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Ja, ich will...

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Ja, ich will...

Der 15. Oktober hatte das Ayame-Anwesen in ein warmes, schimmerndes Gold gehüllt. Es war einer dieser seltenen, milden Herbsttage, an denen die Sonne den kühlen Wind mühelos vertrieb und die Blätter der uralten Ahornbäume im Garten wie flüssiger Bernstein leuchteten.

Das alte Anwesen, das mit seiner zeitlosen Eleganz ohnehin mehr wie ein altes europäischen Herrenhaus wirkte, bot die perfekte Kulisse für diesen Tag.

Im weitläufigen, kunstvoll angelegten Garten war alles für den Empfang und die anschließende Trauung vorbereitet.

Zarte, weiße Stoffbahnen wehten leicht im Wind zwischen den hölzernen Pavillons, die Wiese war mit zahllosen frischen, blassrosafarbenen und weißen Blüten dekoriert, und das sanfte Plätschern des alten Steinbrunnens mischte sich mit der leisen, klassischen Live-Musik eines unaufdringlichen Streichquartetts.

Doch während draußen die Atmosphäre idyllischer kaum hätte sein können, liefen drinnen und draußen die Fäden der Organisation zusammen.

Oben im Hauptgebäude, im großen, lichtdurchfluteten Ankleidezimmer, herrschte eine ganz eigene, fast schon magische Ruhe. Nami stand vor dem mannshohen, antik gerahmten Spiegel. Sie befand sich mittlerweile in der 20. Schwangerschaftswoche.

Unter dem feinen, fließenden Stoff ihres Brautkleides zeichnete sich der runde Babybauch nun sanft, aber unübersehbar ab... eine wunderschöne Wölbung, die ihrem gesamten Erscheinungsbild eine noch viel tiefere, strahlendere Note verlieh.

Herbeigerufen von der sanften Wärme des Tages und der Aufregung, spürte Nami ab und zu ein ganz zartes Klopfen in ihrem Inneren.

Ihre Mutter stand hinter ihr, korrigierte mit geübten, liebevollen Handgriffen den Sitz der feinen Spitzenträger und strich Namis silbrig weißes, welliges Haar zurecht, das ihr wie ein kostbarer Schleier bis über das Gesäß fiel.

Namis ozeanfarbene Augen glänzten, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Es war der Tag, an dem sie Kai endgültig ihr Wort geben würde.

Draußen im Garten sah die Realität für den Bräutigam derweil etwas pragmatischer aus.

Kai stand in seinem maßgeschneiderten, tiefdunklen Hochzeitsanzug auf der Kiespromenade nahe des Gartenpavillons.

Seine Hände ruhten ruhig in den Hosentaschen, seine Haltung war wie gewohnt aufrecht, kaiserlich und absolut unerschütterlich.

Zusammen mit Hiro Tachiba sowie Graham und einem Heer von professionell gemietetem Servicepersonal hielt er die Fäden des Empfangs in der Hand.

Graham dirigierte die Kellner mit seiner gewohnt trockenen, britischen Präzision, während Hiro mit aristokratischer Leichtigkeit das Lächeln für die Fotos übernahm.

Für Kai war dieser Teil der Feierlichkeiten innerlich schlichtweg ein Graus.

Er liebte Nami über alles auf dieser Welt und hätte jeden Sturm für sie durchgestanden... aber stundenlanger, inhaltsleerer Smalltalk mit dutzenden von Hochzeitsgästen verlangte dem sonst so wortkargen Tachiwari-CEO alles ab.

Er hatte bereits etliche Tanten, Onkel und entfernte Verwandte des weitverzweigten Tachiba-Clans begrüßt, steife Handdrücke ausgetauscht und höfliche Floskeln nickend über sich ergehen lassen. Nach außen hin spiegelte sein markantes Gesicht vollkommene stoische Kontrolle wider, doch hinter seinen rubinroten Augen zählte er bereits die Minuten, bis er Nami endlich am Altar sehen würde.

Gerade als er sich von einem etwas zu gesprächigen Großonkel verabschiedet hatte und einmal tief durchatmen wollte, erblickte Kai von Weitem eine sehr vertraute, kleine Gestalt, die sich zielstrebig durch die Menge bahnte.

Kai verengte die Augen minimal. Er wusste augenblicklich, was ihm bevorstand.

Oma Yumi.

Die 80-jährige, herrlich schrullige und absolut exzentrische Großmutter von Nami kam auf ihren Gehstock gestützt im Eilmarsch über den Kieselweg angehastet. Trotz ihres hohen Alters besaß die alte Dame eine Energie, die manch Siebzehnjährigen erblassen ließ, und eine messerscharfe Zunge, vor der nicht einmal das Familienoberhaupt sicher war.

Yumi blieb direkt vor Kai stehen, stützte beide Hände auf den Knauf ihres Gehstocks, legte den Kopf weit in den Nacken und musterte den hochgewachsenen Bräutigam von oben bis unten mit ihren wachen, spitzbübischen Augen.

„Mein lieber Scholli, Kai!“, rief Oma Yumi ohne jede Umschweife mit ihrer schnarrenden, aber herzlichen Stimme aus und schlug einmal schwungvoll mit dem Gehstock auf den Boden.

„Wenn ich sechzig Jahre jünger wäre, würde ich dich meiner Enkelin glatt noch streitig machen! Du siehst ja aus wie ein kaiserlicher Prinz aus dem Bilderbuch. Kein Wunder, dass Nami dich nicht mehr hergeben will!“

Kai verzog keine Miene, doch das feine, fast unsichtbare Glühen in seinen rubinroten Augen verriet, dass selbst er gegen die unverblümte Art der alten Dame nicht ganz immun war.

„Oma Yumi“, begrüßte Kai sie ruhig und neigte den Kopf höflich um ein paar Zentimeter. „Es freut mich, dass Du es geschafft hast.“

„Geschafft? Ha! Als ob ich mir die Hochzeit meiner Lieblingsenkelin entgehen lassen würde!“, schnaubte Yumi amüsiert und trat noch einen Schritt näher, um Kai mit einer überraschend kräftigen Hand auf den Unterarm zu klopfen.

Sie beugte sich etwas vor und raunte ihm spitzbübisch zu: „Aber sag mal... du siehst aus, als hättest du gerade eine feindliche Übernahme hinter dir und nicht deinen Empfang. Haben dich die alten Tanten schon so sehr zermürbt, mein Junge?“

Hiro, der nur wenige Schritte entfernt stand und das Schauspiel amüsiert beobachtet hatte, trat mit einem breiten Grinsen näher. Er nahm eine frische Schale Champagner von dem Tablett eines vorbeigehenden Kellners und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Mutter, bitte“, mischte sich Hiro lachend ein und legte seiner Mutter sanft die Hand auf die Schulter.

„Überfordere den armen Jungen nicht gleich vor der Trauung. Er hat heute schon genug Hände schütteln müssen.“

Oma Yumi schnaubte nur amüsiert, wischte Hiros Hand mit einer beiläufigen Bewegung ab und lachte herzlich.

„Ach was, überfordern! Der Junge leitet ein Milliardenunternehmen, Hiro, der hält mich schon aus!“, entgegnete die 80-Jährige keck, ehe sie ihren Gehstock erneut kurz auf dem Kieselweg aufsetzte.

Ihr Blick wanderte suchend über die stilvoll gekleideten Gäste im Garten.

„Aber sag mal... ist die andere Hälfte der Familie eigentlich schon eingetroffen? Ich meine die mütterliche Seite aus England.“

Sie neigte den Kopf zu Kai, legte die Hand an den Mund und raunte ihm mit gespielter Heimlichkeit, aber keineswegs leise zu:

„Diese seltsamen Lords und Ladys von Hildas Seite, die immer so steif und schnieke durch die Gegend hofieren! Das... wird dich erst richtig überfordern, mein Lieber. Wenn Lord Eric und sein Gefolge anrücken, kannst du dich auf aristokratischen Hochmut gefasst machen.“

Kai stand kerzengerade da. Seine Züge blieben wie gemeißelt, und er ließ sich von Oma Yumis unverblümter Wortwahl nicht die geringste Regung anmerken.

Seine rubinroten Augen verengten sich lediglich um einen Hauch, während er den spitzen Bemerkungen der alten Dame mit stoischer Gelassenheit lauschte.

Für ihn war Überforderung ein Gefühl das er schlichtweg nicht existieren ließ.

Hiro hingegen konnte sich nicht mehr halten. Er stieß ein lautes Lachen aus, kratzte sich verlegen am Hinterkopf und sah zwischen seiner Mutter und Kai hin und her.

„Mutter, du bist unmöglich“, gluckste Hiro und trank einen Schluck aus seinem Glas. „Sag das bloß nicht zu laut, sonst hört dich Hilda noch. Sie ist oben bei Nami und korrigiert vermutlich gerade zum zehnten Mal die Schleppe.“

Wie aufs Stichwort ertönte hinter Oma Yumi eine markante, tiefe Stimme, begleitet vom herzhaften Lachen eines älteren Mannes.

„Na, wenn man vom Teufel spricht, Yumi!“

Takeshi Tachiba, Namis Großvater und Yumis Ehemann, kam schmunzelnd den Weg heraufgeschlendert. Der rüstige zwei Meter große Senior, der seine Frau kurz vorher auf dem Weg zum Garten aus den Augen verloren hatte, als sie wie ein Wirbelwind vorausgerauscht war, begleitete zwei Gestalten, deren bloße Präsenz sofort eine fast aristokratische Aura über den gesamten Garten legte.

Kai, der die beiden bis zu diesem Tag noch nie persönlich getroffen hatte, fixierte die Neuankömmlinge mit einem wachsamen, kühlen Blick. Doch selbst sein geschultes Auge musste für einen winzigen Herzschlag innehalten.

Es waren Lord Eric und Lady Emily Davies.

Lord Eric war Hildas älterer Bruder und somit Namis Onkel mütterlicherseits. Er war ungefähr im selben Alter wie Hiro Tachiba, Anfang 50, wirkte jedoch auf den ersten Blick mindestens zehn Jahre jünger. Er war hochgewachsen, bemerkenswert gut gebaut und von einer beängstigenden, beinahe unwirklichen Attraktivität.

In seiner aufrechten Haltung und seinen weichen, aristokratischen Gesichtszügen lag eine zeitlose Eleganz. Sein akkurat gestyltes Haar war von demselben silbrigen Weiß, das auch Nami, Hilda und Hana auszeichnete, und seine Augen brannten in einem faszinierenden, rötlichen Magenta.

An seiner Seite ging seine Frau, Lady Emily Davies. Sie war nicht minder eindrucksvoll.

Ihr welliges, golden-blondes Haar reichte ihr wie ein kostbarer Seidenschleier bis knapp über das Gesäß. Ihre strahlend himmelblauen Augen wirkten warm und wie polierte Edelsteine im Sonnenlicht.

In diesem Moment verstand Kai augenblicklich, woher die atemberaubende Schönheit stammte, die Hilda, Nami und Hana auszeichnete. Sie war tief in der DNA der Davies-Blutlinie verwurzelt.

„Ah, Eric! Emily!“, rief Hiro erfreut und deutete auf die kleine Gruppe. „Yumi war schon kurz davor, Suchtrupps nach euch auszusenden!“

Oma Yumi drehte sich auf ihrem Gehstock um, schnaubte kurz amüsiert und zeigte kein bisschen Verlegenheit.

„Pah! Ich habe nur feststellen wollen, ob der edle englische Adel es pünktlich über den Ozean geschafft hat.“

Lord Eric lächelte ein aristokratisches, charmantes Lächeln, das seine kühlen Züge augenblicklich erweichte. Er neigte höflich den Kopf vor Yumi und Takeshi, ehe sein magentafarbener Blick wanderte und zielgerichtet auf Kai ruhen blieb.

Er trat mit ruhigen, eleganten Schritten auf den Bräutigam zu. Sein kühler Blick wandelte sich im Bruchteil einer Sekunde, als sein aristokratisches Lächeln seine weichen Gesichtszüge erhellte. Er streckte Kai eine Hand entgegen, deren Griff absolut fest und unerschütterlich war.

„Lord Eric Davies“, stellte er sich mit glasklarem, britischem Akzent und einer tiefen, samtenen Stimme vor.

„Es ist mir eine Freude, dich endlich persönlich kennenzulernen, Kai. Hilda und Nami haben in ihren Briefen und Telefonaten nur in den höchsten Tönen von dir gesprochen.“

Neben ihm neigte Lady Emily graziös den Kopf. Ihr langes, blondes Haar glitt wie flüssige Seide über ihre Schulter, während ihre himmelblauen Augen Kai mit warmer Sanftheit musterten.

„Lady Emily Davies“, ergänzte sie mit einem sanften Lächeln. „Wir freuen uns sehr, an diesem besonderen Tag hier zu sein. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Verbindung.“

Kai nickte beiden höflich zu, erwiderte den Händedruck von Lord Eric mit genau derselben unnachgiebigen Festigkeit und hielt seine stoische Maske makellos aufrecht.

„Willkommen im Ayame-Anwesen.“, antwortete Kai ruhig und mit seiner gewohnt tiefen, unerschütterlichen Stimme.

Doch noch während er die Worte aussprach, huschte sein rubinroter Blick beiläufig an Eric und Emily vorbei zum Kieselweg dahinter... und für einen extrem seltenen Herzschlag geriet die eiserne Kontrolle des jungen CEO ins stocken.

Kai musste sich augenblicklich zwingen, keine Regung zu zeigen, und die Muskeln in seinem Kiefer anspannen, um seine kaiserliche Miene aufrechtzuerhalten.

Es waren keineswegs die beiden noch älteren, äußerst vornehm gekleideten Herrschaften, die im Hintergrund auf die Gruppe zukamen... Namis Großeltern mütterlicherseits, Lord John Davies und Lady Alice Davies, die Hand in Hand den Garten betraten.

Es war die junge Frau, die strahlend und voller Energie direkt neben den Großeltern lief.

Kai traute seinen Augen nicht.

Die junge Frau sah aus wie Nami. Es war eine beinahe beängstigende, verblüffende Ähnlichkeit, noch überwältigender als die mit Hana.

Sie hatte dieselbe Körpergröße, eine beinahe identische Figur und eine Ausstrahlung, die sofort alle Blicke auf sich zog. Doch während Nami diesen warmen, hellen karamellen Hautton besaß, war die Haut dieser Fremden blass wie edles Porzellan, und ihre Augen brannten in demselben faszinierenden, strahlenden Magenta wie die von Lord Eric.

Ihr silbrig weißes Haar war in Länge und Struktur absolut identisch mit dem von Nami... der einzige feine Unterschied lag darin, dass sie einen eleganten Seitenscheitel trug, während Nami ihren Scheitel gewohnt mittig hatte.

~Lumina~

Der Name schoss Kai augenblicklich durch den Kopf. Er hatte natürlich von Namis ein Jahr jüngerer Cousine gehört. Er wusste, dass Nami ab und zu mit ihr telefonierte und eine enge Bindung zu ihr pflegte.

Doch Kai hatte sich nie ein Foto von ihr zeigen lassen... schlichtweg, weil er nie danach gefragt hatte und es für ihn unbedeutend schien.

Jetzt, da er die lebendige Kopie seiner Braut zum allerersten Mal live vor sich stehen sah... wie sie grinste und noch etwas auffälliger strahlte als Nami... verengten sich Kais rubinrote Augen.

Lumina bemerkte Kais wachsamen Blick sofort. Das breite, auffällige Grinsen auf ihren Lippen wurde noch ein Stück strahlender, und sie steuerte ohne jede Scheu direkt auf den Bräutigam zu.

„Keine Sorge, du bist nicht im falschen Film und hast auch keine Halluzinationen“, rief Lumina vergnügt und blieb direkt vor Kai stehen. Sie legte den Kopf leicht schief, sodass ihr silbrig weißes Haar über die Schulter glitt.

„Ich bin Lumina. Namis Cousine... nicht ihr Klon.“

Oma Yumi gluckste amüsiert im Hintergrund, und Hiro schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Kai verengte die Augen minimal, bewahrte jedoch seine absolute, kaiserliche Ruhe.

Er fixierte Lumina aus seinen rubinroten Augen und neigte den Kopf um einen knappen Zentimeter.

„Kai“, erwiderte er knapp und trocken. „Die Ähnlichkeit ist... unübersehbar.“

„Glaub mir, du bist nicht der Erste, der kurz blinzeln muss“, lachte Lumina herzlich, ehe sie sich beiseite drehte und den Weg für die beiden älteren Herrschaften freimachte, die nun vollends auf die Gruppe trafen.

Lord John Davies und seine Frau Lady Alice traten vor. Trotz ihrer 75 beziehungsweise 70 Jahre strahlten beide eine enorme Lebensfreude und eine tief verwurzelte, britische Distinktion aus.

Lord John trat auf Kai zu, nahm dessen Hand fest in beide Hände und sah den jungen CEO mit warmem, ehrlichem Stolz an.

„Es ist uns eine außerordentliche Ehre, dich kennenzulernen, Kai“, sagte Lord John mit fester, ruhiger Stimme. „Hilda hat uns immer wieder erzählt, was für ein unerschütterlicher Fels du für Nami bist. Unsere Enkelin könnte sich keinen besseren Mann an ihrer Seite wünschen.“

„Wir freuen uns von Herzen für euch beide“, ergänzte Lady Alice sanft und schenkte ihm ein mütterliches Lächeln.

„Und darauf, dieses neue Kapitel eurer Familie heute mitzufeiern.“

Kai erwiderte die Begrüßung der Großeltern mit aufrichtigem Respekt.

„Ich danke Ihnen. Herzlich willkommen im Ayame-Anwesen.“

Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren und sich die Davies-Familie im Garten verteilte, um sich unter die übrigen Hochzeitsgäste zu mischen, nutzte Kai einen kurzen Moment des Innehaltens. Er wandte sich dezent ab, trat zwei Schritte zur Seite und ließ seinen Blick von den goldgelben Ahornbäumen hinauf zur Fassade des Anwesens wandern.

Sein rubinroter Blick verharrte am großen, bogenförmigen Fenster des Ankleidezimmers im ersten Stock.

Für den Bruchteil eines Herzschlags bewegte sich dort die feine, weiße Spitzengardine.

Eine vertraute, zarte Silhouette zeichnete sich dahinter ab... Nami. Selbst aus dieser Distanz spürte Kai die warme, vertraute Aura, die von ihr ausging.

In diesem kurzen, stummen Moment verflog die verbleibende Genervtheit über den Smalltalk vollkommen. Kai korrigierte mit einer ruhigen Handbewegung die Manschette seines Sakkos.

Die nächsten zwei Stunden vergingen für Kai in einer schier endlosen Schleife aus perfekten Höflichkeiten, aristokratischen Gesten und einem nie endenden Strom an Gästen.

Der Garten des Ayame-Anwesens füllte sich zusehends, doch es schien, als nähme der Zustrom von der britischen Insel überhaupt kein Ende. Zu Lord Eric, Lady Emily, den Großeltern und Lumina gesellten sich nach und nach weitere Vertreter der weitverzweigten Davies-Blutlinie.

Zuerst traf Großtante Martha Davies mit ihrem Mann Großonkel Alistair Davies ein... zwei überaus vornehme Herrschaften, die Kai mit hochgezogenen Augenbrauen und prüfendem Blick begutachteten, ehe sie ihm ihre Glückwünsche aussprachen.

Kurz darauf folgten Großtante Beth Sutton und Großonkel Rupert Sutton, deren geschäftiger Smalltalk über das Londoner Wetter und die traditionelle Pferdezucht Kai ein stoisches Nicken nach dem anderen abverlangte.

Als wäre die schiere Menge an englischem Adel nicht schon Herausforderung genug für Kais Geduld gewesen, bogen schließlich auch noch drei von Namis Großcousinen um die Ecke. Die drei jungen Damen, allesamt im Alter zwischen 18 und 22, trugen elegante Designerkleider und versuchten erst gar nicht sonderlich geschickt, ihre Faszination für den Bräutigam zu verbergen.

Ihre Blicke wanderten immer wieder zu Kais markanten Gesichtszügen, seiner kaiserlichen Haltung und den tiefen, rubinroten Augen.

Sie tuschelten leise hinter ihren Fächern, schenkten ihm auffällig strahlende Lächeln und suchten immer wieder den Vorwand für ein kurzes Gespräch.

Kai ertrug die ungeteilte Aufmerksamkeit mit der gewohnten, eiskalten Distanz eines CEO, auch wenn er innerlich langsam, aber sicher das absolute Limit seiner Smalltalk-Kapazität erreichte.

Gerade als von Weitem das lautstarke, vertraute Lachen von Tyson zu hören war und die ersten Mitglieder der ehemaligen Bladebreakers am imposanten Eingangstor des Anwesens aufschlugen, nutzte Kai eine winzige Lücke im Personenstrom.

Er trat einen halben Schritt zur Seite, neigte sich leicht zu Hiro Tachiba hinüber und sagte mit vollkommen trockener, tiefer Stimme:

„Hiro. Ich brauche einen starken, schwarzen Kaffee. Du machst das jetzt alleine weiter.“

Bevor Hiro überhaupt antworten oder ihn mit einem amüsierten Spruch zurückhalten konnte, hatte sich Kai bereits mit lautlosen, eleganten Schritten gewandt und steuerte zielgerichtet auf den Seiteneingang des Anwesens zu, um der feiernden Menge für zehn Minuten zu entkommen.

Er hatte sich in eine ruhige, schattige Ecke der großen Terrasse zurückgezogen, die von dichten Glyzinien umrahmt war. Er hob die feine Porzellantasse an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck des bitteren, schwarzen Kaffees, während er die Augen für einen kurzen Herzschlag schloss, um die Stille aufzusaugen.

„Brauchst du eine Pause, Zar?“

Der Moment war so surreal, dass es tatsächlich passierte:

Kai Hiwatari verschluckte sich.

Ein Kai Hiwatari verschluckte sich...nie. Er besaß die absolute Kontrolle über jeden Muskel seines Körpers. Doch diese Stimme... der Tonfall, das sanfte Melodische und sogar die Wortwahl... klang in diesem winzigen Sekundenbruchteil so beängstigend exakt nach Nami, dass Kai vollkommen aus dem Fokus geriet.

Er hustete einmal tief, drückte das Husten mit eiserner Willenskraft zurück und wandte sich mit verengten, dunkel glühenden rubinroten Augen um.

Vor ihm stand nicht Nami. Es war Lumina.

Sie stand an die hölzerne Balustrade gelehnt, das silbrig weiße Haar mit dem Seitenscheitel glitt ihr über die Schulter, und ihre magentafarbene Augen funkelten vor Amüsement.

Allerdings spiegelte ihr Blick auch eine gewisse Orientierungslosigkeit wider; sie ließ ihren Blick immer wieder durch die Seitengänge und den Garten schweifen, als würde sie nach jemandem Ausschau halten.

„Hast du jemanden verloren?“, fragte Kai mit extrem trockenem, leicht rauem Tonfall, während er seine Porzellantasse wieder auf die Untertasse stellte und seine kaiserliche Haltung einnahm.

Lumina hielt in ihrer suchenden Bewegung inne. Ein zartes, ungewohntes Rosarot stieg in ihre blassen Wangen, und sie trat leicht verlegen von einem Fuß auf den anderen. Das auffällige Grinsen wich einem leicht drucksenden, aber unglaublich charmanten Lächeln.

„Na ja... eigentlich schon“, gestand sie leise, fuhr sich mit einer Hand durch das lange Haar und sah Kai von unten herauf an.

„Ich wollte... also, ich wollte fragen, ob dein gutaussehender Kumpel denn noch gar nicht da ist?“

Kai hob eine einzelne Augenbraue so hoch, wie es seine stoische Miene zuließ. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, von wem sie sprach. Welcher seiner Bekannten sollte bitte in das Beuteschema von Namis Cousine fallen?

„Bist du leicht verwirrt?“, fragte Kai mit schneidendem Sarkasmus.

„Ich habe keine 'gutaussehenden Kumpels'. Ich habe Rivalen und Geschäftspartner.“

Lumina konnte ein lautstarkes, glockenreines Lachen nicht zurückhalten. Sie schlug sich amüsiert die Hand vor den Mund, ehe sie den Kopf schüttelte.

„Ich meine Tala! Tala Valkov!“, klärte sie ihn auf, während ihre Augen erwartungsvoll aufblitzten.

Kai starrte sie an. Für einen Moment herrschte absolute, schockierte Stille auf der Terrasse. Seine rubinroten Augen verengten sich und sein Gesichtsausdruck wandelte sich von genervter Ignoranz zu vollkommener Fassungslosigkeit.

Tala Valkov?!

Ausgerechnet der rothaarige, sturköpfige Russe, mit dem er sich erst vor wenigen Tagen im Tachiwari Tower beinahe einen Wortgefecht-Schlagabtausch geliefert hatte?

„Er ist nicht hier“, sagte Kai schließlich.

Seine Stimme war so flach, tief und kompromisslos, dass sie die Temperatur auf der Terrasse gefühlt um mehrere Grad senkte.

Lumina blinzelte überrascht. Das Strahlen in ihren magentafarbenen Augen wich einer Mischung aus Verwirrung und Enttäuschung.

„Nicht hier?“, wiederholte sie ungläubig. Sie zog die Stirn kraus und schmollte leicht, wobei sie die Lippen vorschoben.

„Aber Nami hat mir gestern Abend noch versichert, dass sie sich darum kümmert und er kommen würde...“

Kai verengte die Augen gefährlich weit.

„Was redest du da?“, fragte er raunend, und die Schärfe in seiner tiefen Stimme war unmissverständlich.

„Valkov ist nicht... eingeplant. Jedenfalls nicht, dass ich davon wüsste.“

Ein deutlicher Ruck ging durch Luminas Haltung. Ein tiefes, unübersehbares Rot stieg von ihrem Hals hinauf in ihre blassen Wangen. Sie druckste kurz herum, wandte den Blick verlegen ab und fuhr sich nervös mit den Fingern durch eine Strähne ihres silbrig weißen Haares.

„Na ja...“, gestand sie leise und versuchte, ihr gewohnt charmantes Lächeln aufzusetzen, was ihr mit den geröteten Wangen nur semigut gelang.

„Ich... ich habe Nami die letzten Tage ehrlich gesagt ein bisschen auf den Ohren gelegen, damit sie das ändert und ihm doch noch eine Karte zukommen lässt... denn anscheinend ist er ja gerade eh hier in Japan, soviel ich weiß.“

Kai starrte sie erneut vollkommen fassungslos an.

Sein gewohnt unerschütterlicher Verstand brauchte einen seltenen Herzschlag, um diese Information zu verarbeiten.

Nami hatte ihm kein einziges Wort davon erzählt. Absolut gar nichts. Und selbst wenn sie es versucht hätte... Tala Valkov auf einer bürgerlichen, edlen Hochzeit?

Der Rotschopf war der unberechenbarste, sturste Russe, den Kai kannte. Valkov würde im Leben nicht freiwillig zu einer romantischen Gartenhochzeit erscheinen, um höflich Champagner zu trinken und Smalltalk über das Wetter zu führen.

Doch was Kai noch weit mehr schockierte, war das Bild, das sich gerade vor ihm zusammensetzte: Dieses zierliche, blasse, britische Mädchen mit den aristokratischen Wurzeln und den magentafarbenen Augen schwärmte allen Ernstes für Tala?

Kai musterter Lumina von oben bis unten. Sie wirkte wie aus feinstem Porzellan gegossen... filigran, strahlend und behütet. Tala hingegen war ein roher Klotz aus Eis und Aggression.

Valkov würde dieses Mädchen emotional und körperlich in tausend Teile zerbrechen, wenn er sie auch nur zu lange ansah.

„Du hast sie nicht mehr alle“, stellte Kai eiskalt, trocken und ohne jede Umschweife fest.

Statt wie erwartet eingeschüchtert zurückzuweichen, stieß Lumina zu Kais absoluter Überraschung ein helles, glockenreines Lachen aus.

„Das hat mein Ex-Freund auch immer gesagt!“, rief sie amüsiert und legte den Kopf weit in den Nacken, während ihr silbrig weißes Haar im Sonnenlicht aufglänzte.

Sie trat einen Schritt näher an die Balustrade, verschränkte die Arme locker vor der Brust und sah Kai mit einem Funkeln in ihren magentafarbenen Augen an.

Das Verlegene war augenblicklich verflogen, Platz gemacht hatte es einer fast schon unerschütterlichen Selbstbewusstheit.

„Und ja... vielleicht habe ich sie auch wirklich nicht mehr alle“, gab sie ohne das geringste Zögern zu und schmunzelte keck. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und fügte mit leiserer, aber vollkommen fester Stimme hinzu: „Aber ich schwärme nicht erst seit gestern für ihn. Ich schwärme seit Jahren für Tala. Egal wie stur, unberechenbar oder gefährlich er der Welt da draußen erscheint. Ich mag es nun mal nicht einfach. Ich liebe Herausforderungen.“

Kai verengte die Augen minimal, schwieg jedoch und behielt seine unnahbare, kaiserliche Miene bei, während er die hübsche, blasse Britin wortlos musterte.

Dass sich hinter dieser zarten Fassade eine derartige Dickköpfigkeit verbarg, hatte er nicht erwartet... auch wenn es ihn bei Namis Genetik eigentlich nicht hätte überraschen dürfen.

Lumina schenkte ihm ein charmantes, spitzbübisches Zwinkern.

„Aber egal!“, meinte sie munter, strich ihr elegantes Kleid glatt und wandte sich mit einer schwungvollen Bewegung ab.

„Dann warte ich eben noch ein bisschen ab. Ich gehe jetzt erst mal nach oben zu Nami und schaue, wie weit die Braut ist. Wir sehen uns später am Altar, Herr Bräutigam!“

Mit leichten, fast schwebenden Schritten verließ sie die Terrasse und ließ Kai allein in der schattigen Nische zurück.

Kai nahm einen letzten, tiefen Schluck aus seiner Kaffeetasse, während sein rubinroter Blick ihr kurz nachhing. Der Gedanke an Tala Valkov und diese unerschrockene Davies-Cousine schüttelte er schließlich mit einem leisen, dunklen Schnauben ab.

Er hatte am heutigen Tag wahrlich andere Prioritäten, als das Liebesleben seines größten Rivalen zu ergründen.

Oben im Ankleidezimmer herrschte eine beinahe feierliche, doch unglaublich warme Atmosphäre. Das Licht der milden Oktobersonne fiel durch die hohen Bogenfenster und tauchte den Raum in ein goldenes Licht.

Nami stand mittig vor dem großen Spiegel, während ihre Mutter Hilda noch einmal mit geübten Fingern den perfekten Fall der feinen Spitzenelemente am Kleid korrigierte. Hana reichte Momoko eine Schatulle mit elegantem Halsschmuck.

Gerade als Nami sich sanft über ihren Bauch strich, wo sich das kleine Leben in der 20. Schwangerschaftswoche mit einem zarten Klopfen bemerkbar machte, flog die schwere Holzflügeltür auf.

Lumina rauschte herein. Ihre blasse Haut strahlte, das silbrig weiße Haar schwang bei jedem Schritt mit, und ihre magentafarbene Augen funkelten vor Unterhaltung.

„Nami! Oh mein Gott, du siehst absolut umwerfend aus!“, rief Lumina ergriffen und schloss ihre Cousine vorsichtig, aber herzlich in die Arme, um ja das Kleid nicht zu zerknittern.

„Danke, Lumina“, lachte Nami und erwiderte die Umarmung glücklich. „Ich bin so froh, dass ihr alle hier seid.“

Lumina trat einen Schritt zurück, schüttelte schmunzelnd den Kopf und verfeinerte ihr Grinsen.

„Du glaubst gar nicht, was eben unten auf der Terrasse passiert ist. Ich habe deinen zukünftigen Ehemann getroffen.“

Hana hob amüsiert eine Braue, während Hilda kurz innehielt.

„Oh je. Was hat Kai gemacht?“, fragte Nami ahnungsvoll.

„Er hat an seinem schwarzen Kaffee gepflegt genippt, als ich mich von hinten genähert habe“, erzählte Lumina vergnügt. „Nami, ich schwöre dir, dieser eiskalte, unerschütterliche Mann hat sich... tatsächlich... verschluckt! Einfach weil meine Stimme ihn im ersten Moment wohl vollkommen aus dem Konzept gebracht hat.“

Ein glockenreines Lachen entwich Namis Kehle, und selbst Hilda und Momoko schmunzelten leise. „Kai Hiwatari hat sich verschluckt? Das ist historisch“, kommentierte Hana trocken.

Lumina winkte ab und trat näher an Nami heran, während ihr Blick spitzbübisch wurde.

„Ich habe ihn natürlich sofort gefragt, ob mein 'gutaussehender Kumpel' schon da ist. Seine Reaktion auf das Thema Tala war unbezahlbar. Er hat mich angeschaut, als hätte ich vorgeschlagen, einen Eisbären zu streicheln.“

Namis Lachen wandelte sich in ein leicht zerknirschtes Schmunzeln. Sie fuhr sich sanft über die Wange und gestand: „Ehrlich gesagt habe ich ein etwas schlechtes Gewissen, dass ich Kai nichts davon erzählt habe, dass ich Tala doch noch eine Einladung geschickt habe. Aber... ich dachte im Leben nicht daran, dass er wirklich auftauchen könnte. Tala ist schlichtweg eine Sache für sich.“

Nami sah ihre Cousine ernst, aber liebevoll an. „Lumina, er ist eine extrem schwierige Nuss. Wenn du mich fragst, ist es sogar schlicht unmöglich, einen Tala Valkov zu knacken.“

Lumina stieß ein helles, unbeeindrucktes Lachen aus und winkte lässig ab. „Ach, Nami! Es geht mir doch gar nicht darum, ihn emotional zu 'knacken'. Ich erhoffe mir da keine Schmalz-Romantik oder Kerzenschein-Abende.“

Sie trat noch einen Schritt näher, beugte sich schmunzelnd zu Nami vor und meinte mit absoluter, unverblümter Ehrlichkeit: „Es reizt mich einfach ungemein. Ich finde diesen Mann schlichtweg unglaublich heiß... gerade... weil... er so gefährlich, unberechenbar und roh wirkt.“

Nami musste laut auflachen und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Sie kannte die Vorlieben ihrer Cousine nur zu gut. Lumina brauchte keinen sanften, zurückhaltenden Mann. Sie stand auf dominante, kompromisslose Männer, die im Bett genau wussten, was sie wollten, und kein Problem mit harter, archaischer Leidenschaft hatten.

Ihr Ex-Freund Paul war mit Luminas deutlichen Präferenzen schlichtweg völlig überfordert gewesen... etwas, das man von einem Kaliber wie Tala Valkov wohl kaum behaupten konnte.

„Ich weiß, Lumina... ich weiß“, gluckste Nami amüsiert. „Du liebst eben das Spiel mit dem Feuer.“

„Und wie!“, zwinkerte Lumina kühn.

In diesem Moment klopfte es leise an der Tür des Ankleidezimmers. Hiro schob den Kopf herein, gekleidet in einen eleganten Frack. Sein Blick fiel auf seine Tochter, und für einen Augenblick stand ihm der stolze Vater ins Gesicht geschrieben.

„Es ist so weit, Nami“, sagte Hiro mit sanfter, warmer Stimme. „Die Gäste sitzen. Der Bräutigam wartet unten im Garten.“

Nami atmete einmal tief ein, legte die Hand auf ihren Bauch und schenkte ihrer Familie ein strahlendes, glückliches Lächeln.

Das sanfte Vorspiel des Streichquartetts ging in die ersten, getragenen Akkorde des Hochzeitsmarsches über. Im Garten des Ayame-Anwesens wurde es schlagartig still. Die Gespräche verstummten, und alle Gäste erhoben sich von ihren Plätzen... von den vertrauten Gesichtern der Bladebreakers über die exzentrische Oma Yumi bis hin zu den edlen Lords und Ladys der Davies-Familie.

Als sich die Flügeltüren zum Garten vollends öffneten und Nami an der Seite ihres Vaters Hiro den mit weißen Blüten bestreuten Kieselweg betrat, schien die Welt für einen Moment den Atem anzuhalten.

Nami spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ein leichtes Schwindelgefühl überkam sie... eine Welle aus purem Glück, überwältigender Aufregung und tiefsten Emotionen, die sie beinahe den Boden unter den Füßen verlieren ließ.

Herbeigerufen von der Aufregung und der Wärme dieses milden Oktobertages spürte sie in ihrem Inneren wieder dieses zarte, kleine Klopfen in der 20. Schwangerschaftswoche, das sie sanft erdete.

Doch in dem Augenblick, als ihr ozeanfarbener Blick den Mann am Ende des Gangs traf, gab es nichts anderes mehr für sie.

Da stand Kai.

Er stand am floral geschmückten Gartenpavillon, aufrecht, majestätisch und unerschütterlich in seinem dunklen Hochzeitsanzug. Seine Hände waren ruhig vor dem Körper verschränkt, doch als Nami den Pfad entlangschritt, weichte die eiskalte Kontrolle in seinen rubinroten Augen.

Sein Blick brannte sich in ihren fest.

Für einen winzigen Herzschlag schien selbst der stoische CEO zu vergessen, wie man atmet. Er sah seine Braut... in ihrem fließenden Seidenkleid, mit den silbrig weißen, welligen Haaren, die im Sonnenlicht wie flüssiges Silber glänzten, und der wunderschönen, sanften Rundung ihres Babybauchs.

In Namis Brust explodierte ein ganzer Schwarm von Schmetterlingen.

Während sie Schritt für Schritt auf ihn zuging, zogen ihre Gedanken im Eiltempo an ihr vorbei.

All ihre Träume... sie waren in diesem einzigen Moment wahr geworden. Sie dachte an die vielen Jahre zurück, an den unnahbaren, stolzen Kai Hiwatari, den sie schon als junges Mädchen faszinierend gefunden hatte und dessen Herz sie in ihren Träumen immer für sich gewinnen wollte.

Sie hatte nicht locker gelassen, hatte hinter seine eisige Fassade geblickt und den Mann entdeckt, der hinter der Mauer aus Schweigen lebte.

Sie dachte daran, was dieser Mann tagtäglich für sie tat.

Kai, der Trubel und Menschenmengen aus tiefster Seele verabscheute, stand hier mitten in diesem aristokratischen Hochzeitszirkus.

Er hatte sich stundenlang mit Tanten, Onkeln und fremden Cousinen abgegeben, Handschläge ausgetauscht und Smalltalk ertragen... ohne mit der Wimper zu zucken. Und das alles nur für sie. Weil er wusste, wie viel ihr dieser Tag und ihre Familie bedeuteten.

Ein tiefes, inneres Beben fuhr durch Nami. Sie biss sich sanft auf die Unterlippe und versuchte verzweifelt, die aufsteigenden Tränen der Rührung zurückzuhalten, doch sie schaffte es nicht ganz.

Eine einzelne, glitzernde Träne stahl sich aus ihren ozeanfarbenen Augen und rollte langsam über ihre Wange, während ein strahlendes, wunderschönes Lächeln ihre Lippen zierte.

Hiro sah seine Tochter von der Seite mit unendlichem Stolz an, drückte ihren Arm noch einmal sanft und führte sie die letzten Schritte zum Altar.

Als sie vor Kai zum Stehen kamen, trat Hiro einen Schritt zurück, nahm Namis Hand und legte sie behutsam in die von Kai.

Kais Hand war warm, fest und unnachgiebig... ein Fels in der Brandung. Als sich ihre Finger umschlossen, hob Kai seine andere Hand und strich mit dem Rücken seines Daumens mit einer unendlich sanften, fast unsichtbaren Bewegung die Träne von Namis Wange.

Seine rubinroten Augen trafen ihre, und ohne ein einziges Wort zu sprechen, vermittelte er ihr mehr Sicherheit und Liebe, als es tausend Worte je gekonnt hätten.

Der Standesbeamte führte mit ruhiger, angenehmer Stimme durch die Zeremonie, doch für Nami und Kai existierte die Welt um sie herum kaum noch. Sie standen unter dem prachtvoll geschmückten Pavillon, umrahmt von sanft wehenden, weißen Stoffbahnen und dem warmen Licht der Oktobersonne.

„So frage ich euch nun vor eurer Familie und euren Freunden“, begann der Standesbeamte feierlich und wandte sich zuerst an die Braut.

„Nami Tachiba, willst du den hier anwesenden Kai Hiwatari zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet, so antworte mit: Ja, ich will.“

Namis Blick blieb unzertrennlich mit Kais verbunden. Ohne auch nur den Hauch eines Zögerns, mit festem, liebevollem Ton antwortete sie:

„Ja, ich will.“

Ein sanftes Lächeln stahl sich auf die Lippen des Standesbeamten, als er seinen Blick auf den Bräutigam richtete.

„Kai Hiwatari, willst du die hier anwesende Nami Tachiba zu deiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet, so antworte auch du mit: Ja, ich will.“

Kai sah Nami an, und in seinen rubinroten Augen lag eine unverbrüchliche Entschlossenheit. Seine tiefraue Stimme klang klar und deutlich durch den stillen Garten:

„Ja, ich will.“

„Da ihr nun euer gegenseitiges Einverständnis erklärt habt“, sprach der Standesbeamte lächelnd weiter, „gebe ich euch die Gelegenheit, eure ganz persönlichen Worte zueinander zu sprechen.“

Nami begann. Ein tiefes Einatmen hob ihre Brust, ehe sie Kai fest in seine tiefen Augen blickte. Ihre Stimme zitterte leicht vor Ergriffenheit, trug aber eine tiefgreifende Wärme in sich, die den gesamten Pavillon erfüllte.

„Kai...“, begann sie leise, während der Wind sanft mit einer Strähne ihres silbrig weißen Haares spielte.

„Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hätte keiner von uns geahnt, wohin uns dieser Weg führen würde. Wir haben Schatten durchquert und Stürme erlebt, die andere längst zerbrochen hätten. Aber an deiner Seite habe ich gelernt, was es wirklich bedeutet, angekommen zu sein. Du bist mein Anker, mein Beschützer und die Liebe meines Lebens.“

Eine kleine Träne stahl sich aus ihren ozeanfarbenen Augen, doch auf ihren Lippen lag ein unendlich zärtliches Lächeln.

„Ich verspreche dir, deine Hand zu halten... an den ruhigen, strahlenden Tagen genauso wie in jenen Momenten, in denen die Welt da draußen laut und dunkel wird. Ich verspreche dir mein unerschütterliches Vertrauen, meine Treue und mein ganzes Herz. Wir bauen uns hier nicht nur eine gemeinsame Zukunft auf... wir bauen eine Familie. Ich gehöre dir, Kai. Heute, morgen und für jeden Tag, der uns geschenkt wird.“

Kai ließ keine Sekunde den Blick von ihr ab. Seine Hände hielten die ihren fest... ein warmer, schützender Anker, während ihre Worte wie ein kostbares Versprechen in der Luft hingen.

Eigentlich hatte Nami ihm Wochen vor der Hochzeit gesagt, dass er kein eigenes Gelübde vor allen Gästen ablegen müsse. Sie wusste besser als jeder andere auf dieser Welt, dass Kai kein Mann der großen Worte war, erst recht nicht vor einem Publikum aus dutzenden Verwandten und Bekannten.

Sie brauchte keine öffentlichen Liebesbekundungen, um zu wissen, was sie ihm bedeutet.

Doch Kai dachte gar nicht daran, zu schweigen.

Er war gereift. Er war nicht mehr nur der verschlossene, einsame Wolf von einst... er war ein Ehemann, ein Beschützer und bald ein Vater. Und für diesen einen, einzigartigen Tag war er bereit, der ganzen Welt unmissverständlich zu zeigen, wie tief diese Frau in seinem Herzen verankert war und dass sie sein einziges, wahres Zuhause bedeutete.

Als der Standesbeamte das Wort an den Bräutigam übergab, trat eine tiefe Stille im Garten ein. Selbst die Bladebreakers hielten in den vorderen Reihen den Atem an.

Kai sah Nami an. Seine Züge blieben ruhig, aber in seinem Blick lag eine Intensität, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte.

„Nami“, begann Kai. Seine Stimme war tief, rau und von einer unerschütterlichen Festigkeit, die wie ein warmer Nachhall durch den Garten schwang.

„Ich werde dir heute keine Gedichte vorlesen. Ich werde dir nicht versprechen, dass die Tage immer einfach sein werden. Aber ich verspreche dir Folgendes:“

Er schloss seine Finger noch etwas fester um ihre kleinen Hände.

„Egal was kommt, egal welche Stürme sich gegen uns aufbäumen... ich werde deine Mauer sein. Ich werde der Fels sein, an dem jede Welle bricht, bevor sie dich oder unser Kind erreicht. Du hast Licht in mein Leben gebracht, an Orten, die ich längst der Dunkelheit überlassen hatte. Ich gehöre dir, Nami. Bedingungslos. Solange ich atme.“

Es war kein kitschiger Schmalz, keine erlernte Floskel. Es war Kai Hiwatari in seiner reinsten, ehrlichsten Form... kraftvoll, kompromisslos und voller tiefer, unverbrüchlicher Liebe.

Die Tränen, die Nami eben noch zurückgehalten hatte, stiegen nun wieder in ihren ozeanfarbenen Augen auf und rollten sanft über ihre Wangen. Ein ergriffenes Schluchzen entwich ihrer Brust.

Doch noch bevor die Tränen vollends die Überhand gewinnen konnten, wurde die erhabene Stille des Gartens von einem ausgesprochen lauten, herzzerreißenden und absolut ungenierten Rotzen und Schluchzen durchbrochen.

„Hrrrr-nghhh! Ooooh, mein Gott!“

Es war Oma Yumi. Die 80-Jährige saß in der ersten Reihe, hatte ein riesiges, weißes Stofftaschentuch im Gesicht vergraben und weinte Rotz und Wasser. Neben ihr versuchte Opa Takeshi verzweifelt und schmunzelnd, seine Frau zu beruhigen, während Hiro sich mit der Hand über die Augen fuhr, um sein eigenes Schmunzeln zu verbergen.

Nami schluchzte erneut auf, musste aber im selben Moment laut und befreit auflachen. Auch die Gäste brachen in ein leises, amüsiertes Glucksen aus.

Kai wandte nicht einmal den Kopf zu Oma Yumi um. Seine Lippen formten lediglich ein winziges, fast unsichtbares Schmunzeln, ehe er Nami mit diesem einen, warmen Blick ansah, der nur ihr ganz allein gehörte.

Der Standesbeamte fing sich schnell wieder, schenkte Oma Yumi ein amüsiertes Schmunzeln und wandte sich dann mit warmer Stimme wieder an das Paar.

„Mögen diese Ringe das sichtbare Zeichen eures Versprechens sein.“

Mit ruhigen, bedachten Bewegungen schob Kai den feinen Platinring an Namis Finger, ehe Nami ihm den seinen aufsteckte. Ihre Hände zitterten leicht, doch als sich ihre Blicke trafen, fiel jede verbliebene Anspannung von ihr ab.

„Aufgrund der Macht, die mir verliehen ist“, sprach der Standesbeamte mit einem strahlenden Lächeln, „erkläre ich euch hiermit offiziell zu Mann und Frau. Mr. Hiwatari... Sie dürfen Ihre Braut jetzt küssen.“

Der Garten hielt erneut den Atem an.

Kai legte seine großen, warmen Hände behutsam an Namis Wangen. Er beugte sich zu ihr hinab, legte seine Stirn für einen winzigen Sekundenbruchteil an die ihre und raunte ihr mit seiner tiefen, rauen Stimme ein trockenes, aber unendlich liebevolles Geflüster zu:

„Ich liebe dein Lachen, mein Schatz. Hör niemals auf so fröhlich zu sein.“

Ein neues, glückliches Strahlen brach auf Namis Lippen aus, noch ehe Kai die Distanz vollends überbrückte und sie küsste.

Es war kein flüchtiger Hochzeitskuss... es war ein tiefer, intensiver und leidenschaftlicher Kuss, der all seine Liebe, seinen Beschützerinstinkt und sein Versprechen für die Zukunft in sich trug.

Nami schlang ihre Arme sanft um seinen Nacken und schloss glückselig die Augen, während die Sonne ihr silbrig weißes Haar in ein goldenes Meer verwandelte.

Im selben Moment brachen im Garten alle Dämme.

Ein tobender, jubelnder Applaus setzte ein. Tyson stieß einen lautstarken, schrillen Pfiff aus und rief ein kräftiges „JAWOLL!“ durch die Reihen, während Ray und Max begeistert klatschten. Hiro hielt seine Frau Hilda fest im Arm, deren Augen vor Stolz glänzten, während Oma Yumi sich glücklich schneuzte und Lord Eric Davies dem Bräutigam ein anerkennendes, aristokratisches Nicken schenkte.

Als Kai sich langsam von Nami löste, lag auf seinen Zügen kein kühler CEO-Blick mehr, sondern der stolze Ausdruck eines Mannes, der sein größtes Ziel im Leben erreicht hatte.

Er griff nach Namis Hand, verschränkte seine Finger fest mit ihren und wandte sich gemeinsam mit seiner Frau der feiernden Gesellschaft zu...