Adrenaline (nach Chapter 92 von NaD)
Adrenaline (nach Chapter 92 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 92 von Night and Day gelesen werden.
73. Adrenaline
- Mitte Juni 2023 -
Tag 1: Der Geschwindigkeitsrausch und die Flut
Der simulierte Fahrtwind auf dem Dach des präparierten Waggons war mörderisch, selbst hier in der gesicherten Umgebung des Sets in Los Angeles. Unter ihm vibrierte die Stahlkonstruktion, während die Kameras nebenan ihre Runden drehten.
Jungkook liebte diesen Rausch. Es war genau das, was er in den letzten Monaten vermisst hatte – die pure Action, das Adrenalin, die absolute Kontrolle über jede Bewegung seines Körpers, während er den Text seiner Debütsingle ‘Seven’ gemeinsam mit dem im Hintergrund laufenden Track in den kalten Wind der Ventilatoren schmetterte.
Erst als der Regisseur “Cut!” rief und das ohrenbetäubende Summen der Maschinen verstummte, holte ihn die Realität wieder ein. Während die Crew die Kameras für den nächsten Take umbaute, hangelte das Idol am Sicherheitsseil und sah über die weite Studiofläche.
Er genoss das hier. Er genoss es verdammt noch mal, wieder in seinem Element zu sein.
Auch wenn das hier nicht ganz dasselbe war. Er war allein … mindestens sechs weitere Menschen fehlten, die bei so etwas bisher stets an seiner Seite gestanden hatten. Ihre Abwesenheit hinterließ ein Loch. So groß, dass es nichts anderes füllen konnte.
Ein eiskalter Schauer der Schuld durchfuhr ihn. Plötzlich. Unerwartet. Jungkook ließ abrupt vom Seil ab, um sich einmal unbehaglich über die Brust zu reiben und diesen zu vertreiben. Und mit der Schuld war auch Hannah wieder da.
Hannah, die gerade in New York saß und sich verstecken musste. Die gerade in den sicherlich tristen Räumen ihres Verlags die unscheinbare Lektorin spielte, während er hier im Rampenlicht stand und vor der Kamera den liebestollen Actionhelden imitierte.
Die Schuldgefühle hielten jedoch nur kurz an. Bis zum nächsten “Und Action!”, das kurz darauf durch das tosende Rauschen der Ventilatoren schnitt und ihn wieder zurück in seine Rolle warf.
Erst als er eine Stunde später für die Waschsalon-Szene komplett durchnässt war und die künstlichen Wassermassen über den Set-Boden schossen, nutzte er die Umbaupause in der Garderobe. Seine Stylistin suchte nach einem trockenen Shirt, während Jungkook mit eiskalten Klauen und zitternden Lippen die schützende Plastikfolie von seinem Smartphone riss.
Seine Finger flogen nach wie vor taub und ungelenk über das Display. Heute verließ er sich wieder einmal voll und ganz auf die App, weil sein Kopf zu voll vom Rausch war, um wirklich klare und deutliche Wörter in dieser Sprache zustande zu bringen, in der sie sich unterhielten.
Kurz darauf jagte er eine in perfekte Worte gefasste Nachricht durchs Netz an sie: >Tag 1 ist der Wahnsinn. Ich stand gerade auf einem Zug und jetzt bin ich komplett durchnässt. Sie haben das ganze Set unter Wasser gesetzt. Wir drehen alles durcheinander, ich weiß langsam selbst nicht mehr, welche Szene wann kommt. Aber es macht Spaß. Ich wünschte wirklich, du könntest das sehen. Vermisse dich!<
Zeit, um auf ihre Antwort zu warten, hatte er jedoch nicht. Nicht jetzt jedenfalls.
Erst als die Holztür seiner Hotelsuite im fünfzehnten Stockwerk ins Schloss krachte, verstummte das unaufhörliche Rauschen von Los Angeles – zumindest in seinen Ohren.
Jungkook lehnte den Kopf für einen Moment gegen das kühle Holz und atmete tief aus. Die Muskeln seiner Arme und Schultern brannten immer noch von den Stunden, die er neben dem Zug gehangen hatte. Und seine Kopfhaut spürte immer noch das Ziehen des künstlichen Drecks und der Haarspray-Krusten, die man ihm in der Dusche am Set notdürftig ausgewaschen hatte.
Er streifte die schweren Stiefel ab, warf die Lederjacke auf den Sessel der elegant eingerichteten Suite und ging mit trägen Schritten zum Fenster, von dem aus man die endlosen Lichterketten der kalifornischen Highways sehen konnte. Einen Moment verlor er sich in diesem Anblick. Nahm ihn einfach in sich auf. Licht für Licht, das langsam von der einen Seite seines Sichtfeldes zur anderen fuhr und irgendwann in der Dunkelheit verschwand.
Konzentrierte sich dabei auf das ferne Rauschen, das aufgrund der gedämmten Fenster nur sehr bedingt zu ihm durchdrang. So bedingt, dass er in erster Linie seine eigenen Atemzüge hörte.
Also lauschte er eine Weile diesen …
Dann ging er schwerfällig ins Badezimmer, ließ die Badewanne mit heißem Wasser volllaufen und sank Minuten später tief in den dampfenden Schaum. Erst hier, in der absoluten Isolation dieses anonymen Luxuszimmers, weit weg von den wachsamen Augen des Produktionsteams, musste er nichts mehr verbergen.
Also griff er nach seinem Smartphone, das trocken auf dem Handtuchstapel lag. Keine Plastikfolie mehr. Kein heimliches Verstecken unter dem Rand des nächstbesten Tisches am Set.
Als er ihren Chat öffnete, ploppten Hannahs Antworten auf seine hektischen Nachrichten vom Nachmittag auf. Zu insgesamt drei hatte es zwischen Tür und Angel des Sets gereicht. Er hatte vorsichtig sein müssen. Aufgrund des amerikanischen Teams noch vorsichtiger als eh schon …
Ein warmes und unendlich müdes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er über ihre kleinen Lachsmileys, Neckereien und die Aussage scrollte, wie stolz sie auf ihn war. Und dass sie ihn ebenfalls vermisste.
Er legte das Handy einen Moment auf seine Brust und starrte an die Decke. Ließ das heiße Wasser seine verspannten Muskeln lockern. Die Schuldgefühle blieben.
Schließlich spürte er die Müdigkeit kommen. Passenderweise rollte sie ein wie ein verdammter Zug und ließ seine Lider und Glieder schwer werden. Also legte er das Handy beiseite und kletterte aus der Wanne. Taumelte zurück ins Zimmer und kletterte schließlich ins Bett.
Nass und nackt …
Ihm war gerade wirklich alles egal, als er unter die Decke kroch und zu einer letzten Nachricht ansetzte.
Dieses Mal ohne die App und demnach bedeutend weniger gekonnt und wortgewandt: >Alles tut weh. Aber bin glücklich. Schlaf gut. Ich zähle die Tage.<
Tag 2: Der Akt am Drahtseil und die Explosion
Der zweite Tag verlangte ihm alles ab. Vor allem in puncto Vorstellungskraft. Für die Szene auf einer Bodenplatte hing er in vermeintlich schwindelerregender Höhe an einem Kran über der Stadt.
Natürlich war das hier nur Schall und Rauch vor einem gewitzt inszenierten Bluescreen.
Dennoch musste es real wirken. Glaubhaft, weshalb man ihn etwa einen Meter über dem Boden schweben und den Träger unter ihm immer wieder vor und zurück schwanken ließ. Singend und tanzend. Taumelnd.
Einmal, zweimal … fünfmal.
Bis es saß. Bis er das Gefühl hatte, er tanzte nicht auf einer Platte, sondern auf einem verdammten Drahtseil über die imaginäre Stadt unter ihm. Bis sich der vermeintliche Ausblick so tief in seine Fantasie gebrannt hatte, dass er ihn regelrecht zu sehen meinte, wenn er die Augen schloss.
Doch als er am Nachmittag in der Kulisse des Restaurants gegenüber seiner Filmpartnerin Sohee saß und die schweren Gipswände und Kronleuchter planmäßig um ihn herum explodierten und abstürzten, holte ihn die Anspannung wieder ein. Zeigen konnte er das nicht.
Das amerikanische Team feierte jeden gelungenen Take – und Jungkook feierte mit ihnen. So glaubhaft es ihm möglich war.
Sobald die Kameras aus waren, kehrte die Anspannung zurück. Jedes Mal, wenn er in die Maske musste oder das Outfit wechselte, hielt er das Handy flach unter den Rand des Spiegeltisches. Niemand hier am Set durfte mitbekommen, was sich auf seinem Display abspielte. Schon gar nicht das ausländische und demnach durch die Company schwer bis gar nicht kontrollierbare Produktionsteam. Ein einziges Gerücht vor seinem Solo-Debüt wäre eine Katastrophe.
Er tippte hastig mit der App im Hintergrund, während das Haarspray um ihn herum eine dichte Wolke bildete, die seine Nase laufen und seinen Hals kratzen ließ: >Hänge heute buchstäblich in der Luft. Jede Sekunde ist durchgetaktet. Das Set-Restaurant eben haben sie komplett zerlegt, Wände sind eingestürzt. Musste dabei unweigerlich an unser Essen Ende des Monats in Seoul denken.<
Nein … das würde sie nur noch nervöser machen, als sie es eh schon war. Also strich er den letzten und unfertigen Satz. Fügte stattdessen >Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit. Ich melde mich nachher. Ich liebe dich.< hinzu und sendete die Nachricht ab, bevor er sich auch das anders überlegen konnte.
Auch heute war es weit nach Mitternacht, als der Van des Security-Teams ihn in die Tiefgarage des Hotels brachte.
Jungkook war so erschöpft, dass er die Fahrt im Halbschlaf verbrachte, doch kaum dass er seine Suite betrat, war das Adrenalin wieder da. Es brannte heiß in seinen Adern – eine Nachwirkung der zurückliegenden Stunden. Er konnte immer noch spüren, wie die kontrollierte Explosion durch seinen Körper fuhr.
Er knipste kein Licht an. Im Halbdunkel des Zimmers zog er sich das Shirt über den nach wie vor verdreckten Kopf, warf es achtlos auf den Boden und ließ sich in Shorts rücklings auf das riesige King-Size-Bett fallen. Er starrte an die dunkle Decke, während sein Herz immer noch in diesem unbarmherzigen, schnellen Takt des Sets schlug.
Er drehte sich auf die Seite, holte das Handy unter dem Kissen hervor und entsperrte es. Das kühle Licht erhellte seine Züge. Hannah hatte ihm vor zwei Stunden geantwortet. Schrieb, dass sie ihn ebenfalls liebte. Und dass er auf sich aufpassen solle. Sich nicht übernehmen solle …
Das Idol schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Er wünschte, es wäre so einfach. In gewisser Weise jedenfalls. Bekanntlich liebte er, was er tat. Auch wenn es ihm manchmal die Luft zum Atmen nahm. Passenderweise schoss ihm genau dieser Gedanke durch den Kopf, als er von den Nachwirkungen des Staubs husten und schniefen musste.
Er richtete sich auf. Zog sich ein Papiertaschentuch aus der goldenen Dose, die neben seinem Bett stand. Danach griff er zur Wasserflasche, die neben der Taschentuchbox stand.
Anschließend setzte er zu einer letzten Nachricht an. Für heute jedenfalls: >Mir geht's gut. Mach dir keine Sorgen. Schlaf gut.<
Er drückte auf Senden, schloss die Augen und lauschte dem leisen, kaum hörbaren Ton der übermittelten Nachricht. Erst als das Handy wieder dunkel wurde, atmete er tief aus und ließ sich in den wohlverdienten und dringend benötigten Schlaf sinken.
Tag 3: Die Illusion und der große Regen
Am dritten und letzten Tag des Drehs erreichten sein Adrenalinspiegel und ebenso seine Schuldgefühle den Höhepunkt, als er das Außengelände des Wall Street Backlots betrat. Die Straßenecke mit den hohen Backsteinfassaden und den eisernen Feuertreppen war eine perfekte Nachbildung New Yorks.
Jungkook stand einen Moment einfach nur da und starrte auf die Straßenschilder, während er innerlich starb – und während man den farbenfrohen Sonnenblumenstrauß in die Szene brachte, die sich hier gleich abspielen würde.
Es war absurde Ironie. Er stand in Kalifornien in einer billigen Kulisse, die Hannahs Heimat simulierte, und lief vor einer Kamera einer anderen Frau hinterher. Selbstredend gab er alles für diesen letzten Drehtag. Versuchte dieses merkwürdige Gefühl, das sich mehr und mehr in ihm breit machte, zu überspielen.
Aber in jeder Umbaupause suchten seine Augen die nassen Fassaden ab. So, als suche er sie …
Und ja … einen Moment fragte er sich, wie es ihr wohl ging, wenn sie ihn sah … ohne ihn zu sehen.
Wenige Minuten später lag er mit dem Gesicht nach unten auf dem kalten Asphalt, auf den aus mehreren Richtungen Wasser floss. Und nur wenige Sekunden später war er erneut bis auf die Knochen durchnässt.
Jemand schrie “Action” und er blendete alles aus.
Wenig später verlor er sich wieder in Gedanken. Während er in dicken Handtüchern eingewickelt in der Sonne auf der Straße lag. Um sich einen Moment inmitten der Illusion zu wärmen. Äußerlich … aber in gewisser Weise auch innerlich.
Im Anschluss folgte ausgerechnet die Beerdigungsszene, in der er sich im Sarg liegend erneut in Gedanken verlieren konnte.
Ebenso wie er es einige Stunden später erneut tat, als er unter den Regen- und vor den Windmaschinen stand und in den letzten Szenen sang. Sein Haar und sein Shirt klebten an ihm, während er die letzten Szenen sicher in den sagenumwobenen Kasten brachte. Die Hand der Schauspielerin an seiner Seite nahm und mit ihr gemeinsam in der Dunkelheit des Sets verschwand.
In der Dunkelheit dieser verdammten Illusion, die eigentlich gar nicht mehr die ihre war. Immerhin war hier nichts mehr von ihm und Hannah zu sehen. Seine Augen waren müde und alles war dunkel und nass.
Also funktionierte er. Für die Kameras – sowohl die der Filmcrew als auch für die des Staffs, die das alles hier für eine der kommenden Bangtan Bombs für die Ewigkeit festhielten.
“Und ... CUT! Wir haben den Picture Wrap! Hervorragende Arbeit, Leute!”, dröhnte es schließlich final durch das Megafon.
Das Set applaudierte, die Crew johlte … und Jungkook wurde sofort in einen dicken Bademantel gehüllt. Er lächelte, bedankte sich höflich beim amerikanischen Team und dem eigenen.
Wusste bereits jetzt, dass er, sobald die ganze Welt endlich das fertige Resultat dieses aufreibenden Drehs sehen würde, verdammt stolz auf sein Team wäre. Und auf sich selbst.
Aber als er hinter einen der großen Beleuchtungsmasten trat, atmete er einfach nur tief aus. Er war erschöpft. Glücklich … und unendlich sehnsüchtig zugleich. Er kramte sein Handy aus der trockenen Innentasche seiner abgelegten Jacke. Das Display leuchtete im Halbdunkel des Hollywood-Abends auf.
Er drückte auf ihren Chat. Er hatte den wichtigsten Dreh seines Lebens geschafft – und trotzdem fehlte etwas.
Also schrieb er ihr.
Vielleicht brauchte er nur ihr Gesicht. Ihre Stimme. Ein paar Worte … er war nicht wählerisch. Er wollte einfach irgendwas von ihr, bevor er diese drei Tage endgültig hinter sich lassen und zurückfliegen konnte.
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Hallo ihr Lieben, happy Wochenmitte. ♥ Ich fasse mich mal kurz, wir lesen uns ja nächste Woche Freitag bei der Hauptstory wieder. Habt alle eine schöne Restwoche und ein schönes Wochenende.
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Achtung, es folgt ein Teaser vom nächsten Chapter!
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Er hörte sie, bevor er sie sah: zwei junge, westliche Frauen.
Dabei hatten sie den Raum leise und bedacht betreten. Ein Seitenblick genügte. Flüchtig, aber lang genug, um zu erkennen, dass sie von Kopf bis Fuß gestylt waren. Zu perfekt für eine mitternächtliche Runde im Gym.
Dann waren da ihre Smartphones, die sie auffällig unauffällig in den Händen hielten. Die Displays nach unten gedreht und trotzdem in seine Richtung weisend, während sie etwas zu zielstrebig auf die Laufbänder ein paar Meter hinter ihm zusteuerten.
Sie scherzten. Redeten leise auf Englisch miteinander und taten ein wenig zu angestrengt so, als würden sie ihn überhaupt nicht kennen. Blickten nicht einmal in seine Richtung.
Nicht einmal ansatzweise …
So, als existierte er nicht. Als wäre er ein Geist. Unsichtbar.
Er spürte die Lüge in der Luft, noch bevor das erste lautere Wort gesprochen wurde.