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Auf die Zukunft

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Auf die Zukunft

Nachdem der Trubel um Mr. Dickenson verraucht war und Kai und Nami ein paar kostbare, ungestörte Minuten im VIP-Salon verbracht hatten, traten sie wieder hinaus in den prachtvollen Festsaal des Grand Palace Hotels.

Die sanfte Musik des Orchesters lag in der Luft, das Klirren von Kristallgläsern hallte wider, doch die Blicke der geladenen Gäste folgten den beiden auf Schritt und Tritt.

Plötzlich durchbrach eine nur zu vertraute, lautstarke Stimme das aristokratische Hintergrundmurmeln.

„Mann, Kai! Du machst wirklich niemals halbe Sachen, was?!“

Tyson Granger kam mit großen Schritten auf sie zu, die Hände lässig in den Hosentaschen seines Smokings, der an ihm wie gewohnt ein wenig fehl am Platz wirkte.

Neben ihm gingen Ray und Max, beide stilsicher gekleidet und mit breitem, ehrlichem Grinsen im Gesicht. Sie kannten Namis Geheimnis bereits seit ihrem Geburtstag Ende Juni und hielten sich amüsiert im Hintergrund, um Tysons typisch ungestüme Art zu beobachten.

An ihrer Seite ging jedoch noch jemand... eine Gestalt, die Nami schon seit vielen Monaten nicht mehr persönlich gesehen hatte. Kenny. Der Chefanalyst des ehemaligen Teams war erst am selben Tag aus Hokkaido zurückgekehrt, wo er den Sommer über an einem abgeschiedenen BBA-Forschungsprojekt gearbeitet hatte. Er trug seinen gewohnten Laptop unter dem Arm, seine Brille spiegelte das Licht der Kronleuchter wider, und er wirkte noch etwas verloren im Trubel der High Society.

„Nami!“, rief Kenny erfreut, als er sie erblickte, und trat hastig einen Schritt vor.

„Es ist so schön, dich wiederzusehen! Es tut mir leid, dass ich so lange weg war, aber die Messdaten in Hokkaido waren—“

Kenny erstarrte mitten im Satz.

Sein Blick war von Namis freudig strahlendem Gesicht nach unten gewandert... direkt auf die unmissverständliche, wunderschön geschwungene Rundung unter dem hautengen, nachtblauen Seidenstoff.

Für zwei Sekunden setzte Kennys analytischer Verstand komplett aus. Seine Brille rutschte ihm ein Stück über die Nase, seine Augen wurden riesengroß, und die Tasten seines Laptops klapperten leise, weil seine Hände leicht zu zittern begannen.

„I-Ist das...“, stammelte Kenny vollkommen fassungslos. Er schob seine Brille hektisch hoch, blitzte zu Kai hinüber, dessen Miene absolut unerschütterlich blieb, und starrte dann wieder auf Namis Bauch. „Aber... von den Maßen her... der Neigungswinkel der Kleidung... das ist... Nami, bist du...?!“

„Ja, Kenny“, lachte Nami glockenrein und legte ihre Hand sanft auf ihren Bauch, während ihre ozeanfarbenen Augen vor Glück funkten. „Ich bin in der sechzehnten Woche. Wir bekommen einen Sohn.“

„EIN SOHN?!“, quiekte Kenny beinahe, und seine Stimme überschlug sich vor purer Überraschung. Er blickte hektisch zu Tyson, Ray und Max. „Wusstet ihr davon?! Warum hat mir das in Hokkaido niemand gesagt?!“

„Weil du monatelang in deiner Datenhöhle vergraben warst und uns eingeschärft hast, dich nur bei 'weltbewegenden Ereignissen' zu stören, Chief!“, rief Tyson grinsend und klopfte Kenny so kräftig auf die Schulter, dass dieser fast den Halt verlor.

„Und außerdem hat Nami uns an ihrem Geburtstag Ende Juni zum Stillschweigen verpflichtet. Selbst ich habe dichtgehalten... und das will was heißen!“

„Ich bin ehrlich gesagt immer noch beeindruckt, dass Tyson das Geheimnis fast drei Monate lang für sich behalten konnte“, warf Ray schmunzelnd ein.

Seine goldenen Augen lagen mit tiefem Respekt auf Kai und Nami. „Herzlichen Glückwunsch euch beiden. Ihr seht umwerfend aus. Und die Idee mit dem Kleid war absolut genial... die Presse wird morgen nur über eines berichten.“

Max trat vor, seine blauen Augen strahlten vor ehrlicher Begeisterung. Er nickte Kai kumpelhaft zu, auch wenn er den nötigen Sicherheitsabstand zu Kais dominanter Aura wahrte.

„Mann, Kai... Du wirst Vater. Und du heiratest im Oktober. Wenn mir das jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber ehrlich? Du wirkst verdammt stolz.“

Kai rührte sich kaum, doch die unnahbare Kälte in seinen rubinroten Augen wich einem sehr tiefen, ehrlichen Funkeln. Seine große Hand glitt wieder flach an Namis Rücken, beschützerisch und besitzergreifend.

„Das bin ich auch“, erwiderte Kai mit seiner tiefen Stimme, trocken wie eh und je, aber frei von jeglicher Schärfe.

„Und im Gegensatz zu manch anderem hier halte ich mein Leben eben auf Kurs.“

Ein bedeutungsvoller Blick wanderte kurz zu Tyson, woraufhin Ray und Max in schallendes Lachen ausbrachen, während Tyson die Arme verschränkte und empört aufmuckte.

„Hey! Was soll das denn heißen?!“, beschwerte sich Tyson, allerdings ohne echten Groll, während er grinsend den Kopf schüttelte. Dann sah er Kai direkt an, und sein Tonfall wurde für einen kurzen Moment überraschend ernst und warm.

„Aber im Ernst, Kai... ich freue mich für dich. Für euch beide. Der Kleine hat jetzt schon die mächtigsten Eltern, die man sich wünschen kann.“

Kenny hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen gefangen, auch wenn er immer noch fasziniert auf den Ultraschall-Ausdruck starrte, den Nami ihm kurz auf ihrem Smartphone zeigte.

„Gou...“, murmelte Kenny leise, während seine Finger bereits auf der Tastatur seines Laptops zu zucken begannen.

„Ein starker Name. Mathematisch und phonetisch sehr prägnant. Ich... ich muss sofort meine Datenbanken aktualisieren! Wir müssen die optimalen physikalischen Parameter für das erste Training berechnen, wenn er alt genug ist—“

„Kenny“, unterbrach Kai ihn ruhig, aber mit einer solchen Oberschicht an Autorität, dass der Chief sofort inneheilt und schluckte. „Er ist noch nicht einmal auf der Welt. Lass den Laptop stecken.“

„J-Ja, natürlich! Entschuldige, Kai!“, meinte Kenny hastig und klappte den Laptop mit einem verlegenen Rotwerden auf den Wangen zu.

Nami lehnte sich schmunzelnd an Kais starke Schulter und genoss den Moment in vollen Zügen. Die vertrauten Gesichter, das neckische Geplänkel und die ehrliche Freude ihrer Freunde machten diesen Abend auf der Gala vollkommen.

Inmitten des luxuriösen Trubels der High Society standen sie hier zusammen... nicht mehr nur als ehemaliges Team, sondern als eine Familie, die gemeinsam in eine neue Ära aufbrach.

Der Kellner im edlen Frack hatte kaum die schweren Stühle an dem etwas abseits gelegenen, reservierten Rundtisch im Festsaal zurechtgerückt, als sich die Runde niederließ. Das gedimmte Licht der funkelnden Kristallkronleuchter spiegelte sich in den Kristallgläsern, während im Hintergrund das Orchester sanften Jazz spielte.

Tyson, der sich gegenüber auf seinen Stuhl fallen ließ, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er blickte kurz zu Ray, Max und Kenny, die sich ebenfalls gesetzt hatten, ehe sein Blick unwillkürlich wieder an Namis nachtblauem Kleid und der stolzen Rundung darunter hängen blieb. Tyson wippte nervös auf seinem Stuhl hin und her, rang sichtbar mit sich selbst und rieb sich verlegen den Nacken.

„Mann...“, begann Tyson schließlich, und für seine Verhältnisse klang er ungewohnt zögerlich, fast schon vorsichtig. „Ich... ich muss jetzt einfach mal was loswerden. Ehrlich gesagt wollte ich das schon viel früher fragen... aber ich hab mich irgendwie nie so richtig getraut.“

Max zog schmunzelnd eine Augenbraue hoch, während Ray stoisch an seinem Wasser nippte und Kenny gespannt seine Brille zurechtrückte.

Tyson lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah abwechselnd Nami und Kai an.

„Ich meine... versteht mich nicht falsch! Aber Nami ist gerade mal neunzehn und du, Kai, wirst im November erst einundzwanzig... Und, nun ja... war das Baby eigentlich... geplant? Oder war es eher ein... Unfall?“

Tyson hob abwehrend die Hände, als wolle er verhindern, dass Kai ihm auf der Stelle den Kopf abreißt, fuhr aber ehrlich wie eh und je fort:

„Ich muss eben zugeben... abgesehen davon, dass Kai immer der absolut Letzte war, von dem ich jemals so was wie eine feste Beziehung, eine Heirat und Kinder erwartet hätte... ist das alles zusätzlich dazu halt verdammt früh und extrem schnell passiert! Innerhalb eines einzigen Jahres!“

Kenny schluckte hörbar bei Tysons Direktheit und rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Niemand in der Runde... außer Ray, ahnte auch nur das Geringste von Kais damaliger eiskalter Entscheidung zur Vasektomie nach den Schatten seiner Vergangenheit. Niemand wusste, wie die gewaltige, unbezähmbare Resonanz ihrer beiden Bit-Beast-Auren diesen medizinischen Eingriff auf phänomenale Weise aufgelöst hatte und der kleine Erbe somit als absolut unvorhergesehenes Wunder entstanden war.

Nami öffnete bereits den Mund, um Tysons Forschheit mit ihrem gewohnt sanften, aber physikalisch fundierten Wissen abzufedern...

Doch ehe sie auch nur ein einziges Wort herausbringen konnte, legte sich eine schneidende, eiskalte Ruhe über den Tisch.

Kai lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Seine rubinroten Augen verengten sich leicht, als er Tyson fixierte. Seine Stimme war tief, trocken und von einer so absoluten, unerschütterlichen Autorität durchdrungen, dass selbst die Hintergrundmusik für einen Moment zu verstummen schien.

„Glaubst du im Ernst, dieses Kind war geplant?“, fragte Kai trocken, und ein kaum merkliches, arrogant-kühles Zucken legte sich auf seine Mundwinkel.

Tyson erstarrte und blinzelte überrascht.

Kai wandte nicht einmal den Blick ab, als er seine große, warme Hand flach und besitzergreifend auf Namis Taille legte, genau dort, wo der feine Stoff die Rundung ihres Bauches berührte. Die Geste sprach Bände.

„Sicher war es das nicht“, fuhr Kai ohne den leisesten Ton von Zweifel oder Bedauern fort. Seine tiefe Stimme besaß jene schneidende Härte, die keinen Raum für Widerrede ließ.

„Aber nun ist es auf dem Weg und es gibt absolut keine Diskussion mehr darüber zu führen.“

Im Saale herrschte für zwei Herzschläge vollkommene Stille am Tisch. Ray und Max tauschten einen vielsagenden Blick aus... sie kannten Kai gut genug, um zu wissen, dass dieses Thema damit nicht nur beendet, sondern mit einem eisernen Siegel versehen war.

Tyson schluckte, nickte dann aber langsam, während ein tiefes, ehrliches Grinsen auf sein Gesicht zurückkehrte.

„Klar... Verstanden, Boss.“

Nami blickte von der Seite zu Kai auf. Sie legte ihre Hand sanft über seine Hand auf ihrer Taille und schenkte ihm ein unendlich liebevolles, stolzes Lächeln. Kai mochte Tysons Frage auf seine gewohnt kühle, kompromisslose Art abgeblockt haben, doch in der Wärme seiner Aura und dem besitzergreifenden Druck seiner Hand spürte Nami die reine Wahrheit:

Dieser ungeplante Funke war das Größte geworden, was seinem Leben je passiert war.

Nami sah zu, wie Tyson verlegen an seinem Kragen nestelte, um die plötzliche Stille nach Kais Machtwort zu überspielen. Ein amüsiertes, unverwechselbares Funkeln trat in ihre ozeanfarbenen Augen. Sie lehnte sich ein Stück vor, stützte das Kinn elegant auf ihre Hand und sah Tyson mit einem neckischen, absolut diabolischen Lächeln an.

„Sag mal, Tyson...“, begann Nami mit butterweicher, feinsinniger Stimme, „wenn du unser Tempo schon so genau analysierst... hat dich das Ganze denn gar nicht inspiriert? Hast du nicht vielleicht auch langsam Lust auf ein Baby mit Hilary bekommen?“

Tyson fror augenblicklich in der Bewegung ein.

Das Rot stieg ihm vom Hals aufwärts blitzartig ins Gesicht, bis seine Ohren regelrecht zu glühen schienen. Er verschluckte sich fast an seinem eigenen Speichel, hustete kurz auf und stammelte völlig aus dem Konzept gebracht:

„W-Was?! Nami! Bist du wahnsinnig?! Ich... also... ich meine...“ Er fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum, während Ray und Max sich das Lachen nur noch mit Mühe verkneifen konnten. Tyson senkte die Stimme, fuhr sich hektisch durch die Haare und gestand mit hochrotem Kopf:

„Hilary... sie... na ja, sie liegt mir tatsächlich schon ein paar Mal damit in den Ohren, seitdem wir wissen, dass du schwanger bist! Aber hallo?! Ich finde das einfach noch viel zu früh!“

„Was genau findest du viel zu früh, Tyson Granger?“

Tyson fuhr zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen.

Genau in diesem Moment traten Hilary und Mariah an den Tisch. Die beiden waren die letzten Minuten im hinteren Bereich des Saals gewesen, um mit einigen bekannten Gesichtern aus der BBA-Szene zu plaudern, und Hilary hatte exakt diesen letzten Satz aufgeschnappt.

Mit verschränkten Armen und einem extrem vielsagenden, gefährlich hochgezogenen Augenbrauenpaar blieb Hilary direkt hinter Tysons Stuhl stehen. Mariah an ihrer Seite schmunzelte wissentlich, winkte Nami und Kai kurz zu und beobachtete amüsiert, wie Tyson wie gegossen auf seinem Stuhl saß und sich nicht einmal zu trauen schien, sich umzudrehen.

„Zu früh?“, wiederholte Hilary mit diesem typischen, humorvollen Funkeln in den Augen, das Tyson nur zu gut kannte. Sie drückte seine Schultern leicht und sah ihn von der Seite an.

„Tyson, Schatz, du hast mir doch vor zwei Wochen erst versprochen, dass wir in Ruhe darüber reden, wenn du die Planungen für das Dojo durch sind! Ich verlange doch gar nicht, dass wir morgen ins Krankenhaus fahren. Aber ein bisschen vorausschauen darf man nach drei Jahren Beziehung ja wohl mal, oder?“

Tyson spürte ihre Hände auf seinen Schultern, und das hektische Rot auf seinen Wangen wich einem verlegenen, aber weichen Lächeln. Er griff nach oben, legte seine Hand über ihre und seufzte amüsiert.

„Ja, ich weiß ja, Hil... Aber wenn ich Kai und Nami sehe, kriege ich eben kurz Panik! Die beiden wirken so, als hätten sie den Eltern-Führerschein schon vor drei Jahren gemacht, und ich weiß manchmal nicht mal, wo mein zweiter Turnschuh liegt.“

„Gedacht hast du dabei offensichtlich wirklich nicht viel“, warf Kai vollkommen gelassen und ohne die geringste Regung aus der Mitte des Tisches ein, ehe er einen Schluck aus seinem Glas nahm.

„Setz dich nicht mit Dingen auseinander, die dich überfordern, Granger. Schritt für Schritt.“

Die gesamte Runde brach in herzliches Lachen aus. Ray schüttelte schmunzelnd den Kopf, Max klopfte amüsiert auf den Tisch, und Tyson konnte sich ein grinsendes Kopfschütteln nicht verkneifen, während Hilary sich zufrieden lachend auf den freien Stuhl neben Mariah setzte.

„Siehst du? Selbst Kai gibt mir indirekt recht“, meinte Hilary neckisch und drückte Tysons Hand unter dem Tisch.

Mariah, die sich amüsiert an Rays Schulter gelehnt hatte, nutzte die gelöste Stimmung und sah ihren Verlobten von der Seite an.

„Na ja, wo wir schon von der Zukunft sprechen...“, begann Mariah mit einem sanften, aber unmissverständlichen Tonfall.

„Ray und ich sind nun schließlich auch schon seit ein paar Jahren verlobt. Und da wir nächstes Jahr endlich heiraten wollen, macht man sich über all diese Dinge natürlich ganz automatisch so seine Gedanken.“

Plötzlich war es Ray, der starr im Stuhl saß. Seine sonst so unerschütterliche, ruhige Haltung geriet für einen kurzen Moment ins Wanken. Seine goldenen Augen weiteten sich leicht, und ein zartes, fast verlegenes Erröten stieg ihm über die Wangenknochen.

„Mariah...“, murmelte Ray leise und räusperte sich hastig, während er versuchte, seine gewohnte Gelassenheit wiederzufinden.

„Wir wollten das doch... in Ruhe besprechen.“

„Oh ho!“, rief Tyson augenblicklich aus, sprang auf seine Chance an wie ein Raubtier und deutete mit einem breiten Grinsen auf Ray. „Siehst du das, Kai?! Der liebe, besonnene Ray ist auch nicht viel schneller als ich! So viel zum Thema 'Leben auf Kurs halten'!“

„Ich drücke mich wenigstens nicht vor dem Gespräch, Tyson“, konterte Ray trocken, wenn auch mit immer noch leicht geröteten Wangen, was ihm ein liebevolles Kichern von Mariah einbrachte.

Nami sah glücklich in die Runde der Vertrauten. Der Frauenbund aus ihr, Hilary und Mariah tauschte einen vielsagenden, eingeschworenen Blick aus. Es war wunderschön zu sehen, wie die mutige Verkündung ihrer Schwangerschaft und die anstehende Hochzeit mit Kai wie ein friedlicher Dominoeffekt wirkte und die Zukunftspläne des gesamten Freundeskreises auf so eine warme Weise ins Rollen brachte.

Kai legte den Arm noch ein Stück fester um Namis Taille, zog sie nah an sich und spürte ihr leises Lachen an seiner Brust. Sie waren jung, die Welt sah auf sie herab... doch sie führten diese neue Ära mit einer absoluten Selbstverständlichkeit an.

Während sich Nami, Hilary, Mariah und Kenny am Tisch vertiefte Gespräche über Nahrungsergänzungsmittel und Babyausstattung lieferten, tauschten Ray, Tyson und Kai stumme Blicke aus.

Kai erhob sich mit seiner gewohnten, fließenden Eleganz. Er neigte sich kurz zu Nami hinab, seine Fingerspitzen strichen sanft über ihre Schulter.

„Ich bin kurz auf der Terrasse“, raunte er ihr tief ins Ohr. Nami nickte ihm mit einem wissenden, warmen Lächeln zu.

Mit einem knappen Kopfbewegen bedeutete Kai Ray und Tyson, ihm zu folgen.

Die schwere Glastür zum VIP-Balkon glitt fast geräuschlos auf und schloss sich hinter den drei Männern. Die kühle, frische Frühherbstluft von Minato schlug ihnen entgegen und vertrieb augenblicklich die heiße, parfumgeschwängerte Luft des Festsaals.

Tief unten glitzerte das Lichtermeer Tokios wie ein Ozean aus Gold und Diamanten.

Kai trat an die geschmiedete Steinbrüstung, stützte eine Hand darauf ab und sah schweigend über die Skyline hinweg. Das weiße Hemd unter seinem Smoking stach im fahlen Mondlicht hervor, seine rubinroten Augen waren ruhig, aber unergründlich tief.

Ray trat an seine linke Seite und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Geländer, während Tyson rechts von Kai stehen blieb. Das typisch ungestüme Grinsen auf Tysons Gesicht war verschwunden... ersetzt durch eine ehrliche, fast nachdenkliche Ernsthaftigkeit, die man selten bei ihm sah.

Einige Sekunden lang herrschte vollkommene Stille, nur das leise Rauschen des nächtlichen Verkehrs weit unter ihnen war zu hören.

„Mann, Kai...“, begann Tyson leise, sah ins Lichtermeer hinaus und schüttelte langsam den Kopf. „Vor ein paar Jahren saßen wir nach dem Turniersieg irgendwo auf einer Bordsteinkante und haben Pizza gegessen. Und jetzt stehst du hier... als Chef dieses gewaltigen Konzerns, bald verheiratet... und in ein paar Monaten hältst du deinen Sohn in den Armen.“

Tyson wandte den Kopf und sah Kai direkt von der Seite an. In seinen braunen Augen lag kein Funken Neid oder Albernheit mehr, sondern purer, tiefer Respekt.

„Ehrlich... ich hab vorhin im Saal Witze gemacht, um die Stimmung aufzulockern. Aber unter vier Augen? Ich ziehe verdammt noch mal den Hut vor dir. Du packst das alles mit einer Selbstverständlichkeit an, die mich echt umhaut.“

Ray nickte langsam. Seine goldenen Augen lagen ruhig auf seinem ehemaligen Kapitän.

„Tyson hat recht, Kai. Die Verantwortung, die du jetzt schon trägst... für die Tachiwari-Corporation, für Nami, für dein Kind... würde die meisten in unserem Alter schlichtweg erdrücken. Wie geht es dir wirklich damit? Hast du nie Momente, in denen dir das alles zu viel wird?“

Kai rührte sich nicht. Seine Züge blieben im Mondlicht wie aus feinstem Marmor gemeißelt. Er atmete die kühle Nachtluft tief durch die Nase ein, ehe sein tiefes Timbre die Stille durchbrach.

„Nein“, antwortete Kai ruhig, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern.

Er wandte den Blick nicht von den Lichtern der Stadt ab, doch in seiner Stimme lag jene unbezwingbare, eiserne Überzeugung, die Ray und Tyson seit Jahren kannten und fürchteten.

„Überforderung entsteht nur dann, wenn man an seinen eigenen Entscheidungen zweifelt. Und ich zweifle nicht. Weder an Nami noch an diesem Kind... und erst recht nicht an mir.“

Er hielt kurz inne, und seine rubinroten Augen verengten sich minimal.

„Ich habe mein ganzes Leben lang gekämpft, um die Kontrolle über mein Schicksal zu behalten. Früher gegen meinen Großvater, gegen die Abtei, gegen jeden, der dachte, er könnte mich als Waffe benutzen. Jetzt kämpfe ich nicht mehr gegen etwas... sondern... für etwas. Das ist der Unterschied.“

Ray sah Kai lange an, ehe sich ein dünnes, zutiefst respektvolles Lächeln auf seine Lippen legte.

„Das ist wohl die stärkste Antwort, die du hättest geben können. Du hast dich verändert, Kai... aber auf die bestmögliche Art.“

Tyson stieß ein leises, raues Lachen aus, fuhr sich durch die Haare und trat einen Schritt näher an Kai heran. Er streckte ihm die Hand hin, die Schultern gestrafft.

„Ich sage dir eines, Kai“, meinte Tyson mit Nachdruck, und seine Stimme vibrierte vor echter Freundschaft. „Der kleine Gou mag deine Gene haben und sicher genauso stur und stark werden wie du... aber er hat hier draußen auch ein ganzes Team, das immer hinter ihm stehen wird. Wenn jemals irgendwer diesem Jungen auch nur ein Haar krümmen will oder er Unterstützung braucht... wir sind da. Das schwöre ich dir.“

Kai sah auf Tysons dargebotene Hand hinab. Für einen winzigen Moment lag eine seltene, ehrliche Wärme in seinen roten Augen. Er hob die Hand und ergriff Tysons Kumpelgriff fest und unnachgiebig... ein stummes Versprechen unter Männern, die zusammen durch viele Höhen und Tiefen gegangen waren.

„Ich weiß, Granger“, brummte Kai leise, und ein kaum merkliches, aber stolzes Schmunzeln zeigte sich auf seinen Lippen.

„Und wenn er nach mir schlägt, wird er dich ohnehin im Beybladen schlagen, bevor er zehn ist.“

„HA! Das wollen wir doch erst mal sehen!“, rief Tyson augenblicklich wieder in gewohnter Manier aus und lachte laut auf, während auch Ray amüsiert den Kopf schüttelte.

Durch die Glasscheibe der Tür konnte Kai Nami drinnen im Saal sehen, die gerade glücklich lachend mit Hilary sprach. Ihre Blicke trafen sich durch das Glas, und Nami schenkte ihm ein Lächeln, das die Dunkelheit der Nacht augenblicklich vertrieb.

Die kühle Nachtluft auf dem Balkon hatte gerade die ernsten Töne zwischen Kai, Ray und Tyson geglättet, als sich die schwere Glastür erneut öffnete.

Max trat heraus, stieß einen tiefen, erschöpften Seufzer aus und rieb sich gequält die Schläfen.

„Mann, Leute... rettet mich!“, stöhnte Max, während er die Tür hinter sich zufallen ließ und sich entnervt an das Steinländer lehnte.

„Der alte Dickenson hat mir gerade da drinnen ein absolut ganzes Ohr abgeredet! Ohne Punkt und Komma! Er hat mir gefühlt die Lebensgeschichte jedes einzelnen BBA-Nachwuchstalents der letzten zehn Jahre erzählt...“

Er hielt kurz inne, ehe sich ein stolzes, wenn auch müdes Lächeln auf sein Gesicht legte.

„Aber hey... trotz Dickensons Monolog bin ich ehrlich gesagt verdammt froh, dass ich ab jetzt ganz offiziell und komplett für die BBA-Junioren verantwortlich bin. Das ist genau mein Ding.“

Tyson, der gerade an seinem Champagnerglas nippte, prustete leise hinein. Ein breites, absolut diebisches Grinsen stahl sich auf seine Züge. Er sah Max von der Seite an und scherzte lautstark: „Na, herzlichen Glückwunsch, Max! Wobei... das sind wohl kaum die einzigen Junioren, für die du in letzter Zeit Verantwortung übernommenden hast, was?“

Max fror augenblicklich in der Bewegung ein. Er starrte Tyson vollkommen fassungslos an, die blauen Augen weit aufgerissen.

„W-Was?!“

Tyson bemerkte sofort die eisige Entschlossenheit in Max’ Blick, räusperte sich übertrieben hastig, nahm blitzartig einen großen Schluck Champagner und stammelte verlegen: „Äh... ich meine... ich hab mich gerade nur versprochen! Total versprochen! Wichtige Junioren-Arbeit, meinte ich natürlich!“

Kai, der das Schauspiel stoisch beobachtet hatte, hob gelassen sein Weinglas. Er sah Max aus seinen rubinroten Augen mit einer schneidenden, eiskalten Klarheit an, nahm einen ruhigen Schluck von seinem Rotwein und raunte mit tiefem Bass:

„Ich habe mir bereits gedacht, dass du es nicht hinbekommen hast, die Finger von Midori zu lassen.“

Max’ Gesicht lief augenblicklich heiß an. Die Geschichte um Namis nun frisch fünfzehnjährige Schwester war ihm ohnehin schon unangenehm genug gewesen. Als er die hübsche Midori kennengelernt hatte, hatte sie ihn eiskalt belogen und behauptet, sie sei siebzehn... schlichtweg, weil sie sich bis über beide Ohren in den blonden, zwanzigjährigen Ex-Weltmeister verliebt hatte. Erst später war die Wahrheit aufgetaucht, was den gewissenhaften Max in eine tiefe Krise gestürzt hatte.

„KAI! Stop!“, unterbrach Max ihn hastig, hob abwehrend beide Hände und redete mit hochrotem Kopf auf den CEO ein.

„Ich habe Midori NIEMALS angefasst! Hört ihr? Niemals!“

Er fuhr sich hektisch durch die blonden Haare und sah flehend in die Runde von Kai, Ray und Tyson.

„Wir... wir telefonieren nur... öfter mal! Und wir reden! Ja, okay, wir waren mal zusammen in einem Café und sind durch den Park spaziert, aber das war alles! Mehr als rein freundschaftliche Gesten gab es nicht und wird es von meiner Seite aus auch nicht geben! Ich würde absolut niemals zulassen, dass da Grenzen überschritten werden... auch... auch wenn...“

Max geriet ins Stocken, schluckte schwer und rieb sich verlegen den Nacken.

„...auch wenn Midori es mir mit ihren Annäherungsversuchen wirklich verdammt schwer macht.“

Tyson grinste nur noch breiter hinter seinem Glas, während Ray schmunzelnd den Kopf schüttelte.

Kai fixierte Max noch für einen langen Herzschlag über den Rand seines Weinglases hinweg. Die feine, imperiale Dominanz in Kais Blick blieb bestehen, doch die eiskalte Schärfe wich einem sehr trockenen, unendlich unnahbaren Schmunzeln.

„Sie ist Namis Schwester, Max“, raunte Kai leise, aber mit unmissverständlichem Nachdruck.

„Sie hat denselben Sturmkopf. Wenn du dich nicht durchsetzt und als Mann die Zügel in der Hand hältst, überrollt sie dich eiskalt. Halt den Abstand, bis sie alt genug ist. Keine Kompromisse.“

Max nickte eifrig, sichtlich erleichtert über Kais klare Kante. „Glaub mir, Kai, ich halte Abstand! Ich passe wirklich auf!“

„Das sollte er auch lieber, wenn ihm sein Leben lieb ist“, ertönte plötzlich eine sanfte, samtige Stimme von der Tür.

Die schwere Glastür war aufgeglitten und Nami trat ins kühle Mondlicht hinaus, gefolgt von Kenny, der die Runde drinnen nicht verpassen wollte. Das nachtblaue Seidenkleid schimmerte edel im Licht der Laternen, und ihre ozeanfarbenen Augen blitzten vor amüsierter Erheiterung.

Sie hatte die letzten Worte über ihre kleine Schwester noch haargenau mitbekommen.

Max erstarrte erneut und lief noch ein Stück roter an, während Tyson sogleich in leises Glucksen verfiel.

Nami trat an Kais Seite, und wie von selbst legte Kai seinen Arm fest und beschützerisch um ihre Taille, seine Finger ruhten warm auf ihrer Hüfte. Nami lehnte sich leicht an seine starke Schulter und sah Max mit einem sanften, aber durchtriebenen Lächeln an.

„Keine Sorge, Max. Ich weiß doch, wie anständig du bist“, lachte Nami glockenrein.

„Aber Kai hat absolut recht. Midori mag erst fünfzehn sein, aber wenn sich eine Tachiba-Frau erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt sie so schnell nicht mehr locker. Sie wird es dir definitiv nicht leicht machen, aber ich vertraue dir vollkommen.“

„Danke, Nami...“, brachte Max erleichtert hervor und atmete hörbar aus.

Kenny trat nun ebenfalls an die Steinbrüstung, seine Brille spiegelte das nächtliche Lichtermeer Tokios wider.

„In der Tat. Wenn ich die Wahrscheinlichkeiten berechne...“

„Lass die Berechnungen stecken, Chief“, unterbrach Tyson lachend und hob sein Glas in die Höhe. Seine Augen funkelten vor echter Begeisterung.

„Leute, seht uns doch mal an! Wir stehen hier oben über ganz Tokio. Kai wird Vater und heiratet, Ray und Mariah planen ihre Hochzeit, Max schlägt sich mit Teenager-Schwärmereien herum und Kenny... na ja, Kenny hat seine Daten!“

Ein herzliches Lachen ging durch die Runde.  Ray schüttelte amüsiert den Kopf.

Tyson sah jeden Einzelnen an, ehe sein Blick auf Kai und Nami ruhte.

„Auf die Zukunft. Auf das Team... und auf den kleinen Gou!“

Kai hob sein Weinglas, seine rubinroten Augen brannten vor einem tiefen, unerschütterlichen Stolz.

„Auf die Zukunft“, wiederholte er tief und fest.

Die Fünf... die einstigen Bladebreakers, nun erwachsen und vor einer ganz neuen Ära stehend... stießen am Geländer des Balkons an.

Das helle Klirren der Gläser hallte in der kühlen Herbstnacht über den Dächern von Minato wider, während unten die Lichter der Metropole strahlten.