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Zwischen Eifersucht und Gleichgültigkeit

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Zwischen Eifersucht und Gleichgültigkeit

Freitagabend, kurz nach einundzwanzig Uhr.

Der eiskalte, schneedurchsetzte Nachtwind Tokios verfing sich in den Drehtüren des exklusiven Luxushotels, als Tala Valkov die weitläufige, in warmes Licht getauchte Lobby betrat. Das dezente, teure Parfüm des Interieurs ersetzte augenblicklich die frostige Großstadtluft, doch Talas Anspannung wich kein bisschen.

Mit ruhigen, aber schweren Schritten durchquerte er den marmorierten Boden. Seine Gestalt wirkte im gedämpften Licht der Luster imposant, fast bedrohlich. Er griff mit einer flüssigen Bewegung nach seiner dunklen Wintermütze, zog sie sich vom Kopf und strich sich durch die feuerroten Haare, ehe er den Kragen seines Mantels etwas lockerte.

Er strömte eine Kälte aus, die nicht nur vom Tokioter Winter stammte.

Tala wandte sich nach links und steuerte auf das hoteleigene, edle Restaurant mit integrierter Bar zu. Das leise, dezente Klirren von Kristallgläsern und das sanfte Gemurmel der wenigen späten Gäste empfingen ihn.

In seinem Kopf arbeitete es unaufhörlich. Das vertrauliche Treffen mit Kai vor knapp einer Stunde lag ihm noch schwer im Magen. Sie hatten Taktiken ausgetauscht, doch die Lage blieb angespannt. Er hatte zwar endlich eine erste, brauchbare Spur zu Sobolevs möglichem Versteck im labyrinthischen Industriehafen von Tokio aufgedeckt, doch es fehlten nach wie vor handfeste, unumstößliche Beweise. Ein voreiliger Schlag ohne absolute Gewissheit würde Sobolev nur aufscheuchen und die Gefahr für alle Beteiligten ins Unermessliche steigern.

Tala stieß ein kurzes, tiefes und extrem angestrengtes Ausatmen durch die Nase aus.

Er war nun seit fast einer ganzen Woche in Tokio, und ehrlich gesagt hatte er es gründlich satt. Dieses ständige, lautlose Schleichen durch die Megacity, immer tief in den Schatten gehüllt, das Gesicht hinter Mütze und hochgeschlagenem Kragen verborgen... es widersprach seiner Natur zutiefst. Normalerweise wich er niemanden aus. Doch hier ging es nicht um seinen Stolz.

Er durfte unter keinen Umständen entdeckt werden. Weder von Sobolevs Wachposten, die die Stadt wie ein feines Netz überzogen, noch von der gierigen japanischen Presse. Wenn die Medien spitzkriegten, dass Tala Valkov unangemeldet in Tokio weilte, würde am nächsten Morgen eine Schlagzeile durch die Sport- und Klatschpresse gehen. Seine Tarnung wäre augenblicklich aufgeflogen, und Sobolev würde wie ein Geist in der Tiefe verschwinden... oder schlimmer noch, zum Gegenschlag ausholen.

Tala trat an die lange, dunkel polierte Holzbar des Restaurants, ignorierte die wenigen freien Tische im Hintergrund und ließ sich auf einen der schweren Barhocker aus Leder nieder. Seine Bewegung hatte etwas Raubtierhaftes, Gefährliches.

Der Barkeeper, ein älterer Japaner in makelloser Weste, trat sofort heran und neigte respektvoll den Kopf.

„Ein Wodka auf Eis“, raunte Tala mit rauer, eiskalter Stimme, ohne den Blick vom polierten Holz der Theke zu heben.

Der Barkeeper nickte stumm, griff nach einer schweren Karaffe sowie einem geschliffenen Glas, fügte zwei klare Eiswürfel hinzu und goss den hochprozentigen, glasklaren Alkohol ein. Als das Glas vor Tala abgestellt wurde, griff er mit seinen breiten Fingern danach. Das Eis klirrte leise gegen die Glaswand... das einzige Geräusch, das für einen Moment die Stille um ihn herum durchbrach.

Das Klirren in seinem Glas war kaum verhallt, als die Zeit für Tala schlagartig stillzustehen schien.

Inmitten des dezenten Klaviermusik-Plätscherns und des gedämpften Gemurmels der Restaurantgäste schnitt plötzlich ein Geräusch durch den Raum, das Talas Körper augenblicklich in absolute Starre versetzte.

Seine Hand, die das geschliffene Glas gerade an die Lippen führen wollte, fror mitten in der Bewegung ein.

Seine sonst so unbeweglichen, eisblauen Augen weiteten sich minimal.

Ein klares, helles Lachen. Es perlte glockenrein, spitzbübisch und voller unverfälschter Lebensfreude durch den gedimmten Saal... ein Sound, den Tala unter tausenden Menschen herausgehört hätte.

Er rührte keinen Muskel. Sein Kopf blieb starr nach vorne gerichtet, doch seine Pupillen huschten scharf wie Rasierklingen zur Seite.

~Das ist unmöglich...~ schoss es ihm durch den Kopf.

Er war sich absolut sicher gewesen.

Sie sollte in Europa sein, weit weg von dieser verfluchten Stadt, und erst Mitte des kommenden Jahres für ihr Studium nach Tokio ziehen. Es ergab keinen Sinn. Und doch brauchte sein Verstand keine Bestätigung mehr. Der Name brannte sich bereits in seine Gedanken: Lumina.

Die Glastür des Restaurants schwang lautlos zu, und dort stand sie. Sie betrat den Raum wie ein Lichtblitz in der Finsternis. Ihr langes, silbrig-weißes Haar fiel in perfekten Seidenwellen an ihrem Rücken hinab, ihre magentafarbenen Augen funkelten im warmen Umgebungslicht, und dieses strahlende, fast schon freche Grinsen lag auf ihren rosigen Lippen. Sie wirkte so unglaublich glücklich, so völlig entspannt und unbeschwert, wie sie es immer tat.

Doch was Talas Puls schlagartig in die Höhe schnellen und ihn unwillkürlich schlucken ließ, war nicht nur ihr überraschendes Auftauchen.

Es war der junge Mann an ihrer Seite.

Tala konnte die Starre nicht mehr aufrechterhalten. Langsam, mit einer eiskalten, kontrollierten Bewegung, drehte er den Kopf ein paar Millimeter weiter zur Seite, um die Szene im Schatten der Bar vollkommen zu erfassen. Die Bar lag am Rande des Saals in einer dunklen Nische, versenkt im warmen Zwielicht... Lumina und ihr Begleiter bemerkten ihn nicht.

So dachte er...

Talas Blick löste sich von Lumina und brannte sich augenblicklich in den jungen Mann ein, der neben ihr ging.

Tala merkte nicht einmal selbst, wie er den Fremden innerhalb von Millisekunden gedanklich komplett zerlegte und sezierte. Seine eisblauen Augen überflogen jede Faser, jede Bewegung, jedes Detail der Gestalt neben Lumina mit der eiskalten Präzision eines Raubtiers, das ein fremdes Männchen in seinem Revier witterte.

Der Bursche war groß. Er besaß eine ähnlich breite, athletische Statur, die selbst unter dem eng anliegenden, hochgeschlossenen Funktionsshirt unübersehbar war. Die ausgeprägten Schultern und die muskulöse Brust standen jedoch in einem fast schon skurrilen, krassen Gegensatz zu seinem Gesicht.

Es war das typische Gesicht eines Teenieschwarms. Weiche, jugendliche, aber makellos symmetrische Gesichtszüge. Seine Augen schimmerten in einem klaren, leuchtenden Himmelblau, umrahmt von hell- fast weißblonden Haarsträhnen, die ihm locker und leicht strähnig in die Stirn fielen. Er sah aus wie aus einem Hochglanzmagazin entsprungen... groß, gebaut wie ein Athlet, aber mit dem Gesicht eines hübschen jungen Mannes.

Talas Knöchel an dem Wodkaglas wurden vor Anspannung weiß. Seine eisblauen Augen verengten sich zu zwei gefährlichen Schlitzen, während er den blinden Passagier an Luminas Seite nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.

Die Kellnerin führte die beiden zielstrebig durch den schwach beleuchteten Raum... ausgerechnet zu einem der kleinen, intimen Rundtische am Rande des Saals, nur wenige Meter von Talas schattiger Bar-Nische entfernt.

Lumina setzte sich flüssig auf den geschwungenen Ledersessel, stützte die Ellenbogen auf die dunkle Tischplatte und ließ erneut dieses glockenreine Lachen ertönen, das Tala wie ein Stromstoß durchfuhr.

„Ich schwöre dir, Elias... Namis Gesicht war einfach zu köstlich!“, erzählte Lumina amüsiert, während sie sich eine der silbrigen Haarsträhnen hinter das Ohr strich. „Sie hat überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich dich im Schlepptau habe. Und Kais Miene erst... Gut, er verzog zwar wie gewohnt kaum das Gesicht, aber man hat in seinen Augen genau gesehen, wie überrascht er war, dass ich einfach jemanden aus England mitbringe. Ganz abgesehen von meiner kleinen Anekdote aus der Vergangenheit.“

Tala, der starr nach vorne blickte und sein Wodkaglas so fest umschloss, dass das Kristall gefährlich knirschte, verengte die Augen zu eisigen Schlitzen.

~...aus England?~ schoss es ihm eiskalt durch den Kopf.

~Und Kai wusste, dass Lumina in der Stadt war... und hat mir kein verfluchtes Wort gesagt. Dieser Bastard...~

Ablenkung. Verrat. Kai wusste genau, dass Tala verzweifelt versuchte, Lumina aus seinem Kopf zu verbannen. Und dieser kerngesunde Schönling war also mit ihr aus ihrer Heimat Großbritannien angereist. Nicht zu vergessen, dass Lumina allgemein hier war. Jetzt. In derselben Stadt. Im selben verdammten Hotel. Ausgerechnet jetzt, wo Tala dachte, er könnte sie in den Tiefen seines Verstandes vergraben und ihr im besten Fall nie wieder begegnen.

Plötzlich loderte eine unbändige, schneidende Wut in seiner Brust auf... begleitet von diesem dämlichen, unerträglich ziehenden Gefühl in seinem Innern, das er nach jenen zwei Nächten vor zwei Monaten so sehr gehasst hatte. Es war eine Mischung aus Possession, Frust und dieser unberechenbaren Hitze, die nur sie in ihm auslösen konnte.

Der blonde Fremde lehnte sich entspannt im Stuhl zurück, nahm die Speisekarte entgegen und schmunzelte leise.

„Ich konnte eben nicht widerstehen“, antwortete der Typ, und seine Stimme war tief, dunkel und erstaunlich angenehm warm... eine samtige Stimmfarbe, die Tala innerlich auf der Stelle kotzen ließ.

„Du hast in den letzten Wochen schließlich pausenlos davon geschwärmt, wie wunderbar Tokio sein soll. Da habe ich mir eben kurzfristig überlegt, mein Studium ebenfalls hierher zu verlegen. Und du hattest recht... Namis Gesichtsausdruck bei dieser Erkenntnis war unbezahlbar.“

Lumina prustete laut los, hielt sich gespielt schockiert die Hand vor den Mund und lachte so herzlich, dass sich zwei Gäste am Nachbartisch amüsiert zu ihr umdrehten.

„Nicht nur unbezahlbar... es war ein Bild für die Ewigkeit!“, rief sie amüsiert und schüttelte den Kopf, sodass ihr silbriges Haar im warmen Licht schimmerte. „Ich ärgere mich schwarz, dass ich mein Smartphone nicht griffbereit hatte. Das Gesicht meiner Cousine gehört eingerahmt an die Wand!“

Sie seufzte sonor, während die Kellnerin lautlos an ihren Tisch trat und zwei Gläser servierte.

Tala saß unförmig starr auf seinem Barhocker. Jeder Muskel in seinem Nacken war spannungsgeladen wie eine Feder kurz vor dem Auslösen. Sein erster Impuls war rein taktisch:

Aufstehen. Gehen.

Doch wenn er jetzt einfach aufstand und den Raum verließ, bestand die Gefahr, dass sie seinen Blick oder seine raubtierhafte Gestalt im Augenwinkel erfasste. Er würde sich verraten. Und worauf Tala mit absoluter Garantie keine Lust hatte, war eine dramatische Szene mitten in der Hotellobby mit Lumina Davies. Er spielte kurz mit dem eiskalten Gedanken, noch am selben Abend das Hotel komplett zu wechseln. Ein anderes Versteck, eine andere Suite, Hauptsache fern von dieser Frau.

Doch er blieb sitzen. Unbeweglich. Wie festgefroren im Schatten des Tresens.

Sein Gehör sog jedes Wort gierig auf. Er lauschte, wie die beiden sich über die verschiedenen Fakultäten, die Kurse und den Campus der Tokioter Universität unterhielten.

Er hörte genau hin. Kein Turteln. Keine Kosenamen. Keine zweideutigen Blicke oder intim gehauchtes Geflüster. Es war ein völlig lockeres, freundschaftliches Gespräch zweier Bekannter.

Tala presste die Kiefer so bitterhart zusammen, dass seine Muskeln an den Schläfen hervortraten. Ein eiskalter Schauer der Selbstverachtung durchfuhr ihn, als ihm klarwurde, worauf er da gerade peinlich genau geachtet hatte.

~Warum zum Teufel suchst du nach Nuancen, du Idiot?~ fluchte er innerlich stumm.

Wieso interessierte es ihn überhaupt, ob diese beiden miteinander schliefen, flirteten oder sich liebten? Es war ihm scheißegal. Es musste ihm verdammt nochmal scheißegal sein! Lumina war eine Episode gewesen. Eine hübsche, wilde Randnotiz auf der Hochzeit von Kai und Nami. Sie musste ihm egal sein...

...auch wenn sein eigener Verstand ihm seit über zwei Monaten jede verdammte Nacht einen Strich durch die Rechnung machte.

Tala schloss für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde die eisblauen Augen, doch die Bilder brannten sich sofort wieder hinter seine Stirn. Seine Träume waren hemmungslos gewesen. Sie hatten ihn heimgesucht, Nacht für Nacht. Er sah wieder vor sich, wie sie unter ihm lag, wie ihr silbriges Haar auf den Laken verstreut war und wie sie seinen Namen schrie, flehend und voller Erregung während sie ihn anstachelte, noch härter zu sein. Noch unerbittlicher. Er erinnerte sich an die Hitze ihrer Haut und daran, wie sie sich ihm völlig schamlos hingab. Er hatte keine Rücksicht auf sie genommen, hatte die wilde Bestie in sich nicht zügeln wollen... und sie hatte jede einzelne Sekunde mit jeder Faser ihres zarten

Körpers genossen und nach mehr verlangt.

Der Griff um sein Wodkaglas wurde so fest, dass es leise knirschte, als wisse das Glas selbst, dass es kurz vor dem Zerspringen stand.

Lumina bedankte sich mit ihrer gewohnt sonnigen, charmanten Stimme bei der Kellnerin, als diese die dampfenden Teller auf dem Tisch abstellte. Für die nächsten Minuten kehrte an dem kleinen Rundtisch eine angenehme, gefräßige Stille ein, in der nur das leise Klappern von Besteck auf Porzellan zu hören war.

Tala nutzte die Pause im Gespräch, um den Wodka in seinem Glas schwenken zu lassen, während die Eiswürfel leise aneinanderstießen. Seine Gedanken kehrten unverzüglich zu Kai zurück.

Jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, durchschaute Tala seinen alten Rivalen völlig. Er wusste mit absoluter Sicherheit, warum Kai ihm mit keinem Sterbenswort gesagt hatte, dass Lumina in Tokio war. Es war keine Nachlässigkeit gewesen. Kai hatte es ihm ganz bewusst verschwiegen. Einfach nur, um ihn auf die Folter zu spannen... um sich in seinem kühlen, unbeweglichen Kopf exakt das Gesicht vorzustellen, das Tala machen würde, wenn er unvorbereitet in die Falle tappte.

Obwohl die Lage wegen Sobolev brandgefährlich war und solche kindischen Machtspielchen eigentlich keinen Platz haben sollten, war Kai eben Kai. Er kannte Tala seit Ewigkeiten viel zu gut, um sich so eine steile Vorlage entgehen zu lassen.

~Dieser verdammte Bastard~, dachte Tala trocken, während seine Mundwinkel für ein unmerkliches, düsteres Zucken sorgten.

Etwa fünfzehn Minuten später durchbrach ein zufriedenes, tiefes Seufzen von Lumina die Stille an ihrem Tisch. Tala hörte das sanfte Rascheln von Stoff, als sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte.

„Ah, das war fantastisch... aber ich bin absolut bedient für heute“, sagte Lumina entspannt und gähnte leise. Sie schob ihren Stuhl ein Stück zurück. „Ich gehe hoch ins Zimmer und schlafe eine Runde. Wenn du möchtest, kannst du dir ja noch einen Drink an der Bar gönnen“

Sie verabschiedete sich mit einem kurzen, leichten Klaps auf seine Schulter und machte sich auf den Weg in Richtung Aufzug.

Tala saß wie eine schwere, unheilvolle Statue im Schatten des Tresens. Seine eisblauen Augen verengten sich gefährlich, als die Worte in seinem Verstand nachhallten.

Während Luminas zarte Schritte langsam auf dem dicken Teppich der Lobby verhallten, hörte Tala das leise Scharren eines Stuhls. Elias war aufgestanden. Und nach den Worten von Lumina steuerte dieser groß gewachsene, blonde Typ nun zielstrebig genau den Ort an, an dem Tala saß: die Bar.

Elias schlenderte hinüber zum Tresen, schob mit einer flüssigen, sportlichen Bewegung einen der schweren Lederhocker zurück und setzte sich genau zwei Plätze neben Tala. Er strich sich kurz die hellblonden Strähnen aus der Stirn, hob die Hand und bestellte beim Barkeeper einen einfachen Scotch auf Eis.

Tala rührte sich nicht. Er saß unbeweglich im Schatten der Nische, den Blick starr auf sein Glas gerichtet, während seine Sinne auf maximale Schärfe geschaltet waren.

Elias schien den eiskalten Mann im dunklen Pullover im ersten Moment nicht zu erkennen, der hier stumm in der Ecke eines Hotelrestaurants saß.

„Langer Tag?“, fragte Elias plötzlich ungezwungen von der Seite. Seine Stimme war wieder genau so entspannt und angenehm tief wie vorhin am Tisch. Er schwenkte sein Glas und wandte sich leicht zu Tala um.

Tala drehte den Kopf nur um einen millimeterkurzen Winkel zu ihm herum. Seine eisblauen Augen bohrten sich für einen Sekundenbruchteil in das makellose Gesicht, ehe er mit eiskalter, rauer Stimme antwortete:

„Kann man so sagen.“

Elias schmunzelte und nickte verstehend.

„Kenn ich. Bin selbst erst heute Morgen gelandet. Elf Stunden Flug aus London ziehen sich wie Kaugummi.“

„London“, wiederholte Tala trocken. Er nahm einen winzigen Schluck von seinem zweiten Wodka und nutzte die Pause, um das Gespräch genau dorthin zu lenken, wo er es haben wollte. „Geschäftlich oder Urlaub?“

„Ein Mix aus beidem, schätze ich“, antwortete Elias und nahm einen Schluck von seinem Scotch. Er wirkte völlig offen, ohne jede Falschheit.

„Ich bin mit meiner Cousine hier. Wir sind uns mütterlicherseits ziemlich nah. Sie zieht nächstes Jahr komplett her, um in Tokio zu studieren, und hat mich monatelang belatschert, mir den Campus mal anzusehen.“

~Cousin~

Tala hörte jedes einzelne Wort mit analytischer Präzision. Jede Anspannung, die sich in den letzten Minuten in seiner Brust angestaut hatte, verflog nicht gänzlich, wandelte sich aber schlagartig.

Kein Rivale. Elias war schlichtweg Familie... ihr Cousin aus England.

„Und?“, hakte Tala nach. Seine Stimme klang wie beiläufiges Kneipengeplänkel, doch in seinem Inneren arbeitete die Eifersucht noch immer wie ein leises, abflauendes Feuer.

„Lohnt sich der Trip?“

Elias lachte leise und schüttelte den Kopf.

„Definitiv. Auch wenn meine liebe Cousine ein absoluter Wirbelwind ist. Sie hat mich heute direkt nach der Landung zu ihrer anderen Cousine und deren Mann geschleppt. Typisches Familienanwesen, riesig, fast wie ein Museum. Der Ehemann... Kai heißt er, glaube ich... ein Typ wie aus Granit gemeißelt. Hat mich angesehen, als wollte er mich mit bloßen Blicken exekutieren.“

Elias gluckste kurz amüsiert auf, ehe er fortfuhr: „Wobei... um ehrlich zu sein, kann ich seinen Blick sogar ein bisschen verstehen. Ich bin mit seiner Frau schließlich nicht blutsverwandt, da sie Luminas Cousine väterlicherseits ist. Und als ob das nicht schon gereicht hätte, musste meine Cousine am Esstisch natürlich brühwarm erwähnen, dass ich als Dreizehnjähriger mal unsterblich in die damals zehnjährige Nami verliebt war.“

Elias schüttelte grinsend den Kopf. „Eine absolute Jugendsünde, ewig her... aber holy shit, der Typ strahlt eine Aura aus, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ich dachte für eine Sekunde echt, er bricht mir das Genick.“

Tala, der nun realisierte, dass dieser junge Mann sogar mehr als ein Jahr älter als er und Kai war, spürte, wie sich bei der Vorstellung von Kais mörderischem Blick sein linker Mundwinkel minimal nach oben zuckte.

„Man gewöhnt sich daran“, raunte Tala tief und stellte sein leeres Wodkaglas mit einem leisen Klacken auf dem Tresen ab.

Elias sah ihn kurz überrascht an, blinzelte und schien für einen kurzen Moment über die Worte nachzudenken, doch bevor er weiter nachfragen konnte, schob Tala ein paar Scheine auf das polierte Holz.

„Einen schönen Abend noch, Elias“, sagte Tala mit rauer, unnahbarer Stimme, stand mit einer einzigen, fließenden Bewegung auf und ragte für einen Moment dominant neben dem Barhocker auf.

Elias starrte ihn einen Augenblick lang an, etwas baff darüber, dass dieser fremde Mann seinen Namen wusste... bis ihm dämmerte, dass Lumina ihn vorhin am Tisch laut beim Namen genannt hatte.

„Äh... danke. Dir auch“, antwortete Elias noch etwas perplex.

Tala wandte sich ab und schritt mit ruhigen, schweren Schritten durch die gedimmte Lobby in Richtung der Aufzüge. Er hatte alle Antworten, die er brauchte. Keine Romantik. Keine Bedrohung durch diesen blonden Typen.

Doch als er im Fahrstuhl auf den Knopf seiner Etage drückte und sein Spiegelbild in der polierten Edelstahlwand betrachtete, ballte er die Fäuste so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Lumina war in diesem Gebäude. Und er wusste ganz genau, wer ihm morgen eine gewaltige Erklärung schuldig sein würde:

Kai Hiwatari.

Drei Uhr nachts.

Die stumme, eiskalte Dunkelheit des Hotelzimmers schien Tala wie eine Zentnerlast auf der Brust zu liegen. Er lag auf dem Rücken, die Arme verschränkt, die eisblauen Augen starr auf die Decke gerichtet. An Schlaf war nicht zu denken. Der Wodka war längst verflogen, zurück geblieben war nur diese unruhige, gefährliche Hitze in seinen Adern. Das Wissen, dass sie nur wenige Meter in einem anderen Stockwerk schlief, trieb ihn schier um den Verstand.

Tala stieß ein raues, dunkles Fluchen aus, schwang die Beine aus dem Bett und zog sich lautlos den schwarzen Rollkragenpullover über. Er musste hier raus.

Mindestens eine Zigarette auf der frostigen Dachterrasse um seinen Kopf frei zu bekommen.

Als er die schwere Zimmertür hinter sich ins Schloss fallen ließ und den lautlosen, dick gepolsterten Teppich des langen Flurs betrat, herrschte absolute Stille. Nur das dezent gedimmte Wandlicht warf lange, sanfte Schatten über die Korridore.

Tala schritt auf den Fahrstuhlbereich zu. Er drückte den Rufknopf und wartete, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, die Schultern angespannt.

Ein leises, elegantes Pling durchschnitt die nächtliche Ruhe. Die schweren Messingtüren des Aufzugs glitten geräuschlos auseinander.

Tala wollte bereits den ersten Schritt nach vorne machen, als seine Bewegung mittendrin fror. Seine Muskeln versteinerten.

Im Fahrstuhl stand Lumina.

Sie trug eine weite, flauschige weiße Strickjacke über einem einfachen dunkelgrauen Top und bequemen Stoffhosen. Ihr langes, silbrig-weißes Haar hing leicht zerzaust über ihre Schultern, und ihre magentafarbene Augen wirkten etwas müde, aber immer noch wach. In der Hand hielt sie eine ungeöffnete Flasche Mineralwasser.

Aufgrund des massiven Jetlags aus England war an Schlaf für sie absolut nicht zu denken gewesen.

Lumina sah auf, als sich die Türen öffneten... und für einen schwindelerregenden Sekundenbruchteil blieb die Welt stehen.

Ihre Augen weiteten sich minimal. Das strahlende, unschuldige Gesicht wandelte sich innerhalb einer Millisekunde von überraschter Verwirrung zu jenem unnachahmlichen, spitzbübischen Grinsen, das Tala in seinen Träumen verfolgt hatte.

„Na, sieh mal einer an...“, raunte Lumina mit ihrer samtigen, leicht rauen Nachtstimme. Sie machte keine Anstalten, aus dem Fahrstuhl auszusteigen, sondern lehnte sich mit verschränkten Armen spöttisch gegen die Spiegelwand der Kabine. „Tala Valkov. Mitten in der Nacht im selben Hotel in Tokio. Wenn das mal kein verdammter Zufall ist... oder verfolgst du mich etwa?“

Tala rührte sich nicht. Seine eisblauen Augen verengten sich gefährlich. Seine Brust hob und senkte sich schwer, während er den Drang niederkämpfte, diese Tür einfach wieder zufallen zu lassen.

„Du solltest im Bett liegen“, raunte er mit einer Stimme, die so eiskalt und tief war, dass sie die Scheiben der Aufzugskabine zum Vibrieren bringen konnte.

„Kann nicht schlafen. Jetlag“, erwiderte Lumina völlig unbeeindruckt von seiner bedrohlichen Ausstrahlung. Ihr Blick glitt langsam, fast schon provokant über seine breiten Schultern und die scharfe Kante seines Kiefers. „Und du? Siehst nicht gerade so aus, als hättest du eine Mütze Schlaf bekommen. Hat dich mein Anblick im Restaurant vorhin etwa so aus dem Konzept gebracht?“

Tala spannten sich die Kiefermuskeln so hart an, dass es schmerzte.

Sie hatte ihn bemerkt. Sie wusste es die ganze Zeit?

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte Tala einen breiten Schritt nach vorne, betrat die Kabine und drückte mit dem Daumen auf die Taste der Dachterrasse. Die Türen glitten hinter ihnen zu.

Die Luft in der kleinen, verspiegelten Kabine wurde schlagartig dünn. Die raubtierhafte Präsenz von Tala füllte den Raum fast vollständig aus, doch Lumina wich keinen einzigen Zentimeter zurück. Sie sah zu ihm auf, dieses freche, wunderschöne Lächeln auf den blassen Lippen, während die Hitze zwischen ihnen die Kälte der Nacht augenblicklich verbrannte.

Tala drückte die Schultern durch, die Hände fest in den Hosentaschen vergraben, um sie nicht nach ihr ausstrecken zu müssen. Die Wände der Fahrstuhlkabine schienen mit jedem Meter, den sie nach oben stiegen, näher zu rücken.

„Wusstest du es?“, fragte er rau, ohne den Blick von den spiegelnden Stahltüren vor sich zu wenden. Seine Stimme war tief und gefährlich leise. „Dass ich in Tokio bin?“

Lumina sah ihn von der Seite an. Das freche, spöttische Grinsen wich von ihren Zügen, und für einen kurzen Augenblick lag nur ehrliche Offenheit in ihren magentafarbener Augen.

„Erst seit vorhin“, gestand sie leise und strich sich eine silbrige Haarsträhne hinter das Ohr.

„Kai hat es mir kurz vor der Tür verraten, bevor Elias und ich mit dem Taxi ins Hotel zurückgefahren sind. Er hat mich kurz beiseitegezogen, als niemand hingesehen hat.“

Tala verengte die Augen minimal, sagte aber kein Wort.

„Aber frag mich nicht, was das werden soll“, fuhr Lumina fort und legte den Kopf leicht schräg. „Nami weiß anscheinend nämlich absolut nichts davon. Ich wollte sie schon danach fragen, aber Kai hat mir praktisch mit Blicken den Mund verboten. Keine Ahnung, wieso er vor seiner eigenen Frau so ein verdammtes Geheimnis daraus macht.“

Tala schwieg weiterhin. Ein flüchtiger, eiskalter Schatten legte sich über seinen Blick. Er wusste ganz genau, warum Kai stumm wie ein Grab geblieben war. Wenn Nami erfahren hätte, dass Tala unangekündigt in der Stadt war, hätte sie keine Ruhe gegeben. Sie hätte nachgebohrt, unbequeme Fragen gestellt und am Ende unweigerlich die Fährte zu Boris, Sobolev aufgenommen. Kai wollte sie beschützen. Er wollte sie noch nicht aufklären... zumindest so lange, wie die Lage am Hafen nicht geklärt war.

„Ich bin geschäftlich hier“, brach Tala schließlich das Schweigen. Seine eisblauen Augen trafen im Spiegel der Kabine direkt ihren Blick. „Und es hat seinen Grund, warum Kai es dir in diesem einen ruhigen Moment gesteckt hat.“

Er musste es nicht weiter ausführen. Lumina war intelligent genug, um zu begreifen, dass es kein beiläufiger Smalltalk gewesen war.

„Das heißt wohl, es gibt Probleme, mh... “, raunte Lumina schmunzelnd, ehe ihre Stimme sanfter wurde und jeglicher Spott aus ihren Worten wich. „Aber dass wir exakt im selben Hotel gelandet sind... das ist tatsächlich reiner Zufall, Tala. Elias hat die Zimmer gebucht.“

Ein erneutes Pling kündigte das Erreichen der Dachterrasse an. Die Türen glitten geräuschlos auf und gaben den Blick frei auf den nächtlichen, windigen Himmel über den Wolkenkratzern Tokios hinter der Glastür.

Lumina machte keine Anstalten, sofort nach draußen zu gehen. Sie stand dicht neben ihm, und in der Stille der Kabine schien das unmerkliche Knistern zwischen ihnen die kühle Nachtluft zu verbrennen. Sie hütete sich davor, es zu laut auszusprechen oder ihm zu zeigen, wie sehr ihre Brust bei seinem Anblick pochte, doch der glänzende Schimmer in ihren Augen verriet sie: Sie war unendlich froh, ihn zu sehen.

Tala trat als Erster aus dem Fahrstuhl, in den Flur und anschließend auf die weitläufige, schneebedeckte Dachterrasse. Der eisige Nachtwind Tokios erfasste sie sofort, pfiff durch die Glasbrüstungen und peitschte ihm die feuerroten Haare aus der Stirn.

Er ging bis an die Glaswand heran, stützte die breiten Hände auf die Kante und blickte hinab auf das schier endlose Lichtermeer der Megacity. Lumina folgte ihm mit ruhigen Schritten. Die Kälte schien ihr in ihrer dünnen Strickjacke im ersten Moment wenig auszumachen; sie stellte sich dicht neben ihn, so nah, dass ihr silbriges Haar im Wind leicht gegen seinen dunklen Ärmel wehte.

Tala griff in die Tasche seines Mantels, holte eine Zigarette hervor und zündete sie mit der abgewandten Hand an. Er schätzte die Stille, das leise Glimmen des Tabaks... und die Tatsache, dass er seinen Blick starr auf die Skyline richten konnte, statt sie ansehen zu müssen.

„Dein blonder Schatten ist übrigens sehr gesprächig“, brach er schließlich das Schweigen. Seine Stimme war tief, rauchig und gewohnt unterkühlt.

Lumina schielte von der Seite zu ihm hoch. Ein feines, spitzbübisches Lächeln stieg in ihren magentafarbener Augen auf.

„Er heißt Elias“, antwortete sie beiläufig und stützte ebenfalls die Unterarme auf die Brüstung. „Warte mal... habt ihr etwa miteinander geredet?“

„Ich habe mich unten an der Bar kurz mit ihm unterhalten“, raunte Tala trocken und blies eine graue Rauchwolke in den eisigen Nachtwind. „Er hat mir erzählt, dass er dein Cousin ist. Und dass er ein erstaunlich gutes Gedächtnis für Jugendsünden hat. Ich glaub aber nicht, dass er wusste wer ich bin.“

Lumina legte überrascht den Kopf in den Nacken und prustete dann leise amüsiert los.

„Oh Gott... er hat dir von der Sache mit Nami erzählt, oder? Das war ihm heute am Esstisch so unglaublich unangenehm, als ich es erwähnt habe. Kai hat ihn fast mit Blicken gepfählt und nein, ich hatte dich zwar mal erwähnt und er kennt auch das Pressefoto, aber ich denke mal er hätte anders reagiert und wäre reservierter gewesen, wenn er dich wirklich erkannt hätte.“

„Verständlich“, kommentierte Tala ohne jede Regung im Gesicht.

Lumina drehte sich leicht zur Seite und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie trat einen halben Schritt näher an ihn heran. Ihre Blicke bohrten sich seitlich in sein scharf geschnittenes Profil.

„Und?“, raunte sie, und in ihrer Stimme lag plötzlich dieser unverschämte, spöttische Unterton, den er so gut von ihr kannte. „War das der einzige Grund, warum du mit meinem Cousin geplaudert hast? Oder wolltest du erst einmal abchecken, wer da mitten in der Nacht mit mir durch Tokio spaziert?“

Tala verengte die eisblauen Augen. Er wandte den Kopf langsam zu ihr herum, zog an seiner Zigarette und sah von oben herab auf sie nieder. Seine Aura strahlte eine schneidende Kälte aus, die die Temperatur auf der Terrasse gefühlt um mehrere Grad senkte.

„Bilde dir bloß nichts ein, Prinzessin“, entgegnete er mit eiskalter, rauer Gelassenheit. „Es war ein langweiliger Abend, und der Typ saß zwei Stühle weiter. Mehr nicht.“

Lumina verzog keine Miene. Ihr Grinsen wurde nur noch ein Stück breiter, fast schon herausfordernd. Sie wusste genau, dass Tala mehr als einmal betont hatte, wie völlig egal sie ihm war. Er spuckte große Töne, gab sich unnahbar und tat so, als wäre jene Woche vor zwei Monaten nie passiert. Und doch stand er jetzt hier. Mitten in der Nacht. Und hatte ihren Cousin an der Bar akribisch durchleuchtet.

„Natürlich. Nur beiläufiger Bar-Talk“, schnurrte sie leise, trat noch diesen einen winzigen Millimeter näher, sodass sie die Hitze spüren konnte, die trotz des eisigen Windes von seinem Körper ausging. „Du bist wirklich ein miserabler Lügner, Tala.“

Tala erwiderte ihren Blick starr, ohne mit der Wimper zu zucken, während das Glutnest seiner Zigarette leise im Wind aufglomm.

Lumina sah auf die kleine, glimmende Spitze der Zigarette zwischen seinen Fingern und hob amüsiert eine Braue.

„Ich wusste gar nicht, dass du rauchst...“, merkte sie leise an und legte den Kopf schräg. Ihr Blick glitt kurz über seine breiten Schultern und die imposante, durchtrainierte Statur unter dem dunklen Stoff. „Ich dachte eigentlich, bei deiner Statur und deinem Lebensstil würdest du ein bisschen gesünder leben.“

Tala stieß ein raues, spöttisches Schnauben aus. Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, ehe er die Asche mit einer beiläufigen Handbewegung in den eisigen Wind abstreifte.

„Ich rauche fast nie“, raunte er mit eiskalter, tiefer Stimme. „Nur wenn ich den Kopf frei bekommen will... oder mir etwas gewaltig auf die Nerven geht.“

Sein Blick verengte sich minimal, während er die Zigarrette gekonnt an der Metallkante des Aschenbechers an der Wand ausdrückte. Er verschwendete keine Sekunde darauf, ihr mehr Einblick in seine Gedanken zu gewähren. Stattdessen schnitt er das Thema ohne Umschweife ab und drehte den Spieß um.

„Was machst du überhaupt schon in Tokio?“, fragte er rau und sah sie von oben herab an.

„Ich hatte im Kopf, dass du erst im kommenden Frühling herkommen wolltest.“

Lumina lächelte dünn, während der Wind ihr die silbrigen Haarsträhnen leicht ins Gesicht wehte. Sie strich sie beiläufig glatt und wandte den Blick wieder der glitzernden Skyline zu.

„Nami und Kai veranstalten eine kleine Familienfeier zu Weihnachten“, antwortete sie entspannt und zuckte mit den Schultern. „Und da ich zu Hause in England gerade absolut nichts Dringendes zu tun hatte, dachte ich, ich komme ein paar Monate früher noch einmal her. Außerdem hat Elias hin und her überlegt, wo und was er studieren soll. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, ihn einfach direkt mit einzupacken, um ihm den Campus hier in Tokio zu zeigen.“

Sie wandte den Kopf wieder zu ihm und ihr schiefes, unverschämtes Grinsen kehrte auf ihre Lippen zurück.

„Zwei Fliegen mit einer Klappe. Dass ich dabei ausgerechnet dir über den Weg laufe, war allerdings kein Bestandteil meines Plans.“

Ein plötzlicher, scharfer Windstoß fuhr über die Dachterrasse und ließ Lumina unwillkürlich leicht frösteln. Sie zog die flauschige Strickjacke enger um ihre Schultern, rieb sich kurz über die Oberarme und sah zu Tala auf.

„Ich gehe besser wieder ins Bett“, sagte sie leise, während ihr Atem als feiner, weißer Schleier in der Frostluft tanzte.

Tala rührte sich nicht. Er blieb starr an die Brüstung gelehnt, wandte ihr nur halb das Gesicht zu und stieß ein tiefes, spöttisches Lachen aus.

„Was ist los? War das etwa schon alles?“, fragte er mit rauer, eiskalter Gelassenheit, während ein gefährlicher Funke in seinen eisblauen Augen aufblitzte. „Kein Gebettel darum, wo deine dritte Nacht bleibt? Keine deiner üblichen Provokationen?“

Lumina hielt mitten in der Bewegung inne. Sie lachte leise... ein sanftes, dunkles Glucksen... und drehte sich langsam wieder vollkommen zu ihm um.

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in ihren magentafarbenen Augen auf. Tala, dessen analytischer Verstand jede noch so minimale Regung in ihrem Gesicht aufzusaugen schien, erkannte genau, dass diese Worte tatsächlich kurz in ihrem Kopf aufgetaucht waren. Der Gedanke an jene zwei hemmungslosen Nächte vor zwei Monaten war für einen Herzschlag greifbar nah zwischen ihnen.

Doch Lumina hielt sich bewusst zurück.

Sie dachte gar nicht daran, ihm diesen Triumph zu gönnen oder sein Ego zu füttern. Stattdessen schenkte sie ihm ein ehrliches, erstaunlich erwachsenes Lächeln, das völlig frei von Hohn oder Verbitterung war.

„Ich habe bekommen, was ich wollte, Tala“, antwortete sie ruhig, während der Wind ihr silbriges Haar verwehte. „Und ich habe nie mehr von dir erwartet als diese Nächte. Zwischen uns ist alles gesagt.“ Sie trat einen Schritt zurück in Richtung der Fahrstuhltür.

„Ich lasse dich also weiterhin in Ruhe. Genau so, wie du es von Anfang an gewollt hast.“

Talas Kiefer spannte sich für einen winzigen, kaum sichtbaren Moment so extrem an, dass die Muskeln an seiner Schläfe hervortraten.

Seine eisblauen Augen verengten sich minimal, als ihre Worte wie ein gezielter Nadelstich durch seine gewohnte Arroganz schnitten. Er hielt ihren Blick starr aus, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwidern.

Lumina sah das feine Zucken in seinen Zügen genau. Ein feines, zufriedenes Lächeln stieg noch einmal auf ihre Lippen, ehe sie sich vollends umwandte.

„Gute Nacht, Tala“, raunte sie sanft über die Schulter.

Die schweren Glastüren der Dachterrasse glitten hinter ihr zu, und kurz darauf schlossen sich die Messingtüren des Aufzugs. Tala blieb allein in der eiskalten Dunkelheit zurück, während der Nachtwind peitschend über die Dächer Tokios fegte.

Lumina lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Spiegelwand der Kabine, presste die Hand auf ihre Brust und fluchte leise. Ihr Herz raste wie wild, schlug ihr bis zum Hals und Hämmerte in ihren Schläfen.

~Verdammt noch mal~

Sie wollte diese verfluchte dritte Nacht. Gott, wie sehr sie sie wollte. Sie wollte ihn spüren... unverblümt, unerbittlich, hier und jetzt. Die gesamten letzten zwei Monate hatte sie an absolut nichts anderes mehr denken können als an seine harten, benebelnden Küsse, die nach purer Gefahr schmeckten. An das Gefühl, wenn er tief in ihr war, an seine eisernen Griffe, die Abdrücke auf ihrer Haut hinterließen, und seine wilden Bisse, die sie vor Lust den Verstand gekostet hatten.

Sie atmete flach, während ihre Lippen leicht bebten. Bei dem bloßen Gedanken in ihrem Kopf stieg augenblicklich eine wohlig-heiße, pochende Welle zwischen ihren Schenkeln auf, die ihr die Knie weich werden ließ.

Doch als die Zahl der Stockwerke auf der digitalen Anzeige langsam nach unten zählte, zwang sie sich zu einem tiefen Atemzug. Es war zwecklos.

Egal wie süchtig dieser Mann sie mit nur zwei Nächten gemacht hatte, ihr Verstand schlug Alarm. Wenn sie diesem Verlangen nachgab, würde sie irgendwann vielleicht doch mehr erwarten... ein Wort, eine Geste, einen Riss in seiner Rüstung. Und es wäre absolut nicht gesund für ihr Herz, nach mehr zu suchen, wo vermutlich nichts zu holen war.

Im Grunde kannte sie Tala Valkov kaum. Und doch übte er eine fast schon gefährliche Faszination auf sie aus. Er war wie ein undurchdringlicher Dschungel aus Kälte und Eis. Ein eisiges Labyrinth, durch dessen meterdicke Wände man sich erst blutig kämpfen müsste, wenn man jemals seinen wahren Kern erreichen wollen würde.

Aber Lumina wollte ihn nicht brechen. Sie wollte ihn weder ändern, noch ihn erziehen oder bekehren. Das lag ihr fern. Es war schlichtweg ein tief verwurzelter Teil ihrer Natur, von Dingen fasziniert zu sein, die unlösbar schienen. Das Zähmen einer Naturgewalt... unberechenbar, wild und tödlich. Es reizte sie auf eine Art und Weise, die sie selbst manchmal erschreckte.

Lumina behauptete oft und voller Überzeugung, dass es extrem schwer für sie sei, sich überhaupt zu verlieben. Und doch keimten in diesem Moment leise Zweifel in ihr auf. War es wirklich klug, tiefere Gefühle oder mehr Nähe in Tala Valkov zu suchen, nur um diesem ungezähmten inneren Drang nach einer unmöglichen Herausforderung nachzugeben?

Als der Fahrstuhl mit einem leisen Pling auf ihrer Etage hielt, strich sie sich die silbrigen Haare aus dem Gesicht, straffte die Schultern und trat auf den stillen Flur. Sie musste vernünftig bleiben... selbst wenn jeder Nerv ihres Körpers nach dem Eiswolf verlangte.

Sie hatte gerade den ersten Schritt auf den Teppich des Flurs gesetzt, als die schwere Brandschutztür des Treppenhauses mit einem dröhnenden Knall aus den Angeln geschlagen wurde.

Der Lärm durchbrach die nächtliche Stille wie ein Peitschenhieb. Lumina fuhr erschrocken herum. Ein reflexartiger Keuchlaut entwich ihrer Kehle, als sie zurückwich, bis ihr Rücken hart gegen die kühle Wand des Hotelkorridors prallte.

Im Rahmen der Treppenhaustür stand Tala.

Er hatte nicht auf den Fahrstuhl gewartet. Er war die Stufen zwei Stockwerke regelrecht hinab gesprungen. Seine raubtierhaften Züge waren von wilder Entschlossenheit gezeichnet, seine Brust hob und senkte sich in rasendem, schwerem Atem, und seine feuerroten Haare hingen ihm stirnfeucht in die Stirn.

Seine eisblauen Augen fixierten sie mit einer Intensität, die sie regelrecht an Ort und Stelle festnagelte. Da war keine Eiskälte mehr. Keine Arroganz. Es war die reine, ungezähmte Bestie, die jegliche Kontrolle verloren hatte.

Bevor Lumina auch nur verarbeiten konnte, was geschah, stieß Tala sich vom Türrahmen ab. Mit zwei gigantischen, raubtierhaften Schritten hatte er die Distanz zwischen ihnen überbrückt.

Er packte sie mit seinen großen, eisernen Händen an den Oberschenkeln, hob sie mühelos vom Boden hoch und presste sie mit rauem Schwung unsanft gegen die Wand. Lumina keuchte auf, schlang reflexartig die Beine um seine Taille und griff nach seinen breiten Schultern.

Noch bevor sie ein einziges Wort hervorbringen konnte, beugte Tala den Kopf vor und verschlang ihre Lippen.

Der Kuss war brutal, fordernd und hemmungslos. Es war kein sanftes Tasten, sondern ein eifersüchtiger, hungriger Überfall. Seine Zähne trafen auf ihre Unterlippe, seine Zunge eroberte ihren Mund mit einer Dominanz, die ihr augenblicklich jeglichen Sauerstoff aus den Lungen raubte. Er hielt sie fest an der Wand verankert, presste seinen massiven Körper so hart gegen ihren, dass sie jede einzelne Muskelstrang, seine kochende Hitze und das wilde, rasende Pochen seines Herzens in ihrer eigenen Brust spüren konnte.

Lumina schloss die Augen und stöhnte leise in seinen Mund hinein, während der verbliebene Verstand augenblicklich in Flammen aufging.