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Zurück zur Routine

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Zurück zur Routine

Das verglaste Foyer des Tachiwari Towers lag in der kühlen Eleganz des frühen Vormittags. Draußen hatte der Schneefall nachgelassen, doch die Dächer Tokios blieben unter einer makellosen, weißen Decke verborgen.

Kai stand am gewaltigen Panoramafenster seines Büros im obersten Stockwerk. Er trug seinen dunklen Maßanzug, die Weste zugeknöpft, die Hände locker in den Hosentaschen vergraben. Von außen wirkte er wie die pure Personifikation von Beherrschung und kühler Geschäftsmäßigkeit.

Doch in seinem Inneren arbeitete es ununterbrochen.

Der Tachiwari Tower war nach den neusten Sicherheitsstandards gebaut worden.

Zugangs-Scans, biometrische Aufzüge, ein geschultes Team und lückenlose Videoüberwachung im gesamten Gebäudekomplex... objektiv betrachtet gab es keinen sichereren Ort in ganz Tokio. Kai neigte nicht zur Panik. Er war kein Mann, der in blinden Hysterien versank oder Wände hochzog, die ihn handlungsunfähig machten.

Paranoia war eine Schwäche, und Schwächen konnte er sich nicht leisten.

Als es an der Tür klopfte, drehte er sich langsam um. Armon trat ein. Der kräftige Mann strahlte die gewohnte, professionelle Ruhe aus, hielt ein Tablet unter dem Arm und nickte Kai knapp zu.

„Die Zufahrtswege zur Tiefgarage sind kontrolliert, Mr. Hiwatari. Der private Aufzug ist für die Mittagszeit reserviert und wird direkt aus der Sicherheitszentrale geschaltet, sobald Mrs. Hiwatari eintrifft.“

Kai nickte. Er trat an den massiven Schreibtisch heran und fixierte den Sicherheitschef aus seinen kalten, roten Augen.

„Gut“, sagte Kai ruhig, ohne die Stimme zu heben. „Achte heute dennoch auf die kleinsten Details, Armon. Keine gewöhnlichen Routinen. Ich will, dass deine Leute in der Tiefgarage und im Foyer noch etwas wachsamer sind als sonst. Wenn jemand auch nur eine Sekunde zu lange in der Nähe der privaten Zugänge verweilt, will ich es sofort wissen.“

Armon hob leicht eine Braue. Er wusste, dass Kai die Sicherheitsvorkehrungen des Towers gewöhnlich als unerschütterlich ansah. Dass er diesen zusätzlichen Nachdruck legte, war ungewöhnlich... aber Armon hinterfragte es nicht.

„Verstanden. Wir halten die Augen offen.“ Mit einem Nicken wandte sich der Sicherheitschef ab und verließ das Büro.

Als die schwere Tür ins Schloss fiel, atmete Kai tief aus.

Er ging hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Sein Blick blieb an dem kleinen, gerahmten Foto hängen, das an der Ecke des polierten Marmors stand. Es stammte aus dem letzten Sommer... Nami, die ihn mit diesem unverwechselbaren, strahlenden Lächeln ansah.

In seiner Brust zog sich ein eiskalter Knoten zusammen.

Ihre Beziehung hatte von dem allerersten Tag an eine ganz natürlich entwickelte Basis: Keine Geheimnisse. Keine Lügen. Nami vertraute ihm blind, und er schätzte ihre Ehrlichkeit mehr als alles andere auf dieser Welt. Ihr jetzt etwas vorzuenthalten... die Existenz Sobolevs, die Messungen, den Schatten über ihrem ungeborenen Sohn... , fühlte sich wie ein kleiner Verrat an.

Sein Kiefer spannte sich an. Er wollte sie nicht anlügen. Aber er wollte sie noch viel weniger in Unruhe versetzen, solange er nur Fragmente in den Händen hielt. Eine schwangere Frau im siebten Monat brauchte keinen Stress, keine Angst, die ihren Herzschlag beschleunigte.

Nur Graham war komplett eingeweiht. Grahams Miene war wie aus Stein gewesen, als Kai ihm knappe Instruktionen gegeben hatte. Der Butler wusste Bescheid, worauf er bei Namis Wegen nun zusätzlich zu achten hatte.

Kais Finger tippten im gleichmäßigen, bedächtigen Takt auf die Armlehne seines Ledersessels.

~Die Auswertungen der letzten Monate sind abgeschlossen~

Die Worte von Dr. Sobolev hallten unaufhörlich in seinem Kopf wider. Wenn die Messungen beendet waren, bedeutete das zwangsläufig, dass der erste Schritt getan war. Boris sammelte nie Daten, nur um sie in ein Archiv zu legen. Er wertete sie aus, um ein Ziel zu definieren.

Aber was war der nächste Schritt? Eine Entführung? Ein gezielter Zugriff? Oder versuchten sie, Nami subtil in eine Falle zu locken, sobald das Kind auf der Welt war?

Kai verschränkte die Finger vor dem Gesicht und starrte auf die verschneite Skyline vor seinem Fenster. Er würde Nami heute Mittag ihr gewohntes gemeinsames Essen geben. Er würde gelassen wirken, aufmerksam sein und ihr das Gefühl von absoluter Sicherheit schenken.

Doch im Hintergrund würde er jede einzelne Bewegung im Auge behalten. Denn welcher Schritt von Boris auch als Nächstes kommen mochte... Kai würde da sein, um ihn im Keim zu ersticken.

Kurz vor zwölf Uhr mittags rollte der dunkelgrüne Bentley sanft in die überdachte Vorfahrt des Tachiwari Towers. Der Schnee, der sich in den Straßen Tokios gesammelt hatte, blieb draußen vor den gewaltigen Panoramascheiben zurück, während sich die automatischen Glastüren mit einem leisen Summen öffneten.

Nami trat an der Seite von Graham in das lichtdurchflutete, imposante Foyer. Sie trug einen eleganten, cremefarbenen Umstandsmantel, unter dem sich ihr Bauch mittlerweile nicht mehr verbergen ließ. Ihre Bewegung war ruhig und bedächtig geworden, getragen von jener ganz besonderen Ausstrahlung, die Frauen in den letzten Monaten der Schwangerschaft umgab.

Graham wich nicht von ihrer Seite. Der Butler hielt genau den richtigen Abstand... aufmerksam wie ein Luchs, der die Umgebung scannte, ohne dabei steif oder fehl am Platz zu wirken.

Kaum hatten sie die Eingangshalle betreten, kam ihnen Armon entgegen. Der riesige Sicherheitschef wirkte in seinem dunklen Anzug gewohnt professionell und aufrecht, doch seine Züge entspannten sich um Nuancen, als er Nami erblickte.

„Mrs. Hiwatari. Es ist uns wie immer eine Freude“, begrüßte Armon sie mit einer respektvollen, leichten Verneigung. „Graham.“

„Hallo, Armon“, erwiderte Nami und schenkte ihm ihr warmes, offenes Lächeln, das die kühle Architektur des Glaspalastes augenblicklich erhellte. „Ich hoffe, wir stören den Ablauf nicht. Kai ist vermutlich noch mitten in den Akten?“

„Mr. Hiwatari erwartet Sie bereits im obersten Stockwerk“, antwortete Armon zügig und wies mit einer Handbewegung zum privaten Aufzugsbereich. „Der Fahrstuhl steht für Sie bereit.“

Während sie gemeinsam durch das weitläufige Foyer gingen, entging Nami nicht, wie die Blicke einiger Angestellter an ihr hängen blieben. Ein paar junge Damen aus dem Empfangsbereich und der Buchhaltung tuschelten leise miteinander und sahen verträumt zu ihrem deutlichen Babybauch hinüber. Einige lächelten ihr leise und ehrfürchtig zu.

Nami war im Tachiwari Tower überaus beliebt. Sie war nicht die distanzierte, unerreichbare Frau an der Seite eines kalten Machtmenschen, sondern begegnete jedem Angestellten stets mit echter Freundlichkeit und Wärme. Aber es gab noch einen ganz anderen Grund, warum die Belegschaft Namis Besuche im Gebäude regelrecht herbeisehnte:

Die seltenen Einblicke in Kais weiche, beschützerische Seite.

Für gewöhnlich war der junge CEO der Tachiwari-Corporation ein unerschütterlicher, unnahbarer Fels. Seine Worte karg, seine roten Augen messerscharf und seine Ausstrahlung von kühler Distanz geprägt. Doch wenn Nami den Tower betrat, veränderte sich die Atmosphäre. Die Art und Weise wie seine Hand sich wie selbstverständlich an ihren Rücken legte oder wie er den Blick nicht von ihr wenden konnte, ließ die Mitarbeiter regelmäßig schmelzen. Es war das offene Geheimnis des Towers: Der gefürchtete Kai Hiwatari hatte eine Schwachstelle... und er trug sie mit einer fast schon ehrfurchtgebietenden, stummen Hingabe vor sich her.

Nami bemerkte die schmunzelnden Blicke der Damen, strich sich mit einer leichten, verlegen-amüsierten Geste eine silbrige Strähne aus dem Gesicht und legte ihre Hand sanft auf ihren Bauch.

„Du passt wie immer wirklich gut auf uns auf, Armon“, raunte sie schmunzelnd, als der Sicherheitschef die Tür des Aufzugs mit seiner Sicherheitskarte freischaltete.

„Immer wieder gern, Mrs. Hiwatari“, entgegnete Armon stoisch, während Graham ihr den Vortritt ließ. Die Aufzugstüren schlossen sich leise, und der Fahrstuhl setzte sich geräuschlos in Bewegung... nach oben, direkt in Kais persönliche Festung.

Das leise Summen des privaten Aufzugs verstummte, ehe sich die schweren Türen geräuschlos öffneten und den Blick auf das oberste Stockwerk freigaben. Nami trat in die lichtdurchflutete Etage, dicht gefolgt von Graham.

Sie kam an Kais Bürotür an, öffnete diese und trat zusammen mit Graham ein.

Kai hatte den Schreibtisch bereits verlassen. Noch bevor sie die Türe hinter sich schließen konnte, kam er ihr entgegen. Seine Schritte waren ruhig, doch in seinen roten Augen lag jene vertraute, messerscharfe Aufmerksamkeit, die sich exklusiv auf sie richtete. Ohne ein Wort zu verlieren, trat er an sie heran, legte eine Hand behutsam an ihren Rücken und zog sie sanft zu sich. Sein Kuss war bedächtig, lang und voller stummer Erleichterung, als müsste er sich erst mit eigenen Augen vergewissern, dass sie wohlbehalten vor ihm stand.

„Ist alles in Ordnung?“, raunte Kai tief, als er sich langsam von ihren Lippen löste, die Hand jedoch schützend an ihrer Taille beließ. Sein Blick glitt aufmerksam über ihr Gesicht.

„Hast du Hunger?“

Nami schenkte ihm ihr gewohnt warmes Lächeln, während ihre Finger ganz automatisch seinen Ärmel berührten. „Alles bestens. Und ja, ich verhungere beinahe.“

„Gut“, erwiderte Kai, und ein kaum merkliches Entspannen legte sich über seine harten Züge. „Im Restaurant oben gibt es heute Hokkaido-Nabe.“

Namis Augen begannen augenblicklich zu strahlen. Der heisse, reichhaltige Eintopf mit frischem Gemüse und feinen Zutaten war bei den eisigen Temperaturen draußen genau das Richtige. „Das meinst du nicht ernst! Das klingt traumhaft, ich kann es kaum erwarten!“

„Ich habe im ruhigen Bereich einen Tisch reservieren lassen“, fügte Kai hinzu.

Ehe Nami weiter schwärmen konnte, schaltete sich eine trockene, glasklare Stimme aus dem Hintergrund ein. Graham stand mit makellos aufrechter Haltung etwas abseits, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Zu Ihrer Information, Master Kai“, sprach der Butler in gewohnt diskreter, vollkommen emotionsloser Manier. „Es gab weder ungewöhnliche Vorkommnisse noch verdächtige Personen in der näheren Umgebung. Die Fahrt verlief ohne jegliche Zwischenfälle.“

Nami hielt inne. Sie hob eine Braue, legte den Kopf leicht schief und drehte sich langsam zu Graham herum. Ein amüsiertes Glänzen trat in ihre amethystfarbenen Augen, ehe sie sich ein leises Lachen nicht mehr verkneifen konnte.

„Graham, ehrlich“, sagte sie schmunzelnd und sah den älteren Herrn schüttelnd an. „Was für Vorkommnisse denn bitte? Wir waren den gesamten Morgen und den halben Vormittag gemütlich zu Hause im Anwesen!“

Graham verzog keine Miene. Er neigte lediglich millimetergenau den Kopf. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, Madame. Insbesondere, wenn draußen Schnee liegt.“

Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und wandte sich wieder Kai zu, der die Szene stoisch beobachtete. Sie ahnte nicht, dass Graham seine Worte mit voller Absicht so gewählt hatte... als direkte, stumme Entwarnung an seinen jungen Herrn.

Etwa zehn Minuten später saßen Kai und Nami in der geschützten Nische des exklusiven Restaurants in den obersten Etagen des Tachiwari Towers. Durch die gewaltige Glasfront bot sich ein atemberaubender Blick über das verschneite, im grauen Dezemberschein liegende Tokio.

Drinnen war es angenehm warm, und der aromatische Dampf des frischen Hokkaido-Nabe stieg zwischen ihnen auf.

Nami genoss das Essen in vollen Zügen. Mit beinahe kindlicher Freude tunkte sie das zarte Gemüse und die feinen Zutaten in die dampfende Brühe, probierte und schloss für einen kurzen Moment selig die Augen.

„Das ist absolut fantastisch“, schwärmte sie vor sich hin und sah Kai mit einem strahlenden Lächeln an. „Ehrlich, mein Schatz, das war die beste Entscheidung des Tages. Wenn der Kleine so weitermacht, verlangt er ab jetzt jeden Tag nach Nabe.“

Kai saß ihr gegenüber. Seine Stäbchen ruhten flach auf der Ablage, während er eine Tasse heißen schwarzen Tee in den Händen hielt. Er lauschte ihren Worten, doch sein Blick lag auf ihr mit einer Intimität und Tiefe, die Außenstehenden stets verborgen blieb. Seine Züge wirkten ruhig, fast entspannt... eine makellose Maske für jeden Fremden im Raum.

Doch Nami kannte diesen Mann mittlerweile sehr gut. Sie gehörte zu den wenigen Menschen auf der Welt, die jede feine Nuance in seinem Gesicht lesen konnten. Sie sah die minimale Anspannung an seinen Schläfen, das kaum merkliche Schattenspiel in seinen roten Augen und die kühle Nachdenklichkeit, die ihn wie ein unsichtbarer Schleier umgab.

Sie legte ihre Stäbchen behutsam ab und sah ihn aufmerksam an.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie sanft und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Du bist gedanklich ganz woanders. Hat dieser Yamamoto dir gestern doch noch einen Bären aufgebunden oder beschäftigt dich etwas anderes?“

Kai schwieg für einen Moment. Er führte die Teetasse an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und stellte sie geräuschlos auf das Tischtuch zurück. Im Hintergrund ging er stumm die Kette seiner Gedanken durch. Er wollte sie beschützen, aber er wollte sie auch nicht belügen. Wenn er das Thema noch nicht ansprechen konnte, musste er einen Weg finden, die Wahrheit in eine Frage zu kleiden, die sie verstand.

Er blickte sie direkt an. Seine Stimme war tief und überraschend bedacht, als er das Wort ergriff.

„Ich habe nachgedacht...“, begann Kai langsam und wählte jedes Wort mit Bedacht.

„Über das Baby... über Gou. Und darüber, was in ihm steckt.“

Nami blinzelte überrascht, ihre ozeanfarbenen Augen fixierten ihn neugierig. „Wie meinst du das?“

Kai lehnte sich ein Stück zurück, seinen Blick fest auf sie gerichtet. „Wir sind keine gewöhnlichen Menschen, Nami. Ich bin mit der Energie von Dranzer verschmolzen... und du trägst die Resonanz von Pegasus in dir. Unser ganzes Leben wird von diesen Auren und Mächten geprägt.“

Er hielt kurz inne, strich mit den Fingern über die glatte Keramik seiner Tasse und fuhr fort: „Ich habe mich gefragt, ob unser Sohn vielleicht... besondere Fähigkeiten entwickeln könnte. Aufgrund dessen, wer wir sind. Vielleicht beeinflussen sich unsere beiden Auren nicht nur gegenseitig, wenn wir zusammen sind... sondern haben von Anfang an auch das Baby beeinflusst.“

Nami saß reglos da und lauschte seinen Worten. Der heitere Ausdruck in ihrem Gesicht wich einer nachdenklichen, weichen Überraschung.

„Es ist nur ein Gedanke“, fügte Kai leise hinzu, und seine Stimme hatte diesen rauen, beschützerischen Unterton. „Aber es wäre möglich.“

Nami sah ihn lange an. Anstatt erschrocken zu wirken, legte sich ein liebevolles, fast verständnisvolles Lächeln auf ihre Lippen. Sie schob ihre Hand über das Tischtuch und legte ihre Finger sanft auf seine.

„Du machst dir wirklich viele Gedanken über ihn, nicht wahr?“, raunte sie leise und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.

„Wenn er nach dir kommt, wird er ohnehin einen dickköpfigen und starken Willen haben. Aber was auch immer er mitbringt... wie auch immer seine Aura sein mag... wir beide werden da sein, um ihm zu zeigen, wie er damit umzugehen hat. Er ist unser Sohn, Kai.“

Kai blickte auf ihre verschlungenen Hände hinab. Die Kälte, die seit dem gestrigen Abend in seinen Knochen gesessen hatte, wich für einen Moment einer tiefen, unerschütterlichen Entschlossenheit. Nami hatte recht. Egal welche Anomalie Dr. Sobolev gemessen hatte, egal was Boris in diesem Kind sah... sie würden diesen Jungen gemeinsam beschützen.

Nami spürte die tiefgründige Schwere, die kurz über dem Tisch gelegen hatte. Sie wusste genau, wann es Zeit war, Kais eisernen Fokus sanft zu brechen und ihn aus seinen düsteren Gedankengängen zurück ins Hier und Jetzt zu holen.

Ein schelmisches, fast warmes Funkeln trat in ihre ozeanfarbenen Augen. Sie schob ihre leere Nabe-Schale ein Stück zur Seite, stützte das Kinn auf ihre Handfläche und sah ihn mit einem unverkennbar neckischen Lächeln an.

„Aber wo wir gerade von unserem Sohn sprechen...“, begann sie, während ihre Stimme einen leichten, verspielten Unterton annahm. „Ich glaube, um seine mystischen Auren können wir uns noch kümmern, wenn er auf der Welt ist. Viel dringender ist doch die Frage, wie du dich nächste Woche anstellst.“

Kai hob unverändert stoisch eine Braue. „Nächste Woche?“

„Nächste Woche steht der fünfte Abend des Schwangerschaftsvorbereitungskurses an“, erinnerte Nami ihn und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. „Und ich habe läuten hören, dass das Thema dieses Mal die 'praktische Säuglingspflege' ist. Das bedeutet: Wir bekommen Babypuppen. Und du musst zeigen, wie präzise du wickeln und baden kannst.“

Kais Blick veränderte sich keinen Millimeter, doch das feine Zucken an seinem Mundwinkel verriet, wie absurd dieser Gedanke für den sonst so gefürchteten CEO und Ex-Weltmeister klingen musste.

„Eine Puppe“, wiederholte Kai trocken.

„Eine lebensgroße Puppe“, korrigierte Nami lachend. Sie lehnte sich ein Stück zurück und legte ihre Hand liebevoll auf ihren Bauch.

„Aber jetzt mal ganz ohne Flachs... Ich habe die letzten Abende dort wirklich extrem genossen. Mit dir zusammen.“

Ihre Züge wurden einen Hauch sanfter, und die Ehrlichkeit in ihrer Stimme ließ Kais Aura augenblicklich weicher werden.

„Du bist wirklich das Paradebeispiel für den perfekten Ehemann“, sagte sie neckisch, während ein leises, herzliches Lachen aus ihrer Kehle drang. „Du hättest die Gesichter der anderen werdenden Väter sehen sollen! Letztes Mal, als die Kursleiterin das Tragetuch-Binden und die ergonomischen Hebetechniken gezeigt hat... du die Ärmel deines Maßhemdes hochgekrempelt hast und eine eiskalte Präzision an den Tag gelegt hast, als wäre es eine strategische Analyse. Die anderen Männer waren völlig überfordert mit dem Stoffstück, während dein Tuch saß wie eine zweite Haut. Sie haben sich buchstäblich an dir orientiert und versucht, deine Haltung nachzuahmen. Du bist heimlich das Vorbild der gesamten Abendgruppe geworden, mein Zar.“

Kai griff nach seiner Teetasse und nahm einen bedächtigen Schluck, um das leichte Schmunzeln zu verbergen, das sich nun doch auf seine Lippen stahl.

„Diese Männer lassen sich zu leicht aus der Ruhe bringen“, raunte er tief, die roten Augen fest auf sie gerichtet. „Wenn es darum geht, dich zu unterstützen, mache ich wie du weißt keine halben Sachen. Und die Puppe werde ich wohl auch noch korrekten Handgriffen unterziehen können.“

Nami prustete leise los. Die humorvolle Leichtigkeit hatte die verbliebenen Schatten des gestrigen Abends völlig vertrieben. Für diesen Moment gab es nur die Aussicht auf einen eisigen Dezemberabend in Tokio, einen dampfenden Tee und die Vorstellung von Kai Hiwatari, wie er mit stoischer Perfektion eine Babypuppe wickelte.

Nami schenkte ihm noch einen Augenblick lang dieses amüsierte Lächeln, ehe sie den Tonfall leicht wechselte. Sie strich mit den Fingern über die Tischkante und sah Kai aufmerksam an.

„Übrigens... meine Mutter hat mich heute Morgen angerufen“, begann sie und beobachtete seine Reaktion genau. „Sie hat gefragt, ob wir dieses Jahr nicht ein Weihnachtsessen im Anwesen veranstalten wollen. Am vierundzwanzigsten Dezember... so wie es in vielen europäischen Ländern Brauch ist. Einfach ein nettes, familiäres Beisammensein im kleinen Kreis.“

Kai sah sie aus seinen kühlen, roten Augen ruhig an. Die Aussicht auf ein belebtes Anwesen am Heiligen Abend ging ihm durch den Kopf. Unter den aktuellen Umständen... mit Sobolevs Schatten im Hintergrund... war ihm der Gedanke, alle wichtigen Menschen an einem Ort und unter dem Schutz seiner eigenen Tore zu wissen, gar nicht so unrecht. Doch sein erster Fokus galt einzig und allein ihr.

„Wenn du meinst, dass dir das nicht zu viel wird“, antwortete Kai tief und musterte ihren Bauch. „Du bist im siebten Monat. Ich will nicht, dass du dich mit Vorbereitungen überforderst.“

Nami strahlte ihn augenblicklich an. Die Sorge in seiner Stimme erwärmte ihr Herz immer wieder aufs Neue. „Ach, mein Schatz... mir ist so etwas doch nie zu viel. Selbst in anderen Umständen nicht. Außerdem haben wir Graham und ein eventuell gemietetes Küchenpersonal. Ich muss im Grunde nur da sein und das Essen genießen.“

Sie hielt für einen kurzen Moment inne, legte den Kopf leicht schief und fügte mit einem kleinen, fast unschuldigen Blicken hinzu: „Oma Yumi und Opa Takeshi würden übrigens auch sehr gerne kommen.“

Kai hielt im Einschenken seines Tees inne. Seine Augen verengten sich für den Bruchteil einer Sekunde, ehe ein langes, hörbares Seufzen seiner Brust entwich. Er stellte das Kännchen ab und lehnte sich mit gewohnt stoischer Miene zurück.

„Ich habe mich mittlerweile wohl oder übel an Oma Yumis Sprüche gewöhnt“, brummte Kai trocken und blickte kurz ins Leere, als zögen die vergangenen Familienfeste vor seinem geistigen Auge vorbei. „Gott sei Dank muss ich sie nur selten ertragen.“

Nami konnte sich nicht mehr halten. Ein lautes, herzliches Lachen drang aus ihrer Kehle und hallte durch den ruhigen Bereich des Restaurants. Sie schlug sich amüsiert die Hand vor den Mund, während einige Gäste an den benachbarten Tischen lächelnd zu ihnen herübersahen.

„Sie mag dich eben auf ihre ganz eigene, anstrengende Art!“, brachte sie zwischen zwei Lachanfällen hervor und wischte sich eine kleine Freudenträne aus dem Augenwinkel.

Kai sah sie einfach nur an. Das eiskalte Bild von Dr. Sobolev und die düsteren Schatten der Abtei waren in diesem Moment meilenweit entfernt. Das Lachen seiner Frau war der einzige Klang, der für ihn in diesem Raum zählte.

Als Namis Lachen langsam verhallte, glitt ihr Blick zurück auf Kais Seite des Tischens. Ihr Lächeln fror für einen kurzen Moment ein, und ihre ozeanfarbenen Augen verengten sich prüfend.

Sein Teller stand noch immer unberührt vor ihm. Die Stäbchen lagen akkurat auf der Ablage, und bis auf ein paar Schlucke des heißen Tees hatte Kai keinen einzigen Bissen zu sich genommen.

„Mein Schatz“, meinte sie und hob missbilligend eine Braue, während sie mit dem Zeigefinger auf seine Schale deutete. „Du hast ja gar nichts gegessen. Was ist los? Schmeckt es dir nicht?“

Kai verzog keine Miene. Er blickte kurz auf die dampfende Schale hinab und wandte sich dann mit vollendeter Gelassenheit wieder zu ihr.

„Ich habe heute Morgen sehr ausgiebig gefrühstückt“, antwortete er glatt und ohne zu zögern. „Das liegt mir immer noch im Magen. Deshalb lasse ich das Mittagessen heute ausfallen.“

Nami sah ihn für zwei Sekunden schweigend an, ehe sie leise seufzte und kopfschüttelnd ihre Stäbchen wieder aufnahm. Seine Begründung klang plausibel genug, um keine weiteren Nachfragen zu provozieren... besonders nicht bei seiner sturen Art, wenn es um seinen eigenen Körper ging.

Was sie jedoch nicht wusste und was er mit keinem Wort erwähnen würde: Das üppige Frühstück war reine Fiktion gewesen.

Die Ereignisse des vergangenen Abends, das eiskalte Gesicht von Dr. Sobolev und die Erkenntnis, dass er und sein Team Nami monatelang aus der Nähe analysiert hatte, hatten sich in Kais Innerem zu einem harten, undurchdringlichen Knoten verkrampft. Seine gewohnte Beherrschung ließ ihn nach außen hin absolut ruhig wirken, doch in seiner Brust herrschte eine schneidende, ununterbrochene Wachsamkeit.

Er hatte schlichtweg keinen Appetit. Jeder Gedanke an Nahrung fühlte sich in diesem Moment falsch an... sein gesamter Fokus war darauf gerichtet, die Umgebung zu scannen, Risiken abzuwägen und den nächsten Zug von Boris vorauszuahnen.

Dennoch wusste Kai genau, dass er diesen Zustand nicht ewig aufrechterhalten konnte. Ein durchtrainierter Körper von seiner Statur verbrauchte Unmengen an Energie und lebte nicht von bloßer Luft oder kreisenden Gedanken. Spätestens heute Abend im Anwesen würde sich der biologische Hunger mit aller Macht zurückmelden, und er würde die verpassten Kalorien nachholen müssen.

Aber nicht jetzt. Nicht hier im Restaurant, wo seine Sinne auf Hochtouren liefen.

„Du solltest zumindest ein paar Bissen probieren“, flüsterte Nami schließlich sanft und schob ihm mit den Stäbchen ein besonders zartes Stück Gemüse hin. „Für mein Gewissen. Ich komme mir schlecht vor, wenn ich mich hier vollstopfe und du mir nur zuschaust.“

Kai sah sie einen Moment an. Der eiskalte Knoten in seiner Brust lockerte sich um eine Winzigkeit. Er griff stoisch nach seinen Stäbchen, nahm das Gemüse entgegen und führte es zum Mund.

„Wenn es dich beruhigt“, raunte er tief und begegnete ihrem zufriedenen Lächeln mit einem gewohnt unlesbaren Blick.

Wenig später schlossen sich die schweren Türen des privaten Aufzugs, und das geräuschlose Gleiten brachte Kai und Nami zurück nach unten. Als der Fahrstuhl mit einem leisen Ton im lichtdurchfluteten Foyer ankam und die Türen sich öffneten, bot sich ihnen ein beinahe friedliches Bild.

Graham saß in einer der weichen Ledersessel der VIP-Lounge etwas abseits des Trubels. Vor ihm stand ein feines Porzellantässchen, aus dem der dampfende Duft von frischem Earl Grey stieg. Der alte Butler strahlte eine vollkommene, zeitlose Seelenruhe aus. Doch kaum dass die Aufzugstüren aufglitten und seine aufmerksamen Augen den jungen Herrn und dessen Frau erfassten, stellte er die Tasse mit einer fließenden Bewegung flach ab und erhob sich augenblicklich zu seiner vollen, makellosen Grösse.

Nami konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen, als sie auf ihn zugingen. „Graham, bitte! Du kannst deinen Tee doch ganz entspannt zu Ende trinken, wir haben es doch überhaupt nicht eilig.“

Graham strich sein dunkles Sacko mit einer stoischen Handbewegung glatt und neigte den Kopf in gewohnter, millimetergenauer Präzision. „Ich danke Ihnen für die Rücksichtnahme, Madame. Allerdings ist ein lauwarm gewordener Earl Grey eine Sünde, die ich weder mir noch dem Tee anzutun gedenke. Der Magen kann warten, der Dienst nicht.“

Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf über diese gewohnt trockene Ansage. Sie drehte sich wieder zu ihrem Mann herum, um sich zu verabschieden. „Danke für das schöne Mittagessen, mein Schatz. Ich fahre jetzt nach Hause und entspanne mich ein wenig.“

Kai schlang einen Arm fest um ihre Taille. Er zog Nami ohne Vorwarnung dicht an seinen Körper. Noch ehe sie etwas sagen konnte, beugte er sich hinab und legte seine Lippen auf ihre.

Der Kuss war tief, intensiv und von einer dunklen, erotischen Leidenschaft geprägt, die absolute Besitzansprüche stellte. Kais freie Hand vergrub sich sanft in ihrem silbrigen Haar und hielt sie fest an sich gedrückt, während die Welt um sie herum völlig verblasste.

Im weitläufigen Foyer stockte für einen Moment der Atem der Belegschaft. Einige der jungen Damen am Empfang und aus den umliegenden Büros, die das Geschehen unwillkürlich beobachtet hatten, liefen auf der Stelle tiefrot an. Ein Raunen ging durch die Reihen, und zwei Angestellte hielten sich mit verzücktem Blick die Hände vor den Mund, als bräche das Eis des sonst so unerreichbaren, kühlen CEOs direkt vor ihren Augen auf.

Nami spürte die Hitze, die bis zu ihren Wangen aufstieg, und die feine Resonanz seiner Lippen. Ein leises, amüsiertes Lachen entwich ihr mitten gegen seinen Mund, ehe Kai sie langsam wieder freigab, die Hand aber schützend an ihren Rücken gelehnt ließ.

Sie sah zu ihm auf, ihre ozeanfarbenen Augen funkelten vor verspielter Frechheit. Sie neigte sich ein Stück zu seinem Ohr und flüsterte ihm so leise zu, dass nur er es hören konnte:

„Du hast hier einen Ruf zu verlieren, Herr CEO... Die Damen drüben am Empfang müssen gleich beatmet werden.“

Ein dunkles, fast unmerkliches Glimmen trat in seine roten Augen. Statt sie freizugeben, verengte sich Kais Griff um ihre Taille noch ein Stück. Er zog Nami noch engatmiger an seinen festen Oberkörper, soweit ihr großer Bauch es zuließ, und beugte sich so tief hinab, dass seine Lippen fast die empfindliche Haut an ihrem Hals berührten.

Sein tiefer, rauer Atem strich wie ein elektrisierender Schauer über ihre Haut.

„Das ist mir... sowas von egal“, raunte er ihr ins Ohr. Seine Stimme war nur noch ein samtenes, intensiv erotisches Flüstern, das Nami augenblicklich eine Gänsehaut über den gesamten Rücken jagte. „Ich werde heute Abend pünktlich im Anwesen sein. Und dann gehe ich mit dir baden... wir beide allein im warmen Wasser.“

Er ließ die Worte einen Sekundenbruchteil in der Luft hängen, ehe seine Lippen ganz leicht an ihrer Halsschlagader entlangstrichen.

„... und danach sorge ich persönlich dafür, dass du all die Bücher der letzten Wochen ganz schnell vergisst. Und noch ein paar andere Dinge.“

Ein heißer Stoß fuhr Nami bis ins Mark. Kais Stimme trug dieses gefährliche, unerschütterliche Versprechen in sich, das absolut keinen Raum für Zweifel ließ. Er war der unnahbare, eiskalte Konzernchef für die ganze Welt... doch in Momenten wie diesem gehörte seine brennende, dunkle Intensität ganz allein ihr.

Als er sich langsam wieder aufrichtete, lagen seine Züge wieder in kühler, makelloser Beherrschung. Doch der Blick aus seinen roten Augen brannte sich mit einer raubtierhaften Schärfe in die ihren.

Nami musste kurz nach Atem ringen. Ihr Herz klopfte spürbar schneller, und der leichte Rosagoldton auf ihren Wangen stammte dieses Mal definitiv nicht von den Blicken der Angestellten. Sie sah ihn mit einem gemischten Ausdruck aus ungläubiger Überraschung und tiefem, verlangendem Funkeln an.

„Du bist unmöglich, mein Schatz...“, raunte sie mit einem leichten, atemlosen Schmunzeln und strich ihm mit einer letzten, vertrauten Bewegung über das Revers seines Maßanzugs.

„Bis heute Abend“, erwiderte Kai tief, neigte knapp den Kopf in Grahams Richtung und wandte sich schließlich um, um mit ruhigen, geschmeidigen Schritten zurück in Richtung des privaten Aufzugs zu gehen.

Nami sah ihm noch einen Moment hinterher, ehe sie sich an die Seite des stoisch wartenden Grahams stellte.

„Wir sollten dann wohl fahren, Madame“, bemerkte der Butler mit unbewegter Miene und wies diskret zum Ausgang, als hätte er kein einziges Wort gehört.

Nami atmete noch einmal tief durch, legte eine Hand auf ihren Bauch und schenkte Graham ein amüsiertes, leicht erschöpftes Lächeln. „Ja, das sollten wir wohl.“