Oh, du selige
Oh, du selige
Es dauerte exakt zweiundzwanzig Minuten.
Midori, die beinahe ununterbrochen an der hohen Fensterfront gestanden und in die schneegestöberverhangene Dunkelheit geblickt hatte, sah als Erste die Scheinwerferlichtkegel, die durch die dichten Flocken des Gartens schnitten. Ein freudiges, warmes Lächeln stahl sich auf ihre Züge. Sie strich ihr Kleid glatt und trat einen Schritt vom Fenster zurück, während draußen auf der Einfahrt das Knirschen von Reifen auf frischem Schnee verhallte.
Kurze Zeit später ertönte das vertraute, tiefe Klacken des schweren Messingklopfers an der massiven Eichentür der Eingangshalle.
Graham schritt mit unerschütterlicher Würde aus dem Korridor. Er passte das Tempo seiner Schritte perfekt an, steuerte flüssig auf die Eingangstür zu und zog sie mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung auf.
Draußen auf der verschneiten Treppe stand Max Tate. Er trug ein dunkles, sehr gut sitzendes Sakko über einem frischen Hemd, eine leicht schief sitzende Fliege und hielt einen beeindruckend großen, festlich verpackten Präsentkorb voller Delikatessen in beiden Händen. Auf seinen Schultern und den blonden Haaren glitzerten ein paar feine Schneeflocken.
„Pünktlich auf die Minute! Na ja... fast“, begrüßte Max den erfahrenen Butler mit seinem typischen, strahlenden Grinsen, während er sich den Schnee von den Schuhen abklopfte.
„Guten Abend, Graham! Ich hoffe, ich platze nicht mitten in ein hochherrschaftliches Protokoll?“
„Keineswegs, Mr. Tate“, erwiderte Graham mit einem minimalen, aber durchweg wohlwollenden Anflug eines Schmunzelns auf den Lippen. „Die Familie erwartet Sie bereits mit außerordentlicher Spannung. Wenn Sie mir das Präsent und Ihre Garderobe anvertrauen möchten?“
Graham nahm den schweren Korb mit spielerischer Leichtigkeit entgegen und half Max aus seinem feuchten Wintermantel.
Midori war die Erste, die den Salon verließ und dem Neuankömmling mit leuchtenden, waldfarbenen Augen entgegenkam. Die verlegene Röte war auf ihre Wangen zurückgekehrt, doch die Freude in ihrem Gesicht war unübersehbar. „Du hast es wirklich geschafft“, sagte sie leise und trat dicht an ihn heran.
Max’ Lächeln wurde schlagartig weicher. Er nutzte den Moment, in dem Graham sich diskret mit dem Mantel abwandte, schlang sanft einen Arm um Midoris Taille und zog sie kurz, aber herzlich an sich. „Als ob ich mir die Chance entgehen lassen würde, dich heute Abend zu sehen“, raunte er schmunzelnd, ehe er ihr einen sanften Kuss auf die Wange drückte. „Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass mein Erscheinen hier ausdrücklich erwünscht ist.“
„Erwünscht ist gar kein Ausdruck...“, murmelte Midori lachend, während sie seine Hand nahm. „Bereite dich seelisch lieber schon mal vor. Oma Yumi hat dich bereits verplant.“
Gemeinsam traten die beiden durch die weitläufige Flügeltür in den warm erleuchteten Salon. Der Duft von feinstem Tannengrün, Holzfeuer und kulinarischen Köstlichkeiten schlug Max augenblicklich entgegen.
Das leise Stimmengewirr im Raum verstummte für einen kurzen Moment.
Direkt am prasselnden Kaminfeuer thronte Oma Yumi in ihrem eleganten, tiefblauen Wollkostüm. Als ihr Blick auf Max fiel, der Hand in Hand mit Midori den Raum betrat, hellten sich ihre Züge schlagartig auf. Sie setzte ihr Glas Pflaumenwein ab, stützte sich auf ihren Gehstock und erhob sich mit einer für ihr Alter erstaunlichen Energie.
„Na, sieh mal einer an!“, rief Yumi mit schriller, hocherfreuter Stimme durch den Salon und breitete die Arme aus. „Der verlorene Sohn hat den Weg durch den Schneesturm gefunden!“
Max verlor nicht für eine Sekunde seine unerschütterliche, sonnige Gelassenheit. Er trat auf die ältere Dame zu und verneigte sich höflich, ehe er ihr sein charmantestes Lächeln schenkte. „Guten Abend, Yumi-sama! Es ist mir wie immer eine absolute Ehre und Freude, Sie wohlauf zu sehen.“
Yumi trat einen Schritt näher, legte den Kopf schräg und musterte Max unverblümt von den blonden Haaren bis zu den polierten Schuhen. Unverhofft hob sie ihren Gehstock und tippte mit dem feinen Holzknauf prüfend gegen Max’ Oberschenkel.
Hiro, der wenige Meter entfernt stand, vergrub augenblicklich beide Hände im Gesicht und stöhnte leise und gequält auf. „Mutter, bitte...“, flehte Hiro leise. „Kannst du die Gäste wenigstens zehn Sekunden im Raum sein lassen, bevor du sie physisch begutachtest?“
„Ich begutachte nicht, Hiro, ich stelle fest!“, schoss Yumi scharf zurück, ohne den Blick von Max zu wenden. Sie sah wieder den jungen Amerikaner an und verengte leicht die Augen. „Du bist immer noch ein bisschen schmal um die Hüften, Max. Füttern sie dich bei der BBA nicht richtig? Aber die Haltung stimmt! Und das Sakko sitzt hervorragend.“
Max lachte schallend und völlig unbeeindruckt los. „Ich gebe mein Bestes, Ma'am! Aber genau deshalb bin ich ja hier... das Essen bei den Hiwataris lasse ich mir sicher nicht entgehen. Auf Ihre Gesellschaft habe ich mich übrigens genauso gefreut.“
Yumis Mundwinkel zuckten ganz leicht nach oben. Ein seltenes, aber eindeutiges Zugeständnis.
„Humor hat er zumindest immer noch. Wenn du jetzt noch anständig mit Messer und Gabel umgehen kannst und Midori auf Händen trägst, darfst du bleiben.“
Opa Takeshi, der gelassen am Kamin stand und seinen Whiskey schwenkte, schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Lass dich von ihr nicht einschüchtern, Max. Sie bellt nur, gebissen hat sie schon seit fünfzig Jahren niemanden mehr.“
„Takeshi!“, rief Yumi empört, was die gesamte Runde zum Schmunzeln brachte.
Nami, die Hand in Hand mit Kai nahe der Mitte des Salons stand, nutzte die Gelegenheit und trat auf Max zu. Ihr dunkelrotes Umstandskleid umspielte sanft ihre Silhouette, und ihr silbriges Haar glänzte im Kerzenlicht.
„Schön, dass du gekommen bist, Max“, begrüßte Nami ihn herzlich und umarmte ihn kurz. „Wir haben dich vorhin wirklich vermisst. Es ist schließlich ein Familienabend.“
„Danke, Nami. Du siehst umwerfend aus“, erwiderte Max ehrlich erfreut und warf einen Blick auf ihren Bauch. „Und dir scheint die Schwangerschaft wirklich richtig gutzutun.“
Kai trat stoisch an Namis Seite. Seine Hände ruhten gelassen in den Taschen seiner dunklen Stoffhose. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als sein Blick auf Max glitt, doch in seinen Zügen lag jene kühle, unangreifbare Ruhe des Hausherrn.
„Tate“, nickte Kai ihm knapp, aber ebenbürtig zu.
„Kai“, erwiderte Max grinsend und nickte ebenso respektvoll zurück. „Ich hoffe, du lässt mich nachher nicht zur Strafe für meine Verspätung gegen Dranzer antreten.“
Kai hob eine Braue, während sich sein Mundwinkel für einen Bruchteil einer Sekunde amüsiert verzog. „Das hebe ich mir fürs neue Jahr auf.“
Am Rande der Sitzgruppe trat nun auch der weißblonde Elias einen Schritt vor, der bisher gelassen an einer der Säulen gelehnt hatte. Lumina, die neben ihm stand, lächelte breit und winkte Max heran.
„Max, das musst du sehen“, rief Lumina amüsiert und deutete auf ihren Begleiter.
„Das ist mein Cousin Elias. Er ist vor ein paar Tagen aus London angekommen.“
Max blickte zu dem ebenmäßigen, eleganten jungen Mann und verlor für einen kurzen Moment sein strahlendes Lächeln vor Überraschung, ehe er fasziniert die Brauen hob. Elias begegnete seinem Blick vollkommen ruhig, und ein feines, unglaublich höfliches Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab.
„Guten Abend. Elias Vaughn“, stellte er sich mit ruhiger, tiefer Stimme vor und reichte Max die Hand. „Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen. Lumina hat schon einiges von dir erzählt.“
Max schüttelte Elias’ Hand mit festem Griff und lachte dann leise auf. „Freut mich ebenfalls riesig, Elias! Aber puh... Lumina hat nicht übertrieben. Als du eben da standest, dachte ich kurz, das Christkind hätte persönlich hier vorbeigeschaut.“
Elias schmunzelte charmant und warf Oma Yumi einen amüsierten Seitenblick zu. „Sei vorsichtig mit solchen Vergleichen, Max. Großmutter Yumi hat mich genau damit vorhin schon fast verheiratet.“
„Oh, glaube mir, das kenne ich!“, lachte Max herzhaft und wandte sich wieder Midori zu, die sich glücklich und mit leicht roter Wange an seinen Arm schmiegte.
Oma Yumi hatte sich derweil wieder in ihren Sessel am Kaminfeuer fallen lassen, hob ihr Glas mit Pflaumenwein in die Höhe und ließ ihren Blick mit tiefer Zufriedenheit über die gesamte, vollzählige Runde gleiten.
„So!“, rief die alte Dame lautstark in den Raum, dass das Kristall des Kronleuchters leise klirrte. „Da der Amerikaner nun endlich da ist und mein Sohn aufgehört hat zu jammern... Graham! Sag der Küche Bescheid! Bringt das Festessen!“
Graham öffnete die schweren Flügeltüren zum angrenzenden, imposanten Speisesaal mit einer flüssigen, einstudierten Bewegung. Der lange Tisch aus dunklem, poliertem Holz war festlich eingedeckt: Feinstes Porzellan, kristallene Gläser und silberne Kandelaber, deren Kerzenlicht sich warm im Holz spiegelte, boten eine kulinarische Kulisse, die dem Anwesen mehr als gerecht wurde.
Mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit übernahm Oma Yumi sofort die Regie bei der Sitzordnung. Sie platzierte sich selbst natürlich an den Kopf der Tafel und sorgte treffsicher dafür, dass Elias und Max genau in ihrem Blickfeld saßen.
„So! Keine Müdigkeit vorschützen“, verkündete Yumi, während Graham und die gemieteten Küchenhilfen begannen, den ersten Gang zu servieren... eine feine Consommé mit Trüffeln.
„Elias zu meiner Linken, Max zu meiner Rechten. Ich muss schließlich beide Kandidaten im Auge behalten.“
Hiro seufzte leise, als er sich neben seine Frau setzte, während Midori sich verlegen lächelnd neben Max schob. Nami nahm an Kais Seite Platz. Ihr dunkelrotes Umstandskleid schmiegt sich weich an ihren Körper, und als Kai galant ihren Stuhl heranzog, wechselten die beiden einen kurzen, tiefen Blick.
Das Abendessen entwickelte sich zu einer lebhaften Mischung aus herrschaftlicher Eleganz und humorvoller Dynamik. Oma Yumi stichelte unermüdlich.
„Sag mal, Elias“, begann die alte Dame, während sie ihre Suppe genoss, „wie steht es drüben in London eigentlich um deine Kochkünste? Ein Mann, der in Tokio studieren will, kann schließlich nicht nur von Luft und Liebe leben.“
Elias hob ruhig sein Glas, ein feines, absolut unerschütterliches Lächeln auf den Lippen.
„Ich versichere Ihnen, Yumi, verhungern werde ich nicht. Meine Kulinarik beschränkt sich zwar auf das Wesentliche, aber es hat bisher gereicht.“
„Ein diplomatischer Ausweichversuch!“, rief Yumi amüsiert aus und deutete mit dem Löffel auf Max. „Siehst du, Max? Er redet sich heraus. Wie steht es mit dir?“
Max verschluckte sich fast an seinem ersten Schluck Wein, lachte dann aber herzlich. „Ich bin der unangefochtene Meister im Burger-Grillen, Ma'am! Aber gegen das Festmahl hier kommt selbst mein bester BBQ-Abend nicht an.“
Während am oberen Ende des Tisches gelacht wurde und Takeshi trocken die Schlagabtausche seiner Frau kommentierte, lag am unteren Ende eine ruhigere, subtilere Energie.
Kai saß aufrecht da, sein Glas flüssig schwenkend. Seine rubinroten Augen beobachteten das Geschehen gelassen, doch ab und zu glitt sein Blick aufmerksam zu Elias hinüber. Es war keine feindselige Distanz, sondern die stille Beobachtung eines Mannes, der sein Gegenüber einzuschätzen wusste.
Elias begegnete Kais Blick einmal kurz über den Tisch hinweg... kein Provokationsversuch, nur ein stummes, respektvolles Nicken zweier Männer, die genau wussten, wo sie standen.
Nami genoss die Atmosphäre in vollen Zügen. Das vertraute Lachen ihrer Schwester Hana, das friedliche Glucksen der kleinen Akari auf Zayns Schoß und die wohlige Wärme des Raumes gaben ihr ein Gefühl tiefer Sicherheit.
Doch als der Hauptgang serviert wurde, geschah es.
Nami fror mitten in der Bewegung ein. Ihre Hand, die gerade nach dem Wasserglas greifen wollte, verharrte in der Luft.
Es war nicht nur das sanfte, zarte Strampeln der letzten Tage. Plötzlich durchströmte eine deutliche, warme Energiewelle ihren gesamten Unterleib... ein spürbarer, pulsierender Druck, der sich nicht nur körperlich anfühlte. Eine feine, fast unsichtbare auraartige Resonanz breitete sich für einen Wimpernschlag von ihrem Bauch aus.
Im selben Moment stockte Kais Bewegung. Seine rubinroten Augen weiteten sich minimal. Als Träger von Dranzer spürte er die energetische Entladung des ungeborenen Bit-Beasts sofort. Ohne eine Sekunde zu zögern, legte er seine breite Hand fest und beschützend über Namis Hand auf ihrem Bauch.
Für zwei Sekunden schien die Zeit im Speisesaal stillzustehen.
Nami atmete tief durch, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch es war kein Schrecken... es war eine tiefe, ehrfurchtgebietende Erkenntnis. Sie blickte zu Kai auf.
Sein Kiefer war leicht angespannt, doch in seinen roten Augen lag eine so intensive, unumstößliche Wärme und Beschützerinstinkt, dass Namis Anspannung augenblicklich verflog. Er drückte ihre Hand sanft.
„Alles gut?“, raunte Kai ihr mit rauer, tiefer Stimme zu, die nur für sie bestimmt war.
Nami nickte langsam, ein wunderschönes, ergriffenes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie legte ihre zweite Hand auf seine.
„Ja... er hat sich gerade nur sehr deutlich zu Wort gemeldet. Deutlicher als... je zuvor.“
Oma Yumi, die die plötzliche Stille am Ende des Tisches bemerkt hatte, hielt inne und sah mit einem ungewohnt sanften, wissenden Blick zu den beiden hinüber. Sogar ihr gewohnter Redefluss verstummte für einen kurzen, kostbaren Moment, als die Magie des neuen Lebens die gesamte Festgesellschaft im Raum leise umhüllte.
Plötzlich räusperte sie sich lautstark. Das trockene, energische Geräusch schnitt mühelos durch das verbleibende, ehrfurchtsvolle Schweigen im Saal. Sie setzte ihr Glas mit einer punktgenauen Bewegung ab und wandte ihren Kopf mit der Präzision eines Falken nach rechts.
Ihr Blick fixierte Kenji, Namis Zwillingsbruder, der schräg gegenüber saß.
Kenji zuckte merklich zusammen. Seine Schultern spannten sich an, und für einen Bruchteil einer Sekunde lag ein beinahe panischer Ausdruck in seinen Augen. Er hatte sich bis eben in trügerischer Sicherheit gewogen, fest davon überzeugt, dass seine Großmutter mit Elias und Max mehr als genug beschäftigt war und der restliche Abend ohne weitere Zwischenfälle an ihm vorbeiziehen würde.
Ein fataler Irrtum.
„Nun, Kenji“, hob Yumi mit einer Stimme an, die keinen Raum für Ausflüchte ließ, während sie ihn durchdringend musterte. „Jetzt, wo deine Schwester für den nächsten Nachwuchs sorgt... Wann gedenkst du eigentlich, Momoko endlich zu schwängern?“
Kenji, der gerade einen herzhaften Bissen von seinem Rinderbraten gekaut und heruntergeschluckt hatte, fror augenblicklich ein. In der nächsten Sekunde entwich ihm die Luft, und er fing heftig an zu husten und zu nach Atem zu ringen. Der Bissen war ihm blitzartig in den falschen Hals geraten.
„Kenji! Um Himmels willen!“, rief Momoko erschrocken und lief augenblicklich dunkelrot an, reagierte jedoch geistesgegenwärtig. Mit flacher Hand schlug sie Kenji kräftig und mehrmals auf den Rücken, während sie ihm besorgt sein Wasserglas hinschob.
Hiro vergrub am anderen Ende des Tisches erneut das Gesicht in seinen Händen und unterdrückte ein gequältes Stöhnen, während Takeshi sich ein amüsiertes Husten hinter seiner Servierte verkneifen musste. Selbst Kais Mundwinkel zuckte für einen Millisekundenbruchteil, während er Nami ruhig ein Tuch reichte.
Nachdem Kenji noch dreimal keuchend nach Luft geschnappt und gierig einen großen Schluck Wasser hinuntergestürzt hatte, hob er mit hochrotem Kopf und tränenfeuchten Augen den Blick zu seiner Großmutter.
„Oma!“, stieß Kenji fassungslos und mit noch etwas rauer Stimme hervor. Er fuhr sich hektisch mit der Servierte über den Mund.
„Geht das vielleicht auch ein kleines bisschen ungenierter?! Momoko und ich sind gerade einmal neunzehn! Ich denke noch lange nicht an Kinder... wir wollen damit mindestens noch fünf Jahre warten!“
Er atmete einmal tief durch, um seinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen, und warf Momoko einen entschuldigenden Blick zu, ehe er sich wieder zu Yumi umwandte und mit fester, bestimmter Stimme fortfuhr: „Vor allem müssen Momoko und ich erst einmal überhaupt zusammenziehen. Und heiraten! Eins nach dem anderen. Man baut kein Haus vom Dach aus!“
Oma Yumi verengte die Augen zu zwei schmalen Schlitzen. Ihr Blick wanderte für einen kurzen, vielsagenden Bruchteil einer Sekunde zu Nami hinüber, die schwanger an Kais Seite saß.
Kenji bemerkte diesen stummen Vergleich sofort und hob beschwichtigend die Hände.
„Und wirf mir jetzt bloß keinen Blick zu Nami rüber!“, unterbrach er den ungesprochenen Gedankengang seiner Großmutter direkt.
„Namis Weg ist überhaupt nicht mit meinem vergleichbar. Das Baby bei den beiden war ja schließlich nicht einmal geplant!“
Ein leises Räuspern ging durch den Tisch, während Nami sich verlegen eine silbrige Strähne hinter das Ohr strich.
„Ich jedenfalls“, fuhr Kenji unbeeindruckt fort und verschränkte die Arme vor der Brust, „will definitiv planen! Alles Schritt für Schritt. Und ganz sicher nicht vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag.“
Oma Yumi schnaubte leise, doch in ihren scharfen Augen blitzte ein amüsiertes Fünkchen auf. „Planen...“, murmelte die alte Dame und nahm wieder ihr Besteck auf. „Als ob das Leben sich jemals an deine Pläne gehalten hätte, mein Jungchen. Aber gut... wenigstens weißt du, was sich gehört.“
Max konnte sich nicht mehr halten. Ein herzhaftes, lautstarkes Lachen entwich ihm, das so ansteckend war, dass selbst Midori ihn schmunzelnd in die Rippen knuffte.
„Ach Kenji, hör mir auf mit Planung!“, prustete Max los und lehnte sich mit seinem Wein glasschwenkend zurück. „Schau dir doch Ray an! Der hatte garantiert auch nicht auf dem Schirm, mit einundzwanzig Vater zu werden.
Aber im Gegensatz zu dir haben Ray und Mariah sich tatsächlich ein Beispiel an Nami und Kai genommen!“
Er lachte erneut herzlich auf, hob seine Gabel und führte gerade den nächsten Bissen Braten zum Mund... doch mitten in der Bewegung erstarrte er.
Die Gabel schwebte haarscharf vor seinen Lippen. Das Lachen blieb ihm auf der Stelle im Hals stecken.
Im Speisesaal war es schlagartig mäuschenstill geworden. Sämtliche Gepräche starben innerhalb einer Sekunde ab.
Nami starrte Max mit weit aufgerissenen, ozeanfarbenen Augen an. Ihre Hand verharrte mitten in der Luft. Sogar Kais gewohnt unerschütterliche Miene schien für einen Moment in eine Schockstarre verfallen zu sein.
Seine rubinroten Augen verengten sich messerscharf, während die Zeit im Raum eingefroren zu sein schien.
„Bitte... was sagst du da?!“, stieß Nami mit schockierter, ungläubiger Stimme hervor.
Max schluckte schwer. Sein Blick huschte panisch von Nami zu Kai, deren Blicke sich wie zwei Laserschwerter in ihn bohrten. Die Farbe wich ihm langsam aus dem Gesicht. Er senkte die Gabel ganz langsam wieder auf seinen Teller und hob beschwichtigend beide Hände.
„Ich... äh... nun ja...“, stotterte Max hastig, während ihm plötzlich spürbar heiß wurde.
Seine diplomatische Gelassenheit war innerhalb eines Wimpernschlags im Schneesturm draußen verdampft. „Oh verdammt... Ich... ich habe mich verplappert, oder?“
„Max Tate!“, rief Midori neben ihm fassungslos aus und schlug sich die Hand vor den Mund, während Oma Yumi sich in ihrem Stuhl aufrichtete und den jungen Amerikaner wie eine Katze ihre Beute fixierte.
Nami verharrte noch einen Herzschlag lang in absoluter Bewegungslosigkeit, ehe sich ihr geschockter Gesichtsausdruck langsam auflöste. Die Fassungslosigkeit wich einem breiten, ungläubigen Grinsen, das sich unaufhaltsam über ihre Züge stahl.
„Ist das... ist das wirklich dein Ernst?!“, fragte Nami mit höher werdender Stimme, während ihre ozeanfarbenen Augen vor schierer Begeisterung funkelten. Sie stützte sich mit beiden Händen auf der Tischkante ab und lehnte sich ein Stück vor. „Mariah ist schwanger?! Wirklicher Ernst, Max?!“
Max sah sich mit aufgerissenen Augen panisch im Speisesaal um. Die versammelte Mannschaft starrte ihn gebannt an... Oma Yumi mit erhobenen Augenbrauen, Kenji mit offenem Mund und Kai mit einem Blick, der knapp davor war, ihn im Verhörstil zu zerlegen.
Der junge Amerikaner ließ die Schultern sinken und stieß ein tiefes, geschlagenes Seufzen aus. Er fuhr sich mit der Hand durch die blonden Haare und sah Nami flehend an.
„Ja... ja, es stimmt“, gestand Max mit gedämpfter Stimme und hob bittend die Hände. „Aber um Himmels willen, Nami, tut mir allen den Gefallen und so, als wüsstet ihr von überhaupt nichts! Ihr dürft auf keinen Fall verraten, dass ich mich verplappert habe! Mariah bringt mich eigenhändig um!“
Midori hielt sich schmunzelnd die Hand vor den Mund, während Max hastig weitersprudelte, um den Schaden einzudämmen: „Sie hat es Ray selbst erst vor ein paar Tagen gesagt. Die beiden wollten die Bombe eigentlich erst morgen beim Weihnachts-Brunch offiziell vor der ganzen Gruppe platzen lassen! Wenn Mariah erfährt, dass ich die Überraschung schon heute Abend im Hiwatari-Anwesen verbrannt habe, überlebe ich das neue Jahr nicht mehr!“
Ein leises, erheitertes Glucksen entwich Nami, und sie legte die Hand auf ihr Herz.
„Ein Baby für Ray und Mariah... Das ist einfach wunderbar“, murmelte sie überglücklich und warf Kai einen strahlenden Blick zu, dessen starre Miene sich nun ebenfalls in ein amüsiertes, trockenes Schmunzeln verwandelte.
„Keine Sorge, Tate“, meinte Kai gelassen und nahm sein Glas. „Dein Geheimnis ist sicher. Zumindest, bis der Braten verdaut ist.“
Nach dem Dessert vollendete der Duft von frischem Zimt, Mokka und dem feinen Aroma von Tannenharz den Kulisseneffekt. Unter den wachsamen Augen von Graham gliederte sich die Gesellschaft fließend zurück in den großen Salon.
Der majestätische Weihnachtsbaum erstrahlte in hellem, warmem Kerzenschein, der das schwere Holz der Wände und das Kristall der Kronleuchter in ein goldenes Licht tauchte. Draußen zog das Schneegestöber dicht an den hohen Bogenfenstern vorbei, während drinnen das Kaminfeuer leise knisterte.
Oma Yumi nahm ihren angestammten Platz im großen Ohrensessel ein und gestikulierte mit ihrem Gehstock in Richtung des Baumes, unter dem sich die edel verpackten Geschenke stapelten.
„So! Schluss mit den Gerüchten und dem Getratsche für heute Abend“, verkündete Yumi mit einem zufriedenen Lächeln, während Graham ihr galant ein frisches Glas Tee reichte. „Zeit für die Geschenke! Und haltet euch zurück mit dem stundenlangen Auspacken... in meinem Alter hat man keine Ewigkeiten mehr Zeit.“
„Mutter, du wirst uns alle überleben“, brummte Hiro schmunzelnd und nahm neben ihr Platz.
Die Bescherung verlief mit viel Lachen, kleinen Sticheleien und herzlichen Gesten. Max überreichte Midori eine feine, filigrane Spieluhr aus Silber, was ihm ein schwärmerisches Lächeln und einen Kuss einbrachte... sehr zum argwöhnischen, aber nachsichtigen Blick ihres Vaters Hiro.
Als sich der Stapel unter dem Baum langsam lichtete, trat Kenji vor. Er hielt ein etwas größeres, recht flaches und sorgfältig mit dunkelgrünem Papier verpacktes Paket in den Händen. An seiner Seite schritt Hiro heran, der ein kleineres, samtüberzogenes Kästchen trug.
Kenji blieb vor Nami und Kai stehen. Ein seltenes, ehrlich verlegenes Schmunzeln trat auf die Züge von Namis Zwillingsbruder.
„Das hier ist von Vater, Momoko und mir“, begann Kenji und schaute kurz zu Nami, ehe sein Blick zu Kai glitt. „Wir haben uns gedacht... da der Kleine ja ohnehin in eine Familie hineingeboren wird, in der Beyblades an erster Stelle stehen, braucht er von Anfang an etwas Echtes.“
Nami sah ihren Bruder überrascht an und nahm das Paket entgegen. Gemeinsam mit Kai entwirrte sie das Band und zog das Papier ab.
Zum Vorschein kam eine wunderschön gearbeitete, tief dunkelblau polierte Holzschatulle mit feinen silbernen Beschlägen. Als Kai den Verschluss öffnete, stockte Nami der Atem.
In samtenem, tiefrotem Stoff gebettet lag eine winzige, perfekt gearbeitete Nachbildung eines Launcher-Grips und eines Beyblade-Gehäuses aus massivem Edelhölzern und feinem Silber... kein Spielzeug, sondern ein meisterhaftes Ausstellungsstück und Traditionsgeschenk. In die Oberseite der Holzschatulle war das Wappen der Familie eingraviert, kombiniert mit den elegant geschwungenen Konturen von Dranzer.
„Vater hat die Holzarbeiten in der Firma gemacht und ich habe die Gravuren eingearbeitet“, kratzte sich Kenji verlegen am Hinterkopf. „Damit er später weiß, wo seine Wurzeln liegen.“
Nami blickte auf das Kunstwerk herab. Eine Welle tiefer Rührung überkam sie, und ihre ozeanfarbenen Augen schimmerten leicht feucht.
„Kenji... Papa... das ist wunderschön“, hauchte sie und zog ihren Bruder impulsiv in eine feste Umarmung, ehe sie auch Hiro herzlich umarmte.
Kai fuhr mit den Fingerspitzen über das glatt polierte Holz der Schatulle. Seine Züge waren vollkommen ruhig, doch in seinen roten Augen lag ein tiefer, unumstößlicher Respekt. Er blickte Hiro und Kenji direkt an.
„Danke euch“, sagte Kai mit rauer, aber absolut ehrlicher Stimme und nickte den beiden Männern fest zu. „Es wird seinen Ehrenplatz bekommen.“
Die Bescherung war im vollen Gange, als der zehnjährige Noah energisch aus der hinteren Ecke des Salons hervortrat. Der Junge, der den Abend über aufmerksam und mit glänzenden Augen am Rand der Erwachsenenrunde verweilt hatte, hielt ein selbst eingepacktes, etwas schief geratenes Päckchen in den Händen. Seine aufgeweckte, neugierige Art stahl sich augenblicklich in den Vordergrund, als er zielstrebig auf seine ältere Schwester zuging.
„Nami! Kai! Ich habe auch noch was!“, verkündete Noah stolz und streckte den beiden das Päckchen entgegen.
Nami lächelte begeistert und nahm das Geschenk entgegen. Als sie das bunte Papier vorsichtig abzog, kam eine liebevoll handgezeichnete Skizze in einem schlichten Holzrahmen zum Vorschein. Darauf zu sehen war eine stilisierte Darstellung von Dranzer und Pegasus, die schützend ihre Flügel über eine kleine, leuchtende Energiekugel breiteten.
„Noah... das hast du selbst gezeichnet?“, fragte Nami gerührt und fuhr sanft über den Rahmen.
„Ja! Papa hat mir ein bisschen bei den Schattierungen geholfen“, erklärte der Zehnjährige stolz und warf einen Blick zu seinem Vater. „Damit das Baby schon mal weiß, wer die coolsten Bit-Beasts der Familie hat!“
Kai, der schweigend neben Nami stand, trat einen halben Schritt vor, neigte den Kopf leicht und wuschelte Noah mit einer seltenen, aber ehrlichen Geste der Anerkennung durch das Haar. „Gute Arbeit, Noah. Das kommt direkt an die Wand.“ Noahs Gesicht strahlte schlagartig wie der Weihnachtsbaum selbst.
Bevor die Stimmung zu ergriffen werden konnte, trat Elias gelassen zwei Schritte vor. Aus seiner Sakkotasche zog er ein kleines, edles Päckchen mit dem Siegel eines renommierten Londoner Juweliers.
„Wenn ich mich kurz anschließen darf“, meinte Elias ruhig und reichte das Kästchen an Nami. „Ein kleiner Willkommensgruß aus London für die werdende Mutter. Lumina hat mir versichert, dass es dir gefallen wird.“
Nami öffnete die Schatulle vorsichtig. Darin lag ein filigraner, silberner Schutzengel-Anhänger, in dessen Mitte ein winziger, ozeanfarbener Edelstein eingefasst war... exakt in der Farbe ihrer Augen.
„Elias...“, sagte Nami leise und blickte überrascht zu dem weißblonden jungen Mann auf. „Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen."
Elias lächelte fein und neigte leicht den Kopf. „Nami, Es ist mir eine Freude.“
Im Raum entstand für einen kurzen Augenblick eine feine, fast spürbare Stille. Einige Blicke huschten unwillkürlich zu Kai.
Doch Kai bewegte keinen einzigen Muskel in seinem Gesicht. Seine stoische, unerschütterliche Miene blieb vollkommen ruhig. Seine rubinroten Augen ruhten auf dem schimmernden Schmuckstück und wanderten dann gelassen zu Elias.
Kai wusste haargenau um die Gefühle des weißblonden jungen Mannes. Er wusste, dass Elias Nami einst geliebt hatte... und er war sich ebenso bewusst, dass in Elias’ Herzen wahrscheinlich noch immer ein tiefer, unauslöschlicher Funke dieser Empfindung brannte.
Kai verstand vollkommen, warum Elias so fühlte. Wer Nami wirklich kannte, konnte gar nicht anders, als von ihrer Art berührt zu sein.
Elias kannte Nami seit Kindertagen. Sie teilten eine gemeinsame Vergangenheit, Erinnerungen und eine unvergleichliche Vertrautheit, die man nicht einfach auslöschen konnte oder musste. Kai respektierte diese jahrelange Bindung zwischen den beiden zutiefst. Er brauchte sich nicht zu behaupten oder Revierkämpfe auszutragen... denn die unumstößliche Tatsache war, dass Nami ihr Herz, ihr Leben und ihre Zukunft letztendlich ihm, Kai, geschenkt hatte. Sie lag in seinen Armen, sie trug sein Kind, und ihre Wahl war für die Ewigkeit getroffen.
Mit gewohnter, ruhiger Dominanz legte Kai seine breite Hand glättend auf Namis Schulter. Er sah Elias direkt in die hellblauen Augen... ohne Kälte, ohne Provokation, sondern mit reinem, ebenbürtigem Respekt.
„Ein durchdachtes Geschenk, Vaughn“, bemerkte Kai trocken und mit tiefer, gelassener Stimme. „Es passt zu ihr.“
Elias begegnete Kais Blick mit einem feinen, ehrlichen Lächeln. Ein stummes Verstehen glitt zwischen den beiden Männern hin und her.
„Ich dachte mir, dass ein Stück meiner Heimat sie begleiten sollte“, erwiderte Elias ruhig und neigte höflich den Kopf.
Nami blickte zwischen den beiden Männern hin und her, und ein wunderschönes, zutiefst dankbares Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
Sie schloss das Kästchen, nahm Kais Hand und genoss die harmonische, unerschütterliche Ruhe, die den Raum und ihre Familie in dieser Weihnachtsnacht umgab.
Oma Yumi räusperte sich erneut. Das trockene Geräusch durchbrach die harmonische Stille und zog augenblicklich wieder die volle Aufmerksamkeit auf die ältere Dame, die belustigt die Augenbrauen hob.
„Na, sieh mal einer an...“, merkte Yumi spitz an und blickte mit einem feinen, durchdringenden Schmunzeln zwischen Kai und Elias hin und her. „Da schleicht sich wohl doch eine ganz gewisse... pikante Stimmung zwischen zwei ehemaligen Konkurrenten ein, was?“
Die Worte schwebten kurz im Raum, doch Kai blieb vollkommen unerschütterlich. Er verzog keine Miene und begegnete dem durchdringenden Blick seiner Schwiegergroßmutter mit gewohnter, kühler Gelassenheit.
„Es gibt hier keinerlei Konkurrenzdenken“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, in der nicht der geringste Zweifel mitschwang. „Nur Akzeptanz.“
Yumi schmunzelte noch etwas breiter und lehnte sich in ihrem Sessel zurück, während sie ihren Gehstock umfasste. „Schön gesagt, mein Junge. Aber wo wir gerade bei bedeutungsvollen Aufmerksamkeiten sind... Wo bleibt denn eigentlich dein Geschenk an Nami?“
Ein minimales Zucken ging durch Kais Kiefer.
Wenn es rein nach ihm gegangen wäre, hätte er Nami sein persönliches Weihnachtsgeschenk erst dann überreicht, wenn die gesamte Gesellschaft verabschiedet, die Lichter im Anwesen gedimmt und der Trubel des Tages vorbei war... in der absoluten Ruhe ihres gemeinsamen Schlafzimmers. Doch so, wie Yumi ihn nun vor der versammelten Runde fixierte, blieb ihm kaum eine Wahl. Er musste wohl oder übel jetzt reagieren.
Ein winziges, fast unmerkliches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. Er griff in die Tasche seiner dunklen Stoffhose und zog ein kleines, feines Etui hervor.
„Eigentlich wollte ich warten“, begann Kai ruhig und sah Nami direkt in die ozeanfarbenen Augen. Sein Blick wurde schlagartig weicher, als er fortfuhr: „Ich träume... schon seit Wochen davon. Aus irgendeinem Grund erscheint mir Gous Aura in diesen Träumen immer wieder in einem dunkelblauen Leuchten. Ich weiß nicht genau warum, aber es hat mich hierzu inspiriert.“
Er reichte Nami das kleine Samtkästchen.
Mit neugierigem, sanftem Herzklopfen öffnete Nami die Schatulle. Ein leises Atemholen ging durch die Runde, als das Licht der Kaminflammen und des Weihnachtsbaumes sich in dem Schmuckstück brach.
In dem Kästchen lag ein umwerfender Ring aus glänzendem Weißgold. Die Anordnung der Edelsteine war meisterhaft durchdacht: Auf der einen Seite funkelte ein zarter, klarer Aquamarin, auf der anderen Seite schimmerte ein feuriger, roter Rubin. Und genau in der Mitte, als verbindendes Herzstück des Ensembles, thronte ein tief leuchtender, dunkelblauer Saphir.
Nami starrte den Ring an, während ihr die Tränen der Rührung in die Augen stiegen. Der Rubin für Kai, der Aquamarin für sie... und der dunkelblaue Saphir für ihr ungeborenes Kind, das ihre beiden Welten für immer miteinander vereinte.
Nami starrte den glitzernden Ring an, während ein leichtes Zittern über ihre Lippen glitt. Die Symbolik hinter den drei Steinen war so tiefgreifend und voller Liebe, dass ihr die Worte im Hals stecken blieben.
„Kai…“, stieß sie mit zitternder, von Emotionen ergriffener Stimme hervor und sah mit tränenfeuchten Augen zu ihm auf.
„Wir… wir waren uns doch einig gewesen, dass wir uns dieses Jahr nichts schenken. Schließlich haben wir erst vor Kurzem geheiratet und das schönste Geschenk tragen wir bereits unter meinem Herzen…“
Kais Kiefer entspannte sich vollkommen. Ein rares, unglaublich sanftes Schmunzeln stahl sich auf seine sonst so stoischen Züge, während er sie unaufhörlich ansah.
„Du weißt genau, dass ich es nicht lassen kann, mein Schatz.“, erwiderte Kai mit rauer, leiser Stimme, die nur für sie bestimmt war, während er ihr das Samtkästchen abnahm und den filigranen Ring vorsichtig an ihren Finger streifte.
„Du kennst mich. Es gehört nun einmal zu meiner Natur, dir meine Liebe mit Gesten zu zeigen... nicht nur mit Worten.“
Nami spürte, wie eine Welle purem Glücks durch ihren Körper floss. Sie hielt es nicht mehr aus, überwand den kleinen Abstand zwischen ihnen und schmiegte sich eng an seine starke Brust. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und atmete seinen vertrauten, beruhigenden Duft ein, während ihre Hand mit dem neuen Ring auf seinem Rücken ruhte.
Kai legte schützend einen Arm um ihre Taille und zog sie fest an sich. Als Nami sich langsam löste um ihn anszusehen, hob er mit der anderen Hand sanft zwei Finger unter ihr Kinn, um ihr Gesicht sanft zu sich emporzulenken.
Nami sah ihn mit leuchtenden ozeanfarbenen Augen an, ehe Kai sich hinabneigte und seine Lippen in einem tiefen, innigen Kuss auf die ihren legte. Der Kuss sprach Bände... er trug das gesamte Versprechen ihrer gemeinsamen Zukunft, die Ehrfurcht vor ihrem ungeborenen Sohn Gou und die unumstößliche Wahrheit ihrer Liebe in sich.
„Ach, ist das nicht herrlich!“, schwärmte Oma Yumi augenblicklich mit erhobener Stimme, schlug die Hände verzückt zusammen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.
„Seht euch die beiden an! Genau so gehört sich das an Weihnachten! Hiro, nimm dir mal ein Beispiel an deinem Schwiegersohn, anstatt immer nur die Buchhaltung im Kopf zu haben!“
Hiro seufzte leise, schmunzelte jedoch geschlagen, während Midori leise kicherte und sich noch etwas enger an Max schmiegte.
Sogar Takeshi hob schmunzelnd sein Glas in Kais Richtung, um den stillen Respekt für diese Geste auszudrücken.
Nami löste sich langsam und etwas verlegen lächelnd aus dem Kuss, doch Kai ließ ihre Hand nicht los. Er fuhr mit dem Daumen sanft über den dunkelblauen Saphir an ihrem Finger, während die wohlige Wärme des Kaminfeuers und das Glück dieser Heiligen Nacht den Raum vollkommen erfüllten.
Als Nami sich an Kais Brust schmiegte und Kai sie mit dieser tiefen, selbstverständlichen Hingabe küsste, wandte Elias den Blick nicht ab. Er verfiel weder in betretenes Schweigen, noch glitt ein Schatten der Wehmut über seine feinen Züge.
In seinen himmelblauen Augen lag eine tiefe, unumstößliche Ruhe.
Elias hatte Nami geliebt... vielleicht tat er es in einer stillen, abgeklärten Ecke seines Herzens noch immer. Doch ihre Wünsche und ihr Wohlergehen hatten für ihn stets über seinen eigenen gestanden. Zu sehen, wie leuchtend und vollkommen geborgen Nami in Kais Armen lag, war für ihn kein Schmerz, sondern der endgültige Beweis, dass das Schicksal die richtige Wahl getroffen hatte.
Kai war nicht nur ihr Beschützer; er verstand es, ihre Seele zu berühren.
„Eine wirklich bemerkenswerte Wahl der Steine, Hiwatari“, anerkannte Elias mit seiner gewohnt ruhigen, britisch geprägten Eleganz.
Seine klare Stimme schnitt mühelos und angenehm durch das leise Gemurmel im Salon.
Sein Blick glitt kurz zu Nami, an deren Finger die drei Edelsteine im Schein des Kaminfeuers um die Wette funkelten, ehe er seine himmelblauen Augen direkt auf Kai richtete.
„Ein Rubin, ein Aquamarin und ein Saphir in der Mitte...“, fuhr Elias fort, und ein feines, absolut ehrliches Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Du hast nicht nur ein treffsicheres Auge für Symbolik, sondern verstehst es, ihr Herz auf genau die richtige Weise zu berühren. Nami verdient genau diese Hingabe.“
Die Worte schwebten im Raum... keine versteckte Spitze, keine geheime Rivalität, sondern die aufrichtige Anerkennung eines gereiften Mannes.
Nami sah überrascht zu Elias auf, die Wange noch immer leicht gerötet, doch ihr Blick war voller warmer Dankbarkeit.
Kai verharrte schweigend. Er hielt Namis Hand fest in der seinen verschränkt, während seine rubinroten Augen Elias durchdringend musterten.
Er erkannte die absolute Aufrichtigkeit hinter den Worten des weißblonden Mannes. Kai brauchte keine großen Reden zu schwingen. Er neigte den Kopf nur um einen winzigen, aber deutlichen Zentimeter... ein stummes, von tiefem Respekt geprägtes Nicken zweier Männer, die keine Worte brauchten, um einander zu verstehen.
„Danke, Elias“, sagte Nami leise und lächelte ihm von Herzen zu.
Elias neigte höflich den Kopf, nahm noch einen kleinen Schluck aus seinem Glas und überließ den Moment wieder ganz den werdenden Eltern und der feiernden Familie.