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Der Furchtlose

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Der Furchtlose

Ein paar Tage später...

Dienstag.

Der dichte, eisige Dezembernieselregen von Tokio klatschte monoton gegen die lange, dunkle Motorhaube des Bentley, während Kai den Wagen mit gewohnter, millimetergenauer Präzision auf den Parkplatz des städtischen Familienzentrums steuerte. Draußen war es bereits stockfinster, und der kühle Hauch des Winters kroch durch die spärlichen Ritzen des Fonds.

Kai schaltete den Motor aus und schob die Hände für einen Moment tiefer in die Taschen seines massiven, dunklen Mantels. Seine rubinroten Augen fixierten das beleuchtete Schaufenster des zweiten Stockwerks, in dem bereits das warme, fast aufdringlich friedliche Licht des Kursraums schien.

Neben ihm schnallte sich Nami mit einer flüssigen Bewegung ab. Unter ihrem eleganten, bordeauxroten Umstandskleid war der Bauch im siebten Monat größer als je zuvor. Sie wandte den Kopf, und dieses wohlbekannte, samtige Schmunzeln umspielte ihre Lippen, als sie seine Haltung musterte.

„Ich erinnere dich nur ungern daran, mein Schatz...“, raunte Nami weich und strich sanft über seinen Oberschenkel, „...aber heute Abend wird es ernst. Heute geht es um Babypuppen. Wickeln, Anziehen und... die ergonomische Badetechnik.“

Kai verzog keine Miene. Er drehte den Kopf langsam zu ihr herum, seine Züge wirkten stoisch wie eh und je, doch in den Tiefen seiner roten Augen lag dieses feine, unerschütterliche Selbstbewusstsein.

„Ich habe in den letzten zehn Jahren Beyblades unter extremsten Bedingungen repariert und mechanische Feineinstellungen auf den Mikrometer genau vorgenommen“, antwortete Kai tief. Er griff nach ihrer Hand und verschränkte seine breiten Finger mit ihren. „Eine lebensgroße Kunststoffpuppe wird mich kaum vor unlösbare Probleme stellen.“

Nami lachte hell auf, beugte sich vor und drückte einen sanften Kuss auf seine Lippen, bevor sie ausstiegen.

Als sie wenig später den Kursraum betraten, schlug ihnen erneut der gewohnte Mix aus Lavendelduft, warmer Heizungsluft und leiser Klaviermusik entgegen. Die Raummitte war dieses Mal anders gestaltet: Neben den bekannten Sitzkissen standen kleine, hüfthohe Wickeltische, auf denen Plastikwannen, Stapel von Stoffwindeln, kleine Strampler und täuschend echt wirkende, gewichtete Babypuppen bereitlagen.

Das leise Gemurmel der bereits anwesenden Paare verstummte augenblicklich, als Kai und Nami über die Türschwelle traten.

Obwohl es bereits der fünfte Abend war, hatten sich die übrigen werdenden Väter noch immer nicht vollkommen an die Präsenz des gefürchteten Tachiwari-CEO gewöhnt.

Ryo, welcher die letzten Male bereits neben Kai saß, schluckte unwillkürlich, als dieser seinen schweren Mantel an die Garderobe hängte. Darunter trug Kai seinen gewohnt tiefschwarzen Rollkragenpullover, dessen eng anliegender Stoff seine imposante, durch das Dranzer-Erbe sichtlich gewachsene Statur und die breiten Schultern betonten. Er wirkte zwischen den bunten Pastelltönen des Raumes wie eine Naturgewalt, die man versehentlich in einen Kindergarten verfrachtet hatte.

Miss Kirigaya... heute in einem senfgelben Strickpulli und mit gewohnt glänzenden Augen... klatschte begeistert in die Hände.

„Ah! Herzlich willkommen zum vorletzten Abend, liebe Eltern!“, rief sie aufgeregt.

„Heute geht es an die Praxis! Die Väter übernehmen das Zepter! Wir simulieren den Alltag nach der Geburt: Die Säuglingspflege!“

Sie deutete auf die Wickeltische. „Bitte stellt euch paarweise an die Stationen. Die Väter greifen sich jeweils eine Übungspuppe. Denkt daran: Das Köpfchen immer stützen! Der Nacken eines Neugeborenen ist extrem empfindlich!“

Nami stellte sich an die Seite des Tisches und verschränkte amüsiert die Arme unter der Brust. Sie lehnte sich leicht zurück und beobachtete ihren Ehemann.

Kai trat an den Tisch. Seine rubinroten Augen musterten die Babypuppe, die vor ihm auf dem Handtuch lag, mit einer Analyse, als handele es sich um einen feindlichen Prototyp. Mit langen, ruhigen Fingern griff er nach der Puppe. Seine Bewegungen waren keineswegs zögerlich oder unsicher... er fasste die Puppe mit einer derartigen Selbstverständlichkeit und Präzision unter Schulter und Nacken, dass Miss Kirigaya kurz der Atem stockte.

„Seht euch das an!“, rühmte die Kursleiterin sofort lautstark durch den Raum und zeigte auf Kais Hände. „Mr. Hiwatari wendet von der ersten Sekunde an den C-Griff zur Nackensicherung an! Absolut vorbildlich! Keine Hektik, perfekte Gewichtsverlagerung!“

Ein leises Ächzen war von der Nachbarstation zu hören. Ryo versuchte krampfhaft, seiner Puppe eine Windel anzulegen, verzweifelte jedoch völlig an den Klebestreifen, die ihm an den eigenen Fingern festklebten. „Verdammt... das hält doch gar nicht...“, flüsterte er schwitzend.

Kai warf dem jungen Mann von der Seite einen kühlen, messerscharfen Blick zu. Ohne ein Wort zu sagen, griff Kai nach der Stoffwindel vor sich. Seine großen Hände arbeiteten mit eisiger, eleganter Effizienz. In weniger als fünf Sekunden war die Windel angelegt, der Sitz am Hüftknochen geprüft und die Bündchen glattgestrichen... sauber, symmetrisch und ohne eine einzige Falte.

Nami vergrub das Gesicht kurz in beiden Händen, um nicht laut aufzulachen.

„Du machst daraus schon wieder einen Wettkampf, mein Zar“, flüsterte sie ihm leise von der Seite zu.

Kai wandte den Kopf minimal zu ihr, während seine Finger bereits souverän die kleinen Druckknöpfe des Stramplers schlossen.

„Es ist kein Wettkampf, wenn die Konkurrenz nicht einmal die Grundlagen beherrscht“, erwiderte Kai vollkommen trocken und tief.

„Er da drüben wickelt die Windel falsch herum.“

Ryo, der den Spruch gehört hatte, wurde schlagartig rot, sah hektisch auf seine Puppe und korrigierte panisch seine Haltung.

Den Höhepunkt erreichte die Stunde, als Miss Kirigaya das „ergonomische Halten beim Baden“ demonstrieren ließ. Kai nahm die angezogene Puppe, legte sie sanft auf seinen breiten Unterarm, sodass der Kopf sicher in seiner Ellbeuge ruhte, während seine große Hand den Oberschenkel des Säuglings fixierte. Es sah nicht nur professionell aus... durch Kais breite Statur und die ruhige Ausstrahlung wirkte die Puppe in seinen Armen so geborgen, als hätte er nie etwas anderes getan.

Miss Kirigaya trat mit fast feuchten Augen an die beiden heran. „Mr. Hiwatari... das ist... erstaunlich. Man merkt, dass Sie die Theorie nicht nur verstanden, sondern verinnerlicht haben. Sie sind der Fels in der Brandung für Ihre Frau.“

Kai sah die Kursleiterin aus seinen kühlen Augen an und neigte den Kopf um einen millimeterkurzen Winkel. „Ich tue, was nötig ist.“

Nachdem der praktische Teil abgeschlossen war, bat Miss Kirigaya die Gruppe, die Wickeltische zur Seite zu schieben und sich für den zweiten Teil des Abends im Sitzkreis auf den dicken, cremefarbenen Matten zusammenzufinden. Ein erneutes Ächzen ging durch die Reihe der Männer, als sie sich im Schneidersitz auf den Boden kauerten, während die Frauen es sich mit Stillkissen im Rücken gemütlich machten.

Kai setzte sich mit gewohnter Aufrechtheit hin. Seine Beine waren angewinkelt, die breiten Hände ruhten entspannt auf den Knien. Nami lehnte sich ohne zu zögern seitlich an seinen kräftigen Oberkörper, schloss für einen kurzen Moment erschöpft die Augen und genoss die vertraute Wärme, die von ihm ausging. Kai legte wie selbstverständlich seinen Arm um ihre Schultern und zog sie ein Stück näher an sich.

„Nun, ihr Lieben“, begann Miss Kirigaya leise und dimmte das Licht im Raum etwas herunter, sodass nur noch das warme Licht zweier Stehlampen den Raum in ein melancholisches Orange tauchte.

„Die Pflege von Säuglingen ist das eine. Aber die mentale Vorbereitung ist mindestens genauso wichtig. In wenigen Wochen wird sich euer gesamtes Leben auf den Kopf stellen. Schlafmangel, Verunsicherung, die plötzliche Verantwortung für ein hilfloses Wesen... Das macht vielen werdenden Vätern Angst.“

Sie blickte aufmerksam in die Runde. „Ich möchte heute Abend einen offenen Raum schaffen. Wie geht es euch Männern mit dem Gedanken an die erste Zeit nach der Geburt? Welche Sorgen tragen Sie mit sich herum?“

Stille breitete sich aus. Die Monotonie des Regens draußen war das einzige Geräusch, das den Raum erfüllte. Die Männer blickten verlegen auf den Boden oder fuchtelten an ihren Socken herum.

Schließlich ergriff Kentaro, ein schlanker IT-Spezialist, Mitte zwanzig, der neben seiner hochschwangeren Frau saß, das Wort. Seine Stimme zitterte leicht. „Um ehrlich zu sein... ich habe Todesangst davor, etwas falsch zu machen. Was ist, wenn ich das Baby falsch halte? Was ist, wenn es nachts schreit und ich absolut nicht weiß, was ihm fehlt? Ich fühle mich manchmal absolut nicht bereit. Ich bin doch selbst noch nicht einmal richtig erwachsen.“

Ryo nickte eifrig und strich sich über die Stirn. „Ganz genau. Ich bin siebenundzwanzig und fahre beruflich große Projekte, aber vor diesem kleinen Wesen habe ich mehr Respekt als vor jedem Kunden. Ich frage mich jeden Tag, ob ich gut genug sein werde. Ob ich der Verantwortung gewachsen bin.“

Ein betroffenes Gemurmel ging durch die Reihe der Frauen. Kentaros Frau drückte sanft die Hand ihres Mannes.

Miss Kirigaya nickte einfühlsam. „Das sind völlig normale, gesunde Ängste. Verantwortung kann erdrückend wirken.“ Sie wandte ihren Blick langsam durch den Raum, bis ihre Augen an dem jungen Mann hängen blieben, der wie ein unerschütterlicher Monolith im Kreis saß.

„Mr. Hiwatari... Sie sind mit einundzwanzig Jahren der Jüngste hier in der Runde, leiten aber bereits ein riesiges Unternehmensimperium und tragen täglich Entscheidungen von immensen Ausmaßen. Verspüren Sie als werdender Vater auch diese Form von Unsicherheit? Oder wie gehen Sie mit dem bevorstehenden Kontrollverlust um?“

Alle Blicke im Raum wandten sich augenblicklich zu Kai. Sogar Ryo hielt den Atem an, gespannt darauf, wie der kühle, scheinbar unnahbare Tachiwari-CEO reagieren würde.

Nami spürte, wie sich Kais Brustkorb unter ihrem Kopf ruhig und tief hob und senkte. Seine Hand auf ihrer Schulter rührte sich nicht. Er wich den Blicken der Gruppe nicht aus. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als er die Frage gedanklich abwog.

„Kontrollverlust entsteht nur dann, wenn man zulässt, dass Emotionen den Verstand überlagern“, sprach Kai schließlich. Seine Stimme war tief, dunkel und hallte mit einer absoluten, natürlichen Autorität durch den leisen Raum.

Er hielt inne, sah kurz hinab zu Nami, deren ozeanfarbene Augen ihm aufmerksam entgegenblickten, und sah dann wieder in die Runde der Männer.

„Angst ist kein nützlicher Ratgeber“, fuhr Kai ruhig fort. „Sie ist lediglich ein Zeichen von mangelnder Vorbereitung. Natürlich ist ein Neugeborenes unberechenbar. Es hält sich an keine Zeitpläne, keine Analysen und keine Logik. Aber die Verantwortung für ein menschliches Leben übernimmt man nicht, indem man hofft, dass alles perfekt läuft. Man übernimmt sie, indem man akzeptiert, dass Fehler passieren werden... und man bereit ist, im selben Moment die Konsequenzen zu tragen und die Lösung zu finden.“

Ryo schluckte hörbar. „A-aber was ist mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein?“

Kais Blick traf den älteren Mann mit einer eiskalten, aber nicht unfreundlichen Klarheit.

„Du bist der Vater“, antwortete Kai schlicht und ohne jeden Zweifel in der Stimme. „Es gibt keine andere Person auf dieser Welt, die diesen Platz einnehmen kann. Zweifel verbrauchen Energie, die du für den Schutz deiner Familie brauchst. Ein Kind braucht keinen perfekten Vater, der alles weiß. Es braucht einen Mann, der wie eine Mauer vor ihm steht, wenn die Welt laut wird. Wer diese Haltung einnimmt, muss keine Angst vor der Zukunft haben.“

Im Raum war es so still geworden, dass man das Ticken der Wanduhr hören konnte. Die Worte hingen schwebend in der Luft. Sie waren nicht weich oder verweichlicht, wie die Ratschläge, die Miss Kirigaya sonst verteilte, aber sie besaßen eine ehrliche, rohe Kraft, die den Männern im Raum ein völlig neues Gefühl von Stabilität verlieh.

Kentaro atmete tief aus und nickte langsam, während auf Ryos Gesicht ein vorsichtiges, erleichtertes Lächeln erschien. „Danke, Mr. Hiwatari... Das... das hat überraschend gut getan zu hören.“

Miss Kirigaya sah Kai mit einer Mischung aus Erstaunen und tiefer Ehrfurcht an. „Eine sehr... starke Philosophie, Mr. Hiwatari. Eine, die sehr viel Sicherheit ausstrahlt.“

Nami biss sich leise auf die Unterlippe, um nicht zu breit zu grinsen. Von der Seite sah sie die Blicke der anderen Frauen im Raum. Die werdende Mutter gegenüber sah Kai mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen tiefem Respekt und unverholener Bewunderung lag. Nami spürte einen kleinen, stolzen Stich in ihrer Brust.

~Das ist mein Mann~

dachte sie voller Wärme.

~Mein Zar~

Nami wusste genau, dass Kai kein Mann vieler Worte war. Smalltalk oder emotionale Floskeln waren ihm seit jeher zuwider. Doch in diesem Moment wurde ihr klar, wie sehr seine Rolle als CEO der Tachiwari-Corporation ihn geformt hatte. Er hielt keine klassische Ansprache... er führte. Wie ein erfahrenes Oberhaupt in Krisenzeiten zerlegte er die Panik der Männer in kühle Logik und gab ihnen durch seine bloße Autorität die Struktur, die ihnen fehlte. Er übersetzte das diffuse Gefühl der Überforderung in ein klares, taktisches Konzept.

Sie schob ihre Hand sanft unter seinen Pullover, strich über seine feste Taillengegend und flüsterte so leise, dass nur er es hören konnte: „Du hast ihnen gerade ohne es zu wollen das Rückgrat wieder eingerenkt, mein Schatz. Und das, obwohl du jünger bist als sie alle.“

Kai reagierte nur mit einem extrem feinen, fast unsichtbaren Zucken seiner Mundwinkel.

Die verbleibenden vierzig Minuten vergingen wie im Flug. Miss Kirigaya nutzte die gelöste Stimmung, um eine letzte, ruhige Partnerübung anzusetzen. Die Väter sollten sich hinter ihre Frauen setzen, sie im Sitz stützen und mit sanftem Druck den unteren Rücken massieren, um die Verspannungen des späten Schwangerschaftsstadiums zu lösen.

Kai brauchte wie so oft keine Anleitung. Er positionierte sich direkt hinter Nami, öffnete seine Beine, sodass sie sich bequem zwischen seine Oberschenkel setzen konnte. Seine großen, warmen Hände legten sich auf ihren unteren Rücken.

Nami entglitt ein leiser, wohlig gehauchter Seufzer, als seine breiten Handflächen mit ruhigen, kreisenden Bewegungen exakt die verhärteten Punkte an ihrer Lendenwirbelsäule trafen.

„Ah... genau da...“, murmelte Nami leise und schloss die Augen. „Wie machst du das nur immer?“

„Muskelanatomie ist keine Geheimwissenschaft“, raunte Kai an ihrem Ohr. Sein warmer Atem traf ihre Haut und schickte eine wohlige Gänsehaut über ihren Nacken. „Ich kenne deinen Körper besser als jeder Arzt, mein Schatz.“

Seine Hände wandelten sich von festem Druck zu einer feinen, beschützenden Liebkosung. Eine Hand wanderte langsam nach vorne und legte sich sanft über die runde Wölbung ihres Bauches. Genau in diesem Moment spürte Kai unter seiner Handfläche einen deutlichen, kräftigen Stoß.

Der kleine Junge hatte getreten.

Kai hielt in der Bewegung inne. Seine Hand verharrte vollkommen reglos auf ihrem Bauch.

Nami öffnete die Augen, drehte den Kopf leicht zu ihm und sah, wie seine sonst so unbeweglichen, kühlen Züge für einen Sekundenbruchteil von einer tiefen, erhabenen Faszination erfüllt wurden. Seine rubinroten Augen ruhten auf ihren Händen, die nun gemeinsam auf dem Babybauch lagen.

Ein zweiter, etwas sanfterer Tritt folgte direkt gegen seine Handfläche.

„Er weiß genau, dass du da bist“, flüsterte Nami liebevoll und legte ihre Hand auf seine. „Gou ist eben genauso energisch wie du.“

Kai antwortete nicht sofort. Er übte nur einen ganz leicht verstärkten, behutsamen Druck mit der Hand aus, als würde er seinem Sohn stumm signalisieren, dass er da war.

„Er ist eben stark“, sagte Kai schließlich. Seine Stimme war noch etwas dunkler als sonst, fast ein raues Knurren. „Genauso wie du.“

Als Miss Kirigaya die Stunde schließlich offiziell beendete und das Licht wieder voll aufdrehte, löste sich die vertraute Runde langsam auf. Es herrschte eine gelöste, fast freundschaftliche Atmosphäre. Mehrere der Männer nickten Kai beim Aufstehen respektvoll zu, und Ryo verabschiedete sich sogar mit einer kurzen, mutigen Verbeugung in Kais Richtung.

Draußen im Flur zog Kai Nami behutsam ihren dicken Mantel über. Er schloss den Reißverschluss aufmerksam bis zum Kinn, strich ihre langen, silbrigen Haare über den Kragen und nahm ihre Hand fest in seine.

Auf dem Weg zum Auto schneite es nun, doch der Innenraum des Bentley empfing sie mit wohliger Wärme. Kai ließ den Motor anspringen, und die Limousine schwebte lautlos auf die beleuchtete Straße.

Nami lehnte den Kopf an seine Schulter und sah ihn von der Seite strahlend an.

„Gib es zu“, sagte sie neckisch und fuhr mit dem Zeigefinger über seinen Unterarm. „Du hattest heimlich Spaß daran, die Messlatte für die anderen Väter erneut unerreichbar hoch zu legen. Und deine kleine Ansprache im Kreis... Du hast die Hälfte der Männer im Raum bekehrt.“

Kai steuerte den Wagen ruhig durch den Nachtverkehr Tokios. Ein ganz leichtes, spöttisches Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab, das im spärlichen Licht der Armaturen leuchtete.

„Ich habe lediglich die Wahrheit gesagt“, raunte er mit seiner tiefen, samtigen Stimme. Er löste eine Hand vom Lenkrad, schob sie zu Namis Oberschenkel und ließ sie dort liegen.

„Panik bringt niemanden weiter. Aber nächste Woche ist das finale Treffen. Und danach bin ich froh, wenn ich diese Gymnastikmatten nie wiedersehen muss.“

Nami lachte leise und drückte ihr Gesicht an seinen Oberarm. „Du warst perfekt, mein Schatz. Absolut perfekt.“

Sie sah eine Weile schweigend zu ihm hinüber. Der Scheibenwischer glitt in gleichmäßigem Rhythmus über das Glas und wischte die feuchten Flocken fort, während die Lichter der Stadt in langen, verschwommenen Streifen über Kais markantes Profil wanderten. Das vertraute Brummen des Motors hüllte sie in eine schützende Geborgenheit.

Ein leises, tiefes Schmunzeln eilte über Namis Lippen, als sie ihren Kopf etwas auf seiner Schulter drehte und die Hand, die auf seinem Oberschenkel lag, sanft drückte.

„Du hast vorhin sehr überzeugend geklungen, mein Schatz“, begann sie leise, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von liebevollem Spott.

„Fast so, als hättest du in deinem ganzen Leben noch nie einen einzigen Zweifel verspürt. Als wäre stoische Gelassenheit dein zweiter Vorname.“

Kai sah unverwandt auf die nassglänzende Straße vor ihnen. „Zweifel sind Zeitverschwendung.“

„Ach wirklich?“, hakte Nami sanft nach und wandte ihm das Gesicht vollends zu. Ihre ozeanfarbenen Augen schimmerten im dunklen Innenraum.

„Ich erinnere mich da aber an ganz andere Momente. Als wir herausgefunden haben, dass ich mit Gou schwanger bin... Da warst du keineswegs so unerschütterlich.“

Für einen kurzen Moment blieb es stumm im Wagen. Nur das leise Schnurren des Bentley war zu hören. Kais Kiefermuskel spannte sich minimal an, doch er unterbrach sie nicht.

„Du hattest ebenfalls Angst, Kai“, raunte sie weich und fuhr mit ihren Fingern langsam über seinen Unterarm hinauf bis zu seinen breit aufgebauten Schultern.

„Du hattest eine Scheißangst. Nicht davor, eine Windel falsch anzulegen oder das Baby falsch zu halten wie Kentaro oder Ryo. Du hattest Angst davor, wer du bist. Du hast dich gefragt, ob du überhaupt gut genug für ein Kind sein kannst... ob in deinem Inneren nicht viel zu viel Dunkelheit und Zerstörung liegt, als dass du einem kleinen Wesen ein guter Vater sein könntest. Du hast dich wochenlang gefragt, ob das Erbe deines Großvaters dich für immer gezeichnet hat.“

Kai starrte durch die Windschutzscheibe. Seine rubinroten Augen verengten sich leicht, als die Erinnerungen an jene ersten Wochen der Schwangerschaft kurz in ihm aufblitzten.

Die schlaflosen Nächte, das stumme Verlangen, sie und das ungeborene Leben vor der Welt... und vor allem vor seiner eigenen Vergangenheit... zu beschützen, während in seinem Inneren der Sturm tobte.

Er ließ ein gewohnt tiefes, raues „Mh...“ aus der Brust dringen. Es klang dunkel, fast wie das Knurren eines Raubtiers, aber es lag keine Härte darin.

„Das ist Monate her“, erwiderte Kai schließlich trocken, während er den Wagen flüssig durch eine breite Kurve steuerte. Seine Stimme war tief und ruhig. „Und diese Gedanken waren nötig, um mir vor Augen zu führen, was auf dem Spiel steht.“

Nami lächelte milde. „Ich weiß. Aber genau deshalb wusste ich vorhin im Kurs ganz genau, was in dir vorging, als du den Männern geantwortet hast. Du hast nicht nur aus der Position des perfekten Anführers gesprochen... du wusstest exakt, wie tief diese Verunsicherung sitzen kann.“

Kai schwieg für zwei Herzschläge. Seine Hand, die auf ihrem Oberschenkel ruhte, drückte ihren Stoff etwas fester, ehe er seinen Kopf minimal zu ihr drehte. Im schwachen Licht des Armaturenbretts wirkte sein Blick unergründlich, aber intensiv.

„Ich verstehe die Sorgen dieser Männer bis zu einem gewissen Grad“, gestand Kai schließlich mit gewohnter Ehrlichkeit, ohne die Spur einer Schwäche in der Stimme.

„Aber im Kreis zu sitzen und sich in seinen eigenen Ängsten zu verlieren, ändert nichts an der Realität. Es bringt absolut gar nichts, sich von seinen Zweifeln lähmen zu lassen... erst recht nicht dann, wenn der Mensch, den du über alles liebst, deinen unerschütterlichen Rückhalt benötigt.“

Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten einen gewaltigen Satz machte. Die pure, kompromisslose Hingabe, die hinter seinen rauen Worten lag, traf sie jedes Mal aufs Neue mitten ins Herz.

„Sie brauchen jemanden, der die Orientierung behält“, fügte Kai leise hinzu und wandte den Blick wieder der Straße zu. „Ich habe gelernt, meine Dunkelheit zu kontrollieren, Nami. Sie ist kein Hindernis mehr... sie ist der Schild, mit dem ich dich und unseren Sohn beschütze.“

Nami richtete sich ein Stück auf, beugte sich zu ihm hinüber und drückte einen langen, innigen Kuss auf seine Wange, direkt an der scharfen Kante seines Kiefers.

„Und genau deshalb“, flüsterte sie an seiner Haut, während sie spürte, wie er den Druck an ihrem Oberschenkel sanft erwiderte, „bist du bereits der beste Vater, den sich Gou nur wünschen kann.“

Kai gab ein weiteres, leises „Mh“ von sich... diesmal deutlich sanfter... , während der Bentley die ruhigen Alleen in Richtung ihres Anwesens hinaufschwebte.

Nami strich mit ihrer freien Hand langsam über den edlen Stoff seines Ärmels hinab, bis ihre schlanken Finger auf seine breite Hand trafen. Sie glitt behutsam zwischen seine Finger, schloss den Griff und verschränkte ihre Hand fest mit seiner. Die angenehme, vertraute Wärme seiner Haut breitete sich sofort in ihr aus.

„Ich habe übrigens heute Nachmittag mit Lumina telefoniert“, begann Nami leise, während sie mit dem Daumen sanft über seinen Knöchel strich und die leise verschneite Szenerie draußen betrachtete.

„Ich habe ihr erzählt, dass wir für dieses Weihnachten ein großes, gemütliches Beisammensein der Familie im Anwesen planen. Sie war völlig begeistert von der Idee.“

Kai behielt die Augen ruhig auf der Straße, doch seine Fingermuskeln spannten sich unter ihrem Griff minimal an, was verriet, dass er aufmerksam zuhörte.

„Und... na ja“, fuhr Nami mit einem leichten, fast spitzbübischen Unterton fort, „Lumina hat spontan entschieden, dass sie in ein paar Tagen spontan nach Tokio kommt, um mit uns zu feiern. Bevor sie dann im April ohnehin für ihr Studium komplett hierherzieht.“

Kai schwieg für einen Moment. Das leise monotone Rauschen des Scheibenwischers füllte die Stille im Innenraum des Bentley. Ein extrem feines, fast unmerkliches Schmunzeln unterdrückte er nur schwer, als ihm Tala durch den Kopf schoss.

~Wenn der wüsste...~

dachte Kai trocken.

Doch noch ehe die Amüsiertheit in ihm steigen konnte, verfinsterte sich seine Miene augenblicklich wieder. Die scharfen Züge seines Gesichts verhärteten sich, und seine rubinroten Augen wurden eisig ernst.

Der Gedanke daran, wozu Tala tatsächlich seit wenigen Tagen in Tokio war, ließ diesen Wink des Schicksals schlagartig düster wirken. Tala war keineswegs hier, um Urlaub zu machen oder sich seinen Gefühlen zu stellen. Er durchkämmte im Verborgenen die Schattenwelt der Megacity, um herauszufinden, wo Dr. Sobolev und der verbliebene, abtrünnige Rest von Boris’ Gefolgsleuten ihren Stützpunkt aufgeschlagen hatte.

Kai verschwieg Nami Talas Anwesenheit und die Bedrohung durch Sobolev peinlich genau, um sie in ihrem späten Schwangerschaftsstadium vor jeglichem Stress, Sorgen und Gefahren zu schützen.

Dass Lumina nun genau jetzt nach Tokio reiste, während ein gefährlicher Schattenkrieg im Hintergrund tobte und Tala mitten darin steckte, war eine riskante Wendung.

Kais Griff um Namis Hand wurde unwillkürlich ein wenig fester... behutsam, aber unmissverständlich beschützend.

„Lumina hat ein erstaunliches Timing“, raunte Kai schließlich mit tiefem, rauem Tonfall, in dem keinerlei Spott mehr lag.

Nami spürte es erneut. Seinen kühlen, fernen Blick, der ins Leere der nassen Straße gerichtet war, und die subtilen Zeichen in seinem Griff sowie seiner angespannten Haltung. Sie bemerkte es bereits seit einer Woche. Dieses ungreifbare Bild eines Mannes, der eine schwere Last auf seinen Schultern trug und sie vor etwas abschirmen wollte.

Sie sah ihn von der Seite an und überlegte einen langen Moment lang, ob sie ihn nun doch darauf ansprechen sollte. Sie wollte wissen, was ihn im Innern so unendlich beschäftigte... und wieso er es ihr nicht erzählen wollte. Die Frage lag ihr bereits auf den Lippen.

Doch Nami schwieg.

Sie schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, atmete ruhig aus und entschied sich dagegen, nachzubohren. Sie kannte ihren Mann mittlerweile besser als jeder andere auf dieser Welt. Ihn jetzt zu drängen, würde ihn nur noch weiter in seinen stummen Beschützerinstinkt treiben.

Sie wollte ihm noch etwas mehr Zeit geben, um von sich aus auf sie zuzukommen und ihr wie schon so oft sein Vertrauen zu schenken, wenn er bereit dazu war.

Stattdessen drückte sie seine verschränkte Hand sanft mit ihren Fingern, lehnte ihren Kopf wieder an seine feste Schulter und schloss die Augen, während der Bentley sie sicher durch die regennasse Nacht nach Hause trug.