LNCrawler

Zeit mit dir...

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Zeit mit dir...

Sie betraten die gewaltige Halle 2, und die schiere Größe des Raumes schien die Luft förmlich vibrieren zu lassen. Während die meisten Hallen bei Tachibey Industries eher funktional wirkten, war dieser Bereich das technologische Prunkstück der Firma. Überall blinkten Konsolen, das rhythmische Piepen von Messgeräten erfüllte die Luft, und die Wände waren gespickt mit Hochfrequenzkameras, die jeden Millimeter einer Bewegung einfangen konnten.

Kai steuerte zielstrebig auf eine gläserne Anrichte zu. Mit einer fast schon feierlichen Ruhe legte er seinen treuen Dranzer dort ab. Es war ein seltener Anblick, ihn von seinem Bit-Beast getrennt zu sehen. Ohne zu zögern griff er nach einem der bereitgelegten Test-Blades. Nami beobachtete ihn dabei, wie er den fremden Kreisel kurz in der Hand wog, als würde er dessen Gewicht und Balance allein durch die Berührung analysieren.

Nami fühlte sich in diesem Moment seltsam überwältigt. Obwohl sie in dieser Firma aufgewachsen war, war die Situation surreal: Sie stand Kai Hiwatari gegenüber – nicht als Zuschauerin, nicht als Fan, sondern als seine Trainingspartnerin. Er war zwar wieder bekleidet, doch das Bild seines nackten Oberkörpers unter den Sensoren brannte sich immer noch in ihr Gedächtnis und machte es schwer, einen klaren Kopf zu bewahren.

„TEST NUMMER 1. PROTOTYP 117“, dröhnte eine mechanische Stimme aus den Deckenlautsprechern.

Plötzlich kam Bewegung in den Raum. Ein tiefes Grollen erschütterte den Boden, als sich die Metallplatten in der Mitte teilten. Die Plattformen, auf denen Nami und Kai standen, schwenkten mit einem hydraulischen Zischen zur Seite, während aus der Tiefe eine gewaltige, moderne Bey-Arena emporfuhr.

Kai nickte ihr kurz zu und zückte seinen Starter. „Ich werde Dranzer nicht verwenden können, solange der Test läuft“, stellte er klar, während er die Reißleine einführte. Sein Blick wurde scharf und fokussiert. „Gib dir trotzdem ruhig ein bisschen Mühe, das wirst du nämlich nötig haben...“

Nami stutzte. War das eine Provokation? Sein Tonfall war ungewohnt hart, fast so, als wollte er die Vertrautheit, die zwischen ihnen auf dem Bahnsteig entstanden war, gewaltsam wieder einreißen. Doch sie ließ sich nicht beirren.

„Wieso wirst du Dranzer eigentlich nicht verwenden? Ich habe gesehen, wie du ihn abgelegt hast“, fragte sie neugierig. Sie hielt ebenfalls einen Prototyp in der Hand...ein Modell in tiefem Lila mit der Nummer 117 auf dem Bit-Chip.

„Weil das die Daten verfälschen würde“, antwortete Kai kühl. „Um die Hardware optimal zu testen, zählen allein die Skills des Bladers. Der Bot, der später mit diesen Daten programmiert wird, hat schließlich auch kein Bit-Beast.“

Seine Logik war bestechend. Nami nickte anerkennend. Ohne die mystischen Kräfte der Bit-Beasts kam es nur noch auf die perfekte Technik, die Kraft des Abschusses und die taktische Finesse an...die reinste Form des Bladings.

„Bitte begebt euch in Startposition!“, befahl die Stimme aus dem Lautsprecher.

Sie traten an den Rand der Arena. Die Atmosphäre war elektrisierend.

„3 – 2 – 1 – LET IT RIP!“

Das simultane Surren der Starter klang wie das Aufheulen von Turbinen. Funken sprühten in einer gleißenden Kaskade, als beide Blades in die Arena schossen und punktgenau im Zentrum aufeinanderprallten. Namis lila Kreisel raste sofort auf Kais Blade zu, doch dieser wich mit einer minimalen, fast schon provozierenden Bewegung aus.

Nami biss sich auf die Lippe. Sie war hochkonzentriert, doch als sie kurz aufblickte, traute sie ihren Augen nicht. Kai stand da, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen fest geschlossen. Er wirkte vollkommen ungerührt, als würde ihn das Geschehen in der Arena nichts angehen.

~ Was zum... Er schaut ja gar nicht hin?!~  schoss es ihr fassungslos durch den Kopf.

„Du solltest dich besser konzentrieren...“, erklang Kais Stimme plötzlich, ruhig und eiskalt.

In genau dem Moment, als er die Augen aufschlug, passierte es. Ein metallisches Knallen erschütterte die Halle. Namis Blade wurde mit einer solchen Wucht getroffen, dass er in einer perfekten Parabel aus der Arena katapultiert wurde. Er zischte haarscharf an ihrem Kopf vorbei und schlug mit einem dumpfen Einschlag direkt in die Wand hinter ihr ein.

Nami stand wie versteinert da. Ihre Augen waren ungläubig geweitet. Hatte sie gerade wirklich verloren? In der Sekunde, in der sie sich über Kais Verhalten gewundert hatte, hatte er zugeschlagen. Sie drehte sich um und sah ihren Prototyp tief im Mauerwerk stecken. Diese schiere Zerstörungskraft...und das ganz ohne Dranzers Flammen? Es war kein Wunder, dass Kai von vielen Turnieren ausgeschlossen worden war. Er war ein Monster an der Arena, stärker als jemals zuvor.

~ Der alte BeyBot hätte gegen ihn nicht den Hauch einer Chance gehabt ~, dachte sie grimmig.

„Du musst dich wirklich besser konzentrieren, Nami.“ Kai fing seinen eigenen Blade auf, der mit einem präzisen Rücksprung aus der Arena direkt in seine geöffnete Hand schoss.

Nami schüttelte die Benommenheit ab und versuchte, die Situation mit Humor zu retten, auch wenn ihr Ego einen Dämpfer erhalten hatte. „Entschuldige... es war nur... du standest da, als würdest du gleich einschlafen...“, grinste sie schief.

Kais Blick verlor daraufhin seine steinerne Härte und wurde wieder etwas weicher, fast schon amüsiert. „Also... den Unterschied zwischen Schlafen und Entspannung musst du anscheinend auch noch lernen.“

Nami konnte sich einen Moment lang nicht beherrschen und streckte ihm neckisch die Zunge raus. Die Anspannung der letzten Minuten entlud sich in einem spielerischen Trotz. „Diesen 'Schlaf-Move' habe ich bei deinen Turnieren schon oft im Fernsehen bewundert“, erwiderte sie belustigt, während sie ihre Arme in die Hüften stemmte. „Aber es ist schon etwas anderes, ihn höchstpersönlich serviert zu bekommen. Ich war kurz davor, dir ein Kissen zu holen!“ Sie lachte laut auf, ein helles, ehrliches Lachen, das das klinische Summen der Halle für einen Moment durchbrach.

Ein trockenes, genervtes Räuspern unterbrach die Szenerie. „Ähem... entschuldigt die Störung, aber private Plauderstunden könnt ihr auf später verschieben. Versuch Nummer zwei startet in sechzig Sekunden“, dröhnte Gudbroks Stimme fast schon beleidigt aus den Lautsprechern.

„Spielverderber...“, murmelte Nami, doch das Grinsen verschwand nicht von ihrem Gesicht. Sie trat zur Wand und stemmte die Füße gegen das Mauerwerk, um den feststeckenden Prototyp mit etwas Kraft aus dem Beton zu puhlen. Der lila Kreisel war glücklicherweise nur leicht verkratzt – ein Zeugnis für die hochwertige Verarbeitung der Tachibey-Schmiede. ~ Jetzt lasse ich mich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen ~, schwor sie sich und trat zurück an die Arena.

„TEST NR. 2. PROTOTYP 117!“

„3 – 2 – 1 – LET IT RIP!“

Die folgenden Runden waren ein völlig anderes Kaliber. Nami war nun voll da, ihr Fokus scharf wie eine Klinge. Sie verlor zwar immer noch den Großteil der Matches...Kais rohe Kraft und seine unheimliche Intuition waren einfach eine Mauer..., aber die Kämpfe dauerten deutlich länger. Mehrfach prallten die Blades mit einem kreischenden Geräusch aufeinander, und sie sah, wie Kai die Augen zusammenkniff und seine Haltung korrigierte. Er musste jetzt arbeiten. Die wenigen Male, in denen es ihr gelang, seinen Kreisel durch einen geschickten Konter ins Trudeln zu bringen, blitzte in seinen Augen eine ungewöhnliche Zufriedenheit auf. Er wollte nicht, dass sie es ihm leicht machte.

Nach einer intensiven Stunde und zehn harten Durchläufen gaben die Techniker im Kontrollraum endlich das Signal zum Abbruch. „Daten im Kasten. Ausgezeichnete Werte.“

Nami stützte die Hände auf ihre Knie und atmete tief durch. Ihr Herz raste, und ein paar Strähnen ihres langen Haares klebten ihr im Nacken. Prototypen zu testen war wie das Reiten eines wilden Pferdes; man wusste nie genau, wie das Material reagieren würde. Ihr eigenes Blade war ihr da viel lieber – es fühlte sich an wie ein bequemer, perfekt eingelaufener Schuh, der jede ihrer Absichten kannte.

Als sie und Kai die Halle verließen, waren die Gänge der Firma bereits in das schummrige Licht der Abendbeleuchtung getaucht. Die übliche Hektik war verflogen, die Stille fast schon greifbar.

„Wir sehen uns dann morgen Nachmittag?“, fragte Kai plötzlich. Nami blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Er kommentierte den Testlauf gar nicht weiter? Sie wollte ihn eigentlich fragen, wie er diese unglaubliche Stärke ohne Bit-Beast erreichte, doch sie entschied sich, den Moment nicht zu überladen.

„Ja“, antwortete sie schlicht und schenkte ihm ein erschöpftes, aber ehrliches Lächeln.

„Du kommst gut nach Hause, oder?“, schob er hinterher. Sein Blick streifte die dunklen Fensterfronten. Es war bereits 20 Uhr, und die nächtliche Stadt konnte tückisch sein.

„Alles okay, ich fahre mit meinem Vater nach Hause. Er ist sowieso immer der Letzte, der hier die Lichter ausmacht.“

Kai nickte, sichtlich beruhigt durch diese Information. Er schien kurz zu zögern, wandte sich dann aber ab, um wortlos an ihr vorbeizulaufen. Der Abstand, den er nun wieder herstellte, fühlte sich fast körperlich kalt an.

„Kai, warte...“, rief sie ihm impulsiv hinterher. Er stoppte auf dem Absatz und sah sie über die Schulter hinweg an. Nami suchte verzweifelt nach einem Grund, warum sie ihn aufgehalten hatte. Es wurmte sie, wie er zwischen intensiver Nähe und dieser eisigen Distanz schwankte.

„Du... kommst auch... gut nach Hause?“, stammelte sie schließlich. Innerlich schlug sie sich die Hand vor die Stirn. ~ Was für eine dämliche Frage, Nami! ~

Kai drehte den Kopf nun ganz zu ihr. Erneut stahl sich dieses winzige, gefährliche Schmunzeln auf seine Lippen, das ihre Knie augenblicklich wieder in Pudding verwandelte. „Ich wohne tatsächlich nur fünf Minuten mit dem Auto von hier. Also kein großer Aufwand.“

Nami war verblüfft. Fünf Minuten? Er wohnte praktisch um die Ecke und sie war ihm in all den Jahren nie begegnet? Ein Mann wie er wäre ihr in Shinjuku oder den angrenzenden Vierteln mit Sicherheit aufgefallen. „Ah... das ist ja wunderbar. Dann sehen wir uns morgen.“

Sie hob die Hand zum Abschied und winkte ihm freundlich nach. Ein wenig betrübt sah sie zu, wie seine markante Silhouette um die nächste Ecke bog und verschwand. Ihr Kopf war ein einziges Chaos. Mal schien er sie zu mögen, mal wirkte er völlig desinteressiert. War er wirklich nur wegen der Daten hier? Sie fuhr sich genervt durch ihre wellige Mähne und stieß einen langen Seufzer aus.

„Alles okay bei dir?“

Nami zuckte heftig zusammen. Sie wirbelte herum und sah ihren Vater, der mit verschränkten Armen und einem wissenden Lächeln hinter ihr stand.

„Seit wann stehst du da?!“, fragte sie forschend, die Wangen immer noch leicht gerötet.

„Oh... nicht lange...“, erwiderte Hiro Tachiba und bemühte sich um einen unschuldigen Blick, der jedoch kläglich an seinem spitzbübischen Grinsen scheiterte. Nami dämmerte es: Kai hatte wahrscheinlich bemerkt, dass ihr Vater sie beobachtete, und deshalb wieder auf „unnahbar“ geschaltet.

Ehe sie jedoch protestieren konnte, legte Hiro ihr väterlich die Hand auf die Schulter. „Los, ab nach Hause. Deine Mutter wartet sicher schon mit dem Abendessen. Und ich brauche meine beste Bladerin morgen wieder fit.“