LNCrawler

Oldschool

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Oldschool

Zwei Wochen waren vergangen. Vierzehn Tage, in denen der Alltag zurückgekehrt war, doch in Namis Kopf wollte einfach keine Ruhe einkehren. Während sie in der gewaltigen Testhalle von Tachibey Industries stand, fühlte sie sich seltsam abgekapselt von der Welt. Die Stimme ihres Vaters, Hiro Tachiba, drang nur blechern aus den Deckenlautsprechern zu ihr durch. Sie war allein in der Halle, fixiert von den kalten Linsen etlicher Kameras, während hinter den dicken Glasscheiben der Kontrollräume die Techniker über ihre Messgeräte gebeugt saßen.

Eigentlich sollte sie sich auf den brandneuen Prototyp konzentrieren, den ihr Vater entwickelt hatte. Doch ihre Gedanken waren wie ein Kreisel, der nicht aufhören wollte, sich um denselben Punkt zu drehen: Kai.

Es nagte immer noch an ihrem Stolz. Sie hatten keine Nummern getauscht, sicher, aber in Zeiten von Social Media war sie alles andere als unsichtbar. Ihr Account war leicht zu finden, und nach ihrem Sieg gegen Mariah war ihr Name in der Szene in aller Munde. Wenn er gewollt hätte, hätte er nur eine Nachricht tippen müssen. Doch es kam nichts. Funkstille.

~Vielleicht war er wirklich nur ein arroganter Kerl, dem sein Image wichtiger war als alles andere...nein, er war verunsichert. Ich habe es gespürt...~

,dachte sie grimmig. Man hatte sie oft gewarnt für ihn zu schwärmen und dass man sich an ihm die Zähne ausbeißen würde.

„Drei! Zwei! Eins! LET IT RIP!“

Die Automatik des BeyBots welcher den gegnerischen Blade abschoss, riss sie aus den Grübeleien. Nami startete den Test-Blade. Mit einem aggressiven Aufheulen schoss der Kreisel in die Arena und versprühte sofort eine Kaskade aus grellen Funken. Doch anstatt sich auf die Flugbahn zu konzentrieren, sah sie vor ihrem inneren Auge wieder Kais granatrote Augen. ~Schade...~, schoss es ihr durch den Kopf. ~Hinter dieser eiskalten Fassade muss doch mehr stecken...ich spüre es deutlich~

Ein ohrenbetäubender Krach riss sie jäh in die Realität zurück. Das Blade pflügte nicht mehr nur über den Boden; es riss regelrecht tiefe Furchen in den spezialgehärteten Stahl der Arena.

„Was zum...“, stammelte Nami. Die Zerstörungskraft war jenseits von allem, was sie bisher erlebt hatte. Die Funken wurden größer, wechselten von einem hellen Gelb in ein bedrohliches, tiefes Orange. „Tss...“ Sie biss sich hart auf die Lippe und hob warnend die Hand in Richtung der Kameras. Das hier geriet außer Kontrolle. Eine kleine Explosion entfachte direkt im Zentrum der Arena.

„Dad, das geht so nicht! Abbruch! Sofortiger Abbruch!“

Sie versuchte, das Blade zu sich zu rufen, doch der Kreisel reagierte nicht mehr. Es wirkte, als hätte es ein bösartiges Eigenleben entwickelt, schneller und zerstörerischer mit jeder Sekunde.

„NAMI, KOMM SOFORT DA RAUS!“, brüllte Hiros Stimme nun verstärkt und voller Panik durch die Lautsprecher.

Nami zögerte nicht. Sie hechtete zur schweren Stahltür und hämmerte auf den Notknopf. Die Verriegelung schnappte mit einem metallischen Knall auf, und sie schlüpfte hindurch, gerade als die Tür hinter ihr wieder ins Schloss fiel. In derselben Sekunde erschütterte eine gewaltige Detonation das Testgebäude.

Hustend lehnte sie sich im Gang gegen die kühle Wand. Unter dem Türspalt quoll dicker, schwarzer Qualm hervor. Der gellende Alarm des Brandschutzsystems zerriss die Stille. Männer in silbernen Schutzanzügen und mit Feuerlöschern bewaffnet rannten an ihr vorbei. Nami ließ sich langsam am Boden herabsinken, die Hände zitterten. War sie zu unkonzentriert gewesen? War das alles ihre Schuld?

„Nami! Nami, ist alles okay?“ Ihr Vater stürmte herbei, seine massige Gestalt wirkte in der Aufregung noch einschüchternder. Er kniete sich vor sie und packte sie sanft an den Schultern. „Was zum Teufel war das?! Ich habe dir gesagt, dass dieser Prototyp gefährlich ist! Du brauchst volle Kontrolle für dieses Ding!“

„E-Es tut mir leid, Dad... ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte...“, flüsterte sie. Doch tief im Inneren wusste sie es genau: Ihr Herz war in der Arena gewesen, aber ihr Kopf war oben auf der Loge bei einem Mann mit granatroten Augen.

„Was war das überhaupt für ein Teil?“, fragte sie erschüttert. „So etwas darf man doch gar nicht bauen!“

Hiro half ihr auf die Beine, doch seine Aufmerksamkeit galt bereits einem kleinen, dürren Mann, der mit schiefer Brille und einem Klemmbrett herbeigestolpert kam. Es war Gudbrok, einer der leitenden Ingenieure.

„Gudbrok! Bericht! Ist das Feuer aus?“, herrschte Hiro ihn an. Er überragte den kleinen Mann um fast zwei Köpfe und seine geballten Fäuste ließen nichts Gutes ahnen.

„S-Sir, das Feuer ist unter Kontrolle, aber... aber der BeyBot...“, stammelte Gudbrok und klammerte sich an sein Brett.

„Was ist mit dem Bot?!“

„Er ist... Schrott, Chef. Die Explosion hat die Hauptplatine zerfetzt. Es ist nichts mehr übrig.“

Hiros Gesicht lief rot an. „Aber wir haben Backups! Sag mir, dass wir die Backups haben!“

Stille. Nur das ferne Rufen der Feuerwehrmänner in der verrauchten Halle war zu hören.

„Wir...hatten...Backups, Sir... Der Hauptserver stand in Halle Vier. Das war... diese Halle hier.“

Nami sah, wie ihr Vater für einen Moment die Fassung verlor. Er wirkte, als wollte er die gesamte Fassade der Firma eigenhändig einreißen. Wer installierte einen Serverraum in einer Testhalle für Prototypen?! Doch bevor er explodieren konnte, schien er sich an seine Tochter zu erinnern. Er atmete schwer ein und aus, die Zornesfalten auf seiner Stirn glätteten sich mühsam.

„Papa... es tut mir leid. Das ist meine Schuld“, sagte Nami leise.

Hiro hob die Hand. „Nein, mein Schatz. Dieser Prototyp war ein Monster. Ich hätte dich diesem Risiko nie aussetzen dürfen. Die Verantwortlichen für diese Server-Fehlplanung werden sich noch wundern...“ Er strich ihr kurz über das Haar. „Geh nach Hause, Nami. Ruh dich aus. Ich muss das hier klären.“

Wütend und mit ausladenden Gesten stampfend zog er davon, den armen Gudbrok im Schlepptau, der mehrfach über seine eigenen Füße stolperte.

Nami seufzte tief. Es war Samstagvormittag, die Sonne des Juli brannte bereits vom Himmel. Zehn Minuten später saß sie in der Straßenbahn, die sie weg vom Industriegebiet in Richtung der ruhigeren Wohngegend brachte. Das sanfte Ruckeln der Bahn beruhigte sie ein wenig. Draußen zogen die gepflegten Gärten und die vertrauten Straßen an ihr vorbei. Sie freute sich auf das Mittagessen ihrer Mutter und die Stille der Tachiba Villa. Aber während sie aus dem Fenster starrte, wusste sie: Der Prototyp war zerstört, die Daten waren weg....aber das Chaos in ihrem Herzen war geblieben. Und kein Backup der Welt konnte das reparieren.

„Ich bin zu Hause!“, rief Nami in die Stille des weitläufigen Hausflurs. Das vertraute Echo ihrer eigenen Stimme wirkte beruhigend nach diesem chaotischen Vormittag. Sie ließ ihre schwere Sporttasche achtlos auf den polierten Holzboden fallen, schlüpfte aus ihren Schuhen und schritt mit leicht wackeligen Knien in das großzügige Wohnzimmer des Hauses Tachiba.

„Nanu, du bist ja schon hier? Ich hatte dich und deinen Vater eigentlich nicht vor halb zwei erwartet...“

Hilda Tachiba, Namis Mutter, kam mit einem fragenden Blick aus der Küche. Sie war ein wenig größer als Nami, doch die Ähnlichkeit zwischen den beiden war verblüffend – fast so, als blicke Nami in einen Spiegel ihrer eigenen Zukunft. Hildas langes, silberweißes Haar war zu einem kunstvollen, hohen Dutt hochgesteckt, was ihre aristokratische Ausstrahlung betonte. Ihre Augen, in einem tiefen Rotviolett, musterten ihre Tochter besorgt.

Nami streckte sich genüsslich, wobei ihre Gelenke leise knackten. „Es ist leider etwas dazwischengekommen...“, murmelte sie. Während sie sprach, spürte sie wieder dieses unangenehme Kratzen im Hals. Der Rauch in der Testhalle war zwar schnell abgezogen, aber der beißende Geruch schien sich hartnäckig in ihren Atemwegen festgesetzt zu haben.

„Etwas dazwischen? Dass dein Vater dich so früh nach Hause schickt? Na, ich hoffe doch sehr, dass die Firma noch steht“, bemerkte Hilda mit einem seufzenden Unterton. „Ich höre in letzter Zeit viel zu oft von Explosionen und Zwischenfällen. Dein Vater sollte wirklich langsam mal einen Gang zurückschalten mit diesen riskanten Versuchen...“

Nami ließ sich in die weichen Polster der riesigen Couchlandschaft sinken. Es war ein seltenes Privileg; meistens war sie entweder beim Training, in der Universität oder in ihrem Zimmer vergraben. „Du kennst Vati doch, Mum. Er muss immer noch einen draufsetzen. Innovation ist in dieser Branche alles. Wenn wir nicht forschen, machen es die anderen und wir sind weg vom Fenster.“

Mrs. Tachiba rieb sich die Schläfen. „Schon möglich, aber das Geschäft läuft doch auch so hervorragend...“

„Klar läuft es“, entgegnete Nami und starrte nachdenklich an die Decke. „Aber auch nur, weil wir ständig bessere Teile und Erweiterungen entwickeln. Man kann eben nicht zehn Jahre lang dasselbe Produkt verkaufen und erwarten, dass die Blader-Welt darauf wartet.“

Hilda nickte langsam. Sie verstand das Argument, auch wenn ihr das Mutterherz bei dem Gedanken an die Gefahren schwer wurde. „Wohl wahr...“

Der Abend brach an, und die Familie Tachiba versammelte sich wie gewohnt zum Abendbrot. Doch die Stimmung am Tisch war alles andere als entspannt. Nami stocherte lustlos in ihrem Haferbrei herum, während ihre Eltern in eine hitzige Diskussion vertieft waren. Es ging um den massiven Ausfall des BeyBots und – was Hilda viel wichtiger war – um die Sicherheit ihrer Tochter.

„Nicht nur, dass du das Leben deiner Tochter aufs Spiel gesetzt hast, Hiro“, schimpfte Hilda leise, aber bestimmt, „du musst jetzt auch zusehen, wie du dieses Desaster wieder geradebiegst.“

Mr. Tachiba saß fast schon zusammengesunken auf seinem Stuhl und starrte peinlich berührt auf seinen Teller. „Es tut mir leid, wirklich. Das war das erste Mal, dass ein Test derart eskaliert ist. Hätte ich geahnt, wie instabil dieser Prototyp ist, hätte ich Nami niemals an den Starter gelassen. Aber sie ist ein Profi, sie beherrscht selbst die sensibelsten Blades... Ich hätte trotzdem besser auf sie aufpassen müssen.“

Es versetzte Nami einen kleinen Stich, ihren sonst so starken, unerschütterlichen Vater so geknickt zu sehen. Sie griff über den Tisch und tätschelte seine breite Schulter. „Es ist doch alles gut gegangen, Dad. Mach dich nicht fertig. Ich lebe noch, und das ist die Hauptsache.“

Ein schwaches Lächeln stahl sich auf Hiros Gesicht, doch die Sorgenfalten blieben. „Die andere Frage ist nur... was machen wir jetzt? Ohne den BeyBot können wir die neuen Sensoren nicht kalibrieren.“ Er stieß einen schweren Seufzer aus. „Wir müssen es wohl wieder 'Oldschool' angehen. Genau wie vor zehn Jahren.“

Die Geschwister hielten inne. „Oldschool?“, fragte Nami skeptisch.

„Den Bot zu reparieren und neu zu programmieren wird im besten Fall drei Monate dauern, im schlimmsten Fall ein ganzes Jahr“, erklärte Hiro und kratzte sich nachdenklich am Kinnbart. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Bot vorübergehend durch einen Menschen zu ersetzen.“

Nami traute sich kaum nachzufragen. In ihrem Kopf entstanden bereits skurrile Bilder: Sie stellte sich vor, wie der dürre Gudbrok mit seinem Klemmbrett neben der Arena stand und versuchte, einen Starter zu halten. Oder noch schlimmer: Der sechzigjährige Millers, der für das Backup-Debakel verantwortlich war. Sie sah ihn vor ihrem geistigen Auge, wie er mit zitternden Händen versuchte, den Starter zu ziehen, und prustete bei der Vorstellung unwillkürlich los.

Ein kleiner, gezielter Seitenhieb gegen ihren Arm riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Zwillingsbruder Kenji, der direkt neben ihr saß, grinste sie breit an. Er hatte natürlich sofort gemerkt, dass Nami in ihrer eigenen, witzigen Welt versunken war.

„Ob du immer noch lachst, wenn Dad dir verrät, wen er als Ersatz angefordert hat?“, flüsterte Kenji ihr so leise ins Ohr, dass die Eltern es nicht hören konnten. Er schob sich genüsslich eine Cocktailtomate in den Mund. „Ich habe vorhin ein Telefonat belauscht... Mensch, Schwesterlein, du wirst Augen machen.“

„Was?!“, zischte Nami zurück. „Wer ist es?“

Kenji stützte sein Gesicht auf die Hand und kaute langsam, während sein Blick vor Schadenfreude blitzte. „Wirst du schon sehen. Ein echtes Kaliber.“

„Hey, was flüstert ihr zwei da schon wieder?“, unterbrach Midori, die jüngere Schwester, das konspirative Gespräch. Ihre türkisfarbenen Augen blitzten misstrauisch, und auch der kleine Noah hob neugierig den Kopf.

„Nichts für kleine Nasen“, höhnte Kenji und lehnte sich siegessicher in seinem Stuhl zurück.

„Jetzt rück schon raus!“, drängte Nami ihren Bruder flüsternd. „Wer kommt?“

Doch Kenji schüttelte nur den Kopf und grinste weiter vor sich hin. „Wirst du schon sehen. Montag ist der große Tag, soweit ich weiß.“

Nami spürte, wie die Ungeduld in ihr hochstieg. Wenn Kenji nicht reden wollte, musste sie eben die direkte Quelle anzapfen. „Vati? Hast du denn schon jemanden gefunden, der den Bot ersetzt?“

Hiro Tachiba hielt mitten im Satz inne und blickte in die Runde der erwartungsvollen Gesichter. Er wirkte, als würde er seine Worte sehr sorgfältig abwägen. „Ich... ich bin dran. Ich warte noch auf eine verbindliche Zusage, bevor ich Namen nenne. Erst dann erzähle ich euch mehr. Versprochen.“

Nami blickte zu Kenji, der ihr zuzwinkerte. Ein ungutes, aber gleichzeitig aufregendes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Wer war so wichtig oder so beeindruckend, dass ihr Vater so ein Geheimnis daraus machte? Und warum hatte Kenji dieses wissende, fast schon mitleidige Grinsen im Gesicht? Montag konnte gar nicht schnell genug kommen.