Der wachsame Phönix
Der wachsame Phönix
Drei Wochen später...
Das Restaurant in Ginza war eine jener Adressen, in denen Luxus nicht laut geschrien, sondern in gedämpftem Licht, dunklem Mahagoni und dem leisen Klirren von schwerem Kristall gefeiert wurde. Draußen vor den riesigen Panoramafenstern wirbelten vereinzelte Schneeflocken durch die neonbeleuchtete Dämmerung des späten Nachmittags, doch im Inneren herrschte eine fast schon sakrale Ruhe.
Kai saß kerzengerade an dem reservierten Ecktisch. Sein dunkler Maßanzug saß makellos, die Körperhaltung wie gewohnt unerschütterlich. Ihm gegenüber saß Mr. Yamamoto, ein älterer Herr mit schütterem grauem Haar, dessen aufgeregtes Reden über neuartige Titan-Legierungen und Wärmeleitfähigkeit für Beyblade-Materialien in regelmäßigen Abständen von einem ehrfürchtigen Nippen an seinem Whiskey unterbrochen wurde.
Kai nickte nur gelegentlich. Seine roten Augen fixierten den älteren Geschäftsmann mit jener typischen, kühlen Distanz, die Gesprächspartner gewöhnlich dazu brachte, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Er wirkte fokussiert, doch ein Teil seiner Gedanken war ganz woanders.
Bei Nami.
Mittlerweile im siebten Monat war der Bauch nicht mehr zu übersehen, und mit jedem verstreichenden Tag wuchs in Kai eine stumme, wachsende Unruhe. Er hasste es, sie zurzeit zu lange allein im Anwesen zu lassen, selbst wenn Graham und nun auch wieder Armons Sicherheitspersonal vor Ort waren. Die letzten Wochen vor Weihnachten verlangte die Tachiwari-Corporation jedoch seine volle Präsenz.
„... und wie Sie auf Seite vier des Entwurfs sehen können, Mr. Hiwatari, garantiert uns diese spezifische Legierung eine Abnutzungsrate von unter zwei Prozent unter Höchstbelastung“, führte Yamamoto aus und schob eine dünne Ledermappe über das weiße Tischtuch.
Kai griff nach der Mappe, schlug sie auf und wollte gerade ansetzen, als ein Geräusch die dichte Atmosphäre des Raumes durchbrach.
Es war lautstärketechnisch kaum wahrnehmbar... ein tiefes, raues Murmeln von einem halb hinter einer Seidenwand verborgenen Nachbartisch. Drei Männer in dunklen Mänteln saßen dort. Normalerweise hätte Kai sie keinen zweiten Blick gewürdigt.
Doch zwei Worte drangen durch das leise Hintergrundgeplätscher der klassischen Musik. Zweifelsfrei auf Russisch.
„... devochka ...“
Und direkt darauf, etwas leiser, aber mit einem kalten, schneidenden Unterton:
„... malysh ...“
Kais Hand, die gerade die Seite der Ledermappe umblättern wollte, fror mitten in der Bewegung ein.
Der Tonfall der russischen Worte war nicht der von Touristen oder gewöhnlichen Geschäftsleuten. Es war der geschulte, emotionslose Jargon, den Kai seit seiner Kindheit in der Abtei in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.
„Mr. Hiwatari? Ist alles in Ordnung mit den Zahlen?“, fragte Mr. Yamamoto irritiert und hielt im Einschenken inne, als er merkte, dass der junge Konzernchef plötzlich vollkommen erstarrt war.
Kais Blick glitt nicht sofort herum... das hätte ihn verraten. Seine Augen verengten sich leicht. Seine Aura veränderte sich schlagartig; die ohnehin kühle Luft am Tisch schien um mehrere Grad abzukühlen. Er lauschte weiter, jede Faser seines Körpers auf Empfang gestellt, während sein Herzschlag einen harten, kontrollierten Takt anschlug.
Kais Finger schlossen sich etwas fester um die Kante der ledernen Mappe. Ein minimaler Impuls, der sofort wieder von seiner eisernen Beherrschung verschluckt wurde. Weder seine Miene noch seine Körperhaltung verrieten die Sturmwelle, die in diesem Moment durch seine Brust brach.
Er zwang seine Aufmerksamkeit mit eiskalter Präzision zurück zu dem Mann, der ihm gegenübersaß.
„Die Zahlen sind zufriedenstellend, Mr. Yamamoto“, sprach Kai. Seine Stimme klang so glatt, tief und kontrolliert wie eh und je, frei von jedem Zittern.
„Wir übernehmen die Konditionen bezüglich der Belastungstests. Mein Sekretariat wird Ihnen die finale Vereinbarung bis morgen Früh zukommen lassen.“
Er klappte die Mappe mit einer einzigen, fließenden Bewegung zu und schob sie zurück über das weiße Tischtuch. Yamamoto blinzelte überrascht über den plötzlichen, effizienten Abschluss des Gesprächs, ehe Erleichterung über das Gesicht des älteren Mannes glitt. Er nickte rasch und winkte erfreut nach der Rechnung.
Während der Geschäftsmann noch mit der Unterschrift beschäftigt war, fixierte Kai scheinbar ruhig den kristallenen Dekanter auf dem Tisch. In Wahrheit war seine Wahrnehmung scharfgestellt wie eine Klinge.
Hinter der hauchdünnen Seidenwand wurde der Stuhl gerückt. Ein leises Rascheln von schwerem Stoff folgte. Die drei Männer standen auf. Kai sah sie nicht direkt an, beobachtete aber ihren dunklen, verschwommenen Umriss in der Spiegelung der getönten Glasfront auf der anderen Raumseite. Breit gebaut, militärisch aufrechter Gang, stoische, beinahe mechanische Schritte.
Es gab keinen Zweifel. Diese Männer stammten aus den tiefsten Strukturen der Abtei.
~Boris~
Der Name brannte wie Feuer in Kais Schädel. Er dachte an Nami. An ihr leises Lachen, wenn sie am Morgen im Anwesen aufwachte.
An den sanft geschwungenen Bauch unter ihren Kleidern, unter dem sich ihr gemeinsamer Sohn verbarg. Der Gedanke, dass diese Schatten aus seiner Vergangenheit auch nur in die Nähe von Tokio geraten waren, ließ die Aura um seine Gestalt beinahe physisch greifbar verdichten.
Die Männer steuerten auf den Ausgang des Restaurants zu.
Kai wartete exakt drei Sekunden. Keine Übereiltheit. Kein auffälliges Aufspringen. Er erhob sich fließend aus seinem Sessel, passte sich der ruhigen Eleganz des Etablissements an und nickte Mr. Yamamoto knapp zu.
„Ich muss mich empfehlen. Mein Fahrer wartet bereits.“
„A-Aber natürlich, Mr. Hiwatari! Es war mir eine Ehre!“, stammelte Yamamoto erfreut.
Kai reagierte nicht mehr. Seine Schritte waren lautlos, als er im Schatten der abgedunkelten Korridore zum Ausgang folgte.
Draußen schlug ihm die eisige Dezemberluft entgegen.
Der Schnee fiel mittlerweile dichter, tanzte um die grellen Neonschilder der Edelläden in Ginza und tauchte die Gehwege in ein flackerndes, buntes Lichtspiel.
Ein Stück die Straße hinab schoben sich die drei hochgewachsenen Gestalten durch das vorweihnachtliche Gewimmel aus Passanten und Einkaufstüten. Sie hoben sich ab wie schwarze Flecken auf einem weißen Tuch.
Kai zog den Kragen seines dunklen Mantels etwas höher, die roten Augen wachsam verengt. Er hielt den Abstand exakt so groß, dass er in der Menge verschwand, aber nah genug, um jede ihrer Bewegungen zu lesen.
Er würde sie nicht konfrontieren. Noch nicht.
Er musste wissen, wo sie sich sammelten, wer ihr Auftraggeber vor Ort war und wie viel sie bereits über Nami wussten.
Ein jähes Gefühl von eiskalter Entschlossenheit übernahm jede seiner Fasern. Wenn Boris glaubte, er könne seine neue Familie als Druckmittel nutzen, würde Kai dafür sorgen, dass dieser Mann die Schatten der Abtei nie wieder verließ.
Die Lichter von Ginza verschwammen im dichter werdenden Schneetreiben zu verschwommenen Farbflecken. Kai folgte den drei Gestalten wie ein lautloser Schatten.
Er hielt exakt so viel Abstand, dass sein dunkler Mantel ihn nahtlos mit den tiefen Häuserschluchten verschmelzen ließ. Keine Hast, keine unbedachte Bewegung... nur der eiskalte, geschulte Instinkt eines Jägers.
Die Männer bogen schließlich in eine etwas ruhigere, von eleganten Boutiquen gesäumte Seitenstraße ein. Dort, halb im Halbschatten einer Ladezone, wartete eine schwarze Oberklasse-Limousine mit laufendem Motor und getönten Scheiben.
Als die drei vor dem Fahrzeug stehen blieben, öffnete sich die hintere Tür von innen.
Ein älterer Mann mit schütterem, silbergrauem Haar und einem schweren, maßgeschneiderten Tuchmantel stieg langsam aus. Er trug eine schmale, randlose Brille, auf deren Gläsern sich das kalte Licht der Straßenlaternen brach.
Kais Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde. Seine Pupillen verengten sich.
Dr. Sobolev.
Einer der führenden Köpfe aus den unterirdischen Laboratorien der Abtei. Der Mann, der damals die biomechanischen Analysen und die Datenauswertungen der Bit-Beasts geleitet hatte.
Kai presste sich tiefer in die Nische eines geschlossenen Antiquitätengeschäfts. Die Luft in seinen Lungen fühlte sich an wie Eis.
Dass dieser Mann lebte und sich mitten in Tokio aufhielt, war der endgültige Beweis: Boris zog im Hintergrund wieder die Fäden.
Dr. Sobolev zog seine Lederhandschuhe etwas fester und blickte die drei Männer stoisch an. Seine Stimme klang durch den fallenden Schnee zu Kai herüber... tief, rational und völlig frei von Emotionen.
„Die Auswertungen der letzten Monate sind abgeschlossen“, sagte der Wissenschaftler auf Russisch. Sein Tonfall war der eines Mannes, der lediglich trockene Fakten vortrug. „Unsere Messungen in der Nähe der Frau waren eindeutig. Die biologischen und energetischen Werte, die wir aufgezeichnet haben, bestätigen es: Boris hatte recht.“
Ein eisiger Schauer lief Kai über den Rücken, doch seine Miene blieb wie aus Stein gemeißelt.
„Das Kind ist außergewöhnlich stark“, fuhr Sobolev fort, während er ein schmales, verschlüsseltes Datenpad aus seiner Innentasche zog und kurz darauf blickte. „Die Werte übersteigen alles, was wir bei normalen Föten gemessen haben. Es besitzt eine eindeutige Anomalie. Eine, die selbst für unsere Verhältnisse beispiellos ist.“
Er verriet kein einziges Detail mehr darüber. Keine Erwähnung der genauen Struktur oder was diese Anomalie bedeutete. Stattdessen schlug er das Pad wieder zu und sah die drei Hünen vor sich mit einem scharfen, missbilligenden Blick an.
„Und wo zum Teufel habt ihr euch überhaupt herumgetrieben?“, schnauzte Sobolev sie plötzlich in gedämpftem, aber schneidendem Ton an. „Wir sind nicht hier, um in Edellokalen herumzulaufen. Ihr sollt arbeiten und die Peripherie sichern! Wenn Kai Hiwatari auch nur den kleinsten Verdacht schöpft, ist die gesamte Operation gefährdet, ehe das Kind überhaupt auf der Welt ist. Lasst euch bloß nicht entdecken!“
Die drei Männer senkten demonstrativ den Kopf und nickten stumm.
Sobolev stieg ohne ein weiteres Wort zurück in den Fond der Limousine. Die Männer stiegen ebenfalls ein, die Türen fielen mit einem dumpfen Klacken ins Schloss, und der Wagen rollte langsam in den verschneiten Abendverkehr von Ginza davon.
Kai blieb im Schatten stehen. Er bewegte sich keinen Millimeter, bis die roten Rücklichter der Limousine völlig im Schneetreiben verschwunden waren.
Seine Fäuste hatten sich so fest in seinen Manteltaschen geballt.
Die Messungen der letzten Monate. Sie hatten Nami beobachtet.
Sie hatten sein ungeborenes Kind analysiert... während er geglaubt hatte, das Anwesen sei sicher.
Ein eiskalter, gefährlicher Fokus legte sich über Kais Geist. Er holte sein Smartphone hervor, wählte die Direktwahl zum Anwesen und setzte sich mit zügigen, lautlosen Schritten in Bewegung.
„Graham“, sagte Kai, sobald die Verbindung stand. Seine Stimme war so leise und schneidend, dass sie dem Butler am anderen Ende der Leitung sofort den Atem raubte. „Erhöht die Sicherheitsstufe. Niemand betritt oder verlässt das Gelände. Ich bin in zwanzig Minuten da.“
Der dichte Schneefall über Tokio hatte den abendlichen Verkehr vollkommen entschleunigt. Hinter dem Steuer seines dunklen Wagens saß Kai wie eine Statue aus Eis, während er das Lenkrad mit eiserner Härte umklammert hielt. Das monotone Wischen der Scheibenwischer war das einzige Geräusch im Innenraum.
Jede Faser seines Körpers war angespannt.
Messungen. Monatelang.
Die Worte von Sobolev hängten sich wie ein Gift in seine Gedanken. Er hatte geglaubt, das Anwesen sei eine Festung. Er hatte geglaubt, die alten Mauern, das weitläufige Grundstück und Grahams Wachsamkeit würden ausreichen, um Nami und den Kleinen vor der Welt abzuschirmen.
Als der Wagen schließlich die geschwungene Auffahrt am Rande der Stadt ansteuerte und die gewaltigen, schmiedeeisernen Tore des Ayame-Anwesens in den Scheinwerferkegeln auftauchten, bremste Kai ab.
Vor den schneebedeckten Posten standen zwei Gestalten. Dick eingepackt in schwere, dunkle Wintermonturen, die Kragen hochgeschlagen und die Mützen tief ins Gesicht gezogen, trotzten Armons Sicherheitsleute dem eisigen Wind.
Ihre Atemwolken stiegen weiß in die Nachtluft auf. Als Kais Wagen zum Stehen kam, trat einer von ihnen einen Schritt vor, warf einen prüfenden Blick durch die Frontscheibe und nickte ihm knapp zu. Keine Miene verzog sich auf dem wettergegerbten Gesicht des Mannes... nur das gewohnte, stumme Einverständnis von Profis. Mit einem tiefen Summen öffneten sich die schweren Tore.
In den letzten Wochen waren Armons Männer meist nur unter der Woche für ein paar Stunden rund um das Gelände postiert gewesen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme für die Zeiten, in denen er in den Büros der Tachiwari-Corporation gebunden war. An den Wochenenden, wenn Kai selbst im Anwesen blieb, hatte diese Präsenz gewöhnlich nachgelassen.
Nami hatte ohnehin von Anfang an gefunden, dass Kai maßlos übertrieb. Sie hatte ihn neckisch als Paranoiker bezeichnet, wenn wieder ein unauffälliger Wagen der Sicherheitsfirma an der Grundstücksgrenze patrouillierte. Doch je runder und deutlicher sich ihr Bauch unter ihren Kleidern abzeichnete... je greifbarer ihr gemeinsames Kind wurde... , desto aufdringlicher waren auch die Paparazzi und Reporter geworden, die den Erben der Hiwatari-Familie und seine schwangere Frau für eine Schlagzeile belagern wollten.
Schon allein um diese Meute fernzuhalten, hatte Kai keine Widerworte geduldet.
Jetzt, während der Wagen langsam über die verschneite Allee zum Herrenhaus rollte, spürte Kai einen bitteren, eiskalten Knoten in seiner Brust.
Seine Entscheidung für Armons Männer war die einzig richtige gewesen. Und das schon lange nicht mehr nur wegen der gierigen Objektive der Presse.
Er stellte den Motor ab. Die Scheinwerfer erloschen, und für einen Moment umhüllte ihn die absolute Stille der verschneiten Nacht. Kai schloss für wenige Sekunden die Augen, holte tief Luft und zwang seine Aura zurück unter Kontrolle. Er wollte Nami keine Angst machen. Aber er würde von nun an keinen einzigen Meter mehr weichen.
Er schüttelte die eisige Nässe von seinem Mantel und reichte ihn Graham, der ihn bereits lautlos in der schwach beleuchteten Eingangshalle erwartete.
„Die Posten sind informiert, Sir“, raunte der ältere Butler mit einem feinen, besorgten Stirnrunzeln. „Keine Vorkommnisse. Möchten Sie, dass ich das Abendessen servieren lasse?“
„Später, Graham. Danke“, erwiderte Kai knapp. Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig, doch seine Augen scannten unwillkürlich jeden Winkel der Halle. Er senkte die Aura seiner inneren Anspannung so weit wie möglich ab, ehe er die hölzerne Flügeltür zum großen Salon öffnete.
Der Raum war von dem warmen, orangefarbenen Schein des Kaminfeuers erfüllt. Das Knistern des Holzes bildete einen friedlichen Kontrast zum Heulen des Schneesturms draußen vor den gewaltigen Fenstern.
Nami saß auf dem breiten Sofa, ein Buch auf den Knien. Sie trug einen weichen, hellen Strickpullover, unter dem sich ihr Bauch unverkennbar und rund abzeichnete. Als die Tür knarrte, blickte sie auf. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen... jenes Lächeln, das die Kälte in Kais Brust jedes Mal wie Eis in der Frühlingssonne schmelzen ließ.
„Du bist spät“, sagte sie sanft und legte das Buch zur Seite. „Ich dachte schon, dieser Mann hätte dich mit seinen Legierungen völlig verzaubert.“
„Dieser Mann redet zu viel“, antwortete Kai. Er trat an das Sofa heran, beugte sich hinab und drückte ihr einen kurzen, bedächtigen Kuss auf die Stirn. Sein Atem roch nach der eisigen Abendluft von Ginza.
Nami sah ihn prüfend an. Ihre ozeanfarbenen Augen verengten sich leicht, als sie eine feine, kaum merkliche Nuance in seinen Zügen las. „Alles in Ordnung?“
„Nur ein langer Tag“, wiegelte Kai ab. Er setzte sich neben sie auf das Polster. Mit einer fließenden, vertrauten Bewegung schlang er einen Arm um ihre Schultern und zog sie näher an sich.
Nami lehnte sich ohne zu zögern an seine Brust. Kai ließ seine freie Hand auf ihren Bauch gleiten. Unter seinen Fingern spürte er den sanften, festen Bogen ihres siebten Monats.
Eine Anomalie. Außergewöhnlich stark.
Die Worte von Dr. Sobolev hallten wie ein düsteres Echo in seinem Kopf wider. Kai schloss die Augen und konzentrierte sich. Er schickte seine eigene, scharfe Wahrnehmung aus... jenen geschulten Sinn für Energie und Auren, der ihm auf dem Beyblade-Spielfeld nie etwas verbarg und er verwendete auch die Aura seines eigenen Bit-Beasts. Er suchte nach diesem ungewöhnlichen Signal, nach der Schwingung, die die Instrumente der Abtei monatelang aufgezeichnet haben wollten.
Doch da war nichts.
Nichts außer dem gleichmäßigen, beruhigenden Herzschlag Namis und der sanften, unschuldigen Präsenz ihres gemeinsamen Sohnes, die ruhig unter seiner Hand ruhte. Es fühlte sich warm an.
Menschlich.
Völlig unberührt von der kalten, mechanischen Welt, aus der Kai stammte.
Egal wie sehr er seine Sinne anspannte... er konnte die vermeintliche Anomalie nicht greifen. Das machte es für ihn nur noch gefährlicher. Boris verließ sich nicht auf Bauchgefühle oder spirituelle Ahnung; Boris verließ sich auf kalte Zahlen und hochkomplexe Messgeräte. Und wenn die Abtei etwas gesehen hatte, das Kai selbst nicht spüren konnte, bedeutete das, dass sie Dinge verstanden, die er noch nicht einmal erahnte.
Nami legte ihre Hand über seine. Sie seufzte leise und schmiegte sich etwas enger an ihn.
„Er war heute Nachmittag ziemlich aktiv. Hat ordentlich getreten.“
Kais Kiefer spannte sich für einen Sekundenbruchteil an. Seine Finger schlossen sich einen Hauch fester um ihre Hand... gerade so viel, dass Nami es als beschützende Geste wahrnahm.
„Das ist gut zu wissen... “, raunte Kai leise an ihrem Haar, während seine roten Augen düster in die flackernden Flammen des Kamins starrten.
„Er soll ruhig stark werden.“
In seinem Inneren traf Kai in diesem Moment ein eiskaltes Versprechen: Er würde Armons Männer noch heute Nacht anweisen, das gesamte Grundstück mit Störfrequenzen und zusätzlichen Sensoren abzusichern. Egal, was Sobolev und Boris in diesem Kind sahen... sie würden nie die Gelegenheit bekommen, es in die Finger zu kriegen.
Nami lehnte ihren Kopf etwas zurück an seine Schulter, während ihre Finger gedankenversunken über seine Handflächen strichen. Ihr Blick folgte dem trägen Spiel der Flammen im Kamin.
„Mir fällt ehrlich gesagt langsam die Decke auf den Kopf“, gestand sie mit einem leisen, fast entschuldigenden Seufzen. „Ich habe in den letzten zwei Wochen gefühlt mehr Bücher gelesen als in meiner gesamten Schulzeit. Sogar die dicken Wälzer aus der Bibliothek.“
Kai schwieg, lauschte aber aufmerksam dem Klang ihrer Stimme. Er genoss die friedliche Weichheit in ihrem Tonfall, auch wenn sich in seiner Brust sofort wieder eine stumme Wachsamkeit regte.
„Graham war heute Mittag so lieb und hat mich nach Ikebukuro gefahren“, fuhr Nami fort und ein klitzekleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Wir waren in Sunshine City unterwegs. Ein bisschen Bummeln, Babysachen anschauen... Er hat natürlich wieder darauf bestanden, alle meine Einkaufstüten zu tragen, als wären sie aus Porzellan. Du hättest sehen sollen, wie er gewohnt jeden Passanten gemustert hat, der mir auf zwei Meter nahe kam.“
Sie drehte ihren Kopf ein Stück zu ihm hoch und sah ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen bittend an.
„Wie sieht es eigentlich morgen bei dir aus? Soll ich dich mittags mal wieder im Tachiwari Tower besuchen? Wir könnten zusammen zu Mittag essen.“ Sie legte ihre Hand sanft an seine Wangenkontur, wo die kühle Winterluft noch immer leicht nachwirkte.
„Eigentlich war das doch mal unsere Routine... aber du warst die letzten Wochen so unglaublich beschäftigt, dass du dir kaum eine Pause gegönnt hast. Du arbeitest fast durch, Kai. Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir das morgen mal wieder schaffen.“
Kais Blick lag ruhig auf ihr. Die Aussicht, Nami morgen mitten in der Innenstadt, unterwegs zwischen dem Anwesen und dem Tower zu wissen... während irgendwo da draußen Sobolevs Männer im Schatten lauerten... , ließ in seinem Inneren sofort alle Alarmsignale aufleuchten. Gleichzeitig sah er die ehrliche Sehnsucht in ihren Augen, wieder ein Stück ihrer früheren Routine zurückzubekommen.
Er Strich ihr mit dem Daumen sanft über die Unterlippe, während seine Gedanken im Hintergrund bereits fieberhaft die Routen, die Tiefgarage und den privaten Aufzug im Tower durchgingen.
„Graham fährt dich wie gewohnt. Und Armons Leute sichern den Weg ab.“
Nami schmunzelte leise und rollte leicht mit den Augen, doch sie widersprach nicht.
„Natürlich, Herr CEO. Aber nur, wenn du versprichst, deine Akten für eine volle Stunde komplett von deinem Schreibtisch zu verbannen.“
„Abgemacht“, raunte Kai und neigte sich hinab, um ihren Nacken mit einem langen, bedächtigen Kuss zu berühren.
Draußen peitschte der Wind den Schnee gegen die hohen Fensterscheiben des Anwesens, doch hier drinnen schloss Kai für einen kurzen Moment die Augen und hielt sie einfach nur fest. Er würde morgen dafür sorgen, dass der Tachiwari Tower einer uneinnehmbaren Festung glich, bevor sie auch nur einen Fuß in das Gebäude setzte.
Gegen einundzwanzig Uhr erloschen die Lichter im großzügigen Schlafzimmer des Anwesens. Das gedämpfte Knistern des kleinen Eckkamins tauchte den Raum in ein warmes, schummriges Licht.
Kai lag auf dem Rücken, den Arm um Nami geschlungen, die sich eng an seine Seite geschmiegt hatte. Ihre Atmung wurde mit jeder Minute langsamer und gleichmäßiger, bis das sanfte, rhythmische Heben ihrer Brust verriet, dass sie tief und fest eingeschlafen war. Seine freie Hand ruhte noch immer auf der Rundung ihres Bauches. So friedlich, wie sie hier an seiner Brust lag, wirkte die reale Gefahr von draußen fast wie ein fernes Albtraumgespinst.
Doch Kais Gedanken standen nicht still.
Er wartete geduldig. Minuten verstrichen in absoluter Reglosigkeit, bis er sich mit makelloser, lautloser Präzision unter ihrer Decke hervorschob. Er stützte Namis Kopf sanft auf dem Kissen ab und deckte sie sorgfältig bis zu den Schultern zu. Einen kurzen Moment verharrte er am Bettrand, fixierte ihr schlafendes Gesicht und zog sich dann geräuschlos seinen dunklen Seidenmorgenmantel über.
Lautlos wie ein Schatten schlich er über den dicken Teppichboden, öffnete die schwere Eichentür nur einen Spalt breit und schlüpfte hinaus auf den dunklen Korridor.
Wenig später saß Kai an seinem massiven Schreibtisch im Arbeitszimmer. Der Raum lag weitgehend im Dunkeln, nur die tiefen Schatten der alten Bücherregale und der Schein des Schneetreibens vor dem Panoramafenster schnitten die Silhouette seiner Gestalt heraus. Auf dem polierten Holz des Tisches lag sein Smartphone.
Eine Stunde zuvor, direkt nach dem Abendessen... hatte er Kenny eine kurze, ungewöhnlich vage Nachricht geschickt.
Kai nahm das Gerät zur Hand, wählte die Direktwahl und hielt es sich an das Ohr. Kenny antwortete bereits nach dem ersten Freizeichen.
„Kai?“, ertönte Kennys Stimme rasch, untermalt von dem vertrauten, leisen Klappern einer Tastatur im Hintergrund. „Ich habe deine Nachricht bekommen. Ehrlich gesagt habe ich mich etwas gewundert... Du schreibst mir sonst nie um diese Uhrzeit, schon gar nicht ohne genauen Kontext. Ist etwas passiert? Geht es Nami gut?“
„Nami schläft. Ihr geht es gut“, erwiderte Kai mit eiskalter, ruhiger Präzision. Keine Begrüßung, keine einleitenden Worte. Er lehnte sich im Lederstuhl zurück, während seine roten Augen ins Nichts starrten. „Ich brauche eine Information, Kenny. Eine technische.“
„Okay...“, antwortete Kenny, und man hörte förmlich, wie er sich am anderen Ende der Leitung aufrechter auf seinen Stuhl setzte. „Worum geht es genau?“
Kai machte eine kurze Pause. Seine Knöchel traten leicht weiß hervor, als er das Telefon etwas fester griff.
„Gibt es Messgeräte... Frequenzscanner, bioenergetische Sensoren oder Ähnliches... mit denen man Auren erfassen kann?“, fragte Kai tief. „Oder genauer gesagt: Das energetische Potenzial eines Bladers... bevor er überhaupt geboren ist?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte für mehrere Sekunden absolute Stille. Einzig das leise Summen der Lüfter von Kennys Rechner war durch die Hörmuschel zu vernehmen.
„Kai...“, begann Kenny schließlich vorsichtig, seine Stimme erfüllt von einer Mischung aus akademischer Neugier und spürbarer Verwirrung. „Auren und Beyblade-Energien wissenschaftlich zu messen, ist seit jeher ein extrem komplexes Feld. Netzwerke und Standard-Prototypen können Resonanzen erfassen, ja... aber das setzt voraus, dass eine aktive Verbindung zu einem Bit-Beast oder einer Abschussvorrichtung besteht. Bei einem... ungeborenen Kind?“
Kenny hielt inne, tippte hektisch ein paar Befehle in sein System und fuhr fort: „Theoretisch... wenn man die quantenmechanischen Schwankungen von Bio-Signalen und die feinen Schwingungen, die ein starkes Erbgut abgibt, isolieren könnte... bräuchte man dafür hochspezialisierte, militärische Sensoren. Geräte, wie sie damals nur in der Forschung des russischen Militärs entwickelt wurden. Warum fragst du mich das? Hast du irgendwelche Messungen rund um das Anwesen bemerkt?“
Kai antwortete nicht sofort. Seine Züge verhärteten sich im schummrigen Schein des Fensters, während seine roten Augen den tanzenden Flocken draußen in der Dunkelheit folgten. Die Besorgnis in Kennys Stimme war unüberhörbar, doch Kai dachte nicht daran, die Karten offen auf den Tisch zu legen.
Noch nicht.
„Beantworte mir zuerst eine andere Frage“, schnitt Kai ihm eiskalt das Wort ab. „Welche Reichweite haben solche Sensoren? Wie nah müsste man an eine Person herantreten, um diese bioenergetischen Signale überhaupt isolieren zu können?“
Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. Man hörte das schnelle, geübte Klappern von Kennys Tastatur, als dieser fieberhaft Datensätze durchging, gefolgt von einem nachdenklichen Murmeln.
„Das ist extrem knifflig, Kai“, erklärte Kenny schließlich, die Stimme voller technischer Akribie. „Bioenergetische Frequenzen, erst recht die von stark energetischem Erbgut, verfliegen im Raum unglaublich schnell. Wenn man sie nicht direkt abgreift, verrauschen die Daten im elektromagnetischen Hintergrundrauschen der Umgebung. Selbst mit den fortschrittlichsten Empfängern... sprechen wir hier von maximal zwei Metern. Weiter entfernt bekommt man absolut keine verwertbaren Werte. Man müsste der Person also sprichwörtlich direkt gegenüberstehen.“
~Zwei Meter~
Kai atmete tief und langsam durch die Nase aus. Ein langer, kontrollierter Luftstoß entwich seinen Lippen.
Innerhalb des Anwesens war es also nicht passiert. Die dicken Mauern des Gebäudes, das weitläufige Grundstück und die Wände der Räume schlossen eine Messung aus der Distanz völlig aus. Niemand aus der Abtei hatte seinen Fuß über die Schwelle des Hauses oder des Grundstücks gesetzt.
Es musste draußen passiert sein. In der Öffentlichkeit.
Auf den Straßen Tokios, beim Einkaufen, bei Terminen... in jenen flüchtigen Momenten, in denen Nami im Alltagsgetümmel unterwegs gewesen war. Ein vermeintlicher Passant im Gedränge, der ihr für wenige Sekunden zu nahe gekommen war. Auf den belebten Gängen von Sunshine City in Ikebukuro, wo Nami erst heute Mittag spazieren gewesen war.
„Kai? Bist du noch da?“, hakte Kenny besorgt nach, als das Schweigen am anderen Ende zu lange anhielt. „Was hat das alles zu bedeuten?“
„Lösch den Suchverlauf dieser Anfrage, Kenny“, befahl Kai ruhig, aber mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch duldete. „Und erwähne dieses Gespräch gegenüber niemandem. Auch nicht gegenüber Tyson oder den anderen.“
„Aber Kai—“
„Ich kümmere mich darum. Gute Nacht, Kenny.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete Kai das Gespräch. Er legte das Smartphone auf den dunklen Holzschreibtisch zurück und lehnte sich langsam im Ledersessel zurück.
Seine Fäuste ballten sich in den Taschen seines Morgenmantels so fest zusammen, dass die Knöchel schmerzten.
Sie hatten Nami da draußen berührt... oder waren ihr zumindest nah genug gekommen, um ihre Messgeräte auf sie zu richten.
Morgen würde sie zum Tachiwari Tower kommen. Und Kai schwor sich im Stillen, dass sich kein Fremder auf dieser Welt ihr auch nur noch auf drei Schritte nähern würde.