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Der eiskalte Beschützer

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Der eiskalte Beschützer

Nachdem Nami und Kai das Café verlassen hatten, verflog die verbleibende Zeit wie im Flug. Lumina, Hilary und Mariah tauschten noch ein paar amüsierte Bemerkungen über Kais kompromisslos beschützende Art aus, ehe Lumina etwa zehn Minuten später auf die Uhr an ihrer feinen Handgelenkskette blickte.

„So, ihr zwei Hübschen“, sagte Lumina, griff nach ihrer edlen Handtasche und schenkte den beiden ein strahlendes Lächeln. „Ich werde mich nun ebenfalls verabschieden. Mein Vater legt bekanntlich großen Wert auf Pünktlichkeit, und ich bin zum Abendessen mit meinen Eltern im Hotel verabredet.“

Sie verabschiedete sich herzlich von Hilary und Mariah, zahlte ihren Teil der Rechnung und trat schließlich hinaus aus dem angenehm warmen Café auf die Straße.

Die Dämmerung war in den letzten Minuten rasch vorangeschritten. Die kühle Abendluft Tokios schlug ihr entgegen, und die bunten Neonreklamen der Metropole begannen bereits, die Gehwege in ein tiefes, schummeriges Licht zu tauchen. Lumina straffte die Schultern, strich sich ihr langes, silbrig-weißes Haar über den Mantel und schlug den Weg in Richtung der Hauptstraße ein, um sich ein Taxi zu rufen.

Sie hatte erst einige Schritte auf dem Gehweg zurückgelegt, als sich schlagartig zwei schattenhafte Gestalten aus einer leicht abgedunkelten Seitengasse schoben und ihr direkt den Weg versperrten.

Lumina hielt abrupt inne. Ihr geschulter Blick erfasste die beiden Männer innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde. Sie waren groß, breit gebaut und gaben ihr durch ihre Statur ein spürbares Gefühl körperlicher Überlegenheit. Der beißende Geruch von billigem Alkohol eilte ihnen voraus. An ihren Zügen und der Statur erkannte Lumina sofort, dass es keine Japaner waren... vermutlich Ausländer, die den Abend etwas zu tief ins Glas geschaut hatten.

„Na, sieh mal einer an…“, raunte der Erste mit schwerer, lallender Stimme und verengte die trüben Augen, während sein Blick unverstellt über ihr Gesicht und ihre Figur glitt. „Was spaziert denn für eine hübsche, blasse Schönheit ganz alleine durch die Dunkelheit?“

Der zweite Mann trat grinsend einen Schritt näher, schnitt ihr auch die seitliche Ausweichmöglichkeit ab und verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust. „Ziemlich kalt draußen, Schätzchen. Wie wär’s, wenn wir drei uns irgendwo ein bisschen aufwärmen?“

Lumina spürte, wie ihr Puls einen kleinen Schlag zulegte, doch auf ihren feinen Zügen regte sich nicht der Hauch von Panik. Sie war schließlich eine Davies. Angst zu zeigen war eine Option, die für sie gar nicht erst existierte.

Sie verengte ihre magentafarbenen Augen zu zwei kühlen Schlitzen, legte den Kopf leicht schräg und trat mit nativer, perfekter Aussprache vollkommen souverän auf.

„Auszugleichen, dass ihr beiden einen über den Durst getrunken habt, gehört definitiv nicht zu meinen Abendplänen“, sagte Lumina mit fester, glasklarer Stimme und sah dem Größeren direkt ins Gesicht. In ihrer Haltung lag keine Furcht, sondern jene aristokratische Kälte, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. „Macht also bitte Platz. Ich habe einen Termin.“

Der Mann, der sie zuerst angesprochen hatte, stieß jedoch nur ein dreckiges, amüsiertes Lachen aus und machte keinen Anstalt, aus dem Weg zu gehen.

„Oh, die kleine Lady hat Haare auf den Zähnen!“, gluckste er lallend und machte einen weiteren, bedrohlichen Schritt auf sie zu. „Komm schon, sei nicht so spröde. Ein kleiner Drink mit uns hat noch niemandem geschadet…“

Lumina blieb wie angewurzelt stehen, die Hand fest um den Riemen ihrer Tasche geschlossen, während sie fieberhaft kalkulierte, wie sie aus dieser Situation ohne Eskalation herauskam.

Lumina erkannte sofort, dass Worte bei den beiden Betrunkenen nichts mehr ausrichten würden. Sie spannte die Muskeln an, wog ihre Chancen ab und wollte schlagartig an dem kleineren der beiden vorbeisprinten. doch die beiden Männer reagierten erschreckend schnell.

Noch bevor ihr Fuß den Asphalt richtig treffen konnte, schossen zwei grobe Hände nach vorne. Sie packten Lumina gewaltsam an den Schultern und rissen sie mit rücksichtsloser Kraft von der beleuchteten Hauptstraße weg, direkt hinein in den schummrigen Schatten der kühlen Seitengasse.

„Lass mich los, du Drecksau!“, zischte Lumina voller Wut und versuchte, sich mit aller Macht aus dem Griff zu winden, doch der größere der beiden stieß sie brutal rücksichtslos gegen die rauhe Wand der Gasse.

Ein dumpfer Schmerz fuhr ihr durch den Rücken. Bevor sie sich auch nur ansatzweise fangen konnte, schob der Mann sein schweres, kräftiges Bein mit voller Härte zwischen ihre Schenkel. Er drückte sein gesamtes Körpergewicht gegen sie und fixierte ihren Körper vollkommen an der Mauer, sodass ihr jeder Handlungsspielraum raubte.

Lumina holte tief Luft, legte den Kopf zurück und wollte mit ganzer Kraft um Hilfe schreien... doch noch bevor der erste Ton ihre Kehle verlassen konnte, klatschte die breite, nach Alkohol und Schweiß stinkende Hand des zweiten Mannes brutal auf ihren Mund und drückte ihren Kopf gewaltsam gegen die Mauer.

„Halts  Maul, Schätzchen!“, knurrte der Kerl direkt an ihrem Ohr.

Mit der freien Hand packte der größere Mann grob den Stoff ihrer Bluse. Ein fieses Ratsch ertönte, als er ohne jede Hemmung daran riss. Die Knöpfe platzten ab, sprangen stumm vom Stoff ab und kullerten mit einem leisen, klackernden Geräusch über den dreckigen Asphalt der Gasse.

Der kühle Abendwind traf sofort ihre ungeschützte Haut. Ihre prallen Brüste, nur noch von dem edlen, dunklen BH bedeckt, leuchteten unverschleiert im fahlen, spärlichen Licht der Straßenlaterne, die von der Hauptstraße herüberreichte.

Lumina bäumte sich ein letztes Mal verzweifelt auf, stemmed ihre Fingernägel in das raue Leder der Jacke des Mannes, doch es war zwecklos. Ihr Körper gehorchte der schieren physischen Übermacht nicht. So selbstbewusst, unerschütterlich und gewandt sie in ihren Worten auch war... in diesem Moment wurde ihr mit grausamster Klarheit bewusst, wie hilflos eine Frau gegen die rohe, körperliche Gewalt zweier gebauter Männer war.

Ihre Kraft schwand. Die Gewissheit, dass sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte, legte sich wie ein Eisschleier über ihr Herz.

Lumina schloss die Augen. Sie verweigerte diesen Dreckskerlen das einzige, was sie ihnen noch verweigern konnte: ihre Tränen. Niemals würde sie vor solchen Kreaturen wimmern oder flehen. Ein innerer Panzerschild schob sich vor ihre Wahrnehmung. Sie presste die Kiefer aufeinander, zwang den zitternden Atem zurück und traf die bitterste Entscheidung ihres Lebens:

Sie würde diese Hölle über sich ergehen lassen, das Unvermeidliche mit stoischer Fassung tragen und einfach nur beten, dass sie diese Gasse lebend verlassen durfte.

Sie machte sich innerlich starr und wartete auf den nächsten Übergriff.

Doch statt der groben Hände auf ihrer nackten Haut ertönte plötzlich ein dumpfes, schreckliches Geräusch. Ein trockenes, hohles Knacken von brechenden Knochen durchbrach die Stille der Gasse, augenblicklich gefolgt von einem erstickten, gurgelnden Keuchen.

Im nächsten Bruchteil einer Sekunde wich das schwere Gewicht, das sie an die Wand gedrückt hatte. Der Griff an ihrem Mund riss schlagartig ab. Ein polternder Sturz hallte wider, als eine der Gestalten wie ein nasser Sack auf den feuchten Asphalt krachte.

Lumina riss die Augen auf. Ihre Beine, die ohnehin keinen Halt mehr boten, gaben nach. Völlig entkräftet und nach Luft ringend glitt sie langsam an der kalten Mauer hinab, bis sie zitternd auf dem Boden der dunklen Gasse saß, die Hand schützend vor ihre aufgerissene Bluse gepresst. Sie hob den Blick und weitete die Augen.

Tala stand über dem ersten Angreifer, der sich stöhnend und mit gebrochener Nase auf dem Asphalt krümmte. Seine eisblauen Augen glühten in einer eiskalten, gefährlichen Wut, die selbst die dunkle Gasse zu gefrieren schien.

Der zweite Mann, der Lumina eben noch die Bluse aufgerissen hatte, stolperte erschrocken zwei Schritte zurück. „W-was zum Teufel…?!“, brachte er hervor, doch Tala gab ihm keine Zeit zum Denken.

Mit einer flüssigen, beinahe lautlosen Bewegung schloss Tala die Distanz. Seine Faust traf das Kinn des Mannes mit voller Wucht. Ein dumpfes Krachen hallte wider, gefolgt von einem erstickten Laut, ehe der Schwergewichtige besinnungslos wie ein gefällter Baum neben seinem Kumpan auf den feuchten Boden krachte.

Stille legte sich über die Gasse. Nur Talas schwerer, ruhiger Atem war zu hören.

Er würdigte die beiden Gestalten am Boden keines Blickes mehr. Stattdessen wandte er sich langsam um. Seine dunklen Züge waren scharf geschnitten, die Stirn in finstere Falten gelegt, als sein Blick auf Lumina fiel.

Sie saß immer noch an die raue Wand gelehnt auf dem Boden. Ihre feinen Hände hielten die Fetzen ihrer aufgerissenen Bluse krampfhaft zusammen, doch die Spuren des Übergriffs waren unübersehbar. Ihr Atem ging stoßweise, und in ihren magentafarbenen Augen lag ein Zittern, das Tala bei ihr noch nie gesehen hatte.

„Bist du völlig verrückt geworden, Abends alleine durch diese Gegend zu rennen?“, knurrte Tala schroff und er wandte sich wieder um. Seine Stimme war rau, tief und schnitt wie ein Messer durch die kalte Luft.

Lumina schluckte hart. Der Kloß in ihrer Kehle brannte, doch der Stolz einer Davies erwachte augenblicklich unter seinem harten Tonfall. „Ich… ich wollte mir nur ein Taxi rufen…“, brachte sie mit leicht zitternder, aber bemerkenswert gefasster Stimme hervor.

Der Regen, der zuvor nur als feiner Sprühnebel über Shinjuku gelegen hatte, begann nun schwerer zu fallen und peitschte kalt gegen das Pflaster der dunklen Gasse. Das grelle Neonlicht der weit entfernten Werbetafeln tanzte in den Pfützen und warf verzerrte, farbige Schatten auf die Szenerie.

Lumina atmete zittrig ein, ihre Lungen brannten von der eisigen Luft und dem Adrenalin, das noch immer in ihren Adern pulsierte. Sie stand nur wenige Schritte von Tala entfernt. Sein Rücken war ihr nun wieder zugewandt, eine breite, fast unerschütterliche Silhouette vor der Dunkelheit. Er atmete schwer, doch es war kein Anzeichen von Erschöpfung... es war die rohe, unterdrückte Energie eines Raubtiers, das noch nicht fertig war.

Einer der Angreifer, ein massiger Kerl, der sich eben noch wie ein Häufchen Elend gewunden hatte, begann zu husten. Er versuchte, sich aufzusetzen, und ein gutturales Fluchen entwich seinen Lippen.

„Du… du verdammter Mistkerl… das wirst du bereuen…“, stammelte er und griff tastend nach etwas, das wie ein eingestecktes Messer im schmutzigen Rinnstein glänzte.

Talas Blick war kein menschlicher mehr; es war kalter Stahl, vollkommen leer und doch erfüllt von einer tödlichen Absicht, die Lumina bis ins Mark erschütterte. Er ignorierte die Welt um sich herum, ignorierte das entfernte Heulen von Sirenen, das die Stille der Nacht zerschnitt. Er war in diesem Moment kein Mensch mehr, sondern die Personifizierung reiner, ungezähmter Gewalt.

Als Tala einen Schritt auf den Mann am Boden zuging, die Hand bereits zur Faust geballt, um dem Schicksal des Angreifers ein endgültiges, blutiges Ende zu bereiten, erstarrte Lumina.

Sie wusste, dass Tala nicht nur gewinnen wollte. Er wollte diesen Mann auslöschen, um sicherzustellen, dass nie wieder Gefahr von ihm ausgehen konnte. Ein Funken dieser Dunkelheit würde in ihm bleiben, wenn er diesen Schritt jetzt tat.

„Tala!“

Ihre Stimme war fest, auch wenn ihre Knie zitterten. Sie wartete nicht auf eine Reaktion. Sie trat vor, ignorierte die Nässe auf dem Boden, und legte ihre Hand fest auf seinen Oberarm. Der Stoff seines Mantels war kalt vom Regen, doch darunter spürte sie die massive, beinahe vibrierende Muskelanspannung, die wie eine gespannte Stahlfeder wirkte.

Tala blieb stehen. Seine Schultern bebten leicht unter der Last seines aufgestauten Zorns. Er sah nicht zu ihr herunter, sein Blick war starr auf das Opfer gerichtet, das nun vor Angst den Atem anhielt.

„Tala, sieh mich an“, befahl sie leise, doch mit einer Eindringlichkeit, die nur sie in dieser Welt besaß. Sie drückte ihre Hand fester gegen seinen Arm, krallte ihre Finger beinahe in das Leder. „Es reicht. Wenn du das jetzt tust, verlierst du dich selbst.“

Die Welt um sie herum schien für einen Moment den Atem anzuhalten. Nur das Prasseln des Regens war zu hören. Tala blieb reglos, das Raubtier in ihm kämpfte gegen ihre beruhigende Präsenz an. Dann, langsam, quälend langsam, neigte er den Kopf. Sein Blick traf ihren. Die violette Leuchtkraft ihrer Augen, die selbst im schwachen Licht der Gasse klar und fordernd war, spiegelte sich in seinem dunklen, fast schwarzen Ausdruck wider.

Der Moment, in dem die Raserei in seinen Augen nachließ und der kühle, kalkulierende Tala wieder zum Vorschein kam, war beinahe körperlich spürbar. Die Spannung in seinem Körper entlud sich in einem tiefen Seufzer, der jedoch noch immer von unterdrückter Aggression zeugte. Er lockerte seine Faust, ließ den Arm sinken, doch sein Blick wanderte noch einmal drohend zu dem Mann am Boden, der sich nun, vom Schock gelähmt, kaum noch zu rühren wagte.

Tala drehte sich wieder zu Lumina und neigte sich vor.

„Du hast keine Ahnung, was ich mit ihnen machen wollte“, flüsterte er gegen ihre Haare, seine Stimme war rau, gezeichnet von dem Sturm, der gerade noch in ihm getobt hatte.

„Ich weiß es“, antwortete sie leise und blickte an ihm vorbei, den Blick nun wieder hart. „Aber du hast es nicht getan. Weil du auf mich gehört hast.“

Der Regen, der wie Nadelstiche auf den Asphalt von Shinjuku peitschte, war Tala in diesem Moment völlig egal. Sein ganzer Körper bebte noch immer von der Adrenalin-Welle, die ihn überrollt hatte, als er sie einige Minuten zuvor von der anderen Straßenseite aus gesehen hatte.

Fünf Tage. Fünf Tage, in denen er stolz genug gewesen war, sie nicht zu kontaktieren, nachdem sie diese eine Nacht miteinander verbracht hatten, die ihn völlig aus dem Konzept gebracht hatte. Er hatte versucht, sie auszublenden, seinen Blick stur nach vorne gerichtet, als wäre sie nur irgendeine flüchtige Bekanntschaft.

Doch dann hatte er den Fehler gemacht, kurz zurückzusehen. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde hatte er gesehen, wie sie in diese verdammte Gasse gezogen wurde.

Das Bild brannte sich in sein Gedächtnis, und die Wut, die ihn jetzt durchflutete, war so rein und scharf wie eine Klinge. Er trat einen Schritt auf Lumina zu, sein Blick fixierte sie mit einer Intensität, die zwischen dem Bedürfnis, sie zu schütteln, und dem Verlangen, sie einfach nur zu besitzen, schwankte.

Ohne ein Wort zu sagen, riss er seinen Mantel von den Schultern. Die Kälte schlug sofort durch sein Hemd, doch er spürte sie nicht. Er warf das schwere Leder nicht etwa behutsam über sie... es war eher ein Akt des Markierens. Er legte ihn ihr über die Schultern, sodass er ihren offenen Trenchcoat und ihr zerrissenes Oberteil darunter fast vollständig verschlang. Der Mantel war zu groß, er roch nach ihm... nach kaltem Regen, nach dem Moschus seiner Haut und der rauen Gefahr, die er ausstrahlte.

Er griff ihr fest in den Nacken, seine Finger krallten sich leicht in ihren Haaransatz, und er zwang sie, ihn anzusehen. Sein Gesicht war eine kühle Maske, doch in seinen Augen tobte das Chaos. Er war impulsiv, und er war verdammt nochmal nicht gewohnt, dass jemand so eine Wirkung auf ihn hatte, dass er deswegen fast den Verstand verlor.

„Dass du dich überhaupt in diese Gegend wagst…“, knurrte er, seine Stimme rau und tiefer als sonst. Es war kein sanftes Kümmern, es war der Ton eines Mannes, der sein Eigentum vor der Welt schützen musste, auch wenn er selbst noch nicht ganz begriffen hatte, warum ihn das so wahnsinnig machte.

Er ließ nicht los, sein Daumen strich grob über ihren Kieferknochen, als wollte er sicherstellen, dass sie wirklich da war und keine Halluzination.

„Ich habe fünf Tage nicht an dich gedacht“, log er, und der Unterton in seiner Stimme verriet, wie sehr er sich selbst damit belog.

„Aber das hier? Das geht nicht.“

Er drückte ihr Kinn ein Stück nach oben, starrte sie fast herausfordernd an, als erwartete er Widerstand. „Komm. Ich bringe dich hier weg.“

Er wartete nicht auf eine Antwort. Er legte einen Arm fest um ihre Taille... ein Griff, der mehr wie ein Versprechen als wie eine Geste wirkte... und zog sie mit sich aus dem Schatten der Gasse hinaus, zurück in das neonleuchtende Chaos von Shinjuku. Er wollte sie weg von hier haben, in die Sicherheit eines Gebäudes, wo er endlich die Kontrolle zurückgewinnen konnte, die ihm dieser Abend entzogen hatte.

Als sie die Gasse verließen und das grelle, kalte Neonlicht der Shinjuku-Hauptstraße sie wieder verschlang, fühlte sich Lumina, als würde sie gerade erst wieder zu atmen beginnen. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen, dass sie fürchtete, er müsse es hören können.

Es war absolut surreal.

Noch vor einer Stunde hatte sie bei sich gedacht, wie unerreichbar dieser Mann war... wie tief seine inneren Narben ihn für sie in eine Ferne rückten, die sie kaum überbrücken konnte. Und jetzt stand er hier, hatte sie vor dem Schlimmsten bewahrt und roch nach Regen und Leder.

Die Dankbarkeit, die in ihr pulsierte, war so gewaltig, dass sie keinen Raum mehr für Worte ließ. Sie musste ihm irgendwie zeigen, dass er für sie nicht nur eine bloße Bekanntschaft war, die man fünf Tage lang ignorieren konnte.

Kaum hatten sie den dunklen Schlund der Gasse hinter sich gelassen, blieb Lumina ruckartig stehen. Ihr Blick war fest, ihr Atem noch immer unregelmäßig. Bevor Tala auch nur einen weiteren Schritt machen konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, ihre Finger gruben sich in das nasse, schwere Gewebe seines Hemdkragens. Mit einer Entschlossenheit, die sie selbst überraschte, zog sie ihn zu sich herab.

Als ihre Lippen auf seine trafen, erstarrte Tala. Er hatte mit vielem gerechnet... mit einem Dankeschön, mit Vorwürfen, mit einem Zusammenbruch... , aber ganz sicher nicht mit diesem Angriff. Seine Augen weiteten sich für einen Sekundenbruchteil, und sein erster Impuls war es, die Hände an ihre Schultern zu legen und sie von sich zu stoßen. Dieses Maß an Nähe, diese unmittelbare Eröffnung ihrer Dankbarkeit... es war zu viel.

Doch dann traf ihn die Wucht ihres Kusses. Sie suchte seine Zunge, fordernd und fast schon verzweifelt, als wollte sie ihn in diesem Moment festtackern, damit er ihr nicht erneut entgleiten konnte.

Die Zurückweisung, die in seinem Kopf geplant war, löste sich in Luft auf.

Stattdessen packte ihn eine rohe, fast schon gewaltsame Besitzgier. Mit einem tiefen, gutturalen Laut in der Kehle änderte Tala seine Taktik. Er krallte die Finger in ihre Schultern, drehte sie schwungvoll herum und drückte sie mit dem Rücken gegen die raue Mauer eines nahegelegenen Gebäudes.

Der Aufprall war hart, ließ ihr den Atem rauben, doch das war ihm in diesem Moment egal. Er schob seinen Körper gegen ihren, raubte ihr jeglichen Platz zum Ausweichen und erwiderte den Kuss mit einer Intensität, die alles andere in den Schatten stellte. Es war kein sanftes Dankeschön mehr; es war eine Entladung von fünf Tagen unterdrückter Anspannung, von Zorn und diesem verfluchten, unnachgiebigen Verlangen.

Seine Hände wanderten von ihren Schultern zu ihrem Nacken, seine Finger krallten sich in ihr Haar, als müsste er sicherstellen, dass sie nicht verschwand, während er den Kuss vertiefte... hungrig, besitzergreifend und so vollkommen inkonsequent wie der Mann, der sie gerade noch aus dem Schlamm gezogen hatte.

Sein Atem ging stolpernd und schwer, als er sich mit einer Ruckartigkeit von ihren Lippen löste, die sich fast wie eine physische Zerreißprobe anfühlte. Seine Hand glitt von ihrem Nacken ab, und für einen Bruchteil einer Sekunde fuhr sich Tala mit den Knöcheln seiner Finger über das zitternde, nasse Leder seiner Lippen. Das Prickeln dort brannte wie Feuer.

Er hatte sie geküsst.

Nicht einfach nur berührt oder im Dunkeln genommen, wie in dieser einen verfluchten Nacht vor wenigen Tagen. Er hatte sie geküsst... gierig, berauscht und vollkommen entblößt in seiner eigenen Bedürftigkeit.

Er hatte in seinen einundzwanzig Jahren noch nie ein Mädchen so geküsst. Er war doch Tala Valkov. Er brauchte niemanden. Er hielt Jeden auf Distanz, er benutzte sie allenfalls, wenn das Adrenalin nach einem Kampf nach Ventil verlangte, aber das hier?

Das hier besaß eine Macht über ihn, die ihn bis ins Mark erschütterte.

Lumina lehnte mit dem Rücken an der rauen Wand, das Gesicht regennass, die Wangen heiß. Sie atmete flach, unregelmäßig, der Stoff seines viel zu großen Mantels wölbte sich mit jedem ihrer Erregungsschübe. Ihre Finger krallten sich in die Unebenheiten der Mauer, um Halt zu finden, und in ihren magentafarbenen Augen glühte ein unmissverständliches Verlangen.

Sie wollte ihn. Sie wollte nicht reden, sie wollte nicht gerettet werden... sie wollte ihn, hier und jetzt. Sie machte eine feine Bewegung, um die Hand nach seinem nassen Hemd auszustrecken und ihn wieder an sich zu ziehen.

Dieser Anblick war das Urteil über seine letzte verbliebene Beherrschung.

Tala spürte, wie das Blut in seinen Schläfen dröhnte, gepaart mit einer Welle aggressiver Erregung, die sich unbarmherzig in seinen Lenden Sturm brach. Die Enge in seiner Hose war schmerzhaft, das Adrenalin des Kampfes verwebte sich mit dem Verlangen nach ihrer Haut zu einem gefährlichen Gift. Der Gedanke, sie einfach auf den nassen Asphalt dieser Nebenstraße zu drücken, sie herumzudrehen und sich direkt hier zu nehmen, schoss ihm so unerbittlich durch den Kopf, dass ihm schlecht wurde.

Es machte ihn krank.

Es machte ihn wütend auf sich selbst, dass eine einzige Person es schaffte, seine eisige Disziplin in wenigen Sekunden vollständig zu zermahlen.

Sein Blick riss ab von ihrem Dekolleté, wanderte mit Raubtier-Schärfe die Straße hinunter. Der Regen verschleierte die Sicht, doch nur zwei Häuser weiter, hinter einer verblassten Fassade, flackerte das schwache, unechte Rosa-Rot einer typischen Neonschrift: ein Love Hotel.

Anonym. Stundenweise. Ohne Fragen.

Das Hotel in dem seine Suite war, war zu weit weg. Kein Taxi der Welt würde schnell genug hier sein. Seine Selbstbeherrschung war auf wenige Herzschläge zusammengeschrumpft... noch drei Sekunden länger in dieser feuchten Luft, und er würde die Kontrolle endgültig verlieren.

Ohne ein Wort der Erklärung packte er ihr Handgelenk. Sein Griff war nicht sanft, aber von einer Dringlichkeit durchtränkt, die ihren eigenen Puls vollends explodieren ließ. Er riss sie von der Mauer weg, schirmte ihren Körper stur mit seinem breiten Rücken gegen die Blicke der Straße ab und zog sie mit schnellen, unerbittlichen Schritten direkt auf den schumrigen Eingang des Hotels zu.

Der kalte Regen peitschte ihnen entgegen, als Tala sie mit unerbittlicher Entschlossenheit über den nassen Asphalt zog. Lumina musste sich anstrengen, mit seinen langen, drängenden Schritten Schritt zu halten. Ihr Herz hämmerte ihr bis zum Hals, während das Schild des Love Hotels immer näher rückte und rosa Lichtreflexe auf das nassglänzende Pflaster warf.

„Tala…“, brachte sie atemlos hervor, die Kälte der Nacht und das rasende Adrenalin schnürten ihr fast die Kehle zu. Sie versuchte, ihren Schritt leicht zu verlangsamen, doch sein Griff um ihr Handgelenk war wie eine Fessel aus warmem Stahl. „Tala, was… was hast du vor? Ich… ich muss meinen Eltern Bescheid sagen. Mein Vater wartet im Hotel, er macht sich sonst Sorgen, wenn ich nicht auftauche…“

Sie versuchte vergebens, den Stoff seines Mantels enger um sich zu ziehen, während die Realität wieder kurz an der Tür ihres Verstandes klopfte. Lord Eric Davies verzieh keine Unpünktlichkeit... erst recht nicht, wenn seine Tochter spurlos in den Straßen von Shinjuku verschwand.

Tala blieb nicht einmal stehen. Er sah sie nicht einmal an. Sein Blick blieb starr auf die getönte Glastür des Eingangs gerichtet, seine Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar unter der nassen Haut.

„Vergiss deinen Vater“, fuhr er sie schroff an. Seine Stimme war nur ein tiefes, raues Grollen, das im Prasseln des Regens fast unterging, aber eine gefährliche Schärfe besaß.

Er riss die Tür zum Foyer auf, zog sie ohne Zögern in den dumpf beleuchteten, trockenen Flur und drängte sie direkt an die nächstbeste Wand, noch bevor der automatische Check-in-Automat überhaupt aufleuchtete. Erst jetzt wandte er seinen Kopf zu ihr herum. Seine dunklen Augen brannten vor ungezähmter Erregung, Stolz und dieser gefährlichen Wut über seine eigene Machtlosigkeit ihr gegenüber.

„Du wolltest doch eine Wiederholung, oder nicht?“, raunte er ihr eisig ins Ohr, während sein Atem heiß auf ihrer durchnässten Haut brannte und er seinen Körper schwer gegen ihren drückte. „Jetzt hast du deine Chance. Also halt den Mund und komm mit mir da hoch.“

Das Plastik der Schlüsselkarte klackte scharf, als Tala die Tür des Hotelzimmers aufstieß und Lumina ohne jede Vorwarnung hinter sich her in die Dunkelheit zog. Kaum hatte sich die schwere Holztür hinter ihnen mit einem dumpfen Schnappen geschlossen, riss er sie bereits herum. Seine Hand schoss an ihren Hinterkopf, seine Finger verkrallten sich in ihr nasses, silbrigen Haar, und er drückte sie mit voller Wucht gegen das Polster des breiten Betts.

Sie fiel zurück, der schwere Mantel lag wie eine schützende, aber glühend heiße Last un sie herum. Ihr Atem ging stoßweise, flach und erregt. Tala kniete sich über sie, ein Bein zwischen ihren Schenkeln platziert, seine Augen dunkel vor purer, ungezähmter Dominanz. Er beugte sich hinab, bereit, sie in diesem fremden, kühlen Raum vollends einzunehmen... als ein schriller, unbarmherziger Ton die geladene Stille zerriss.

Das Vibriren war so stark, dass die Matratze leicht erzitterte. Luminas Smartphone in der inneren Tasche ihres eigenen Mantels schlug hysterisch Alarm.

Lumina zuckte zusammen, der Name auf dem aufleuchtenden Display sickerte durch den Stoff des Mantels: Lord Eric Davies.

Ihre Hand zuckte instinktiv nach der Tasche. „Tala... das ist mein Vater, ich muss—“, atmete sie hastig aus, doch Tala war schneller.

Mit einem tiefen Knurren griff er vor ihr in den Stoff, zog das elegante, teure Smartphone heraus und richtete sich auf. Die blaue Displaybeleuchtung warf harte Schatten auf sein nasses, markantes Gesicht. Für einen Bruchteil einer Sekunde sah er den Namen des Lords... diesen unnahbaren, aristokratischen Namen eines Mannes, der alles repräsentierte, was Tala verachtete.

Stand, Macht, Kontrolle.

Lumina wollte nach dem Telefon greifen, doch Tala schob ihre Hand mühelos zurück aufs Kissen. Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten, gefährlichen Lächeln. Anstatt den Anruf wegzudrücken, wischte er mit dem Daumen über den Bildschirm und legte sich das Telefon an das rechte Ohr.

„Lumina? Wo steckst du?“, ertönte die aristokratische Stimme von Eric Davies glasklar aus dem Lautsprecher. „Es ist später Abend. Du bist nicht im Hotel erschienen. Wo bist du?“

Tala blieb eiskalt. Er sah hinab auf Lumina, deren Augen sich weit öffneten. Seine Züge waren wie aus Stein gemeißelt, doch in seinen Blicken brannte das reinste Feuer.

„Sie kommt heute Nacht nicht mehr ins Hotel, Davies“, sagte Tala. Seine Stimme war tief, rau vom Regen und so voller Arroganz, dass es wie eine Kriegserklärung klang.

Am anderen Ende der Leitung herrschte für eine Sekunde absolute, tödliche Stille. „Wer ist da?“, verlangte Eric mit einer scharfen, bedrohlichen Autorität zu wissen, die gewöhnlich jeden Mann in die Knie gezwungen hätte. „Lass sofort meine Tochter—“

„Gedulde dich bis morgen“, unterbrach Tala ihn eiskalt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Sie ist jetzt bei mir.“

Bevor Eric auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, drückte Tala ihn weg. Ohne den Blick von Lumina zu wenden, schleuderte er das sündhaft teure Smartphone rückwärts über seine Schulter. Es knallte gegen die Wand und landete irgendwo auf dem Teppich im Dunkeln.

Die Stille im Raum war danach so dick, dass man sie hätte schneiden können.

Lumina starrte ihn an, der Atem stockte ihr im Hals. Niemand... absolut niemand... hatte jemals so mit ihrem Vater gesprochen. Diese kompromisslose, rohe Grenzüberschreitung ließ das Blut in ihren Adern flüssigem Feuer weichen.

Tala beugte sich wieder tief zu ihr herab, stützte die Hände links und rechts neben ihrem Kopf auf die Matratze und fixierte sie mit einem Blick, der keine Flucht mehr zuließ.

„So“, raunte er, seine Lippen nur Millimeter von ihren entfernt. „Keine Störungen mehr. Wo waren wir stehengeblieben?“

Die Provokation gegenüber ihrem Vater hatte die verbliebene Luft im Raum endgültig zum Brennen gebracht. Luminas Pupillen waren geweitet, die Magentatöne ihrer Augen glühten in dem gedimmten Neonlicht, das durch die Jalousien sickerte. Die schiere Frechheit, mit der er Lord Eric Davies abgefertigt hatte, löste in ihr keine Angst aus... sie entfachte ein Feuer. Mit einem tiefen, flachen Atemzug griff sie nach dem Stoff seines nassen Hemdes, wand die Finger um die Knöpfe und zog ihn mit aller Kraft, die ihr Körper hergab, stürmisch zu sich herunter.

Tala leistete keinen Widerstand. Er ließ sich fallen, drückte sie tief in die Matratze und riss sich mit einer einzigen, rohen Bewegung das durchtränkte Hemd über den Kopf. Die Knöpfe sprangen ab, knallten leise auf den Teppich, doch es war ihm scheißegal.

Während er seine Lippen wieder auf ihre schlug... hungrig, fordernd, beinahe rücksichtslos... tobte in seinem Kopf ein absoluter Krieg. Sein Verstand brüllte ihn an. Er raste innerlich, gefangen in einer Welle aus unbändiger Wut auf sich selbst.

~Was für ein verdammter, elendiger Idiot~

Er brauchte niemanden. Er hatte nie jemanden gebraucht. In seinen einundzwanzig Jahren hatte er die Welt auf Abstand gehalten. Es hatte andere Mädchen gegeben, gesichtslose Begegnungen, harte Nächte in dunklen Zimmern, in denen er sich geholt hatte, was er brauchte. Nächte, in denen er anderen ihre naiven Schwärmereien mit eiskalter Härte herausgehämmert hatte, bis nichts als die physische Realität übrig blieb.

Er war immer derjenige gewesen, der die Regeln diktierte. Derjenige, der am nächsten Morgen ging, ohne sich umzusehen.

Und jetzt?

Jetzt lag er hier, über dieser silberhaarigen Cousine von Nami, und spürte ein Verlangen, das ihn von innen heraus auffraß. Sie gehörte ihm. Der Gedanke brannte sich mit einer Besitzgier in sein Gehirn, die ihn fast wütend machte.

Sie gehörte nur ihm. Keine verdammten Angreifer in dunklen Gassen, kein hochgestochener Aristokraten-Vater und kein Schicksal hatten das Recht, sie anzufassen.

Aber das Schlimmste... das absolut Demütigendste für seinen stolzen Panzer... war die Erkenntnis, dass sie es geschafft hatte. Sie hatte seine Disziplin mit einem einzigen Blick zermahlen. Sie hatte ihn dazu gebracht, sie zu wollen. Nicht nur zu nehmen, um Druck abzubauen, sondern sie mit jeder Faser seines Körpers zu begehren.

Sie hatte ihn dazu gebracht, ihr eine zweite Nacht zu geben. Eine Scheiß-Wiederholung, nach dem er geschworen hatte, sie nie wieder anzusehen.

Ein tiefer, rauer Laut entfloh seiner Kehle, als er ihre Kleidung mit ungeduldigen, harten Griffen beiseite schob. Seine Hände fuhren über ihre glatte, feuchte Haut, markierten jeden Zentimeter, während Lumina sich unter ihm aufbäumte und sich mit ihren Nägeln in seinen nackten Rücken grub.

Die Hitze zwischen ihren Körpern war erstickend.

Es war kein sanftes Liebesspiel; es war ein hemmungsloser Machtkampf zweier geladener Seelen. Tala nutzte sein Gewicht, um sie am Bett zu fixieren, seine harten Küsse wanderten von ihren Lippen hinab zu ihrem Hals, wo er tief zubiss... genau stark genug, um ihr ein Stöhnen zu entlocken, das direkt in seine Lenden fuhr. Er wollte dieses Zeichen hinterlassen. Er wollte, dass jeder, der sie ansah, wusste, wer sie aus dieser Gasse geholt hatte.

Lumina umklammerte seine Hüften mit ihren Beinen, schob sich ihm entgegen und verlangte ohne Scheu nach ihm. Sie gab ihm keinen Raum zu denken, verwehrte ihm die Flucht in seine gewohnte Kälte. Jedes Mal, wenn sie seinen Namen keuchte, brach ein weiteres Stück seiner Kontrolle ab.

Er ergab sich diesem Rausch... wütend auf sich selbst, berauscht von ihr und vollkommen unfähig, aufzuhören.

Doch als seine raue Hand gierig zwischen ihre Schenkel glitt und er sich über sie schob, um nahtlos und ohne jede Verzögerung in sie einzudringen, durchfuhr Lumina ein plötzlicher, erregter Schockmoment. Anders als bei ihrer ersten Nacht vor wenigen Tagen machte er keine Anstalten, nach einem Kondom zu greifen. Seine nackte Haut brannte direkt an ihrer, intim und ungeschützt.

„Tala…“, keuchte Lumina atemlos, die Hände krampfhaft in seinen Schultern verkrallt, während eine Welle aus purem Verlangen und plötzlicher Verunsicherung durch ihren Körper schoss. „Wolltest du… nicht… ein Kondom überziehen? Ich… ich verhüte nicht anderweitig…“

Tala hielt nicht einmal inne. Seine eisblauen Augen brannten in der Dunkelheit des Zimmers wie zwei glühende Kohlen, frei von jeder Vernunft. Er stützte sein Gewicht über ihr ab, schob ihre Knie noch weiter auseinander und fixierte sie mit einem Blick, der so roh und zügelos war, dass ihr der Atem stockte.

„Das ist mir jetzt scheißegal“, knurrte er rau und tief an ihren Lippen, während sein Körper sich bereits fordernd gegen ihren drängte.

Für einen kurzen Bruchteil einer Sekunde flammte eine echte, kleine Panik in Luminas magentafarbenen Augen auf. Die Vorstellung der Konsequenzen... ein Kind von Tala, der Skandal, die Reaktion ihres Vaters... schoss ihr durch den Kopf. Sie wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, doch Tala schnitt ihr das Wort ab, bevor die Angst sich überhaupt festsetzen konnte.

„Mach dir keinen Kopf“, raunte er eisig, und für den Bruchteil eines Herzschlags schob sich ein schattiger, tiefer Abgrund in seine Züge. „Ich bin sterilisiert.“

Die Worte fielen so beiläufig, so trocken und kalt in die aufgeladene Luft des Raumes, dass die Bedeutung einen Moment brauchte, um durch den Nebel ihrer Erregung zu sickern.

Manch einer hätte wohl behauptet, Tala Valkov wäre ein verdammter Heuchler. Hatte er doch vor etwas mehr als einem Jahr Kai noch voller Spott ins Gesicht gelacht und unverhohlen gegrinst, dass er sich niemals freiwillig auf so einen chirurgischen OP-Tisch legen würde. Er hatte behauptet, die von ihm schwärmenden Mädchen hätten ohnehin viel zu viel Schiss vor einer ungewollten Schwangerschaft, als dass eine von ihnen auch nur auf die Idee käme, ihm ein Kind anzuhängen.

Doch die eiskalte Wahrheit dahinter war eine völlig andere gewesen. In Wahrheit hatte Tala damals einen echten Anflug von tiefer Panik verspürt, als Jahre zuvor ein junges Mädchen versucht hatte, Kai ein Kind unterzuschieben... indem sie eiskalt das benutzte Kondom aus dessen Mülleimer entwendet hatte. Tala hatte die stumme, nackte Panik in Kais Augen gesehen. Er hatte miterlebt, wie diese eine Bedrohung seinen sonst so unnahbaren Freund auf genau solch einen OP-Tisch und in die Flucht nach Tibet getrieben hatte. Und in genau diesem Moment war in Tala der endgültige Entschluss gereift, so eine Schwachstelle bei sich selbst niemals zuzulassen. Niemand würde ihn jemals so in die Enge treiben. Niemand würde sein Blut kontrollieren. Es war ein tief vergrabenes Geheimnis, von dem nicht einmal Kai auch nur die leiseste Ahnung hatte.

Bevor Lumina diesen Gedanken jedoch greifen oder auch nur ansatzweise hinterfragen konnte, traf seine Härte auf keine Barriere mehr. Seine Lippen krallten sich erneut in ihre, und mit einem einzigen, kompromisslosen Stoß drang er vollends in sie ein.

Die pure Überwältigung der Erregung und die Erleichterung rissen Lumina jede verbliebene aristokratische Fassung von den Lippen. Aus ihrer Kehle drang ein hilfloses, berauschtes Schluchzen, gemischt mit einem verlangen-durchtränkten Stöhnen, das ungefiltert durch den Raum hallte. Die schiere Wucht, mit der er sie nahm, trieb ihr die Tränen der Lust in die Augen.

Sie grub ihre Nägel tief in das Fleisch seines Rückens, hinterließ blutrote Striemen, bäumte sich ihm entgegen und schlang die Beine noch fester um seine Hüften.

„Härter, Tala...“, stöhnte sie schluchzend zwischen zwei atemlosen Zügen heraus, während ihre Finger sich krampfhaft in seinen Schultern vergruben. „Mach... mach schon... noch härter!“

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie schossen wie ein brennendes Gift direkt in Talas Lenden. Das Schluchzen ihrer reinen Erregung, kombiniert mit ihrer absoluten Forderung nach mehr, ließ die allerletzten Sicherungen in seinem Kopf durchbrennen. Er knurrte auf, tief und gefährlich, fasste sie noch fester an den Hüften und erhöhte das Tempo bis zu einer hemmungslosen, fast schon schmerzhaften Frequenz.

Er gab ihr genau das, wonach sie verlangte. Der Rhythmus wurde chaotischer, rücksichtsloser. Die Matratze ächzte unter der Last ihrer Körper, während der Schweiß auf ihrer Haut im Schein der Neonreklamen glänzte. Lumina schluchzte seinen Namen laut in die Dunkelheit, stöhnte ungehemmt, während die Welle der Erregung sie beinahe in den Abgrund riss. Tala nahm keine Rücksicht mehr. Er verlor sich vollkommen in diesem rauschhaften Machtkampf, bis die Spannung im Raum den absoluten Siedepunkt erreichte.

Mit einem tiefen, gutturalen Grollen entlud er sich tief in ihr, drückte sie ein letztes Mal mit aller Kraft an sich und hielt sie fest gepresst, während ihr Körper unter dem gewaltigen Orgasmus erbebte und ihr Stöhnen in ein zitterndes, erschöpftes Keuchen überging.

Der Atem beider hallte stoßweise durch den dunklen Raum.

Doch kaum war die Spitze des Rausches überschritten und die körperliche Spannung entladen, schlug Talas gewohnte Schutzmauer sofort wieder mit voller Härte zu. Der physische Kontakt wurde ihm schlagartig zu intim. Die Erkenntnis, wie weit er sich hatte treiben lassen... und was er ihr in der Hitze des Moments offenbart hatte... , fuhr ihm wie ein Eisschock durch die Glieder.

Er zog sich mit einer abrupten, fast schon verächtlichen Kälte aus ihr zurück, richtete sich auf und setzte sich an die Bettkante. Seine breite Brust hob und senkte sich noch schwer, der Schweiß glänzte auf seiner gezeichneten Haut. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und starrte starr auf den dunklen Teppichboden, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Ich gehe duschen. Danach bringe ich dich zu deinem Hotel.“

Er stand auf und ging ohne ein weiteres Wort ins Badezimmer. Die Tür schloss sich mit einem scharfen Klick.

Lumina blieb erschöpft auf dem Bett liegen. Ihr Haar war silbern über die Kissen verstreut, ihre blasse Haut gezeichnet von seinen Bissen und Griffen, ihr Atem noch immer unregelmäßig. Doch anstatt verletzt über seine schroffe Distanz zu sein, schlich sich ein leises, triumphierendes Lächeln auf ihre feinen Lippen.

Sie spürte das Brennen auf ihren Schenkeln, sie wusste um die tiefen Striemen, die sie auf seinem Rücken hinterlassen hatte... und sie trug nun ein Geheimnis von ihm in sich, das sonst kein Mensch auf dieser Welt teilte.

Sie wusste ganz genau, dass Tala Valkov ab heute Nacht nie wieder von ihr loskommen würde. Egal, wie hoch er seine Mauern auch wieder aufbaute.