Andere Dinge
Andere Dinge
„Nein, also das ist nun wirklich nicht nötig. Ich kann schon auf mich selbst aufpassen“, erwiderte Nami rasch und hob abwehrend die Hände.
In ihrem Inneren tobte ein heftiger Konflikt. Natürlich war die Vorstellung, jeden Tag von einem Mann wie Kai Hiwatari...mit dieser Ausstrahlung und diesem Blick vor den Toren ihrer Schule abgeholt zu werden, absolut berauschend. Es war wie eine Szene aus einem Film. Doch die Realität sah anders aus: Sie war bereits die „Tachiba-Erbin“ und eine bekannte Bladerin. Wenn Kai dort auftauchte, würde das ein mediales und schulinternes Beben auslösen, das sie niemals wieder unter Kontrolle bekäme. Die Aufmerksamkeit, die sie ohnehin schon mühsam wegsteckte, würde ins Unermessliche steigen.
„Hm.“ Kai blickte stur geradeaus, sein Profil wirkte wie aus Stein gemeißelt. Seine Augen strahlten wieder jene gewohnte, unnahbare Härte aus, die ihn so berühmt und für viele so einschüchternd machte.
Er trat einen Schritt vor und hielt Nami die schwere Glastür der Tachibey-Zentrale mit einer fast schon ritterlichen Geste auf. „Ich habe es ja eben selbst gesehen, wie gut du auf dich aufpassen kannst“, brummte er sarkastisch, während sie an ihm vorbeischlüpfte. „Nimm dir in Zukunft bitte ein Pfefferspray oder so etwas mit.“ Er griff in seine Hosentasche und zückte ein zerknittertes, kleines Stück Papier. „Und ruf mich an, wenn dieser Typ dich wieder belästigen sollte.“
Nami nahm den Zettel entgegen und starrte wie gebannt auf die handschriftlich notierten Ziffern einer Handynummer. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Wie süß... macht er sich etwa wirklich Sorgen? Sie konnte nicht verhindern, dass ein breites Lächeln ihre Lippen umspielte, und sie nickte eifrig. „Alles klar, das mache ich. Danke, Kai.“
Ein flüchtiger Moment der Entspannung glitt über Kais Züge, und es schien fast so, als würde sich ein klitzekleines, kaum wahrnehmbares Lächeln in seinem Gesicht abzeichnen, bevor er seine Maske wieder festzurrte.
„Aaaahhh, wunderbar! Ihr habt euch gefunden!“ Die dröhnende, gut gelaunte Stimme von Hiro Tachiba riss sie beide aus dem Moment. Er kam ihnen mit federnden Schritten entgegen und klatschte erfreut in die Hände. „Wie ich sehe, kennt ihr euch bereits?“ Er hob vielsagend die Brauen und blickte erwartungsvoll von Kai zu seiner Tochter.
Einen Moment lang herrschte betretene Stille. Nami schluckte trocken. Ihr Vater ahnte nichts von dem Treffen im Treppenhaus oder dem Vorfall auf der Loge. Sie zwang sich ein unschuldiges Lächeln auf die Lippen. „Ja, er kam mir... ganz zufällig entgegen. Ich bin wirklich unglaublich überrascht, dass er heute hier ist!“
„Nicht wahr?“, lachte Hiro und gab Kai einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Der liebe Kai hat ganz spontan zugesagt, die anstehenden Prototyp-Versuche mit dir durchzuführen. Währenddessen werden wir sein Kampfprofil erneut digitalisieren und als Basis für die neuen Bot-Daten verwenden.“ Er unterbrach seinen euphorischen Redeschwall kurz und sah Nami plötzlich mit einem sehr ernsten, väterlichen Blick an.
„Allerdings würde ich gerne noch kurz mit meiner Tochter etwas in meinem Büro besprechen. Kai, wärst du so freundlich? Melde dich doch bitte in der Zwischenzeit in Halle 3 bei Gudbrok.“
Kai nickte knapp, schenkte Nami noch einen letzten, unergründlichen Blick und verschwand dann wortlos hinter der nächsten Abbiegung des klinisch weißen Ganges.
„Sooo... nun komm mal mit, mein Schatz.“
Nami folgte ihrem Vater zum gläsernen Aufzug, der sie in Rekordzeit zwanzig Stockwerke nach oben in die Chefetage katapultierte. Das Büro war beeindruckend: lichtdurchflutet, mit einer Fensterfront, die fast das gesamte Stadtpanorama Tokios einrahmte. Während Hiro sich seufzend in seinen weißen Chefsessel sinken ließ, nahm Nami auf einem der bequemen Stühle vor seinem massiven Schreibtisch Platz. Warum wirkte er plötzlich so feierlich?
„Ich... habe eine Bitte, Nami. Es geht um Kai und dich.“ Hiro verschränkte die Finger. „Ich weiß natürlich von eurer Begegnung beim Turnier. Die Leute tuscheln, mein Kind, und sie tun es niemals leise. Ihr habt euch dort wohl etwas länger unterhalten, hm?“
Nami fühlte sich ertappt. Die Hitze stieg ihr augenblicklich ins Gesicht. Sie öffnete den Mund, doch ihr Verstand suchte verzweifelt nach einer Antwort, die weder zu viel verriet noch wie eine Lüge klang. „Und... deine Bitte wäre?“, krächzte sie schließlich leise.
Hiro schien amüsiert über ihre Defensive. Ein breites Grinsen stahl sich in seinen Bart. „Keine Sorge, Nami. Ich halte wirklich sehr viel von dem Jungen. Ich glaube die vielen düsteren Gerüchte über ihn nicht – dafür kenne ich ihn schon zu lange. Meine Bitte ist nur, dass ihr die Arbeit hier ernst nehmt. Wir haben einen extrem engen Zeitplan. Haltet euch also mit... anderen Dingen etwas zurück, bis die Testreihe abgeschlossen ist.“
>Andere DINGE?< Nami war fassungslos. Ihr Vater implizierte gerade ganz ungeniert, dass zwischen ihr und Kai etwas Romantisches vorgehen könnte. Ihr Gesicht nahm einen Farbton an, der locker mit Kais Augen konkurrieren konnte.
Hiro genoss die Situation sichtlich. Er spielte nun überspitzt den strengen Geschäftsführer, konnte sich aber nicht halten und lachte laut los, als er Namis hochroten Kopf sah.
„Dad! Also... was zum...! Kai und ich... zwischen uns läuft absolut nichts! Und außerdem interessiert er sich sowieso nicht für mich!“, platzte es aus ihr heraus. Warum verteidigte sie sich so leidenschaftlich? Und warum klang ihre eigene Stimme dabei so enttäuscht?
Hiro wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Kein Interesse? Das klang aber ganz anders, als er für diesen Job zugesagt hat. Ihm wurde ausdrücklich gesagt, dass er die meiste Zeit mit dir verbringen muss, und er hat zugestimmt, ohne mit der Wimper zu zucken.“ Er lehnte sich vor, sein Ton wurde nun ernsthafter, aber unterstützend. „Du bist jetzt achtzehn, Nami. Du solltest dir Gedanken über deine Zukunft machen. Wenn es jemand wie Kai ist, wirst du meine volle Unterstützung haben.“
„Du... du verstehst da was völlig falsch, Dad! Wir werden schon nicht anfangen, hier rumzuknutschen!“, stieß sie hervor. Kaum waren die Worte aus ihrem Mund, wollte sie im Boden versinken. Hatte sie das gerade wirklich vor ihrem Vater gesagt?
„D-darf ich jetzt bitte gehen?“, stammelte sie und sprang auf.
„Natürlich, mein Engel“, grinste Hiro zufrieden und lehnte sich in seinem Sessel zurück, während er seiner Tochter nachsah, die förmlich aus dem Büro floh.
Nami stand im Aufzug und starrte auf die wechselnden Stockwerkszahlen. Ihr Kopf dröhnte. Dass ihr Vater ihr quasi den „Segen“ für eine Romanze mit Kai gegeben hatte, fühlte sich vollkommen surreal an. Es war fast schon peinlich. Mit tiefen Atemzügen versuchte sie, ihren Herzschlag zu beruhigen, während sie durch die weitläufigen Flure Richtung Erdgeschoss lief.
Sie passierte Büros und Werkstätten, grüßte die Angestellten nur mechanisch und erreichte schließlich Halle 3.
Vor der schweren Tür zu Halle 3 verharrte Nami einen Moment. Anstatt direkt einzutreten, nutzte sie die große Plexiglasscheibe, die einen Blick in das Herz des Testzentrums bot. Was sie dort sah, ließ ihren Atem augenblicklich stocken.
Kai stand im Zentrum der Halle auf einem erhöhten Podest, umringt von einem Wald aus High-Tech-Equipment. Er trug lediglich seine weite Hose; sein gesamter Oberkörper war nackt und über und über mit Sensorkabeln und Elektroden bedeckt, die wie ein künstliches Nervensystem an seiner Haut hafteten. Das kühle Licht der Scheinwerfer betonte jede Kontur seiner Muskulatur. Nami spürte, wie eine Gänsehaut ihre Arme überzog, die rein gar nichts mit der Klimaanlage zu tun hatte.
Dann ertönte ein Signal über die Lautsprecher. Kai zückte seinen Blade. Mit einer fließenden, fast schon raubtierhaften Eleganz riss er die Reißleine. Jede Bewegung war reine Perfektion – ein Zusammenspiel aus Kraft und absoluter Kontrolle. Dranzer schoss wie ein blau-roter Blitz hinab in die Arena, die mit rotierenden Hindernissen und Stahlspeeren gespickt war. Doch Kais Blade tanzte förmlich durch das Chaos. Mit einer Leichtigkeit, die Nami sprachlos machte, wich er jeder Falle aus, nur um am Ende der Runde gehorsam direkt in Kais ausgestreckte Hand zurückzuspringen.
„Alles klar, Mr. Hiwatari! Das war top. Die Daten haben wir“, tönte die Stimme eines Technikers.
Kai nickte knapp. Doch gerade als Nami dachte, sie sei unsichtbar, wandte er den Kopf. Seine Augen fixierten genau die Stelle hinter der Scheibe, an der sie stand. Erschrocken zuckte sie zusammen und duckte sich unter das Fensterrahmen, als würde sie vor einer Explosion fliehen. ~ Oh Gott, nachher denkt er noch, ich stalke ihn! ~, schalt sie sich innerlich, während ihr Herz gegen die Rippen trommelte.
Sie konnte es von ihrer Position aus nicht sehen, aber im Inneren der Halle stahl sich ein seltenes, amüsiertes Schmunzeln auf Kais Lippen. Er schloss die Augen und begann gelassen, sich die Elektroden von der Haut zu ziehen.
Nami schlich geduckt am Fenster vorbei, bis sie außer Sichtweite war, und richtete sich erst dann wieder auf. Ihr war klar: Kai war beschäftigt. Und sie selbst? Sie fühlte sich nach dem Vorfall an der Straßenbahn und der Aufregung im Büro ihres Vaters alles andere als vorzeigbar. Ein kurzer Check unter den Armen bestätigte ihr Befürchtung – die Sommerhitze hatte ihre Spuren hinterlassen.
~ Ein bisschen auffrischen wäre jetzt lebensnotwendig ~, entschied sie und machte sich auf den Weg in das Untergeschoss zum Wellness-Bereich.
In der Umkleide quietschte ihr Spind leise, als sie ihn öffnete. Sie entledigte sich ihrer Schuluniform und schlüpfte unter die kühle Regendusche. Das Wasser prasselte auf sie herab, doch es schaffte es nicht, ihre Gedanken abzukühlen. Immer wieder sah sie Kai vor sich – diesen trainierten Oberkörper, das markante Sixpack, die absolute Fokussierung. Sie presste sich die Hände an die glühenden Wangen und grinste wie ein frisch verliebtes Schulmädchen gegen die Fliesenwand.
~Nein, nein... Nami, reiß dich zusammen! Hör auf, so von ihm zu denken!~, ermahnte sie sich lautlos. Doch dann hallten die Worte ihres Vaters wieder in ihrem Kopf: ~Er hatte ohne zu zögern zugestimmt...~ Wollte er sie wirklich sehen? War sie der Grund, warum der unnahbare Kai Hiwatari sich als Testobjekt zur Verfügung stellte? Das sanfte Tröpfeln des Wassers an ihren Fingerspitzen schien den Rhythmus ihrer Hoffnung widerzuspiegeln.
Frisch geduscht und mit geföhnten Haaren trat sie schließlich wieder vor den Spind. Sie entschied sich für ein Outfit, das sowohl sportlich als auch... nun ja, vorteilhaft war: Ein eng anliegendes, weißes Top und figurbetonte Hotpants. Als sie sich im Spiegel betrachtete, umspielten ihre endlos langen, silbrig-weißen Wellen ihren Rücken und reichten fast bis in die Kniekehlen. Sie fühlte sich bereit.
Als sie wieder bei Halle 3 ankam, blieb ihr fast das Herz stehen. Kai war bereits fertig. Er lehnte lässig an der Wand, genau dort, wo sie ihn zuvor beobachtet hatte. Er trug wieder sein Shirt, doch sein Blick war auf den Gang gerichtet, aus dem sie kam. Er wartete.
~Lass dir bloß nichts anmerken... bleib cool~, beschwor sie sich selbst.
Kais Blick wurde weich, als er sie sah. Es war ein ungewohnter Ausdruck in seinen Augen, eine Mischung aus Anerkennung und etwas, das Nami nicht ganz deuten konnte. Kai selbst schluckte unmerklich, als er registrierte, wie gut die knappe Kleidung ihre Figur betonte.
„Du hast doch nicht etwa auf mich gewartet?“, versuchte Nami ihre Nervosität mit einem frechen Grinsen zu überspielen. Doch als sie zu tief in seine granatroten Augen blickte, spürte sie sofort, wie die Hitze wieder in ihre Wangen stieg.
„Allerdings“, antwortete Kai mit gewohnt tiefer Stimme. „Wir haben noch viel zu tun. Dein Vater hat mir einen Trainingsplan gegeben. Zehn Prototypen stehen auf der Liste.“
Nami atmete tief durch, bemüht, den Blickkontakt nicht zu lange zu halten, um nicht völlig die Fassung zu verlieren.
„Halle Zwei ist sicher gleich für uns frei“, sagte sie und versuchte, so professionell wie möglich zu klingen.