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Der Kurs

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Kurs

Der Motor des Bentley schnurrte leise, als die schwere Limousine geschmeidig durch den dichten Abendverkehr des Shinagawa-Distrikts glitt. Draußen nieselte es leicht, und die bunten Lichter der Wolkenkratzer spiegelten sich nass auf der langen, tiefgrünen Motorhaube.

Kais Hände lagen ruhig und präzise auf dem Leder des Lenkrads, während seine rubinroten Augen aufmerksam die Straße fixierten. Seine Züge wirkten stoisch wie eh und je, doch die gewohnte Anspannung in seinen Schultern war unverkennbar.

Nami saß auf dem Beifahrersitz und wandte den Kopf zu ihm. Ihr Blick war warm, aber ein unverkennbar neckisches Schmunzeln umspielte ihre Lippen, während sie das städtische Familienzentrum ansteuerten.

„Ist das wirklich in Ordnung für dich?“, begann Nami leise und legte ihre Hand sanft auf seinen Oberschenkel. Sie spürte die festen Muskeln unter dem Stoff seiner dunklen Hose. „Ich kenne dich, Kai. Räume voller fremder Menschen, die über Gefühle, Atemtechniken und Wickelmethoden reden, stehen vermutlich auf Platz eins deiner persönlichen Albtraum-Liste. Wir können immer noch umdrehen.“

Kai veränderte seine Haltung nicht um einen Millimeter. Seine Finger schlossen sich einen Hauch fester um das Lenkrad, ehe er den Wagen geschmeidig in eine reservierte Parkbucht direkt vor dem beleuchteten Gebäude lenkte. Er schaltete den Motor aus, und schlagartige Stille hüllte den Innenraum ein.

Er drehte den Kopf langsam zu ihr herum. Seine rubinroten Augen trafen auf ihre ozeanfarbenen.

„Wir drehen nicht um“, sagte Kai mit seiner tiefen, rau-samtigen Stimme vollkommen gelassen. Er neigte sich ein Stück zu ihr herüber, legte seine große Hand über ihre auf seinem Oberschenkel und blickte sie unaufgeregt an.

„Du weißt genau, dass ich mir so etwas für niemanden auf dieser Welt antun würde. Aber für dich und das Baby mache ich es. Also hör auf zu fragen.“

Nami spürte ein warmes Kribbeln in der Brust. Ein leises, glückliches Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. Sie lehnte sich vor und drückte einen sanften Kuss auf seine Lippen, den Kai ohne zu zögern erwiderte und vertiefte, ehe er sich langsam wieder löste.

„Danke, mein Schatz“, raunte sie weich.

„Gehen wir“, brummte Kai trocken, schnallte sich ab und stieg aus.

Das Gebäude strotzte nur so vor moderner, übertrieben freundlicher Architektur. Helles Holz, Pastelltöne an den Wänden und das sanfte Plätschern eines kleinen Zimmerbrunnens im Foyer sollten eine beruhigende Atmosphäre schaffen. Für Kai fühlte es sich vermutlich eher wie eine visuelle Beleidigung an.

Nami hängte ihre dicke Winterjacke an die Garderobe im Flur des zweiten Stockwerks. Unter ihrem weichen, grauen Schwangerschaftskleid zeichnete sich der Bauch im sechsten Monat mittlerweile wunderschön und unübersehbar ab. Kai legte seinen dunklen Mantel daneben, behielt jedoch seinen dunkelblauen Rollkragenpullover an, der seine breiten Schultern und seine beeindruckende Statur perfekt betonte.

Als sie den großen Kursraum betraten, schlug ihnen der Duft von Lavendelöl und Kamillentee entgegen. Auf dem hellen Parkettboden lagen große, dicke Sitzkissen und Gymnastikmatten in einem weiten Kreis aufgebaut. An den Wänden hingen farbenfrohe Poster mit Aufschriften wie

„Gemeinsam stark für den ersten Schrei“.

Doch in dem Moment, als Kai und Nami über die Türschwelle traten, erstarrte die bisher locker plappernde Runde schlagartig.

Die sechs anderen Paare, die bereits auf den Matten saßen, verstummten mitten im Gespräch. Ein Mann im grauen Pullover verschluckte sich sichtlich an seinem Wasser. Zwei der werdenden Mütter rissen mit leicht geöffnetem Mund die Augen weit auf und starrten das Paar ungläubig an.

Es dauerte keine zwei Sekunden, bis jedem im Raum klar war, wer da gerade den Raum betreten hatte. Die Weltpresse, Sportmagazine und Klatschspalten waren in den letzten eineinhalb Jahren voll von Fotos der beiden gewesen. Der weltberühmte, legendenumwobene Beyblade-Champion und Tachiwari-CEO Kai Hiwatari... der sonst nur in Maßanzügen, Arena-Lichtern oder bei Pressekonferenzen zu sehen war... stand leibhaftig in einem Tokioter Geburtsvorbereitungskurs. Und an seiner Seite seine Ehefrau Nami, deren atemberaubende Eleganz selbst in einem einfachen Strickkleid den gesamten Raum einnahm.

Auch die Kursleiterin... Miss Kirigaya, eine Frau Mitte vierzig mit kurzer Frisur und bunten Holzperlen... hielt mitten in der Bewegung inne. Sie hatte gerade die Klangschalen sortiert, als ihr der Blick auf die Neuankömmlinge fiel. Für einen kurzen Augenblick entglitt ihr die professionelle Routine vollkommen.

„O-Oh...“, entfuhr es ihr, ehe sie sich hastig fing, sich den Rock glattstrich und auf die beiden zueilte. Ihr Gesicht war eine Mischung aus ehrfürchtiger Überraschung und hektischer Freundlichkeit. „Willkommen! Mr. Hiwatari... Mrs. Hiwatari! Es... es ist uns eine außerordentliche Ehre, Sie hier bei uns begrüßen zu dürfen!“

Ein spürbares Flüstern ging durch die Reihe der anderen Väter.

„Ist das... ist das wirklich Kai Hiwatari?“, raunte einer der Männer seiner Frau panisch zu. „Was macht DER denn hier?!“

Kai verzog keine Miene. Seine stechenden rubinroten Augen streiften die überraschte Runde mit stoischer Kälte, ehe er Miss Kirigaya mit einem millimeterkurzen Nicken bedachte. Seine Aura strahlte eine derart unerschütterliche Dominanz aus, dass Frau Sato unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.

„Guten Abend“, übernahm Nami mit einem gewohnt charmanten, weichen Lächeln, um die Schockstarre im Raum etwas zu lösen. „Wir freuen uns auf den Kurs.“

„Ja! Natürlich! Sehr gerne!“, stammelte Miss Kirigaya schnell und gestikulierte aufgeregt in Richtung der freien Matten. „Suchen Sie sich einfach ein gemütliches Plätzchen!“

Das Hinsetzen erwies sich für Kai als doppelte Herausforderung. Während Nami sich mühelos auf eines der flachen Kissen sinken ließ, musterte Kai den Boden mit äußerstem Misstrauen. Kai Hiwatari im Schneidersitz auf einer rosa-grauen Stoffmatte war ein Anblick, für den die Presse vermutlich ein Vermögen gezahlt hätte.

Mit einer flüssigen, wenn auch sichtlich widerwilligen Bewegung ließ er sich schließlich neben Nami nieder, die langen Beine abgewinkelt, während er versuchte, seine beachtliche Statur irgendwie auf dem begrenzten Raum unterzubringen.

Die Reaktionen der Männer um sie herum waren unbezahlbar. Der werdende Vater zu Kais Linker... ein junger Mann im gestreiften Pullover... rutschte augenblicklich gute zwanzig Zentimeter mit seinem Kissen nach links weg. Es war die natürliche Reaktion eines jeden, der plötzlich neben einer lebenden Legende saß, die einen Kopf größer war und aussah, als könnte sie den Raum mit einem einzigen Blick einfrieren.

Nami beugte sich leicht zu Kai herüber, ihre Lippen nah an seinem Ohr. „Ich glaube, der Herr neben dir hat gerade Angst um sein Leben.“

„Er sollte sich lieber auf seine Frau konzentrieren“, brummte Kai tief und ohne den Blick von der Raummitte zu wenden.

Miss Kirigaya räusperte sich lautstark, um die Aufmerksamkeit der sichtlich abgelenkten Gruppe wieder auf sich zu lenken.

„So! Liebe werdende Eltern!“, begann sie, wobei ihre Stimme ein wenig höher klang als sonst.

„Heute widmen wir uns der Unterstützung der werdenden Mutter während der Wehen. Es geht um Druckentlastung im unteren Rücken und die richtige Atemtechnik. Väter, ihr seid das Fundament!“

Miss Kirigaya wandte sich direkt der Praxis zu. „Wir beginnen mit einer Übung zur Entlastung des Schultergürtels. Die Mütter setzen sich bitte direkt vor ihre Partner zwischen deren Beine und lehnen sich zurück. Die Väter greifen von oben an die Schultern und üben mit den Handballen kreisenden Druck auf den Nacken aus. Sanft, aber bestimmt!“

Nami drehte sich um und rutschte schmunzelnd eng an Kai heran. Sie setzte sich genau zwischen seine Oberschenkel und lehnte ihren Hinterkopf an seine breite Brust. Sie spürte augenblicklich, wie sich Kais Körper für einen kurzen Moment anspannte.

Er war es gewohnt, Beyblade-Stadien zu beherrschen und Multi-Millionen-Deals zu unterzeichnen... nicht, im Schneidersitz Massagen zu demonstrieren, während zwölf Augenpaare gebannt zu ihm rüberschielten.

„Wenn du jetzt den Raum verlässt, erzähle ich Tyson jedes einzelne Detail“, raunte Nami ihm leise zu.

Kai neigte den Kopf leicht nach unten. Seine raue Stimme strich an ihrem Ohr entlang: „Granger würde keine drei Sekunden überleben, wenn er es wagen sollte, darüber zu lachen.“

Trotz der Blicke im Raum legten sich seine großen, warmen Hände vollkommen flach auf ihre Schultern. Kai besaß durch jahrelanges Kampfsport- und Wettkampftraining eine absolute Kontrolle über jeden Muskel seines Körpers... und ein perfektes Verständnis für Anatomie.

Seine Finger schoben sich sanft unter den Kragen ihres Kleidchens, seine Daumen fanden auf Anhieb die verhärteten Punkte an Namis Nackenansatz. Mit genau der richtigen Mischung aus festem Druck und kreisenden Bewegungen begann er, ihre Verspannungen auszustreichen.

Nami stieß ein leises, wohliges Seufzen aus. „Oh... Gott, Kai... das ist wie immer fantastisch.“

„Ich kenne wie du weißt alle Druckpunkte“, erwiderte Kai vollkommen gelassen hinter ihr.

„Das hier unterscheidet sich nicht von der Regeneration nach einem harten Kampf. Unglaublich, dass man einen Kurs für so etwas braucht.“

Neben ihnen verlief die Übung deutlich chaotischer. Der Mann im gestreiften Pullover war so nervös... teils wegen der Übung, teils weil Kai Hiwatari direkt neben ihm saß... , dass er viel zu fest an den Schultern seiner Frau rüttelte. „Aua, Ryo, du tust mir weh!“, zischte seine Frau genervt.

Miss Kirigaya ging durch die Reihen, um Hilfestellung zu geben. Doch als sie bei Kai und Nami ankam, blieb sie erneut fasziniert stehen. Sie sah, wie vollkommen entspannt Nami an Kais Brust lehnte und wie präzise, ruhig und rhythmisch Kais Hände arbeiteten. Kai strahlte eine solche Kälte und Beherrschung aus, dass die Ausführung schlicht perfekt war.

„Mein Gott...“, entfuhr es Miss Kirigaya leise, ehe sie laut in die Runde rief: „Seht euch das bitte an! Mr. Hiwatari zeigt hier eine absolute Lehrbuch-Technik! Er nutzt die Kraft nicht aus den Handgelenken, sondern aus dem Schwerpunkt des Rückens. Unglaublich!“

Nami vergrub ihr Gesicht an Kais Arm, um nicht laut loszulachen.

Kai blickte die Kursleiterin mit seinen stechenden rubinroten Augen ruhig an. Seine Hände führten die Massage ohne Unterbrechung fort.

„Es ist nur Mechanik“, antwortete Kai knapp, tief und unerschütterlich.

Der Mann neben ihm schluckte schwer und sah Kai mit einer Mischung aus Neid und tiefer Ehrfurcht an.

Eine Dreiviertelstunde später läutete Miss Kirigaya den nächsten Teil der Stunde ein: Die Atemübungen.

Sie schlug eine kleine Klangschale an, deren Ton vibrierend durch den Raum schwebte. Kai zog bei dem Summen ganz minimal die Stirn in Falten.

„Wenn die Wehe ihren Höhepunkt erreicht, muss der Vater den Rhythmus vorgeben!“, verkündete Miss Kirigaya. „Ihr atmet tief durch die Nase ein... und lasst den Atem mit einem tiefen Stoßseufzer durch den Mund entweichen. Ich möchte von den Herren ein kraftvolles, tiefes 'Huuuuuuuh' hören! Das gibt den Müttern Halt!“

Der Raum verwandelte sich innerhalb von Sekunden in ein skurriles Theater. Die Männer fingen an, auf den Kissen zu wippen und gequält klingende „Huuuuuh“- und „Pfffffft“-Geräusche von sich zu geben.

Es klang stellenweise eher wie eine Dampflokomotive auf Abwegen.

Nami drehte sich zu Kai um. Er saß kerzengerade da. Seine eine Hand lag nun sanft auf ihrem Babybauch, die andere hielt ihre Hand fest umschlossen. Seine Miene war die absolute Definition von stoischer Verweigerung.

„Du machst kein 'Huuuh'?, flüsterte Nami mit funkelnden Augen und einem breiten Grinsen.

Kai sah ihr direkt in die Augen. In den Tiefen seiner rubinroten Iris lag dieses dunkle, gefährliche Selbstbewusstsein.

„Ich veranstalte hier keine Zirkusvorstellung, mein Schatz“, raunte Kai so leise, dass nur sie es hören konnte. Seine Stimme war tief und rauchig.

„Ich muss nicht wie ein verletztes Walross stöhnen, um dir Halt zu geben.“

Genau in diesem Moment versetzte das Baby in Namis Bauch Kais Handfläche einen kräftigen, deutlichen Tritt. Kai hielt mitten im Satz inne. Seine Augen weiteten sich um einen kaum wahrnehmbaren Bruchteil, und der Druck seiner Finger um Namis Hand wurde unmerklich fester.

Sein Blick glitt nach unten zu ihrem Bauch, ehe er sie wieder ansah. Sämtliche Härte in seinen Zügen wich für einen winzigen Herzschlag einer tiefen, beschützerischen Wärme.

„Siehst du?“, flüsterte Nami weich.

„Er stimmt dir zu.“

Kai ließ ein extrem trockenes, kaum hörbares Schmunzeln auf seinen Lippen zu. Er neigte sich vor, bis seine Stirn ganz leicht die ihre berührte. „Ich bin hier“, sagte er schlicht, aber mit einer Intensität, die jeden Stoßseufzer der Welt meilenweit in den Schatten stellte. „Das ist alles, was zählt.“

Als die eineinhalb Stunden schließlich vorbei waren und Miss Kirigaya die Runde zum Teetrinken einlud, erhob sich Kai augenblicklich mit einer mühelosen, eleganten Bewegung. Er reichte Nami die Hand und zog sie sanft, aber bestimmt auf die Beine.

Miss Kirigaya trat noch einmal vorsichtig an die beiden heran. „Mr. Hiwatari, Mrs. Hiwatari... vielen Dank, dass Sie da waren! Es war... eine wirklich beeindruckende Stunde.“

„Danke. Bis nächste Woche“, verabschiedete sich Nami freundlich, während Kai sich knapp verneigte.

Draußen im Flur zog Kai Nami liebevoll ihre dicke Jacke an, schloss den Reißverschluss bis zum Hals und strich ihr die silbrigen Haarsträhnen aus dem Gesicht, bevor er in seinen eigenen Mantel schlüpfte. Die Blicke der anderen Paare folgten ihnen bis zur Tür.

Als sie schließlich zum Auto zurückkehrten und die kühle Novembernacht sie umfing, stiegen sie in den warmen Innenraum des Bentley. Kai startete den Motor, der leise aufschnurrte.

Nami lehnte sich seufzend in den Ledersitz zurück und sah ihn von der Seite an.

„Und?“, fragte sie neckisch, während der Wagen geschmeidig anrollte. „Wie fand der große Kai Hiwatari seine allererste Stunde im Geburtsvorbereitungskurs... und den Schock der anderen Kursteilnehmer?“

Kai steuerte die Limousine auf die Hauptstraße, ohne den Blick von den Lichtern Tokios zu wenden. Seine Hand wanderte vom Schalthebel hinüber zu Namis Oberschenkel und strich dort sanft drüber.

„Die Massage war machbar“, stellte Kai gewohnt trocken fest. Ein ganz leichtes, spöttisches Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab. „Aber die Atemübungen der anderen Männer waren peinlich. Und der Mann neben mir sollte dringend an seiner Haltung arbeiten.“

Nami lachte laut und hell auf. Das Geräusch erfüllte den ganzen Innenraum des Autos.

„Du warst großartig, mein Schatz“, sagte sie ehrlich, griff nach seiner Hand auf ihrem Bein und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Auch wenn du die halbe Gruppe zu Tode erschreckt hast.“

„Ich habe niemanden erschreckt“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme und warf ihr aus dem Augenwinkel einen Blick zu, der Bände sprach. „Ich habe nur auf das aufgepasst, was mir gehört.“

Nami ließ sich noch ein Stück tiefer in den geschmeidigen Ledersitz des Bentley sinken. Der Regenschleier auf der Frontscheibe brach das Licht der Straßenlaternen in ein warmes, goldenseidenes Muster, während Kai den Wagen ruhig und flüssig durch den nächtlichen Verkehr von Tokio steuerte.

Sie drehte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete sein scharf geschnittenes Profil. Seine Hände ruhten gelassen auf dem Lenkrad, doch an der leichten Anspannung seiner Kiefermuskeln erkannte sie sofort, dass er gedanklich den Abend bereits als abgehakt verbuchte... bereit, das Familienzentrum hinter sich zu lassen.

Ein leises, unheimlich amüsiertes Lächeln stieg in Nami auf. Sie hob ihre freie Hand, fuhr mit der Fingerkuppe langsam über seinen Unterarm hinauf und strich mit dem Zeigefinger sanft über die Wölbung seiner Wange.

„Du weißt aber schon...“, begann sie leise, wobei ihre Stimme von einem unverkennbaren, samtigen Unterton getragen wurde, „...dass das heute erst der Auftakt war?“

Kai warf ihr aus dem Augenwinkel einen kurzen, trockenen Blick zu, veränderte seine Haltung am Steuer aber nicht um einen Millimeter. „Nächste Woche wäre noch ein Termin, oder?“

„Nun ja“, raunte Nami und drehte ihren Ehering mit den Fingern der anderen Hand auf seinem Oberschenkel, „Miss Kirigaya hat es doch am Anfang erwähnt. Dieser Kurs geht über insgesamt sechs Wochen. Jeden Dienstagabend. Exakt um neunzehn Uhr.“

Für einen klitzekleinen Moment... so kurz, dass es jemand anderem niemals aufgefallen wäre... erstarrte Kais Hand auf dem Schalthebel. Ein tiefer, kaum hörbarer Seufzer entwich seiner Brust.

„Sechs Wochen“, wiederholte Kai mit einer Stimme, die so trocken war, wie ein guter Sherry.

„Sechs ganze Wochen“, bestätigte Nami und unterdrückte ein leises Glucksen. Sie beugte sich ein Stück weiter zu ihm herüber, legte ihr Kinn auf seine breite Schulter und sah ihn von unten herauf mit funkelnden Augen an.

„Und du warst heute so herausragend, mein Schatz. Ein absolutes Naturtalent. Die Vorzeigefigur des Abends! Ich bin mir sicher, Miss Kirigaya zählt ab jetzt jede Woche fest auf deinen perfekten Körperschwerpunkt bei der nächsten Massage. Und Ryo neben dir braucht ganz offensichtlich noch deine stumme, aber gewaltige moralische Unterstützung.“

Kai hielt an einer roten Ampel an. Er schaltete in den Leerlauf, drehte den Kopf langsam zu ihr herum und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an. In seinen rubinroten Augen blitzte eine gefährliche, aber durch und durch liebevolle Schärfe auf.

„Wenn du glaubst, dass ich nächste Woche auch nur einen einzigen Ton hecheln werde, täuschst du dich gewaltig, Nami“, raunte Kai tief. Seine freie Hand wanderte an ihren Nacken, wo seine langen Finger sich sanft in ihr silbrig weißes Haar schoben und ihren Kopf ein wenig anhob, sodass ihre Lippen nur Millimeter voneinander entfernt waren.

„Ich werde da sein. Ich werde deine Schultern massieren. Aber wenn dieser Ryo mich noch einmal so ansieht, als wollte er ein Autogramm auf seiner Gymnastikmatte, werfe ich ihn aus dem Fenster.“

Nami lachte leise auf und spürte seinen warmen Atem auf ihren Lippen. „Ich werde ihn warnen. Aber du musst zugeben: Für den legendären Kai Hiwatari gibt es Schlimmeres, als sechs Wochen lang seine Frau zu verwöhnen.“

Kai sah sie einen Moment lang schweigend an. Die Ampel sprang auf Grün, doch ehe er den Wagen wieder anrollen ließ, beugte er sich vor und raubte ihr mit einem tiefen, intensiven Kuss den Atem.

„Nur wegen dir“, murmelte er rau gegen ihre Lippen, ehe er sich löste, den Gang einlegte und den Bentley wieder geschmeidig durch die Nacht steuerte. „Nur wegen dir.“

Nami lehnte ihren Kopf glücklich an seine Schulter und schloss die Augen. Der Dienstagabend war offiziell zu ihrer neuen Lieblingszeit der Woche geworden.

Das schmiedeeiserne Tor des Ayame-Anwesens öffnete sich lautlos, als der Bentley die kiesbelegte Auffahrt hinaufglitt. Die Scheinwerfer des Wagens erhellten die klassizistische Fassade des Herrenhauses, das in der kühlen Novembernacht eine erhabene, fast zeitlose Ruhe ausstrahlte. Es wirkte wie eh und je eher wie ein altes europäisches Anwesen als ein Gebäude am Rande Tokios.

Kai hielt den Wagen direkt vor dem imposanten Eingang an und schaltete den Motor aus.

Noch bevor er den Wagen verlassen konnte, öffnete sich die schwere Eichentür des Hauses. Graham trat heraus, makellos gekleidet wie immer, und schritt mit gemessenen, lautlosen Schritten auf die Beifahrerseite zu. Punktgenau in dem Moment, als Nami die Tür öffnete, hielt Graham ihr mit einer leichten, tiefen Verneigung aufmerksam die Hand entgegen, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

„Willkommen zu Hause, Madame“, sagte Graham mit gewohnt sanfter, ruhiger Stimme.

„Danke, Graham“, lächelte Nami, während sie sich vorsichtig auf die Beine stellte und ihr graues Strickkleid glattstrich.

Kai stieg auf der Fahrerseite aus, warf die Wagentür mit einem satten Geräusch ins Schloss und schritt um die Front des Bentley herum. Seine Hände ruhten tief in den Taschen seines dunklen Mantels.

Graham trat einen Schritt zur Seite, übernahm flüssig den Schlüssel des Wagens und folgte den beiden in die von warmem Licht erfüllte, weitläufige Eingangshalle. Die Stille des noch ruhigen Hauses tat nach der turbulenten Stunde im Familienzentrum ausgesprochen gut.

„Ich vertraue darauf, dass die Fahrt angenehm verlief, Master Kai?“, begann Graham, während er Kais schweren Mantel entgegennahm und ihn auf einen hölzernen Kleiderbügel hängte. Er wandte sich Nami zu, um auch ihre Winterjacke entgegenzunehmen.

„Und dass die... pädagogischen Unterweisungen des Abends Ihren Erwartungen entsprachen?“

Nami unterdrückte ein Schmunzeln und sah zu Kai hinüber, der sich gerade die dunklen Haarsträhnen aus der Stirn strich.

Kai verzog keine Miene. Seine rubinroten Augen fixierten den älteren Butler mit stoischer Kälte.

„Miss Kirigaya war der Ansicht, dass ich ein Naturtalent bin, Graham“, antwortete Kai mit extrem trockener, tiefer Stimme, während er sich den Kragen seines Rollkragenpullovers zurechtrückte. „Und der Rest der Männer im Raum hat ausgesehen wie eine Herde verängstigter Geister.“

Grahams Augenbraue hob sich um eine kaum wahrnehmbare Nuance. Sein Gesicht blieb vollkommen unverändert, doch in seinen grauen Augen blitzte dieser typische, feine Humor auf, den nur Eingeweihte zu deuten wussten.

„Eine äußerst treffende Beschreibung, Master Kai“, kommentierte Graham vollkommen spurlos und verneigte sich leicht. „Ich hatte auch nichts anderes als absolute Perfektion von Ihnen erwartet. Es muss für die übrigen Herren gewiss eine... ernüchternde Erfahrung gewesen sein, sich mit Ihrer Präsenz auf einer Gymnastikmatte messen zu müssen.“

Nami konnte sich nicht mehr zurückhalten und ließ ein helles Lachen ertönen, das durch die hohe Halle hallte.

Kai warf Graham einen Blick zu, der jeden anderen Mann auf der Stelle zum Schweigen gebracht hätte, doch der erfahrene Butler zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Ich habe vorsorglich bereits einen leichten Kamillentee für Madame vorbereitet“, fügte Graham nahtlos im selben trockenen Tonfall hinzu und trat einen Schritt zurück. „Sowie einen Whiskey für Sie, Master Kai. Soll ich Ihnen das Serviertablett bringen?“

Kai sah den Butler einen Moment lang schweigend an, ehe die Strenge in seinen Zügen einem ganz leichten, spöttischen Entspannungsmoment wich.

„Bring gerne alles in die Bibliothek, Graham“, wies Kai an und fasste Nami sanft, aber bestimmt um die Taille, um sie zu sich zu ziehen. „Und danke.“

„Sehr wohl, Master Kai. Eine angenehme Nacht wünsche ich den Herrschaften.“ Graham verneigte sich tief und schritt mit absoluter Diskretion in Richtung der Dienstbotenräume davon.

Nami lehnte ihren Kopf an Kais Schulter, während sie gemeinsam zur Bibliothek schritten.

„Ich liebe Graham einfach“, flüsterte Nami schmunzelnd.

„Er erlaubt sich zu viele Freiheiten“, brummte Kai rau an ihrer Schläfe, drückte ihr jedoch im selben Atemzug einen warmen Kuss auf das Haar.

„Aber er weiß genau, wann ein Whiskey nötig ist.“