Zweifel nicht...
Zweifel nicht...
Plötzlich durchbrach das scharfe, dezente Summen des Schreibtischtelefons die ruhige Atmosphäre des Büros. Kai löste sich nicht sofort von Nami, sondern ließ seine Hand noch einen Herzschlag lang schützend auf ihrem Bauch ruhen, ehe er mit ruhigen Schritten an den massiven Tisch trat und den Hörer abnahm.
„Hiwatari“, raunte er kurz angebunden.
Am anderen Ende der Leitung erklang die tiefe, unerschütterliche Stimme seines Sicherheitschefs.
„Mr. Hiwatari, verzeihen Sie die Störung. Unten im Eingangsbereich steht ein Mr. Tala Valkov. Er verlangt umgehend Einlass zu Ihnen.“
Kai hielt für einen Moment inne. Seine Augen verengten sich leicht.
Tala.
Er hatte seinen alten Teamkameraden und Weggefährten seit knapp einem Jahr nicht mehr persönlich gesehen. Das letzte Mal hatten sie vor wenigen Wochen telefoniert... kurz nachdem Kai die Verlobung mit Nami öffentlich und damit offiziell gemacht hatte.
Tala, der als einsamer Wolf nach wie vor sein eigenes, ungebundenes Leben führte, war zu diesem Zeitpunkt noch in Russland gewesen.
Und Kai konnte sich noch verdammt genau an diesen einen Satz erinnern, den Tala ihm damals am Telefon mit seinem gewohnt trockenen, rauen Grinsen an den Kopf geworfen hatte:
„Solange du nicht auf die Idee kommst, auch noch ein Kind in die Welt zu setzen...“
Nun war Tala also tatsächlich zurück in Tokio. Und die BBA-Gala sowie die weltweite Medienwelle der letzten zwei Tage hatten dafür gesorgt, dass die Nachrichten auch bei ihm eingeschlagen waren wie eine Bombe.
Kai wusste ohne jeden Zweifel, was ihm gleich bevorstehen würde: Tala würde in wenigen Minuten mit einem Gesichtsausdruck zwischen absolutem Entsetzen und spöttischem Unglauben in diesem Büro stehen und ihn mit Fragen überrennen.
Er würde wissen wollen, ob Kai tatsächlich den Verstand verloren hatte und ob er ernsthaft die Vasektomie hatte rückgängig machen lassen.
„Lass ihn hoch“, wies Kai Armon knapp an.
„Direkt durch den VIP-Aufzug.“
Er legte auf und sah zu Nami hinüber, die ihn fragend aus ihren ozeanfarbenen Augen ansah.
„Tala ist unten“, meinte Kai trocken, während ein feines, düsteres Amüsement seine Züge streifte.
„Er verlangt Antworten.“
Nami schmunzelte sofort und verschränkte die Arme vor der Brust. „Oh... das wird ein Spaß. Hat er die Nachrichten in Russland mitbekommen?“
„Definitiv“, antwortete Kai und knöpfte sein Sakko wieder zu. „Und er glaubt vermutlich bis zu dieser Sekunde, dass ich nun komplett den Verstand verloren habe.“
Keine zwei Minuten später flogen die schweren Eichentüren des Büros ohne vorheriges Anklopfen auf.
Tala Valkov schritt herein. Der großgewachsene Rotschopf trug seinen schweren Ledermantel noch über den Schultern, seine eisblauen Augen waren verengt und sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus fassungslosem Unglauben und einer gehörigen Portion spöttischer Erschütterung.
Er blieb mitten im Raum stehen, sah von Kai zu Nami... deren kleiner Babybauch unter dem eleganten Kleid nicht mehr zu übersehen war... und hielt inne.
„Ich wusste ja, dass du weich wirst, Hiwatari...“, brach Talas rau-tiefe Stimme das Schweigen, während er sich ungläubig eine Hand durch die roten Haare strich. „...aber das hier? Sag mir bitte, dass das eine verdammte PR-Finte für die Tachiwari-Aktien ist. Hast du dir etwa allen Ernstes die Schnipp-Schnapp-Sache rückgängig machen lassen?! Bist du vollkommen irre geworden?!
Kai veränderte seine Haltung nicht um einen Millimeter. Er lehnte sich mit verschränkten Armen leicht gegen die Kante seines schweren Schreibtischs, während sein rubinroter Blick Tala vollkommen kalt und ungerührt fixierte.
„Bist du tatsächlich den weiten Weg aus Russland nach Tokio gekommen, nur um mir eine Standpauke zu halten, Valkov?“, raunte Kai mit einer kaskadierend tiefen, ruhigen Stimme.
Tala schnaufte ungläubig, legte den Kopf schief und wandte seinen Blick kurz zu Nami. Seine Eisaugen waren gewohnt kühl, distanziert und unnahbar. Er war nach wie vor der einsame Wolf... diskret, verschlossen und unfähig, romantische Verflechtungen nachzuvollziehen. Er akzeptierte und respektierte absolut, was Kai und Nami verband, und hielt sich strikt an die nötige Höflichkeit, aber in seinem Kopf ergab all das schlichtweg keinen Sinn.
Wie verdammt noch mal konnte Kai Hiwatari... der unerbittlichste, kälteste Beyblader, den die Welt je gesehen hatte... hier stehen, eine schwangere Verlobte an seiner Seite haben und dabei so unerschütterlich ruhig bleiben?
„Du bist zwanzig, Kai!“, stellte Tala fest, und seine raue Stimme schnitt durch den Raum. Er deutete mit einer knappen Geste auf Kai und dann auf Namis Bauch.
„Zwanzig! Unabhängig davon, dass du vor einem Jahr noch schwörtest, niemals ein Kind zu zeugen... das ganze Konstrukt hier ist absolut verrückt! Du leitest einen Weltkonzern, du bist im Visier der halben Weltpresse und jetzt wirst du auch noch Vater? Wie kannst du verdammt noch mal so ruhig bleiben?!“
Nami trat mit einem amüsierten, vollen Lächeln an Kais Seite und verschränkte ebenfalls die Arme. Sie kannte Talas raue Natur nur zu gut und nahm ihm seine Distanz nicht im Geringsten übel.
„Du kannst deine Fassungslosigkeit wieder einstecken, Tala“, meinte Nami schmunzelnd.
„Kein Chirurg der Welt hat Hand an Kai gelegt. Es gab keine Operation.“
Tala runzelte die Stirn.
Seine eisblauen Augen verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen, während sein Blick zwischen den beiden hin- und herwanderten.
„Was soll das heißen, kein Chirurg? Du hast mir damals selbst gesagt, dass du sterilisiert bist, Kai. Willst du mir etwa erzählen, dass das Gewebe sich von alleine wieder zusammengeklebt hat?“
„Nicht von alleine“, erwiderte Kai trocken, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ein extrem feines, fast unsichtbares Schmunzeln zeigte sich auf seinen Zügen, als er die Arme löste und seine Hand ganz beiläufig wieder auf Namis Hüfte legte.
„Die Bit-Beast-Auren“, erklärte Kai nüchtern, als würde er einen wissenschaftlichen Bericht vortragen.
„Namis Wunsch nach einem Kind war stark genug. Als unsere Auren miteinander kommunizierten... hat die Energie von Dranzer und ihrem Bit-Beast die innere physische Barriere aufgelöst. Es war ein energetischer Prozess, kein medizinischer.“
Tala starrte Kai an. Ein, zwei, drei Sekunden vergingen in absoluter Stille.
Dann zog der Rotschopf die Augenbrauen so weit nach oben, dass sie fast in seinem Haaransatz verschwanden.
„Du... du willst mir allen Ernstes erzählen...“, stammelte Tala, während der gewohnte Panzer des einsamen Wolfs für einen Bruchteil einer Sekunde bröckelte, „...dass dein verdammter Feuervogel Storch gespielt hat?! Ist das dein fucking Ernst, Kai?!“
Nami hielt es nicht mehr aus und brach in ein glockenreines Lachen aus, das von den schallisolierten Wänden widerhallte. Selbst Kai erlaubte sich ein tiefes, trockenes Brummen in der Brust.
„Es ist die Faktenlage, Tala“, schloss Kai gelassen ab und fixierte seinen alten Kameraden mit einem unerschütterlichen Blick.
„Und was mein Alter oder meine Ruhe angeht: Ich kontrolliere dieses System. Genau wie alles andere in meinem Leben.“
Tala schwieg. Das laute Lachen von Nami und Kais trockenes Brummen schienen im Raum langsam zu verblassen, während in Talas Kopf ein Rädchen nach dem anderen ineinandergriff.
„Auren...“, wiederholte Tala das Wort. Extrem leise, fast tonlos.
Seine eisblauen Augen verengten sich. Er machte einen unbewussten Schritt nach vorne und begann, Kai scharf zu sezieren. Er musterte die breiten Schultern seines ehemaligen Teamkapitäns, die unerschütterliche, beinahe majestätische Statur, die kühle Aura, die den Raum wie eine physische Greifbarkeit erfüllte... und schließlich blieb sein Blick an Kais Augen hängen.
Tala hatte Kai zwar kurz nach dessen Verschmelzung mit Dranzer noch gesehen, hatte aber nie die Zeit gehabt, die feinen, tiefgreifenden Veränderungen an seinem alten Gefährten wirklich zu begreifen.
Tala wusste bis zum heutigen Tag absolut nichts von einer Seelenverschmelzung mit Dranzer. Für ihn waren das immer nur uralte, verstaubte Mythen gewesen... abstruse Legenden aus alten Schriften der Abtei, über die er in seiner Jugend mal beiläufig gelesen und sie als Hirngespinst abgetan hatte.
Doch jetzt, wo er nur zwei Meter von Kai entfernt stand, spürte er es. Es war eine feine, aber gewaltige Präsenz, die wie ein stummer, kaskadierender Nachhall in der Luft schwebte.
Talas Blick verharrte starr auf Kais Augen.
Sie waren nicht mehr in jenem gewohnten, kühlen Granatrot gefärbt, das er seit Jahren gekannt hatte. Sie waren heller geworden.
Lebendiger.
Ein makelloses, tief brennendes Rubinrot, das eine Urkraft widerspiegelte, die weit über das Menschliche hinausging.
Ein kalter Schauer lief Tala unwillkürlich über den Rücken. Die spöttische Haltung verflog augenblicklich.
Er schwieg für mehrere lange Sekunden, während seine Gedanken rasten. Er hob langsam den Blick, um Kai direkt in die Augen zu sehen.
„Sag mir... dass das ein verdammter Scherz ist, Hiwatari“, raunte Tala, und seine rau-tiefe Stimme verlor jegliche Spott.
Es war das reine, ungläubige Staunen eines Mannes, der gerade realisierte, dass eine Legende vor ihm stand.
„Es kann nicht sein. So etwas... so etwas ist ein Mythos. Eine Seelenverschmelzung mit einem Bit-Beast gibt es nicht.“
Kai veränderte seine Haltung nicht. Er hielt Talas erschütterten Blick ohne mit der Wimper zu zucken stand. Die rubinrote Glut in seinen Augen brannte ruhig, aber unumstößlich.
„Du spürst es doch, Tala.“, entgegnete Kai mit einer so tiefen, unerschütterlichen Gelassenheit, dass es die drückende Stille im Büro nur noch mehr verstärkte.
„Mythen sind meistens nur Wahrheiten, die niemand zu begreifen wagt.“
Tala wandte seinen Blick langsam von Kai ab und fixierte Nami. Seine eisblauen Augen verengten sich, während er die Puzzleteile in seinem Kopf fieberhaft zusammensetzte.
Plötzlich durchzuckte ihn eine Erinnerung.
Erst vor wenigen Wochen hatte er in Russland bei einem Treffen mit einem alten gemeinsamen Bekannten aus den alten Zeiten beiläufig etwas aufgeschnappt. Der Informant hatte erwähnt, dass Kai vor knapp einem Jahr eine extrem seltene, historische Übersetzung eines alten tibetischen Buches nach Japan hatte einfliegen lassen.
Tala hatte den Bericht damals ungerührt überflogen und die Sache als unnötiges Detail abgetan.
Warum sollte der eiskalte, ehemalige Champion alte religiöse Schriften lesen?
Doch nun schoss ihm ein einzelner, spezifischer Begriff wieder im Kopf hoch, den er damals auf dem Papier überlesen hatte:
~Seeleneffekte~
Ein raues, ungläubiges Murmeln entwich Talas Kehle.
„Das... das war also der verdammte Grund“, murmelte er leise vor sich hin, während der Zusammenhang wie ein Blitz bei ihm einschlug.
Er wurde spürbar lauter und sah Nami mit einem leicht spöttischen, aber unverkennbar kühlen Blick an. Er machte einen langsamen, bewussten Schritt auf sie zu.
„Bist du etwa auch mit deinem Bit-Beast verschmolzen?“, fragte Tala und schiefte den Kopf, während seine eisigen Augen sie scharf sezierten.
„Wenn ja... würde das hier verdammt noch mal einiges erklären.“
Er blieb knapp zwei Schritte vor ihr stehen, die Arme verschränkt, und sah zwischen ihr und Kai hin und her.
„Diese plötzliche, radikale Obsession, die Kai von heute auf morgen für dich entwickelt hat...“, fuhr Tala mit rauer, unerbittlicher Stimme fort, während sein Blick an Namis Bauch und dann wieder an ihren ozeanfarbenen Augen hängen blieb, „...das hat also gar nichts mit einem normalen Sinneswandel zu tun. Das hängt direkt mit dieser Seelenverschmelzung zusammen. Diese Aura hatte ihn manipuliert und seinen Verstand komplett auf dich gepolt.“
Bei Talas schneidenden Worten fuhr Nami ein plötzlicher, eisiger Stich direkt durch die Brust.
Ihr Atem stockte für einen Herzschlag.
Genau diese grausame Befürchtung... die quälende Angst, dass sie Kai mit ihrer feinen, heilenden Aura unbewusst beeinflusst oder gar manipuliert haben könnte... hatte sie damals fast zerrissen.
Es war derselbe dunkle Zweifel gewesen, der sie nachts wachgehalten hatte... als sie und Kai es damals herausgefunden hatten. Er hatte nicht einen Sekundenteil gezögert, ihr diese Last von den Schultern zu nehmen. Er hatte ihr mit einer so tiefen, unerschütterlichen Ehrlichkeit in die Augen gesehen und klargestellt, dass er sie auch ohne jede Aura, ohne jedes Bit-Beast begehrt und gewählt hätte... sie hätte dann nur womöglich... sehr viel mehr Geduld mit seinen sturen Mauern haben müssen.
Doch Talas spöttischer Ton riss diese alte Wunde für einen kurzen Moment wieder auf.
Namis Lächeln verblasste, und ihr Blick senkte sich minimal, während ihre Hand unwillkürlich etwas fester den Stoff ihres Kleides über dem Bauch umschloss.
Kai entging das nicht. Keinen einzigen Millimeter.
Er spürte Namis plötzliche Verunsicherung im selben Bruchteil einer Sekunde, in dem sie entstand. Seine rubinroten Augen verengten sich gefährlich, und die feine Milde in seinen Zügen löste sich augenblicklich auf.
Ohne ein Wort trat Kai vor sie.
Mit einer einzigen, fließenden Bewegung schob er seinen breiten, gewaltigen Körper direkt zwischen Tala und Nami, schnitt seinen alten Gefährten vollkommen von ihr ab und schirmte sie mit seiner bloßen Präsenz ab.
Der Raum schien augenblicklich um einige Grad abzukühlen.
Kai sah von oben herab auf Tala obwohl er ihn kaum überragte. Seine Hände lagen entspannt in den Hosentaschen seines maßgeschneiderten Anzugs, doch die Aura, die von ihm ausging, war so gewaltig, kalt und absolut dominant, dass die Luft im Büro förmlich knisterte.
„Du überschreitest deine Grenzen, Tala“, raunte Kai. Seine Stimme war leise, erschreckend ruhig, aber von einer messerscharfen, unumstößlichen Härte durchdrungen.
Er hielt Talas eisblauem Blick stand, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
„Nami hat gar nichts manipuliert. Was ich für sie empfinde und wie ich mich entscheide, ist allein mein Wille. Kein Zauber, kein Zwang und erst recht keine Illusion.“
Kai neigte den Kopf minimal, und der rubinrote Glanz in seinen Augen brannte mit einer gefährlichen, kaiserlichen Schärfe.
„Wenn du hier bist, um mir als alter Kamerad gegenüberzustehen, bist du willkommen. Aber wenn du noch einmal versuchst, meine Frau zu analysieren oder ihr die Schuld für mein Leben zu geben... werde ich dafür sorgen, dass du diesen Tower nicht mehr auf eigenen Beinen verlässt. Hast du mich verstanden?“
Die Ansage hing glasklar und unerschütterlich im Raum. Es war keine brüllende Drohung, sondern die kühle, nüchterne Faktenlage eines Mannes, der seine Familie gegen absolut jeden verteidigen würde... selbst gegen die eigenen Weggefährten aus der Vergangenheit.
Eine einzelne, gläserne Träne löste sich aus Namis ozeanfarbenen Augen und rollte lautlos über ihre Wange.
Eigentlich war sie eine starke, selbstbewusste Frau. Die spitzen Bemerkungen oder das distanzierte Gehabe eines Tala Valkov hätten sie unter normalen Umständen höchstens kurz ins Wanken gebracht, ehe sie ihn mit einem kühlen Lächeln in seine Schranken gewiesen hätte.
Doch die Hormone des Schwangerschaftsmonats machten ihr ein Schnippchen.
Ihre Gefühle lagen schlichtweg viel näher an der Oberfläche, und der plötzliche Stich der alten Verlust- und Schuldängste hatte sie unvorbereitet getroffen.
Sie hob die Hand und wischte sich die Träne rasch weg, doch ein leises, unterdrücktes Schluchzen entkam ihrer Kehle.
Tala wandte den Blick augenblicklich ab. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.
Natürlich war es ihm im Grunde völlig egal, was andere dachten oder fühlten... Empathie gehörte nun wirklich nicht zu den Stärken des einsamen Wolfs. Doch dieses weinende Gesicht einer wunderschönen Frau vor sich zu sehen, erzeugte in ihm ein tiefes, unwohlwollendes Störgefühl.
Er ertrug es schlichtweg nicht, mit solch einer unverblümten Emotionalität konfrontiert zu werden.
Er verschränkte die Arme noch etwas strammer und starrte demonstrativ aus dem Panoramafenster.
Kais Kiefer mahlten spürbar. Der Muskel an seinen Wangenknochen spannte sich extrem an, als er das leise Schluchzen hinter sich hörte.
Seine Augen schienen noch dunkler zu brennen, während er Tala unverwandt fixierte.
„Wenn das alles war, was du zu sagen hattest, Tala... kannst du jetzt gerne wieder gehen“, durchbrach Kais tiefe, schneidende Stimme die Stille.
Er machte keinen Schritt zurück, sondern blieb wie eine unüberwindbare Wand vor Nami stehen.
„Ich bin dieser Aura und dem Bit-Beast jeden verdammten Tag dankbar“, fuhr Kai fort, und seine Stimme verlor jede Spur von Kälte, während er den absolut ernsthaften Kern seiner Worte offenlegte.
„Sie hat mich aus der Dunkelheit gezogen, in der ich jahrelang festgesteckt habe. Ich würde es nicht in einer Million Jahren als Manipulation sehen.“
Kai warf einen kurzen, unendlich beschützenden Blick über die Schulter zu Nami, ehe sein harter Blick wieder auf Tala traf.
„Nami ist mein Zuhause. Und ich liebe sie. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Er legte eine kurze, drückende Pause ein, in der man fast eine Stecknadel hätte fallen hören können.
„Vielleicht solltest du auch langsam mal versuchen, die Vergangenheit ruhen zu lassen“, wies Kai seinen alten Gefährten mit einer eisigen, unverrückbaren Autorität zurecht. „Und dich zur Abwechslung um deinen eigenen Kram kümmern.“
Tala schwieg für einen langen, zähen Moment. Seine eisblauen Augen wandten sich vom Panoramafenster ab und trafen erneut auf Kai, der unverrückbar wie ein Fels vor Nami stand.
Tala sah die absolute Entschlossenheit in Kais rubinroten Augen. Er sah die unumstößliche Bereitschaft, alles und jeden ohne zu zögern zu zermalmen, der sich zwischen ihn und seine Familie stellte.
Ein tiefes, extrem trockenes Schnaufen entwich Talas Kehle.
Er hob langsam eine Hand... eine schlichte, beschwichtigende Geste. Die spöttische Schärfe in seinen Zügen war vollkommen verschwunden.
„Schon gut, Kai“, raunte Tala mit seiner rauen, beinahe belegenen Stimme. Er strich sich die roten Haare aus der Stirn und warf einen kurzen, kühlen Blick an Kais Schulter vorbei zu Nami.
Tala war unfähig zu emotionalen Gefühlen oder einer sanften Entschuldigung. Das lag schlichtweg nicht in seiner Natur. Aber die Tatsache, dass eine Frau wegen seiner Worte weinte, und die Unerschütterlichkeit, mit der Kai sie abschirmte, hatten gesessen.
„Du hast deine Abwehr ganz schön verstärkt“, stellte Tala nüchtern fest. Ein ganz feines, fast unsichtbares Zucken wanderte über seine Mundwinkel... die einzige Art, wie ein Mann wie Tala seine Anerkennung zeigte.
„Ich wollte deiner... Zukünftigen kein Drama bescheren. Und ich hab auch nicht vor, deinen Mediator zu spielen.“
Er zog den schweren Ledermantel auf seinen Schultern etwas zurecht und wandte sich langsam der Tür zu.
Kurz bevor er aus der Tür trat, blieb Tala noch einmal stehen und blickte über die Schulter zurück zu Kai.
„Ich weiß, ich habe dir das sicher schon einmal gesagt aber... du hast dich verändert, Kai. Vielleicht ist das das erste Mal, dass du nicht mehr nur aus Hasserfülltheit oder Pflichtgefühl kämpfst.“ Tala legte den Kopf minimal schief.
„Pass einfach auf sie auf. Die Welt da draußen schläft nicht.“
Mit einem knappen, fast unscheinbaren Nicken in Namis Richtung trat der Rotschopf aus der Tür.
Sobald die Tür ins Schloss fiel, wich die eiskalte Schutzmauer augenblicklich aus Kais Haltung.
Er drehte sich auf dem Absatz um, trat den letzten Schritt an Nami heran und nahm ihr schönes Gesicht behutsam in seine großen, warmen Hände...
Die bedrohliche, kaiserliche Dominanz wich einer tiefen, unerschütterlichen Sanftheit, die er ausschließlich für diese eine Frau reserviert hatte.
Mit den Daumen strich er in beruhigenden, kreisenden Bewegungen über ihre Wangenknochen und wischte die verbliebenen Tränenspuren so vorsichtig fort, als hielte er das zerbrechlichste Kunstwerk der Welt in seinen Händen.
„Es tut mir leid...“, raunte Nami leise, ihre Stimme war noch ein wenig brüchig, als sie versuchte, verlegen zu lächeln.
„Es ist lächerlich... Ich bin eigentlich nicht so empfindlich. Aber diese verdammten Schwangerschaftshormone lassen mich wegen jeder Kleinigkeit ins Wanken geraten...“
„Nichts daran ist lächerlich“, unterbrach Kai sie sofort.
Seine tiefe, raue Stimme duldete keinerlei Widerrede, war aber von einem so unendlich warmen, beschützenden Unterton getragen, dass Nami augenblicklich ein Schauer über den Rücken lief. Seine rubinroten Augen fixierten ihren Blick mit einer Intensität, die jeden verbliebenen Zweifel in ihrem Herzen im Keim erstickte.
„Du musst dich für gar nichts entschuldigen, Nami“, fuhr Kai fort, während sein Daumen sanft über ihre Unterlippe strich.
„Tala versteht nichts von dem, was hier zwischen uns ist. Er versteht die Bindung nicht, er versteht die Liebe nicht und er hat keine Ahnung, wie sehr ich dich brauche. Lass dir niemals... von absolut niemandem auf dieser Welt... einreden, dass du mich manipuliert hättest.“
Er neigte den Kopf und drückte einen langen, zärtlichen Kuss auf ihre Stirn, genau zwischen ihre Augenbrauen, ehe er seinen Mund ganz nah an ihr Ohr schob.
„Du hast mich nicht verändert oder manipuliert, Nami. Du hast mir einfach nur gezeigt, wie es ist, ein Zuhause zu haben. Ich habe mich für dich entschieden. Jeden einzelnen Tag aufs Neue.“
Nami atmete tief aus. Der verbliebene Druck der letzten Minuten, das stichartige Engegefühl in ihrer Brust... alles löste sich schlagartig auf. Sie schlang ihre Arme fest um seinen Hals, vergrub ihr Gesicht an der warmen Beuge seiner Schulter und genoss den vertrauten Duft, der von seiner Haut ausging.
Kai schloss seine starken Arme um ihren Rücken und zog sie fest an seinen breiten Brustkorb. So standen sie da, mitten im schallisolierten Machtzentrum des Tachiwari Towers, vollkommen abgeschirmt von der Welt da draußen.
In seinen Armen fand sie die absolute Geborgenheit, und Kai gab ihr schweigend das Versprechen, dass kein Sturm der Welt jemals an dieser Festung rütteln würde.
„Hast du nach all dieser Zeit tatsächlich immer noch darüber nachgedacht?“, raunte Kai tief, und in seiner rauen Stimme schwang eine feine, ungläubige Schärfe mit. Er neigte den Kopf minimal, ohne ihren Blick freizugeben. „Ich habe dir doch schon mehrfach versichert, dass ich dich auch ohne diese Aura gewollt hätte. Ich habe dich gewählt, Nami. Niemand sonst.“
Nami sah zu ihm auf und atmete leise durch die Nase aus. Die Wärme seiner Hände an ihren Wangen tat gut, vertrieb die Kälte, die Tala hinterlassen hatte, doch in ihren ozeanfarbenen Augen lag für einen kurzen Moment die ehrliche Reflexion ihrer Gedanken.
„Ich habe tatsächlich sehr lange nicht mehr darüber nachgedacht, Kai“, antwortete sie leise, und ihre Fingerspitzen strichen beruhigend über seine Handgelenke.
„Wirklich nicht. Aber... Talas Worte eben... sie haben mich einfach für einen Sekundenteil in der Zeit zurückgeworfen.“
Sie hielt kurz inne, während die Erinnerung wie ein blasser Schatten durch ihren Kopf zog.
„Zurück zu diesem Gefühl, das ich damals hatte, als ich zum ersten Mal erfuhr, dass ich solch eine Art von Aura besitze“, fuhr Nami fort, während ihre Stimme etwas sanfter wurde.
„Zu dieser plötzlichen, erdrückenden Angst, dass meine eigenen Fähigkeiten...dich manipulieren könnten. Als er es eben so eiskalt und spöttisch ausgesprochen hat... war dieses alte, beklemmende Gefühl plötzlich wieder da. Ganz kurz.“
Kai nickte langsam. Seine Hände glitten von ihren Wangen herab auf ihre Schultern, wo sie mit ruhigem, beruhigendem Druck verweilten. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als er sie aufmerksam musterte.
„Wie fühlst du dich jetzt?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der eine ehrliche, wachsame Fürsorge lag.
Nami sah ihm fest in die Augen, ließ ein leises, befreites Atmen entweichen und schenkte ihm ein feines, wieder vollkommen ehrliches Lächeln.
„Wieder vollkommen in Ordnung“, antwortete sie sanft. Die spürbare Wärme seiner Hände und die Unerschütterlichkeit in seinen Worten hatten den kühlen Schatten, den Tala hinterlassen hatte, endgültig vertrieben.
„Der kleine Ausrutscher ist vorbei, mein Schatz.“
Kai nickte knapp. Der Muskel an seiner Wangenknochen entspannte sich merkbar, auch wenn sein wachsamer Blick auf ihr ruhen blieb.
„Gut“, meinte er trocken und schob eine Hand in die Hosentasche, während er nach dem Hörer des Schreibtischtelefons greifen wollte. „Soll ich Graham anrufen, damit er dich abholt und nach Hause bringt?“
Nami hielt inne. Sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu, fing seine Hand ab und sah zu ihm auf. Für einen Herzschlag zögerte sie, ehe ihre ozeanfarbenen Augen glänzten.
„Wäre es... arg seltsam... wenn ich den Rest des Tages einfach hier bei dir bleibe?“, fragte sie leise und neigte den Kopf leicht zur Seite.
„Ich verspreche auch, ganz brav zu sein. Ich würde mich einfach auf die Ledercouch legen und lesen. Ich störe dich auch nicht bei deiner Arbeit.“
Ein extrem feines, unendlich warmes Schmunzeln stahl sich auf Kais markante Lippen. Die Vorstellung, sie den Rest des Nachmittags ganz nah bei sich zu wissen, statt sie allein im Ayame-Anwesen zu wähnen, gefiel dem jungen CEO spürbar gut.
Er zog sie an der Hüfte noch einen kleinen Stück näher an sich und neigte den Kopf zu ihr herab.
„Ich behalte dich sehr gerne hier“, raunte Kai tief, während seine Lippen ihre Schläfe streiften. Seine Stimme war von diesem seltenen, exklusiven Tonfall durchdrungen, den nur sie jemals zu hören bekam.
Er löste sich ein Stück von ihr, warf einen kurzen Blick auf den Terminkalender auf seinem Marmorschreibtisch und fixierte sie wieder mit einem leichten, zufriedenen Glanz in seinen rubinroten Augen.
„Ich werde die restlichen Termine für heute verschieben und etwas früher Schluss machen“, schlug Kai vor. Er fuhr mit dem Daumen sanft über ihren Handrücken.
„Dann gehen wir beide nachher noch in ein Café... wenn du das gerne möchtest.“
Nami schlug überrascht die Hand vor den Mund, als ein trockenes, glucksendes Lachen aus ihrer Kehle entwich... doch gleichzeitig schossen ihr schon wieder frische Tränen in die Augen.
Das emotionale Chaos in ihrem Kopf, getrieben von den
Schwangerschaftshormonen und der plötzlichen Erleichterung, entlud sich in einem völlig widersprüchlichen Gemisch aus Freudentränen und herzlichem Lachen.
Kai hielt inne. Er hob eine Augenbraue, legte den Kopf minimal schief und sah sie mit einem unendlich trockenen, leicht verständnislosen Blick von oben herab an.
„Wieso ist... das... jetzt schon wieder ein Grund zum Weinen?“, fragte Kai nüchtern.
Seine tiefe Stimme klang so herrlich pragmatisch, dass es die Absurdität des Moments perfekt auf den Punkt brachte.
Nami fing seinen ratlosen, stoischen Blick auf und konnte sich absolut nicht mehr halten.
Ein glockenreines Lachen hallte durch das Büro. Sie wischte sich die neuen Tränen von den Wangen, schüttelte den Kopf und sah ihn mit schimmernden ozeanblauen Augen voller Liebe an.
„Weil du einfach wie immer wundervoll bist, mein Zar“, sagte sie leise, während ihr Lächeln ihre ganzen Züge erhellte.
Kai brummte nur tief in der Brust, wandte den Blick kurz ab und rückte seine dunkle Krawatte mit einer beiläufigen Handbewegung zurecht.
„Du bist gerade einfach etwas aufgewühlt“, wiegelte er mit gewohnter Stoizismus ab, während ein feines Glimmen in seinen rubinroten Augen verriet, dass ihr Lob ihn keineswegs kaltließ.
„Ich will dich nur etwas ablenken.“
„Und ich weiß das wirklich sehr zu schätzen...“, erwiderte Nami und schob sich schmunzelnd ein Stück näher an ihn heran. Sie neigte den Kopf, sah ihn spitzbübisch von unten an und konnte sich einen kleinen, liebevollen Stoß gegen seine Schulter nicht verkneifen. „...diese absolut unbeabsichtigt romantische Geste.“
Kai hielt in seiner Bewegung inne. Er blickte zu ihr herunter, und seine Züge verhärteten sich zu einer gespielten, vollkommen trockenen Miene.
„Das ist keine Romantik. Das ist Effizienz“, stellte er ungerührt klar und verschränkte die Arme vor der breiten Brust.
„Ein produktiver Nachmittag erfordert einen ruhigen Geist. Wenn wir in ein Café gehen, sind zwei Probleme auf einmal gelöst.“
Nami lachte erneut auf, glücklich und vollkommen gelöst. Sie trat ganz nah an ihn heran, schlang die Arme um seine Taille und lehnte ihren Kopf an seinen festen Brustkorb.
„Tja“, murmelte sie amüsiert an seinem Revers, „dann finde ich deine Effizienz wie immer... eben unheimlich romantisch.“
Kai ließ erneut ein langes, tiefes Brummen vernehmen, das eher nach einer halblauten Niederlage klang, und strich ihr ein letztes Mal dezent über das Haar.
Eine Viertelstunde später hatte sich der Trubel vollkommen gelegt.
Nami hatte ihre Schuhe abgestreift und es sich auf der tiefen, dunkelbraunen Ledercouch im Loungebereich des Chefüro gemütlich gemacht. Kai hatte ihr aus dem angrenzenden Vorbüro eine feine Kaschmirdecke geholt und sie behutsam über ihre Beine und ihren Bauch gelegt.
Mit einem ihrer Lieblingsbücher in der Hand lag sie nun da, während der gewaltige Tachiwari Tower leise vor sich hin summte.
Kai saß an seinem massiven Schreibtisch. Die Ärmel seines Hemdes hatte er leicht hochgekrempelt, die Krawatte etwas gelockert.
Auf dem Bildschirm vor ihm liefen Zahlenkolonnen und Verträge, doch seine Aufmerksamkeit war keineswegs zu hundert Prozent bei den Firmenakten.
Sein rubinroter Blick wanderte in regelmäßigen Abständen vom Monitor hinüber zur Couch.
Er beobachtete, wie Nami die Seiten umblätmerte. Er sah das sanfte Heben und Senken ihres Brustkorbs und die absolute Ruhe, die sich nach dem Vorfall mit Tala wieder auf ihren Zügen ausgebreitet hatte.
Nach etwa zwanzig Minuten bemerkte Kai, dass die Abstände, in denen Nami die Seiten umblätmerte, immer länger wurden. Ihre Augenlider wurden schwerer, getrieben von der Erschöpfung des emotionalen Ausbruchs und der natürlichen Müdigkeit der Schwangerschaft.
Schließlich sank das Buch langsam auf ihre Brust, und ihr Atem wurde tief und gleichmäßig.
Sie war eingeschlafen.
Ein extrem feines, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf Kais Züge. Er griff ohne ein Geräusch nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch, drückte eine Taste und sprach mit extrem leiser, aber unmissverständlicher Stimme hinein.
„Sato. Sagen Sie alle verbleibenden Termine für heute ab. Verschieben Sie die Konferenz mit der Abteilung für Materialentwicklung auf morgen früh. Und lassen Sie für die nächste Stunde niemanden durch. Absolut niemanden.“
Er wartete nicht einmal die verdutzte Antwort seines Sekretärs ab, sondern legte den Hörer lautlos zurück auf die Station.
Effizienz.
Kai lehnte sich in seinem schweren Ledersessel zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Blick auf seiner schlafenden Verlobten ruhen.
Etwa eine Stunde herrschte vollkommene Stille im schallisolierten Chefbüro. Das einzige Geräusch war das leise Ticken der edlen Wanduhr und das gleichmäßige, beruhigende Atmen von Nami.
Kai hatte stumm ein paar Verträge abgezeichnet und den Monitor gedimmt, um kein unnötiges Licht im Raum zu haben.
Schließlich bewegte sich Nami leicht unter der Kaschmirdecke. Ein leises, zufriedenes Seufzen entwich ihren Lippen, ehe sie langsam ihre ozeanblauen Augen aufschlug.
Einen Moment lang blickte sie blinzelnd an die hohe Decke bis ihr Blick zur Seite wanderte. Kai saß am Schreibtisch, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah sie aus seinen rubinroten Augen ruhig an.
„Guten Morgen, Dornröschen“, raunte Kai tief, und eine feine, fast unsichtbare Nuance von Amüsement schwang in seiner Stimme mit.
Nami setzte sich langsam auf, fuhr sich mit einer Hand durch das silbrig weiße, leicht zerzauste Haar und blickte überrascht auf die Uhr an der Wand.
„Ich habe... eine ganze Stunde geschlafen?“, fragte sie verblüfft und sah ihn mit schief gelegtem Kopf an.
„Wieso hast du mich nicht geweckt? Und was ist mit deinen Terminen?“
„Ich habe Sato Anweisung gegeben, alles auf morgen zu verschieben“, antwortete Kai vollkommen ungerührt, während er aufstand und sein maßgeschneidertes Sakko über die Schultern zog.
„Ich habe gesagt, dass ich Effizienz bevorzuge. Ein ausgeruhter Verstand ist wertvoller als drei belanglose Abteilungs-Meetings.“
Nami schmunzelte, stand auf und strich ihr Kleid glatt. Sie trat an ihn heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wangenknochen.
„Du bist unmöglich, Kai Hiwatari“, flüsterte sie amüsiert. „Aber ich liebe deine Art von Effizienz.“
Kai brummte nur kurz, griff nach ihrer Hand und schloss seine langen Finger fest um die ihren.
„Komm. Das Café wartet.“
Wenig später verließen sie den Tachiwari Tower durch den privaten Tiefgaragenausgang, um dem Trubel der Presse und Passanten zu entgehen.
Kai fuhr sie persönlich in ein kleines, extrem exklusives Café im ruhigeren Teil von Ginza, das für seine diskrete Atmosphäre und erlesene Teeauswahl bekannt war.
Der Besitzer, ein älterer Herr, der den jungen CEO sofort erkannte, führte die beiden ohne große Worte in eine abgetrennte, von grünen Pflanzen geschützte Nische am Fenster.
Kaum hatten sie Platz genommen, übernahm Kai wie selbstverständlich die Regie. Als der Kellner an den Tisch trat, hob Kai kurz die Hand.
„Ein Kännchen Kamillentee für die Dame. Absolut koffeinfrei, frischer Honig separat. Und ein Wasser ohne Kohlensäure“, ordnete Kai mit seiner gewohnt tiefen, bestimmten Stimme an, ohne überhaupt auf die Karte zu sehen.
„Für mich einen schwarzen Tee.“
Der Kellner nickte respektvoll und zog sich augenblicklich zurück.
Nami stützte ihr Kinn auf die Handflächen und sah Kai mit einem feinen, glänzenden Blick an. Die ruhige Atmosphäre des Cafés, der sanfte Duft von frischem Gebäck und die Tatsache, dass Kai jeden ihrer Bedürfnisse im Kopf hatte, bevor sie sie überhaupt aussprechen konnte, wärmte ihr Herz.
„Du hast also sogar auswendig im Kopf, welchen Tee ich in der Schwangerschaft trinken darf?“, neckte sie ihn leise, während ein warmes Lächeln über ihre Lippen glitt.
Kai lehnte sich in dem ledernen Sessels zurück und sah sie unverwandt aus seinen rubinroten Augen an.
„Ich überlasse nichts dem Zufall, das weißt du... “, erwiderte er trocken, doch die unendliche Sanftheit in seinem Blick verriet ihn vollkommen. Er griff über den kleinen Tisch und legte seine große, warme Hand über ihre.
„Schon gar nicht, wenn es um dich und das Baby geht.“
Kai lehnte sich ein Stück zurück und sah sie aufmerksam an. Sein Blick wanderte kurz in Richtung des Empfangsbereichs, wo eine gläserne Vitrine mit erstklassigem, französischem Gebäck im Sonnenlicht glänzte.
„Hast du dir vorhin beim Reingehen eigentlich schon die Törtchen in der Auslage angesehen?“, fragte Kai mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er neigte den Kopf leicht zur Seite.
„Oder willst du nochmal nach vorne gehen und dir in Ruhe eins aussuchen?“
Nami sah ihn mit einem unendlich warmen, schimmernden Blick an. Ein feines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, und sie neigte den Kopf spitzbübisch.
„Kannst du denn nicht erraten, was ich am liebsten essen würde, mein Zar?“, fragte sie leise und sah ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen herausfordernd, aber voller Zuneigung an.
Kai musterte sie für einen kurzen Herzschlag.
Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, während er ihr strahlendes Gesicht betrachtete. Er brauchte nicht einmal zwei Sekunden zu überlegen.
„Es ist sicher irgendetwas mit Erdbeeren“, meinte er vollkommen ungerührt und mit dieser stoischen Selbstverständlichkeit, die ihn so unverwechselbar machte.
Nami biss sich sanft auf die Unterlippe, während ihre Wangen leicht anliefen, und strahlte ihn über den kleinen Tisch hinweg an.
Dass er sie selbst in den kleinsten Gelüsten so perfekt kannte und auf jede Nuance ihres Wesens achtete, ließ die letzten Reste der Aufregung des Nachmittags endgültig verfliegen.
„Volltreffer“, flüsterte sie glücklich, legte ihre Hand über seine und genoss jeden einzelnen Moment dieses unverhofften Ausflugs.
Kai hob kurz zwei Finger, um den Kellner lautlos an ihren Tisch zu rufen.
„Bringen Sie der Dame bitte das große Erdbeertörtchen mit Vanillecreme. Und eine zusätzliche Schale frischer Erdbeeren dazu“, ordnete Kai mit seiner unumstößlichen, tiefen Stimme an.
Der Kellner nickte ehrfurchtsvoll und eilte davon. Nami sah Kai mit einem amüsierten, liebevollen Schmunzeln an.
„Eine extra Schale Erdbeeren?“, fragte sie leise und zog eine Braue hoch. „Glaubst du etwa, das Törtchen reicht mir nicht?“
„Ich überlasse bei deinen Gelüsten schlichtweg ebenfalls nichts dem Zufall“, erwiderte Kai vollkommen ungerührt und lehnte sich mit verschränkten Armen im Ledersessel zurück.
„Effizienz. Ich habe keine Lust, in einer Stunde nochmal losfahren zu müssen.“
Als der Tee und das Gebäck serviert wurden, erhellte sich Namis Gesicht augenblicklich.
Sie nahm die kleine Kuchengabel und kostete das Törtchen. Ein leises, absolut zufriedenes Summen entwich ihrer Kehle. Sie nahm ein Stückchen auf die Gabel, neigte sich über den Tisch und hielt es Kai hin.
„Komm, probier. Es ist göttlich.“
Kai verengte die Augen minimal und sah das Erdbeerstückchen an, als handele es sich um ein taktisches Manöver.
„Nami, du weißt, dass ich keine Süßigkeiten—“
„Ein Bissen, mein Zar. Für mich“, unterbrach sie ihn sanft mit einem unwiderstehlichen Lächeln.
Kai stöhnte leise, gab sich aber geschlagen.
Er neigte den Kopf nach vorne und nahm den Bissen von ihrer Gabel. Er kaute langsam, während sein stoischer Gesichtsausdruck sich keinen Millimeter veränderte, auch wenn ein feines Glimmen in seinen rubinroten Augen verriet, dass es ihm durchaus schmeckte.
„Und?“, fragte Nami spitzbübisch.
„Akzeptabel“, brummte Kai trocken, was bei Nami für ein glockenreines Lachen sorgte.
Nachdem sie ein paar Bissen gegessen hatte, wurde Namis Blick wieder etwas ruhiger und tiefer. Die warme Atmosphäre des Cafés und die Gewissheit, wie sehr Kai auf sie achtete, brachten das Thema von vorhin noch einmal sanft an die Oberfläche... diesmal jedoch ohne jeden Schmerz.
Sie strich mit der Fingerspitze über den Rand ihrer Teetasse und sah ihn dankbar an.
„Danke, mein Schatz...“, sagte sie leise. „Nicht nur für den Tee und die Erdbeeren. Sondern dafür, wie du vorhin im Büro für mich eingestanden bist. Dass du mir sofort diesen Rückhalt gibst, wenn solche Schatten wie Talas Worte auftauchen.“
Kai hielt in seiner Bewegung inne. Seine Hand glitt über den Tisch und schloss sich fest, warm und unerschütterlich um ihre Finger.
Sein rubinroter Blick fixierte ihre ozeanfarbenen Augen mit einer Intensität, die keinen Raum für Fragen ließ.
„Deine Aura ist faszinierend, Nami. Aber sie ist nicht der Grund, warum ich hier sitze und das weißt du... “, raunte Kai tief, und seine raue Stimme schnitt durch jedes verbliebene Quäntchen Unsicherheit.
„Du allein bist es. Deine Stärke, deine Wärme, dein Wesen. Das, wer du als Mensch bist.“
Er drückte ihre Hand ein wenig fester.
„Und ich werde dir das so oft sagen, bis du es endlich glaubst und keinerlei Zweifel mehr daran hast“, fuhr Kai fort, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Selbst wenn es bedeutet, dass ich dir das die nächsten Jahre jeden einzelnen Tag sagen muss.“
Nami spürte, wie eine wohlige Wärme durch ihre Brust schoss.
Das letzte kleine Fältchen auf ihrer Stirn glättete sich vollkommen. Sie drehte ihre Hand unter seiner, verflocht ihre Finger mit den seinen und lächelte ihn glücklich an.
„Ich werde dich beim Wort nehmen, Kai Hiwatari“, flüsterte sie sanft.