LNCrawler

Konsequenzen

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Konsequenzen

Der schwere, dunkle Beton des Trainingskomplexes der RBA... der Russian Blade Association... bot genau die eiskalte, kompromisslose Atmosphäre, die Tala jetzt brauchte.

Draußen peitschte ein feiner, eisiger Nieselregen durch die Straßen Moskaus, doch drinnen hallte nur das metallische, hohle Kreischen von Wolborg wider, der mit gnadenloser Präzision durch eine Reihe von gepanzerten Übungszielen schnitt.

Tala stand am Rand der kreisrunden Arena. Obwohl ihm der Jetlag nach dem Flug aus Tokio noch leicht in den Knochen steckte, spürte er keine Müdigkeit. Nur eine finstere, getriebene Unruhe. Er zog die Reißleine seines Launchers ein weiteres Mal durch... hart, präzise, ohne jede Verschwendung von Bewegung. Wolborg schoss in die Mitte und rammte die hydraulische Stahlsäule mit einem ohrenbetäubenden Knall, dass die Funken flogen.

Vom oberen Rand der Tribüne aus beobachteten zwei Gestalten das Spektakel.

Bryan saß auf den Stufen, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten gelegt. Neben ihm lehnte Spencer an einem der massiven Pfeiler. Seit Tala gestern Abend völlig unangemeldet wieder in Moskau aufgetaucht war, hatte er kaum drei Worte herausgebracht. Er war direkt im Trainingszentrum verschwunden und hatte die halbe Nacht durchgezogen.

„Er reagiert sich wieder ab, wie nach einer Meisterschaft“, brummte Spencer leise und beobachtete, wie Wolborg die nächste Wand durchschlug. „Aber in Japan gab es gar kein offizielles Turnierspiel.“

„Er war wegen internen Terminen und Kais Hochzeit dort“, entgegnete Bryan trocken und schüttelte den Kopf. „Und wie es aussieht, hat die Reise ihm nicht besonders gut getan.“

Bryan erinnerte sich noch gut an den Moment vor einem Jahr, als das ganze Team von Kais Neuigkeiten erfahren hatte. Ian war damals der Erste gewesen, der mit dem Laptop in den Pausenraum gestürzt war. In den internationalen Beyblade-Foren hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet: Kai Hiwatari, der unnahbare, eiskalte Ex-Weltmeister, hatte eine Freundin.

Schon das war für Bryan, Spencer und Ian absolut unvorstellbar gewesen. Doch als ein paar Monate später die Meldung folgte, dass Kai nicht nur geheiratet hatte, sondern mit Nami auch noch Vater wurde, war die Verwirrung perfekt gewesen.

Tala hatte damals nur stumm dabeigesessen, die Arme verschränkt, und kein Wort verloren... obwohl er offensichtlich mehr gewusst hatte als sie alle zusammen.

Aber Tala war wie immer ein Tresor gewesen.

Unten in der Arena fing Tala seinen Beyblade mühelos mit der hohlen Hand auf. Sein Atem ging ruhig, aber seine Augen schillerten in diesem gefährlichen, kühlen Blau. Er drehte sich nicht einmal um, als er sprach.

„Wenn ihr zusehen wollt, bringt euch wenigstens ein Handtuch mit.“

Bryan schnaufte schmunzelnd und kam die Stufen herunter. „Wir haben uns nur gefragt, ob du dort drüben in Tokio jemanden umgebracht hast oder ob Hiwatari dich schlichtweg wahnsinnig macht.“

„Kai ist verheiratet und glücklich“, antwortete Tala karg, schnappte sich seine Sporttasche und wandte sich ab in Richtung des Kraftraums. „Er hat andere Sorgen.“

„Und du?“, hakte Spencer nach, während sie ihm folgten. „Du siehst aus, als wärst du durch die Hölle gelaufen. Seit du vor einem Jahr das erste Mal beiläufig erwähnt hast, dass Kai ein Mädchen an seiner Seite hat, dachten wir, das Thema wäre erledigt. Aber du kommst zurück wie ein geschlagener Hund.“

Tala blieb abrupt stehen. Er drehte sich langsam um, und der Blick, den er Spencer zufächerte, hätte einen schwächeren Mann auf der Stelle einfrieren lassen.

„Pass auf deinen Ton auf, Spencer“, sagte er leise, mit einer schneidenden Ruhe, die gefährlicher war als jedes Brüllen.

Ohne ein weiteres Wort trat Tala in den Fitnessbereich, stellte das Gewicht an der Zugmaschine auf Anschlag und begann mit den Klimmzügen. Muskel für Muskel spannte sich unter seinem schweißnassen Shirt an.

Er wollte nicht an Tokio denken. Nicht an die Hotelsuite in Ginza, dem Zimmer im Love Hotel, nicht an den Duft von Jasmin, und erst recht nicht an den Blick aus Luminas magentafarbenen Augen, als sie im Badezimmer in der Dusche vor ihm gestanden hatte. Doch je härter er seinen Körper trainierte, desto deutlicher brannte sich das Bild in sein Gedächtnis ein.

Bryan und Spencer tauschten am Eingang des Kraftraums einen langen Blick aus.

„Er erzählt uns nicht alles“, murmelte Bryan.

„Er erzählt uns gar nichts“, korrigierte Spencer leise. „Aber was auch immer in Tokio passiert ist... es ist noch lange nicht vorbei.“

Ein kurzes Summen unterbrach das stetige, rhythmische Klacken der Gewichte. Spencer zog sein Interface aus der Tasche und blickte auf das Display.

>Kommt sofort in mein Büro. Beide. Und sorgt dafür, dass Tala euch NICHT folgt. Es ist wichtig. – Ian

Spencer hob die Augenbrauen und schob das Display unauffällig zu Bryan hinüber. Bryan las die Nachricht, warf einen kurzen Seitenblick auf Tala, dessen Muskeln sich bei der nächsten Wiederholung an der Klimmzugstange anspannten, und nickte stumm.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schlichen sich die beiden aus dem Fitnessbereich. Sie ließen das dumpfe Dröhnen der RBA-Gütehallen hinter sich und traten hinaus in die breiten, hell erleuchteten Flure des Komplexes. Ihre Schritte hallten auf dem glatten Marmorboden wider, während sie den Weg zu Ians privatem Aufenthaltsbereich einschlugen.

Als Bryan die schwere Glastür öffnete, bot sich ihnen ein Bild, das sie in diesem Tonfall absolut nicht erwartet hatten. Ian saß entspannt hinter seinem breiten Schreibtisch, die Beine überkreuzt, ein breites, fast schon diebisches Grinsen auf den Lippen. Er wirkte aufs Höchste amüsiert.

„Was ist so wichtig?“, fragte Spencer trocken, während er im Türrahmen stehen blieb und die Arme verschränkte. „Und wieso das Versteckspiel vor Tala? Der ist ohnehin schon kurz davor, die Wände einzureißen.“

„Glaub mir, Spencer, wenn Tala erfährt, was ich hier habe, reißt er nicht nur die Wände ein, sondern das gesamte Gebäude“, gluckste Ian vergnügt.

Er tippte auf die Tastatur und drehte den großen Bildschirm seines Laptops langsam zu den beiden herüber.

„Seit Kai drüben in Japan von den Medien als der ‚Zar von Tokio‘ gefeiert wird und regelmäßig in den Schlagzeilen auftaucht, habe ich mir angewöhnt, die japanische Presse ein wenig genauer im Auge zu behalten“, erklärte Ian beiläufig und stützte das Kinn auf die Handflächen. „Man muss schließlich informiert bleiben, was die Konkurrenz so treibt. Rein zu Recherchezwecken, versteht sich.“

Bryan trat einen Schritt näher an den Schreibtisch heran und verengte die Augen. Spencer beugte sich ebenfalls vor.

Auf dem Bildschirm prangte der Artikel einer bekannten japanischen Klatschspalte. Das Foto dazu war offensichtlich aus einiger Entfernung und zu später Abendstunde an einer Seitengasse in Shinjuku aufgenommen worden. Es war leicht körnig, aber die Beleuchtung der Straßenlaternen reichte völlig aus, um die beiden Gestalten messerscharf zu erkennen.

Es zeigte Tala.

Er hatte eine bildschöne, zierliche Frau mit hüftlanger, silbrig-weißer Mähne gegen die kühle Betonwand eines Gebäudes gepresst. Seine Hände vergruben sich in ihren Schultern, während er sie mit einer beinahe gefährlichen, kompromisslosen Intensität küsste.

Für einen langen Moment herrschte absolute Stille im Raum. Nur das leise Summen des Laptop-Lüfters war zu hören.

Bryan starrte auf das Bild, als hätte Ian ihm gerade ein Foto von einem Alien gezeigt. Spencer blinzelte zweimal, als müsste er seine Augen überprüfen.

„Ist das...“, stammelte Bryan und zeigte mit dem Finger auf den Monitor. „Ist das Tala?!“

„Leibhaftig.“, schmunzelte Ian und lehnte sich triumphierend zurück. „Aufgenommen vor zwei Tagen mitten in Shinjuku.“

„Wer zur Hölle ist diese Frau?“, platzte es aus Spencer heraus, dessen gewohnte Stoischkeit für einen Moment komplett verflogen war. „Sie sieht aus wie...“

„Wie Namis Zwillingsschwester? Fast“, unterbrach Ian ihn mit funkelnden Augen. „Das ist Lumina Davies. Namis Cousine, die wohl auch bei Kais und Namis Hochzeit anwesend war.“

Bryan schlug sich mit der Hand ins Gesicht und stöhnte auf, während ein ungläubiges Lachen aus ihm herausbrach. „Ich fasse es nicht. Er fliegt nach Tokio, verbringt dort fast zwei Monate und macht in einer Seitengasse die Verwandtschaft von Kais Frau unsicher?! Kein Wunder, dass er vorhin trainiert hat, als müsste er den Teufel austreiben!“

„Lies mal vor, was drunter steht, Spencer“, sagte Ian mit einem breiten, vergnügten Grinsen und deutete auf den Text unter dem Foto.

Spencer trat näher an den Monitor heran, verengte die Augen und begann die Übersetzung aus dem Japanischen laut vorzulesen:

„Der ehemalige Champion und russische Kapitän Tala Valkov wurde spät in der Nacht in einer belebten Seitengasse von Shinjuku gesichtet. Doch damit nicht genug: Wie Zeugen berichten, verschwand Valkov kurz darauf mit der silberhaarigen Schönheit in einem nahegelegenen Love-Hotel…“

Spencer hielt inne und starrte fassungslos auf das Display. „Ein Love-Hotel?! Tala?! In einem japanischen Stundenhotel?!“

Bryan ließ ein schallendes, lautstarkes Lachen hören, schnappte sich sein Smartphone aus der Hosentasche und fing augenblicklich an zu tippen. „Warte, ich muss wissen, wie diese Cousine aussieht. Auf dem Foto erkennt man durch das Schummerlicht ja kaum was!“

Nach wenigen Sekunden spuckte die Suchmaschine die ersten hochauflösenden Aufnahmen von Lumina Davies aus... Fotos von Gala-Auftritten an der Seite ihres Vaters Lord Eric Davies. Als die Bilder luden, fror Bryans Lachen auf der Stelle ein.

Er schluckte spürbar hart.

Spencer trat sofort neben ihn und lugte neugierig über Bryans Schulter auf das Display.

„Verdammte Scheiße…“, stieß Bryan leise aus, völlig platt von dem, was er da sah.

„Die Frau ist ungelogen eine absolute Granate. Verdammt hübsch, eiskalt und unverschämt heiß. Ich dachte ja schon, dass Nami kaum zu übertreffen ist, als wir das erste Mal von Kais Frau gehört haben… aber diese Lumina? Definitiv dieselben Gene.“ Er sah auf das Bild zurück und schüttelte ehrfürchtig den Kopf. „Heftig, dass Tala diese heiße Braut flachgelegt haben soll. Ich frage mich nur… ist das der Grund für sein exzessives Trainingsverhalten der letzten Stunden? Hat die ihn völlig um den Verstand gebracht?“

„Wir fragen ihn einfach direkt“, beschloss Ian, sprang mit einem blitzenden Funkeln in den Augen von seinem Stuhl auf und klappte den Laptop zusammen. „Das muss ich aus nächster Nähe sehen.“

Zu dritt marschierten sie zurück durch die hellen Flure in den Kraftraum, wo das dumpfe Scheppern der Eisenplatten noch immer im Sekundentakt dröhnte.

Ian hielt Tala ohne Umschweife sein Interface direkt vor das Gesicht, auf dem das Bild aus dem Online-Artikel aufleuchtete.

Tala verharrte mitten in der Bewegung an der Zugmaschine. Das kühle Metall der Griffe lag schwer in seinen Händen, während seine eiskalten, blauen Augen auf das Display trafen.

Im nächsten Bruchteil einer Sekunde schlug die Stimmung im Raum komplett um. Die Luft im Fitnessbereich fühlte sich an, als würde sie auf den Gefrierpunkt absinken.

Talas Gesichtszüge entgleisten vollkommen. Eine rasende, unberechenbare Wut stieg in ihm auf, gepaart mit einem tiefen Entsetzen darüber, dass jemand diesen verdammten Moment festgehalten hatte... exakt die Minuten, bevor sie in der düsteren Gasse im Love-Hotel verschwunden waren.

~Verfluchter Mist!~

, fluchte Tala innerlich, während der Muskel an seinem Kiefer so hart hervortrat, dass er fast riss.

Sein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Er war in diesem Moment so extrem fokussiert auf die zwei Betrunkenen gewesen, die Lumina bedrängt hatten, und im Anschluss so vollkommen benebelt von ihrer gefährlichen Nähe, ihrem Parfüm und ihren Lippen… dass seine sonst so messerscharfen Reflexe versagt hatten. Er hatte den verdammten Paparazzo schlichtweg nicht bemerkt.

Ein weiteres bitteres Fluchen brannte sich durch seine Gedanken. Er hatte es gewusst. Er hatte verdammt noch mal genau gewusst, dass ganz Shinjuku in diesen Tagen voll von Presseleuten war, die nur darauf lauerten, Kai Hiwatari oder seine frischgebackene Ehefrau Nami nach der Hochzeit noch einmal vor die Linse zu kriegen!

Tala ließ die Gewichte mit einem ohrenbetäubenden, metallischen Knall fallen, der durch den gesamten Raum dröhnte. Er trat einen bedrohlichen Schritt auf Ian zu, und seine Stimme war so tief und schneidend, dass Bryan und Spencer augenblicklich das Grinsen verging.

„Schaff dieses verdammte Teil aus meinem Gesicht, Ian.“

Ian wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück, hielt das Interface aber stur auf Brusthöhe. Die Unterhaltung unter vier Augen war schlagartig gekippt; die gewohnte, leichtfertige Stichelei unter Teamkollegen traf frontal auf Talas unberechenbare, eiskalte Wut.

„Der Artikel ist seit einer Stunde online, Tala. In den Tokioter Foren drehen die Leute komplett durch.“

Spencer schob sich langsam an Ians Seite, verschränkte die Arme vor der massiven Brust und sah Tala aus ruhigen, abgeklärten Augen an. „Uns ist der verdammte Artikel scheißegal, Tala. Worauf wir keinen Bock haben, ist dein Scheintheater hier.“

Tala verengte die Augen zu zwei gefährlichen Schlitzen. Seine Fäuste waren so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Ich spiele hier kein Theater. Und jetzt halt die Klappe, Spencer.“

„Ach nein?“, klinkte sich Bryan ein. Er lehnte sich mit einem schiefen, provozierenden Grinsen gegen einen der Hantelständer, doch seine Körperhaltung war wachsam. „Du reist mitten in der Nacht aus Tokio ab, fliegst über vier Zeitzonen, machst hier seit sechs Stunden Kniebeugen bis zum Kollaps, als hättest du schlechte Laune wegen des Wetters. Und in Wahrheit bist du einfach nur panisch vor einer 18-jährigen Britin bis nach Moskau geflohen, weil sie dir auf Kais Hochzeit den Kopf verdreht hat.“

Das Wort geflohen traf die Stille des Raumes wie eine gezündete Lunte.

Ein gefährliches, unheimliches Schweigen breitete sich im Kraftraum aus. Tala machte einen einzigen, langsamen Schritt auf Bryan zu. Seine Präsenz war schlagartig so erdrückend, dass Ian das Grinsen endgültig verging und Spencer sich unwillkürlich anspannte.

„Ich bin vor gar nichts geflohen“, sagte Tala. Seine Stimme war nicht laut. Sie war leise, rau und so schneidend eiskalt, dass sie durch Mark und Bein ging.

„Ich habe Termine in Moskau. Und wenn irgendeiner von euch noch einmal glaubt, mir psychologische Ratschläge erteilen zu müssen, sorge ich persönlich dafür, dass er die nächste Woche im Eisbecken verbringt.“

Bryan hielt seinem Blick stand, doch das Spöttische in seinen Zügen wich einer plötzlichen, ernsten Erkenntnis. Er sah die Adrenalinwellen in Talas Kiefer arbeiten, sah den echten, unverschleierten Kontrollverlust in den eisblauen Augen seines Kapitäns.

Tala Valkov drohte nicht aus Frust. Er drohte, weil er exakt wusste, dass Bryan ins Schwarze getroffen hatte... und weil die bloße Tatsache, dass diese Frau eine solche Macht über sein Handeln besaß, ihn von innen heraus auffraß.

Tala riss Ian das Interface mit einer einzigen, harten Bewegung aus der Hand und knallte es mit voller Wucht auf die hölzerne Sitzbank neben sich.

„Vergesst, was ihr gesehen habt.“, knurrte Tala, drehte sich auf dem Absatz um, schnappte sich seine Sporttasche und steuerte auf den Ausgang zu. „Und wenn mich heute noch einer von euch ansteuert, breche ich ihm die Beine.“

Die schwere Stahltür des Kraftraums fiel mit einem dröhnenden Scheppern ins Schloss.

Für mehrere Sekunden antwortete nur das eiskalte Summen der Belüftung. Ian, Bryan und Spencer blieben zurück und sahen auf die Tür.

„Verdammte Scheiße“, raunte Bryan schließlich leise und fuhr sich durch die Haare. „Diese heiße Braut hat ihn nicht nur gevögelt, Spencer. Die hat ihn komplett aus der Bahn geworfen.“

Spencer nickte stumm, den Blick starr auf die Tür gerichtet. „Und das Schlimmste daran ist... er weiß es ganz genau.“

Das Ayame-Anwesen strahlte eine gewohnte Ruhe aus, doch im sonnendurchfluteten Teezimmer herrschte eine merkwürdig geladene Atmosphäre...

Auf dem tiefen polierten Holztisch lag ein elegantes Tablet, auf dessen Display exakt derselbe japanische Klatschartikel prangte, der kurz zuvor in Moskau für Furore gesorgt hatte.

Lumina saß im Schneidersitz auf einem der Tatami-Kissen. Eine feine Dampfwolke stieg aus ihrer kleinen Porzellantasse auf, während sie ihr Smartphone in der Hand hielt und den Blick starr auf die Schlagzeile gerichtet hatte. Sie wusste absolut nicht, ob sie sich über die Dreistigkeit des Paparazzo amüsieren oder sich schlichtweg über den Rummel ärgern sollte.

„Du bist unglaublich, Lumina“, seufzte Mariah, lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf, während sie sich eine Locke aus dem Gesicht strich. „Eins muss man dir lassen: Wenn du für Wirbel sorgst, dann richtig.“

Hilary stützte die Ellenbogen auf den Tisch, verengte die Augen und starrte auf das schummrige Bild aus der Seitengasse von Shinjuku. „Ich frage mich eher, was gefährlicher ist: Dass der Paparazzo gelebt hat, um dieses Foto hochzuladen, oder dass Tala ihn offensichtlich nicht bemerkt hat. Wer Tala kennt, weiß, dass der Mann normalerweise Reflexe wie ein Raubtier hat.“

Ein leises, tiefes Schmunzeln stieg in Luminas Kehle auf. Ihre magentafarbenen Augen blitzten verschmitzt auf.

„Oh, das ist das Beste an der ganzen Sache“, sagte Lumina vollkommen ungeniert und nahm einen kleinen Schluck von ihrem Tee.

„Ich kenne Tala zwar noch nicht lange, kann mir aber sehr gut vorstellen wie er in diesem exakten Moment in Moskau innerlich kocht. Er starrt garantiert gerade auf ein Display, sein Kiefer ist so hart angespannt, dass er fast bricht, und er flucht innerlich auf Russisch über seine eigene Unaufmerksamkeit. Er war an diesem Abend schlichtweg zu abgelenkt von den zwei Betrunkenen und… nun ja, von unserer Nähe. Dieses Foto wird seinen stolzen, eiskalten Verstand komplett lahmlegen.“

Nami, die bis eben still an der Seite gesessen und Tee nachgeschenkt hatte, sah ihre Cousine mit diesem ruhigen, durchdringenden Blick an.

„Es mag dich amüsieren, wie Tala in Moskau womöglich tobend im Trainingsraum steht“, wandte Nami gelassen ein, während ihre silbrigen Wellen sanft über ihre Schulter fielen. „Aber du weißt genauso gut wie ich, dass das Foto nicht das einzige Problem ist. Wie geht es dir jetzt nach dem Übergriff in der Gasse? Und was sagt dein Vater?“

Lumina hielt in der Bewegung inne. Das breite, diebische Lächeln auf ihren Lippen verblasste ein Stück weit und wich einer spürbaren Ernsthaftigkeit. Nami traf den Nagel wie immer auf den Kopf.

„Tala war glücklicherweise im exakt richtigen Moment da“, antwortete Lumina ehrlich, bevor sie leise seufzte und sich durch das hüftlange, silberweiße Haar fuhr. „Was meinen Vater angeht… die Standpauke habe ich wie du weißt gestern bereits kassiert. Er war absolut außer sich. Nicht nur, dass ich am Abend des Übergriffs nicht im Hotel erschienen bin... dass Tala sich dann auch noch mein Handy geschnappt und meinem Vater eiskalt am Telefon gesagt hat, ich käme heute Nacht nicht mehr nach Hause… das war zu viel für seinen aristokratischen Blutdruck.“

„Tala hat was getan?!“, entfuhr es Hilary, die fast an ihrem Tee verschluckte.

„Er hat ihn einfach abgefertigt und das Handy danach weg gepfeffert“, erzählte Lumina, und ein Hauch dieses unerschütterlichen Stolzes lag wieder in ihrer Stimme. „Mein Vater hat mir gestern eine stundenlange Lektion über Etikette, Diskretion und den Ruf der Davies-Familie gehalten. Dieser Klatschartikel heute Morgen macht die Sache natürlich nicht gerade besser, aber die Standpauke habe ich hinter mir.“

„Und wie geht es für dich und Tala jetzt weiter?“, hakte Mariah nach und beugte sich vor, die Lippen leicht umspielt von einem schlauen Grinsen. „Ich meine… er ist nach Moskau geflogen, um der Sache auszuweichen.“

Lumina sah auf das leicht unscharfe Foto auf dem Display. Für einen kurzen Augenblick lag nicht die spöttische, unnahbare Schönheit in ihren Zügen, sondern die Erinnerung an das Love-Hotel, die harten Küsse und das gut gehütete Geheimnis, das er ihr in dieser Nacht anvertraut hatte.

„Er bildet sich ein, er könne nach Russland fliegen und so tun, als wäre nichts passiert“, erwiderte Lumina schließlich, und das strahlende, auffällige Grinsen kehrte mit voller Wucht auf ihr blasses Gesicht zurück. „Aber wenn er glaubt, er sei mich nach dieser Nacht los… dann hat er sich gewaltig geschnitten.“

Hilary zog überrascht die Augenbrauen hoch, stützte die Ellenbogen auf das Kissen und sah Lumina prüfend an. „Klingt fast so, als würdest du ihm am liebsten direkt nach Moskau hinterherfliegen, um ihm die Meinung zu geigen. Wofür sollte das gut sein? Du hast doch selbst gesagt, dass er nur ein amüsantes Abenteuer und eine sehr heiße Option für dich ist... und dass du absolut nicht in ihn verliebt bist.“

Lumina hielt für einen kurzen Moment inne. Dann drang ein helles, melodisches Lachen aus ihrer Kehle, das im sonnendurchfluteten Teezimmer widerhallte.

„Ich? Ihm nach Russland hinterherreisen?“, gluckste Lumina amüsiert, setzte die Porzellantasse ab und schüttelte ungläubig den Kopf. „Liebe Hilary, eine Davies rennt niemals einem Mann hinterher... schon gar nicht durch die halbe Welt zu einem eisigen russischen Stützpunkt. Soweit kommt es noch!“

Sie lehnte sich entspannt zurück, strich sich eine silbrige Locke aus dem Gesicht und blickte mit einer vollkommen unerschütterlichen Gelassenheit in die Runde.

„Ich fliege in drei Tagen ganz planmäßig mit meiner Familie zurück nach London.“, erklärte Lumina mit einem vielsagenden Lächeln.

„Und in ein paar Monaten komme ich ohnehin für mein Studium wieder zurück nach Tokio. Wer weiß schon, was bis dahin alles passiert?“

Ihre magentafarbenen Augen blitzten verschmitzt auf, als sie ihren Blick kurz auf das Foto von Tala auf dem Tablet richtete.

„Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mir seine Nummer längst über Kai besorgt oder ihn über irgendeinen Online-Kanal angeschrieben“, schmunzelte Lumina gelassen und schüttelte den Kopf. „Aber Valkov braucht jetzt erst einmal Zeit, um seinen eigenen Kopf wieder zu sortieren. Er soll sich in Moskau ruhig ein wenig an seinem eigenen Stolz abarbeiten. Ich lasse das alles ganz entspannt auf mich zukommen... aber eines ist sicher: Vergessen wird er diese Woche so schnell nicht.“

Nami nippte schweigend an ihrem Tee und beobachtete ihre Cousine. Ein feines, wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie erkannte die unnahbare Eleganz und das Selbstbewusstsein in Luminas Haltung sofort wieder. Lumina ließ sich von niemandem die Zügel aus der Hand nehmen... weder von ihrem Vater noch von einem eiskalten RBA-Kapitän.

„Recht hast du“, stimmte Mariah lachend zu und nickte anerkennend. „Soll er in Moskau ruhig ein bisschen im eigenen Saft schmoren.“

In den folgenden drei Tagen kehrte im Ayame-Anwesen wieder die gewohnte Ruhe ein. Lumina verbrachte die verbleibende Zeit in Tokio vollkommen unbeschwert, genoss die Tage mit Nami und trat schließlich wie geplant ihren Flug nach London an, ohne Anstalten zu machen, Tala irgendwo ausfindig zu machen.

In Moskau war die Lage nach dem Wutausbruch im Kraftraum schnell wieder unter Kontrolle... zumindest nach außen hin.

Tala hatte seinen Teamkollegen mit zwei eisigen Blicken klargemacht, dass das Thema Tokio augenblicklich gestorben war.

Bryan, Spencer und Ian kannten ihn gut genug, um zu wissen, wann die Grenze überschritten war, und ließen die Sache ruhen.

Vier Tage nach seiner Abreise stand Tala spät abends am Fenster des RBA-Trainingskomplexes.

Der eisige Moskauer Regen trommelte gegen die dicken Scheiben.

Er dachte nicht in Romantik oder Sehnsucht.

Frauen waren für ihn bisher ein rein körperliches Ventil gewesen... eine kurzzeitige Befriedigung ohne Ansprüche, ohne Gespräche und ohne Konsequenzen. Meistens waren sie nach einer einzigen rauen Nacht von selbst verschwunden, abgeschreckt von seiner eiskalten, harten Art.

Lumina und Er hatten nicht einmal Nummern ausgetauscht.

Nach der Hochzeit von Kai und Nami hatte er gedacht, die eine wilde Nacht in seiner Ginza-Suite wäre das Ende gewesen. Dass er sich fünf Tage später in Shinjuku ein zweites Mal darauf eingelassen hatte, war gegen all seine eigenen eiskalten Prinzipien gewesen.

Sie machte keinerlei Anstalten, seine Nummer über Kai oder das Internet herauszufinden.

Sie war zurück nach London geflogen. Kein Drama. Keine Forderungen. Kein lästiges Hinterherrennen.

Tala verschränkte die harten Arme vor der Brust und ließ den Blick über die lichterloh leuchtende Arena unten im Hof schweifen.

Es war ihm mehr als recht.

Genau so musste es sein. Er brauchte kein Beziehungsdrama und er brauchte erst recht keine britische Aristokratin, die seinen Trainingsalltag durcheinanderbrachte. Die Sache war ein Ausrutscher seiner Reflexe gewesen, verursacht durch die Hitze der Nacht und eine Frau, die ihm für ein paar Stunden den Verstand rauben konnte.

Er zog seinen Launcher aus der Gürtelschnalle, spürte das vertraute, kühle Gewicht des Metalls in seiner Handfläche und drehte sich langsam um.

Dass sie in ein paar Monaten nach Tokio zurückkehren würde, war ihm völlig egal. Das hier war seine Welt: Beton, Stahl, Wut und Wolborg. Die Sache war erledigt.

Dachte er zumindest.