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Die letzte Gala des Jahres

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Die letzte Gala des Jahres

Ein paar Wochen später...

13. November...

Hiro Granger strich sich über das Revers seines Sakkos, während er den gut gefüllten Saal der BBA-Winter-Gala überblickte. Zwei Jahre in den USA vergingen wie im Flug, wenn man Tag und Nacht BBA-Projekte betreute. Tyson hatte ihm zwar vor einem halben Jahr am Telefon beiläufig erzählt, dass Kai Hiwatari sich tatsächlich eine Partnerin zugelegt hatte, aber Hiro hatte das für eine von Tysons üblichen Übertreibungen gehalten.

Kai und eine Beziehung?

Unvorstellbar.

Sein Blick blieb an einer silbrigen Haarwelle hängen.

Gegenüber am Fenster stand eine junge Frau in einem tiefblauen, elegant geschneiderten Abendkleid, das sanft über ihre Kurven fiel.

Ihr Profil war umwerfend.

~Die junge Frau aus dem BBA-Flur~

Hiro blinzelte. Es war drei Jahre her, aber er hatte dieses Gesicht nicht vergessen. Die Art, wie sie dastand, die erhabene Ruhe, ihre ozeanfarbenen Augen. Er war damals kläglich aufgelaufen, doch heute, als gereifter BBA-Repräsentant, witterte er eine zweite Chance für ein normales Gespräch.

Nami blickte auf, als Schritte neben ihr verstummten. Der Mann, der da im stilvollen Sakko vor ihr stand, kam ihr augenblicklich bekannt vor. Seine blaugrauen Haare, die wachen Augen... er trug immer noch dieselbe lockere, charmante Ausstrahlung wie damals.

Hiro lächelte, als er die junge Frau im tiefblauen Abendkleid vor sich sah. Die silbrigen Wellen und diese einzigartigen, ozeanfarbenen Augen hatte er nicht vergessen.

„Ich wusste doch, dass ich mich nicht getäuscht habe“, begann Hiro mit angenehmer, dunkler Stimme. „Vor drei Jahren im Korridor der BBA... Du hast mich damals ziemlich kalt auflaufen lassen. Schön, dich wiederzusehen.“

Nami blinzelte überrascht, ehe sich ein kleines, höfliches Lächeln auf ihren Lippen bildete. Sie erinnerte sich noch gut an das Gespräch. Er war damals wirklich nett gewesen, hatte eine ruhige, angenehme Art und war nicht unattraktiv... aber für sie gab es schon damals nur eine einzige Person auf dieser Welt.

„Hiro, richtig?“, fragte sie ruhig und zeigte keine Scheu. Namis Stimme klang weich, aber bestimmt. „Ich erinnere mich. Mein Vater war damals an dem Tag bei Mr. Dickenson. Tut mir Leid, dass ich damals so kurz angebunden war.“

Hiro lachte leise. „Mach dir keinen Kopf. Ich hatte mich damals nur gewundert, wer die selbstbewusste junge Frau war, die mir so souverän einen Korb gegeben hat. Ich habe dich damals ehrlich gesagt auf mindestens einundzwanzig geschätzt aber... ich schätze mal das war nicht richtig?“

Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Da lagst du tatsächlich gewaltig daneben. Ich war damals sechzehn. Und dein Name ist mir nur im Gedächtnis geblieben, weil mein Vater genau wie du Hiro heißt.“

Hiro stockte für den Bruchteil einer Sekunde.

~Sechzehn?! ~

Er spürte, wie ihm kurz die Spucke wegblieb, als er im Kopf nachrechnete. „Du warst erst... Oh Mann. Okay, das ist mir jetzt ein wenig unangenehm. Ich dachte tatsächlich du sagst jetzt, dass du damals Neunzehn warst.“

„Nein, ich bin jetzt... Neunzehn“, antwortete Nami ganz gelassen.

Bevor Hiro die Neuigkeit richtig verdauen konnte, schob sich von hinten ganz selbstverständlich eine Hand um Namis Taille. Die Handfläche lag schützend auf dem Stoff ihres Kleides, genau dort, wo sich unter der feinen Seide die deutliche Rundung ihres Bauches im sechsten Monat abzeichnete, welche ihm tatsächlich erst jetzt auffiel.

Kai trat aus dem Schatten der großen Marmorsäule an Namis Seite. Seine rubinroten Augen fixierten Hiro mit dieser unumstößlichen, eiskalten Ruhe, die BBA-Veteranen nur zu gut kannten.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Kai mit tiefer, gelassener Stimme.

Hiro starrte überrascht von Kai zu Nami... und dann auf Kais Hand, die ganz vertraut über Namis Bauch strich. An Namis Ringfinger blitzte im Licht der Kronleuchter der Ehering.

In Hiros Kopf fügte sich schlagartig alles zusammen.

Das war also Kais Freundin? Beziehungsweise seine Frau? Und die hübsche Sechzehnjährige, die ihm vor drei Jahren eiskalt einen Korb gegeben hatte, war mit neunzehn Jahren nun die Ehefrau von Kai Hiwatari.

„Kai?“, entfuhr es Hiro, ehe er sich rasch fing und beschwichtigend die Hände hob. Ein verlegenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Nein, absolut kein Problem. Ich habe mich nur... gelinde gesagt im Alter verschätzt.“

Nami blickte kurz zu Kai auf. Ihr Blick war sanft und voller Vertrauen, als sie sich ein wenig näher an seine Seite lehnte. Dann sah sie amüsiert zu Hiro zurück. „Keine Sorge, Hiro. Das passiert den Besten.“

Kai verzog keine Miene, doch in seinen rubinroten Augen blitzte ein trockenes, amüsiertes Funkeln auf. Seine Hand ruhte weiterhin vollkommen selbstverständlich an Namis Hüfte, während er Hiro mit einem kühlen, fast spöttischen Blick musterte.

„Eigentlich passiert das nur Leuten, die zu lange in den USA waren“, stellte Kai gewohnt ruhig und mit tiefer Stimme fest.

Nami wandte ihm augenblicklich den Kopf zu. Sie wusste auf der Stelle, worauf er anspielte.

Ein feines Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen, als die Erinnerung an Max und ihre jüngere Schwester Midori vor ihrem geistigen Auge auftauchte.

„Das ist etwas völlig anderes, Kai“, gab Nami schmunzelnd zurück und sah ihren Ehemann von der Seite an, während ihre Hand sanft auf seinen Arm glitt. „Midori hatte Max damals schließlich falsche Informationen gegeben. Er hatte ja keine Chance, es besser zu wissen.“

„Sie hat ihn nach Strich und Faden angelogen“, korrigierte Kai trocken, ohne den Blick von Hiro zu wenden. „Und er hat es geglaubt.“

Hiro blinzelte ein paar Mal verwirrt zwischen den beiden hin und her. Er verstand zwar die genauen Hintergründe dieser kleinen Insider-Anekdote nicht, aber die spürbare Vertrautheit zwischen Kai und Nami war unübersehbar.

„Ich wurde jedenfalls nicht angelogen“, meldete sich Hiro mit einem leisen Lachen zurück und hob leicht die Hände, um die Situation vollends zu entspannen. „Ich habe mich einfach nur von deiner Ausstrahlung täuschen lassen, Nami. Wer mit sechzehn schon so auftritt, macht es einem nicht gerade leicht.“

Kai veränderte seine Haltung nicht um einen Millimeter. Seine Hand blieb besitzergreifend und schützend auf Namis Hüfte, knapp oberhalb des Babys. Bei Hiros Worten verzog er keine Miene, doch die Kälte in seinen rubinroten Augen wich einem leichten, fast unmerkbaren Funken von Überlegenheitsgefühl.

Er wusste genau, was für eine Wirkung Nami auf Männer hatte. Dass Hiro Granger... immerhin der viel gepriesene Trainer und Strategie-Kopf aus den USA... damals genauso eiskalt an Namis Mauer aufgelaufen war wie jeder andere, spornte Kai keineswegs an, eifersüchtig zu werden.

Im Gegenteil.

Es bestätigte ihm nur erneut, dass Nami schon immer unerreichbar für den Rest der Welt war. Für alle außer ihn.

Ein ganz minimales, trockenes Spottlächeln stahl sich auf Kais Lippen... so leicht, dass man es fast übersehen konnte.

„Ein Fehler, den du nicht noch einmal machen solltest, Granger“, sagte Kai mit tiefer, samtiger, aber unmissverständlicher Stimme.

Nami verharrte mitten in der Bewegung.

~Granger?~

Das Wort hallte kurz in ihrem Kopf nach. Ihr Blick glitt von Kais kühlem Profil zurück zu Hiro. Tysons Nachname war Granger. Bisher hatte sie sich nie Gedanken darüber gemacht, weil Hiro für sie damals einfach nur ein sympathischer Fremder mit demselben Vornamen wie ihr Vater gewesen war. Aber die bläulichen Haare, die wachen Augen, die unterschwellige Energie…

„Warte kurz“, sagte Nami und sah Hiro mit leicht geöffneten Lippen an. „Granger? Bist du etwa… mit Tyson verwandt?“

Hiro konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Er fuhr sich schmunzelnd durch die Haare und nickte. „Das kommt davon, wenn mein kleiner Bruder vergisst zu erwähnen, dass er Familie hat. Ja, ich bin Tysons zehn Jahre älterer Bruder.“

Nami blinzelte einmal. Dann noch einmal.

~Zehn Jahre älter?~

In ihrem Kopf ratterte es augenblicklich.

Tyson war etwa in ihrem Alter. Wenn Hiro zehn Jahre älter war… war er damals sechsundzwanzig gewesen.

Ein leichtes, unwillkürliches Schlucken entkam ihrer Kehle. Das bedeutete, sie war damals von einem sechsundzwanzigjährigen Mann flirtend angesprochen worden... während sie sechzehn war und Hiro sie für einundzwanzig gehalten hatte. Was die Sache noch skurriler machte: Nami hatte ihn damals auf allerhöchstens zwanzig geschätzt! Seine lockere, fast jugendliche Art hatte ihn in ihren Augen viel jünger wirken lassen.

Sie hütete sich jedoch weise davor, diese Zahl laut auszusprechen. Stattdessen sah sie Hiro mit einer Mischung aus Erstaunen und leichter Belustigung an.

„Tyson hat dich wirklich mit keinem Wort erwähnt“, gab Nami ehrlich zurück und versuchte, sich ihre kleine innere Erschütterung nicht anmerken zu lassen. „Ich wusste nicht einmal, dass er einen Bruder hat.“

Kai, dessen Hand nach wie vor auf Namis Taille lag, registrierte den kurzen Blickaustausch und das feine Zögern seiner Frau sofort. Er neigte den Kopf leicht zu ihr herab, die rubinroten Augen aufmerksam. Er spürte ganz genau, wie die Rädchen in ihrem Kopf arbeiteten.

„Was ist?“, fragte Kai mit tiefer, ruhiger Stimme direkt an ihrem Ohr.

Nami sah zu ihm auf und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Nichts. Ich habe nur gerade die mathematische Gleichung hinter diesem Gespräch gelöst.“

Sie wandte sich wieder an Hiro. „Es ist wirklich eine kleine Welt, Hiro. Aber jetzt ergibt es zumindest Sinn, warum du dich damals auf dem BBA-Gelände so selbstverständlich bewegt hast.“

Hiro lachte trocken und zuckte die Schultern. „Tja, Tyson behält die wichtigen Dinge eben gerne für sich... oder er ist einfach zu beschäftigt mit Essen. Aber keine Sorge, Nami. Ich werde meinem Bruder beibringen müssen, dass man die Frau von Kai Hiwatari mit etwas mehr Respekt ankündigt, damit mir so ein unwissendes Aufeinandertreffen nicht noch einmal passiert.“

„Das wäre ratsam“, kommentierte Kai trocken und zog Nami noch ein Stück näher an sich. Seine Blicke blieben ruhig, aber die unmissverständliche Aura des Siegers war ihm in jeder Faser anzumerken.

„Tyson vergisst vieles. Du solltest es besser wissen.“

Hiro hob schmunzelnd die Hände. „Botschaft angekommen, Kai. Ich überlasse euch beiden das Feld, bevor du mir noch eine Lektion in Sachen BBA-Diplomatie erteilst. War mir trotzdem ein Vergnügen, ihr Beiden.“

Mit einem Nicken verabschiedete sich Hiro und schlenderte zurück in Richtung der anderen BBA-Funktionäre.

Nami sah ihm kurz nach, ehe sie sich vollends an Kais Brust lehnte und leise ausatmete.

~Sechsundzwanzig~

Kai sah von der Seite zu ihr hinab. Ein ganz leichtes, seltenes Schmunzeln stahl sich auf seine Züge. „Er sah jünger aus, oder?“

Nami blickte schockiert zu ihm auf, ehe sie leise auflachte. „Woher wusstest du das?“

„Weil ich dich kenne“, antwortete Kai gelassen, legte seinen Arm etwas fester um sie und wandte sich mit ihr ab. „Und weil du immer noch schrecklich schlecht darin bist, deine Gedankengänge vor mir zu verstecken.“

Hiro hielt in seinem Schritt plötzlich inne und sah Tyson gelassen zu, wie dieser mit voll gestopftem Mund vom Buffet heranpolterte. Das Klackern seiner Turnschuhe war unverkennbar gewesen, doch Hiro verzog keine Miene. Er blieb vollkommen souverän, die Hände locker in den Hosentaschen geparkt.

„Ich hab dich vom Buffet aus genau beobachtet!“, rief Tyson, während er hastig schluckte und auf seinen Bruder zugelaufen kam. „Wieso läufst du einfach so auf Nami zu und setzt dein absolut schleimigstes Grinsen auf?“

„Schleimig?“, wiederholte Hiro trocken und zog eine Augenbraue hoch. „Ich war schlicht höflich, Tyson. Ich wollte nur einer alten Bekannten Hallo sagen.“

Tyson hielt mitten in der Bewegung inne und blinzelte ein paar Mal völlig verwirrt.

„Einer… alten Bekannten?“

Er sah kurz an Hiro vorbei. Nami stand inzwischen drüben am Buffet, einige Meter entfernt, und goss sich gelassen ein Glas Wasser ein. Kai stand etwa zwei Meter entfernt mit dem Rücken zu ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt, scheinbar völlig unbeteiligt an einem Gespräch mit einem anderen Gast... auch wenn seine rubinroten Augen aus dem Augenwinkel absolut aufmerksam blieben.

„Woher bitte willst du Nami kennen?“, bohrte Tyson nach und fuchtelte mit einem Häppchen-Spieß herum. „Du warst die letzten zwei Jahre in den USA! Ich kenn sie selbst erst seit etwas mehr als einem Jahr!“

In Tysons Kopf arbeiteten die Rädchen spürbar unter Schwerstlast. Er erinnerte sich dunkel an ein Gespräch vor drei Jahren. Hiro hatte damals nach einem Termin bei Mr. Dickenson in der BBA nur ganz beiläufig eine sehr hübsche, aber bemerkenswert selbstbewusste junge Frau erwähnt, die ihm im Korridor begegnet war. Hiro war damals durchaus ein wenig enttäuscht gewesen, dass er sie mit seiner charmanten Art nicht hatte überzeugen können.

Tysons Augen weiteten sich schlagartig. „Warte mal… Nein… Das war SIE damals im BBA-Hauptqartier?!“

Hiro schmunzelte ruhig. „Sie sah aus wie mindestens einundzwanzig, Tyson. Ihre Ausstrahlung war damals schon genauso erhaben wie heute.“

„Du Spinner!“, zischte Tyson entsetzt, schaute sich hektisch um und senkte die Stimme auf ein überfordertes Flüstern. „Sie war damals sechzehn!“

Hiro zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er blieb völlig entspannt, verbarg jedoch nicht das leise Schmunzeln auf seinen Lippen.

„Glaub mir, Tyson, spätestens dann wenn sie mir damals ihr Alter verraten hätte, wäre die Sache für mich auf der Stelle erledigt gewesen. Ich bin heilfroh, dass ich damals nicht weiter nachgehakt habe. Nichts läge mir ferner, als etwas Verbotenes zu tun.“

Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Wer ahnt denn auch, dass ein Teenager eine derart erwachsene Präsenz besitzt?“

Ein paar Meter weiter verzogen sich Kais Lippen zu einem unmerklichen, extrem trockenen Schmunzeln. Hiro Granger mochte eine Menge Ahnung von Beyblade-Strategien haben, aber in diesem Punkt war er damals schlicht an die Falsche geraten.

„Trotzdem…“, murmelte Tyson und warf einen nervösen Blick rüber zu Kai, der immer noch demonstrativ den Rücken zu ihnen kehrte.

„Du hast echt Glück gehabt, Hiro. BBA-Berater hin oder her... Namis Vater hätte dir damals sonst sicher die Hölle heiß gemacht.“

„Möglich“, antwortete Hiro gelassen und warf einen ruhigen Blick hinüber zu Nami, die friedlich ihr Wasser trank. „Aber die beiden passen perfekt zusammen. Das muss man ihnen lassen.“

Er schüttelte langsam, fast schon ungläubig den Kopf.

„Es ist wirklich surreal“, sagte er leise zu Tyson und fuhr sich mit einer Hand durch die blauen Haare. Seine souveräne Haltung blieb zwar bestehen, aber in seinem Blick lag eine ehrliche, amüsierte Fassungslosigkeit.

„Ich dachte ernsthaft, du machst Witze, als du mir vor einem halben Jahr am Telefon erzählt hast, dass Kai bereits seit Monaten eine Beziehung führt. Ich habe das für eines deiner üblichen Gerüchte gehalten und da ich kaum online unterwegs bin, auch nicht danach gegoogelt.“

Er sah erneut hinüber zu Nami und dann zu Kai, dessen breite Schultern und kühle Ausstrahlung den Bereich um sie herum wie eine undurchdringliche Festung abschirmten.

„Und jetzt stehe ich hier und muss feststellen, dass es nicht nur irgendeine Beziehung ist. Die beiden sind sogar verheiratet, und sie erwartet unübersehbar ein Kind von ihm. Mit gerade einmal neunzehn Jahren.“ Hiro stieß ein leises, trockenes Lachen aus. „Was um alles in der Welt ist in den letzten zwei Jahren passiert, dass die beiden so extrem schnell von null auf hundert gerauscht sind? Kai Hiwatari mit einundzwanzig als verheirateter Familienvater war so ziemlich das Letzte auf dieser Erde, womit ich gerechnet hätte.“

Tyson verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste breit, auch wenn er froh war, dass die Woge der Aufregung geglättet war.

„Tja, bei Kai gibt es eben keine halben Sachen. Entweder ganz oder gar nicht. Und Nami... Nami ist einfach die Einzige, die ihn wirklich im Griff hat.“

Hiro ließ den Blick noch einmal kurz über das Paar gleiten, bevor er sich wieder vollends seinem Bruder zuwandte und schmunzelnd den Kopf schüttelte.

„Wirklich unfassbar“, murmelte er mit einem leichten, Selbstironischen Unterton. „Ich bin seit drei Monaten wieder Single und schaffe es mit fast dreißig nicht einmal, die Richtige zu finden... und Kai Hiwatari zieht mit einundzwanzig das volle Programm durch. Aber ganz ehrlich… ich verstehe es natürlich“, fügte Hiro mit ruhiger, anerkennender Stimme hinzu und sah seinen jüngeren Bruder an.

„Nami besitzt eine absolut unglaubliche Ausstrahlung. Kombiniert mit diesem Aussehen… da ist es schwer als Mann, nicht beeindruckt zu sein. Sie hat etwas an sich, das man extrem selten findet.“

Tyson nickte eifrig, schluckte den letzten Bissen seines Häppchens herunter und wischte sich die Finger an einer Serviette ab.

„Meine Rede!“, meinte Tyson und senkte die Stimme ein wenig. „Aber das Verrückte ist ja: Die beiden kennen sich überhaupt erst seit eineinhalb Jahren! Als Nami plötzlich in Kais Leben aufgetaucht ist, hat sich alles von jetzt auf gleich gedreht. Keiner von uns hätte gedacht, dass es bei Kai so schnell geht... aber ab dem ersten Tag gab es für ihn im Grunde keine andere Wahl mehr.“

Hiro zog spöttisch-amüsiert eine Augenbraue hoch und schmunzelte leise. „Eineinhalb Jahre… Unfassbar. Manche brauchen ein Jahrzehnt, um überhaupt zu wissen, was sie wollen, und Kai regelt sein gesamtes Leben in nicht einmal zwei Jahren.“

Nami lehnte sich leicht gegen die Kante des Buffet-Tisches und nahm einen kleinen Schluck aus ihrem Wasserglas. Ihre ozeanfarbenen Augen wanderte sanft zu Kai hinüber.

Sie erinnerte sich noch erstaunlich gut an jenen Nachmittag im Flur der BBA vor drei Jahren. Damals hatte sie Hiro nicht direkt zuordnen können, auch wenn ihr sein Gesicht seltsam vertraut vorgekommen war. Für sie war er schlicht ein charmanter Fremder gewesen. Ein Mann, der zwar voll in die Flirtoffensive gegangen war, dabei aber stets souverän, stilvoll und absolut höflich blieb. Er war zu keinem Zeitpunkt aufdringlich geworden. Und doch hatte sie damals diesen feinen Schatten der Enttäuschung in seinen Augen gesehen, als sie ihm ruhig, aber bestimmt erklärt hatte, dass er sehr freundlich sei, sie aber keinerlei Interesse habe.

Ein leises Kichern stieg in ihrer Kehle auf, das sie nur mit Mühe unterdrücken konnte, während sie Kai weiter beobachtete.

Nach außen hin stand er vollkommen stoisch und unnahbar da. Der Herr aus der BBA-PR-Abteilung Mr. Shimamoto, redete mit Händen und Füßen auf ihn ein und gestikulierte aufgeregt über irgendein anstehendes Event, doch Kai würdigte ihn kaum eines Blickes.

Seine rubinroten Augen hingen ganz leicht im Augenwinkel, fixiert auf die beiden Granger-Brüder ein paar Meter hinter ihm. Er hörte Shimamoto nicht einmal im Ansatz zu... seine Ohren waren ganz eindeutig woanders. Kai belauschte das Gespräch zwischen Tyson und Hiro mit einer Präzision, die er sonst nur in seinen Kämpfen an den Tag legte.

Genau in diesem Moment spürte Kai ihren Blick.

Ohne seinen Kopf zu drehen oder seine kalte, dominante Haltung zu verändern, glitten seine Augen eine Nuance weiter zu ihr herüber. Sein rubinroter Blick traf direkt auf Namis ozeanfarbenen. Ein kaum wahrnehmbares Zucken an seinem Mundwinkel verriet ihr, dass sie ihn absolut durchschaut hatte.

Nami hob ihr Glas mit einem feinen, wissenden Lächeln an die Lippen, während Kais Blick für einen winzigen Herzschlag weicher wurde, ehe er sich mit gewohnt kühler Gelassenheit wieder dem völlig ahnungslosen Shimamoto zuwandte.

Sie stellte das Wasserglas mit einem leisen Klirren auf den Tisch zurück. Ein sanftes, amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie sich vom Buffet löste. Mit leichten, eleganten Schritten schlenderte sie hinüber zu der kleinen Gruppe, in der Kai nach wie vor die unerschütterliche Ruhe selbst miemte.

Mr. Shimamoto war gerade vollkommen vertieft in seine Ausführungen über Werbeverträge, als Nami sich ganz selbstverständlich von der Seite an Kai schmiegte. Sie legte ihre Hand sanft auf seinen Arm, glitt mit den Fingern den Stoff seines Sakkos entlang und lehnte ihren Kopf für einen kurzen, vertrauten Moment an seine Schulter. Die feine Rundung ihres Bauches berührte dabei leicht seine Hüfte.

Shimamoto verstummte augenblicklich, verneigte sich höflich vor Nami und nutzte die Gunst der Stunde, um sich mit einem murmelnden „Ich stelle Ihnen die Unterlagen morgen zu, Mr. Hiwatari“ diskret zurückzuziehen.

Kaum war der Mann außer Hörweite, neigte Nami ihren Kopf leicht nach oben. Ihre ozeanfarbenen Augen funkelten voller Schelmerei, während ein neckisches Lächeln ihre Mundwinkel umspielte.

„Sag mal…“, flüsterte sie mit weicher, samtiger Stimme, die nur für ihn bestimmt war, und sah ihn von unten herauf an. „Ist mein… besitzergreifender Ehemann etwa eifersüchtig auf einen Granger?“

Kai veränderte seine Haltung nicht um einen Millimeter. Seine Hand glitt jedoch wie automatisch von seiner Seite an ihre Taille, wo seine Finger sich schützend und vertraut in den Stoff ihres Kleides krallten. Seine rubinroten Augen wanderten langsam von Shimamoto hinab zu ihren weißen Wellen.

Er ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine Züge blieben gewohnt stoisch, doch in den Tiefen seiner Augen blitzte dieses dunkle, gefährliche Selbstbewusstsein auf, das ihn schon immer ausgezeichnet hatte.

„Eifersüchtig?“, wiederholte Kai mit dieser tiefen, ruhigen Stimme, die ein leichtes Vibrieren in ihrer Brust erzeugte. Ein extrem trockenes, kaum wahrnehmbares Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.

„Wozu sollte ich eifersüchtig sein? Er hat vor drei Jahren eine Abfuhr von dir kassiert... und heute sieht er zu, wie du meinen Ehering und mein Kind trägst. Nicht zu vergessen, dass er ohnehin von Anfang an viel zu alt für dich war...“

Er neigte den Kopf noch ein Stück weiter herab, sodass sein Atem leicht ihre Wangenhaut streifte, während seine Hand an ihrer Taille den Druck ganz minimal verstärkte... genau so viel, dass es sich unmissverständlich nach Besitzanspruch anfühlte.

„Die Granger-Brüder neigen einfach dazu, zu viel zu reden“, fügte er gelassen hinzu, während sein Blick noch einmal kurz und spöttisch zu Hiro und Tyson hinüberglitt. „Ich habe nur sichergestellt, dass er nicht vergisst, wo sein Platz ist.“

Nami unterdrückte ein leises Kichern und drückte sich noch etwas enger an seine Seite. „Du bist unmöglich, Kai Hiwatari.“

„Aber du hast mich geheiratet“, erwiderte Kai trocken, ohne eine Miene zu verziehen, während er sie sanft, aber bestimmt mit sich lenkte, um die Veranstaltung endgültig zu verlassen.

Hiro Granger schritt nun etwas abseits, lehnte sich an eine der massiven Marmorsäulen und beobachtete aufmerksam, wie die beiden Hand in Hand den Saal verließen. Nami lehnte sich im Gehen leicht an Kais Schulter, und Kai passte seinen gewohnt zügigen Schritt ganz selbstverständlich ihrem Tempo an.

Tyson trat neben seinen älteren Bruder, stützte die Hände in die Hüften und folgte Hiros Blick.

„Wieso gehen die beiden denn jetzt schon?“, fragte Hiro und wandte den Kopf leicht zu Tyson. „Die Gala läuft doch gerade erst warm.“

Tyson winkte gelassen ab und schnaufte amüsiert durch die Nase. „Ach, Kai hat sicher schon wieder genug vom ganzen Trubel. Bei der letzten größeren Spätsommer-Gala im September sind er und Nami auch schon viel früher abgehauen. Das ist bei denen völlig normal.“

Hiro nickte langsam. Ein feines Schmunzeln stahl sich auf seine Züge. „Stimmt... das sieht ihm ähnlich. Die Kameras und der ganze Aufruhr waren noch nie sein Ding.“ Er schwieg einen Moment, während er Kais breite Gestalt noch ein letztes Mal im Ausgangebereich fixierte, ehe die schweren Flügeltüren zufielen.

„Aber mal ehrlich, Tyson...“, fuhr Hiro fort und fuhr sich nachdenklich durch die Haare. „Es ist echt heftig, wie groß und... breit Kai geworden ist. Der Kerl überragt inzwischen sogar mich um ein gutes Stück. Was hat der bitte genommen, um so ein Schrank zu werden?“

Tyson lachte laut auf. „Naja... du hast ihn das letzte Mal gesehen, als er Siebzehn war. Ich denke mal er hatte einfach nochmal einen mega Wachstumsschub.“

„Worüber lacht ihr denn so?“, ertönte plötzlich eine ruhige Stimme hinter ihnen.

Ray und Max traten zu den Granger-Brüdern. Ray nahm einen entspannten Schluck aus seinem Glas, ehe er Hiro mit einem warmen Lächeln musterte.

„Hey, Hiro. Schön dich zu sehen! Wir haben uns ja ewig nicht mehr getroffen.“ Er hielt im Satz inne und zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Was ist so witzig gewesen? Tyson schaut, als hätte er eine interessante Geschichte zu erzählen.“

„Oh, ihr glaubt gar nicht, was eben passiert ist!“, platzte Tyson sofort dazwischen, ehe Hiro antworten konnte, und gestikulierte aufgeregt mit den Händen. „Unser lieber Hiro hier ist vorhin eiskalt zu Nami spaziert, um einen auf charmant zu machen... ohne zu wissen, wer sie ist! Und wisst ihr, was das Beste daran ist? Er hat sie schon vor drei Jahren im BBA-Hauptquartier angebaggert, als sie erst sechzehn war!“

Max riss schockiert die Augen auf, ehe er leise auflachte. Ray schüttelte schmunzelnd den Kopf, ehe sein Blick noch ein Stück skeptischer wurde. Er sah Hiro direkt an und konnte sich ein leichtes Frotzeln nicht verkneifen.

„Sag mal, Hiro... hattest du drüben in den USA eigentlich kein Fernsehen oder Internet?“, fragte Ray und legte den Kopf leicht schräg.

„Nami ist seit ihrem Debüt vor eineinhalb Jahren absolut keine Unbekannte mehr. Im Internet wimmelt es nur so von Pärchenfotos von ihr und Kai. Man kommt an den beiden doch eigentlich gar nicht vorbei.“

Hiro griff sich entschuldigend in den Nacken und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Na ja... du weißt doch, dass ich noch nie ein großer Social-Media-Freund war“, gab Hiro ehrlich zu und schmunzelte matt. „Ich habe die letzten zwei Jahre drüben in den Staaten fast ununterbrochen in San Francisco durchgearbeitet. Und wenn ich mal den Fernseher anhatte, liefen da nur US-Nachrichten. Nami und Kai mögen hier in Japan absolute Megastars sein, aber drüben in den USA waren sie ehrlich gesagt kein Thema. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung.“

„Ey, macht Hiro mal keinen Vorwurf!“, schaltete sich Max direkt ein und nahm Hiros Schulter schützend in Beschlag. Er sah zu Ray und Tyson und winkte grinsend ab. „Ich nehme ihn da vollkommen in Schutz. Mir ging es damals doch absolut genauso! Ich hatte auch keinen blassen Schimmer, dass Kai und Nami ein Paar waren. Die beiden waren schon Monate zusammen, und ich habe drüben in den USA rein gar nichts davon mitbekommen. Erst als ich damals zurück nach Japan kam, wurde ich überhaupt richtig darüber aufgeklärt, was hier eigentlich abgeht. Drüben kriegt man sowas einfach nicht mit, wenn man nicht aktiv danach sucht!“

Max schüttelte schmunzelnd den Kopf, während sein Blick amüsiert zu Hiro glitt. „Aber ich muss schon zugeben...“, meinte Max belustigt und hielt kurz inne, um im Kopf nachzurechnen, „...ein bisschen schockiert bin ich ja schon, dass du Nami damals angebaggert hast, als sie erst... sechzehn war.“

Kaum hatte Max das ausgesprochen, verpasste Tyson ihm einen leichten Schubs gegen die Schulter.

„Du musst gerade reden, Max!“, rief Tyson schmunzelnd und zeigte grinsend auf ihn. „Du hast doch vor einem halben Jahr selber Namis kleine Schwester angebaggert, als die erst vierzehn war! Die ist einfach mal ganze sechs Jahre jünger als du!“

Max erstarrte mitten in der Bewegung. Eine tiefe Röte stieg ihm blitzartig in die Wangen, und er räusperte sich heftig, während er sich angestrengt am Kragen seines Hemdes zog.

„Das... das war eine ganz andere Situation! Midori hat mich eiskalt angelogen! Sie meinte, sie sei siebzehn! Und außerdem und außerdem sind es nur fünf Jahre und vier Monate.“, versuchte Max stotternd zu beschwichtigen und sah hilfesuchend in die Runde.

Hiro wandte sich langsam zu Max um und bedachte ihn mit einem herrlich trockenen, amüsierten Blick. Eine Augenbraue wanderte langsam nach oben, während sich die Puzzleteile in seinem Kopf endgültig zusammensetzten.

„Aha...“, überlegte Hiro laut und verschränkte die Arme entspannt vor der Brust. Ein feines, überlegenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „Jetzt verstehe ich also auch endlich die kleine Anekdote, die Kai und Nami vorhin so amüsiert ausgetauscht haben. BBA-USA scheint in Sachen Altersschätzungen tatsächlich ein echtes Musterdepot zu sein.“

Ray konnte sich nicht mehr halten und brach in schallendes Gelächter aus, während Max stöhnend das Gesicht in beiden Händen vergrub.

Schließlich beruhigte sich Ray wieder etwas, nahm noch einen Schluck aus seinem Glas und sah Hiro mit funkelnden Augen an. Ein breites, amüsiertes Grinsen lag auf seinen Lippen.

„Aber jetzt mal ohne Flachs, Hiro“, fragte Ray schmunzelnd und legte den Kopf leicht schräg. „Auf wie viele Jahre hast du Nami denn damals bitteschön geschätzt, dass du dich so souverän an sie herangetraut hast?“

Hiro winkte mit einer leichten Handbewegung ab und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Das ist doch heute wirklich absolut nicht mehr wichtig“, meinte er gelassen und fuhr sich durch die blauen Haare. „Ich habe mich damals schlicht im Alter verschätzt, Nami hat mir direkt einen höflichen, aber glasklaren Korb gegeben und damit war die Sache für mich erledigt.“

Ray schmunzelte wissentlich, ehe er sein Glas leicht schwenkte. „Der eigentliche Grund für den Korb damals war übrigens Kai selbst.“

Hiro runzelte leicht die Stirn, schwieg jedoch und sah Ray nur abwartend an. In seinem Kopf ergab das auf den ersten Blick wenig Sinn. Soweit er es verstanden hatte, kannten sich Kai und Nami zu jenem Zeitpunkt noch überhaupt nicht. Und Kai war damals gerade erst ganz frisch nach Tibet gereist.

Ray schien die Zweifel auf Hiros Stirn mühelos zu erahnen. Er trat einen Schritt näher, während sein Blick warm und ein wenig nachdenklich wurde.

„Nami hat damals pausenlos Körbe an jeden verteilt, der es auch nur ansatzweise bei ihr versucht hat“, erklärte Ray leise und lächelte sanft. „Und zwar schlichtweg deshalb, weil sie schon damals nur einen einzigen Mann im Kopf hatte... und das im Grunde seit sie zehn Jahre alt war. Sie hatte sich zwar nie fest in den Kopf gesetzt, Kai irgendwann zu erobern oder ihm hinterherzulaufen... aber allein der Gedanke an ihn war für sie mehr als genug, um niemals auch nur das geringste Interesse an irgendeinem anderen zu entwickeln.“

Hiro zog eine Augenbraue hoch. Ein leises, amüsiertes Lachen entkam seiner Kehle, in dem aber auch eine deutliche Dosis ehrlicher Faszination mitschwang.

„Das ist... wirklich bemerkenswert“, gab Hiro ehrlich zu. Er schüttelte amüsiert den Kopf, ehe er mit ruhiger, unmissverständlicher Stimme sofort klarstellte: „Aber versteht mich nicht falsch... selbst wenn Nami damals auf meine Avancen eingegangen wäre... ich hätte das Ganze auf der Stelle wieder beendet, sobald ich ihr wahres Alter herausgefunden hätte. Nichts läge mir ferner.“

Tyson grinste breit und klopfte seinem älteren Bruder kräftig auf die Schulter. „Keine Sorge, Hiro, wir wissen doch, dass du ein Anständiger bist. Aber gegen Kais Schatten hattest du damals eben von vornherein absolut keine Chance!“

Tyson hielt sich nun den Bauch und fügte schallend lachend hinzu: „Was Max letztendlich übrigens auch nicht davon abgehalten hat, trotzdem mit Namis Schwester zusammenzukommen!“

Hiro verharrte mitten in der Bewegung. Sämtliche Amüsiertheit wich schlagartig aus seinen Zügen, als er seinen Kopf langsam zu Max herumdrehte. Er starrte ihn völlig fassungslos an.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Hiro mit ungläubiger, tiefer Stimme und fixierte den blonden Amerikaner mit einem Blick, der pure Entgeisterung ausstrahlte. „Sag mir bitte, dass das ein schlechter Scherz ist. Du bist tatsächlich mit einer Vierzehnjährigen zusammen?!“

Max zog augenblicklich den Kopf ein. Für einen kurzen Bruchteil einer Sekunde überlegte er ernsthaft, auf der Stelle kehrtzumachen und einfach aus dem Gala-Saal zu flüchten. Hiros stechender Blick strafte ihn regelrecht ab und ließ ihn sich klein fühlen. Doch er riss sich zusammen, blieb stehen und hob beschwichtigend beide Hände.

„Es... es hat sich eben einfach so ergeben!“, stotterte Max schnell, während ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er versuchte krampfhaft, Hiros erzieherischem Blick standzuhalten. „Und Midoris Vater ist absolut damit einverstanden! Außerdem gehen wir das Ganze extrem langsam an, es ist noch überhaupt nichts passiert! Und... und Midori ist inzwischen auch schon fünfzehn!“

Tyson bog sich derweil vor Lachen komplett doppelt. Er hielt sich schlapp lachend am Arm von Ray fest, der ebenfalls leise vor sich hin schmunzelte, während Hiro Max weiterhin schockiert und kopfschüttelnd musterte. Die bodenlose Überforderung von Max in Kombination mit Hiros strenger Standpauke war für Tyson das absolute Highlight des gesamten Abends.

Derweil an einem anderen Ort...

Der Bentley glitt geschmeidig in den nächtlichen Verkehr von Tokio. Das leise Schnurren des Motors und das sanfte Summen der Straßenlaternen, die rhythmisch über das Dach huschten, hüllten den Innenraum in eine angenehme, ruhige Atmosphäre.

Nami kuschelte sich etwas enger an Kais Seite. Ihre Hand glitt sanft über seinen Unterarm, ehe sie den Kopf zu ihm hochdrehte. Ein feines, unglaublich liebes, aber durchweg neckisches Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Du kannst erzählen, was du willst, mein Schatz.“, flüsterte sie schmunzelnd und sah ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen von unten herauf an. „Aber ich liebe es einfach, wenn du so besitzergreifend bist. Und ehrlich… Hiros Gesichtsausdruck war einfach unbezahlbar, als ihm schlagartig klar wurde, wer mein Ehemann ist.“

Kai blickte zu ihr herab. Seine rubinroten Augen blieben ruhig, doch der Griff an ihrer Hüfte wurde unmerklich fest und warm. Ein extrem trockenes, kaum sichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.

„Er brauchte eben eine kleine Orientierungshilfe.“

Nami gluckste leise. In diesem Moment fiel ihr Blick auf den Rückspiegel der Limousine.

Dort sah sie, wie sich eine von Grahams graumelierten Augenbrauen mit chirurgischer Präzision nach oben schob. Sein Blick im Spiegel war vollkommen ruhig, seine Haltung am Steuer unerschütterlich wie eh und je, aber diese eine hochgezogene Braue sprach Bände.

Nami lehnte sich ein Stück vor, ein helles Lachen in der Stimme. „Graham! Ich sehe diese Augenbraue!“

„Ich hege nicht die geringste Absicht, mich aufzudrängen, Madame“, erklang Grahams gewohnt glasklare, britische Stimme aus dem Fahrerbereich, ohne dass er den Blick von der Straße wandte. „Ich registrierte lediglich eine gewisse… dynamische Unruhe beim Verlassen des Saals.“

„Hiro Granger dachte vor drei Jahren, ich sei mindestens einundzwanzig“, erzählte Nami amüsiert in Kurzform, während sie sich wieder an Kais Schulter schmiegte. „Er hat mich damals im BBA-Hauptquartier angesprochen. Und heute meinte er allen Ernstes, mich daran erinnern zu müssen... bis Kai hinter mir auftauchte, seine Hand auf meinen Bauch legte und ihn fragte, ob er ein Problem habe. Du hättest Tysons Bruder sehen müssen, Graham. Er ist schier eingefroren, als ihm dämmerte, dass die Sechzehnjährige von damals heute Kais schwangere Ehefrau ist.“

Im Rückspiegel senkte sich Grahams Augenbraue langsam wieder, während er den Wagen geschmeidig um eine Kurve lenkte. Seine Mimik blieb vollkommen unbewegt, doch sein Tonfall war trocken wie bester Martini.

„Eine äußerst lehrreiche Anekdote über die Tücken der Altersschätzung, Madame“, kommentierte Graham gelassen. „Es erfüllt mich mit beruhigender Genugtuung zu wissen, dass Master Kai die BBA-Diplomatie auf seine gewohnt… feinfühlige Art gehandhabt hat. Es wäre schließlich ausgesprochen betrüblich gewesen, wenn Mr. Granger den Abend mit der falschen Annahme beendet hätte, er befände sich in einem unverbindlichen Plausch.“

Nami lachte leise auf und vergrub ihr Gesicht kurz an Kais Brust.

Kai hingegen verzog keine Miene. Er blickte nicht einmal nach vorne, sondern strich Nami lediglich sanft über die silbrigen Wellen ihres Haares.

„Fahr einfach weiter, Graham“, brummte Kai mit tiefer, ruhiger Stimme.

„Selbstverständlich, Master Kai.“, parierte Graham augenblicklich, ohne auch nur eine Sekunde an Haltung zu verlieren. „Ich bringe Sie auf direktem Wege nach Hause. Bevor womöglich noch ein BBA-Funktionär auf die Idee kommt, Ihnen zur erfolgreichen Revierverteidigung zu gratulieren.“

Kai neigte den Kopf herab, hob Namis Kinn mit seiner freien Hand an und legte seine Lippen auf ihre. Der Kuss war tief, warm und getränkt von dieser gewohnten, unumstößlichen Vertrautheit, die er nur ihr gegenüber offenbarte. Seine Hand an ihrer Taille zog sie eine Nuance näher an sich, ehe er sich langsam wieder von ihr löste. Seine rubinroten Augen ruhten auf ihren, während seine Lippen noch eine Millimeter von ihren Lippen entfernt lagen.

„Gott sei Dank war das die letzte Gala für die nächsten acht Monate“, sagte Kai gewohnt trocken und mit dieser tiefen, rauen Stimme, die Nami jedes Mal aufs Neue eine feine Gänsehaut bescherte.

Er lehnte seinen Kopf an die Kopfstütze zurück, hielt ihren Blick jedoch fest fest.

„Und für die nächste Veranstaltung im Sommer habe ich bereits die perfekte Ausrede“, fügte er vollkommen gelassen hinzu, während sich ein extrem feines, fast unmerkliches Schmunzeln auf seinen Zügen abzeichnete.

„Ich muss mich um das Baby kümmern.“

Nami hielt sich mit einer Hand an seinem Sakko fest und lachte laut auf. Das helle, perlend klare Geräusch erfüllte den Innenraum der Limousine. Graham fing ihren Blick im Rückspiegel auf und ließ ein spürbar amüsiertes, wenn auch stummes Schmunzeln zu, während er den Wagen geschmeidig durch die nächtlichen Straßen steuerte.

„Ach ja?“, fragte Nami neckisch, berührte sanft Kais Wangenknochen mit ihren Fingerspitzen und sah ihn mit funkelnden, ozeanfarbenen Augen an. „Du planst also schon deine Ausreden für den Sommer? Dann lass mich dich ganz vorsichtig an deinen Terminkalender für die nächste Woche erinnern, mein Lieber.“

Kai zog eine Augenbraue hoch, behielt aber seine stoische Ruhe. „Was ist nächste Woche? ... außer mein Geburtstag am Samstag den ich am Liebsten vergessen würde... “

Nami lehnte sich ein Stück vor, bis ihre Nasenspitze fast die seine berührte, und raunte ihm mit einem zuckersüßen, hochamüsierten Lächeln zu: „Nächste Woche steht unsere allererste Stunde im Geburtsvorbereitungskurs an. Und du hast mir versprochen, dass du mitkommst.“

Für einen winzigen Augenblick erstarrte Kais sonst so unbewegliche Miene. Seine rubinroten Augen weiteten sich um einen kaum wahrnehmbaren Bruchteil, ehe er den Kopf leicht abwandte und einen unendlich trockenen Seufzer ausstieß.

Auskünfte über Beyblade-Strategien, Tachiwari-Verhandlungen oder unaufmerksame BBA-Funktionäre wie Hiro Granger wickelte er im Schlaf ab... aber die Vorstellung, mit einem Dutzend anderer werdender Väter in einem Raum zu sitzen und Atemübungen zu machen, stellte selbst Kai Hiwatari vor eine völlig neue Herausforderung.

„Der Kurs“, wiederholte Kai dumpf und sah wieder zu ihr herab.

„Der Kurs“, bestätigte Nami nickend, während sie sich vor Lachen kaum mehr einkriegen konnte und ihren Kopf an seiner Brust vergrub.

Aus dem Fahrerbereich ertönte augenblicklich Grahams glasklare, unerschütterliche Stimme.

„Ich werde den Termin selbstverständlich mit höchster Priorität behandeln, Master Kai.“, merkte Graham vollkommen unbeeindruckt an. „Soll ich für die Atemschulung eventuell ein Kissen aus dem Anwesen mitführen lassen?“

Kai würdigte Graham keines Blickes, doch der leichte Druck seiner Hand auf Namis Rücken verriet, dass er sich seinem Schicksal ergeben hatte. „Konzentrier dich einfach auf die Straße, Graham.“