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Geständnisse

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Geständnisse

Nachdem Lumina und Elias den Vormittag auf dem Campus verbracht hatten, schlenderten sie am frühen Nachmittag entspannt durch die belebten Straßen von Shibuya. Die Wintersonne schien warm auf die geschäftigen Alleen, und das bunte Treiben der Stadt umgab sie wie eine lebendige Geräuschkulisse.

Lumina amüsierte sich während des gesamten Spaziergangs prächtig. Ihr entgingen die vielen sehnsüchtigen, bewundernden Blicke nicht, die ihnen von zahlreichen Mädchen und jungen Frauen aus allen Richtungen zugeworfen wurden. Elias war wahrhaftig eine Erscheinung. Durch seinen ruhigen, neutralen Gesichtsausdruck wirkte er auf den ersten Blick zwar etwas unnahbar, doch sein makelloses, hübsches Gesicht und die halblangen, weißblonden Haare, die sanft im Wind wehten, zogen die Blicke magisch an.

Im Gegensatz zu Männern wie Kai oder Tala fehlte seiner Ausstrahlung jedoch diese eiskalte, gefährliche Aura, die sonst Abstand gebot. Elias wirkte viel zugänglicher, fast schon wie der perfekte Protagonist aus einem Roman. Doch obwohl er nicht so aussah, registrierte er die unzähligen Blicke der Frauen um ihn herum kaum. Er ging einfach vollkommen entspannt neben Lumina her, die Hände locker in den Taschen seiner grauen Winterjacke und genoss das Sightseeing.

Lumina konnte sich ein leises, amüsiertes Kichern schließlich nicht mehr verkneifen.

Elias wandte den Kopf leicht zur Seite, zog schmunzelnd eine Braue hoch und sah sie gelassen an. „Was ist es denn diesmal, das du so überaus amüsant findest?“

„Ach, gar nichts“, raunte Lumina mit einem spitzbübischen Lächeln und warf einer Gruppe von Teenagern, die drüben vor einem Schaufenster tuschelten, einen kurzen Blick zu. „Ich verstehe nur ehrlich gesagt überhaupt nicht, wie du keine Freundin haben kannst. Du bist jetzt seit über einem Jahr Single… hast du etwa nicht genug Auswahl?“

Elias ließ ein leises Lachen entweichen und schüttelte sanft den Kopf, während sich sein charakteristisches, feines Schmunzeln auf den Lippen abzeichnete.

„Ich werde kommendes Jahr immerhin schon dreiundzwanzig, Lumina“, erwiderte er ruhig und blickte gelassen nach vorne, wo sich die Menschenmenge auf der Straße verankerte.

„Ich überlege mir schlichtweg sehr genau, wen ich mir anlache. Wenn ich mich noch einmal auf jemanden einlasse, möchte ich schließlich darauf aufbauen und irgendwann eine eigene Familie gründen.“

Er warf ihr von der Seite einen klaren, ehrlichen Blick zu. „Einmalige Geschichten oder kurzlebige Beziehungen sind einfach absolut nicht mein Fall… aber das weißt du im Grunde genommen ja ohnehin schon längst.“

Lumina nickte langsam und ließ ein leises, gespieltes Seufzen entweichen. „Du bist wirklich schon fast zu glatt für diese Welt, Elias.“

Elias musste laut lachen und sah sie schüttelnd von der Seite an. „Und was um alles in der Welt soll das nun wieder heißen?“

„Du weißt ganz genau, wovon ich rede“, erwiderte Lumina ungeniert und warf ihm einen feurigen Blick aus ihren magentafarbenen Augen zu. „Immerhin hast du doch bis vor zwei Jahren immer noch versucht, bei Nami zu landen.“

Elias schwieg für einen kurzen Augenblick. Sein Lächeln verblasste nicht ganz, doch seine Züge wurden etwas ruhiger. „Wie kommst du denn bitte darauf?“, fragte er gelassen. „Ich hatte das Thema Nami schon lange vorher komplett aufgegeben.“

Lumina schnaubte amüsiert. „Ach, wirklich? Ein halbes Jahr bevor Nami im Mai vorigen Jahres... kurz vor ihrem Debüt... nach London kam, hast du plötzlich angefangen zu trainieren wie ein Blöder, nur um haargenau so auszusehen, wie du jetzt eben aussiehst.“

Elias hob abwehrend eine Hand und schmunzelte. „Ich wollte schlicht und ergreifend fitter werden. Das hatte rein gar nichts mit Nami zu tun.“

„Als ob ich dir das abkaufen würde!“, lachte Lumina glockenhell auf und schüttelte den Kopf. „Erinnerst du dich etwa nicht mehr daran, wie du sie damals auf diesem Festival in London regelrecht vor allen anderen Männern abgeschirmt hast? Du hast keinen einzigen Kerl auch nur auf drei Meter an sie herangelassen!“

Lumina lachte erneut laut auf, als sie sah, wie Elias die Lippen leicht schürzte und stur geradeaus blickte, während er verzweifelt versuchte, die Erinnerung an das Festival in London herunterzuspielen.

„Und ich wette, genau das war gestern Abend auch eher der Grund für Kais eisige Blicke, Elias“, fuhr Lumina amüsiert fort und legte den Kopf schief. „Kai kann nämlich verdammt gut Menschen lesen... oder besser gesagt: Er wittert Konkurrenz oder alte Gefühle meilenweit gegen den Wind. Er hat gestern definitiv irgendeine Schwingung zwischen dir und Nami gespürt, die ihm nicht gefallen hat. Und dabei ging es ganz sicher nicht um eine unschuldige Anekdote aus eurer Kindheit.“

Elias mied Luminas Blick für einen langen Moment. Er sah stattdessen starr auf die Menschenmenge vor ihnen, die sich über die Shibuya-Kreuzung schob. Ein kurzer Schatten der Nachdenklichkeit glitt über seine sonst so makellosen Züge, ehe er ein leises, beinahe frustriertes Seufzen entweichen ließ.

Er wandte sich wieder zu Lumina, und diesmal lag eine ungewohnte Ernsthaftigkeit in seinen blauen Augen. „Was um alles in der Welt findet Nami an diesem Kerl eigentlich so besonders, Lumina?“, fragte Elias leise, und in seiner Stimme schwang ein Hauch von ehrlichem Unverständnis mit. „Kai wirkt nicht gerade so, als hätte Nami es am Anfang leicht mit ihm gehabt. Im Gegenteil.“

Er machte eine vage Handbewegung, als wolle er die Düsternis, die Kai Hiwatari umgab, greifbar machen. „Ich war zwar nie in dieser Beyblade-Bubble drin,... doch selbst ich habe damals in London diese... unschönen Gerüchte über ihn gehört. Seine Vergangenheit, seine Familie... er ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt.“

Elias blieb kurz stehen und sah Lumina intensiv an. „Ich hingegen... ich wäre eine einfache Partie für sie gewesen, Lumina. Das weißt du genau. Ich hätte ihr sofort alles gegeben, was sie braucht, ohne Anstrengung, ohne Drama und ganz sicher ohne solche düsteren Gerüchte, die ihr Leben belasten.“

Lumina sah ihren Cousin einen Moment lang stumm an, und das spitzbübische Grinsen verblasste von ihren Lippen. Sie strich sich eine silbrige Locke aus der Stirn und schenkte ihm ein Lächeln, das gleichermaßen mitfühlend wie wissend war.

Sie trat einen Schritt näher an ihn heran und sah ihm direkt in die Augen. „Weißt du, Elias... Nami ist in dieser einen Hinsicht wohl ähnlich wie ich“, raunte Lumina mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen. „Wir beide mögen eben einfach keine 'normalen', unkomplizierten Männer, die uns alles auf dem Silbertablett servieren. Sondern wir stehen auf... echte Herausforderungen. Auf Männer, für die wir kämpfen müssen, um ihr Herz zu gewinnen.“

Elias ließ ein langes, schweres Seufzen entweichen und strich sich mit einer Hand durch seine weißblonden Haare. Die gewohnte, unerschütterliche Gelassenheit in seiner Miene wich einer seltenen, ehrlichen Verletzlichkeit.

„Mh... so ist es wohl. Und... du hast ja recht, Lumina…“, gab er schließlich leise zu und sah auf die Pflastersteine hinab. „Ich habe damals tatsächlich wie besessen angefangen zu trainieren, nur um sie zu beeindrucken. Und als sie nach London kam… nun ja, ihre Blicke haben mir zwar kurz verraten, dass sie absolut überrascht und beeindruckt von meiner massiven Veränderung war. Aber das lag eher an dem krassen Unterschied zu früher… und weniger daran, dass sie mich… wollte.“

Er räusperte sich kurz, sichtlicher Widerwillen in der Stimme, ehe er den Blick wieder hob.

„Es ist verdammt peinlich, das jetzt zuzugeben, aber… ich habe an diesem Abend auf dem Festival versucht, ihr erneut näher zu kommen. Näher... als je zuvor.“

Lumina blieb mitten auf dem Gehweg stehen und starrte ihn mit weiten Augen an. „Wie meinst du das…?“, fragte sie ungläubig, die Stimme eine Nuance leiser.

Elias wandte den Kopf ab und sah in die Ferne, während ein Hauch von Röte über seine sonst so makellosen Wangen stieg. „Ich habe versucht, sie zu küssen“, sagte er schlicht. „Ich habe mich zu ihr heruntergebeugt… aber Nami hat im letzten Bruchteil einer Sekunde sanft den Kopf abgewandt. Ich habe am Ende nur ihre Wange getroffen.“

Er hielt inne, die Erinnerung brannte ihm offensichtlich noch immer sanft im Gedächtnis.

„Sie hat mich danach ganz ruhig angesehen“, fuhr Elias fort, und seine Stimme hatte diesen leisen, wehmütigen Klang angenommen. „Sie hat mir erklärt, dass ich ein absolut wundervoller Mann sei… aber dass ich für sie wie eine Art Bruder sei. Dass sie mich unglaublich gern hat, aber eben nicht mehr. Und dass es ihr unendlich leidtut, wenn sie mich mit diesen Worten verletzt.“

Elias schmunzelte schwach und sah Lumina wieder direkt an. „Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass dieser Platz in ihrem Herzen wohl anderweitig besetzt war... und zwar von jemandem, gegen den ich niemals eine Chance gehabt hätte.“

Elias schüttelte langsam den Kopf, während sich sein Blick wieder leicht aufhellte.

„Als es dann einige Monate später plötzlich hieß, sie sei offiziell mit Kai Hiwatari zusammen... war ich im ersten Moment natürlich erst einmal geschockt“, gestand Elias offen ein. „Aber irgendwie... machte ab diesem Bruchteil einer Sekunde plötzlich absolut alles Sinn.“

Er hielt kurz inne und sah Lumina von der Seite an. „Ich wusste zwar schon jahrelang vorher, dass sie für diesen Kerl schwärmte. Ich meine, das war innerhalb der Familie ja nun wirklich kein Staatsgeheimnis, und du hast es mir damals in London schließlich schon früh genug brühwarm erzählt.“

Elias schmunzelte mit einem Hauch von Selbstironie, doch seine himmelblauen Augen wurden ungewohnt ernst.

„Aber... ich hatte schlichtweg niemals geahnt, wie tief diese Schwärmerei in Wahrheit ging“, fuhr er leise fort und sah wieder nach vorne in das geschäftige Treiben Shibuyas.

„Ich habe völlig unterschätzt, dass das keine niedliche Teenager-Schwärmerei war, die irgendwann verfliegt. Dieser Typ hatte Namis Herz von dem Moment an, als sie ihn das erste Mal kämpfen sah, so absolut und unerschütterlich besetzt, dass für keinen anderen Mann auf dieser Welt jemals auch nur der Hauch einer Chance bestand.“

Elias ließ den Blick über die Dächer von Shibuya schweifen. „Ich habe mir in diesem Moment gedacht, dass dieses Turnier in London vor fast zehn Jahren der eigentliche Auslöser war“, sagte er leise. „Ich wusste tief in mir, dass sie dort draußen Kai gesehen haben musste und es seit genau diesem Augenblick um sie geschehen war. So… wie du es mir heute letztendlich bestätigt hast.“

Lumina blieb mitten auf dem Gehweg stehen. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, verengte ihre magentafarbenen Augen zu einem feinen, prüfenden Blick und sah ihren Cousin direkt an.

„Liebst du Nami eigentlich immer noch, Elias?“, fragte sie ohne Umschweife, ihre Stimme sanft, aber von ehrlicher Neugier geprägt.

Elias hielt in der Bewegung inne. Er schwieg für einen langen, intensiven Moment. Der Trubel um sie herum schien für ein paar Sekunden zu verblassen, während er die Hände tiefer in seine Jackentaschen schob und den Kopf leicht neigte.

„Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass da gar nichts mehr ist“, antwortete Elias schließlich mit gewohnter Ehrlichkeit und sah Lumina mit einem ruhigen, gefassten Blick an.

„Aber ich habe vollkommen Frieden damit geschlossen. Ich laufe keinem Phantom mehr hinterher. Jetzt warte ich schlichtweg auf jemanden, der diesen Platz in meinem Herzen ganz neu besetzt.“

Lumina lächelte sanft, und eine seltene, fast mütterliche Wärme stahl sich in ihre magentafarbenen Augen. Sie trat noch einen Schritt näher an Elias heran und klopfte ihm leicht auf den Oberarm.

„Und genau das… hat Kai dann wohl gestern ganz sicher gespürt, Elias“, sagte sie leise und mit einem wissenden Nicken. „Männer wie er riechen so eine ungebrochene Hingabe meilenweit gegen den Wind. Aber mach dir keine Sorgen... du wirst ganz sicher die Richtige finden.“

Ihr spitzbübisches, strahlendes Grinsen kehrte mit aller Macht auf ihre Züge zurück. Sie deutete mit einer leichten Handbewegung auf die Passantinnen um sie herum, die noch immer neugierige Blicke in ihre Richtung warfen.

„Immerhin bist du ja schon bald hier in Japan, um dein Studium zu beginnen… und den japanischen Mädchen fallen ja jetzt schon absolut die Augen aus dem Kopf, sobald du nur an ihnen vorbeigehst!“

Elias verzog amüsiert die Lippen und warf einen beiläufigen Blick über die Schulter, als zwei junge Frauen im Vorbeigehen fast ineinander gelaufen wären, weil sie starr auf ihn blickten.

„Es ist trotzdem irgendwie seltsam, dass sie alle so ungeniert herüberstarren…“, merkte Elias schmunzelnd an.

„Ich meine, woher wollen die eigentlich wissen, dass du nicht meine Freundin bist? Wir gehen schließlich zusammen durch die Stadt.“

Lumina entwich ein leises, keckes Lachen. Sie wiegte den Kopf hin und her und sah ihn spitzbübisch von der Seite an.

„Man merkt uns beiden nun einmal auf zehn Meilen Entfernung an, dass wir absolut kein Paar sind, Elias“, meinte sie vollkommen ungeniert.

Ihre magentafarbenen Augen blitzten verschmitzt auf, als sie sich etwas näher zu ihm neigte und die Stimme eine Nuance senkte. „Und abgesehen davon… habe ich ehrlich gesagt die leise Vermutung, dass mich hier draußen tatsächlich einige erkennen. Und zwar nicht als deine Begleitung… sondern als das Mädchen, das auf diesem berühmten Pressefoto von Tala Valkov knutschend gegen die Wand gepresst wurde.“

Elias hielt kurz im Schritt inne, sah sie starr an und stieß dann ein lautes, ungläubiges Lachen aus, während Lumina die verlegenen Blicke einiger Passanten mit einem absolut siegreichen Grinsen quittierte.

Elias Blick wanderte amüsiert über die bunten Fassaden Shibuyas, während das Bild des sonst so eisigen Russen wieder vor seinem inneren Auge auftauchte.

„Das ist einfach zu gut…“, sagte Elias und rang sichtlich um Atem. „Dieser Kerl ist dir widerwillig mit wirklich jeder einzelnen Faser seines stoischen Körpers verfallen. Und das Absurde daran ist: Er verabscheut es mit jeder dieser Fasern gleichzeitig absolut genauso sehr!“

Lumina hielt in der Bewegung inne und sah ihren Cousin an. Ein feines, unglaublich selbstbewusstes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus, und ihre magentafarbenen Augen funkelten voller dunkler, triumphierender Genugtuung.

„Und genau das ist der Clou an der ganzen Sache, Elias“, raunte sie mit samtweicher Stimme, während sie sich eine silbrige Locke hinter das Ohr strich. „Tala kommt schlichtweg niemals wieder von mir los… ganz egal, wie sehr sein stolzer Verstand auch dagegen ankämpfen mag.“

Sie legte den Kopf schief, sah Elias spitzbübisch von der Seite an und fügte vollkommen ungeniert hinzu: „Und ich genieße dieses Wissen wirklich ungemein.“

Währenddessen an einem anderen Ort in Tokio....

Kenny hockte konzentriert vor seinem gigantischen Monitor-Setup und tippte wie besessen Daten ein, während Kai wie ein stoischer Schatten hinter seinem Stuhl stand, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick starr auf die rotierenden Analysen gerichtet.

Die Stille im Büro wurde von einem kurzen, bestimmten Klopfen an der schweren Holztür durchbrochen. Noch bevor Kenny auch nur aufsehen konnte, schob sich die Tür auf und Tala trat ein.

Der Rothaarige zog sich ohne ein Wort die Mütze vom Kopf, streifte seinen dicken Mantel ab und warf ihn mit einer harten, fast schon genervten Bewegung über den nächsten freien Stuhl. Er fuhr sich mit der Hand einmal kräftig durch die roten Haare, stieß ein leises Ausatmen durch die Nase aus und trat weiter in den Raum.

Kai veränderte seine Körperhaltung nicht um einen Millimeter. Lediglich seine Augen folgten Talas flüssigen, aber spürbar geladenen Bewegungen mit messerscharfer Präzision.

„Du wirkst leicht… gestresst“, merkte Kai trocken an, die Stimme gewohnt tief und unbewegt.

Tala hielt mitten in der Bewegung inne. Er hob langsam den Kopf und fixierte Kai aus seinen eisblauen Augen mit einem Blick, der flüssiges Blei hätte erstarren lassen können.

„Du bist wie immer ein elendiger Bastard.“, entgegnete Tala scharf und ohne jede Umschweife.

Ein feines, kaum merkliches Schmunzeln glitt über Kais Züge, während seine Augen dunkel aufblitzten.

„Lumina ist dir also wohl tatsächlich bereits begegnet…“, fügte Kai mit leiser, beiläufiger Ironie hinzu. „Das ging schnell."

„Und du dachtest nicht im Traum daran, mich vorzuwarnen“, knurrte Tala scharf, während er sich mit der Kante des Schreibtischs abstützte und Kai keinen Millimeter aus den Augen ließ. „Elendiger Bastard.“

Kai veränderte seine Haltung nicht, doch der amüsierte Unterton in seiner tiefen Stimme war unüberhörbar.

„Ich habe verstanden… ich bin ein Bastard“, erwiderte Kai trocken, während sich das feine Schmunzeln auf seinen Zügen hielt. „Aber so wie du heute aussiehst, bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich definitiv gelohnt hat, dass ich dichtgehalten habe.“

Tala verengte die Augen zu gefahrvollen Schlitzen, doch Kai fuhr vollkommen unbeeindruckt fort.

„Und ich liege vermutlich kaum falsch, wenn ich davon ausgehe, dass die dritte Nacht alles andere als reine Theorie geblieben ist.“

Tala starrte Kai lediglich stumm und mit eisiger Härte an. Kein einziger Muskel in seinem Gesicht zuckte, und kein einziges Wort kam über seine Lippen.

Doch das stoische Schweigen des Rothaarigen sprach Bände... und Kai reichte diese Reaktion völlig, um seine Vermutung mit einem leisen, siegesgewissen Augenblitzen quittiert zu wissen.

Tala verschränkte die Arme straff vor der Brust und nutzte die erste Gelegenheit zur Revanche.

„Du solltest den Mund nicht ganz so voll nehmen, Kai“, konterte Tala mit tiefer, schneidender Stimme und einem feinen, bösen Aufblitzen in den Augen. „Namis früherer Verehrer… dieser Elias… hat dich gestern wohl ebenso wenig kalt gelassen.“

Ein kaum merkliches Zucken fuhr durch Kais Kieferpartie. Er hielt inne, schloss für einen kurzen Augenblick schmunzelnd die Augen und atmete ruhig durch die Nase aus.

„Du redest wie immer Blödsinn, Tala“, erwiderte Kai vollkommen unbeeindruckt, als er die Augen wieder öffnete und den Rothaarigen mit stoischer Gelassenheit fixierte. „Elias ist weder ein Störfaktor, noch interessiert es mich im Geringsten, dass er früher einmal für Nami geschwärmt hat.“

Noch bevor Tala mit einer spitzen Bemerkung nachlegen konnte, durchbrach das hektische Klappern von Kennys Tastatur die angespannte Stille zwischen den beiden.

„Jungs, bitte…“, schaltete sich Kenny ein und rückte seine Brille auf der Nase zurecht, während sein Blick starr an den flackernden Monitoren klebte. „Ich habe die letzten Tage das Signal der Scanner zwar erfolgreich bis in den Hafen verfolgen können… aber dort ist das Signal tatsächlich komplett verschwunden. Die Spur zu Sobolev ist damit vorerst wieder abgerissen.“

Kenny tippte eine schnelle Befehlskette ein und ließ sich seufzend in seinen Stuhl zurückfallen. „Ich versuche gerade, es neu zu orten. Wir müssen davon ausgehen, dass sie nie lange am selben Ort bleiben.“

Kai trat einen Schritt näher an den Schreibtisch heran und beugte sich leicht über Kennys Schulter, um die topografischen Karten und die letzten aufgezeichneten GPS-Koordinaten genauer zu studieren. Sämtliches Amüsement war schlagartig aus seinen Zügen gewichen; stattdessen lag eine kühle, absolute Fokussierung in seinen feinen Augen.

Auch Tala stieß sich vom Tisch ab, trat an Kennys andere Seite und starrte stoisch auf den Bildschirm, auf dem ein roter Orientierungspunkt nahe den Containerterminals im Hafen von Tokio verblasst war.

„Ein kompletter Signalabriss auf diesem Areal passiert nicht durch Zufall“, analysierte Kai mit tiefer, ruhiger Stimme. „Sobolev nutzt sicher zusätzlich Störsender, um den Aufenthaltsort der Transportmittel für seine Ausrüstung zu verschleiern.“

Tala verschränkte die Arme vor der breiten Brust und verengte die Augen. „Er bleibt wohl nie länger als vierundzwanzig Stunden am selben Pier. Wenn er im Hafen aktiv ist, nutzt er die Schiffe nicht nur für Materialtransporte, sondern als mobile Verstecke. Kein festes Versteck an Land bedeutet, dass man ihn nicht einkreisen kann.“

Kenny nickte eifrig und ließ die Finger flink über die Tasten gleiten. „Genau das ist das Problem! Aber ich habe die Schiffsregister und die Auslaufgenehmigungen der letzten sechs Stunden abgeglichen. Drei Frachter haben in diesem Zeitfenster erneut den Dockbereich gewechselt oder stehen kurz vor dem Auslaufen.“

„Welche?“, verlangte Tala kurz und angebunden zu wissen.

„Einer unter panamaischer Flagge, einer aus Wladiwostok und ein privates Containerschiff einer Scheinfirma“, antwortete Kenny und ließ die Daten der drei Schiffe nebeneinander aufflackern.

Kai zeigte auf den Frachter aus Wladiwostok. „Sobolev greift auf alte Logistikstrukturen zurück. Das Schiff aus Wladiwostok ist die wahrscheinlichste Option, um unbemerkt Equipment rein- und rauszuschmuggeln.“

Tala sah Kai stoisch von der Seite an und stieß ein leises, kehliges Schnauben aus. „Dann verschwenden wir hier keine Zeit mehr mit Theorie. Ich gehe heute Abend selbst an den Pier und sehe mir den Frachter aus der Nähe an.“

„Ich komme mit“, erwiderte Kai ohne das geringste Zögern und sah Tala direkt in die eisblauen Augen. „Wenn Sobolev tatsächlich dort hinten operiert, wird er nicht alleine sein.“

Kai trat an die breite Glasfront von Kennys Büro, zog sein Smartphone aus der Tasche und wählte Namis Nummer. Es dauerte nur zwei Freizeichen, ehe sie abnahm.

„Kai?“, ertönte ihre sanfte Stimme durch die Leitung.

„Ich werde heute Abend nicht zum Abendessen nach Hause kommen“, sagte er ohne lange Umschweife, versuchte jedoch, seiner tiefen Stimme eine beiläufige, ruhige Note zu verleihen. „In der Tachiwari-Corporation gibt es eine dringende Angelegenheit, die meine persönliche Anwesenheit erfordert. Es wird spät.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen langen Augenblick Stille. Nami drückte das Smartphone etwas fester an ihr Ohr. Es war unverhältnismäßig untypisch für Kai, aus heiterem Himmel Überstunden im Tower vorzuschieben... erst recht nicht in dieser Phase.

Schon seit Wochen spürte sie diese feine, aber unverkennbare Anspannung in seinen Gesten. Sie sah es an der Art, wie seine eisigen Augen den Raum sezierten, sobald ein unerwartetes Geräusch zu hören war, oder wie konzentriert er am späten Abend auf sein Display starrte. Sie wusste ganz genau, dass ihn etwas Massives beschäftigte. Und sie wusste ebenso gut, warum er schwieg: Er wollte sie schonen, wollte sie in ihrem achten Schwangerschaftsmonat vor jeglichem Stress abschirmen. Doch dieses gut gemeinte Schweigen hinterließ bei ihr nur ein quälendes Gefühl der Hilflosigkeit.

„Verstehe...“, antwortete Nami schließlich leise, um sich nichts anmerken zu lassen.

„Überanstrenge dich nicht, mein Schatz. Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Ich bin zurück, sobald es geht“, erwiderte er, ehe die Verbindung abbrach.

Nami legte das Smartphone langsam auf den kleinen Beistelltisch im Flur des Ayame-Anwesens. Sie atmete tief durch, strich sich sanft über ihren rundlichen Bauch und strich eine silbrige Locke aus dem Gesicht. Das Gefühl, hilflos im Dunkeln gehalten zu werden, schnürte ihr die Kehle zu. Sie würde sich nicht länger mit beruhigenden Ausflüchten abspeisen lassen.

Sie wandte sich um und ging mit ruhigen, aber bestimmten Schritten durch den langen, holzverkleideten Korridor in Richtung des Arbeitszimmers.

Graham stand gerade an einem der massiven Buchregale und sortierte mit gewohnter Präzision einige Unterlagen, als die Tür aufging. Er drehte sich um, glättete sein Sakko und neigte leicht den Kopf. „Madame. Kann ich Ihnen etwas bringen lassen? Einen Tee vielleicht?“

Nami schloss die Tür hinter sich und blieb stehen. Ihr Blick war unnachgiebig, ihre ozeanfarbenen Augen fixierten den älteren Mann ohne ein Anzeichen von Zögern.

„Spare dir die Höflichkeiten für heute, Graham“, sagte sie mit einer klaren, festen Stimme, in der absolut kein Raum für Ausflüchte war. „Du weißt ganz genau, was hier vor sich geht. Kai führt etwas im Schilde, und er ist nicht im Tachiwari-Tower. Erzähl mir nicht, dass du nicht eingeweiht bist.“

Graham hielt in der Bewegung inne. Seine routinierte, undurchdringliche Miene zeigte für einen Bruchteil einer Sekunde ein feines Zögern, ehe er die Mappe in seinen Händen langsam schloss.

Die makellos gepflegte Haltung des erfahrenen Butlers geriet nicht ins Schwanken, doch in seinen sonst so undurchdringlichen Augen spiegelte sich eine tief sitzende, stille Sorge wider. Er legte die Mappe mit einer bedachten, fast schon feierlichen Bewegung auf die polierte Oberfläche des Mahagonitisches vor sich und faltete die Hände vor dem Körper.

„Miss Nami …“, begann Graham leise, seine Stimme getragen von absolutem Respekt und absoluter Diskretion. Er machte einen halben Schritt auf sie zu, blieb jedoch in gebührendem Abstand stehen.

„Ich versichere Ihnen, dass Master Kai Sie unter keinen Umständen hintergehen oder im Dunkeln lassen möchte. Es ist einzig und allein der Wunsch, Sie in Ihrem fortgeschrittenen Zustand vor jeglicher unnötiger Unruhe zu bewahren.“

Nami zog die Augenbrauen leicht zusammen. „Ich frage dich nicht nach seinen Beweggründen, Graham. Ich frage dich nach den Fakten.“

Graham atmete langsam aus, und für einen kurzen Moment spürte man, wie schwer die Last der Geheimhaltung auf seinen Schultern lag.

„Nun denn…“, gab er schließlich mit bedachtem Tonfall nach und sah Nami direkt in die Augen. „Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß, Madame. Aber ich muss Sie vorwarnen, dass mein Wissen sehr begrenzt ist. Master Kai hat mich weder auf den neuesten Stand gebracht, noch setzt er mich derzeit über die aktuellen Entwicklungen in Kenntnis.“

Nami blieb stumm, ihr Blick blieb unnachgiebig auf den älteren Mann gerichtet, während sie eine Hand schützend auf ihren Bauch legte.

„Ich weiß nur… dass vor einiger Zeit jemand ein Auge auf das Baby geworfen hatte“, gestand Graham mit tiefer, ernster Stimme.

„Jemand aus Master Kais Vergangenheit. Es gab verdächtige Aktivitäten und Befürchtungen bezüglich einer Bedrohung. Master Kai hat daraufhin augenblicklich reagiert und alle nötigen Vorkehrungen getroffen. Meine Anweisung lautete von der ersten Sekunde an lediglich… aufmerksamer und wachsamer zu sein, als ich es ohnehin schon bin. Vor allem, wenn Sie das Anwesen verlassen.“

Nami blinzelte überrascht, während eine eiskalte Welle der Erkenntnis durch ihre Brust fuhr.

Jemand hatte es auf das Baby abgesehen…

„Gibt es Namen? Grafische Daten? Irgendwelche Details, wer diese Leute sind oder was genau gesucht wird?“, hakte Nami rasch nach, ihre Stimme nun eine Nuance dringlicher.

„Nein, Madame“, schüttelte Graham ehrlich das Haupt. „Master Kai behält die operativen Details strikt für sich und seine engsten Vertrauten. Was immer er tut, er tut es mit dem eiskalten Kalkül, diese Angelegenheit endgültig aus der Welt zu schaffen, bevor das Kind das Licht der Welt erblickt. Mehr weiß ich nicht... und Master Kai hat peinlich genau darauf geachtet, mich nicht weiter einzuweihen, um den Kreis der Wissenden so klein wie möglich zu halten.“

Graham neigte tief den Kopf. „Ich bitte Sie inständig, Madame… zweifeln Sie nicht an seinen Absichten. Master Kai würde sein eigenes Leben geben, ehe er zulässt, dass Ihnen oder dem Kind auch nur ein Haar gekrümmt wird.“

Nami stand wie angewurzelt im Raum. Die Puzzleteile fügten sich in ihrem Kopf zusammen. Kais plötzliche Unruhe, die ständige Wachsamkeit, die verstärkten Sicherheitskräfte... es ging nicht um die aufdringliche Presse. Es ging um die Vergangenheit ihres Mannes, die ihre Schatten nach ihrem ungeborenen Sohn ausstreckte.

Ein paar Stunden später am Hafen von Tokio...

Die kühle Nachtluft schmeckte nach Salz, altem Metall und dem schweren Geruch von Schweröl. Ein leises, rhythmisches Glucksen begleitete die Wellen, die gegen die rostigen Rumpfflächen der Frachtschiffe schlugen. Der Containerterminal wirkte um diese Uhrzeit wie ein gigantisches, schlafendes Labyrinth aus Stahl... doch die Stille war trügerisch.

Kai stand reglos im Schatten eines aufgestapelten Frachtcontainers, den Kragen seiner dunklen Jacke aufgestellt. Seine blassen Gesichtszüge wirkten im spärlichen Licht der entfernten Scheinwerfer wie aus Marmor gemeißelt, während seine rubinroten Augen aufmerksam das Areal fixierten.

Neben ihm lehnte Tala mit verschränkten Armen an der Wand, die Hände tief in den Taschen vergraben. Seine Haltung wirkte auf den ersten Blick fast beiläufig, doch jede Faser seines Körpers war auf Empfang gestellt.

„Das Schiff aus Wladiwostok liegt an Pier 4“, murmelte Tala, ohne den Blick vom dunklen Kai zu wenden. Seine Stimme war kaum mehr als ein Rauchen im Wind. „Keine offizielle Entladung vor morgen früh um sechs. Aber der Kran dort drüben steht nicht ohne Grund in Position.“

„Sie haben Vorbereitungen getroffen“, entgegnete Kai kalt. Seine Augen verengten sich. „Sobolev überlässt sicher nichts dem Zufall.“

Ohne ein weiteres Wort setzten sich die beiden in Bewegung. Sie bewegten sich lautlos durch die schmalen Gassen zwischen den Containern. Kein unbedachter Schritt, kein Geräusch. Nach wenigen Minuten erreichten sie eine ältere, scheinbar verlassene Lagerhalle am äußeren Rand des Hafengeländers. Die verblasste Beschriftung an der Schiebetür war kaum noch lesbar, die Fenster weiter oben waren dunkel und mit Staub verkrustet.

Tala trat an das rostiges Schloss der Eingangstür, begutachtete es kurz und setzte mit einer präzisen, lautlosen Bewegung sein Werkzeug an. Ein trockenes Klick erglomm im Dunkeln. Er schob die Tür einen Spaltbreit auf und lugte hinein.

„Kein Licht. Keine Bewegung“, flüsterte er.

Kai schob sich an ihm vorbei in den Halleninnenraum. Der Geruch von feuchtem Beton, Motorenöl und abgestandener Luft schlug ihnen entgegen. Die Halle war weitgehend leer... abgesehen von einigen ausrangierten Holzkisten und alten Paletten.

Doch am hinteren Ende der Halle, halb verborgen hinter einem abgetrennten Büroverschlag aus Glas und Eisen, flackerte das schwache, grünliche Licht einer Notbeleuchtung.

Als sie den Verschlag betraten, bot sich ihnen ein Bild, das die Luft im Raum augenblicklich gefrieren ließ.

Auf einem schweren Holzschreibtisch lagen ordnerweise Akten gestapelt. Mehrere Bildschirme hingen ausgeschaltet an der Wand, doch die Unterlagen auf dem Tisch waren akribisch sortiert... als hätte bis vor wenigen Minuten noch jemand genau hier gesessen.

Kai trat als Erster an den Tisch. Seine Hand fuhr über eine der obersten Mappen. Sein Blick blieb an einer großformatigen Fotografie hängen. Es war Nami.

Aufgenommen aus großer Entfernung, wie sie den Garten des Ayame-Anwesens betrat, die Hand sanft auf ihrem gewölbten Bauch liegend.

Direkt daneben lagen medizinische Diagramme und handgeschriebene Notizen.

„Erwarteter Geburtszeitraum: Ende Februar/ Anfang März.“

„Das ist kein gewöhnlicher Informationsdiebstahl“, knurrte Tala, der hinter Kai getreten war. Seine blauen Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, als er ein weiteres Blatt aufhob. „Sie haben medizinische Daten analysiert. Schau dir das an.“

Es waren Auswertungen von Energie- und Auramessungen. Skizzen, die das Wellenmuster einer ungewöhnlich starken Aura darstellten... fokussiert auf das ungeborene Kind. Gous Aura war mit detaillierten Messdaten dokumentiert, begleitet von kalten, kalkulierten Vermutungen über das Potenzial, das in ihm lag.

„Ich weiß. Sie beobachten sie schon seit Monaten“, sagte Kai. Seine Stimme war trügerisch ruhig, doch in seinen roten Augen loderte ein gefährliches, dunkles Feuer. Die Kälte, die von ihm ausging, war fast greifbar.

„Sie wissen genau, wann sie am verwundbarsten ist.“

Tala beugte sich über eine große Karte von Tokio, die im Zentrum des Tisches ausgebreitet war. Rot eingekreist waren mehrere prägnante Orte: Der Tachiwari Tower, das Anwesen, die Routen, die Nami regelmäßig nahm, und sogar die Privatklinik in Minato.

„Sie haben euer gesamtes Umfeld kartografiert“, meinte Tala flach. Er griff nach einem noch warmen Kaffeebecher, der auf dem Rand des Tisches stand. Ein schmales, düsteres Lächeln stahl sich auf seine Lippen, auch wenn seine Augen eiskalt blieben. „Aber sie sind weg. Fluchtartig. Der Kaffee ist noch nicht mal kalt.“

„Sie sind nicht geflüchtet“, korrigierte Kai und sah sich im Raum um. Jeder Winkel des Büros war strukturiert, keine Hektik, keine umgestürzten Stühle. „Sie haben sicher gewusst, dass wir kommen. Das hier war eine Nachricht. Oder sie haben ihre Spur im genau richtigen Moment verwischt, um den nächsten Schritt vorzubereiten.“

Die Leere im Raum wirkte plötzlich noch bedrohlicher als eine Gruppe von Bewaffneten. Die Tatsache, dass niemand hier war, dass die Räumlichkeiten verlassen zurückgelassen worden waren, zeigte die Eiskälte derer, die im Hintergrund die Fäden zogen. Sie spielten nicht auf Zeit... sie warteten auf den perfekten Moment.

Tala sah zu Kai hinüber, dessen Kieferknochen sich hart abzeichneten.

„Sobolev weiß sicher, dass wir hier sind. Woher auch immer, er das weiß.“, sagte Tala leise.

Kai ließ die Akte über Namis Schwangerschaft langsam auf den Tisch zurückfallen. Seine Hand ballte sich zu einer Faust.

„Es spielt keine Rolle, was er weiß“, entgegnete Kai mit einer Stimme, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Er hat die Grenze schon vor Monaten überschritten.“

Etwa eine Stunde später...

Die schwere, dunkle Eichentür des Anwesens fiel mit einem satten, doppelten Klack ins Schloss.

Kai trat in die weitläufige, von mattem Marmor geprägte Eingangshalle. Die Stille im Haus war um diese späte Uhrzeit greifbar, fast schon schwer. Nur das sanfte Tick-Tack der antiken Standuhr in einem der Korridore durchbrach die Nacht. Er streifte seinen dunklen Mantel ab, fuhr sich mit einer Hand kurz durch das dunkle Haar im Nacken und ließ den Blick über die große Freitreppe schweigen... bereit, lautlos in das Schlafzimmer zu schleichen.

Doch er kam nicht weit.

Am Fuß der imposanten Treppe stand Nami.

Sie trug ihr leichtes, weißes Umstandsnachthemd, darüber einen feinen Hausmantel, den sie sich schützend um die Schultern gelegt hatte. Ihre Arme hatte sie eng vor der Brust verschränkt, ihre Hände ruhten sanft knapp oberhalb ihres gewölbten Bauches. Die silbrigen Locken fielen ihr unruhig über die Schultern.

Doch was Kai stutzen ließ, war nicht ihre Anwesenheit... es war ihr Blick.

Ihre ozeanfarbenen Augen fixierten ihn. Da war keine der gewohnten, tiefen Wärmen, kein Erleichterung ausstrahlendes Lächeln, wenn er nach langer Abwesenheit nach Hause kehrte. In ihren Zügen lag eine ungewohnte, eiskalte Ernsthaftigkeit... und eine feine, aber unverkennbare Spur von tief sitzender Enttäuschung.

Es war eine Haltung, in der er Nami noch nie gesehen hatte. Erst recht nicht ihm gegenüber.

Kai hielt für den Bruchteil einer Sekunde im Schritt inne. Sein messerscharfer Verstand registrierte die Veränderung im Raum augenblicklich. Seine kühlen, rubinroten Augen verengten sich minimal, als er die Schwellenpartie verließ und mit ruhigen Schritten über den Marmorboden auf sie zuging.

„Du bist wach“, stellte er schlicht fest, seine Stimme gewohnt tief.

Er trat nah an sie heran, hob automatisch die Hand, um ihre Wangenpartie zu berühren, und beugte sich hinab, um ihre Lippen in einem gewohnten, beruhigenden Kuss zu suchen.

Doch Nami wandte im allerletzten Bruchteil einer Sekunde leicht den Kopf zur Seite.

Kais Lippen trafen nicht ihren Mund, sondern lediglich ihren kühlen Mundwinkel.

Die Berührung verpuffte ins Leere. Kai hielt mitten in der Bewegung inne. Seine Hand, die sanft nach ihrer Schulter greifen wollte, verharrte in der Luft, ehe er sich langsam wieder aufrichtete. Das vollkommene Ausbleiben ihrer gewohnten Gegenbewegung traf ihn unerwartet hart.

Er sah sie intensiv an. Seine Stirn legte sich in feine, nachdenkliche Falten, während seine roten Augen ihr Gesicht akribisch sezierten.

Die Kälte des Hafens steckte ihm noch in den Knochen, doch die Distanz, die Nami in diesem Moment zwischen sie brachte, brannte weitaus schärfer.

„Nami?“, fragte er leise, und in den sonst so stoischen Klang seiner Stimme mischte sich eine seltene, uneingestandene Verunsicherung. „Stimmt etwas nicht?“

Nami sah ihn starr an. Sie löste die verschränkten Arme nicht, sondern legte eine Hand nun noch etwas fester auf ihren Bauch, während ein langes, leises Ausatmen über ihre Lippen kam.

„Das frage ich dich, Kai“, erwiderte sie ruhig. Ihre Stimme zitterte nicht, doch sie besaß eine Härte, die er bei ihr nur äußerst selten erlebt hatte. „Stimmt etwas nicht?“

Kais Züge blieben für einen Moment unbewegt, doch seine rubinroten Augen verengten sich minimal. Er kannte Nami gut genug, um zu wissen, dass dieser Tonfall keine beiläufige Verunsicherung war. Sie wartete nicht auf eine Ausflucht... sie wartete darauf, ob er die Wahrheit sagen würde.

„Es gab ein Problem im Betrieb am Hafen“, versuchte Kai die Stimme kontrolliert und beiläufig zu halten, während er erneut einen halben Schritt auf sie zuging. „Eine administrative Sache mit den Frachtpapieren an den Docks. Nichts, worüber du dir mitten in der Nacht Gedanken machen müsstest.“

Nami sah ihn starr an. Kein Blinzeln, keine Regung. Ein leises, enttäuschtes Schnauben entwich ihren Lippen, und sie schüttelte langsam den Kopf.

„Du lügst mich tatsächlich an, Kai. Direkt ins Gesicht.“

Die Worte fielen nicht laut, aber sie schnitten wie eine Rasierklinge durch die Stille der Halle. Kai verharrte in der Bewegung.

„Ich habe vorhin mit Graham gesprochen“, fuhr Nami fort, und ihre ozeanfarbenen Augen schimmerten vor angestauter Wut und Verletzlichkeit. „Ich habe ihn gefragt, was hier eigentlich gespielt wird. Und Graham ist loyal.. aber er ist zu ehrlich, um mir glatt ins Gesicht zu lügen, wenn er merkt, dass etwas ganz gewaltig schiefläuft.“

Kai schloss für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde die Augen. Ein tiefer, verhaltener Atemzug fuhr durch seine Brust. Graham hatte keine Details gekannt, das wusste Kai... aber er hatte genug gewusst, um Namis feine Intuition zu bestätigen.

„Graham hätte seine Klappe halten sollen“, knurrte Kai leise, und in seiner Stimme stieg die vertraute, eiskalte Schärfe auf.

„Nein!“, entgegnete Nami scharf und trat einen Schritt vor, sodass der Abstand zwischen ihnen vollkommen schrumpfte.

„Graham hat das Einzige getan, was richtig war! Glaubst du denn allen Ernstes, ich merke nicht, wie du seit Wochen durch dieses Anwesen gehst? Wie du jeden Schatten analysierst und mir Geschichten von Überstunden im Tower erzählst?“

Sie hob leicht das Kinn, ihre Stimme bebte ganz fein vor Emotionen, hielt aber stand.

„Du hast mich noch nie im Unwissen gelassen, Kai. Nie. Du warst immer ehrlich zu mir. Das war von der ersten Sekunde an das Fundament zwischen uns. Du weißt ganz genau, wie stark ich bin. Und du weißt verdammt noch mal ganz genau, dass ich es verdient habe, dass du ehrlich zu mir bist!“

Ihre Stimme wurde eine Nuance weicher, als sie ihm direkt in die Augen sah, auch wenn der Blick stechend blieb.

„Ich verstehe dich, mein Schatz. Ich weiß, wie sehr du mich und dieses Kind beschützen willst... aber bitte nicht so. Nicht, indem du mich aussperrst.“

Die Worte trafen Kai mit einer unerwarteten, fast physischen Wucht. Ein eisiger Stich ging ihm durch die Brust, und für einen langen Moment fühlte er sich tief in seinem Inneren schmerzhaft schuldig.

Es stimmte. Nami hatte in jedem einzelnen Punkt recht.

Einer seiner unverrückbarsten Wesenszüge war stets absolute, kompromisslose Ehrlichkeit gewesen. Er war nie jemand gewesen, der Tatsachen verdrehte, Dinge schönredete oder Geheimnisse hegte, vorallem nicht vor Nami.

Doch ausgerechnet in den letzten Wochen hatte er diesen essenziellen Teil seiner selbst schleifen lassen und vernachlässigt. Er hatte sich selbst eingeredet, dass er die Grenze verschieben durfte... dass die Umstände, ihre Schwangerschaft und die drohende Gefahr durch Sobolev es rechtfertigten, sie im Dunkeln zu lassen, um sie wie eine Porzellanpuppe vor jedem Stress abzuschirmen.

Doch indem er versucht hatte, sie vor der Dunkelheit da draußen zu schützen, hatte er der wichtigsten Person in seinem Leben die Wahrheit vorenthalten. Er hatte ihre Stärke unterschätzt... und sie mit seinem Schweigen verletzt.

Kais Schultern sanken minimal nach unten.

Die stoische, undurchdringliche Maske, die er sonst wie einen Panzer vor sich her trug, fiel vollkommen ab. Seine kühlen Züge wichen einer tiefen, ehrlichen Reue. Er fuhr sich mit einer Hand langsam über das Gesicht, ehe er sie sanft in ihren Nacken legte und seinen Daumen beruhigend an ihrer Wange ruhen ließ.

„Nami, du bist im achten Monat“, sagte er tief, und seine gewohnt raue Stimme besaß eine feine, fast brüchige Note. „Du sollst dich schonen. Diese Sache... ist eine Bedrohung, die ich regeln muss... nicht du. Wenn ich dir jedes Detail erzähle, bringt dich die Unruhe um den Verstand. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass dieses Haus sicher ist und dass dir und dem Kind nichts geschieht. Aber... du hast recht. Ich hätte dich niemals ausschließen dürfen.“

Nami griff nach seiner Hand mit einem festen, unnachgiebigen Griff, der ihn zwang, sie anzusehen.

„Ich bin nicht schwach, Kai. Und ich bin ganz sicher nicht ahnungslos. Wenn eine Gefahr über unserer Familie schwebt, dann trage ich das mit dir. Ich will keine Schonfristen und keine beruhigenden Ausflüchte mehr. Ich will wissen, womit wir es zu tun haben. Weil die Ungewissheit mich zehntausendmal mehr kaputtmacht als jede noch so düstere Wahrheit.“

Kai schwieg. Seine Hand lag fest in ihrer. Er spürte die Wärme ihrer Haut, den schnellen Pulsschlag an ihrem Handgelenk und die unerschütterliche Entschlossenheit, die schon immer das Herz von ihr ausgemacht hatte.

„Sie hatten Akten im Hafen“, gestand er schließlich mit rauer, leiser Stimme. „Fotos von dir. Medizinische Diagramme. Messungen von Gous Aura… sie wiseen genau, wann der Geburtstermin ist. Und sie haben die Routen zum Anwesen und zum Tower kartografiert.“

Nami atmete hörbar ein. Die Härte in ihren Zügen wich für einen Moment der reinen Erkenntnis, doch sie wich nicht zurück. Sie legte ihre Hand über seine, die an ihrer Wange lag.

„Und war Jemand dort?“, fragte sie leise.

„Niemand“, antwortete Kai eiskalt. „Der Raum war verlassen. Der Kaffee war noch warm. Sie wollten, dass wir es finden. Es war eine Nachricht.“

Er trat noch einen Schritt näher, beugte sich hinab und drückte seine Stirn leicht gegen ihre. Seine rubinroten Augen fixierten sie aus nächster Nähe.

„Ich wollte dich nicht hintergehen, mein Schatz. Und ich werde nie wieder versuchen, dich im Unwissen zu lassen. Du hast mein Wort.“

Nami schloss für eine Sekunde die Augen, ließ die Stirn an seiner ruhen und atmete den vertrauten benebelnden Duft seiner Haut ein.

Die Enttäuschung in ihrer Brust löste sich langsam auf und machte Platz für eine tiefe, unumstößliche Entschlossenheit.

„Es wird uns nichts passieren, mein Schatz“, flüsterte sie nah an seinen Lippen. „Aber ab jetzt spielen wir dieses Spiel zusammen. Keine Ausflüchte mehr. Nie wieder.“

Kai verharrte kurz, ehe seine Lippen sich diesmal sanft, aber mit einer intensiven, besitzanzeigenden Festigkeit auf ihre legten.

„Nie wieder“, murmelte er gegen ihren Mund.