Script (nach Chapter 93 von NaD)
Script (nach Chapter 93 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 93 von Night and Day gelesen werden.
75. Script
Die schwere Tür der Hotelsuite fiel mit einem gedämpften Klacken ins Schloss und augenblicklich hüllte ihn die Stille des Raumes ein. Jungkook streifte die Sportschuhe ab, warf das feuchte Handtuch achtlos in Richtung Badezimmer und ging mit schweren Schritten auf das riesige King-Size-Bett zu.
Dort angekommen, ließ er sich rücklings auf die Matratze fallen. Die Federn gaben leise nach und er starrte an die dunkle Zimmerdecke, während sein Herz nach dem Vorfall im Gym immer noch in diesem schnellen und unruhigen Takt der Paranoia schlug.
Seine Finger tasteten nach dem Smartphone in seiner Hosentasche. Er holte es heraus, hielt den Daumen auf den Sensor und schaltete den Flugmodus aus.
Er hatte nicht gestört werden wollen. Vor allem von der Company nicht.
Augenblicklich begann das Display im Halbdunkel der kalifornischen Nacht unbarmherzig zu leuchten. Die Benachrichtigungen rollten förmlich im Sekundentakt ein. Unaufhörlich, fordernd und aggressiv. Ein roter Schwall aus unzähligen verpassten Anrufen, E-Mails von der Chefetage und KakaoTalk-Nachrichten von Harin flutete den Bildschirm.
Die Maschinerie der Company schlief nie. In Seoul war es jetzt kurz vor sechs Uhr abends am darauffolgenden Tag und das Label war bereits seit Tagen in voller Alarmbereitschaft, um das bevorstehende Essen bis ins kleinste Detail durchzuplanen.
Niemand wollte Fehler oder Patzer riskieren, die sie sich nicht leisten konnten. Am wenigsten Hannah und er.
Jungkook starrte einen Moment lang auf das blinkende Chaos.
Nein ... eigentlich war es dieser erschöpfte Teil von ihm, der gerade auf all das keine Lust hatte.
Er war müde … und frustriert. Er wusste, was in diesen Mails stand. Er wusste, dass dort das Skript für das Restaurant lag, die Sitzordnung und die Anweisungen, wie er sich vor dem Chairman und den Gästen aus den Staaten zu verhalten hatte. Sie wollten seine Zeit und seine Energie … mehr noch als das wollten sie jedoch die absolute Kontrolle.
Doch in dieser Nacht setzte Jeongguk sich durch. In dieser Nacht verweigerte er dem Apparat den Zugriff.
Mit einer schnellen, fast schon trotzigen Bewegung wischte er die Flut der Company-Nachrichten beiseite, ignorierte Harins ungelesene Chats und tippte stattdessen direkt auf den vertrauten und einladenden Chat, der gerade in Nächten wie dieser seine einzige Rettungsinsel in diesem surrealen Universum bedeutete.
Blondie …
In New York war es jetzt kurz nach sechs Uhr morgens. Er wusste nicht, ob sie schon wach war, aber er tippte einfach drauflos. Die Finger klamm vom Training und die Muskeln nach wie vor zermartert von den Gewichten, die er gestemmt hatte.
Er dachte nicht wirklich über seine Zeilen nach. Er schrieb ihr einfach, dass er im Gym war. Dass er müde war und sie vermisste. Dass man ihn dort umzingelt und zur Flucht getrieben hatte, ließ er jedoch ganz bewusst aus.
Schließlich drückte er auf Senden, schloss die Augen und legte das Handy flach auf seine Brust. Lauschte dem leisen und kaum hörbaren Ton, mit dem die Nachricht die Distanz zwischen ihnen überquerte. Spürte, wie sich der harte Knoten in seiner Brust zum ersten Mal an diesem Tag ein winziges Stückchen lockerte. Währenddessen ließ er die Mails der Company ungelesen im Hintergrund weiterbrennen.
Einen Moment wollte er hier, im Halbdunkel seines Hotelbetts, ganz allein sich selbst gehören … und ihr.
Das verdammte Smartphone lag allerdings kaum zwei Minuten auf seiner Brust, als das Display die Dunkelheit der Suite erneut taghell erleuchtete. Das vertraute und aggressive Surren des Vibrationsalarms schnitt durch die Stille.
Harin …
Jeongguk stieß ein langes und frustriertes Seufzen aus und strich sich mit der freien Hand über die brennenden Augen. Natürlich hatte sie keine Zeit verloren, nachdem man sie in Seoul darüber informiert hatte, dass sein Telefon wieder im Netz war.
Zähneknirschend schob er den Regler nach rechts und presste das kühle Glas an sein Ohr.
"Jeongguk-ssi, endlich", ertönte Harins Stimme aus dem Lautsprecher. Sie klang nicht unhöflich, aber geschäftsmäßig und gehetzt - was ihm sagte, dass da drüben vermutlich tatsächlich gerade die Leitung brannte. Oder auch: Dass man brennend darauf gewartet hatte, dass er wieder erreichbar und abkömmlich war. Sie plapperte nicht minder schnell weiter: "Ich weiß, du hast den Drehmarathon gerade erst hinter dir, aber wir haben wirklich keine Zeit mehr. Das Treffen mit dem US-amerikanischen Verlag steht fest, sobald du aus den Staaten zurück bist. Wir müssen die Details durchgehen."
"Verstehe. Ich höre", erwiderte er heiser, schwang die Beine über die Bettkante und stützte die Ellbogen auf den Knien ab. Seine Stimme klang tief und rau … und unendlich erschöpft.
Einen Moment schien Harin das aus der Bahn zu werfen. "Es tut mir wirklich leid", flüsterte sie schuldbewusst. Damit deutete sie an, dass ihnen beiden gerade keine andere Wahl blieb, als das hier durchzuziehen. Allerdings hielt dies scheinbar nicht lange an. "Die Rechtsabteilung und das PR-Team haben das Protokoll finalisiert", ratterte Harin nämlich kurz darauf unbeirrt weiter: "Wir haben das Restaurant im Gangnam Finance Center für den späten Abend gebucht. Absolut schallisoliert, eigener Executive-Aufzug aus der Tiefgarage. Keine Presse und keine Zeugen. Der Chairman wird ebenfalls anwesend sein."
Jeongguk starrte auf den dunklen Teppichboden der Suite. Bei der Erwähnung des Chairmans spannten sich seine Nackenmuskeln unwillkürlich an.
Nicht, dass er wirklich überrascht wäre. Bang PD überließ niemals etwas dem Zufall. Wäre es anders, wäre er nicht, wer und wo er jetzt war: nämlich einer der einflussreichsten Männer Südkoreas.
"Und ... Hannah?", fragte er leise und vorsichtig. Plötzlich kostete es ihn eine unheimliche Überwindung, ihren Namen in einem offiziellen Gespräch mit der Company auszusprechen. Dazu noch am Telefon.
Es fühlte sich an, als würde er ein gottverdammtes Staatsgeheimnis in die Welt hinausposaunen.
"Sie wird dir direkt gegenüber sitzen", erklärte Harin und ihre Stimme wurde eine Nuance gedämpfter. "Aber genau das ist der Punkt. Du kennst das Skript. Wir haben das Schutzschild bereits vor Wochen hochgezogen. Haben dafür gesorgt, dass sie weitestgehend aus dem Fokus genommen wird, wenn die ersten Gerüchte die Runde machen."
Ja … das hatten sie. Indem sie diese andere Frau ins Boot geholt hatten. Diese Frau, die Blondies Alibi-Freundin mimen sollte.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. "Ein Schutzschild aus Lügen", murmelte er heiser … unnötigerweise, aber er konnte es nicht lassen.
"Ein Schutzschild, das eure Zukunft sichert", entgegnete Harin ungerührt, aber bestimmt. "Wenn der Chairman dich dabei erwischt, wie du sie auch nur eine Sekunde falsch ansiehst, ist das Projekt Geschichte. Uns ist bewusst, wie schwer das werden wird, aber es steht verdammt viel auf dem Spiel. Keine verstohlenen Blicke, keine unbedachten Ausreißer und keine Insider, die nur ihr beide kennt. Ihr kennt euch an diesem Tisch nicht. Wir müssen sichergehen …", sie stockte, holte tief Luft und fügte dann leise hinzu: "Wir müssen sichergehen, dass du das verstanden hast."
Jeongguk schloss gequält seufzend die Augen. Zwischen ihren Worten stand nämlich weniger die Frage, ob er sie verstanden hatte, sondern ob er sich unter Kontrolle hatte.
Natürlich konnte und würde man das niemals so sagen. Man sprach, was so etwas anging, bevorzugt in wohl durchdachten Rätseln.
Ja, natürlich hatte er sich unter Kontrolle. Er war kein verdammter Rookie mehr. Er war seit mehr als zehn Jahren im Geschäft. Er wusste, was auf dem Spiel stand.
"Ich habe verstanden", ließ er sie also wissen. Mit einer Spur Trotz in der Stimme.
Harin atmete erleichtert aus. Ein Zeichen dafür, dass ihr das ebenfalls alles andere als leicht gefallen war. "Gut. Ich habe dir die Sitzordnung und die Akten der westlichen Verlagsmitarbeiter per Mail geschickt. Sieh sie dir an, bevor du in den Flieger steigst. Ruh dich aus, Jeongguk-ssi. Wir sehen uns in Seoul."
Die Verbindung knackte … und die Leitung war tot.
Endlich …
Mit einem erleichterten Seufzen nahm Jeongguk das Smartphone vom Ohr und starrte auf den Bildschirm, auf dem die Mail-Benachrichtigung der Company aufleuchtete. Er klickte darauf, öffnete den Anhang und scrollte durch die sterilen und geschäftsmäßigen Dokumente. Und da war es. Mitten zwischen den Profilen von Richard und Lydia war Hannahs offizielles Verlagspassfoto eingebunden.
Er strich mit dem Daumen über das Display, über die vertrauten und auf diesem Bild doch ungewohnt nüchternen Konturen ihres Gesichts. Sein Herz hämmerte in einer schmerzhaften, dumpfen Frequenz gegen seine Rippen.
Sie hatten eine wasserdichte Strategie. Die Company würde die Wogen glätten, die Fans würden diese absurde Lesben-Story fressen.
Aber als er das Handy schließlich ausschaltete und die Dunkelheit ihn wieder umgab, wusste er eines mit brutaler Klarheit: Dieses elende Essen würde ihn innerlich zerreißen.
Doch bevor er der Erschöpfung endgültig nachgeben konnte, entsperrte er das Display ein letztes Mal.
Der Vorfall im Gym ließ ihm keine Ruhe. Deshalb atmete er tief durch und brütete einen müden Moment über der Nachricht, die er seinem brandneuen persönlichen Manager Kwon Yong wenige Augenblicke später zukommen ließ.
Er war hier. Nur wenige Etagen unter ihm und wohlgemerkt kein ganz unbekanntes Gesicht. Bevor Jeongguk ihm vor einigen Monaten gemeinsam mit einer Horde Trainees auf dem Weg zum Debüt in den Gemeinschaftsduschen auf der Zehnten begegnet war, hatte Kwon nämlich bereits zwei Jahre lang dem bandeigenen Managementteam angehört.
Nun war er für ihn zuständig. Ausschließlich für ihn. Und wie ernst er seine neue Aufgabe nahm, zeigte sich daran, dass er ihm antwortete, kaum dass das müde Idol erneut gähnend die Augen schloss und sich der Dunkelheit vollends ergab.
>Keine Sorge, ich werde mich augenblicklich um alles kümmern, Jeongguk-ssi. Nichts davon wird an die Öffentlichkeit geraten. Hab eine erholsame und entspannte Nacht<, ließ Kwon ihn wissen, kaum dass Jeongguk die Augen wieder geöffnet hatte und sie fahrig über das Display wandern ließ.
Kwon deutete damit mehr oder weniger deutlich an, dass er die beiden Frauen und vor allem ihre Handys zum Schweigen bringen würde.
Mit Geld und Gefälligkeiten wie ein paar kostenlosen Plätzen auf den nächsten Gigs und Touren zum Beispiel.
Und ja … auch das war Teil der Freak-Show, in der er eine zentrale Rolle spielte.
Ja … er hätte es ignorieren können. In Kauf nehmen, dass sich die Videos verbreiteten und mehr oder minder große Wellen schlugen. Aber das hier war ein denkbar ungünstiger Augenblick für so etwas.
Sein Debüt sollte nicht von irgendwelchen manipulierbaren Videos überschattet werden, die ihn nachts mit zwei Frauen alleine im Gym zeigten. Ebenso sollte seine Beziehung davon unbehelligt bleiben …
Hannah war ohnehin schon angespannt und dünnhäutig genug.
Ja … er war ebenfalls ein eifersüchtiger Mensch. Demnach konnte er ihre Bedenken und ihre Situation durchaus nachvollziehen. Allerdings war es nicht immer einfach, Verständnis zu zeigen, wenn sie in jedem weiblichen Wesen, das ihm zu nahe kam, eine potenzielle Gefahr sah.
So wie es einige seiner Fans wohlgemerkt ebenfalls taten …
Und ja … vielleicht hätte das etwas Amüsantes …
In einem anderen Leben. Eines, das er vermutlich so schnell nicht oder vielleicht niemals führen würde.
Jeongguk legte das Smartphone endgültig mit dem Bildschirm nach unten auf den Nachttisch, atmete tief in die Dunkelheit der Suite aus und schloss erneut die Augen, für diese Nacht hoffentlich endgültig.
Er war bereit für den Kampf. Für das Album, für die Fans und für das unbarmherzige Skript des Chairmans in Seoul. Er würde das alles durchstehen.
Für sich … und für sie.
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Hallo ihr Lieben, happy Mittwoch. :)
Wie ist es euch seit letztem Freitag so ergangen? Hattet ihr ein schönes Wochenende und konntet ihr die sonnigen Tage noch etwas genießen? Ich habe sie mal wieder am See verbracht. War wirklich traumhaft schön – vor allem für meine Muse.
Wir lesen uns nächste Woche Freitag wieder bei der Hauptstory (16.10.) und übernächste Woche Mittwoch (21.10.) wieder hier. Passt bis dahin auf euch auf. ♥
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Achtung, es folgt ein Teaser vom nächsten Chapter!
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Der Van kroch so langsam durch den abendlichen Verkehr, dass Jungkook irgendwann aufhörte, aus dem Fenster zu sehen. Zu viele rote Bremslichter. Zu viele Minuten, die auf dem Display seines Smartphones verstrichen und ihn unerbittlich näher an den Moment brachten, den er seit Tagen zu verdrängen versuchte.
Noch siebenundzwanzig Minuten. Jedenfalls laut Navigation.