Freakshow (nach Chapter 93 von NaD)
Freakshow (nach Chapter 93 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 93 von Night and Day gelesen werden.
74. Freakshow
- Mitte Juni 2023 -
Es war kurz nach drei Uhr nachts, als das metallische Klacken der Hantelscheiben die absolute Stille des Hotel-Gyms durchschnitt.
Jungkook stieß den Atem zischend durch die Zähne aus, drückte das massive Gewicht ein letztes Mal nach oben und ließ die Stange schließlich mit einem dumpfen Scheppern in die Halterung zurückfallen. Er blieb noch einen Moment regungslos auf der Trainingsbank liegen, konzentrierte sich auf seine Atmung und starrte an die sterile Decke, während ihm der Schweiß heiß von den Schläfen rann. Sein Körper schrie nach Erholung. Der dreitägige, mörderische Drehmarathon für sein jüngstes Musikvideo steckte nach wie vor in jeder einzelnen Faser seiner Muskeln, doch an Schlaf war gerade absolut nicht zu denken.
Das Adrenalin pumpte immer noch wie flüssiges Feuer durch seine Adern. Sein Kopf war zu voll, zu laut … zu gehetzt.
Er setzte sich langsam auf, griff nach dem weißen Handtuch und rieb sich damit über das Gesicht. Durch die bodentiefen Glasfronten des High-End-Gyms im fünfzehnten Stockwerk wirkte die Skyline von Los Angeles schön, schweigend und unendlich fremd.
Schließlich zwang er sich und seine ächzenden Glieder wieder auf die Beine. Ging hinüber zu den Kabelzügen, um den angestauten Frust und die drückende Last seines stetig näher rückenden Solo-Debüts einfach an den Gewichten auszulassen.
Und natürlich auch seine Sehnsucht nach Blondie …
Blondie, die ihren Frust zwar zu verstecken versuchte, dabei allerdings wenig erfolgreich war. Blondie, die anscheinend glaubte, es tangierte ihn nicht, dass sie gerade mehr denn je aneinander vorbeizulaufen schienen.
Blondie, die dachte, er lebte gerade das beste Leben aller Zeiten. In vollen Zügen. Ohne sie.
Und ja, in gewisser Weise tat er das. Ebenso aber auch nicht. Weil es eben nicht so glamourös war, wie sie es sich vorstellte. Und weil sie nicht an seiner Seite sein konnte. Es frustrierte ihn. Brachte ihn um den Schlaf. Bewegung war gerade sein einziges Ventil. Jedenfalls das einzige, das er kontrollieren konnte.
Das leise, vertraute Quietschen von Sportschuhen auf dem Gummiboden riss ihn abrupt aus seinen Gedanken.
Jungkook spannte unwillkürlich die Schultern an, ließ das Gewicht jedoch nicht hastig und unbedacht sinken. Führte den Satz stattdessen mit eiserner Disziplin zu Ende. Das verlangte der ewige Perfektionist in ihm.
Er hörte sie, bevor er sie sah: zwei junge, westliche Frauen.
Dabei hatten sie den Raum leise und bedacht betreten. Ein Seitenblick genügte. Flüchtig, aber lang genug, um zu erkennen, dass sie von Kopf bis Fuß gestylt waren.
Zu perfekt für eine mitternächtliche Runde im Gym.
Dann waren da ihre Smartphones, die sie auffällig unauffällig in den Händen hielten. Die Displays nach unten gedreht und trotzdem in seine Richtung weisend, während sie etwas zu zielstrebig auf die Laufbänder ein paar Meter hinter ihm zusteuerten.
Sie scherzten. Redeten leise auf Englisch miteinander und taten ein wenig zu angestrengt so, als würden sie ihn überhaupt nicht kennen. Blickten nicht einmal in seine Richtung.
Nicht einmal ansatzweise …
So, als existierte er nicht. Als wäre er ein Geist. Unsichtbar.
Er spürte die Lüge in der Luft, noch bevor das erste lautere Wort gesprochen wurde. Er kannte dieses Spiel. Lebte seit Jahren darin.
Es war das typische und scheinbar beiläufige Verhalten von Fans, die im selben Luxushotel abgestiegen waren, um ihm oder seinen Hyungs unauffällig aufzulauern. Sie schrien nicht. Stürzten sich nicht mit Kameras auf ihn … nicht immer jedenfalls.
Stattdessen spielten sie die Karte der coolen und unbeteiligten Fremden. In der Hoffnung, dass er seine Deckung fallen ließ.
Und dennoch war es schmerzlich offensichtlich. Jedenfalls, wenn man wusste, wohin man sehen und worauf man achten musste.
Man sah es an der Art, wie sie ihre Smartphones hielten. Wie sie im Spiegelbild der Glasfront jede seiner Bewegungen fixierten, während sie vorgaben, das Display ihres Laufbands einzustellen.
Vielleicht war es aber auch nur die Paranoia, die sich wie eine kalte Hand in seinen Nacken legte.
Einen kurzen Moment des Zweifelns würde er ihnen geben. Einen moment of doubt, wie sie in ihrer Sprache sagen würden. Vorausgesetzt, sie kamen überhaupt von hier und waren nicht ebenfalls nur zu Gast in diesem beeindruckenden Land.
Wie er selbst … und Blondie. Wenn auch jeder von ihnen auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise.
Ein weiterer flüchtiger Seitenblick. Ein Blinzeln.
Dann ließ Jungkook der Paranoia die Oberhand, löste die Hände von den Griffen des Kabelzugs und griff nach seiner Wasserflasche. Er wollte gerade den Raum verlassen und die Flucht zurück in seine Suite antreten, als eine der beiden Frauen sich ein Herz fasste.
Er hatte es gewusst …
Er hatte es verdammt noch mal gewusst. Sein Bauchgefühl versagte bei solchen Dingen schlichtweg nicht. Nicht mehr jedenfalls.
Eine der Frauen stieg vom Laufband. Strich sich die scheinbar blond gefärbten Haare zurück und trat mit einem vermeintlich lockeren und unschuldigen Lächeln auf ihn zu.
Kurz, ganz kurz wurde der Drang zur Flucht unsagbar groß.
Allerdings hatte er kaum eine andere Wahl, als zu verharren. Das Gym war klein und verwinkelt – und sie stand ihm im Weg. Blockierte mit ihrem zierlichen und eindeutig eher mäßig durchtrainierten Körper den einzigen direkten Weg nach draußen.
Was nicht oberflächlich gemeint war, in Kombination mit Uhrzeit und Ort allerdings seine Vermutung nur noch weiter bestätigte.
Es war drei Uhr nachts … und sie waren allein.
Nur sie drei, weil die restlichen Gäste – genau wie der Großteil der Stadt – gerade schliefen.
"Hey … sorry, dass ich dich störe", begann sie auf Englisch, die Stimme perfekt auf unbefangen getrimmt. "Aber ich habe dich eben beim Training beobachtet. Deine Form ist echt unglaublich. Trainierst du oft hier in L.A.?"
Jungkook hielt inne. Sortierte einen Moment ihre Worte – was dank Blondie mittlerweile so viel einfacher war als früher.
Dann blickte er in ihr Gesicht und erkannte die kaum merkliche, nervöse Anspannung in ihren Augen.
Seine Magengegend zog sich zusammen.
Sie wusste ganz genau, wer er war. Natürlich wusste sie das …
Es war nicht so, dass es ihm nicht bereits bewusst gewesen war, als die beiden zu dieser Unzeit das Gym betreten hatten.
Dennoch warf es ihn immer wieder aus der Bahn. Enttäuschte oder amüsierte ihn. Je nachdem, wie sie es anstellten und in welcher Verfassung er selbst gerade war.
Heute war ihm nicht nach Schmunzeln.
Denn er war allein. Komplett allein.
Keiner seiner Hyungs war hier, mit dem er einen verstohlenen, wissenden Blick tauschen und später über das Ganze lästern konnte.
Auch niemand vom Staff. Die schliefen ebenfalls.
Er war allein mit zwei Fremden, die versuchten, ihn zu täuschen und ihn dabei ansahen wie ein Zirkustier. Wie einen Freak von einem dieser Jahrmärkte, die es früher hier im Westen gegeben hatte.
Das war er für sie: Die neueste Attraktion der Freakshow.
Eine einmalige Gelegenheit, die nur noch für wenige Tage in ihrer Stadt gastierte.
"Thank you", erwiderte er blechern.
Seine Stimme war tief und rau von der nächtlichen Luft und dem zurückliegenden Dreh, bei dem er stundenlang gegen das Rauschen von künstlichem Regen und Wind hatte ansingen müssen.
Ganz bewusst hielt er sein Englisch knapp und distanziert. Zog die unsichtbare Mauer zwischen ihnen so hoch, wie es ihm möglich war. Dennoch zwang er sich zu einem höflichen, wenn auch kühlen Nicken. Wahrte den Schein, den er zu wahren hatte.
Weil man es von ihm verlangte.
Die Frau ließ sich nicht beirren. Trat noch einen Schritt näher in seine Komfortzone und kippte ihr Smartphone leicht in seine Richtung.
"Ich bin übrigens Jessica. Meine Freundin und ich sind übers Wochenende in der Stadt. Wenn du nachher oder morgen noch nichts vorhast … kriege ich vielleicht deine Nummer? Wir könnten uns auf einen Drink an der Hotelbar treffen."
Und natürlich hob sich das Handy der anderen Frau etwas zu weit. Etwas zu auffällig.
In Jungkooks Kopf schrillte augenblicklich die letzte Alarmglocke.
Das Bild der harmlosen Mädchen von nebenan, die einfach nur eine einmalige Chance nutzen wollten, zerbrach endgültig.
Er sah keine harmlosen Fans mehr. Er sah ein potenzielles und überaus explosives Risiko.
Dabei ging es nicht einmal darum, irgendwelchen Fremden seine Nummer zu geben. Das würde er ohnehin nicht tun. Er hatte es noch nicht einmal bei Blondie getan, und die war …
Glaubhafter gewesen. So viel glaubhafter.
Nicht erst am Pool. Schon als sie ihn in der Lobby nicht einmal ansatzweise beachtet hatte.
Aber darum ging es hier nicht …
Es ging darum, was passieren würde, wenn die beiden ihre kleinen, verwackelten Videos mit der Welt da draußen teilten. Videos, die vermutlich größtenteils den Boden des Gyms zeigten – aber hier und da sicherlich auch ihn. Stets nur kurz. Zum Teil. Vielleicht unscharf.
Aber das würde genügen. Genügen, um das Fandom und die Gerüchteküche auf links zu krempeln.
Und Hannahs Gemüt gleich mit …
"No, sorry. Not interested", sagte er eiskalt. Seine dunklen Augen fixierten sie für den Bruchteil einer Sekunde so unnahbar und ausdruckslos, wie er es bei offiziellen Presseterminen gelernt hatte. "I have to go. Goodbye."
Er wartete ihre Reaktion gar nicht erst ab. Drehte sich um, packte sein Handtuch und verließ mit schnellen und unnachgiebigen Schritten das Gym. Das leise und enttäuschte Tuscheln der beiden Frauen hinter seinem Rücken ignorierte er komplett.
Erst als er im menschenleeren Hotelflur stand und der Fahrstuhl ihn zurück nach oben in seine Suite brachte, stieß er den Atem aus, den er viel zu lange angehalten hatte.
Ja, er war ein Idol. Wollte ein weltweit gefeierter Popstar werden. Wusste, dass er dafür einen Preis zu zahlen hatte.
Aber in Nächten wie dieser fühlte sich das alles dennoch wie eine gläserne Festung an, aus der er nicht einmal für eine Stunde ausbrechen durfte, ohne dass die Geier bereits über ihm kreisten.
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Ihr Lieben, ich habe einen ziemlich langen und zehrenden Zahnarzttermin hinter mir und müsste eigentlich arbeiten. Deshalb fasse ich mich heute mal kurz. Habt eine wundervolle Restwoche und ein schönes Wochenende. Bis nächste Woche Freitag (2.10.) bei der Hauptstory. Hier geht's wieder am Mittwoch (7.10.) weiter. Passt alle auf euch auf. ♥
Und ja, natürlich habe ich mich bei diesem Chapter von Taes und JKs mehr oder weniger aktuellen Gymstory inspirieren lassen. ;)
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Achtung, es folgt ein Teaser vom nächsten Chapter!
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Mit einem erleichterten Seufzen nahm Jeongguk das Smartphone vom Ohr und starrte auf den Bildschirm, auf dem die Mail-Benachrichtigung der Company aufleuchtete. Er klickte darauf, öffnete den Anhang und scrollte durch die sterilen und geschäftsmäßigen Dokumente. Und da war es. Mitten zwischen den Profilen von Richard und Lydia war Hannahs offizielles Verlagspassfoto eingebunden.
Er strich mit dem Daumen über das Display, über die vertrauten und auf diesem Bild doch ungewohnt nüchternen Konturen ihres Gesichts. Sein Herz hämmerte in einer schmerzhaften, dumpfen Frequenz gegen seine Rippen.