LNCrawler

Aus dem Schatten

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Aus dem Schatten

Ein kalter, blasser Grauton lag über den Dächern Tokios. Draußen vor dem riesigen Panoramafenster im oberen Stockwerk des Tachiwari Towers tanzten ein paar verstreute Schneeflocken durch die eisige Luft, ehe sie an den doppelverglasten Scheiben zerschellten.

Kai saß an seinem massiven Schreibtisch aus dunklem Marmor. Er trug ein tiefschwarzes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt waren, und die Weste seines Maßanzugs lag gewohnt makellos an. Die Ellbogen auf den polierte Marmor gestützt, hielt er das Smartphone fest an sein Ohr gepresst. Seine roten Augen fixierten reglos einen Punkt auf der glatten Tischfläche.

Am anderen Ende der Leitung knackte die Verbindung leicht... die Abhörsicherung der RBA leitete das Signal über mehrere Satelliten um, ehe Talas tiefes, charakteristisches Rauen durch den Laitsprecher drang.

„Meine Kontakte bei der Behörde haben mir heute Morgen die Bestätigung geliefert“, sagte Tala, und im Hintergrund war das leise, träge Papierrascheln aus seinem Büro in Moskau zu hören. Seine Stimme klang wie immer direkt, rau und ohne jede Umschweife.

„Boris hält sich definitiv immernoch in Russland auf. Er verlässt das Land nicht, seine Bewegungsmuster sind minimal, aber er zieht im Hintergrund die Fäden. Die Leute, die du gesehen hast, unterstehen direkt seiner Befehlskette.“

Kai verengte die Augen. Ein eisiges, lautloses Ausatmen entwich seiner Brust.

„Sobolev läuft hier nicht ohne Ziel durch die Straßen“, erwiderte Kai tief, seine Stimme glatt wie eine frisch geschliffene Klinge. „Er hat Messungen durchgeführt. Und er hat Daten gesammelt.“

Tala schwieg für einen kurzen Moment. Man hörte, wie er eine Akte zuklappte oder etwas flach auf den Tisch legte.

„Das ist der Teil, den ich nicht begreife, Kai“, fuhr Tala fort, und in seinem Tonfall schwang eine ehrliche, grimmige Ratlosigkeit mit. „Wie zum Teufel kommt Boris überhaupt auf die Idee, ein ungeborenes Kind analysieren zu lassen? Selbst für seine Verhältnisse von krankhafter Obsession... woher will er wissen oder ahnen, dass dein Sohn außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen soll? Ein Fötus schlägt nicht mit einem Beyblade um sich. Wie kommt er auf so eine Vermutung?“

Kais Finger schlossen sich einen Hauch fester um das Gehäuse des Telefons. Seine roten Augen blickten starr ins Leere, während er die wirren Puzzleteile der letzten Tage im Kopf neu sortierte.

„Ich habe da so eine Theorie...“, begann Kai langsam. Seine Stimme klang nachdenklich, fast grübelnd, während er den Gedanken laut formulierte. „Ich habe viel darüber nachgedacht, wie Boris rechnet. Bedenke, was Nami und ich sind. Ich bin mit der Energie von Dranzer verschmolzen... und Nami trägt die Natur von Pegasus in sich.“

Am anderen Ende der Leitung blieb Tala stumm und hörte aufmerksam zu.

„Wenn zwei Personen mit einer solchen energetischen Auralast ein Kind zeugen...“, fuhr Kai fort, und in seinem Ton lag das stetige Abwägen einer Theorie, „...könnte es da nicht sein, dass Gou von der allerersten Sekunde an mit einer Art von besonderer Resonanz gezeugt wurde? Dass die beiden Mächte in unserem Inneren Spuren in seiner Anlage hinterlassen haben? Es ist bisher nur ein Erklärungsansatz, eine Mutmaßung... aber es würde erklären, wonach Sobolevs Messgeräte gesucht haben.“

Tala stieß einen tiefen, nachdenklichen Ton aus. „Verdammt... Wenn deine Theorie stimmt, ergäbe das tatsächlich erschreckend viel Sinn. Wenn eure Bindung diese Energien kreuzt, könnte das biologisch oder aura-technisch genau den Ausschlag geben, den Boris sucht.“

Man hörte das schwere Klacken von Talas Schritten, als er in seinem Moskauer Büro ans Fenster trat.

„Aber...“, setzte Tala erneut an, und seine Stimme wurde merklich langsamer, als er Kais Hypothese weiterzirkelte. „Selbst wenn du recht hast und diese Resonanz existiert... bringt uns das wieder zum selben Problem, Kai. Damit Boris überhaupt so eine gezielte Mutmaßung anstellt und danach suchen lässt... müsste er gewusst haben, was du und Nami wirklich seid. Und woher sollte Boris bitte darauf kommen? Er kann unmöglich geahnt haben, dass du ein Bit-Beast-Träger in diesem Sinne bist... es sei denn...“

Tala brach ab. Er ließ den aufkeimenden Verdacht im Raum hängen, weil die Tragweite zu gewaltig war.

Kai führte den Gedanken leise, aber mit messerscharfer Logik zu Ende. Seine eigenen Vermutungen schlossen sich in diesem Moment zu einem düsteren Gesamtbild zusammen.

„...es sei denn, Boris hatte tatsächlich jahrelang bereits Nami im Visier und weiß, dass sie eine Bit-Beast Aura hat.“

Im Zimmer herrschte für mehrere Sekunden eine drückende Stille. Draußen klatschten die Schneeflocken stumm gegen die Scheibe.

„Als junges Mädchen“, ergänzte Kai, und seine roten Augen verengten sich gefährlich. „Lange bevor sie ihr offizielles Debüt als Bladerin in der Öffentlichkeit gab. Wenn er damals schon ihre Frequenz registriert hat, reicht ihm das heute als Grundlage für seine Berechnungen.“

Tala stieß einen langen Atemzug aus. „Wenn er sie damals schon auf dem Schirm hatte... dann war sie für ihn nie nur irgendeine Bladerin. Und als sie dich geheiratet hat, hat er eins und eins zusammengezählt.“

„Er stellt Theorien an und schickt Sobolev, um sie mit Daten zu füttern“, raunte Kai tief ins Telefon. Die Härte kehrte vollkommen in seine Stimme zurück. „Aber ganz gleich, wie viel er zu wissen glaubt... er wird die Grenze nicht überschreiten.“

Kai stieß ein kurzes, verächtliches Schnauben aus. Der Ton war voller Eiskälte und schneidender Abneigung gegen die Männer, die das Leben junger Menschen wie Spielfiguren auf einem Schachbrett betrachteten.

„Deshalb hat Hiro sie jahrelang versteckt“, zischte Kai, und seine Finger ballten sich auf dem dunklen Marmor der Schreibtischplatte zu einer dichten Faust. „Ihr Vater hat Nami jahrelang nicht öffentlich bladen lassen. Er hat ihr Debüt verweigert, bis sie achtzehn war... unter anderem genau aus diesem Grund. Hiro wusste, was für Raubtiere da draußen lauern. Er wollte sie vor Menschen wie Boris schützen, die in ihr nichts weiter als ein Werkzeug, ein Experiment oder eine biologische Waffe sehen.“

Er wandte den Blick ab und sah hinaus in den grauen, tanzenden Schneefall. Das Bild fügte sich mit erschreckender, bitterer Klarheit zusammen.

„Wie Boris überhaupt an diese ersten Spuren gekommen ist, lässt sich nur erahnen“, fuhr Kai fort, seine Stimme ein tiefes, analytisches Monologisieren. „Vielleicht hat einer seiner Leute Nami damals durch Zufall bei einem privaten Training beobachtet. Oder noch plausibler: Jemand bei Tachibey Industries hat die Hand aufgehalten. Jemand aus dem Umfeld ihres Vaters, der Kontakt zu Boris hatte und ihm vertrauliche Daten, Bewegungs profile oder Videomaterial von Namis Wirken in der Firma zugespielt hat... Es könnte alles sein. Ein einziger Datenleak hat gereicht, um Boris anzufüttern.“

Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen langen Augenblick still. Man konnte fast hören, wie Tala die Tragweite dieser Enthüllung verarbeitete. Das Scharren eines Stuhls war zu hören, als er sich in seinem Moskauer Büro zurücklehnte.

„Weiß sonst noch jemand von deiner Theorie?“, fragte Tala schließlich, und seine Stimme klang ungewohnt ernst, fast besorgt.

Kai schüttelte langsam den Kopf, obwohl Tala es nicht sehen konnte.

„Ich habe mit Nami darüber gesprochen“, erwiderte Kai leise, und der gewohnte, beschützerische Grundton kehrte in seine Stimme zurück. „Aber nur beiläufig... verpackt als hypothetische Frage, als rein theoretische Überlegung über die Natur unserer Energien. Sie ahnt nichts von den wahren Hintergründen.“

Er hielt inne und fügte mit unumstößlicher Nachdrücklichkeit hinzu: „Sie weiß nichts von Sobolev. Sie weiß nichts von Boris’ erneuter Obsession... und vor allem weiß sie nicht, dass man sie in den letzten Tagen mit hochempfindlichen Messgeräten beschattet hat. Sie ist schwanger, Tala. Ich werde ihr diesen Stress nicht antun. Sie muss sich sicher fühlen, und darum kümmere ich mich.“

Tala stieß ein leises 'Mh...' aus, das wie das Knurren eines gereizten Wolfes klang.

„Ich sitze morgen im Flieger nach Tokio“, erklärte er trocken, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. „Wenn Sobolev und seine Söldner seit Wochen diesen verdammten Mist in der Stadt abziehen, will ich genau wissen, wie viele von diesen Ratten da draußen noch durch Tokio laufen und wo ihr Stützpunkt ist. Ich werde mich etwas verdeckt umsehen.“

Kai hob aufmerksam eine Braue. Sein Blick verengte sich leicht, während er sich in seinem Ledersessel zurücklehnte.

„Du kommst jetzt schon freiwillig zurück nach Tokio?“, fragte Kai mit kühlem, leise spöttischem Unterton. „Nach der Geschichte mit Lumina? Die Presse lauert nur darauf, dich wieder vor die Kamera zu bekommen. Das wird ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Und ganz abgesehen davon... wäre es verdammt unklug, wenn Sobolev dich beim Rumschnüffeln entdeckt. Dein Gesicht ist in Abtei-Kreisen kein unbeschriebenes Blatt.“

Tala schnaubte laut und verächtlich durch die Nase. Man konnte sich bildlich vorstellen, wie er in Moskau handfest abwinkte.

„Dieses verdammte Knutschfoto der Presse geht mir immer noch kilometerweit am Arsch vorbei... genauso wie Lumina selbst“, brummte Tala mit gewohnter Eiskälte und einer deutlichen Spur von Genervtheit. „Ich komme ganz sicher nicht wegen irgendwelchen Klatschspalten nach Tokio. Ich brauche schlichtweg eine Beschäftigung. Ich habe absolut keinen Bock auf Ians blöde Wichtelrunde kurz vor Weihnachten und Bryans plötzliche Obsession mit irgendwelchen kitschigen Weihnachtsbräuchen und hässlichen Pullovern. Wenn ich mir das dieses Jahr wieder anhören muss, drehe ich durch.“

Er machte eine kurze Pause, ehe sein Tonfall wieder schärfer und ernster wurde.

„Ich brauche was Handfestes zu tun, Kai. Und ich will helfen. Sobolev gehört zur Abtei... und damit ist das auch meine Angelegenheit.“

Ein winziger, fast unmerklicher Schmunzler stahl sich auf Kais Lippen. Er wusste genau, auf welch dünnem Eis er sich bei Tala bewegte, doch der Moment war zu verlockend, um ihn ungenutzt verstreichen zu lassen.

„Bevor wir deine Flucht vor Ians Weihnachts-Wichteln und Bryans Pullovern als Missionsgrund festhalten...“, begann Kai und senkte die Stimme leicht, während er die Beine übereinanderschlug. „Lass mich kurz auf Lumina zurückkommen. Ich bin schlichtweg neugierig.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte schlagartig eiskalte Funkstille. Kai ließ sich davon nicht beirren.

„Was genau hat dich damals eigentlich dazu gebracht, deine eigenen Prinzipien komplett über Bord zu werfen... und Lumina eine zweite Nacht zu geben?“, fragte Kai mit kühler, perfekt dosierter Provokation.

Tala schwieg für mehrere lange Sekunden. Man spürte förmlich, wie die Temperatur in seinem Moskauer Büro ins Bodenlose sank.

„Was zur Hölle bringt dich zu der Annahme, dass dich das auch nur das Geringste angeht?“, fragte Tala schließlich. Seine Stimme war so trocken und schneidend, dass sie Glas hätte ritzen können.

Kais Schmunzeln wurde einen Hauch deutlicher, auch wenn sein Blick stoisch auf das graue Panorama Tokios gerichtet blieb.

„Wie ich bereits sagte... reine Neugier“, erwiderte Kai vollkommen gelassen. Er hielt kurz inne, ehe er mit ruhiger Präzision nachlegte: „Und wir wollen nicht vergessen... es war keineswegs nur eine zweite Nacht. Es war ein ziemlich leidenschaftlicher Kuss in der Öffentlichkeit. Einer, den mittlerweile so gut wie jeder Mensch auf diesem Planeten gesehen hat, seit dieses Pressefoto viral gegangen ist.“

Kai lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und schürte das Feuer vollkommen gelassen weiter.

„Ich war ehrlich gesagt nicht einmal sicher, ob du überhaupt weißt, wie man Lippen auf Lippen legt“, raunte Kai mit glasklarem, trockenem Spott in der Stimme. „Nach all den Jahren war das durchaus eine lehrreiche Aufnahme für die Weltöffentlichkeit.“

Am anderen Ende der Leitung war das tiefe, eiskalte Durchatmen von Tala zu hören... wie das Grollen eines Raubtiers, das kurz davor war, dem Gesprächspartner durch den Hörer an die Gurgel zu gehen.

„Wenn du auch nur im Ansatz andeuten willst, dass mir dieses Frauenzimmer irgendetwas bedeutet...“, begann Tala, und seine Stimme war so schneidend und bedrohlich, dass das Signal der Abhörsicherung fast zu verzerrte, „...dann täuschst du dich nicht nur gewaltig, Kai, sondern du halluzinierst vollkommen.“

Er machte eine kurze, schroffe Pause, ehe er unbarmherzig nachlegte:

„Lumina und ich haben uns seit diesem Vorfall vor zwei Monaten weder gesehen noch gesprochen. Und ich habe absolut nicht vor, daran auch nur das Geringste zu ändern. Gott sei Dank geht sie mir von Anfang an nicht mit irgendwelchen sentimentalen Forderungen oder Beziehungs-Scheiß auf die Nerven, sondern lässt mich einfach komplett in Ruhe. Es war wie eine Fahrt auf einer beschissenen Achterbahn... es war wild, es war laut, und jetzt ist die Fahrt vorbei und der Park geschlossen.“

Tala stieß ein raues Schnauben aus und lenkte das Gespräch rigoros zurück auf die harten Fakten.

„Haben wir jetzt genug Kaffeeklatsch gehalten, oder gibt es vielleicht wichtigere Dinge, über die wir uns Gedanken machen sollten? So etwas wie Sobolev, die Abtei und deinen ungeborenen Sohn?“

Kai ließ den spöttischen Tonfall augenblicklich fallen. Seine harten Züge glätteten sich wieder zu jener unerschütterlichen Maske aus Eis, und die roten Augen verengten sich messerscharf.

„Du hast recht“, erwiderte er tief und starrte hinaus auf die verschneiten Dächer Tokios.

„Melde dich, sobald du japanischen Boden unter den Füßen hast“, wies Kai ihn ruhig, aber bestimmt an.

„Geht klar“, antwortete Tala schroff. Er schwieg einen kurzen Moment, ehe er die Stimme etwas senkte und fortfuhr: „Übrigens... es wäre verdammt klug, wenn wir hier vor Ort noch jemanden einweihen, der extrem intelligent ist und uns bei den technischen Daten nicht im Weg steht. Wenn Sobolev mit hochkomplexen Scann-Systemen arbeitet, brauchen wir niemanden, der nur die Schusswaffe bedienen kann.“

Kai brauchte nicht lange zu überlegen. Ein feines, verständiges Nicken folgte, während er den Blick über die glatte Marmorfläche seines Schreibtisches gleiten ließ.

„Ich habe vor wenigen Tagen bereits kurz mit Kenny gesprochen“, sagte Kai tief. „Wir haben uns über verschiedene Formen und Frequenzen von energetischen Auramessungen unterhalten... natürlich vollkommen isoliert, ohne ihm auch nur einen einzigen konkreten Hintergrund zu nennen.“

Er hielt kurz inne und fügte mit absoluter Überzeugung hinzu: „Kenny ist extrem fähig. Und ich vertraue ihm. Wenn es jemanden gibt, der Sobolevs Messdaten entschlüsseln und neutralisieren kann, dann er.“

„Perfekt“, brummte Tala knapp. „Dann haben wir einen Plan. Wir sehen uns.“

Damit wurde die verschlüsselte Verbindung gekappt, und nur noch das leise Freizeichen hallte durch das stille, hoch über der Stadt schwebende Büro.

Kai wählte unmittelbar die direkte Durchwahl von Kenny. Da Kenny seine hochkomplexen Analysen und Systementwicklungen für die BBA vorwiegend aus dem Homeoffice steuerte, war ein persönliches Treffen im Tower der Tachiwari-Corporation wohl im Rahmen seiner Termine gewesen.

Kais tiefe, unmissverständliche Stimme am Telefon veranlasste Kenny dazu, ohne zu zögern alles stehen und liegen zu lassen.

Knapp eine Stunde später traf Kenny in den privaten Räumlichkeiten des Tachiwari Towers ein. Draußen war die Dämmerung längst über Tokio hereingebrochen, und die Lichter der verschneiten Großstadt spiegelten sich in den riesigen Glasfronten.

Kenny saß nun an einem bereitgestellten breiten Arbeitstisch, umgeben von zwei hochmodernen Monitoren und seinem mitgebrachten, aufklappbaren Spezial-Laptop, der leise summte. Er sah von seinen Bildschirmen auf, als Kai den Raum betrat, die Tür hinter sich abschloss und das Rollo des Panoramafensters mit einem leisen Surren herunterließ.

„Kai?“, fragte Kenny überrascht und schob seine Brille auf der Nase nach oben. „Du hast am Telefon gesagt, es sei extrem wichtig und dulde keinen Aufschub. Geht es immer noch um die theoretischen Auramessungen, nach denen du mich neulich gefragt hast?“

Kai blieb vor dem Tisch stehen. Seine Gestalt war gewohnt aufrecht, doch die rubinroten Augen blickten ihn mit einer so ernsten, unnachgiebigen Schärfe an, dass Kenny unwillkürlich die Hände vom Keyboard nahm.

„Ich habe dir neulich nicht die ganze Wahrheit gesagt, Kenny“, begann Kai tief. Seine Stimme war ruhig, aber die Worte wogen schwer im Raum. „Es war keine rein hypothetische Frage.“

Kenny blinzelte und richtete sich auf.

„Worum geht es wirklich?“

„Es geht um Nami. Und um unseren ungeborenen Sohn“, sagte Kai ohne Umschweife.

Kennys Augen weiteten sich hinter den Brillengläsern. Er hielt den Atem an und lauschte stumm, als Kai ihm mit knappen, präzisen Sätzen das Bild der letzten Tage zusammensetzte: Die Präsenz von Dr. Sobolev und den Abtei-Söldnern mitten in Ginza, die hochempfindlichen Messgeräte, die Messreichweite von zwei Metern... und die Vermutung, dass Gou aufgrund der verschmolzenen Energien von Dranzer und Pegasus eine vollkommen neuartige, energetische Resonanz aufwies.

Als Kai geendet hatte, herrschte für einige Sekunden absolute Stille. Kenny saß reglos da, während sein hochintelligenter Verstand die Informationen verarbeitete. Die anfängliche Bestürzung wich in seinen Zügen blitzschnell einer tiefen, analytischen Konzentration.

„Sobolev... und die Abtei...“, murmelte Kenny leise. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Dass sie es wagen, sich überhaupt in Tokio zu zeigen... Aber deine Theorie bezüglich der Resonanz... Kai, das ist wissenschaftlich gesehen absolut schlüssig! Wenn zwei so gigantische Bit-Beast-Auren aufeinandertreffen, kann das Kind energetisch kein 'unbeschriebenes Blatt' sein. Seine Aura muss für spezialisierte Detektoren wie ein Leuchtturm im Dunkeln wirken.“

Kenny beugte sich sofort über seine Tastatur. Seine Finger flogen förmlich über die Knöpfe, während auf den Bildschirmen komplexe Wellendiagramme und Frequenzanalysen aufpoppten.

„Wenn Sobolev mit Messgeräten aus den alten Abtei-Beständen arbeitet“, erklärte Kenny rasend schnell, während die Daten über sein Display rollten, „dann suchen sie nach Frequenz-Anomalien im Bereich der Wellenlänge von Bit-Beast-Energien. Aber pass auf, Kai... diese Geräte haben einen Haken.“

Kai trat einen Schritt näher an die Monitore heran und fixierte die ausschlagenden Kurven. „Welchen?“

„Sie arbeiten nicht rein passiv“, sagte Kenny und deutete mit dem Zeigefinger auf eine feine, periodische Sinuskurve. „Um eine biologische Resonanz in einem Umkreis von zwei Metern exakt zu erfassen, muss das Gerät ein winziges, hocheinfrequentes Trägersignal aussenden. Es ist fast unsichtbar... aber es schickt Impulse aus, um die Antwort-Aura des Zielobjekts zu stimulieren!“

Kai verengte die Augen, schüttelte jedoch langsam und bedächtig den Kopf. Seine Stimme war ruhig, getragen von messerscharfer Wachsamkeit.

„Das bringt uns zu einem Problem, Kenny“, warf Kai ein und blickte ihn ernst an. „Sobolev hat vor zwei Tagen explizit angedeutet, dass die Auswertungen der letzten Monate bereits abgeschlossen sind. Wenn sie genug Daten gesammelt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Geräte längst ausgeschaltet sind und keine aktiven Impulse mehr aussenden.“

Kenny hielt inne, tippte nachdenklich mit dem Zeigefinger an seine Unterlippe und nickte langsam. „Ein berechtigter Einwand, Kai. Wenn die Primärmessung beendet ist, schalten sie die schweren Geräte ab, um keine Energie zu verschwenden oder entdeckt zu werden.“

Doch dann hellte sich Kennys Blick wieder auf, und ein feines, analytisches Lächeln kehrte auf seine Züge zurück.

„Aber denk an Boris’ Arbeitsweise, Kai“, fuhr Kenny fort und beugte sich wieder über die Tastatur. „Boris schließt keine Akte, ohne einen Empfänger im Standby-Modus zu lassen. Selbst wenn die aktiven Hauptgeräte ausgeschaltet sind, arbeiten solche Systeme mit einer automatischen Rückkopplung. Sobald Nami sich wieder in einem bestimmten Radius bewegt oder ihre Aura eine leichte Veränderung aufweist... zum Beispiel durch den fortschreitenden Verlauf der Schwangerschaft... , reaktiviert sich der Empfänger im Passiv-Betrieb.“

Kenny schob seine Brille hoch und sah Kai direkt in die Augen.

„Das bedeutet für uns: Selbst wenn die Sender derzeit 'stumm' sind, kann ich den Frequenz-Inverter genau so programmieren, dass er einen künstlichen Impuls aussendet. Wir spiegeln ihren Systemen vor, dass die Messung gestört ist oder sich Namis Resonanz schlagartig verändert hat. Das wird Sobolevs Leute dazu bringen, ihre Geräte wieder hochzufahren, um die Daten zu überprüfen... und in genau dem Moment, in dem sie den Schalter umlegen, haben wir ihr Ortungssignal.“

Kai sah seinen alten Weggefährten lange an. Das eiskalte Licht der Monitore spiegelte sich in seinen roten Augen, und die Härte in seinen Zügen glättete sich um eine feine Nuance.

„Sie tappen in ihre eigene Falle“, raunte Kai tief.

„Exakt“, erwiderte Kenny schlicht.

Kai blieb noch einen Moment stumm vor den flackernden Monitoren stehen. Die blaue Hintergrundbeleuchtung der Bildschirme warf scharfe Schatten auf seine makellosen, harten Gesichtszüge. In seinen roten Augen lag eine seltene, fast vorsichtige Nachdenklichkeit, während er die Arme vor der Brust verschränkte.

„Kenny...“, begann Kai langsam, und seine tiefraue Stimme schnitt leise durch das leise Summen der Rechner. „Gibt es eine Möglichkeit, dass du selbst herausfindest, was genau so besonders an Gou ist?“

Kenny hielt inne. Seine Finger schwebten einen Augenblick lang über den Tasten, ehe er die Hände sinken ließ. Er drehte sich auf seinem Bürostuhl leicht zu Kai herum und schob nachdenklich seine Brille weiter auf die Nasenspitze.

„Das ist extrem schwierig, Kai“, antwortete Kenny ehrlich und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Um Gous Aura jetzt, im Mutterleib, direkt und präzise zu messen, bräuchte ich hochspezialisierte, biosensorische Equipment-Einstellung... genau die Art von militärischem Messgerät, die Sobolev verwendet. Und selbst wenn ich so etwas hätte, würde ich Nami niemals solchen Strahlungen oder Frequenzen aussetzen wollen.“

Kai verengte leicht die Augen, doch Kenny hob beschwichtigend eine Hand und fuhr fort, bevor eine düstere Wolke Kais Blick verdunkeln konnte.

„Aber...“, sagte Kenny, und ein mathematisches, fast fasziniertes Funkeln trat in seine Augen hinter den Brillengläsern.

„Wir müssen nicht im Dunkeln tappen. Ich habe in den letzten Monaten ohnehin eine hochkomplexe, eigens entwickelte KI zur Analyse von Bit-Beast-Frequenzen und genetischen Resonanzmustern programmiert um gegnerische Daten für die BBA zu sammeln. Wenn ich sie mit allen verfügbaren historischen Daten füttere... den energetischen Spitzenwerten von Dranzer, den Resonanzwellen von Pegasus, euren Blutgruppen und den mathematischen Parametern, die du mir über Sobolevs Messreichweite genannt hast...“

Kenny beugte sich vor und tippte ein paar schnelle Befehle auf seiner Tastatur ein. Ein neues, tiefviolettes Interface öffnete sich auf dem Hauptbildschirm, auf dem komplexe Datenströme und dreidimensionale Schemata zu rotieren begannen.

„...dann kann die KI eine probabilistische Hochrechnung anstellen“, fuhr Kenny begeistert fort. „Sie kann theoretische Modelle berechnen und uns ziemlich präzise Ideen liefern, was genau diese energetische Anomalie sein könnte. Was für eine Art von Synthese in Gou herangereift ist... und warum ausgerechnet diese spezifische Signatur Boris so absolut obsessiv werden lässt.“

Kai sah starr auf das rotierende Modell auf dem Bildschirm. Die Vorstellung, dass eine mathematische Berechnung ihm offenbaren könnte, was in seinem ungeborenen Sohn schlummerte, ließ die Anspannung in seinen Schultern noch ein Stück weiter steigen.

„Wie lange braucht deine KI dafür?“, fragte Kai tief, ohne den Blick vom Monitor zu wenden.

„Wenn ich alle Daten jetzt einspeise...“, erwiderte Kenny und blickte auf die Fortschrittsanzeige, „...haben wir in zehn Minuten die ersten fundierten Ergebnisse.“

Die zehn Minuten verstrich in absoluter Stille. Nur das leise, monotone Summen von Kennys Hochleistungsrechnern und das unregelmäßige Klatschen der Schneeflocken gegen das Panoramafenster erfüllten den Raum. Kai stand reglos da, die Arme vor der Brust verschränkt, während sein Blick unverwandt auf dem lila leuchtenden Ladebalken des Monitors ruhte.

Plötzlich erlosch die Fortschrittsanzeige mit einem leisen, hellen Signalton. Das violette Interface schrumpfte zusammen, und eine Kaskade aus mathematischen Formeln, Frequenzdiagrammen und dicht gepacktem Text schoss über den Bildschirm.

Kenny beugte sich so nah an das Display, dass die Brille fast die Scheibe berührte. Seine Augen flogen zeilenweise über die Berechnungen. Er klickte mehrmals mit der Maus, schob Fenster zur Seite und ließ die Algorithmen der KI immer wieder Korrelationen ziehen.

„Das... das ist mathematisch absolut eindeutig“, flüsterte Kenny schließlich. Seine Stimme war getränkt von einer Mischung aus ehrfürchtigem Staunen und tiefem Verblüffen. „Die KI hat hunderte Millionen von Kombinationsmöglichkeiten durchgespielt... und sie spuckt nur eine einzige, hochkonvergente Option aus. Keine Bandbreite, keine Eventualitäten. Genau ein Ergebnis.“

Kai trat noch einen Schritt näher an den Tisch. „Sprich schon, Kenny. Was zeigt die Berechnung?“

Kenny zeigte mit zitterndem Zeigefinger auf das Zentrum des Bildschirms, wo sich ein genetisch-energetisches Resonanzmodell drehte.

„Ich bin davon ausgegangen, dass Gou eine Synthese aus Dranzers Feuer und Pegasus' Mächten in sich trägt... dass er sich die Energien seiner Eltern wie ein Schwamm aneignet“, begann Kenny rasend schnell.

„Aber die KI widerlegt das komplett. Gous Aura reagiert nicht wie ein Gefäß, das fremde Bit-Beast-Energie absorbiert. Er hat bereits seit dem allerersten Moment seiner Zeugung... im tiefsten Inneren seiner Seele... ein eigenes, vollkommen autonomes und mächtiges Bit-Beast geformt.“

Kai verengte die rubinroten Augen. Ein eiskalter Schauer kroch ihm den Rücken hinunter. „Ein eigenes Bit-Beast? Vor seiner Geburt?“

„Ja!“, rief Kenny leise aus. „Nami und du, ihr seid aktiv mit jahrtausendealten, legendären Entitäten verschmolzen. Eure Bit-Beasts existierten lange vor euch und haben sich eure Körper als Träger gesucht. Aber Gou ist anders. Eure beiden gigantischen Auren haben sich bei der Zeugung gekreuzt und in der Seele dieses Kindes eine völlig neue, indigene Entität erschaffen. Er braucht kein Altar-Symbol, kein Erbe aus alten Ruinen. Sein Bit-Beast ist ein Teil seiner DNA, seiner Existenz.“

Kenny klickte auf einen fett markierten Querverweis, den die KI am unteren Bildschirmrand platziert hatte.

„Siehst du das hier?“, fragte Kenny und tippte auf einen externen Link, der zu einem digitalisierten Archiv führte. „Meine KI hat globale, historische Frequenzdatenbanken nach vergleichbaren Mächten abgesucht. Sie ist dabei auf ein digitales Transkript eines uralten tibetischen Manuskripts gestoßen.“

Kai beugte sich vor, und seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Die hochgeladenen Auszüge stammten aus Schriftrollen, die in alt-tibetischer Scriptur verfasst und ins Englische übersetzt worden waren.

Als Kai vor fast drei Jahren im Kloster in den eisigen Höhen Tibets Zuflucht gesucht hatte, um der Welt und den Schatten seiner Vergangenheit zu entfliehen, hatte er monatelang in den dortigen Bibliotheken verbracht. Er hatte mehrere von verstaubten, altertümlichen Wälzern über die Ursprünge der Bit-Beasts, die Natur von Seelenenergie und das Gleichgewicht der Elemente studiert.

Doch diesen Text... diese Passagen hatte er noch nie zuvor gesehen.

„‘Die Geburt des ungeborenen Schattens’...“,

las Kai leise vor. Seine raue Stimme schnitt mit bitterer Schärfe durch die Stille. Die Auszüge beschrieben eine extrem seltene, mystische Anomalie: Wenn zwei Träger von kosmischen Ursprungs-Mächten ein Leben schenken, kann sich im Keim dieses Lebens ein eigenständiger ‚Ur-Geist‘ manifestieren... ein Bit-Beast, das nicht von außen gerufen werden muss, sondern mit dem Herzschlag des Kindes geboren wird.

„Das ist es, wonach Sobolev sucht...“, raunte Kai tief. Die Erkenntnis traf ihn mit der Wucht eines Eisschlags. „Boris weiß nicht nur, was Nami und ich sind. Seine Wissenschaftler haben diese Schriften ebenfalls gefunden. Sie suchen nicht nach einer schlichten Mutation... sie suchen nach einer neu geborenen, reinen Bit-Beast-Seele.“

Kenny schluckte schwer und sah Kai ernst an. „Eine Macht, die von Geburt an perfekt mit ihrem Wirt verschmolzen ist... ohne Abstoßungsreaktionen, ohne die Gefahr von Kontrollverlust, weil Körper und Geist eine einzige Einheit bilden. Boris würde alles dafür tun, so ein Wesen unter seine Kontrolle zu bringen.“

Kai ballte die Hände zu Fäusten. Das Licht der Monitore spiegelte sich mit eiskalter, unnachgiebiger Schärfe in seinen roten Augen. Die Sorge um seinen Sohn verwandelte sich augenblicklich in schneidenden Zorn.

„Er wird ihn niemals touchieren“, sagte Kai glatt und leise, während seine Stimme eine Dunkelheit annahm, die selbst Kenny kurz erzittern ließ.

Er wandte sich ab und sah hinaus auf die verschneite Silhouette Tokios. Tala würde in zwei Tagen in Japan landen. Bis dahin stand das Ziel für Kai und Kenny fest.

„Schalte die Frequenz-Falle scharf, Kenny“, wies Kai seinen Gefährten ruhig an. „Sobald Sobolev auf unseren künstlichen Impuls anspringt und seine Geräte hochfährt, orten wir ihn. Ich will die exakten Koordinaten seines Stützpunkts haben.“

Kenny nickte entschlossen und legte die Finger wieder auf die Tastatur. „Verstanden. Wir stellen die Falle auf.“

Kenny hielt plötzlich mitten in seiner Bewegung inne. Die Finger, die eben noch flink über die Tasten geglitten waren, erstarrten. Er drehte sich langsam auf seinem Drehstuhl herum, nahm seine Brille ab und putzte die Gläser nachdenklich an seinem Ärmel, ehe er sie wieder auf die Nase setzte.

Er sah Kai an. Seine Blicke wanderte aufmerksam und prüfend über die Haltung seines alten Weggefährten, als würde er ihn nach all den Jahren zum ersten Mal wieder richtig betrachten.

„Weißt du, Kai...“, begann Kenny leise, und in seiner gewohnten, analytischen Stimme lag diesmal ein deutlicher Anflug von Ehrfurcht und nachträglicher Erkenntnis. „Als du mir vorhin erzählt hast, was du und Nami wirklich seid... dass ihr beide direkt und dauerhaft mit euren Bit-Beasts verschmolzen seid... da war ich im ersten Moment ehrlich gesagt sprachlos. Es klang beinahe unvorstellbar. Aber je mehr ich jetzt darüber nachdenke... desto mehr Dinge ergeben auf einmal einen absolut logischen Sinn.“

Kenny lehnte sich leicht zurück und legte die Hände im Schoß zusammen. Sein Blick blieb fest auf Kais imposanter Gestalt haften.

„Ich habe mich in den letzten zwei Jahren oft gefragt, was sich bei dir verändert hat“, fuhr Kenny fort und neigte leicht den Kopf. „Deine Statur... du bist merklich breiter, größer und athletischer geworden. Deine ganze Präsenz ist massiver, fast schon furchteinflößend dominant. Wir haben das alle auf dein hartes Training und dein Alter geschoben. Und deine Augen...“

Kenny hielt kurz inne und fixierte die leuchtenden Irisse des Mannes vor sich.

„Deine Augenfarbe hat sich schleichend verändert. Früher hatten deine Augen einen kühlen, dunklen Granatton. Heute leuchten sie in einem tiefen, fast unnatürlichen Rubinrot... genau wie die Flammen von Dranzer. Es war die ganze Zeit da, direkt vor unseren Augen.“

Ein feines, nachdenkliches Stirnrunzeln legte sich auf Kennys Gesicht, während sein Verstand blitzschnell weitere Puzzleteile zusammensetzte. Er schlug die Beine übereinander und deutete vage auf den Hauptbildschirm.

„Und das bringt mich zu einer ganz anderen Vermutung, Kai... eine die du wohl auch hast.“, sagte Kenny, und seine Stimme wurde wieder schärfer, technischer.

„Boris musste gar nicht tief in deinen privaten Unterlagen wühlen, um zu ahnen, dass auch du verschmolzen bist. Wenn man bedenkt, wie extrem detailliert seine Organisation Bildmaterial auswertet... Boris hat ganz sicher hochauflösende Presseaufnahmen und Videomaterial von deinen öffentlichen Auftritten der letzten Monate durch KI-gestützte Gesichts- und Biomarker-Scans laufen lassen.“

Kenny wandte sich kurz zum Monitor und rief ein Analysasterster auf, auf dem hochauflösende Standbilder von Kai bei BBA-Pressekonferenzen zu sehen waren.

„Ein Abgleich deiner biologischen Parameter von vor fünf Jahren mit den heutigen Aufnahmen hätte Boris’ Wissenschaftlern sofort gezeigt, dass bei dir eine zelluläre und energetische Mutation stattgefunden hat“, erklärte Kenny und wandte sich wieder an Kai. „Dass deine veränderte Statur und die neue Pigmentierung deiner Augen keine normalen Alterserscheinungen sind, sondern die physische Anpassung deines Körpers an Dranzers Existenz. Als Boris Namis Aura registriert und dann deine physische Veränderung in den Medien analysiert hat... war ihm klar, dass hier zwei verschmolzene Bit-Beast-Träger ein Kind zeugen.“

Kai blieb reglos vor dem Fenster stehen. Das Licht der Monitore spiegelte sich in den tiefen, rubinroten Augen, die Kenny stumm fixierten. Weder widersprach er, noch verzog er eine Miene... doch das feine, gefährliche Zucken in seiner Kiefermuskulatur verriet, dass Kennys messerscharfe Logik ins Schwarze getroffen hatte.