Texting (nach Chapter 14 von NaD)
Texting (nach Chapter 14 von NaD)
Hinweis: Das folgende Chapter kann jederzeit nach Kapitel 14 von Night and Day gelesen werden.
8. Texting
- Mai 2022 -
“Okay, etwas nach links drehen und das Kinn heben. Etwas mehr. Etwas weniger. Minimal mehr. Ja, genauso!”
Jungkook stand stocksteif, während Kenji Murakami - einer der angesagtesten Fotografen der asiatischen Mode- und Musikszene - mehrfach drauf los schoss und Wunder bewirkte. Wahrscheinlich entstanden gerade rund 100 Bilder, nur von dieser einen Pose. Es folgten zwei weitere, bei denen er den Kopf noch etwas weiter drehen sollte und drei weitere, bei denen er das eine Bein vor und das andere zurück und die Position seiner Hand minimal ändern sollte. Zudem wurde sein Make-up zweimal und seine Frisur einmal aufgefrischt. Grund waren die verdammten Scheinwerfer, die ihm fast die Augen und das Hirn rausbrannten. Unter diesen Dingern war es elendig heiß …
Rundum stand er etwa eine halbe Stunde still und ließ sich braten - möglichst ohne Wadenkrämpfe zu bekommen, zu schwitzen oder ohne dass ihm der Arm einschlief, bis Kenji ihn in eine kurze Verschnaufpause entließ. Nach dieser ging es weiter. Wahrscheinlich noch rund zwölf Stunden lang, immer in kleinen Etappen. Das hier heute war ein Großprojekt. Herauskommen würden jedoch ein ganzer Haufen Bilder. Hochglanzbilder, auf denen er sich meistens selbst nicht erkannte. Und das lag nicht nur an der Nachbearbeitung, die jedes Bild durchlief.
Erleichtert entspannte er seine Arme und Beine und trat aus dem gleißenden Scheinwerferlicht. Überließ Taehyung seinen Platz und machte sich auf den Weg in ihre Garderobe, wo er sich an den unzähligen verschiedenen Outfits von den unterschiedlichsten Marken, die sie sponserten, vorbei schob und sich auf eines der Sofas fallen ließ. Auf dem Tisch vor ihm standen einige Snacks und Getränke, allerdings wählte er weise, da er weder sein Outfit, noch sein Make-up ruinieren wollte.
“Die Hälfte müssten wir geschafft haben”, sagte Namjoon neben ihm erleichternd, aber auch aufbauend, während er ihn kurz dabei beobachtete, wie er eine Banane ass und etwas Soda trank. Dabei sah er äußerst zufrieden aus. Wahrscheinlich weil er ihn nicht daran erinnern musste, die kurze Pause zu nutzen, um etwas zu sich zu nehmen.
Nicht, dass er es bei ihm nötig hatte. Meistens jedenfalls nicht. Allerdings sah das bei einigen der anderen Jungs anders aus und Namjoon wäre nicht Namjoon, wenn er nicht stets auf alle ein Auge hätte.
Jungkook nickte kauend und an seiner Dose nippend. Heute hatte er bereits in fünf verschiedenen Outfits gesteckt, rund genauso viele weitere würden noch folgen - und mehr als zwei Drittel der Bilder, die heute entstehen würden, würden Kenjis Cameraroll niemals verlassen. Und von dem einen Drittel, würde er noch einmal mehr als die Hälfte aussortieren. So blieben am Ende von übergreifend wahrscheinlich mehreren Tausend Bildern, die heute von ihnen allen entstehen würden, nur ein paar Handvoll übrig. Und die würden erstmal wochenlang bearbeitet werden, bevor man sie zur Weiterverwendung freigab.
Das hier war also harte Arbeit, auch wenn es am Ende für Laien vielleicht nicht so aussah. Laien wie die, die am Strand ein einziges Bild vom Sonnenuntergang machten und dachten, das wäre bereits eine Kunst. Die Kunst war es, eine Horde Oger wie sie es waren aussehen zu lassen, wie verdammte Models. Und um das zu unterstreichen, verschüttete Joon neben ihm etwas seiner Coke auf das reinweiße Shirt, das er trug.
Das Entsetzen war nicht nur ihm ins Gesicht geschrieben, sondern auch ihrer Mainstylistin für heute. “Zieh das aus”, kreischte diese fast - und ihr Leader gehorchte ohne den geringsten Widerspruch. Und so beobachteten sie Sora dabei, wie sie das sicherlich sündhaft teure Shirt im Schlepptau irgendwo im Off verschwand. Sicherlich, um zu retten, was noch zu retten war.
“Du bist echt eine wandelnde Katastrophe”, stellte Jungkook trocken fest, nachdem er den letzten Bissen seiner Banane geschluckt hatte und einen weiteren - extrem bedachten - Schluck Soda nahm. Sein Shirt war zwar schwarz und demnach bedeutend unempfindlicher, aber Sora würde einen Herzinfarkt bekommen und sie beide erwürgen, wenn er sich ebenfalls einsaute.
Und ja, das war definitiv schon mal passiert. Wie gesagt, hinter den Kulissen waren sie manchmal eine Horde Oger. Er erinnerte sich zum Beispiel an diese eine Run-Episode, bei der er in einer hellen Jeans auf den Arsch gefallen und einen Abhang hinuntergerutscht war. Hätte das Ganze nicht so halsbrecherisch ausgesehen - immerhin hatte er sich dabei das Handgelenk verletzt - und hätte er nicht so ausgesehen, als hätte er die Kontrolle über seinen Darm verloren, hätten sie es der Lacher wegen vielleicht sogar nicht herausgeschnitten. So mussten sie ihm dieselbe Hose noch einmal besorgen und er durfte solange in Unterhosen hinter der Kamera warten.
Der Blick, den sein Leader ihm zuwarf, sprach tausend Bände. Doch sie wurden beide jäh unterbrochen. Einmal von Sora, die Namjoon für einen Outfitwechsel entführte, und dann von Yoongi, der ihm mit einem kurz angebundenen, “irgendwer bombardiert dich mit Nachrichten” sein und das eigene Handy in die Hand drückte und in Richtung des Sets verschwand. Er war als Nächster an der Reihe.
Jungkook legte Yoongis Handy mit dem Display nach unten vor sich auf den Tisch, sicher war sicher, denn sie konnten hier niemandem trauen, und behielt es demnach stets im Auge, während er die Gunst der Stunde nutzte und einen Blick auf sein tobendes Handy warf. Und ja, er hatte tatsächlich einen ganzen Haufen Notifikationen … und bekam stetig weitere … Blondie schien bei Instagram komplett zu eskalieren.
Doch wie gesagt konnte er hier niemandem trauen, also warf er einen prüfenden Blick um sich und öffnete die App erst, als er sicher war, dass er unbeobachtet war. Doch da war nichts … Jungkook runzelte irritiert die Stirn, sah >Du machst mich wahnsinnig. Ich wünschte, du< kurz aufblitzen und wieder verschwinden, bevor er den ganzen Satz hatte lesen und erfassen können.
“Was zur-”, begann er, besann sich dann aber zur Stille, weil er hier nur bedingt unbeobachtet war. Zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen war seiner Sache also wenig dienlich.
>Die Dinge, die ich gerade< erschien und verschwand es auch nahezu direkt wieder.
‘Was zur Hölle war hier los?’, fragte er sich im Stillen und starrte einen Moment mit gerunzelter Stirn auf das Handy in seinen Händen hinab. Oder auch: Was trieb sie da? An einen technischen Defekt glaubte er nämlich nicht. Nicht wenn man die Art ihrer Nachrichten bedachte.
>Was tust du da?<, fragte er also.
>Ich mache mich lächerlich<, antwortete sie. Eine Antwort, über die sie einige Augenblicke gebrütet hatte und die er übersetzen musste, weil er das Wort lächerlich nicht hatte zuordnen können.
>Machst du das öfter?<, stellte er also eine weitere Frage und fügte >mit dir selbst chatten?< an, um deutlich zu machen, worauf genau er sich bezog. Nicht, dass es nötig wäre. Er ging stark davon aus, dass sie auch so verstand.
Aber eigentlich hatte er sich bereits seit Langem vorgenommen, ein besserer Gesprächspartner zu sein. Es war Jungkook nicht neu, dass auf diesem Gebiet massiver Verbesserungsbedarf bestand. Das sagte ihm so ziemlich jeder, mit dem er via Textnachrichten kommunizierte. Also sowohl Freunde, die Band, seine Familie und natürlich hatten es auch Ex-Freundinnen und Liebschaften getan. Und immer wieder gelobte er Besserung, vor allem sich selbst - aber irgendwie wurde da nie was draus.
>Ich habe nicht mit mir selbst gechattet<, antwortete sie.
Na, das hatte von seiner Position definitiv anders ausgesehen. Aber er verkniff es sich, das genauso zu sagen. Er wusste nicht, wie sie auf Triezereien wie diese reagieren würde. Und ihm war gerade nicht danach, sich diese Sache dadurch zu verbauen, dass er ihr gegenüber zu frech oder zu schroff war, wie man ihm einmal bei einem unschönen Trennungsgespräch an den Kopf geworfen hatte.
>Du hast alles gelöscht<, entgegnete er stattdessen nüchtern und trocken. Und ja, auch unendlich langweilig. Aber er lernte aus seinen Fehlern. Oder wenigstens versuchte er es.
>Richtig. Weil du das nicht lesen solltest<, gab sie zurück.
Und das brachte ihn wieder dazu, die Stirn zu runzeln. Wer sollte das denn bitte sonst lesen? Ja, ihm war bewusst, dass er eventuell nicht der Einzige war, mit dem sie sich traf - aber er wollte ungerne der Versuchschat für sie sein. Der in dem man vorschrieb und dann kopierte zum Beispiel. Wobei … natürlich war er kein Idiot. Er ahnte, worum es wirklich ging. Manchmal musste er es nur hören.
Also schrieb Jeongguk: >Weil das nicht für mich war?< Und Jungkook wandte sich beschämt über seine eigenen, erniedrigenden Worte in ihm.
>Natürlich war das für dich<, gab sie zurück und machte wenigstens Jeongguk damit extrem glücklich.
Damit hing er aber fest. Was sollte er daraufhin bitte antworten? Er war nicht gut in sowas und noch weniger gut war er darin, solche Gespräche in einer fremden Sprache zu führen. Also brütete er einen Moment über mögliche Antworten. Gewitzte Antworten. Spielte kurz mit dem Gedanken Namjoon um Rat und Hilfe zu bitten, aber zum einen wollte dies sein Stolz nicht - immerhin wollte er mit ihr chatten und das Handy nicht wie so ein peinlicher 14-Jähriger an seinen älteren Bruder weiterreichen. Und zum anderen wurde Namjoon gerade von Sora neu eingekleidet, weil er sich wie ein 5-Jähriger vollgeschlabbert hatte.
Da musste er also selbst durch und schrieb absolut geistlos: >Deshalb hast du alles immer wieder gelöscht?<
Gott, er war wirklich schlecht in sowas. Morgen fielen ihm sicherlich ein paar wirklich coole Sprüche ein. So war das immer … bis morgen zu warten, war aber keine Option. Naja … heute nicht. Zugegeben, er legte das Handy oft genau mit diesem Hintergedanken beiseite - und vergaß dann komplett, dass er hatte antworten wollen. Drei Wochen lang. Oder im schlechtesten Fall auch mal mehrere Monate.
>Ich habe versucht, die richtigen Worte zu finden<, schrieb sie.
>Das waren verdammt viele Worte, die nicht die richtigen waren<, schwebte es ihm gleich durch den Kopf und da das ausnahmsweise wirklich mal gut war, war er verdammt stolz auf sich, als er übersetzte, kopierte und es ihr schließlich schickte. Er musste dringend weiter an seinem seit Langem gehegten Vorsatz arbeiten, seine Englischkenntnisse zu verbessern. Nicht nur damit das hier etwas flüssiger lief, auch übergreifend. Aber ja, das hier war ein Ansporn. Oder könnte einer sein.
>Viele, aber wahre Worte. Manche etwas direkter als andere. Ertappt also. Ich kann es offensichtlich nicht erwarten, dich wieder zu sehen<, schieb sie und brachte seinen verdammten Kopf damit zum Qualmen. Und während er wieder übersetzte, wurde der Wunsch, seinen verdammten Vorsatz endlich mal umzusetzen, umso lauter.
Es dauerte peinlich lange, bis er ihre Worte übersetzt und verarbeitet hatte. Und umso länger, um über eine wenigstens halbwegs brauchbare Antwort zu brüten. Und leider war sie ihm auch dann noch nicht gekommen, als Taehuyng zurück in die Garderobe kam. Ihm lief die verdammte Zeit davon, also rang er sich dazu durch, >Ich auch< zu schreiben - denn das war besser als nichts
>Du könntest wenigstens etwas fair sein und ein paar deiner nicht-richtigen Worte ebenfalls erst einmal schicken und dann erst löschen<, brachte sie es akkurat auf den Punkt. Auch wenn er nichts geschrieben und gelöscht hatte, hatte er einen ganzen Haufen ungeeigneter Ideen verworfen.
>Ich bin nicht gut in so etwas<, entschloss er sich also dazu, einfach mal ehrlich zu sein. Das war zwar wenig geistreich aber … das war wenigstens etwas, oder nicht?
>Ist gar nicht so schwer, einfach senden, dann lange auf die Nachricht klicken und dann auf Zurückholen<, ließ sie ihn wissen. Und kurz irritierte ihre Antwort ihn. Dann schaffte er es jedoch, den Sarkasmus zwischen ihren Zeilen zu entziffern.
Natürlich hatte sie ihn verstanden. Sie stand, jedenfalls seines Wissens nach, nicht auf dem Schlauch, wie es beispielsweise Yumi - eine seiner Ex-Flammen - getan hatte. Ständige Missverständnisse hatten ihre kurze Beziehung geprägt, gemeinsam mit stetigen ungewollten Kränkungen seinerseits - weil sie weder seine Scherze, noch Sarkasmus oder Ironie verstanden hatte.
Aber … in dieser Beziehung war er Yumi, stellte er fest. Er war es, der Blondies Sprache nicht verstand. Und das war nicht einmal die Einzige und Erste, die sie sprach. Allerdings tröstete es ihn, dass es auch nicht seine Muttersprache war, die er - anders als Yumi - nicht gänzlich verstehen wollte und demnach ständig etwas in den falschen Hals bekam. ‘Wenigstens etwas’, schoss es ihm durch den rauchenden Kopf, während er über eine passende Antwort brütete.
Leider lief seine Zeit ab, bevor er eine solche fand. Denn Sora orderte ihn zum Outfitwechsel. Und sie sah nicht so aus, als wäre sie bereit zu warten. Also legte er das Handy neben Yoongis, mit dem Display nach unten und vor Taehyung, der die nächste Wache übernahm, ab. Runde zwei wartete auf ihn. Dadurch musste er Blondie mit einem wenig geistreichen und überhasteten >Tut mir leid, ich muss gehen< vertrösten.
Allerdings nahm er sich fest vor, spätestens morgen zu antworten. Mit ein paar guten und geistreichen Sprüchen.
***
Ihr Lieben, da ich momentan vor allem bei der Sidestory ungemein gut vorankomme, gibts heute ein außerplanmäßiges Chapter. Das aber auch als kleines Dankeschön für die übergreifend (also bei beiden Storys) vielen Rückmeldungen, Sternchen und Co. Habt einen schönen Sonntag.