LNCrawler

Ein Wolf auf der Flucht

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Ein Wolf auf der Flucht

Das kalte Wasser traf seinen breiten Rücken wie hunderte kleiner Nadeln, doch die eisige Temperatur schaffte es kaum, die kochende Hitze unter seiner Haut zu dämpfen. Tala stand in der engen Duschkabine des Love-Hotels, beide Arme schwer gegen die feuchten, abgenutzten Fliesen gestemmt, den Kopf tief gesenkt. Das Wasser lief ihm über das Gesicht, tropfte von seiner Nasenspitze und spülte den Geruch von Sex, Schweiß und Luminas Parfüm von seinem Körper.

In seinem Kopf herrschte ein ohrenbetäubendes Chaos.

~Diese Frau hat sie einfach nicht mehr alle~…, fuhr es ihm mit bitterer Schärfe durch den Sinn. Seine Knöchel traten weiß hervor, während er den Druck seiner Hände gegen die Wand verstärkte.

~Aber ich bin nicht weniger bescheuert~

Er hatte ihr sein am tiefsten vergrabenes Geheimnis vor die Füße geworfen. Einfach so.

In der Hitze des Moments, nur weil er nicht abwarten, nicht nachdenken, nicht einmal eine Sekunde innehalten konnte. Er hatte ihr nicht nur gestanden, dass er sterilisiert war, sondern hatte es tatsächlich zugelassen, sie ohne Kondom zu spüren.

Obwohl seine Vasektomie bereits zwei Jahre zurücklag, hatte Tala nie aufgehört, Kondome zu verwenden. Niemals. Sie waren sein persönlicher Schutzpanzer gewesen... eine bewusste Barriere, um selbst im intimsten Moment immer eine distanzierende Hülle zwischen sich und dem anderen Part zu wahren.

Doch bei Lumina hatte er diese eiserne Regel einfach über den Haufen geworfen. Es war das allererste Mal überhaupt gewesen, dass er ein Mädchen ohne jeglichen Schutz gefühlt hatte. Haut auf nackter Haut, ungefiltert und gefährlich nah.

Er hatte sie spüren wollen. Es war ihm in diesem irren Moment scheißegal gewesen. Und genau das jagte ihm eine eiskalte Welle durch die Glieder:

Solche Dinge waren Tala Valkov nie egal gewesen.

Er hatte sich von ihren magentafarbenen Augen, ihrem provokanten Lächeln und diesem unerträglichen, erregten Schluchzen komplett die Kette aufwickeln lassen.

Er hatte die Kontrolle verloren.

Schon wieder.

Und mit jedem Mal, das er diese silberhaarige Hexe anpackte, schmolz seine eiserne Disziplin ein Stückchen weiter dahin.

Tala schloss die Augen und stieß einen langen, rauen Atemzug aus. Er war kein Mann, der sich etwas vormachte. Lumina war wie ein Gift, das sich schleichend in seine Venen brannte, und wenn er jetzt nicht die Notbremse zog, würde sie sein gesamtes, mühsam aufgebautes Leben in Schutt und Asche legen.

Er musste hier weg. So schnell wie verdammt noch mal möglich.

Sein Flug zurück nach Russland war eigentlich erst in drei Tagen angesetzt. Drei Tage, in denen sie in derselben Stadt sein würden. Drei Tage, in denen eine einzige Nachricht oder ein falscher Blick genügen würde, um ihn wieder in irgendein abgedunkeltes Zimmer zu treiben.

~Auf keinen Fall~

Er würde den Flug vorverlegen. Auf morgen Früh. Auf den erstbesten Flieger, der eine Landeerlaubnis in Moskau bekam. Scheiß auf die offenen Termine, scheiß auf den ursprünglichen Plan. Er musste Ozeane und Kontinente zwischen sich und diese Frau bringen, bevor er die Beherrschung komplett einbüßte. Diese junge Frau machte ihn absolut wahnsinnig... und Tala Valkov duldete niemanden, der Macht über ihn besaß.

Er hob gerade die Hand, um den Wasserhahn mit einer harten Drehung abzudrehen, als seine geschulten Sinne plötzlich eine Veränderung im Raum registrierten. Das feine Geräusch von nackten Füßen auf den kühlen Fliesen, das leise Schleifen der Glastür.

Tala verharrte. Seine Reflexe ließen ihn sich augenblicklich umdrehen... und der Keramikgriff der Armatur blieb unberührt.

Lumina schritt ohne das geringste Zögern in die enge Duschkabine.

Das eiskalte Wasser traf sie vollkommen unvorbereitet, spülte über ihre Blässe und ließ ihr langes, silbernes Haar schlagartig an ihrer nackten Haut festkleben. Doch sie wich keinen Zentimeter zurück. Ihre Wangen waren tief gerötet, ihr Atem ging noch immer stoßweise, und ihr Blick war erfüllt von einer glasigen, hemmungslosen Hingabe, die keinen Raum für Stolz oder gesellschaftliche Zwänge ließ. Sie trat so nah an ihn heran, dass das Wasser, das von seiner Brust abperlte, direkt auf ihre Haut tropfte.

Tala schluckte schwer. Sein Kehlkopf bewegte sich sichtbar, während der Muskel an seinem Kiefer so hart hervortrat, dass er fast zu reißen schien.

All die eiskalten Entschlüsse, die Vorverlegung des Fluges, der Fluchtplan nach Russland... alles, was er sich vor nicht einmal zwei Sekunden zurechtgelegt hatte, geriet unter diesem einen, glühenden Blick ins Wanken. Er spürte, wie der Panzer, den er eben noch mühsam aufbauen wollte, unter der bloßen Präsenz dieser Frau schon wieder gefährliche Risse bekam.

Lumina hob langsam den Kopf. Das eiskalte Wasser lief ihr spürbar in dünnen Rinnsalen über die Stirn, wusch die verbliebene Hitze von ihren Wangen und verfing sich in den langen, silbrigen Strähnen, die wie helle Seide an ihren Schlüsselbeinen klebten.

„Ich habe noch gar nicht danke gesagt...“, flüsterte sie, während ihre Stimme gegen das stetige Rauschen des Wassers ankämpfte. „Dass du mich... in dieser Gasse gerettet hast. Eigentlich sollte der Kuss vorhin der Dank sein, aber... ich wollte es dir noch einmal sagen. Ich war unendlich froh, dich zu sehen.“

Talas Augen verengten sich zu zwei schmalen, gefährlichen Schlitzen. Die Nässe brannte in seinen Zügen, doch seine Mine blieb unbeweglich wie aus Stein gemeißelt.

„Du hast verdammt noch mal Glück gehabt, dass ich heute einen guten Tag hatte“, entgegnete er mit einer tiefen, schneidenden Schärfe, die keinen Platz für Romantik ließ. Er machte keine Anstalten, ihr entgegenzukommen. „Und jetzt geh augenblicklich aus dieser Dusche, zieh dich an und dann bringe ich dich in dein Hotel. Die Show ist vorbei.“

Doch Lumina dachte nicht daran, zu gehorchen. Unerschrocken hob sie ihre feuchte Hand. Ihre Fingerspitzen berührten die Haut seiner Brust und fuhren langsam, fast bedächtig, die ausgeprägten Muskelstränge nach oben. Der Kontrast zwischen ihrer zarten, blassen Hand und der harten Physis seines Körpers war berauschend.

Sie sah ihm direkt in die eisblauen Augen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und schob sich den letzten verbleibenden Zentimeter an ihn heran. Die Nässe ihrer Körper verschmolz im Prasseln des Wassers, während sie sich eng an seine breite Brust schmiegte.

„Ich habe das Gefühl... dass ich dich heute das letzte Mal für eine sehr lange Zeit sehe“, flüsterte sie dicht an seinem Hals, während der heiße Atem ihrer Lippen seine Haut traf. „Ich will noch einmal eine Nacht wie letzte Woche... eine, die Stunden über Stunden dauert. Du darfst mit mir machen, was du willst. Nur... eine Einzige.“

Nach außen hin hielt Lumina ihren Blick standhaft, unerschütterlich und voller stolzer Herausforderung auf ihn gerichtet. Sie wollte keine Schwäche zeigen, wollte nicht als das hilflose Mädchen dastehen, das er vorhin aus dem Dreck gezogen hatte. Doch tief in ihrem Innern zog sich etwas schmerzhaft zusammen.

Es war eine vollkommene Paradoxie. Lumina fühlte sich in den Armen dieses Mannes so bedingungslos sicher wie an keinem anderen Ort auf der Welt... obwohl jede Faser seines Verhaltens, seine unberechenbare Persönlichkeit und die tiefen, stummen Narben auf seiner Seele ihn zu einer wandelnden Gefahr machten. Er war ein Raubtier, geformt aus Drill, Kälte und Gewalt.

Doch tief unter ihrer eleganten Fassade spürte sie die absolute, berauschende Gewissheit: Sie war die Einzige, die diesem eiskalten Wolf tief ins Maul sehen konnte, ohne von ihm zerrissen zu werden.

Tala verharrte wie gelähmt. Der Muskel an seinem Kiefer arbeitete so heftig, dass die Anspannung seinen gesamten Hals erfasste. Seine Lippen formten sich zu einem schmalen Strich, während der eisige Strahl der Dusche unaufhörlich auf sie beide herniederging und das Schicksal dieser Nacht auf messers Schneide stand...

Einige Stunden später...

Die kühle Luft, die durch den schmalen Spalt des Fensters drang, strich über seine nackte Haut, doch Tala spürte die Kälte nicht. Er stand unbeweglich in der Dunkelheit des Zimmers, die Arme vor der breiten Brust verschränkt, und blickte hinab auf das schlaflose Lichtermeer von Tokio.

Es war zwei Uhr morgens.

Der ferne Lärm der Metropole war hier oben nur noch ein dumpfes, rhythmisches Summen.

Hinter ihm herrschte absolute Stille, nur unterbrochen von dem tiefen, gleichmäßigen Atem der Frau auf dem Bett.

Lumina schlief tief und fest, eingehüllt in das Chaos aus zerknitterten Laken. Das spärliche Neonlicht, das von draußen hereinbrach, zeichnete die deutlichen Spuren dieser Nacht auf ihrer blassen Haut nach. Ihr Körper war übersät von blauen Flecken, tiefen Fingerabdrücken an ihren Hüften und rötlichen Bissspuren an ihrem Hals und ihren Schultern.

Er hatte es getan.

Er hatte sich erneut dem vollständigen Verlust seiner Kontrolle hingegeben. Ihre Worte in der Dusche hatten die allerletzten Dämme in seinem Kopf eingerissen. Er hatte sie noch unter dem eisigen Wasserstrahl gepackt, hochgehoben und gegen die feuchten Fliesen gepresst, um sie hart und rücksichtslos im Stehen zu nehmen... zweimal, bis das Wasser über ihre vor Erschöpfung bebenden Körper spülte.

Danach hatte er sie nicht einmal abgetrocknet; er hatte sie aus dem Bad gedrängt, sie nach vorne über den massiven Beistelltisch gedrückt und sie von hinten genommen, während der Atem ihr aus den Lungen wich und ihre Finger sich vergeblich im Holz zu verkrallen versuchten. Am Ende hatte er sie auf dem Bett fixiert, ihre Handgelenke über ihrem Kopf verankert und sich vollkommen im Rausch ihrer ungefilterten Schreie, ihres hilflosen Stöhnens und ihrer krampfenden Muskeln verloren.

Er hatte ihr genau das gegeben, wonach sie verlangt hatte... eine Nacht, die Grenzen einriss.

Doch nun war der Rausch verflogen. Zurück blieb nur die eiskalte, kompromisslose Realität.

Tala wandte den Blick nicht ein einziges Mal zu dem Bett um. Er brauchte sie nicht anzusehen, um zu wissen, wie sie aussah. Er würde nicht warten, bis sie aufwachte. Diesmal gab es kein kurzes Zögern, keine schroffe Ansage an der Bettkante, kein gemeinsames Verlassen dieses verdammten Raumes.

Er würde weg sein, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die Hochhäuser von Tokio berührten. Wenn sie die Augen öffnete, würde das Bett neben ihr kalt sein... und er würde bereits in Tausenden Metern Höhe in einem Flieger nach Russland sitzen, ehe ihr überhaupt klar wurde, dass er verschwunden war.

Weit weg. Außer Reichweite.

Sie hatte es gespürt. Sie hatte es in seinen Augen gesehen und es in der Dusche selbst ausgesprochen: Es war das letzte Mal gewesen, dass sie ihn gesehen hatte. Für eine sehr, sehr lange Zeit.

Tala wandte sich stumm vom Fenster ab. Ohne ein Geräusch zu verursachen, glitt er in seine Hose, Schuhe und schlüpfte in seinen Mantel. Er warf keinen letzten Blick zurück auf die schlafende Silhouette auf dem Bett. Er öffnete die Tür des Hotelzimmers, trat hinaus auf den dunklen Flur und ließ das Schloss mit einem leisen, endgültigen Klick ins Schloss fallen.

Als die ersten blassen Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Jalousie drangen und die kühle Morgenluft das Zimmer langsam ausfüllte, schlug Lumina die Augen auf.

Ihre Hand glitt suchend über die andere Seite des Bettes. Die Laken dort waren kalt, glatt und unberührt. Lumina überraschte das nicht. Kein Stechen der Enttäuschung, kein plötzlicher Schmerz überkam sie. Sie hatte gewusst, dass sie alleine aufwachen würde. Sie hatte es in seinen Augen gesehen, als das Wasser über ihre Körper gespült war, und sie hatte es in der absoluten, rücksichtslosen Härte gespürt, mit der er sie die folgenden Stunden durch dieses Zimmer getrieben hatte.

Tala war kein Mann, der blieb, um gemeinsam den Morgen zu begrüßen.

Ein leises, mattes Stöhnen entfuhr ihrer Kehle, als sie versuchte, sich aufzurichten. Der Schmerz traf sie augenblicklich. Jede einzelne Faser ihres Körpers brannte. Ihre Oberschenkel fühlten sich zerschlagen an und zitterten so heftig, dass das reine Entlasten der Muskeln pure Anstrengung war.

Als sie an sich herabsah, zeigten sich die überdeutlichen Spuren dieser zügellosen Nacht: dunkle, bläuliche Flecken an ihren Hüften und tiefrote Bissspuren, die sich von ihrem Hals bis über die Schlüsselbeine zogen.

In diesem Moment war Lumina felsenfest davon überzeugt, dass Tala lediglich in seine eigene Hotelsuite zurückgekehrt war.

Er brauchte seinen Abstand. Er brauchte die Illusion, die Kontrolle zurückgewonnen zu haben, indem er sich von ihr distanzierte und ihr in den verbleibenden Tagen in Tokio peinlichst aus dem Weg ging. Dass er in diesem exakten Augenblick bereits in Tausenden Metern Höhe über den Wolken im Flieger nach Moskau saß und Japan hinter sich gelassen hatte, ahnte sie nicht.

Lumina schlug die Decke vollends zurück und wollte ihre Beine über die Bettkante schwingen. Doch als ihre Füße den kühlen Boden berührten und sie ihr Gewicht verlagern wollte, versagten ihre Knöchel beinahe.

Sie konnte kaum laufen.

Ein unwillkürliches Keuchen entwich ihren Lippen, während sie sich krampfhaft am Nachttisch festklammerte.

Ihr Blick tastete durch den abgedunkelten Raum, suchte nach ihrer eigenen Kleidung... und blieb an der Kante des Bettes hängen. Dort lag ihre feine Designerbluse. Das zarte Material war an den Schultern komplett zerrissen, die Nähte geplatzt von seiner rücksichtslosen Eile, sie freizulegen. Nicht zu vergessen die fehlenden Knöpfe durch den Vorfall in der Gasse den Abend zuvor. Sie war völlig ruiniert, reif für den Müll. Lumina hatte schlichtweg nichts mehr, was sie obenrum anziehen konnte.

Mühsam, Schritt für Schritt, hangelte sie sich an der Bettkante entlang, stützte sich schwer an der Wand ab und schob ihren schmerzenden Körper langsam vorwärts. Jeder Schritt war eine Herausforderung, doch ihr Blick war starr auf den Stuh neben dem kleinen Schränkchen gerichtet.

Dort hing ein dunkles, schweres Hemd über der Lehne.

Lumina hielt sich am Stuhl fest, um nicht einzuknicken, und strich mit zitternden Fingerspitzen über den Stoff. Ein leises, feines Lächeln stieg in ihr auf.

Hatte er es vergessen? Nein.

Tala vergaß absolut nichts. Ihm war vollkommen bewusst gewesen, dass er ihre Bluse entgültig in Fetzen gerissen hatte. Er hatte ihr dieses Hemd ganz bewusst da liegen lassen, damit sie nicht nackt unter ihrem Trenchcoat oder in Zerlumptheit das Hotel verlassen musste. Er war lieber selbst nur im Mantel über nackter Haut durch die eisige Nacht Tokios gegangen, als sie ohne Kleidung zurückzulassen.

Selbst in seiner brutalsten Kälte und seinem rauen Verlangen lag plötzlich eine merkwürdige, verdrehte Fürsorge.

Sie zog das Hemd zu sich heran, vergrub ihr Gesicht für einen kurzen Moment im Stoff und atmete tief ein. Es roch noch immer nach ihm... nach Regen und dieser ganz spezifischen, rauen Note seiner Haut.

Mit müden, geschwächten Armen streifte sie sich das Kleidungsstück über die Schultern. Es war ihr viel zu groß; die Ärmel reichten ihr weit über die Hände und der Saum bedeckte knapp ihre Oberschenkel, wo die blauen Flecken hervorstachen. Sie knöpfte die verbliebenen zwei Knöpfe vor ihrer Brust zu.

Schwer auf das Fensterbrett gestützt, blickte Lumina hinaus auf das sonnenbeschienene Shinjuku.

Auf ihren blassen, feinen Lippen lag kein Schmerz, sondern ein zutiefst triumphierendes, wissendes Lächeln.

Er konnte weglaufen, soviel er wollte. Er konnte sich in seine Kälte flüchten, in seine Hotelsuite rennen und so tun, als wäre sie nur ein Fehler gewesen. Aber dieses Hemd an ihrem Körper war der unumstößliche Beweis: Sie hatte ihn gezeichnet. Und egal, wie sehr er es leugnete... er kam nie wieder von ihr los.

Lumina ließ sich mühsam an das Kopfende des Bettes zurücksinken. Das übergroße Hemd fühlte sich schwer und kühl auf ihrer erhitzten Haut an. Jeder kleine Muskelimpuls in ihren Beinen brannte, und der reine Gedanke daran, aufzustehen und sich ein Taxi zu rufen, war in diesem Moment eine absolute Unmöglichkeit. Sie war vollkommen bewegungsunfähig.

Mit leicht zitternden Fingern griff sie nach ihrer Handtasche auf dem Nachttisch und zog ihr Telefon heraus. Ihr Blick verharrte kurz auf dem Display, ehe sie die Nummer wählte, die sie in solchen Momenten immer anrief.

Es tutete nur dreimal, bis die vertraute, ruhige Stimme am anderen Ende abhob.

„Lumina? Was ist los?“, klang Namis Stimme durch die Leitung.

Lumina schloss kurz die Augen und stieß einen atemlosen, leisen Seufzer aus. „Nami… du musst mir helfen. Holst du mich bitte ab? Ich kann schon wieder nicht laufen. Er hat mich völlig ruiniert.“

Eine kurze Pause entstand, in der Nami die Worte verarbeitete. „Wer, Lumina? Sag mir nicht, dass du dich mit irgendeinem Fremden…“

„Nein. Kein Fremder“, fiel Lumina ihr ins Wort und strich sich eine silbrige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es war Tala.“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Sekundenpause, ehe ein ungläubiges, amüsiertes Lachen von Nami zu hören war. Sie war vollkommen überrascht und leicht amüsiert über die reine Unverfrorenheit der Situation.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, fragte Nami, halb lachend, halb den Kopf schüttelnd. „Lumina, wir haben gestern noch im Café gesessen!“

„Ich weiß, ich weiß!“, entgegnete Lumina ungefiltert, während ein erregtes, fast hilfloses Lachen ihren Lippen entwich und ihre Wangen aufglühten. „Aber als ich das Café verlassen habe, wurde ich in einer Gasse von zwei betrunkenen Typen bedrängt. Und plötzlich… stand Tala vor mir. Er hat mich da rausgeholt, Nami. Und danach… sind wir hier gelandet. Er hat mich völlig ruiniert. Er hat mir sogar sein Hemd dalassen müssen, weil er meine Bluse zerrissen hat.“

Nami schmunzelte am anderen Ende. Sie kannte sowohl die unberechenbare Ader ihrer Cousine als auch die düstere, gefährliche Anziehungskraft von Tala Valkov nur zu gut. Doch ihre Amüsiertheit schlug rasch in eine leise, wissende Ironie um.

„Na, dann hat sich dein Ausflug ja richtig gelohnt“, meinte Nami mit einem schmunzelnden Unterton, ehe ihre Stimme etwas ruhiger wurde. „Aber Lumina… du glaubst jetzt sicher, er ist einfach nur zurück in seine Hotelsuite gegangen, um dir aus dem Weg zu gehen, oder?“

Lumina runzelte leicht die Stirn und verengte ihre magentafarbenen Augen. „Natürlich. Er braucht seine Scheindistanz. Er wird versuchen, so zu tun, als wäre nichts passiert, bis sein Flug in drei Tagen geht.“

„Nein, meine Liebe. Das wird er ganz sicher nicht“, entgegnete Nami mit einem leisen, amüsierten Kichern. „Kai hat eben mit ihm telefoniert. Tala hat seinen Flug spontan vorverlegt. Auf heute Morgen. Er sitzt bereits seit einer Stunde im Flieger zurück nach Russland.“

Lumina erstarrte mitten in der Bewegung. Das Telefon in ihrer Hand fühlte sich plötzlich eiskalt an. Die Worte drangen durch die Stille des Raumes wie ein Eisschlag:

Er war bereits in der Luft. Er war nicht nur vor dem Zimmer geflüchtet, nicht nur vor dem Morgen... er war aus dem gesamten Land gerannt.

Für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde setzte ihr Herz aus. Die schiere Wucht dieser Erkenntnis traf sie unvorbereitet. Doch die initiale Überraschung verflog im nächsten Herzschlag.

Anstatt gebrochen oder schockiert zu sein, schlich sich ein breites, unverhohlenes Lächeln auf Luminas Lippen. Es wuchs zu einem leisen, siegreichen Lachen heran, das durch das abgedunkelte Hotelzimmer hallte.

Eine Panikflucht nach Moskau. Er war über Ozeane und Kontinente geflohen, nur um der Wirkung zu entkommen, die sie auf ihn hatte.

Es war das größte, ungefilterteste Eingeständnis seiner Niederlage, das dieser unnahbare Mann jemals hätte machen können.

„Lumina? Bist du noch dran?“, fragte Nami grinsend durch die Leitung. „Soll ich dir wieder eine von Kais Limousinen schicken?“

Lumina fuhr mit den Fingerspitzen über den dicken Stoff von Talas Hemd, das ihren Körper verhüllte, und blickte stolz zum Fenster hinaus.

„Ja, bitte“, raunte Lumina mit funkelnden Augen und einem tiefen, triumphierenden Tonfall. „Schick mir die Limousine, Nami. Ich glaube… ich habe gerade ein Spiel gewonnen, von dem er dachte, er würde die Regeln diktieren.“

Kai lehnte mit verschränkten Armen an der massiven Holzwand des Arbeitszimmers im Ayame-Anwesen. Seine rot glühenden Augen ruhten schweigend auf Nami, während sie das Telefon sinken ließ und das Gespräch beendete. Auf ihren Lippen lag ein unverkennbares, amüsiertes Lächeln, das sie nicht einmal zu verbergen versuchte.

„Habe ich das gerade richtig gehört?“, brach Kai schließlich die Stille. Seine tiefere, gewohnt raue Stimme schnitt durch den Raum. „Tala und Lumina hatten eine zweite Nacht zusammen?“

Nami sah zu ihrem Ehemann auf, legte das Handy auf den Tisch und nickte mit einem sanften, wissenden Schmunzeln. „Ganz genau. Er hat sie gestern Abend vor zwei Betrunkenen in einer Gasse gerettet... und naja, die beiden sind wieder zusammen im Bett gelandet. Lumina braucht jetzt eine von deinen Limousinen, weil sie mal wieder kaum laufen kann.“

Kais Blick verdunkelte sich leicht, seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. Er wandte den Kopf leicht ab und sah aus dem bodentiefen Fenster hinaus in den weitläufigen Garten des Anwesens. Das Rad in seinem Kopf drehte sich wahrnehmbar.

„Das erklärt so einiges...“, raunte er dunkel. Der Muskel an seinem Kiefer zuckte kurz.

„Deshalb hat er den Flug nach Moskau heute Morgen so überstürzt vorverlegt. Und deshalb war er am Telefon vorhin so verdammt kurz angebunden. Er klang, als stünde er unter Strom... als wollte er um jeden Preis verhindern, dass ich ihm irgendetwas anmerke.“

Kai stieß einen langen, rauen Atemzug aus und ließ die Arme sinken. Er kannte Tala Valkov länger und besser als fast jeder andere Mensch auf dieser Welt. Sie hatten dieselbe Hölle durchgemacht, dieselbe eiskalte Schule überlebt.

„Tala hat nie zweite Nächte“, sagte Kai ernst, während seine roten Augen wieder zu Nami wanderten. Seine Stimme trug eine schwere, fast unheimliche Gewissheit. „Wenn er eine Frau anfasst, ist das eine einmalige Sache. Danach zieht er eine Wand hoch. Keine Namen, keine Zugeständnisse, keine Wiederholungen.“

Er machte zwei langsame Schritte auf Nami zu, blieb vor ihr stehen und sah ihr tief in die Augen.

„Lumina scheint tatsächlich etwas in ihm ausgelöst zu haben. Etwas, das tief genug geht, um seine eiserne Disziplin ins Wanken zu bringen... etwas, das ihn flüchten lässt.“ Kai verzog die Lippen zu einem schmalen, fast ungläubigen Schmunzeln. „Er ist nicht vor Tokio abgehauen, Nami. Er ist vor deiner Cousine bis ans andere Ende der Welt gerannt.“

Nami sah ihn schelmisch an, legte den Kopf leicht schräg und trat noch einen Schritt näher an ihn heran.

„Weißt du... ich musste den Mädels gestern im Café erst wieder einmal den charakterlichen Unterschied zwischen dir und Tala erklären“, raunte sie mit einem frechen Funkeln in den Augen. „Aber wenn ich das hier so sehe, wird mir wieder einmal klar, wie ähnlich ihr beiden euch doch eigentlich seid. Schließlich... bist du damals auch vor mir geflüchtet, als du deinen allerersten Kuss mit mir zugelassen hast.“

Sie biss sich leicht auf die Unterlippe, schickte ihm einen vollkommen neckischen Blick und legte die Arme um seine Taille.

Kai verzog keine Miene, doch der Tonfall seiner Stimme wurde spürbar trockener.

„Ich bin damals nicht... geflüchtet. Ich habe lediglich meine Schichten in der Firma deines Vaters verlegt und mich etwas mehr in meinem Penthouse aufgehalten. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ich bin nicht in ein anderes Land gerannt.“

„Ach, wirklich?“, fiel Nami ihm direkt ins Wort, zog eine Braue hoch und sah ihn triumphierend an. „Und was war vor einigen Jahren? Als Maylin, Ray's Cousine dich hintergangen hat und dir nach einem One-Night-Stand ein Kind andichten wollte? Da bist du für ganze zwei Jahre nach Tibet abgehauen!“

Kai verengte die Augen zu zwei schmalen, rot glühenden Schlitzen. Der Muskel an seinem Kiefer arbeitete heftig, während er das Gesicht stur verfinsterte. Er verzichtete weise darauf, ihr zu widersprechen... denn er wusste ganz genau, dass sie recht hatte. Der Impuls, bei emotionalem Kontrollverlust einfach die Zelte abzubrechen und die Kälte der Einsamkeit zu suchen, steckte tief in ihnen beiden.

Tala war heute Morgen nach Russland geflogen. Aber die Parallelen zu Kais eigener Vergangenheit waren schlichtweg nicht abzustreiten.

Nami stieß einen langen, leisen Seufzer aus, ließ ihren Kopf gegen seine breite Brust sinken und schlang die Arme noch ein Stück fester um seinen Oberkörper. Der vertraute, beruhigende Geruch seiner Haut hüllte sie ein, während der stetige Schlag seines Herzens unter ihrer Wange zu hören war.

„Ich erinnere mich noch gut an deine Worte damals…“, raunte sie leise gegen den Stoff seines Shirts, während ihre Finger sanft über seinen Rücken glitten. „Du hast mal gesagt, dass... wenn meine Aura deinen inneren Schmerz und die Dunkelheit in dir nicht von Anfang an besänftigt hätte, ich um einiges mehr Geduld mit dir hätte haben müssen. Jetzt verstehe ich erst so richtig, was du damals gemeint hast.“

Sie hielt einen Moment inne, ließ ihren Blick durch das abgedunkelte Arbeitszimmer schweifen und dachte an ihre Cousine im Love-Hotel.

„Lumina wird verdammt viel Geduld und einen eisernen Willen brauchen, wenn sie Tala wirklich für sich gewinnen will... wenn sie das jetzt doch vor hat.“, fügte Nami leise hinzu. „Sie muss bereit sein, immer wieder gegen diese Mauer zu rennen, die er zwischen sich und der Welt hochzieht.“

Kai legte seine schwere Hand auf ihren Rücken, zog sie noch ein Stück näher an sich heran und sah düster über ihren Kopf hinweg ins Leere.

„Tala ist noch einmal eine ganze Spur anstrengender und kompromissloser als ich es jemals war“, sagte er mit rauer, unerbittlicher Ehrlichkeit. Seine Stimme trug die schwere Gewissheit eines Mannes, der die tiefsten Abgründe Talas wie seine eigenen kannte.

„Selbst wenn Lumina eine heilende Aura wie deine besäße... sie würde wahrscheinlich eher an ihm zerbrechen, ehe sie ihn so weit hat, dass er wirklich zu ihr steht und ihr das gibt, was sie sich von ihm erhofft.“

Er machte eine kurze Pause, und seine Hand verharrte spürbar auf ihrem Rücken.

„Er ist kein Mann, der sich rettend auffangen lässt, Nami. Wenn man Tala zu nahe kommt, ohne dass er es zulassen will, reißt er alles um sich herum mit in den Abgrund. Und Lumina spielt hier mit einem Feuer, das sie ganz schnell verschlingen kann.“

Nami hob langsam den Kopf von seiner Brust, sah zu ihm auf und schenkte ihm ein leises, feines Lächeln.

„Sie meinte letztens ja erst, dass sie das alles sehr gut einschätzen könne. Aber deshalb ist es wohl ein Glück, dass Lumina um einiges weniger emotional ist als ich“, entgegnete sie sanft und strich mit den Fingerspitzen über seine Wange. „Sie ist viel taffer und innerlich stärker, als man ihr auf den ersten Blick ansieht. Ich kenne sie mein ganzes Leben, Kai... sie würde niemals an einem Mann zerbrechen. Und sie ist klug genug, aufzugeben, sobald sie merkt, dass etwas wirklich keinen Sinn mehr macht.“

Sie hielt einen Moment inne, während ihr Schmunzeln ein Stückchen breiter und schelmischer wurde.

„Aber…“, fügte Nami leise hinzu und schüttelte schmunzelnd den Kopf, „sie ist eben auch ein unglaublicher Dickkopf. Wenn sie sich erst einmal etwas in diesen wunderschönen Kopf gesetzt hat, gibt sie so schnell nicht bei. Tala mag ein sturköpfiger Wolf sein, aber Lumina lässt sich von ein paar Zähnen ganz sicher nicht erschrecken.“

Zwei Stunden später herrschte im großen Salon des Ayame-Anwesens eine fast trügerische Stille. Das kühle Licht des späten Oktobers fiel durch die hohen, bogenförmigen Fenster und tauchte die samtige Einrichtung und das Jahrzehnte alte Holz in einen tiefen, ruhigen Glanz. Draußen wirbelte der Herbstwind die bunten Blätter durch den Garten, doch drinnen herrschte angenehme Wärme.

Lumina saß auf einem der eleganten, hochherrschaftlichen Sofas des Anwesens. Sie trug ein cremefarbenes, feines Strickkleid, das sich weich an ihre Figur schmiegte und den hohen Rollkragen weit genug hochzog, um die rötlichen Spuren an ihrem Hals vor allzu neugierigen Blicken zu verbergen. Ihre Beine waren vorsorglich auf einem kleinen Samthocker gebettet, da jede noch so kleine Bewegung in ihren Oberschenkeln noch immer wie Feuer brannte.

Graham trat mit gewohnt geräuschlosen Schritten an den Beistelltisch heran und stellte ein Kristallglas mit einer erfrischenden, kalten Limonade vor ihr ab.

„Ihre Erfrischung, Lady Lumina“, raunte der betagte Butler mit seiner unerschütterlichen, trockenen Höflichkeit und verneigte sich minimal. „Sollte Ihr Befinden nach weiteren Vorkehrungen verlangen, lassen Sie es mich bitte umgehend wissen.“

„Danke, Graham“, antwortete Lumina mit einem matten, aber dankbaren Lächeln und griff nach dem kühlen Glas.

Ihr direkt gegenüber saß Lord Eric Davies. Luminas Vater lehnte mit perfekt aufrechter, aristokratischer Haltung in einem der massiven Sessel. Er trug einen maßgeschneiderten, dunklen Zwirn, sein silbrig weißes Haar war wie immer makellos frisiert, und seine magentafarbenen ruhten auf seiner Tochter. Seine Miene war leicht streng, doch unter seiner undurchschaubaren Fassade lag eine tiefe, abgeklärte Ruhe.

Lumina hatte ihm selbstverständlich nicht die intimen Einzelheiten dieser Nacht offenbart.

Sie hatte die Geschehnisse auf ein Minimum heruntergebrochen. Doch das feurige Temperament seiner Tochter war Eric nur zu geläufig; nichts an Luminas eigenwilligem Verhalten überraschte ihn wirklich... dafür kannte er den Sturrkopf seines eigenen Fleisches und Blutes viel zu gut.

Besonders nach der Unverschämtheit, die sich vor einigen Stunden am Telefon zugetragen hatte.

Ein gewöhnlicher Vater hätte vielleicht die Polizei verständigt oder eine riesige Szene gemacht. Doch Lord Eric Davies war kein gewöhnlicher Mann. Er hatte Talas tiefes, unverkennbares Organ sofort wiedererkannt... schließlich hatte er diese Stimme erst eine Woche zuvor auf Nami und Kais Feier für einen kurzen, prägenden Augenblick gehört.

Für den Lord war die Gesamtsituation augenblicklich sonnenklar gewesen. Er brauchte keine detaillierten Beichten. Er wusste genau, welches gefährliche Spiel seine Tochter dort spielte... und mit was für einem Wolf sie sich eingelassen hatte.

Lord Davies hob schweigend die feine Kristalltasse an seine Lippen, bevor er sie mit einer bemerkenswerten Beherrschung auf der Untertasse abstellte. Er wusste nur zu gut, wer und was seine Tochter war. Lumina besaß ein Wesen, das nicht nach Sanftheit oder sofortiger Sicherheit verlangte; sie liebte das Risiko, die Provokation... und sie hatte absolut nichts lieber getan, als sich Gefahren und Raubtieren direkt vor die Zähne zu werfen, nur um zu sehen, ob man es wagen würde, zuzubeißen.

Er räusperte sich leise, legte die Hände übereinander und blickte sie aus seinen kühlen, magentafarbenen Augen an.

„Ich werde dir keine weiteren Fragen zu den Geschehnissen dieser Nacht oder zu deiner Kleidung stellen“, begann er mit einer tiefen, unerschütterlichen Stimme, in der eine aristokratische Schärfe mitschwang. „Unter einer Bedingung: Du wirst mir versprechen, dass du in London auf eine Universität gehst.“

Lumina weitete schlagartig erschrocken die Augen. Das kühle Glas in ihren Händen zitterte leicht, als sie ihn entsetzt anstarrte.

„Was?!“, stieß sie hervor. „Vater, das kann nicht dein Ernst sein! Ich werde in ein paar Monaten hier in Tokio auf die Universität gehen, das weißt du ganz genau! Ich bin bereits eingeschrieben, alle Unterlagen sind eingereicht!“

Lord Eric Davies verzog keine einzige Miene. Seine Miene blieb unbeweglich wie aus Marmor gemeißelt, während er sich in seinem Sessel etwas zurücklehnte und den Blick auf sie gerichtet hielt.

„Eine Einschreibung lässt sich mit einem einzigen Telefonat rückgängig machen, Lumina“, stellte er glasklar fest, ohne dass seine Stimme auch nur den Hauch von Zweifel zuließ. „Wenn du in ein Paar Monaten zurück nach Tokio gehst, vergisst du nur noch mehr, aus was für einem Hause du eigentlich stammst. Diese Umgebung tut deiner Disziplin nicht gut... und deine jüngsten Ausschweifungen zeigen mir mehr als deutlich, dass es Zeit wird, dich wieder an deine Wurzeln und deinen Stand zu erinnern.“

Lumina schnaubte leise, richtete sich auf dem eleganten Sofa so weit auf, wie es ihre schmerzenden Glieder zuließen, und sah ihren Vater herausfordernd an. Ihre magentafarbenen Augen sprühten vor Widerstand.

„Sag doch einfach direkt, worum es dir eigentlich geht, Vater!“, entgegnete sie, während ihre Stimme schärfer wurde. „Es geht dir doch nur darum, ...wen... du dir an meiner Seite vorstellst. Irgendeinen herausgeputzten, schnöseligen Engländer aus gutem Hause, der sofort empört nach Luft schnappt, falls ich es wagen sollte, meine eigene Meinung zu sagen!“

Sie fuhr sich mit der Hand durch das silbrige Haar und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Dabei weißt du ganz genau, dass das niemals geschehen wird. Ich bliebe lieber auf ewig allein, als irgendeinen Heini als Mann zu nehmen, den ich zu keinem einzigen Zeitpunkt meines Lebens respektieren würde!“

Lord Eric Davies blieb vollkommen unberührt von ihrem Ausbruch. Er neigte den Kopf nur ein Stück zur Seite, während sein Blick so kühl und beherrscht blieb wie eh und je.

„Du kannst lieben, wen du willst, Lumina“, sagte er gelassen, und eine Note von aristokratischer Trockenheit lag in seiner Stimme. „Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Ich schreibe dir was deine Partnerwahl betrifft rein gar nichts vor, aber—“

„Aber du tust es eben doch!“, fiel Lumina ihm unerbittlich ins Wort. Sie hielt seinen Blick standhaft aus, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Vielleicht nicht mit direkten Befehlen, aber mit deinen Erwartungen. Weil dir der Ruf der Familie Davies nun einmal heilig ist und ich deine einzige Tochter und Erbin bin! Du verpackst deine Kontrolle nur in elegante Worte, aber am Ende läuft es auf genau dasselbe hinaus.“

Eric sah sie für einen langen Moment schweigend an. Die Luft im Salon war spürbar geladen, doch das stumme Duell der beiden magentafarbenen Blicke verriet, dass hier Vater und Tochter aufeinanderprallten, die sich in ihrer Sturheit und Durchsetzungskraft in nichts nachstanden.

Lumina holte tief Luft, glättete die Falten ihres feinen Strickkleides und blickte ihren Vater mit einer Ruhe an, die ebenso kühl wie kalkuliert war.

„Und du brauchst dir absolut keine Sorgen zu machen“, ergänzte sie, während sich ein spöttisches, fast beiläufiges Lächeln auf ihre Lippen schlich. „Tala Valkov ist weder der Mann, den ich liebe, noch derjenige, mit dem ich mir irgendeine Zukunft vorstelle. Er war lediglich eine verdammt gute Option für ein Abenteuer... und er befindet sich im selben Moment schon wieder auf dem Weg zurück nach Russland.“

Sie lehnte sich auf dem eleganten Sofa zurück und strich sich eine silbrige Strähne aus der Stirn, während ihre magentafarbenen Augen die Seinen unerschütterlich fixierten.

„Er ist gar nicht mehr in Tokio, um mich… wie du es vermutlich ausdrücken würdest… zu verkorksen“, fuhr sie fort, und der ironische Unterton in ihrer Stimme war kaum zu überhören. „Der schlechte Einfluss, den du hier so dringend befürchtest, ist also bereits wieder Tausende von Kilometern weit weg. Du kannst dich bitte wieder einkriegen, Vater... und mir gefälligst meinen Studienplatz in Tokio lassen.“

Lord Eric Davies beobachtete seine Tochter schweigend. Die feine Nuance von Triumph in ihren Zügen entging ihm nicht. Lumina nutzte Talas fluchtartigen Rückzug nach Moskau ohne mit der Wimper zu zucken als ihr schärfstes Argument, um ihre Freiheit in Japan zu verteidigen...