nachzutrauern und nicht damit zu lernen oder sich vorzubereiten.
>Lasst euch nichts erzählen. Drei Tage! Drei Tage hat er für die praktische Prüfung gebraucht!<, fiel ihm ausgerechnet Yugyeom alias Gyeomie in den Rücken. Vollkommen eiskalt, was Jeongguk tatsächlich kurz entrüstet in die kühle Nachtluft hineinschnaufen ließ. Ganz so, als könnte einer seiner engsten Freunde aus Rookiezeiten ihn sehen, fügte er umzingelt von lachenden Emojis hinzu: >Sorry Kookie! Aber du bist halt immer und überall der Erste. Damit musst du leben.<
Ja … musste er wohl. Trotzdem hatte er noch etwas zu sagen, bevor er klein bei gab: >Ich bin nicht immer und überall der Erste. Das nur mal so am Rande … <
Und damit brach das totale Chaos in ihrem ehemals toten Gruppenchat aus und er blieb einen Moment ausgelassen lachend zurück. Irgendwo auf einem Berg im Nichts … während die Stadt zu seinen Füßen schlief und die Zeit ausnahmsweise mal stillzustehen schien.
***
Hallo ihr Lieben, herzlich willkommen im August oder so.
Ich hoffe, ihr genießt den Sommer und ja eventuell auch heute Abend die Mondfinsternis und den Sternschnuppenregen heute Nacht? Falls ja, passt auf eure Augen auf.
Da bereits wieder die Arbeit auf meinem anderen Rechner ruft, fasse ich mich mal kurz. Wir lesen uns am 28. August (Freitag) bei der Hauptstory.
***
Achtung, es folgt ein Teaser vom nächsten Chapter:
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3
Der simulierte Fahrtwind auf dem Dach des präparierten Waggons war mörderisch, selbst hier in der gesicherten Umgebung des Sets in Los Angeles. Unter ihm vibrierte die Stahlkonstruktion, während die Kameras nebenan ihre Runden drehten.
Jungkook liebte diesen Rausch. Es war genau das, was er in den letzten Monaten vermisst hatte – die pure Action, das Adrenalin, die absolute Kontrolle über jede Bewegung seines Körpers, während er den Text seiner Debütsingle ‘Seven’ gemeinsam mit dem im Hintergrund laufenden Track in den kalten Wind der Ventilatoren schmetterte.