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Glückwünsche

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Glückwünsche

Der Montagmorgen war angebrochen. Zwei Tage waren seit dem wirbelnden Auftritt auf der BBA-Gala vergangen... zwei Tage, die Kai und Nami weitgehend abgeschirmt im Ayame-Anwesen verbracht hatten.

Doch mit dem Beginn der neuen Woche forderte die Realität des Konzernalltags wieder ihren Tribut.

Die automatischen Glastüren der gläsernen Eingangshalle des Tachiwari Towers glitten lautlos auseinander. Kai schritt hindurch. Er trug einen maßgeschneiderten, kohlegrauen Dreiteiler, dessen dunkler Stoff im Sonnenlicht der riesigen Glasfront glänzte.

Seine Ausstrahlung war wie eh und je von einer unerschütterlichen, fast kaiserlichen Dominanz geprägt, die den Raum augenblicklich erfüllte.

Wie gewohnt stand Kais Sicherheitschef Armon bereits im Eingangsbereich. Der zwei Meter große Koloss mit seinen breiten Schultern, der rasierten Glatze und dem eiskalten Blick schützte Kais Privatsphäre seit jeher wie eine unüberwindbare Festung.

Armon nickte seinem Chef schweigend zu und behielt das Geschehen im Foyer souverän im Auge, ohne aufdringlich zu wirken. Für diese gewohnte, professionelle Diskretion war Kai im Stillen mehr als dankbar.

Doch an diesem Morgen war etwas anders.

Die Angestellten, die sonst mit gesenktem Blick, ehrfürchtigem Abstand und absoluter Stille zur Seite traten, wenn der junge CEO das Gebäude betrat, wirkten spürbar in Aufruhr.

Als Kai die Halle durchmaß, lag eine geladene, freudige Unruhe in der Luft.

Ein Abteilungsleiter im feinen Zwirn trat zwei Schritte vor, verneigte sich tief und brachte ein überraschend warmes Lächeln zustande.

„Guten Morgen, Mr. Hiwatari! Die gesamte Belegschaft möchte Ihnen und Miss Tachiba von Herzen zu den wundervollen Neuigkeiten gratulieren!“

Ein leises, vielstimmiges Murmeln der Zustimmung ging durch die Reihen der Empfangsdamen, Sicherheitskräfte und Junior-Partner. Trotz der Glückwünsche war die tief sitzende Ehrfurcht vor Kais unnahbarer Aura ungebrochen... niemand wagte es, ihm zu nahe zu kommen oder gar die Hand entgegenzustrecken.

Sie blieben in gebührendem Abstand, eingeschüchtert von seinem scharfen, rubinroten Blick, aber beseelt von ehrlicher Freude über den anstehenden Erben des Konzerns.

Kai verlangsamte seinen Schritt nicht. Er würdigte die Belegschaft mit einem einzigen, knappen, aber keineswegs unfreundlichen Nicken, ehe sein tiefes Timbre die Halle durchschnitt:

„Danke. Zurück an die Arbeit.“

Armon ging mit unauffälligen Schritten voraus, um den Weg zum VIP-Aufzug frei zu halten. Die gläserne Tür des Lifts glitt auf, Kai trat ein, und die Türen schlossen sich augenblicklich. Der Fahrstuhl schoss lautlos in die oberste Etage empor.

Als die Türen in der Chefetage aufglitten und Kai die schweren Eichentüren seines privaten Eckbüros hinter sich ins Schloss fallen ließ, wich der ständige Druck der letzten zwanzig Minuten schlagartig von seinen Schultern.

Die absolute Stille des schallisolierten Raumes umfing ihn. Durch die bodentiefen Panoramafenster blickte man über die gesamte Skyline von Tokio. Kai atmete tief durch die Nase ein, lockerte mit einer kurzen Bewegung die Krawatte um ein paar Millimeter und trat an den massiven Schreibtisch aus dunklem Marmor.

Er war ehrlich erleichtert, endlich in der Ruhe seines Refugiums angekommen zu sein. Hier gab es keine Kameras, keine gratulierenden Angestellten und keine Blitzlichtgewitter..  nur ihn, die Zahlen des Konzerns und den unerschütterlichen Fokus auf die Zukunft seiner Familie.

Gegen 10:30 Uhr verließ Kai sein ruhiges Büro und nahm den gläsernen Aufzug hinab in die unterirdischen Etagen des Tachiwari Towers.

Im zweiten Untergeschoss befand sich das Herzstück der technischen Innovation des Konzerns: die hochmoderne Entwicklungsabteilung für Beyblade-Technologie.

Als sich die schweren Panzertüren zur Test- und Forschungshalle öffneten, schlug Kai das vertraute, leise Summen von Hochleistungsscomputern, Magnetfeldern und die kühle Luft der Reinräume entgegen.

Der Grund für seinen Besuch war rein technischer Natur: Bei der Neukalibrierung des hochkomplexen Magnetfelds einer neuartigen Arena-Prototypenreihe war ein hartnäckiger Systemfehler im Algorithmus aufgetaucht. Da Kai nicht nur der CEO war, sondern das beyblade-technische Verständnis wie kein zweiter im Konzern besaß, wollte er den Fehler persönlich begutachten.

Doch kaum hatte Kai den Fuß in den riesigen, mit Bildschirmen und Test-Beys gefüllten Raum gesetzt, wurde ihm klar, dass er der Aufruhr des Morgens keineswegs entkommen war.

Sehr zu seinem Leidwesen...

Die Ingenieure, Physiker und IT-Spezialisten, die sonst wie versessene Wissenschaftler über ihren Daten brüteten, fuhren bei seinem Erscheinen herum.

Obwohl sie absolut professionell arbeiteten und sich vor Kais scharfem, rubinrotem Blick gehörig in Acht nahmen, lag eine deutliche, unüberhörbare Unruhe in der Luft.

„G-Guten Morgen, Mr. Hiwatari!“, begrüßte ihn der leitende Chefentwickler hastig, während er sich nervös die Brille auf der Nase zurechtrückte.

Er verneigte sich tief, konnte sich ein breites, fast schon väterliches Grinsen aber schlichtweg nicht verkneifen.

„Wir... wir haben die Fehlerprotokolle auf Monitor 4 vorbereitet! Und... bitte erlauben Sie mir im Namen des gesamten Entwicklerteams, Ihnen von Herzen zu gratulieren! Ein kleiner Hiwatari... das ist die beste Nachricht seit Jahren für das Unternehmen!“

Ein zustimmendes Nicken und ein leises Murmeln gingen durch das gesamte Labor. Zwei Nachwuchsingenieurinnen am Rand tuschelten aufgeregt, während sie versuchten, unauffällig einen Blick auf den zwanzigjährigen CEO zu erhaschen.

Kai stieß ein extrem trockenes, tiefes Brummen aus. Seine Züge blieben wie aus Marmor gemeißelt, doch die leichte Falte zwischen seinen Augenbrauen verriet seine dezent genervte Grundhaltung.

Er hatte gehofft, sich hier unten in nüchternen Zahlen, Algorithmen und physikalischen Parametern vergraben zu können... stattdessen schien das Babyfieber selbst die trockensten Wissenschaftler des Konzerns angesteckt zu haben.

„Danke“, erwiderte Kai mit einer schneidenden, tiefen Stimme, die das Geflüster im Raum augenblicklich im Keim erstickte.

„Aber wir sind wegen des Magnetfelds hier. Welcher Sensor weicht von den Sollwerten ab?“

Der Chefentwickler schluckte hörbar, schaltete blitzartig wieder in den Arbeitsmodus und deutete hektisch auf den großen Hauptbildschirm.

„R-Richtig! Selbstverständlich, Mr. Hiwatari. Schauen Sie hier... bei der Frequenzänderung in Phase 3 entsteht eine thermische Rückkopplung...“

Kai trat an die Konsole, schränkte die Arme vor der Brust ein und fixierte die Datenströme.

Doch während er die Fehler im Code präzise analysierte, spürte er die Blicke des Teams im Rücken. Es war Zwecklos: Für die Belegschaft war er an diesem Montag nicht mehr nur der unnahbare, eiskalte Patron... sondern der werdende Vater des zukünftigen Tachiwari-Erben.

Er ignorierte die gespannte Stille der Ingenieure in seinem Rücken vollkommen und konzentrierte sich einzig auf die bunten Frequenzkurven des Prototypen.

„Ihr sucht an der falschen Stelle“, raunte Kai nach nur wenigen Sekunden. Seine tiefe, ruhige Stimme durchschnitt die kühle Luft der Testabteilung. Er trat einen Schritt näher, griff nach der Lichtfeder an der Konsole und tippte präzise auf eine unscheinbare Zeile im Quellcode der Phase 3.

„Die thermische Rückkopplung ist nicht die Ursache, sondern das Symptom. Der Algorithmus skaliert das Magnetfeld bei der Frequenzänderung nicht linear, sondern exponentiell. Der Sensor überhitzt, weil das System ihn mit Daten überschwemmt. Korrigiert den Vektorparameter auf Null-Komma-Acht.“

Der Chefentwickler blinzelte zwei Sekunden lang sprachlos auf die Stelle, die Kai markiert hatte, ehe sich breites Staunen auf seinem Gesicht ausbreitete.

Er tippte hektisch die Änderung ein... und augenblicklich glätteten sich die Frequenzkurven auf dem Bildschirm in perfekte, grüne Sinuswellen. Das Summen des Prototypen wurde vollkommen gleichmäßig.

„Unglaublich...“, murmelte der Ingenieur ehrfürchtig und sah zu dem zwanzigjährigen CEO auf, der bereits die Lichtfeder beiseitegelegt hatte.

„Diesen mathematischen Denkfehler haben wir seit drei Tagen gesucht! Mr. Hiwatari, Ihr Sohn wird eines Tages ein wahres Genie als Vater vorfinden.“

Kai verschränkte die Arme vor der Brust. Ein extrem trockenes Schmunzeln legte sich für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Mundwinkel.

„Er wird lernen, wie man Systeme beherrscht“, erwiderte Kai kaskadierend tief und unbeeindruckt.

„Nicht, wie man Ausreden sucht. Spielt das Update auf und testet die Arena bis dreizehn Uhr erneut.“

Genau in diesem Moment summte das private Smartphone in der Innentasche seines kohlegrauen Sakkos. Diszipliniert und ohne Eile zog Kai das Gerät heraus.

Auf dem Display leuchtete eine Nachricht von Nami auf. Er entsperrte den Bildschirm und blickte auf eine kurze Audionachricht, gefolgt von einem Foto. Das Bild zeigte Nami im lichtdurchfluteten Garten des Ayame-Anwesens, eine Hand sanft auf der feinen Rundung ihres Bauches, mit einem umwerfend glücklichen Lächeln.

Kai tippte auf das Audio und hob es an sein Ohr, sodass nur er es hören konnte. Namis samtene, glockenreine Stimme erklang leise aus dem Lautsprecher, untermalt von einem amüsierten Kichern:

„Guten Morgen, mein Zar... Der kleine Erbe hat sich gerade lautstark beschwert, dass du nicht beim zweiten Frühstück dabei warst. Er schickt dir einen Tritt aus dem Bauch. Wir sehen uns nachher im Tower zum Mittag, mein Schatz.“

Für den Bruchteil einer Sekunde weichte die schneidende, eiskalte Schärfe aus Kais rubinroten Augen. Ein zarter, unendlich warmer Ausdruck legte sich über seine harten Gesichtszüge... ein seltenes, fast unsichtbares Quäntchen vollkommener Milde.

Der Chefentwickler, der direkt neben ihm stand, erwischte diesen winzigen Augenblick und lächelte wissend.

Kai steckte das Handy augenblicklich wieder weg, und seine unnahbare, kaiserliche Miene war im nächsten Herzschlag wieder perfekt aufgerichtet. Doch der feine Glanz in seinen Augen blieb.

„Ich erwarte den Testbericht um dreizehn Uhr auf meinem Tisch“, wies Kai den Chefentwickler knapp an, wandte sich auf dem Absatz um und schritt mit weitausgreifenden Schritten auf den Ausgängen zu.

Er hatte hier unten alles erledigt... und die Sehnsucht nach seinem Zuhause war schlagartig größer geworden als jede Zahl dieses Konzerns.

Wenig später...

Die Uhr in Kais Büro zeigte exakt elf Uhr fünfundfünfzig. Er saß an seinem massiven Schreibtisch, die Ärmel seines Hemdes waren leicht hochgekrempelt, während er konzentriert die finalen Berichte der Entwicklungsabteilung durchging.

Die Neukalibrierung der Magnetfelder schien dank seines Eingriffs am Morgen reibungslos zu funktionieren.

Doch seine Gedanken wanderten unwillkürlich zu dem Termin, der in genau fünf Minuten anstand.

Seit mehreren Wochen war es zu einer festen, liebgewonnenen Tradition geworden, dass Nami am Nachmittag im Tachiwari Tower vorbeikam, um gemeinsam mit ihm Mittag zu essen.

Diese gemeinsame Stunde war Kais privates Refugium, der einzige Moment des Tages, an dem er nicht der unnahbare CEO war, sondern einfach nur ihr Verlobter und der werdende Vater ihres Kindes.

Doch heute war alles anders.

Zwei Tage nach der BBA-Gala, an dem Morgen, an dem die ganze Welt von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, war der Tower ein Pulverfass an Emotionen.

Kai hatte bereits am Morgen, kurz nach dem chaotischen Empfang im Foyer, überlegt, Nami anzurufen. Er wollte sie fragen, ob sie sich wirklich sicher sei, heute in den Tower zu kommen, jetzt wo die „Babybombe“ geplatzt war und das mediale Interesse seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Er wollte sie vor den neugierigen Blicken, den tuschelnden Angestellten und den unausweichlichen Glückwünschen schützen, die sie auf dem Weg zu seinem Büro überfallen würden.

Doch er hatte sie nicht angerufen...

Kai kannte Nami. Er wusste genau, dass sie mit ihrer strahlenden, extrovertierten Art weit weniger Probleme mit den ganzen Glückwünschen und der plötzlichen Aufmerksamkeit haben würde... als er.

Sie würde den Menschen mit einem Lächeln begegnen, die Hände schütteln und die ehrliche Freude der Belegschaft genießen.

Ihm hingegen war die Vorstellung, wieder und wieder dieselben standardisierten Floskeln zu hören und dabei neutral zu bleiben, ein Gräuel. Er wusste, dass sie die Starke in diesem Punkt war. Also respektierte er ihre Entscheidung, die Tradition aufrechtzuerhalten.

Er atmete tief durch, schloss den Ordner und warf einen Blick auf die Panorama-Glasfront.

Tokio lag friedlich unter ihm, aber unten im Foyer, das wusste er, tobte die Neugier.

Armon, sein Sicherheitschef, war informiert.

Er würde Nami unten am Eingang in Empfang nehmen und sie diskret durch die Belegschaft schleusen, ohne die gewohnte Distanz zu durchbrechen.

Kai blickte auf die schwere Eichentür seines Büros. Es war elf Uhr neunundfünfzig. Er wartete. Er wartete wie gewohnt auf ihre Ankunft um Punkt zwölf Uhr Mittags.

Punkt zwölf Uhr zeigte die Uhr auf Kais Schreibtisch, doch das vertraute Verticken der Klinke blieb aus. Drei Minuten vergingen. Dann fünf.

Eine feine Falte bildete sich auf Kais Stirn. Es war absolut unüblich für Nami, unentschuldigt zu spät zu kommen.

Mit zwei gezielten Klicks auf seiner Tastatur schaltete er den Monitor an der Wand um und wählte den hochauflösenden Live-Feed der Sicherheitskameras im Foyer an.

Ein leises, unwillkürliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, als das Bild scharf wurde.

Nami war keineswegs in Schwierigkeiten... sie wurde schlichtweg auf das Herzlichste belagert.

Die Nachricht ihrer Schwangerschaft hatte im Konzern eingeschlagen wie eine Bombe, und Nami besaß in den Etagen des Tachiwari Towers längst eine riesige, heimliche Fangemeinde.

Allen voran die jungen Damen aus der PR- und Marketingabteilung: Sie hatten sich förmlich um Nami versammelt, lachten, schwärmten und überreichten ihr mit geröteten Wangen ein kleines, edel verpacktes Geschenk. Es waren winzige, handgestrickte Babyschühchen aus schneeweißer Wolle.

Nami strahlte über das ganze Gesicht, drückte das Geschenk dankbar an sich und unterhielt sich mit einer Herzlichkeit und Offenheit, die den kühlen, gläsernen Raum des Foyers augenblicklich mit Leben erfüllte.

Armon stand wie ein unerschütterlicher Fels zwei Schritte hinter ihr, wachte über jede Bewegung, griff aber bewusst nicht ein, da er sah, wie sehr Nami die ehrliche Freude der Belegschaft genoss.

Kai lehnte sich für einen Herzschlag in seinem Ledersessel zurück und beobachtete das Bild. Sie war das genaue Gegenteil von ihm.

Wo er Mauern hochzog, eiskalte Distanz wahrte und die Menschen mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen konnte, riss sie Barrieren mühelos ein.

Sie schenkte den Menschen Wärme, ohne jemals ihre majestätische Eleganz zu verlieren. Und doch gab es keinen Zweifel: Niemand sonst auf dieser Welt hätte jemals so perfekt an seine Seite gepasst wie diese freudenstrahlende, stolze junge Frau.

Doch so sehr er ihr das Sonnenbad in der Sympathie der Belegschaft gönnte... es war inzwischen zwölf Uhr zehn.

Und sie wollten gemeinsam Mittag essen.

Kai stand auf, knöpfte sein Sakko zu und verließ sein Büro.

Als sich die gläserne Tür des VIP-Aufzugs im Foyer lautlos öffnete und Kai Hiwatari mit seinen gewohnten, ruhigen und kaiserlich dominanten Schritten ins Foyer trat, erstarrte die Traube aus Angestellten schlagartig.

Das aufgeregte Schnattern der PR-Damen erstarb im Bruchteil einer Sekunde. Die jungen Frauen wichen blitzartig zwei Schritte voller Ehrfurcht zurück und verneigten sich hektisch, während ihre Wangen glühten.

„Mr... Mr. Hiwatari!“, stammelte die leitende PR-Assistentin mit zittriger Stimme, während sie versuchte, die Babyschuh-Verpackung nicht fallen zu lassen.

Kai würdigte die Damen keines Blickes, auch wenn sein scharfer, rubinroter Blick die kleinen weißen Schühchen in Namis Händen sofort registrierte.

Er trat direkt an Nami heran, schnitt sie völlig von der Menge ab und legte seine große, warme Hand mit absoluter Selbstverständlichkeit und besitzergreifendem Druck an ihre Taille.

„Du bist spät dran“, raunte Kai tief, seine Stimme von einem kühlen, aber unverkennbar intimen Unterton durchdrungen.

Nami sah zu ihm auf, ihre ozeanfarbenen Augen sprühten vor Vergnügen. Sie hielt die winzigen Wollschühchen hoch.

„Ich wurde aufgehalten, mein Schatz. Schau mal, wie reizend die Mädels aus der PR-Abteilung waren!“

Kai warf einen einzigen, knappen Blick auf die Schuhe, ehe seine Augen wieder auf Nami ruhten. Ein extrem feines, fast unsichtbares Zucken an seinen Mundwinkeln verriet ihr, wie sehr ihn diese Szene im Stillen amüsierte.

„Sie sind sehr aufmerksam“, meinte Kai mit tiefer, unerschütterlicher Stimme in Richtung der PR-Gruppe, was den jungen Frauen schlagartig den Atem raubte. Dann wandte er sich wieder an Nami, neigte sich ein Stück zu ihr herab und raunte an ihrem Ohr: „Und jetzt kommst du mit nach oben. Unser Essen wird kalt.“

Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern führte sie mit sanftem, unnachgiebigem Druck an ihrer Hüfte direkt zum VIP-Aufzug zurück.

Armon nickte stumm und trat als Schild hinter die beiden.

Ein kollektives, leises Seufzen ging durch die Reihen der jungen weiblichen Angestellten.

Sie schmachteten regelrecht, während sie das Paar beobachteten. Die Art, wie der eiskalte, unnahbare CEO seine Verlobte ansah, wie beschützerisch seine Hand an ihrem Rücken lag und wie mühelos Nami sein eisernes Schild zum Schmelzen brachte... es war schlichtweg wie aus einem Film.

Als die gläsernen Türen des Lifts sich schlossen und sie nach oben schossen, sah Nami Kai von der Seite an und brach in ein leises, glockenreines Lachen aus.

„Du hast sie zu Tode erschreckt, weißt du das? Die Arme haben geglaubt, du feuerst sie auf der Stelle!“

Kai drückte den Knopf für die Chefetage, zog sie mit dem Arm noch ein Stück näher an seine Brust und sah sie von oben herab an.

„Sie haben ihre Arbeit vernachlässigt“, brummte er trocken, ehe sich sein Blick aufweichte und er ihre Stirn mit den Lippen streifte.

„Aber die Schühchen stehen ihm bestimmt.“

Als sich die schweren Türen von Kais Büro  hinter ihnen schlossen, fiel der verbliebene Trubel des Tachiwari Towers augenblicklich von ihnen ab. Die schallisolierten Wände hüllten den Raum in eine angenehme, tiefe Stille.

Nami steuerte mit einem zufriedenen Lächeln direkt auf den gewaltigen Schreibtisch zu. Mit geschickten Fingern packte sie das edel verpackte Präsent der PR-Mädchen aus, nahm die winzigen, schneeweißen Babyschühchen heraus und stellte sie mit größter Sorgfalt mitten auf den Tisch... genau zwischen Kais hochmoderne Monitore und einen Stapel millionenschwerer Tachiwari-Finanzberichte.

Der optische Kontrast hätte nicht gewaltiger sein können. Das kühle, kaiserliche Machtzentrum des Konzerns traf auf die zarteste Erinnerung an ihre gemeinsame Zukunft.

Kai war ihr gefolgt. Er knöpfte sein Sakko auf, schob die Hände in die Hosentaschen und betrachtete die Szene vor sich. Sein Blick blieb an den klitzekleinen Schühchen hängen.

Ein extrem feines, zutiefst stolzes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, während er Nami von der Seite beobachtete.

„Sieht aus, als hätte der Vorstand ein neues Vorstandsmitglied bekommen“, raunte Kai mit seiner tiefen, samtenen Stimme.

Nami drehte sich schmunzelnd um, trat an ihn heran und schlang die Arme um seinen Hals. „Gib es zu, du findest sie genauso süß wie ich.“

Kai antwortete nicht direkt. Stattdessen legte er seine Arme fest um ihre Taille, zog sie ohne Umwege an seinen breiten Brustkorb und legte seine Stirn sanft gegen ihre.

„Ich finde nur faszinierend, wie mühelos du mein Büro in ein Kinderzimmer verwandelst.“

Er löste sich langsam von ihr, führte sie hinüber zur eleganten Ledersitzecke und öffnete die Speisebehälter aus dem exklusiven Restaurant. Es war ein perfekt abgestimmtes, nährstoffreiches Mittagessen... frischer Lachs, gedünstetes Gemüse, Reis und frisches Obst.

Kai setzte sich dicht neben sie und schob ihr sofort die besten Stücke auf ihren Teller. Seine fürsorgliche, besitzergreifende Ader trat wie immer unweigerlich zu Tage.

„Du isst zu wenig.“, stellte er streng fest, während er ihr mit der Gabel ein Stück Fisch reichte.

„Graham hat mir vor ein paar Tagen bereits diskret angemerkt, dass du extrem wenig gegessen hast.“

Nami blickte ihn amüsiert an, ehe sie brav den Bissen entgegennahm.

„Graham nimmt seine Pflichten eben sehr ernst. Mir war in den letzten Tagen einfach nur etwas flau, Kai. Ich bin jetzt Anfang des vierten Monats, da kann das durchaus noch vorkommen. Aber heute geht es mir gut.“

„Trotzdem“, brummte Kai unnachgiebig, während er ihren Blick nicht losließ. Seine Hand glitt unter den Tisch und legte sich warm auf ihren Oberschenkel, wo seine Finger sanft Druck ausübten.

„Wenn es dir nicht gut geht, sagst du es mir. Ich brauche nicht noch mehr Gerüchte in der Presse, wenn die Tachiba-Erbin in meinem Foyer umkippt.“

Nami lachte leise auf. „Ich kippe nicht um. Vor allem nicht, wenn du da bist.“

Nachdem sie entspannt fertig gegessen hatten, schoben sie das Geschirr beiseite.

Nami stand auf und trat langsam an die gewaltige, bodentiefe Panorama-Glasfront. Die ganze Skyline von Tokio erstreckte sich unter dem strahlenden Mittagshimmel bis zum Horizont.

Kai folgte ihr. Er trat dicht hinter sie, umschloss ihre Taille von hinten mit seinen starken Armen und zog ihren Rücken fest an seine breite Brust. Seine Hand verweilte schützend auf der feinen Rundung ihres Bauches.

Nami lehnte sich vollkommen entspannt gegen ihn zurück. Kai neigte den Kopf und legte seine Wange zärtlich an ihr silbrig weißes, welliges Haar, während sie gemeinsam schweigend über das Häusermeer der Metropole blickten.

Die Hektik des Tages, die neugierigen Angestellten und die Schlagzeilen der Zeitungen spielten hier oben keine Rolle mehr. In der Unerschütterlichkeit seines Refugiums gab es nur sie zwei... und das kleine Wunder, das geschützt unter seiner Hand heranwuchs.

Nami ließ einen leisen, tiefen Atemzug entweichen. Ein sanftes Seufzen, das mehr von dankbarer Ungläubigkeit als von Mündigkeit zeugte, hob ihren Brustkorb.

Sie legte ihre eigenen Hände über seine breite, warme Handfläche, die unerschütterlich auf der feinen Rundung ihres Bauches ruhte, und sah aus dem 80. Stockwerk über die glitzernde Skyline von Tokio.

Ein leises, glockenreines Lachen stahl sich von ihren Lippen.

„Weißt du noch?“, raunte Nami leise und drehte den Kopf minimal zur Seite, sodass ihr Profil sein Kinn berührte. „Vor genau einem Jahr hast du mir in diesem eiskalten, unumstößlichen Ton erklärt, dass du niemals Kinder willst. Dass du sterilisiert bist und dieses Kapitel für dich für immer geschlossen ist.“

Sie lachte erneut... ein warmes, amüsiertes Kichern, das sanft gegen seinen Brustkorb vibrierte.

„Und schau uns jetzt an, Kai. Es ist fast schon ironisch witzig. Hier stehst du, hältst deine Hand so schützend auf meinem Babybauch, als wäre es das Kostbarste auf dieser Welt. Über dem Baby, das du nie haben wolltest... und währenddessen werden wir unten im Foyer und in den Medien von Glückwünschen und Pressemitteilungen schier überrollt.“

Kais Griff um ihre Taille verengte sich für den Bruchteil einer Sekunde aus besitzergreifenden Intensität. Ein tiefes, unmerklich raues Brummen entwich seiner Kehle. Seine rubinroten Augen verengten sich leicht, während er starr auf das Häusermeer unter ihnen blickte, ehe er seine Lippen ganz dicht an ihre Schläfe drückte.

Er erinnerte sich nur zu gut an diese Zeit vor einem Jahr. An die Mauern, die er um sich herum aufgebaut hatte, an die kühle Berechnung und die Überzeugung, dass in seiner Welt kein Platz für ein Kind war.

„Die Welt ändert sich“, raunte Kai tief, seine raue, dominante Stimme von einer ungewohnten, unerschütterlichen Milde durchdrungen.

„Ich wollte kein Kind in einer Welt, in der du nicht an meiner Seite stehst. Das war der Unterschied.“

Er fuhr mit seinem Daumen mit einer langsamen, kreisenden Bewegung über ihren Stoff des Kleides, direkt dort, wo ihr gemeinsames Kind heranwuchs.

„Und was die Presse angeht...“, fügte Kai mit diesem typischen, trockenen Unterton hinzu, während ein feines Schmunzeln seine Mundwinkel streifte, „...sie können schreiben, was sie wollen. Am Ende gehört das hier mir. Du. Und das Kind.“

Kai schwieg nun für ein paar lange Herzschläge.

Kais Lippen streiften sanft ihr silbriges Haar, während seine tiefe, raue Stimme das Schweigen im Raum brach.

„Mein Schatz... “, raunte er, und der gewohnte, kühle Panzer in seinem Timbre wich einer ehrlichen, düsteren Intensität.

Er verstärkte den Druck seiner Arme um ihren Körper, zog sie noch ein Stück fester an seine Brust, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich hier bei ihm war.

„Ich habe nie geglaubt, dass ich fähig wäre, jemanden so zu lieben, wie ich dich liebe. Ich hielt es für unmöglich. Ich hielt mich für... zu kaputt... zu dunkel...“

Kai hielt inne. Seine Hand strich ganz langsam, vorsichtig und mit einer tief verankerten Beschützerinstinkt über ihren Bauch.

„Bis du mir gezeigt hast, dass ich falsch lag. Du hast mir diese Dunkelheit genommen, Nami. Wenn dieses Kind jetzt hier ist... dann nur, weil du mich gelehrt hast, was es bedeutet, alles für jemanden zu empfinden.“

Nami hob eine seiner großen, warmen Hände von ihrem Bauch empor. Sie drehte den Kopf ein Stück zur Seite, blickte ihm aus ihren strahlenden, ozeanfarbenen Augen tief ins Gesicht und drückte einen zärtlichen, langen Kuss auf seine Knöchel.

Ein feines, amüsiertes Schmunzeln spielte um ihre Lippen.

„Kai...“, raunte sie, während ihre Fingerspitzen sanft über seinen Handrücken strichen.

„Wenn Hilary dich jetzt hören könnte, würde sie dich glatt als hoffnungslosen Romantiker abstempeln. Sie würde ihren Augen und Ohren nicht glauben.“

Kais Gesichtszüge blieben unverändert markant, doch der eiskalte Glanz in seinen rubinroten Augen wich einem dunklen, exklusiven Brennen. Ein extrem trockenes, kaskadierend tiefes Brummen entwich seiner Brust, als er sich noch ein Stück näher an ihr Ohr neigte.

„Hilary halluziniert“, entgegnete Kai vollkommen unbeeindruckt und mit dieser unerschütterlichen, kaiserlichen Gelassenheit. Seine Lippen streiften den empfindlichen Punkt an ihrem Hals.

„Niemand außer dir... wird jemals solche Worte von mir hören. Und falls hier irgendjemand lauschen sollte...“

Er hielt inne, und seine Stimme verjüngte sich zu einem gefährlich leisen, schneidenden Raunen, das die absolute Macht seiner Stellung unterstrich: „...werde ich mich persönlich darum kümmern, dass dieserjenige nie wieder ein Wort hört.“

Nami hielt es nicht mehr aus. Ein lautes, glockenreines Lachen entkam ihrer Kehle und hallte von den Panorama-Glasscheiben des Stockwerks wider. Sie warf den Kopf nach hinten an seine Schulter, während ihr gesamter Körper von dem herzlichen Anfall bebte.

Es war absolut typisch für Kai: Selbst in den intimsten, schönsten Liebeserklärungen blieb er bis auf die Knochen der unnahbare, gefährliche Mann, vor dem die Welt zitterte... und genau diese unerschütterliche Loyalität zu ihr war es, die ihr Herz jedes Mal aufs Neue höherschlagen ließ.

Nami fing sich langsam wieder, auch wenn das amüsierte Funkeln in ihren Augen blieb, während sie sich tiefer an seinen Körper lehnte.

Kai erwiderte ihr Lachen gewohnt nicht. Seine Züge blieben gewohnt markant und unerschütterlich, doch der Blick, mit dem er sie von oben herab ansah, hielt eine unumstößliche Schärfe.

Denn bei aller Hingabe, die er ihr entgegenbrachte: Kai war immer noch kein Romantiker. Das war er nie gewesen, und das würde er auch niemals sein.

Das Wort allein schmeckte in seinem Mund nach künstlicher Dramatik und verweichlichten Floskeln... Dingen, mit denen er absolut nichts anfangen konnte. Er pflückte keine Rosen, er verfasste keine Kitschbriefe und er schwelgte nicht in träumerischen Fantasien.

Er war schlicht und ergreifend ehrlich.

Wenn Kai Hiwatari etwas sagte, dann war es die ungeschminkte, eiskalte Realität.

Seine Worte waren keine poetischen Versprechungen, sondern meißelten Tatsachen in Stein.

Wenn er sagte, dass sie die Einzige war, für die sein Herz schlug, dann war das keine romantische Übertreibung, sondern ein unumstößliches Gesetz seines Daseins.

Er analysierte die Welt nun mal so, wie er Systeme und Beyblades analysierte: präzise, schonungslos und ohne Raum für Zweifel.

„Du weißt... ich bin kein Romantiker, mein Schatz.“, raunte Kai tief, seine raue Stimme so nüchtern wie eh und je. Seine Hand glitt von ihren Knöcheln zurück auf ihren Bauch und drückte sich mit besitzergreifender Festigkeit gegen den Stoff ihres Kleides.

„Romantik ist eine Illusion für Leute, die Verzierung brauchen. Ich sage dir nur, wie die Dinge sind.“

Er neigte den Kopf und fixierte ihren Blick über die Reflexion der Scheibe.

„Du bist die Frau an meiner Seite. Das ist mein Kind. Und ich werde alles vernichten, was sich dem in den Weg stellt. Das ist keine Poesie. Das ist Faktenlage.“

Nami lächelte, doch diesmal lag eine tiefere, wissende Wärme darin. Sie drückte ihren Rücken noch etwas fester gegen seine Brust.

Sie wusste das.

Und genau diese eiskalte, kompromisslose Ehrlichkeit war ihr tausendmal lieber als jede romantische Geste dieser Welt.