Der Zar und sein Geburtstag
Der Zar und sein Geburtstag
Die doppelten Flügeltüren der Bibliothek gaben ein leises, vertrautes Knarren von sich, als Kai sie aufschob. Der Duft von altem Leder, dunklem Holz und dem gelagerten Papier hunderter Bücher stieg ihnen augenblicklich entgegen... eine vertraute Zuflucht, die Nami schon immer geliebt hatte.
Das Zimmer war nur vom sanften Schein des Kaminfeuers erhellt, das knisternd die Schatten an den hohen Wänden tanzen ließ. Auf dem massiven Mahagonitisch bei den tiefen Ledersesseln stand bereits das Serviertablett, das Graham mit seiner gewohnten, lautlosen Effizienz vorausgeschickt hatte: Dampfender Kamillentee mit einem Hauch Honig in feinem Porzellan für Nami und ein schweres Kristallglas mit bernsteinfarbenem Whiskey für Kai.
Kai entledigte sich seiner schweren Armbanduhr, legte sie auf das Tablett und schenkte sich einen kleinen Schluck nach.
Nami ließ sich mit einem leisen Seufzer der Erleichterung in den breiten Ledersessel sinken und zog die Beine leicht an, während sie die Tasse in beiden Händen wärmte.
„Der Kleine hat heute wirklich Kraft bewiesen“, sagte Nami leise und sah lächelnd ins Feuer. „Als du deine Hand auf meinem Bauch hattest... das war das erste Mal, dass man den Tritt so deutlich von außen gespürt hat.“
Kai schritt langsam herüber. Er nahm keinen Platz auf dem gegenüberliegenden Sessel, sondern setzte sich direkt auf die breite Armlehne neben ihr. Das Kristallglas hielt er locker in der Hand. Seine rubinroten Augen fixierten das Flammenspiel, bevor sein Blick zu ihr hinabglitt.
„Er reagiert auf Druck“, stellte Kai mit gewohnter Präzision fest. Doch die Schärfe in seiner Stimme fehlte völlig. „Er wird stur werden.“
Nami lachte leise und blickte zu ihm auf. „Oh, wirklich? Ich frage mich, von wem er das wohl haben könnte.“
Kai hob das Glas an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck des kräftigen Whiskeys und ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit kurz im Glas kreisen. Ein ganz leichtes, kaum wahrnehmbares Schmunzeln zeigte sich an seinen Mundwinkeln.
„Er ist bereits jetzt unruhig, wenn zu viele Menschen im Raum sind“, brummte er tief. „Das spricht für einen guten Instinkt.“
Nami stellte ihre Tasse auf das Schränkchen neben sich, griff nach Kais freier Hand und zog ihn sanft zu sich. Kai leistete keinen Widerstand. Er stellte sein Glas ab, glitt von der Armlehne herunter auf das Kissen neben sie und zog sie ohne ein weiteres Wort in seine Arme. Nami bettete ihren Kopf an seine breite Brust und schloss die Augen. Der gleichmäßige Rhythmus seines Herzschlags und die angenehme Wärme seines Körpers wogen sie augenblicklich in absolute Sicherheit.
Seine großen, rauen Finger schoben sich sanft unter ihr silbriges Haar, strichen langsam über ihren Nacken und verharrten schließlich schützend auf ihrem Bauch.
„Danke, Kai“, flüsterte Nami nach einer Weile der Stille. „Ich weiß, wie viel Beherrschung dich dieser Abend gekostet hat. Vor all den fremden Leuten zu sitzen und... so nahbar zu sein.“
Kai verharrte kurz in der Bewegung seiner Hand. Sein Atem streifte ihr Haar, als er die Stirn an ihre Schläfe lehnte.
„Ich habe dir gesagt, dass ich da bin“, raunte er tief, die Stimme rau und unumstößlich. „Die Welt da draußen interessiert mich nicht, Nami. Aber hier drin... in diesem Haus, mit dir... gibt es nichts, was ich nicht tun würde.“
Nami drehte das Gesicht leicht, um einen sanften Kuss auf seine Halsbeuge zu drücken, wo sie die pulsierende Wärme seiner Haut spürte. Kais Griff um ihre Taille verstärkte sich unmerklich... ein stummer, aber mächtiger Ausdruck seiner tiefen Beschützerinstinkte.
Das Knistern des Kaminfeuers und das leise Ticken der Standuhr in der Ecke waren die einzigen Geräusche in der nächtlichen Stille des Ayame-Anwesens, während die beiden noch lange so verweilten, vollkommen losgelöst von der Welt da draußen.
Nami lehnte sich noch ein Stück enger an Kai und genoss die wohlige Wärme, die er ausstrahlte. Ihre Finger strichen langsam über den Stoff seines Pullovers, bevor sie ihren Kopf leicht hob, um ihn von unten anzusehen. Ein verschmitztes, unverkennbar neckisches Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab.
„Apropos 'nichts, was du nicht tun würdest'…“, begann sie leise, während ihr Daumen sanft über seine Handfläche glitt. „Wir haben bald den zwanzigsten November.“
Kai veränderte seine Haltung nicht, doch seine Augenbraue hob sich um einen winzigen Millimeter. Ein tiefes, leises Brummen entwich seiner Brust.
„Erinnere mich nicht daran“, entgegnete er trocken, während sein Blick wieder zum knisternden Kaminfeuer wanderte. „Ich habe dir letzte Woche schon gesagt, dass wir diesen Tag am besten einfach überspringen und so tun, als gäbe es ihn im Kalender gar nicht.“
Nami konnte ein leises, helles Glucksen nicht unterdrücken. Sie stützte ihr Kinn auf seine Brust und sah ihn mit funkelnden Augen an.
„Ach komm schon, mein Schatz. Es könnte doch so viel schlimmer kommen“, raunte sie schmunzelnd. „Ich habe übrigens heute kurz mit Hilary gesprochen.“
Bei dem Namen zuckte Kais Kiefermuskel fast unmerklich. Die Erinnerung an das vergangene Jahr war offensichtlich noch sehr präsent.
„Und?“, fragte er kurz angebunden, als befürchte er bereits das Schlimmste. „Was hat sie diesmal geplant? Wieder einen Ausflug in den Vergnügungspark? Eine Überraschungsparty mit Luftballons?“
„Gar nichts“, antwortete Nami triumphierend und ließ ihr Lächeln noch etwas breiter werden. „Sie hat bis jetzt mit keinem einzigen Wort erwähnt, dass du wieder einen Tag im Disneyland erdulden musst... so wie letztes Jahr, wo du mit Micky-Maus-Ohren bedroht wurdest.“
Kai warf ihr einen düsteren, aber durch und durch amüsierten Blick zu. „Sag nie wieder das Wort 'Disneyland' in meiner Gegenwart, Nami.“
„Keine Sorge“, gluckste sie und strich ihm sanft über die Wange, bevor ihre Hand nach unten glitt und liebevoll auf ihrem Babybauch ruhte. „Dieses Jahr hast du nämlich das ultimative Schutzschild. Ich bin schließlich deine beste Ausrede überhaupt. Mit einer Frau im sechsten Monat stellt sich die Frage nach Achterbahnen und riesigen Menschenmengen gar nicht erst. Hilary musste einsehen, dass das dieses Mal absolut keine gute Idee ist.“
Kai sah von ihren ozeanfarbenen Augen hinab zu ihrer Hand auf dem Bauch, in dem ihr gemeinsamer Sohn heranwuchs. Die gewohnte Härte in seinen Zügen schmolz augenblicklich dahin. Eine tiefe, ruhige Wärme breitete sich in seinen rubinroten Augen aus.
Er legte seine große, warme Hand direkt über ihre, spürte die sanfte Rundung und die wohlige Hitze unter dem dicken Strickstoff.
„Endlich nützt dieser kleine Mann da drin mir mal was“, brummte Kai mit einer so extrem trockenen, tiefen Stimme, dass Nami laut auflachen musste.
Er beugte sich vor, legte seine Lippen an ihre Schläfe und saugte ihren Duft ein. „Kein Disneyland. Keine Partys. Nur wir zwei hier im Anwesen. Das ist das beste Geburtstagsgeschenk, das du mir machen kannst.“
„Das lässt sich einrichten, Mr. Hiwatari“, flüsterte Nami schmunzelnd und schlang ihre Arme eng um seinen Nacken. „Ein ganz ruhiger Tag. Ganz ohne Tyson, ganz ohne Kostüme... nur wir und Graham, der dir deinen Whiskey serviert.“
„Perfekt“, murmelte Kai rau gegen ihre Lippen, ehe er das Gespräch auf die beste Art beendete und sie in einen tiefen, verlangenden Kuss zog.
Als Kai sich langsam von ihren Lippen löste, schwieg er einen Moment, während sein Blick nachdenklich ins Kaminfeuer wanderte. Seine rubinroten Augen verengten sich ganz leicht, und das düstere, spöttische Schmunzeln kehrte auf seine Zügen zurück.
„Ich traue dieser Ruhe trotzdem nicht“, merkte er gewohnt trocken an und verengte die Augen. „Granger führt ganz sicher wieder irgendetwas Bescheuertes im Schilde. Der Kerl ist physisch gar nicht in der Lage, meinen Geburtstag nicht als Ausrede für eine völlig übertriebene Überraschungsparty zu nutzen.“
Nami lachte laut und herzlich auf. Das süße Geräusch echote von den hohen Decken der Bibliothek wider.
„Na, das müssen wir eben mit allen Mitteln verhindern“, sagte sie verschmitzt und tätschelte liebevoll seine Brust. „An diesem Tag bleibt das eiserne Tor des Anwesens eben einfach komplett verriegelt. Graham bekommt die Anweisung, absolut niemanden hineinzulassen. Keine Chance für Tyson.“
„Gut“, brummte Kai tief und fuhr sich mit der freien Hand flüchtig durch das dunkle Haar. „Allerdings... gibt es da ein kleines Problem. Ich muss am Samstagmorgen trotz allem kurz in den Tower.“
Nami hielt inne und sah ihn vollkommen überrascht aus ihren ozeanfarbenen Augen an. Die Stirn legte sich in leichte Fältchen.
„Was? Du musst arbeiten? Kannst du dir denn nicht wenigstens an deinem Geburtstag freinehmen, Kai?“
Kai neigte den Kopf ein Stück zu ihr und blickte sie ruhig an. „Glaub mir, ich würde lieber hierbleiben. Aber ich habe an diesem Morgen zwei internationale Termine mit den Vorständen aus London und New York. Die lassen sich wegen der Zeitverschiebung schlicht nicht verschieben. Aber keine Sorge... ich bin spätestens gegen zwölf Uhr mittags wieder zurück im Anwesen.“
Nami atmete leise aus, ehe sich ihr Blick wieder entspannte. „Na gut... vier Stunden gebe ich dir. Aber um Punkt zwölf erwarte ich dich wieder hier.“
Plötzlich hielt Kai mitten in der Bewegung inne. Seine Züge versteinerten für einen kurzen Herzschlag, als wäre ihm gerade ein schrecklicher Gedanke gekommen. Seine rubinroten Augen weiteten sich um ein klitzekleines Stück, und er sah Nami mit einer Mischung aus Skepsis und plötzlicher Vorahnung fest an.
„Sag mir bitte...“, begann Kai langsam und mit extrem tiefer, misstrauischer Stimme, „...dass Oma Yumi an diesem Sonntag hoffentlich nicht wieder irgendeine gigantische Familienfeier für ihren einundachtzigsten Geburtstag geplant hat.“
Nami starrte ihn für eine Sekunde an... und brach dann in ein so lautes, amüsiertes Lachen aus, dass sie sich leicht an seine Schulter lehnen musste.
„Nein! Um Himmels willen, nein“, beruhigte sie ihn glucksend und strich ihm sanft über die Wange, um die plötzliche Anspannung aus seinen Zügen zu vertreiben. „Oma Yumi und Opa Takeshi sind seit gestern für zwei ganze Wochen auf Okinawa. Sie genießen die Sonne und lassen sich verwöhnen. Du kannst also ganz beruhigt durchatmen... keine Verwandtschaftsinvasion an diesem Wochenende. Wir haben absolut unsere Ruhe.“
Kai ließ einen langen, tiefen Atemzug entweichen, während die Strenge in seinen Zügen wieder der gewohnten Gelassenheit wich.
„Gott sei Dank“, murmelte er spottlustig und zog Nami noch ein Stück enger an sich. „Okinawa klingt nach dem sichersten Ort der Welt für die beiden.“
20. November
Der hohe Konferenzraum in den obersten Etagen des Tachiwari-Towers bot durch die bodentiefen Glasfronten einen spektakulären Panoramablick über das morgendliche Tokio.
Doch Kais Aufmerksamkeit galt ausschließlich den hochauflösenden Bildschirmen vor ihm, auf denen die Vorstandsmitglieder aus London und New York zugeschaltet waren. Die Verhandlungen über die neuen Logistikrouten verliefen zäh, genau wie er es erwartet hatte.
Auf dem dicken Polster seines Ledersessels wirkte Kai wie gewohnt unnahbar und vollkommen fokussiert. Neben seinen Unterlagen lag sein Smartphone auf der dunklen marmornen Oberfläche des Tisches. Eigentlich schaltete er während solch wichtiger Konferenzen sämtliche Störquellen rigoros aus. Doch heute war das anders. Nami war im sechsten Monat schwanger, und die Vorstellung, dass etwas sein könnte und sie ihn nicht erreichte, war für ihn schlicht unakzeptabel. Das Handy blieb an.
Plötzlich erhellte das Display die glatte Marmorfläche.
Anruf: Tyson
Kai würdigte das Telefon keines Blickes. Er hatte es vorsorglich auf lautlos gestellt und die Vibration deaktiviert. Ohne mit der Wimper zu zucken, fuhr er fort, dem britischen Vorstandsmitglied eine präzise Zahl zu nennen.
Das Display erlosch.
Zwei Minuten später. Das Display leuchtete erneut auf.
Anruf: Tyson
Kai atmete unmerklich tiefer durch die Nase ein. Tyson gab einfach nicht auf.
Anruf Nummer drei. Anruf Nummer vier.
Während der Vertreter aus New York gerade ein Diagramm erläuterte, flackerte der Bildschirm des Smartphones bereits zum siebten Mal auf. Der Name Tyson schien sich regelrecht in das Glas einzubrennen. Kais rechte Hand, die locker auf der Armlehne geruht hatte, schloss sich ganz langsam zu einer festen Faust. Seine rubinroten Augen verengten sich zu zwei gefährlichen Schlitzen, während er den Blick nicht vom Hauptbildschirm abwandte. Der Kerl war absolut unbelehrbar.
Welcher normale Mensch rief innerhalb von zwanzig Minuten siebenmal hintereinander an?
Anruf Nummer acht.
Ein leichtes Zucken ging durch Kais Kiefermuskel. Er wusste exakt, was Tyson vorhatte. Wenn er nicht ans Telefon ging, würde Tyson versuchen, herauszufinden, wo er steckte, um doch noch irgendeine völlig übertriebene Geburtstagsüberraschung zu starten.
Beim neunten Anruf griff Kai mit einer fließenden, fast bedrohlich ruhigen Bewegung nach dem Smartphone, tippte blitzschnell auf dem Bildschirm herum und schob Tyson kurz und schmerzlos in die Stummschaltung für den restlichen Tag.
Nami hatte eine Prioritätsnummer... ihre Anrufe und Nachrichten würden trotz allem sofort durchkommen.
Als das Display beim zehnten Versuch schließlich stumm und dunkel blieb, entspannte sich Kais Haltung wieder minimal.
Er warf einen kurzen Blick auf die digitale Uhr an der Wand. 11:00Uhr. Noch fünfundvierzig Minuten. Dann würde er diesem Tower den Rücken kehren, Tysons Anrufe komplett ignorieren und pünktlich um zwölf Uhr zu Nami ins Anwesen zurückkehren... hinter die fest verschlossenen Tore, wo ihn garantiert niemand nerven konnte.
Am anderen Ende der Stadt...
Das massive, dunkel geschmiedete Eisentor des Ayame-Anwesens wirkte an diesem kühlen Novembervormittag noch undurchdringlicher als sonst. Dahinter erstreckte sich die lange, von alten Bäumen gesäumte Einfahrt zum Herrenhaus, auf der nicht die geringste Bewegung zu sehen war.
Vor den stählernen Stäben standen drei Gestalten in dicken Jacken. Tyson drückte sich beinahe die Nase an den kühlen Eisenstreben plattt, die Hände fest um das Gitter geklammert, während er ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.
„Das gibt's doch nicht! Warum ist das Tor zu? Und warum geht dieser Kerl verdammt noch mal nicht an sein Handy?!“, wetterte Tyson und zog sein Smartphone heraus, nur um frustriert auf das Display zu starren. „Ich habe bestimmt schon zehnmal angerufen! Zehnmal!“
Ray lehnte mit unter den Achseln verschränkten Armen an der steinernen Torsäule und stieß einen langen, matten Seufzer aus. Die weiße Dampfwolke seines Atems stieg in die kalte Morgenluft auf. Er sah Tyson mit einem Blick an, der halb aus tiefster Resignation und halb aus amüsierter Fassungslosigkeit bestand.
„Tyson... meinst du wirklich, dass das nötig ist? Kais Geduld jedes verdammte Jahr aufs Neue so auf die Probe zu stellen?“, fragte Ray mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme.
Max, der neben ihm stand und die Kragenöffnung seiner Jacke etwas enger zog, nickte zustimmend und verzog mitleidig das Gesicht. „Ray hat recht, Kumpel. Kai ist heute Morgen sowieso im Tower beschäftigt. Er arbeitet.“
„Na und? Es ist sein einundzwanzigster Geburtstag!“, rief Tyson empört und gestikulierte wild mit dem Arm, in dem er eine etwas zerknautschte, bunt eingepackte Schachtel hielt. „Man kann doch seinen Geburtstag nicht einfach verschlafen oder so tun, als wäre es ein ganz normaler Samstag! Wir sind seine Freunde, wir müssen das feierlich zelebrieren!“
„Du weißt ganz genau, dass Kai es schon immer gehasst hat, wenn du seinen Geburtstag so euphorisch zelebrierst und ihm damit auf die Pelle rückst“, entgegnete Ray trocken und zog eine Augenbraue hoch. „Er hat es mit vierzehn gehasst, er hat es mit siebzehn gehasst, und glaub mir, als Geschäftsführer der Tachiwari-Corporation und werdender Vater hasst er es heute erst recht.“
„Außerdem hat Nami doch neulich erst angedeutet, dass sie die Wochen vor der Geburt lieber ruhig angehen lassen wollen“, warf Max schmunzelnd ein und klopfte Tyson mitleidig auf die Schulter. „Ich wette, das verschlossene Tor ist nicht einmal eine böse Absicht von Kai. Nami hat Graham wahrscheinlich einfach den Befehl gegeben, heute niemanden reinzulassen, damit Kai endlich mal seine Ruhe hat.“
„Das ist doch eine Verschwörung!“, murrte Tyson, starrte das Tor noch einmal böse an und ließ die Schultern hängen. „Ich wollte ihm doch nur persönlich gratulieren... und ihm diese Beyblade-Sonderedition schenken.“
Ray schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Komm schon, Tyson. Wir legen das Pake in die Postbox am Tor und gehen einen Kaffee trinken. Wenn du jetzt hier stehen bleibst und weiter Krawall machst, kommt Graham gleich raus.“
Tyson zuckte merklich zusammen, als er an den steifen, unerschütterlichen Butler der Familie dachte. „Na gut... aber er kriegt die Karte trotzdem!“, brummte Tyson geschlagen.
Die hohen Sprossenfenster des lichtdurchfluteten Salons im Erdgeschoss boten einen perfekten, wenn auch leicht distanzierten Blick auf die Einfahrt und das große, geschmiedete Haupttor.
Nami stand in einen dicken, weichen Kaschmirpullover gehüllt an der Scheibe. Ihre warmen Hände ruhten schützend auf der deutlichen Wölbung ihres Bauches, während sie das etwas chaotische Spektakel vor dem Tor beobachtete. Draußen gestikulierte Tyson gerade wild mit einem bunten Paket in der Hand, während Ray ihm mahnend auf die Schulter klopfte.
Ein leises, feines Klirren ertönte hinter ihr, als Graham mit seiner gewohnt lautlosen Eleganz ein frisches Tablett auf dem Beistelltisch abstellte.
„Ein frischer Kamillentee für Sie, Madame. Und die Temperatur im Salon habe ich wie gewünscht um zwei Grad angehoben“, sprach der ältere Butler mit seiner gewohnt ruhigen, unverütterlichen Stimme.
Nami wandte sich nicht sofort um, sondern sah mit einem leichten, fast mitleidigen Lächeln weiter nach draußen.
„Graham…“, begann sie zögerlich und sah ihn über die Schulter an. „Sollten wir die drei nicht vielleicht doch reinbitten? Ich fühle mich ehrlich gesagt ein wenig schlecht, sie einfach so da draußen in der Kälte stehen zu lassen. Sie meinen es ja schließlich nur gut.“
Graham richtete sich in seiner makellosen Weste auf, schlug die Hände leicht hinter dem Rücken zusammen und warf einen einzigen, meisterhaft distanzierten Blick durch das Fenster auf die drei jungen Männer. Sein trockener Humor schwang wie immer unmissverständlich in seiner Stimme mit.
„Madame, wenn Sie erlauben, dass ich eine bescheidene Einschätzung abgebe…“, entgegnete Graham mit perfekter Haltung.
„Sollten Sie Mr. Granger und seine Begleiter tatsächlich nun durch das Tor bitten, bin ich mir absolut sicher, dass wir diese nicht mehr rechtzeitig aus dem Anwesen befördert bekommen, bevor Master Kai zurückkehrt.“
Graham hielt kurz inne, schnupperte leicht an der kalten Luft, die unmerklich durch die Terrassentür drang, und sah Nami mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Die entscheidende Frage ist also, Madame: Wollen Sie dieses Risiko wirklich eingehen? Wenn Master Kai um Punkt zwölf Uhr die Einfahrt hochfährt und Mr. Granger mit Konfetti im Foyer antrifft, befürchte ich, dass die Feierlichkeiten sehr abrupt und für alle Beteiligten überaus ungemütlich enden werden.“
Nami starrte Graham für einen kurzen Moment an... und konnte ein plötzliches, lautes Lachen nicht mehr zurückhalten. Sie stellte sich bildlich vor, wie Kai mit seiner dunkelsten Aura durch die Tür schritt und auf einen feierwütigen Tyson traf.
„Du hast ja so recht, Graham“, gluckste sie und rieb sich schmunzelnd über den Bauch. „Das wäre ein absolutes Desaster. Kai würde auf der Stelle umdrehen oder Tyson vermutlich eigenhändig über den Zaun werfen.“
„Eine äußerst treffende Analyse der Situation, Madame“, merkte Graham vollkommen ernst an, auch wenn um seine Augen ein klitzekleines Fältchen der Belustigung zu sehen war. „Ich werde dafür Sorge tragen, dass das Paket der Herren nach ihrem Abzug ordnungsgemäß und ohne Aufsehen entgegengenommen wird.“
Der dunkelgrüne Bentley rollte um genau 11:55 Uhr die ruhige, von alten Ahornbäumen gesäumte Straße entlang. Als die massiven Pfeiler des Ayame-Anwesens in Sicht kamen, verlangsamte Kai das Tempo. Seine rubinroten Augen verengten sich unmerklich, als er drei wohlbekannte Gestalten ausfindig machte, die sich gerade dicht an das Eisentor drängten.
Tyson versuchte im selben Moment verzweifelt, den viel zu dicken Karton in die eher zierliche Postbox neben der Torsäule zu quetschen, während Ray und Max mit verschränkten Armen danebenstanden und das Debakel mit spöttischen Blicken verfolgten.
Das leise Summen des Bentley-Motors ließ alle drei herumfahren. Das Fahrerfenster glitt lautlos nach unten. Kai sah mit unbewegter Miene aus dem Wagen.
„Tyson…“, begann Kai mit eiskalter, tiefer Stimme, „…wenn du mir dieses Tor beschädigst, ziehe ich die Reparaturkosten von deinem nächsten Sponsorenvertrag für das Dojo ab.“
Tyson erstarrte auf der Stelle, die Hände noch immer am Briefkasten verheddert. „Kai! Du… du bist ja schon da! Wir haben dich… äh… gesucht!“
Ray seufzte leise und trat einen Schritt vor. „Wir wollten dir eigentlich nur alles Gute zum einundzwanzigsten Geburtstag wünschen, Kai. Tyson konnte es einfach nicht lassen.“
Kai warf dem Paket in Tysons Händen einen kurzen, ungläubigen Blick zu, bevor sein Blick wieder zu den dreien wanderte. „Das Tor bleibt zu. Granger, du hast mir heute bereits zehnmal auf mein Handy angerufen. Ich würde dir dringend empfehlen, deine Energie wieder auf dein Training zu verwenden.“
„Hei, ich wollte doch nur—!“, fing Tyson empört an, doch Max klopfte ihm rasch auf die Schulter.
„Alles Gute zum Geburtstag, Kai!“, rief Max lachend und zog den protestierenden Tyson ein Stück zurück. „Lass dich von uns nicht stören. Wir gehen jetzt Pizza essen!“
Das elektronische Summen des Tors ertönte, als Graham es von drinnen kurz entriegelte, um den Bentley passieren zu lassen. Kai neigte den Kopf um einen winzigen Millimeter in Richtung von Ray und Max, ignorierte Tysons wütendes Winken und fuhr auf das Gelände. Hinter ihm schloss sich das eiserne Tor augenblicklich wieder mit einem satten Klacken.
Wenig später betrat Kai den beheizten Salon. Die Anspannung der Verhandlungen im Tower und das kurze Zusammentreffen am Tor fielen augenblicklich von ihm ab, als er Nami am Kamin stehen sah. Graham reichte Kai nun lautlos ein Glas Whiskey auf einem Silbertablett.
„Alles ruhig verlaufen da draußen, Master Kai?“, fragte Graham mit vollkommen unbewegter Miene.
„Tyson versucht noch immer, Dinge zu zerstören, die ihm nicht gehören“, brummte Kai trocken, spürte jedoch ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen, als er das Glas entgegennahm. „Danke, Graham.“
Etwa zehn Minuten später...
Die doppelten Flügeltüren des Salons öffneten sich leise. Graham trat ein, seine Haltung gewohnt aufrecht und unverütterlich, obwohl der kühle Novemberwind draußen sein silbriges Haar ganz minimal verweht hatte.
In den Händen trug er das leicht verbeulte, bunt verpackte Paket, das Tyson verzweifelt am Haupttor zurückgelassen hatte.
Graham schritt mit gemessenen Schritten auf den Couchtisch zu und stellte den Karton mit milimetergenauer Präzision auf dem dunklen Holz ab. Er strich sich spurlos die Ärmelaufschläge seiner Weste glatt und verneigte sich leicht vor den beiden.
„Mr. Granger war überraschenderweise recht kooperativ, als ich ihm mitgeteilt habe, dass das Tor bis auf Weiteres verriegelt bleibt“, begann Graham, wobei in seiner tiefen, ruhigen Stimme dieser unnachahmliche, trockene Tonfall mitschwang. „Er bat mich ausdrücklich, Ihnen auszurichten, dass dieses Präsent 'von Herzen' komme... was auch immer das in seinem Fall bedeuten mag.“
Nami unterdrückte ein Schmunzeln und rieb sich sanft über ihren Bauch, während Kai dem Paket auf dem Tisch einen äußerst skepischen, beinahe feindseligen Blick zuwarf.
„Danke, Graham“, sagte Nami lachend. „Es grenzt an ein Wunder, dass du Tyson ohne größeren Zwischenfall wieder verabschieden konntest.“
„Mr. Granger zeigte sich durch die unnachgiebige Schließanlage des Anwesens verhältnismäßig einsichtig, Madame“, entgegnete Graham spurlos, während um seine grauen Augen ein feines Fältchen der Belustigung auftauchte. „Ich habe ihm versichert, dass Master Kai seine... Aufmerksamkeiten zu schätzen wissen wird.“
Kai schnaufte leise durch die Nase, nahm sein Whiskeyglas auf und warf dem Butler einen spöttischen Blick zu. „Du erlaubst ihm wirklich zu viele Hoffnungen, Graham.“
„Ich erfülle lediglich meine Pflicht als Gastgeber in Abwesenheit des Hausherrn, Master Kai“, antwortete Graham vollkommen unbewegt und verneigte sich erneut. „Sollten die Herrschaften vorerst nichts weiter benötigen, werde ich mich zurückziehen. Das Mittagessen wird wie besprochen um dreizehn Uhr serviert.“
„Danke, Graham. Das ist perfekt“, lächelte Nami, ehe der erfahrene Butler mit lautlosen Schritten wieder im Flur verschwand.
Nami trat schmunzelnd an Kai heran, legte eine Hand auf seine Brust und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen sanften Begrüßungskuss auf die Lippen zu drücken.
„Pünktlich um zwölf. Und du hast die Belagerung da draußen überlebt.“
„Kaum“, murmelte Kai rau, schlang jedoch seinen freien Arm fest um ihre Taille und zog sie nah an sich. Sein Blick wanderte hinab zu dem bunten Paket auf dem Tisch. „Was hat er da abgegeben?“
„Mach es auf“, bat Nami glucksend und setzte sich aufs Sofa, während sie ihn neugierig beobachtete.
Kai ließ sich neben sie nieder, nahm das Messer, das Graham beigelegt hatte, und trennte das Geschenkpapier mit einer einzigen, präzisen Bewegung auf. Zum Vorschein kam eine Beyblade-Sonderedition in einer glänzenden Verpackung... und eine riesige, handgeschriebene Geburtstagskarte.
Als Kai die Karte aufklappte, fiel eine kleine Ansammlung von buntem Konfetti heraus direkt auf seine Hose. Auf der Innenseite prangte in Tysons krakeliger Handschrift:
„Alles Gute zum 21., du alter Griesgram! Hoffentlich lässt Nami dich heute wenigstens mal lächeln. P.S.: Wir wollten eine Überraschungsparty machen, aber Ray hat gesagt, du wirfst uns dann im Bogen aus dem Anwesen. Danke für die Einladung zum Essen beim nächsten Mal! Tyson, Ray, Max & Kenny“
Kai starrte das Konfetti auf seiner Hose mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und tiefer Abneigung an. Doch als er Nami sah, die sich neben ihm vor Lachen kaum noch halten konnte und sich die Hand vor den Mund hielt, stieß er einen langen, tiefen Atemzug aus.
Ein seltenes, ehrliches Schmunzeln stieg in seinen Mundwinkeln auf. Er schüttelte das Konfetti spöttisch von seinem Bein und legte die Karte zur Seite.
„Der Kerl lernt es in diesem Leben nicht mehr“, brummte Kai amüsiert und zog Nami wieder zu sich ins Kissen. „Aber das Tor bleibt trotzdem den restlichen Tag zu.“
Nami lehnte sich ein Stück weiter zu Kai herüber, legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel und sah ihn von der Seite mit einem sanften, durchdachten Lächeln an. Ihr Blick wanderte kurz zu der bunteren Karte auf dem Tisch, ehe sie ihre ozeanfarbenen Augen wieder auf seine Züge richtete.
„Weißt du... bei all dem Lärm und dem Chaos, das er veranstaltet“, begann Nami leise, während ihr Daumen beruhigend über den Stoff seiner Hose strich, „ist Tyson wirklich ein verdammt guter Freund. Er gibt einfach niemals auf, wenn es um dich geht.“
Kai antwortete nicht sofort. Seine rubinroten Augen fixierten das Kristallglas in seiner Hand, in dem das bernsteinfarbene Getränk im Licht des Kaminfeuers schimmerte. Er nahm einen kleinen Schluck, doch Nami entging es nicht: Die gewohnte, unnahbare Härte in seinen Zügen wurde für einen klitzekleinen Moment einen Hauch weicher. Die Fältchen um seine Stirn glätteten sich, und die kühle Distanz wich einer ruhigen, fast nachdenklichen Milde.
So richtig laut würde Kai es vermutlich niemals in seinem Leben zugeben. Er würde Tyson eher den Kopf abreißen, als ihm ins Gesicht zu sagen, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutete. Doch unter der stoischen Oberfläche, hinter den Mauern aus Disziplin und Kontrolle, war Tyson ihm tatsächlich unendlich wichtig. Tyson war der Einzige, der es über all die Jahre geschafft hatte, Kais Panzer teilweise zu durchbrechen... derjenige, der ihn immer wieder herausforderte und niemals zuließ, dass Kai sich komplett von der Welt isolierte.
Es war ein tiefes, stummes Einverständnis zwischen zwei Rivalen, die gemeinsam durch die Höhen und Tiefen gegangen waren. Kai respektierte ihn auf eine Art und Weise, die keine Worte brauchte. Und das Beste daran war: Tyson wusste das. Genau deshalb ertrug er Kais eisiges Schweigen und die verschlossenen Tore mit einem Grinsen... weil er wusste, dass hinter der Fassade des unnahbaren Beyblade-Champions ein Mann saß, der ihm diese Nervosität und Aufdringlichkeit verzieh.
„Er ist ein Idioten-König“, brummte Kai schließlich tief und mit gewohnt rauer Stimme. Doch das spöttische, ungemein warme Schmunzeln, das dabei seine Mundwinkel umspielte, strafte seine harten Worte vollkommen Lügen.
Er stellte das Glas ab, wandte sich Nami zu und fasste sanft nach ihrer Hand, um seine Finger fest mit ihren zu verschränken. „Aber er ist hartnäckig. Das muss man ihm lassen.“
Nami schmunzelte und lehnte ihren Kopf an seine breite Schulter. „Und genau deswegen passt ihr auch so gut zusammen.“
Kai ließ ein leises, tiefes Schnaufen entweichen, drückte jedoch im selben Atemzug einen warmen, intensiven Kuss auf ihr silbriges Haar. „Sag ihm das bloß nicht. Sein Ego ist ohnehin schon groß genug.“
Kai löste seine Lippen langsam von ihrem silbrigen Haar. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als er sah, wie Nami den Blick senkte und mit den Fingern unruhig über den Saum ihres Pullovers strich. Da war eine feine, ungewohnte Unruhe in ihren Bewegungen, die ihm nicht entging.
Ohne ein Wort neigte Kai sich vor. Seine Hand glitt an ihren Nacken, die langen Finger verwebten sich sanft in den seidigen Strähnen ihres langen Haares, und er zog sie wieder zu sich. Diesmal war der Kuss kein flüchtiges Liebkoßen. Er vertiefte den Druck seiner Lippen auf den ihren, langsam, verlangend und von einer tiefen, unerschütterlichen Intensität getragen.
Nami stieß ein leises, wohliges Seufzen aus und schloss die Augen. Kai nutzte den Moment, um seinen Mund von ihren Lippen abzusetzen. Seine Lippen wanderten über ihre Wange, strichen an der feinen Linie ihres Kiefers entlang und liebkoseten langsam die empfindliche Haut ihres Halses. Ein Schauer lief Nami über den Rücken.
Doch trotz der Berührungen spürte Kai augenblicklich, wie sich ihre Schultern unter seinen Händen keineswegs entspannten. Eine feine Anspannung verblieb in ihrem Körper.
Er hielt inne. Seine Lippen verharrten kurz an ihrer Halsbeuge, ehe er den Kopf hob. Seine rubinroten Augen suchten ihren Blick. Seine Stimme war gewohnt tief doch da lag diese aufmerksame Schärfe darin, die ihr wie immer keinen Raum für Ausflüchte ließ.
„Was ist los?“, fragte er schlicht.
Nami wandte den Kopf leicht ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Nichts, Kai... es ist alles in Ordnung.“
Kai ließ ein tiefes, ungläubiges Brummen entweichen. Seine Hand wanderte von ihrem Nacken hinab zu ihrer Taille, zog sie stückweise enger an seine breite Brust und beugte sich erneut vor. Er drückte ihr einen weiteren, tiefen Kuss auf die Lippen, ehe er raunend an ihrer Mundwinkel hängen blieb.
„Lüg mich nicht an, mein Schatz“, flüsterte er rau gegen ihre Haut. „Ich habe dich seit Tagen nicht mehr richtig gespürt. Du ziehst dich zurück, sobald ich dir nahekomme. Was beschäftig dich?“
Nami spürte, wie eine zarte Röte über ihre Wangen stieg. Sie sah ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen an, in denen nun eine ungewohnte Verletzlichkeit lag.
„Ich...“, begann sie leise, zögerte kurz und fuhr sich verlegen mit der Hand über die deutliche Wölbung ihres Bauches im sechsten Monat. „Es ist nur... ich fühle mich einfach nicht besonders sexy mit diesem riesigen Bauch, Kai.“
Kai verharrte. Sämtliche Strenge in seinen Zügen löste sich augenblicklich auf, während sein Blick langsam von ihren Augen hinab zu ihrem Bauch und wieder zurück zu ihrem eröteten Gesicht glitt.
Für einen Moment herrschte vollkommene Stille. Nur das leise Knistern des Kaminfeuers war zu hören.
Dann entwich Kais Brust ein tiefes, raues Ausatmen. Er sagte zunächst kein Wort. Stattdessen griff er nach ihrem Kinn, hob ihr Gesicht an und zwang sie dazu, ihn direkt anzusehen. In seinen rubinroten Augen lag eine so gewaltige, kompromisslose Intensität, dass Nami unwillkürlich den Atem anhielt.
„Nami“, begann er tief, ohne den Blick von ihren Augen zu wenden. „Hör mir genau zu.“
Seine Hand glitt von ihrem Kinn hinab und legte sich flach und schützend direkt auf die gespannte Wölbung ihres Bauches unter dem weichen Pullover.
„Da drin wächst unser Sohn“, raunte er knapp. „Das ist kein Makel. Wenn du ernsthaft glaubst, dass das irgendetwas an dem ändert, was du für mich bist... liegst du gewaltig falsch.“
Bevor Nami antworten konnte, beugte Kai sich vor. Seine Lippen trafen die ihren in einem Kuss, der absolut keinen Raum für Zweifel ließ – langsam, verlangend und von einer tiefen, unerschütterlichen Entschlossenheit getragen. Nami stieß ein leises Seufzen aus und schlang die Arme um seinen Nacken.
Kai löste den Kuss nur um Millimeter, um mit den Lippen an ihrer Kieferlinie entlangzuwandern. Seine Finger schoben sich unter den Saum ihres Pullovers, wo seine warme Haut direkt auf ihre traf. Sein Daumen strich sanft über die gespannte Haut ihres Bauches.
„Du bist meine Frau“, flüsterte er rau gegen ihren Hals und zog sie mit einer einzigen festen Bewegung noch enger an seinen Körper. „Glaub mir... ich will dich genau so, wie du bist.“
Nami spürte, wie die Last und die Unsicherheit der letzten Tage augenblicklich von ihren Schultern abfielen. Sie schloss die Augen, lehnte sich vollkommen in seine starke Umarmung zurück und genoss die ehrliche, unumstößliche Wärme seiner Berührungen.