Gala
Gala
Der goldene September neigte sich bereits dem Ende zu. Die sommerliche Hitze Tokios war einer angenehmen, frischen Herbstbrise gewichen.
Zwischen Kais rasanten ersten Schritten als frischgebackener CEO der Tachiwari-Corporation und den Hochzeitsvorbereitungen blieb kaum Zeit zum Atmen.
Heute war ein ganz besonderer Tag. Nami befand sich mittlerweile in der 16. Schwangerschaftswoche und der lang ersehnte Kontrolltermin in der exklusiven Privatklinik bei dem alten, vertrauten Dr. Hayashi stand an.
Schon am frühen Morgen hatte Nami minutenlang im seidenen Morgenmantel vor dem großen, bodentiefen Spiegel ihres Schlafzimmers gestanden. Mit einer unendlich sanften, fast ehrfürchtigen Bewegung hatte sie den Stoff beiseitegeschoben und ihr Profil betrachtet. Ihr Bauch war zwar immer noch recht klein... für Außenstehende kaum mehr als eine winzige, elegante Rundung... , doch für Nami war es das schönste Wunder der Welt.
Fast jeden Morgen stand sie so da, strich sich über die Haut und bewunderte ihren „Mini-Bauch“, während sie das leise Flattern tief in ihrem Inneren spürte.
Bis jetzt wusste die Öffentlichkeit absolut nichts von den Neuigkeiten. Die Medien zerrissen sich zwar nach der offiziellen Verkündung ihrer Verlobung immer noch die Mäuler über die bevorstehende Oktober-Hochzeit des „Zaren von Tokio“ und der schönen Tachiba-Erbin, doch das süße Geheimnis unter Namis Herzen war bisher perfekt geschützt geblieben.
Das sollte sich jedoch in genau einer Woche ändern.
Sie und Kai waren auf der alljährlichen, hochkarätigen BBA-Gala eingeladen. Es war das gesellschaftliche Event des Jahres, bei dem die gesamte Weltpresse vertreten sein würde. Und Nami hatte bereits vor Wochen einen absolut brillanten Plan geschmiedet:
Sie würde ein maßgeschneidertes, hautenges Abendkleid tragen, das ihre kleine, unverkennbare Rundung perfekt in Szene setzte. Keine Pressemitteilung, keine trockenen Interviews... sie wollten direkt ein visuelles, unmissverständliches Statement setzen und die Bombe vor den Augen der Welt platzen lassen.
„Du starrst Löcher in den Spiegel, wenn du ihn noch länger so fixierst“, ertönte Kais tiefe, raue Stimme aus der Tür des Ankleidezimmers.
Nami schreckte leicht aus ihren Gedanken hoch und blickte im Spiegel nach hinten. Kai stand im Türrahmen, bereits tadellos in einem dunkelgrauen, maßgeschneiderten Designer-Anzug gekleidet, die Hände lässig in den Hosentaschen. Seine rubinroten Augen ruhten auf ihr, und der sonst so eiskalte Blick des CEOs war von einer unendlichen, fast schon besitzergreifenden Wärme erfüllt, als er ihren nackten, leicht gerundeten Bauch betrachtete.
Nami drehte sich zu ihm um, trat auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Nacken.
„Ich kann es einfach immer noch nicht ganz fassen, Kai“, gestand sie leise, während ihre ozeanfarbenen Augen vor Aufregung funkelten.
„Heute ist die sechzehnte Woche. Glaubst du... glaubst du, Dr. Hayashi kann heute schon sehen, was es wird? Ich bin so unglaublich nervös.“
Kai legte seine großen, warmen Hände sanft auf ihre Hüften und zog sie ein Stück enger an sich. Seine Daumen strichen beruhigend über den seidigen Stoff ihres Morgenmantels.
„Wir werden es gleich wissen“, raunte er tief, und ein extrem seltenes, unendlich stolzes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Und was auch immer es wird... es wird dieses Land in Atem halten. Mach dich fertig, der Wagen wartet bereits.“
Als Kais schwarze Limousine der Tachiwari-Corporation vor dem privaten Seiteneingang hielt, wurden sie bereits von einer Krankenschwester empfangen und ohne Wartezeit direkt in das hochmoderne Ultraschallzimmer des alten Arztes geführt.
Dr. Hayashi, ein älterer Herr mit schütterem, weißem Haar und einer unendlich beruhigenden, großväterlichen Ausstrahlung, empfing die beiden mit einem warmen Lächeln. Er war einer der wenigen Eingeweihten, die das Wunder von Anfang an medizinisch begleitet hatten.
„Ah, das zukünftige Ehepaar Hiwatari“, begrüßte er sie schmunzelnd, während er seine Brille auf der Nase zurechtrückte.
„Sechzehn Wochen haben wir heute auf dem Papier. Wie fühlen wir uns, Nami? Keine morgendliche Übelkeit mehr?“
„Überhaupt nicht, Dr. Hayashi“, erwiderte Nami lächelnd, während sie sich auf der weichen Untersuchungsliege zurechtlegte und ihren Pullover nach oben schob.
„Ich habe nur unbändigen Appetit auf frische Erdbeeren und... ich bin furchtbar neugierig.“
„Das ist völlig verständlich“, lachte der alte Arzt gutmütig. Er trug das kühle Ultraschallgel auf ihre Haut auf, woraufhin Nami kurz zusammenzuckte. Kai trat sofort dichter an die Liege und ergriff ihre Hand.
Seine Finger schlossen sich fest und beschützerisch um die ihre, während sein Blick gebannt auf den großen Flachbildschirm an der Wand wanderte.
Dr. Hayashi setzte den Schallkopf an und bewegte ihn mit geübten, sanften Bewegungen über Namis kleinen Bauch.
Sofort erschien auf dem Monitor das vertraute, kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bild.
Da war es... ihr Baby. Es war in den letzten Wochen unglaublich gewachsen. Man konnte bereits die feinen Umrisse des Kopfes, die winzigen Ärmchen und Beinchen und das regelmäßige, kraftvolle Pochen des kleinen Herzens sehen. Das schnelle, rhythmische Schlagen erfüllte den Raum als leises, wunderschönes Rauschen.
Nami hielt den Atem an, ihre Augen wurden feucht vor Glück. Kai starrte auf den Bildschirm, seine Kiefermuskeln arbeiteten leicht, und in seinen roten Augen spiegelte sich eine so tiefe, ehrfürchtige Emotion, dass Nami seine Hand noch ein Stück fester drückte.
„Nun, sehen wir mal nach, was sich da so versteckt“, murmelte Dr. Hayashi schmunzelnd und zoomte dichter an den Bereich zwischen den winzigen Beinchen heran. Er bewegte den Schallkopf in einem bestimmten Winkel und strich sich nachdenklich über das Kinn.
„Das kleine Ding ist sehr aktiv... ah, warten Sie mal. Jetzt dreht es sich perfekt ins Profil.“
Nami spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug.
„Und? Kann man es sehen?“
Dr. Hayashi hielt den Schallkopf für einen Moment vollkommen ruhig. Ein breites, wissendes Lächeln legte sich auf seine alten Züge, während er mit dem Finger auf eine ganz bestimmte Stelle des Monitors deutete.
„Da haben wir es ja“, sagte der Arzt mit einer unendlich herzlichen Stimme.
„Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe. Wenn ich mir diese Aufnahmen so ansehe... besteht da absolut kein Zweifel. Es wird ein Junge.“
Nami stieß einen leisen, ungläubigen Seufzer aus, während ihr sofort Freudentränen in die ozeanfarbenen Augen schossen. Sie blickte vom Bildschirm auf und sah direkt in Kais Gesicht.
Der frischgebackene CEO der Tachiwari-Corporation stand wie angewurzelt da. Für einen winzigen Wimpernschlag verlor die unnahbare Maske des Zaren von Tokio jegliche Fassung. Seine rubinroten Augen fixierten das winzige Bild auf dem Monitor, und ein unbeschreiblicher Ausdruck aus purer, triumphierender Ehrfurcht und unendlichem Stolz breitete sich auf seinen markanten Zügen aus.
Ein Erbe.
Ein Sohn.
Kai beugte sich hinab, küsste Nami zärtlich auf die Stirn und drückte ihre Hand so fest, als würde er sie nie wieder loslassen wollen. Seine tiefe Stimme vibrierte leise vor zurückgehaltener Emotion.
„Ein Junge“, wiederholte er leise, und das seltene, unendlich warme Schmunzeln auf seinen Lippen war das schönste Geschenk, das Nami sich an diesem Tag hätte wünschen können.
„Er ist kerngesund und zeitgerecht entwickelt“, fügte Dr. Hayashi schmunzelnd hinzu, während er das Bild ausdruckte und es den beiden überreichte.
„Ein kräftiges Kerlchen. Er schlägt jetzt schon Haken wie ein kleiner Champion.“
Als sie wenig später Hand in Hand die Klinik verließen und sich im Fond der abgedunkelten Limousine niederließen, hielt Nami das Ultraschallbild wie einen kostbaren Schatz in ihren Händen. Die Aufregung in ihrer Brust wollte einfach nicht abflauen. Sie blickte aus dem Fenster auf das herbstliche Tokio, während die Skyline an ihnen vorbeizog.
„In einer Woche, Kai...“, flüsterte sie, während sie sich an seine starke Schulter lehnte. Ihre Hand glitt über die feine Rundung unter ihrem Kaschmirpullover.
„In einer Woche auf der Gala wird die ganze Welt erfahren, dass der zukünftige Erbe der Hiwatari unterwegs ist. Und ich kann es kaum erwarten, das Gesicht der Presse zu sehen, wenn ich in diesem Kleid auflaufe.“
Kai legte seinen Arm um ihre Schultern, zog sie fest an sich und blickte mit diesem mörderisch-stolzen, absolut besitzergreifenden Funkeln in den Augen auf sie hinab.
„Lass sie ruhig reden und schreiben, was sie wollen“, raunte er tief an ihrer Schläfe. „Ab nächster Woche weiß die ganze Welt, dass uns die Zukunft gehört.“
Die Limousine glitt mit einem leisen, fast unhörbaren Summen durch die herbstlichen Straßen von Tokio. Draußen zog die goldgelbe Kulisse der Stadt vorbei, während im Inneren des Wagens eine vollkommene, friedliche Stille herrschte. Das gedimmte Licht hob die eleganten Ledersitze hervor und schuf eine Atmosphäre von absoluter Geborgenheit, weit weg vom Trubel der Konzernwelt und der lauernden Paparazzi.
Nami hielt das kleine, noch leicht warme Ultraschallbild behutsam in den Händen. Ihr Zeigefinger glitt in einer zärtlichen, fast ehrfürchtigen Bewegung über den winzigen weißen Umriss auf dem dunklen Hintergrund.
Ein Junge. Ihr Sohn.
Ein leises, unendlich glückliches Seufzen entwich ihrer Brust, während sie den Kopf an Kais starke Schulter lehnte. Er hielt sie fest im Arm, seine große Hand ruhte warm und beschützerisch auf ihrer Hüfte, direkt über der kleinen Rundung ihres Bauches.
„Ein Junge...“, murmelte Nami leise, fast so, als müsste sie sich selbst erst an den Klang der Worte gewöhnen. Sie blickte von dem Bild auf und sah zu Kais markantem Profil auf.
Die Anspannung der letzten Wochen schien für diesen kurzen Moment völlig von ihm abgefallen zu sein.
„Weißt du, was das bedeutet, Kai? Wir müssen uns jetzt wohl ganz offiziell und langsam Gedanken über Namen machen. Ein kleiner Hiwatari-Tachiba-Spross braucht schließlich einen Namen, der ihm gerecht wird. Hast du irgendwelche Vorlieben? Eher etwas Traditionelles?“
Sie lächelte neckisch und stupste ihn leicht mit der Nasenspitze an der Wange an.
„Ich hoffe nur, du bestehst nicht auf die ganz alten, staubigen Namen aus den russischen Archiven.“
Kai rührte sich nicht, doch ein tiefes, unendlich sanftes Timbre ging durch seine Brust, als er leise schmunzelte. Er wandte den Kopf, und seine rubinroten Augen fixierten sie mit einer so absoluten, unerschütterlichen Gewissheit, dass Nami unwillkürlich den Atem anhielt.
Da war nicht der leiseste Zweifel in seinem Blick.
„Ich brauche in keinen Archiven zu suchen“, raunte Kai. Er hob die Hand von ihrer Hüfte, legte seine Finger sanft an ihr Kinn und zwang sie ganz sachte, ihn direkt anzusehen.
„Ich habe schon länger einen Namen im Sinn. Seit dem Tag, an dem ich wusste, dass du schwanger bist.“
Nami blinzelte überrascht. Ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich vor Neugier.
„Wirklich? Und der wäre?“
Kai strich mit dem Daumen sachte über ihre Unterlippe. Seine Stimme besaß plötzlich eine feierliche, fast ehrfürchtige Schwere, die das kleine Wunder in ihrem Bauch wie ein unsichtbarer Schutzwall umhüllte.
„Gou“, sagte er ruhig und klar. „Gou Hiwatari.“
Der Name hallte wie ein tiefer, kraftvoller Glockenschlag im Inneren des Wagens nach.
Nami hielt den Atem an und spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie schloss für einen Moment die Augen und ließ den Namen auf sich wirken.
~Gou~
Er klang stark, unbeugsam und stolz. Er trug die wilde, feurige Entschlossenheit seines Vaters in sich, besaß aber gleichzeitig eine scharfe, moderne Eleganz. Es war ein Name für einen Anführer, für jemanden, der das Schicksal mit eigenen Händen bezwingen würde.
„Gou...“, flüsterte sie leise, um den Klang auf ihrer eigenen Zunge zu spüren. Als sie die Augen wieder öffnete, strahlten sie in einem unbeschreiblich glücklichen Glanz. Sie legte ihre Hand über Kais Hand, die immer noch an ihrer Wange lag.
„Er ist perfekt, Kai. Stark, stolz... genau wie sein Vater.“
„Er wird aussehen wie ich“, fügte Kai mit einem mörderisch-stolzen, absolut besitzergreifenden Schmunzeln hinzu, während er sie wieder fest an seine Brust zog. Seine Augen brannten vor einem inneren Feuer, das lauter als tausend Worte sprach.
„Und er wird dieselbe Kraft besitzen. Niemand wird sich ihm jemals in den Weg stellen.“
Nami lachte leise und glücklich auf, drückte ihr Gesicht an seine Halsbeuge und seinen vertrauten Duft und die feine, warme Note seiner Aura. In genau einer Woche würde die Welt erfahren, dass der Grundstein für diese neue Ära gelegt war... doch für den Moment gehörte dieser unendlich kostbare Name nur ihnen beiden und dem neuen Leben, das unter ihrem Herzen heranwuchs.
Eine Woche später...
Das Blitzlichtgewitter am roten Teppich vor dem majestätischen Grand Palace Hotel in Tokio war so intensiv, dass es den nächtlichen Septemberhimmel in ein unnatürliches, flackerndes Weiß tauchte. Hunderte Journalisten, Fotografen und Kamerateams aus aller Welt drängten sich hinter den Absperrungen. Die alljährliche BBA-Gala war ohnehin das gesellschaftliche Ereignis des Jahres, doch heute Abend gab es nur ein einziges Thema, das die Gemüter erhitzte: der erste gemeinsame Auftritt des frischgebackenen „Zaren von Tokio“ und seiner Verlobten nach der spektakulären Firmengründung der Tachiwari-Corporation.
Hinter den getönten Scheiben der herangerollten, tiefschwarzen Limousine herrschte im krassen Gegensatz dazu eine vollkommene, fast meditative Stille.
Kai saß aufrecht auf dem Ledersitz, die Beine elegant überschlagen.
Sein maßgeschneiderter, pechschwarzer Smoking saß absolut tadellos, das weiße Hemd bildete einen scharfen Kontrast zu seiner dunklen Ausstrahlung. Seine rubinroten Augen waren auf Nami gerichtet, die neben ihm saß und noch einmal tief durchatmete.
Ihr Kleid war ein absolutes Meisterwerk der Haute Couture. Es bestand aus schwerer, nachtblauer Seide, die im fahlen Licht der Straßenlaternen fast schwarz schimmerte. Der Schnitt war atemberaubend: hochgeschlossen, mit langen, eleganten Ärmeln, aber so unbarmherzig hauteng geschnitten, dass es sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte.
Jede Naht war darauf ausgelegt, ihre Silhouette nachzuzeichnen. Und genau dort, auf der Höhe ihrer Mitte, zeichnete sich unübersehbar und perfekt gerundet ihr kleiner, stolzer Babybauch ab. Die Wölbung war zwar noch kompakt, aber unter diesem Stoff absolut unmissverständlich. Sie trug keine weiten Schnitte, um etwas zu kaschieren. Im Gegenteil. Dieses Kleid war eine Kriegserklärung an alle Gerüchte.
„Bist du bereit?“, fragte Kai. Seine große Hand glitt zu ihrer und drückte sie fest. Seine Augen brannten vor einem besitzergreifenden, mörderischen Stolz, als er sie betrachtete.
Nami sah ihn an, und ein unendlich schönes, selbstbewusstes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Ihre ozeanfarbenen Augen blitzten vor Entschlossenheit.
„Mehr als bereit. Lass uns ihnen zeigen, wem die Zukunft gehört.“
Kai nickte dem Fahrer kurz zu. Im selben Moment öffnete der Chauffeur von außen die Wagentür.
Als Kais markante Gestalt aus der Limousine stieg, ging ein Raunen durch die Menge. Die Fotografen schossen im Akkord Bilder, während Kai sich umdrehte und Nami gentlemanlike die Hand reichte, um ihr aus dem Wagen zu helfen.
In dem Moment, als Nami ins helle Licht der Scheinwerfer trat und sich in ihrer vollen Größe aufrichtete, schien für einen winzigen, geladenen Herzschlag die Zeit auf dem roten Teppich komplett stillzustehen.
Das dumpfe Gemurmel der Reporter erstarb augenblicklich. Augen weiteten sich, Münder klappten auf, und mehrere Kameraleute vergaßen für eine Sekunde, ihre Linsen scharfzustellen. Der Blick aller Anwesenden wanderte wie magnetisch angezogen von Namis strahlendem Gesicht hinab zu ihrer Taille... und blieb starr an der perfekten, runden Wölbung unter der nachtblauen Seide hängen.
Es brauchte keine Pressemitteilung. Keine hochtrabenden Erklärungen der Tachiwari-Corporation. Dieses visuelle Statement traf die anwesende Medienwelt mit der Wucht eines Dranzer-Angriffs.
Dann explodierte die Geräuschkulisse in einem ohrenbetäubenden Orkan.
„NAMI! HIERHER!“, schrien die Fotografen wild durcheinander. Das Blitzlichtgewitter verzehnfachte seine Intensität, als die Presse versuchte, jeden erdenklichen Winkel dieser Sensation einzufangen.
„Miss Tachiba! Sind Sie schwanger?!“
„Mr. Hiwatari! Erwartet der Tachiwari-Konzern einen Erben?!“
„Wann ist der Geburtstermin?!“
Kai ignorierte die schreienden Reporter vollkommen. Er legte seine große Hand flach und unendlich beschützerisch auf Namis unteren Rücken, wobei seine Fingerspitzen fast die Wölbung ihres Bauches berührten... eine besitzergreifende Geste, die den Fotografen sofort das nächste Motiv für die morgigen Titelseiten lieferte.
Seine mächtige Aura schirmte Nami regelrecht gegen den Trubel ab, während sie mit königlicher Eleganz und einem unnahbaren, glücklichen Lächeln über den roten Teppich schritt.
Im Foyer des Grand Palace Hotels angekommen, schlossen sich die schweren Glastüren hinter ihnen und dämpften das Chaos der Presse ab. Doch auch hier, unter den geladenen Gästen der BBA, den Sponsoren und Funktionären, war die Luft augenblicklich wie elektrisiert.
Mr. Dickenson, der gerade mit einem Glas Champagner in der Hand mit einigen Vorstandsmitgliedern gesprochen hatte, erstarrte mitten im Satz. Seine Augen hinter der runden Brille wurden so groß wie Untertassen, und sein Schnurrbart zuckte fassungslos nach oben, als er Nami erblickte.
„Bei allen Beyblades der Welt...“, murmelte der BBA-Präsident komplett sprachlos, während er hastig sein Glas auf dem nächsten Tablett abstellte und mit schnellen, ungläubigen Schritten auf das Paar zukam.
Nami genoss die fassungslose Ehrfurcht, die ihnen aus allen Ecken des Saals entgegenschlug. Sie blickte hoch zu Kai, dessen Miene zwar gewohnt kühl und arrogant blieb, in dessen roten Augen jedoch dieses unbezwingbare, triumphierende Feuer brannte.
Mr. Dickenson kam so hastig auf die beiden zugeilt, dass seine runde Brille ihm fast von der Nase gerutscht wäre. Er hielt erst wenige Zentimeter vor ihnen an, rang sichtlich nach Fassung und starrte fassungslos auf Namis unübersehbare, wunderschöne Wölbung unter dem engen, nachtblauen Seidenstoff.
Mehrere Sekunden lang zappelte sein buschiger, weißer Schnurrbart aufgeregt auf und ab, während er abwechselnd Nami und den stoischen Kai anstarrte.
„Bei allen legendären Bit-Beasts dieses Planeten...“, brachte der BBA-Präsident schließlich mit belegter, unendlich emotionaler Stimme heraus. Er zog ein fein gebügeltes, weißes Stofftaschentuch aus seiner Brusttasche und tupfte sich damit fassungslos über die Stirn.
„Nami, mein Kind... Kai... Das ist... Das ist ja die absolut spektakulärste Nachricht des gesamten Jahrzehnts!“
Nami lächelte unendlich warm und legte ihre Hand ganz natürlich auf ihren Bauch, während Kai den BBA-Präsidenten mit seiner gewohnten, unnahbaren Gelassenheit, aber ohne seine übliche Kälte betrachtete. Er respektierte den alten Mann, der ihn jahrelang durch die Höhen und Tiefen seiner Blader-Karriere begleitet hatte.
„Oh, mein Gott“, murmelte Mr. Dickenson, und ein breites, gerührtes Lächeln breitete sich auf seinem runden Gesicht aus, während seine Augen verräterisch zu glänzen begannen. Er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Jetzt... jetzt ergeben so einige Dinge aus den letzten zwei Monaten endlich einen Sinn! All deine plötzlichen Ausfälle in der BBA, Nami, und diese ungewöhnlich vielen Pausen, die du am Anfang so dringend gebraucht hast... Und ich alter Mann dachte tatsächlich, diese ungewohnt weite Kleidung, die du in letzter Zeit getragen hast, sei einfach nur eine neue, moderne Art von Mode!“
Nami konnte ein leises, melodisches Lachen nicht zurückhalten.
„Ein sehr exklusiver Modetrend, Mr. Dickenson. Aber wie Sie sehen, hat er einen wunderbaren Grund.“
„Ein wunderbarer Grund? Das ist ein medizinisches, ein absolut göttliches Geschenk!“, rief der alte Mann gerührt aus. Er steckte sein Taschentuch zurück und trat einen Schritt dichter an Kai heran.
Für einen Moment sah es so aus, als wollte Mr. Dickenson den unnahbaren Ex-Champion am liebsten stürmisch in die Arme schließen, doch als er in Kais rubinrote Augen blickte und die gewohnt mächtige, dominante Aura spürte, entschied sich sein Selbsterhaltungstrieb für eine ehrerbietige, aber zutiefst emotionale Geste. Er legte Kai stattdessen eine Hand väterlich auf die Schulter. Seine Augen füllten sich nun endgültig mit Tränen der Rührung.
„Kai...“, flüsterte der BBA-Präsident, und seine Stimme zitterte leicht vor aufkommenden Tränen.
„Ich kenne dich nun schon seit so vielen Jahren. Ich habe dich als diesen verschlossenen, unendlich einsamen Jungen kennengelernt, der sich gegen die ganze Welt aufgebäumt hat. Dich heute hier zu sehen... als starken Mann, als zukünftigen Ehemann und nun... als Vater... Ich kann mir nach all den Jahren wirklich nichts Schöneres mehr vorstellen. Ich freue mich so unendlich für dich, mein Junge. Für euch beide.“
Kai rührte sich nicht, doch in seinen roten Augen blitzte für einen winzigen Moment eine tiefe, aufrichtige Emotion auf. Er spürte Namis Hand, die sich beruhigend in seine schob. Die absolute Ehrlichkeit und Wärme in den Worten des alten Mannes durchbrach selbst seine sonst so unbezwingbare Schutzmauer.
„Danke, Dickenson“, brummte Kai mit seiner tiefen Bassstimme. Sie klang ungewohnt leise, trug aber eine ehrliche Schwere in sich, die dem BBA-Präsidenten zeigte, wie viel ihm diese Worte bedeuteten.
„Wir werden dieses Kind mit allem beschützen, was wir haben“, fügte Kai hinzu, während er seinen Arm wieder fest um Namis Taille legte und sie eng an seine Seite zog.
„Niemand wird ihm jemals zu nahe treten.“
„Davon bin ich felsenfest überzeugt!“, schluchzte Mr. Dickenson leise auf und putzte sich geräuschvoll die Nase in sein Taschentuch.
„Der zukünftige Erbe des Tachiwari-Imperiums... ein Hiwatari und gleichzeitig ein Tachiba! Ich muss sofort dafür sorgen, dass wir die exklusivsten BBA-Sponsoringverträge für die Erstausstattung vorbereiten! Nur das Beste für den kleinen Champion!“
Nami lachte glücklich und lehnte sich vertrauensvoll an Kais starke Schulter.
Während um sie herum die ersten Vorstandsmitglieder neugierig tuschelnd näher rückten und die Nachricht sich wie ein Lauffeuer im edlen Saal des Grand Palace Hotels verbreitete, wussten beide: Die Welt mochte ihnen zusehen, doch sie hielten ihre Zukunft bereits fest in den Händen.
Etwa eine Stunde später...
Die schweren, schallisolierte Flügeltüren des privaten VIP-Salons schlossen sich mit einem dumpfen, satten Klacken hinter ihnen. Sofort verstummte das unruhige Summen des herrschaftlichen Foyers, das hysterische Rufen der Reporter und das klirrende Champagner-Getuschel der High Society.
Hier drinnen herrschte eine vollkommene, fast sakrale Ruhe.
Der Raum war in warmes, gedimmtes Licht gehüllt, das von versteckten Wandleuchten und einem eleganten Kamin aus dunklem Marmor ausging, in dem ein sanftes Feuer knisterte. Schwere, smaragdgrüne Samtvorhänge schluckten jedes Geräusch von draußen, während die bodentiefen Fenster den Blick auf das herbstlich glitzernde Lichtermeer von Minato freigaben. Die Luft duftete dezent nach edlem Zedernholz, frischem Tee und der vertrauten, beruhigenden Wärme, die Kai stets umgab.
Kai atmete tief durch die Nase aus, während er sich die Krawatte seines Smokings mit einer fließenden Bewegung um wenige Millimeter lockerte. Die kühle, unnahbare Maske des CEOs schien in den weichen Schatten des Salons augenblicklich zu schmelzen.
Er drehte sich zu Nami um, die auf einem der tiefen, weichen Ledersessel Platz genommen hatte.
Das nachtblaue Seidenkleid schimmerte im Feuerschein wie flüssiges Metall. Nami legte seufzend den Kopf zurück, während ihre Hand fast instinktiv auf die kleine, stolze Rundung ihres Bauches glitt. Sie sah wunderschön aus... königlich, stolz und doch von einer unbeschreiblichen, weichen Mütterlichkeit erfüllt.
Kai trat schweigend an sie heran. Er beugte sich zu ihr hinab, stützte die Hände auf die Armlehnen ihres Sessels und fing ihren Blick mit seinen rubinroten Augen ein. Sein Blick brannte vor einer besitzergreifenden, mörderischen Intensität, die nur ihr allein galt.
„Müde?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, die in der Stille des Raumes eine ungemein beruhigende Wirkung hatte.
„Ein bisschen“, gestand sie mit einem leisen Lächeln und hob die Hand, um sanft über seine markante Wange zu streichen. Seine Haut war warm unter ihren Fingerspitzen.
„Aber es war jeden Moment wert. Hast du die Gesichter der Journalisten gesehen? Und der arme Mr. Dickenson... ich dachte kurz, er fällt uns in Ohnmacht.“
Kai schnaubte leise, ein unendlich trockenes, amüsiertes Geräusch. Er drehte den Kopf ein Stück und drückte einen sanften, heißen Kuss in ihre Handfläche, ehe er seine Hand über die ihre auf ihrem Bauch legte. Seine großen Finger deckten die kleine Wölbung fast vollständig ab.
Nami sah ihn einen langen Moment lang schweigend an. Das Knistern des Kaminfeuers war das einzige Geräusch zwischen ihnen. Ihre ozeanfarbenen Augen suchten seine Züge, lasen in den feinen Linien um seine Augen und der vertrauten, scharfen Kieferlinie. Ein Hauch von nachdenklicher Ernsthaftigkeit legte sich über ihr Gesicht.
„Kai...“, begann sie leise, und ihre Stimme war kaum mehr als ein zärtliches Flüstern.
„Wie fühlt es sich eigentlich mitlerweile für dich an? Ich meine... du wirst im November einundzwanzig. Du bist noch so jung, führst bereits ein gigantisches Konzernimperium und in wenigen Monaten hältst du unseren Sohn in den Armen. Einundzwanzig... und du wirst Vater.“
Sie hielt kurz inne, strich mit dem Daumen über seinen Handrücken, der auf ihrem Bauch ruhte.
„Du hast früher immer gesagt, dass du niemals Kinder wolltest. Dass du die Linie deiner Familie am liebsten mit dir enden lassen würdest, nach all dem Schmerz, den du durch deinen Großvater und die Abtei erfahren hast, nach all den Lügen und der Sache mit Maylin... Haderst du manchmal immer noch insgeheim damit? Hast du Angst vor dem, was kommt?“
Die Frage hing wie ein schwerer, ehrlicher Schleier in der warmen Luft des Salons.
Kai bewegte sich nicht. Seine rubinroten Augen fixierten sie unentwegt, und für einen Moment war es, als würde die Zeit stillstehen.
Nami wusste genau, welche Dämonen in seiner Vergangenheit lauerten. Sie wusste, wie sehr er als Kind gelitten hatte, wie man ihm seine Kindheit geraubt und ihn zu einer eiskalten Waffe geformt hatte.
Ein Kind zu zeugen, hatte für den jungen Kai Hiwatari jahrelang bedeutet, die Kette des Schmerzes weiterzugeben.
Kai schloss für einen winzigen Moment die Augen. Er holte tief Luft, und als er sie wieder öffnete, lag darin eine so absolute, unerschütterliche Tiefe, dass es Nami den Atem raubte.
„Nein“, sagte er ruhig. Seine Stimme war tief, fest und frei von jedem Zweifel.
Er nahm ihre Hand von ihrem Bauch, führte sie an seine Lippen und blickte sie über ihre Fingerspitzen hinweg an.
„Ich hadere nicht mehr damit.“
Er richtete sich ein Stück auf, setzte sich auf die breite Lehne ihres Sessels und zog sie sanft an seine Brust. Nami schmiegte sich eng an ihn, atmete seinen vertrauten Duft ein, während er den Arm um ihre Schultern legte und seine andere Hand wieder beschützerisch auf ihren Bauch gleiten ließ.
„Ja... ich wollte nie Kinder, weil ich dachte, die Welt... und mein Inneres seien zu dunkel dafür“, raunte er, und seine Stimme vibrierte tief an ihrer Schläfe.
„Und weil ich dachte, das Blut, das in meinen Adern fließt, bringt nur Zerstörung. Ich hatte Angst, dass ich... wie Voltaire werden könnte. Oder dass ich die Dunkelheit der Abtei nicht von meinem Kind fernhalten kann.“
Er hielt inne, und seine Finger auf ihrem Bauch zogen sich unmerklich ein Stück fester zusammen.
„Aber Gou... Gou wird nicht in der Dunkelheit aufwachsen. Er hat dich. Er hat uns. Ich werde ihm ein Vater sein, wie ich ihn selbst nie hatte. Ich werde ihm zeigen, was Stärke bedeutet, ohne ihm die Seele zu rauben. Und wenn sich dieser Junge jemals den Dämonen meiner Vergangenheit stellen muss... werde ich vor ihm stehen und sie für ihn vernichten.“
Ein tiefer, unendlich stolzer Glanz trat in seine roten Augen, als er in die Dunkelheit des Salons blickte.
„Er ist kein Fluch. Er ist mein Triumph über alles, was mich jemals zerstören wollte. Ich hadere nicht. Ich bin bereit.“
Tränen der tiefen Rührung und des unendlichen Glücks traten in Namis Augen. Sie drückte ihr Gesicht fest an seinen Hals, während ihre Arme sich fest um seinen Nacken schlangen.
Kai hielt sie fest an sich gedrückt, spürte das regelmäßige Heben und Senken ihrer Brust und wie der feine Duft ihres Parfums ihn vollkommen einhüllte.
Nach einem langen Moment des Schweigens lockerte er seinen Griff minimal, gerade so weit, dass er auf sie hinabsehen konnte. Seine rubinroten Augen spiegelten das warme Spiel der Flammen wider, als er leise, mit einem fast unmerklichen, amüsierten Zucken seiner Mundwinkel, fragte:
„Und du? Hast du dir jemals vorgestellt, bereits mit neunzehn Mutter zu werden? Ich meine mich zu erinnern, dass das sicher nicht der Plan war.“
Nami stieß ein leises, melodisches Lachen aus, das die melancholische Schwere des Raumes augenblicklich vertrieb.
„Oh, absolut nicht“, gestand sie und schüttelte schmunzelnd den Kopf, während ihr Haar im Feuerschein silbrig glänzte.
„Eigentlich stand in meinem Lebensentwurf frühestens dreiundzwanzig oder sogar noch ein ganzes Stück später auf dem Papier. Aber Pläne sind wohl dazu da, umgeworfen zu werden.“
Ihr Lächeln wurde weicher, nachdenklicher, und sie sah auf seine große Hand hinab, die immer noch warm auf ihrem kleinen Babybauch ruhte.
„Weißt du... dieser sehnliche Wunsch... Er war bei mir nur deshalb so unglaublich präsent, weil uns das ganze Thema von Beginn unserer Beziehung an so intensiv begleitet hat. Erst die schmerzhaften Schatten deiner Vergangenheit, dann Hanas Schwangerschaft... Es hat mich einfach so tief beschäftigt, dass der Wunsch in mir gewachsen ist, bis er keinen Platz mehr für ein 'Später' ließ. Und so ist es eben viel früher passiert, als wir es je hätten planen können.“
Doch während sie sprach, veränderte sich die Nuance in ihrer Stimme. Das amüsierte Funkeln in ihren ozeanfarbenen Augen erlosch, und eine plötzliche, schmerzhafte Kälte legte sich über ihre Züge. Nami atmete zittrig ein, hielt den Blick gesenkt und strich mechanisch über den Stoff ihres Kleides.
„Damals...“, flüsterte sie leise, und ihre Stimme brach für einen winzigen Moment.
„Wollte mir.... Jemand tatsächlich weißmachen, ich solle mich doch einfach entspannen. Mir wurde gesagt, wir seien noch so jung... und wer wisse schon, ob unsere Beziehung überhaupt lange halten würde. Dass ich doch noch so unendlich viel Zeit hätte, diesen Kinderwunsch später mit jemand anderem zu leben.“
Bei diesen Worten hob Nami den Kopf. Sie sah Kai direkt in die Augen, und er konnte das verräterische Glitzern von unterdrückten Tränen in ihren Augenwinkeln sehen.
Der bloße Gedanke an diese verletzenden Worte, die damals wie Gift in ihren Ohren geklungen hatten, schnürte ihr noch immer die Kehle zu.
„Mit jemand anderem...“, wiederholte sie, und ein trauriges, fast trotziges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Als ich daraufhin sagte, dass es für mich niemals einen anderen geben würde... da haben uns diese Menschen wohl für naiv und kitschig gehalten. Sie dachten, es sei nur die erste, blinde Teenager-Liebe. Sie haben nicht verstanden, dass das zwischen uns keine Phase ist.“
Kais Kiefer mahlte sichtlich. Seine Züge wurden augenblicklich steinhart, und in seinen roten Augen flammte eine gefährliche, eisige Glut auf. Jede Faser seines Körpers spannte sich an bei der Vorstellung, dass irgendjemand es gewagt hatte, Nami einzureden, ihre gemeinsame Zukunft sei nur von kurzer Dauer.
Er wartete nicht. Mit einer schnellen, aber unendlich sanften Bewegung legte er seine Hand an ihre Wange, strich mit dem Daumen die Träne fort, die sich doch ihren Weg über ihre Haut gebahnt hatte, und zwang sie, seinen Blick zu halten.
„Lass sie alle reden“, raunte er, und seine tiefe Bassstimme besaß eine so absolute, schneidende Autorität, dass kein Zweifel im Raum zurückblieb.
„Sollen sie uns für naiv halten. Sie haben keine Ahnung von der Kraft, die uns verbindet. Sie leben in ihren kleinen, unbedeutenden Welten, während wir uns das Imperium nehmen.“
Er beugte sich vor, drückte seine Stirn sanft gegen die ihre und atmete ihre Nähe ein.
„Es gab nie einen anderen für dich, Nami. Und es wird nie eine andere für mich geben. Was wir haben, ist für die Ewigkeit... und unser Sohn ist der lebende Beweis dafür.“
Das Kaminfeuer warf unruhige, goldene Schatten an die Wände des gedimmten VIP-Salons, während Kai Nami noch ein Stück enger an sich zog. Sie lag still an seiner Brust, ihr Atem ging mittlerweile ruhig und gleichmäßig, und ihre Hand ruhte vertrauensvoll auf seinem Arm.
Als er so dasaß und schweigend in die tanzenden Flammen blickte, legte sich eine tiefe, fast ehrfürchtige Stille über seine Gedanken. Namis Worte über das Erwachsenwerden, über das Alter und die ungläubigen Blicke der anderen hallten in ihm nach.
Mit fast einundzwanzig Jahren stand Kai an einem Punkt, den die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben nicht erreichten. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie viel früher er erwachsen geworden war als alle anderen in seinem Alter.
Eigentlich war es nie anders gewesen.
Kai... musste... schon immer reifer sein.
Selbstständiger. Stärker. Unerschütterlicher als jeder andere um ihn herum.
Seine Kindheit war kein Spielplatz gewesen, sondern ein eiskaltes Schlachtfeld, geschmiedet in den düsteren Mauern der Abtei und unter dem tyrannischen Willen seines Großvaters.
Während andere Kinder behütet aufwuchsen, lernte Kai, dass Schwäche den Untergang bedeutete. Er hatte sich selbst großziehen müssen, hatte seine eigenen Wunden im Stillen geheilt und gelernt, Gefühle hinter einer undurchdringlichen Rüstung aus Eis zu verbergen.
Jetzt, in seinen Zwanzigern, war die Kluft zu seinen Altersgenossen nur noch deutlicher spürbar geworden.
Während Gleichaltrige unbeschwerte Weltreisen veranstalteten, Universitäten besuchten, um sich selbst zu finden, das Leben feierten und all die unbeschwerten, manchmal törichten Dinge taten, die junge Menschen eben taten, trug Kai bereits die Last eines Weltimperiums auf seinen Schultern.
Er führte Verhandlungen, die über das Schicksal von Tausenden Mitarbeitern entschieden. Er war verlobt mit der Frau, die seine gesamte Welt bedeutete. Und er war im Begriff, in wenigen Monaten ein Vater zu werden.
Kai war seinen Altersgenossen schon immer einige Schritte voraus gewesen. Doch der Preis dafür war hoch gewesen. Während er durch pure Gewalt und Schmerz dazu gezwungen worden war, im Zeitraffer erwachsen zu werden, waren die anderen in die warmen, schützenden Decken ihrer Jugend gehüllt gewesen... getragen von der bedingungslosen Liebe und dem weichen Nest ihrer Familien.
Sie hatten den Luxus gehabt, schwach zu sein. Er nicht.
Doch als Kai jetzt auf Nami hinabsah und seine Hand sanft über die kleine, warme Rundung ihres Bauches gleiten ließ, spürte er nicht den geringsten Funken von Bitterkeit.
Es war kein Verlust von Selbtbestimmung oder Kontrolle mehr. Schon lange nicht mehr.
In Kais Augen war all der Schmerz, all die frühe Kälte und die erzwungene Stärke genau das, was ihn zu dem Mann gemacht hatte, der er heute war. Es war das Fundament, auf dem er nun sein eigenes Reich baute.
Jemand, der keine Angst vor der Dunkelheit hatte, weil er sie selbst bezwungen hatte. Jemand, der fähig war, zu führen, ohne zu wanken. Und vor allem: Jemand, der fähig war, das zu beschützen, was ihm heilig war, mit einer mörderischen, unbändigen Entschlossenheit.
Er hatte seine Jugend geopfert... aber dafür besaß er nun die Macht, seinem Sohn ein Leben zu schenken, das frei von diesen Schatten war. Er würde für Gou die schützende Decke sein, die er selbst nie hatte.
Kai beugte sich hinab, vergrub sein Gesicht im silbrig-weißen Haar seiner Verlobten und atmete tief ihren vertrauten Duft ein. Ein unendlich stolzes, ruhiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Ihm war kein Weg zu schwer gewesen, um hierher zu gelangen. Und nun war er bereit für alles, was noch kommen mochte.