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Der wahre Fokus

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der wahre Fokus

Tyson schnaubte lautstark und winkte ab. „Genau das meine ich! Danke, Ray! Kai tut wieder so, als wäre er der Prototyp des perfekten Ehemanns!“

Um das Thema, seine eigene Unaufmerksamkeit bezüglich Hilarys Zyklus und vor allem den spöttischen Blick seines ehemaligen Teamkapitäns endgültig zu verdrängen, griff Tyson wie auf Reflex nach seiner Gürteltasche, zog seinen Dragoon samt Starter hervor und knallte beides schwungvoll auf den Tisch.

„Wie dem auch sei! Wir sind hier im Granger-Dojo und nicht in einer Ratgeber-Sendung für werdende Väter!“, verkündete Tyson mit übertriebener Lautstärke und deutete mit dem Kreisel auf Max. „Wir müssen die neue Rotationsgeschwindigkeit testen, Max! Ich sage dir, die Dynamik verändert sich völlig, wenn man den Reibungswinkel beim Abschuss um zwei Grad anpasst! Da haben die Gegner überhaupt keine Chance mehr! Wir müssen sofort die BEYSTADIUM-Arena drüben auf den Matten aufbauen!“

Sein Redefluss war so sturmschnell und angestrengt aufgeregt, dass er fast vergaß zu atmen.

Kai lehnte sich gelassen zurück und beobachtete Tysons überschäumendes Ablenkungsmanöver mit stoischer Ruhe.

Nami, die noch immer mit einem sanften Lächeln neben ihm saß, spürte genau, wie Kai die Situation durchschaute.

Er nahm einen langsamen Schluck aus seiner Grünteetasse, stellte sie mit einem leisen Klacken ab und sah Tyson unbewegt an.

„Redest du gerade eigentlich nur so aufgekratzt über Reibungswinkel, um krampfhaft zu verdrängen, dass du ab heute dein Leben umkrempeln musst?“, fragte Kai mit seiner gewohnt tiefen, schneidenden Stimme.

Tyson verstummte mitten im Satz. Seine Hand mit dem Starter und Dragoon verharrte mitten in der Luft.

„I-Ich?! Verdrängen?!“, rief Tyson mit leicht krächzender Stimme, während ihm eine leichte Röte ins Gesicht stieg. „Kai, ich bitte dich! Ich bin vollkommen fokussiert! Ich denke nur an die nächste BBA-Saison!“

„Du hältst deine Reißleine verkehrt herum, Tyson“, bemerkte Kai vollkommen trocken, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Tyson blickte blitzartig auf seine Hand hinunter, stellte fest, dass er den Griff des Starters tatsächlich völlig verdreht hielt, und fuchtelte noch hektischer herum. „Das... das war eine Trockenübung für den Halt! Das gehört zur Taktik!“

„Gegen ein Baby hilft dir keine Taktik und auch kein neuer Starter“, setzte Kai mit einem kaum wahrnehmbaren, amüsierten Zug um die Mundwinkel nach.

Hilary konnte sich ein helles, herzliches Lachen nicht verkneifen und schüttelte den Kopf. Elias neigte schmunzelnd das Haupt und flüsterte Nami leise zu: „Dein Mann hat eine faszinierende Art, Gespräche auf den Punkt zu bringen.“

Nami lachte leise auf, drückte sanft Kais Hand und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Tyson ließ schließlich entnervt die Schultern sinken und legte Dragoon auf den Tisch.

„Verdammt, Kai ...“, murmelte Tyson diesmal ohne jede Hektik und sah seinen ehemaligen Teamkapitän an. „Wie machst du das eigentlich? Wie bleibt man bei der Vorstellung, bald Vater zu sein, bitte so unverschämt ruhig?“

Kai sah ihn einen langen Moment lang an. In seinen roten Augen lag für einen kurzen Herzschlag die ganze Tiefe all dessen, was er selbst in den letzten Monaten durchgemacht und gelernt hatte.

„Gar nicht, Tyson“, erwiderte Kai leise und erstaunlich ehrlich. „Du lernst einfach, mit der Verantwortung zu wachsen.“

Kaum dass Kais tiefe Worte im Raum verhallten, schob sich die Schiebetür zur Küche erneut auf. Tysons Großvater trat mit einer frischen, gewaltigen Kanne Dampfendem Grüntee heraus, blinzelte durch den aufsteigenden Nebel und stellte das schwere Tongefäß schwungvoll in die Mitte des Tisches.

„Ha! Hab ich’s doch gewusst!“, rief der alte Herr gutmütig und deutete mit dem Zeigefinger schmunzelnd auf Kai. „Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet Kai Hiwatari verteilt hier Ratschläge fürs Leben!“

Tyson schnaubte, während er nach seiner Teetasse griff. „Opa, bitte … er tut doch nur so erwachsen!“

„Halt den Mund, Tyson, und hör mal genauer hin!“, fuhr Opa Granger seinen Enkel scherzhaft an und verpasste ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter, ehe er sich ächzend im Schneiderseitz auf ein freies Kissen gleiten ließ. Der Alte strich sich bedächtig durch den grauen Bart und blickte für einen Moment schwelgend in die Runde, bis sein Blick schließlich warm auf Kai und der dicht an ihn geschmiegten Nami ruhte.

„Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als dieser Junge hier das erste Mal mein Dojo betrat“, begann Opa Granger mit leiserer, bewegter Stimme. „Kühl wie ein Eisblock, verschlossen wie eine Festung und mit einer Ausstrahlung, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Er wollte mit niemandem was zu tun haben, hat Vertrauen für eine Schwäche gehalten und dachte, er müsste die ganze Welt ganz allein auf seinen Schultern tragen.“

Ray und Max nickten leise mit einem verständnisvollen, nostalgischen Lächeln. Hilary schmunzelte sanft, während Elias aufmerksam an seinem Tee nippte und dem alten Mann fasziniert lauschte.

„Und schaut ihn euch heute an“, fuhr der Großvater fort, während seine Augen verräterisch glänzten. „Er sitzt hier, hält die Hand seiner Frau, beschützt sein ungeborenes Kind und zeigt diesem Haufen verrückter Knallköpfe, was es wirklich heißt, Verantwortung zu übernehmen.“

Der alte Herr wandte sich direkt an Tyson, der seine Teetasse mitten auf dem Weg zum Mund anhielt.

„Du suchst nach Taktiken und Reißleinen, Tyson. Aber die beste Lektion, die Kai dir heute geben kann, hat gar nichts mit Beyblade zu tun. Sieh dir an, wie er für Nami da ist. Ein echter Mann zeigt seine Stärke nicht dadurch, dass er unnahbar bleibt … sondern dadurch, dass er der unerschütterliche Fels für die Menschen ist, die er liebt.“

Im Dojo wurde es für einen Herzschlag vollkommen still.

Nami spürte, wie eine warme Welle der Rührung ihr Herz überflutete. Sie sah von der Seite zu Kai auf. Seine Miene war wie gewohnt unverändert, die Züge wie aus Marmor gemeißelt, doch in der Tiefe seiner roten Augen lag dieses feine, kaum merkliche Flackern. Seine Hand, die noch immer fest in ihren Fingern lag, zog sie einen Hauch fester an seine Seite.

Dann nahm er vollkommen gelassen seine Teetasse auf, als wäre das Lob des alten Mannes an ihm abgeprallt wie ein harmloser Regentropfen.

„Du redest zu viel, alter Mann“, warf Kai vollkommen trocken ein, doch in dem kühlen Ton lag nicht die geringste Schärfe.

„Der Tee wird kalt.“

Tysons Großvater lachte schallend auf und schlug sich auf die Oberschenkel. „Seht ihr?! Die alte Hiwatari-Sturheit kriegt man eben doch nicht ganz raus!“

Tyson starrte Kai an, ehe er langsam ein breites, ehrliches Grinsen auf den Lippen trug. Er stellte seine Tasse ab, sah zwischen Hilary und Kai hin und her und nickte schließlich entschlossen.

„Ein Fels, was?“, murmelte Tyson und rieb sich verlegen den Nacken, während er Hilarys Hand ergriff und fest umschloss. „Na gut … wenn sogar der Eisprinz das hinbekommt, dann werde ich das wohl erst recht schaffen!“

„Das will ich dir auch geraten haben!“, kicherte Hilary, lehnte ihren Kopf an Tysons Schulter und schenkte Nami einen dankbaren, strahlenden Blick.

Nami legte ihre Hand auf Kais Brust, spürte den ruhigen, kräftigen Schlag seines Herzens und wusste in diesem Moment tief in ihrer Seele, dass Tysons Großvater jedes einzelne Wort genau richtig getroffen hatte.

Plötzlich spürte Nami ein leises, kontinuierliches Vibrieren in der Tasche ihrer Strickjacke. Während die andere Hälfte der Runde noch immer in das Gespräch über Tysons bevorstehende Vaterrolle und Opa Grangers weise Worte vertieft war, zog sie ihr Smartphone hervor.

Auf dem Display prangte eine ungelesene Nachricht von Lumina.

Nami entsperrte den Bildschirm, überflog die ersten Zeilen... und musste augenblicklich die Hand vor den Mund schlagen. Ein unterdrücktes, glucksendes Lachen entkam ihr, das sofort die Aufmerksamkeit der umliegenden Tische auf sich zog.

„Nami! Es tut mir so, so leid, aber wir schaffen es heute definitiv nicht mehr zu euch ins Dojo… Ich kann schlicht und ergreifend schon wieder nicht richtig laufen. Tala hat mich die gesamte Nacht und gefühlt den halben Morgen so unglaublich gefordert, dass meine Beine... mal wieder... wie Wackelpudding sind. Er liegt hier neben mir, fixiert mich wie ein zufriedener Raubvogel und denkt gar nicht daran, mich aufstehen zu lassen. Habt eine tolle Zeit ohne uns, wir holen das nach! Kuss, Lumina“

Überrascht war Nami keineswegs... schließlich hatte sie genau das schon auf der Herfahrt im Bentley vermutet. Es war schlichtweg typisch für ihre Cousine, aus solchen intimsten Details absolut kein Geheimnis zu machen, zumindest nicht gegenüber ihr.

„Was gibt es da so viel zu lachen?“, erkundigte sich Hilary neugierig von der Seite und beugte sich ein Stück vor.

Elias, der elegant auf seinem Kissen saß, hob eine Braue und musterte Nami scharf. „Eine Nachricht von Lumina? Lass mich raten … sie glänzt weiterhin durch Abwesenheit?“

Nami versuchte, ihr Gesicht halbwegs zu wahren, während ein verräterisches Schmunzeln ihre Lippen umspielte. „Ja … sie entschuldigt sich. Sie und Tala schaffen es heute tatsächlich nicht mehr.“

„Oh, warum das denn? Ist was passiert?“, fragte Max besorgt nach.

Kai, der schräg neben Nami saß, warf einen kurzen, seitlichen Blick auf das Display in ihren Händen. Verwundern tat ihn das Ganze natürlich ebenfalls nicht im Geringsten. Doch während ein leises, fast unmerkliches Ausatmen seiner Nase entwich, behielt er seinen Gedanken eisern für sich: Dass... als Nami noch nicht schwanger gewesen war, er selbst im Bett keineswegs weniger unerbittlich, fordernd oder ausdauernd gegenüber ihr gewesen war als Tala es jetzt bei Lumina war.

„Sagen wir einfach … Tala hat dafür gesorgt, dass sie heute eine Ruhepause braucht“, erklärte Nami diplomatisch, während ihre Wangen leicht aufglühten und sie das Handy schnell wieder wegsteckte.

Elias, der Tala erst seit wenigen Tagen persönlich kannte und von dem sprunghaften Temperament seiner Cousine immer wieder aufs Neue fasziniert war, verzog keine Miene. In seinen kühlen Augen blitzte das gewohnte britische Amüsement auf, während er bedächtig an seinem Tee nippte.

„Ah. Der Klassiker“, kommentierte Elias trocken. „Meine liebe Cousine scheint ihren neuen Begleiter also weiterhin in vollen Zügen in Anspruch zu nehmen.“

Tyson sah verwirrt zwischen allen hin und her. „Warte … was heißt das? Warum kann sie nicht kommen? Hat sie Sport gemacht oder was?!“

Hilary schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Mensch, Tyson! Sei doch nicht so begriffsstutzig!“

„Was denn?! Ich hab doch nur normal gefragt!“, verteidigte sich Tyson empört, während der Rest der Gruppe in leises Lachen ausbrach.

Tyson nahm einen großen Schluck aus seiner Teetasse, stellte sie mit einem klappernden Geräusch ab und stützte die Ellbogen auf den niedrigen Tisch. Er legte den Kopf schief und sah Elias neugierig von oben bis unten an.

„Naja... ist ja auch egal. Dann kommen sie eben nicht. Sag mal, Elias…“, platzte es plötzlich aus Tyson heraus, während er sich nach vorne beugte. „Ich steige da ehrlich gesagt immer noch nicht ganz durch. Wie genau seid Nami und du jetzt eigentlich verwandt? Ihr seht euch mit den hellem Haar ja recht ähnlich, aber seid ihr jetzt Cousins oder wie läuft das bei euch?“

Hilary schüttelte schmunzelnd den Kopf und sah Tyson seitlich an. „Mensch Tyson, du lässt aber auch keine Gelegenheit aus, deine Neugier direkt herauszuposaunen.“

„Was denn?! Ich will das jetzt einfach nur mal genau verstehen!“, verteidigte sich Tyson in gewohnt unverblümter Manier und fuchtelte leicht mit den Händen.

Elias bewahrte seine makellose, ruhige Haltung. Er nahm einen kleinen Schluck von dem dampfenden Grüntee, stellte die Schale behutsam auf die Matte zurück und neigte mit einem feinen, britisch-höflichen Lächeln das Haupt.

„Das ist im Grunde recht schnell erklärt, Tyson“, begann Elias mit seiner angenehmen, tiefen Stimme und strich sich eine weißblonde Haarsträhne aus der Stirn.

„Nami und ich sind überhaupt nicht miteinander blutsverwandt.“

Tyson blinzelte überrascht und verharrte mitten in der Bewegung. „Wie… gar nicht?! Aber ihr gehört doch irgendwie zur selben Familie!“

„Das ist eine Verbindung über Ecken“, schmunzelte Elias gelassen.

„Die eigentliche Verwandtschaft verläuft über meine Cousine Lumina. Luminas Mutter ist die Schwester meiner Mutter... Lumina und ich sind also Cousins ersten Grades mütterlicherseits. Wir teilen uns eine Großmutter und einen Großvater so wie ein paar Onkel und Tanten.“

Er machte eine kurze Pause, um Tyson Zeit zu geben, den ersten Teil zu verarbeiten, ehe er fortfuhr: „Lumina wiederum ist Namis Cousine... allerdings über die Väterseite. Luminas Vater, Lord Eric Davies, ist der Bruder von Namis Mutter. Dadurch sind Lumina und Nami ebenfalls Cousins ersten Grades... aber eben väterlicherseits.“

Elias lehnte sich leicht zurück, legte die Hände locker in den Schoß und fasste es mit trockenem, feinem Humor zusammen: „Ich bin also der Cousin von Luminas Mutterseite, und Nami ist die Cousine von Luminas Vaterseite. Nami und ich teilen uns somit keine gemeinsame Blutlinie, aber durch Lumina überschneiden sich unsere Familien.“

Tyson starrte Elias ein paar Sekunden lang stumm an, während sein Verstand sichtlich versuchte, die Stammbaum-Verzweigung im Kopf nachzubauen. Er hob eine Hand und deutete mit dem Zeigefinger nacheinander auf Nami, Elias und ins Leere.

„Aaaaaah…“, dehnte Tyson schließlich lange aus, während sich ein erleuchtetes Grinsen auf seinen Zügen ausbreitete. „Lumina ist also quasi die Brücke in der Mitte! Sag das doch gleich!“

Nami lachte hell auf und schüttelte amüsiert den Kopf.

Kai schnaufte nur unmerklich leise durch die Nase, nahm einen Schluck Tee und sah Tyson kühl an. „Hast du es jetzt verstanden oder brauchst du eine Zeichnung, Tyson?“

„Haha, sehr witzig, Kai!“, rief Tyson gespielt empört, fuchtelte abwinkend mit der Hand und grinste dann breit in die Runde. „Ich wollt’s doch nur ganz genau wissen!“

Kaum hatte Tyson die Familienverzweigung im Kopf zusammengesetzt, verengten sich seine Augen schon wieder neugierig. Er lehnte sich noch ein Stück weiter über den niedrigen Tisch, stützte das Kinn in beide Handflächen und blickte zwischen Elias und Nami hin und her.

„Apropos Brücke…“, hakte Tyson mit unverhohlenem Interesse nach und kippte auf seinem Kissen leicht nach vorne. „Heißt das dann eigentlich auch, dass ihr beiden euch schon ewig kennt? Ich meine, wenn eure Familien da so verwoben sind, müsst ihr euch doch bestimmt schon als Knirpse über den Weg gelaufen sein, oder?“

Hilary schmunzelte leise über Tysons unermüdlichen Ermittlerdrang, während Max, Ray und Mariah amüsiert beobachteten, wie der ehemalige BBA-Weltmeister nicht lockerließ.

Elias nahm die Frage mit gewohnter Gelassenheit auf. Er führte die feine Porzellanschale noch einmal an die Lippen, genoss den dichten Dampf des Grüntees und stellte sie mit einer fließenden, eleganten Bewegung auf der Holzunterlage ab. Sein Blick schweifte für einen kurzen, nostalgischen Augenblick ins Leere, ehe er Tyson wieder mit seinem kühlen, aber doch warmherzigen Lächeln ansah.

„In der Tat, Tyson“, antwortete Elias ruhig und strich sich eine helle Haarsträhne aus der Stirn. „Man kann durchaus sagen, dass wir uns schon sehr lange kennen. Das lag vor allem an den sommerlichen Traditionen unserer Familien.“

Nami lächelte sanft, während der Duft des frischen Tees in der warmen Luft des Dojos schwebte. Sie erinnerte sich nur zu gut an jene vergangenen Tage.

„Nami kam früher sozusagen alle zwei Jahre für etwa drei Wochen nach London, um die Familie ihrer Mutter und somit auch ihre Großeltern zu besuchen“, erläuterte Elias mit seiner angenehm tiefen, britisch geschulten Stimme. Er neigte leicht den Kopf in Namis Richtung. „Und da die Anwesen unserer Familien eng miteinander verknüpft waren und der Austausch gepflegt wurde, war ich meistens mit von der Partie. Wenn Lumina und Nami durch die weitläufigen Gärten streiften oder im Teesalon saßen, dauerte es meist nicht lange, bis ich mich dazugesellte.“

Ein leises, feines Schmunzeln stahl sich auf Elias’ Züge. „Ganz genau genommen kenne ich Nami dadurch bereits, seitdem sie etwa vier Jahre alt war. Ich habe also so ziemlich jeden ihrer Entwicklungsschritte aus nächster Nähe mitbekommen.“

„Vier Jahre alt?!“, rief Tyson erstaunt aus und riss die Augen auf. „Wahnsinn! Das ist ja praktisch ein ganzes Leben!“

Nami lachte leise auf, lehnte sich ein Stück näher an Kai und blickte zu Elias hinüber.

„Elias war damals schon der ruhige Gegenpol, wenn Lumina und ich das Anwesen meiner Großmutter auf den Kopf gestellt haben. Er hat immer aufpasst, dass wir nicht in die Teichanlagen fallen oder die antiken Vasen umwerfen.“

Kai, der seine Hand noch immer schützend um Namis Taille gelegt hatte, schwieg, doch seine tiefroten Augen lagen aufmerksam auf Elias. Er lauschte den Worten des Briten ohne jede Regung im Gesicht, absorbierte jedoch aufmerksam jedes kleine Detail aus Namis Vergangenheit, das ihm einen noch tieferen Einblick in das Leben seiner Frau gab, lange bevor er selbst Teil davon geworden war.

Tyson fläzte sich wieder ein Stück zurück, legte den Kopf in den Nacken und sah Elias mit einem kugelrunden, scheinheilig-unschuldigen Blick an.

„Ach und... sag mal …“, platzte es plötzlich wieder unverblümt aus Tyson heraus, während er mit dem Zeigefinger in Elias’ Richtung deutete.

„Hat sich Nami damals eigentlich nie in dich verguckt? Ich meine … ich muss schon ehrlich sagen, du siehst aus, als würden dir reihenweise Weiber hinterherlaufen.“

Nami zuckte bei Tysons unverschämter Frage überrascht zusammen. Ein leiser Nachfall ihres Atems entwich ihr, während sie verlegen blinzelte und fluchtartig den Blick abwandte.

Ihre Wangen liefen augenblicklich in einem tiefen Rosa an, und sie starrte unverwandt auf die Dampfwölkchen ihrer Teetasse, als könnte sie sich dahinter verstecken.

Hilary bekam bei dieser intimen Frage regelrechte Schnappatmung. Sie verschluckte sich fast an ihrem Tee, hustete heftig und schlug Tyson mit der flachen Hand auf den Oberarm. „Tyson! Sag mal, bist du eigentlich völlig von allen guten Geistern verlassen?! Was ist das denn für eine unfassbar dreiste Frage?!“, fauchte sie mit hochrotem Kopf.

Doch anstatt wie erwartet kühle Distanz zu wahren, musste Elias tatsächlich laut und herzlich lachen. Er schüttelte amüsiert den Kopf und sah Tyson mit hochgezogener Braue an. „Du hast wirklich eine erstaunlich große Klappe, Tyson. Aber ich muss gestehen, ich finde deine Unverblümtheit ziemlich amüsant.“

Elias warf dabei einen kurzen, unauffälligen Blick hinüber zu Kai. Es war ein winziger, wissender Augenblick, den Ray sofort aufmerksam bemerkte, Tyson jedoch absolut nicht zu deuten wusste. Elias verharrte einen Moment stumm und schien ernsthaft darüber nachzudenken, ob er wirklich etwas dazu sagen sollte.

Nami brachte es derweil nicht übers Herz, Elias anzusehen; sie drückte sich nur ein kleines Stück verlegener an Kais Seite, der die Hände still um sie gelegt hielt.

Elias stellte die Schale ab und sah schließlich wieder in Tysons neugieriges Gesicht.

„Um deine Frage ehrlich zu beantworten, Tyson …“, begann Elias ruhig. „Ich habe damals tatsächlich eine Zeit lang geglaubt, dass Nami für mich schwärmt. Da waren wir jedoch noch Kinder. Es waren eben diese ersten, unschuldigen Kinderschwärmereien … dieses zarte Erröten, wenn man sich nah war, oder die kleinen, verlegenen Blicke.“

Er machte eine kleine Pause. Der Raum war augenblicklich mäuschenstill geworden. Selbst Tyson traute sich nicht mehr dazwischenzuquatschen.

„Doch dann …“, fuhr Elias mit feinem Schmunzeln fort, „… änderte sich plötzlich alles. Es war vor ungefähr neun Jahren, als Nami als Zuschauerin bei einem Meisterschaftsturnier in der Halle saß. Ein Turnier, bei dem auch Kai das allererste Mal öffentlich angetreten ist.“

Nami schloss für einen kurzen Moment die Augen, während die Erinnerung an jenen schicksalhaften Tag wieder vor ihr auflud.

„Danach …“, schloss Elias mit leiser, würdevoller Stimme, „… sah sie mich plötzlich anders an. Die Schwärmerei war verflogen. Sie errötete in meiner Gegenwart nicht mehr. Denn von diesem einen Turniertag an gab es für sie schlicht und ergreifend nur noch einen Einzigen, der dieses Herz bewegen konnte.“

Ray schmunzelte wissend vor sich hin, während Hilary gerührt die Hände vor der Brust faltete.

Tyson starrte Nami mit weit aufgerissenen Augen an, ehe ein überraschtes, lautstarkes Lachen aus ihm herausplatzte.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?!“, rief er aus, schlug sich ungläubig mit der Hand auf den Oberschenkel und beugte sich aufgeregt vor.

„Nami, ist das wirklich wahr?! Du warst … du warst tatsächlich schon so verdammt lange in Kai verliebt?! Jahrelang, bevor ihr euch dann überhaupt erst richtig begegnet seid?! Mann, ich hatte ja absolut keine Ahnung!“

Ray spürte, wie ihm ein Grinsen auf die Lippen steigen wollte, und presste rasch die Zähne zusammen, um ein erneutes Schmunzeln zu unterdrücken. Im Gegensatz zu Tyson brauchte er diese Enthüllung nicht... er wusste es schließlich schon gefühlte Ewigkeiten.

Nami fühlte, wie die Hitze nur noch weiter in ihre Wangen stieg. Sie hob verlegen die Hände, um Tysons überschäumenden Reaktionen Einhalt zu gebieten, und blickte ihn mit einem leichten, bittenden Lächeln an.

„Tyson, bitte … versteh das jetzt bloß nicht falsch“, wiegelte sie sanft ab und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich war definitiv kein Groupie. Ich hatte weder Poster von ihm an meinen Zimmerwänden hängen, noch habe ich jemals versucht, irgendwie mit ihm in Kontakt zu treten oder ihm nachzulaufen. Es war einfach …“ Sie suchte nach den passenden Worten, hob vage die Hand in die Luft, um dieses unaussprechliche Gefühl von damals zu beschreiben.

„Schicksal“, warf Kai trocken ein.

Früher hätte ein Kai Hiwatari sich eher die eigene Zunge verknotet, als jemals auch nur das Wort Schicksalsfügung oder Schicksal in den Mund zu nehmen... geschweige denn zuzugeben, dass es so etwas wie eine höhere Macht überhaupt geben könnte. Sein gesamtes Leben basierte auf absoluter Kontrolle, eigener Stärke und unumstößlicher Logik. Doch wenn es um Nami ging... kam ihm dieses Wort einfach völlig natürlich in den Sinn. Und als er es aussprach, schmeckte es in seinem Mund weder aschig noch falsch, sondern nach der einzigen logischen Wahrheit.

Die tiefen, ruhigen Worte schnitten mühelos durch den Raum. Kai wandte den Blick nicht von Nami ab; seine rubinroten Augen lagen fest und intensiv auf ihr. Während die Stille der Welt um sie herum zurückkehrte, hob er ganz beiläufig ihre Hand, die auf seiner ruhte, und presste einen bedachten, sanften Kuss auf ihre Fingerknöchel.

Elias beobachtete die Szene mit stoischer Eleganz, während er im Stillen die Finger etwas fester um seine Teeschale schloss. Höchst vorsichtig atmete er aus und hoffte inständig, dass Tysons unerschöpfliche Neugier nicht gleich in die nächste, verhängnisvolle Richtung einschlug.

Wenn Tyson jetzt auch noch fragen würde, ob -er- damals in Nami verliebt gewesen war … das zuzugeben... oder womöglich unwahrheitsgemäß abzustreiten... wäre schlichtweg grausam unangenehm. Nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem auch, weil Kai die Wahrheit längst wusste. Und Elias hatte absolut kein Interesse daran, Kai nun auch noch zur Zielscheibe von Tysons geballter Neugier machen zu müssen.

Doch Tyson legte den Kopf plötzlich noch ein Stück schräger, verengte die Augen zu zwei schmalen Schlitzen und sah Elias mit einem Grinsen an, das nichts Gutes verhieß. Sein Gehirn arbeitete sichtlich auf Hochtouren.

„Warte mal…“, begann Tyson langsam, während ihm der nächste Gedanke kam.

„Wenn du geglaubt hast, dass Nami für dich schwärmt, und du jede zweiten Sommerferien mit ihr verbracht hast… Elias, wie war das eigentlich bei dir? Warst du damals nicht auch total in sie verknallt?“

Die Luft im Dojo schien auf einen Schlag um gefühlte zehn Grad abzukühlen.

Hilary erstarrte mitten in der Bewegung. Max hielt den Atem an, und selbst Ray schloss für einen kurzen Moment schmerzerfüllt die Augen über Tysons absolut unerschöpfliche Feinfühligkeit.

Elias veränderte seine Haltung um keinen Millimeter. Seine Hand verharrte ruhig auf der feinen Porzellanschale, doch in seinen himmelblauen Augen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde genau jene Anspannung auf, die er so dringend vermeiden wollte.

Eine Zusage wäre vor der gesamten Runde unangenehm gewesen... eine Lüge jedoch glattweg unter seiner Würde, erst recht, da die Wahrheit zwischen ihm und Kai längst gesprochen war.

Nami wollte gerade ansetzen, um diplomatisch einzuschreiten und die Situation zu entschärfen, als ein tiefes, ruhiges Geräusch die Stille brach.

Kai stellte seine Tasse mit einem vernehmbaren Klack auf dem niedrigen Tisch ab. Er wandte nicht einmal den Kopf zu Elias, sondern sah Tyson direkt, eisig und unbewegt an.

„Du hast wirklich ein erstaunliches Talent dafür, dich in Dinge einzumischen, die dich absolut nichts angehen, Tyson“, sagte Kai mit seiner tiefen, schnörkellosen Stimme, in der eine schneidende Ruhe lag.

Tyson blinzelte überrascht und wich unter Kais kaltem Blick unwillkürlich einen Zentimeter zurück. „W-Was?! Ich schau doch nur, wie die Dynamik damals war!“

„Die Dynamik damals ist völlig irrelevant“, entgegnete Kai gelassen und legte den Arm, der eben noch um Namis Taille gelegen hatte, nun noch ein Stück geschmeidiger um ihre Schulter. Er zog sie ohne jede Hektik, aber mit einer unumstößlichen Selbstverständlichkeit näher an sich.

„Relevant ist nur, wie sie heute ist.“

Elias atmete kaum spürbar, aber tief durch die Nase aus. In seinen Zügen breitete sich wieder das gewohnte, unerschütterliche britische Lächeln aus. Er neigte das Haupt leicht in Kais Richtung... eine lautlose Anerkennung dafür, dass Kai die Situation mit einer Mischung aus Dominanz und Eleganz entschärft hatte, ohne Elias in Verlegenheit zu bringen.

„Dem habe ich absolut nichts hinzuzufügen, Tyson“, schloss Elias mit gewohnt trockener Höflichkeit und nahm seelenruhig einen weiteren Schluck Tee. „Manche Kapitel der Geschichte muss man nicht bis ins letzte Detail sezieren, um das Gesamtkunstwerk zu verstehen.“

„Mensch, Tyson! Kannst du nicht einmal deinen Mund halten, bevor du dein Gehirn einschaltet?!“, platzte Hilary nun endgültig heraus und verpasste Tyson einen herzhaften Knuff gegen die Rippen.

„Aua! Hil! Ich frag doch nur!“, beschwerte sich Tyson lautstark, rieb sich die Seite und verstand mal wieder die Welt nicht mehr, während der Rest der Gruppe leise zu lachen begann.

Nami lehnte ihre Schläfe sanft an Kais Schulter und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Die dezente Possessivität, mit der Kai sie eben vor der Runde beansprucht hatte, vertrieb auch das letzte Fätzchen ihrer verlegenen Röte und hinterließ nur noch wohlige Wärme.

Nachdem sich die aufgeregte Woge um Tysons treffsichere Fragen geglättet hatte und die Gespräche im Dojo langsam in leiseres, gemütlicheres Plätschern übergingen, erhob sich Elias mit makelloser Haltung von seinem Kissen. Er strich sein Sakko glatt, wandte sich an die Runde und richtete seinen Blick schließlich auf Kai und Nami.

„So sehr ich diese unkonventionelle Gastfreundschaft auch genieße“, begann Elias mit einem feinen, britischen Lächeln und neigte leicht das Haupt, „werde ich mich nun allerdings jetzt schon aus der Runde verabschieden müssen. Mein Flug zurück nach London geht zwar erst morgen Abend, aber ich habe heute noch einen wichtigen Weg vor mir.“

Nami blickte überrascht auf und sah ihn sanft an. „Jetzt schon, Elias? Ich dachte, du bleibst noch eine Weile mit Lumina in Tokio?“

„Tatsächlich nicht.“, erwiderte Elias ruhig und schob die Hände locker in die Hosentaschen.

„Lumina wird ohnehin noch mindestens eine Woche länger hierbleiben... auch wenn ihr Zustand nach den Strapazen mit Tala heute Morgen anderes vermuten lässt. Ich persönlich muss jedoch zwingend früher zurück. Meine Großmutter feiert in einer Woche ihren 75. Geburtstag, und ein Fernbleiben würde man mir in der Familie wohl kaum verzeihen. Außerdem möchte ich unbedingt früh genug in London sein, um den Jetlag komplett auszuschlafen, bevor die Feierlichkeiten beginnen. Ein müder Auftritt vor der Verwandtschaft wäre denkbar unpassend.“

Ein leises, verstehendes Lachen ging durch die Runde. Nami nickte mit reinem Wissen um die strengen Traditionen und den hohen Standard der britischen Verwandtschaft.

„Der eigentliche Grund, warum ich mich aber jetzt schon von euch losreiße“, fuhr Elias fort, während sein Blick kurz ins Blaue schweifte und dann wieder fest auf Nami und Kai ruhte,

„ist mein Vorhaben für den verbleibenden Nachmittag. Ich habe mir in den vergangenen Tagen die Universität genauer angesehen... die Campusanlage, an der Lumina ab dem kommenden Frühjahr ihr Studium aufnehmen wird. Und ich habe mich entschlossen, ab Mai ebenfalls hier in Tokio zu studieren. Ich werde die verbleibenden Stunden heute nutzen, um mich direkt vor Ort persönlich an der Universität einzuschreiben, bevor ich morgen ganz in Ruhe meine Koffer packe.“

Nami strahlte augenblicklich übers ganze Gesicht. „Elias, das sind wunderbare Neuigkeiten! Das ist wirklich großartig!“

„Dann haben wir ja bald richtig Verstärkung aus Übersee hier“, merkte Ray schmunzelnd an, während Hilary aufgeregt nickte.

Elias trat einen Schritt näher an Kai heran. Der Blick des Briten war vollkommen klar, frei von jeglicher diplomatischer Rivalität oder Unruhe. Er reichte Kai mit aufrechter Geste die Hand.

„Kai. Es war mir eine außerordentliche Freude. Ich weiß Nami bei dir in den besten Händen.“

Kai sah Elias für einen stummen Herzschlag intensiv aus seinen rubinroten Augen an. Die kühle Unnahbarkeit in Kais Zügen wich einer ruhigen, respektvollen Anerkennung. Er erhob sich, ergriff Elias’ Hand und schüttelte sie mit einem festen, unerschütterlichen Griff.

„Guten Flug, Elias“, sagte Kai mit seiner tiefen, kargen Stimme, in der jedoch ein deutliches Quäntchen Wohlwollen lag. „Wenn du ab Mai in Tokio bist … das Anwesen steht dir offen.“

Elias zog leicht eine Braue hoch, erfreut über das seltene Angebot des sonst so verschlossenen CEO, und neigte dankbar den Kopf. „Ich werde sehr gerne darauf zurückkommen.“

Nach einer herzlichen Umarmung mit Nami und den besten Wünschen an die gesamte Runde verließ Elias das Dojo mit jener stoischen Eleganz, die ihn auszeichnete.

Nami sah ihm kurz nach, ehe sie sich wieder glücklich an Kais Arm schmiegte. Die Gewissheit, dass ein weiteres Mitglied ihrer Familie bald ganz in der Nähe sein würde... und dass Kai ihm mit so viel Respekt begegnet war... , legte ein tiefes Gefühl von Frieden in ihr Herz.

Etwa eine Stunde später...

Der Motor des Bentleys schnurrte leise, als das schwere Fahrzeug geschmeidig durch den nachmittäglichen Verkehr Tokios glitt. Draußen zog die Stadt in einem sanften Band aus Lichern und Silhouetten vorbei, während im Fond des Wagens jene angenehme, vertraute Ruhe einkehrte, die Kai und Nami so eigen war.

Nami saß dicht neben Kai, hatte ihren Arm durch seinen geschlungen und spürte die angenehme Wärme, die er ausstrahlte. Seine Finger ruhten entspannt auf ihren, während sein Blick gedankenverloren aus dem getönten Fenster gerichtet war. Seine gewohnte, ruhige Unerschütterlichkeit hatte ihn längst wieder eingehüllt.

Nami hob leicht den Kopf, strich sich eine silbrige Locke aus der Stirn und sah ihn von der Seite mit einem feinen, schalkhaften Lächeln an.

„Sag mal …“, begann sie leise und knuffte ihn ganz leicht mit der Schulter. „Täusche ich mich, oder kannst du Elias tatsächlich ziemlich gut leiden?“

Kai wandte den Kopf nicht sofort zu ihr, doch der winzige, kaum merkliche Zug um seine Mundwinkel verriet, dass er ihre Frage durchaus gehört hatte. Er nahm einen langsamen Atemzug, ehe er gelassen zu ihr herabsah.

„Er ist entspannt“, erwiderte Kai mit seiner gewohnt tiefen, trockenen Stimme. „Kein unnötiges Drama, kein albernes Getue. Er sagt, was er denkt, ohne einem auf die Nerven zu gehen. Das ist eine Eigenschaft, die bei den meisten Menschen extrem selten ist.“

Nami konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Es war wohl das höchste Lob, das ein Elias Vaughn jemals von Kai Hiwatari erwarten durfte. She neigte den Kopf ein Stück schräger, während das neckische Funkeln in ihren Augen noch etwas intensiver wurde.

„So so …“, raunte sie schmunzelnd. „Oder liegt es vielleicht doch eher daran, dass du ihn einfach lieber ganz genau im Auge behalten willst?“

Kai schnaubte unmerklich durch die Nase und schüttelte langsam den Kopf, während in seinen tiefroten Augen ein leises, amüsiertes Blitzen aufflammte.

„Hör endlich auf anzudeuten, ich wäre eifersüchtig, Nami“, entgegnete er vollkommen gelassen, zog ihre Hand ein Stück höher und legte einen flüchtigen, possessiven Kuss auf ihren Handrücken.

„Dafür gibt es nicht den geringsten Anlass.“

Sein Blick verengte sich leicht, während ein fast unscheinbares, aber unmissverständliches Schmunzeln seine Züge erhellte.

„Allein schon seine kleine Anekdote aus eurer Kindheit … über dieses Turnier damals, das deinen Fokus so schlagartig verändert hat …“, fuhr Kai mit tiefer, ruhiger Stimme fort und sah sie direkt an. „Hat das nicht mehr als deutlich gezeigt, wer hier letztlich über wen triumphiert hat?“

Nami lachte hell auf, spürte jedoch gleichzeitig, wie eine wohlige Hitze in ihre Wangen stieg. Sie lehnte ihre Schläfe wieder an seine feste Schulter und drückte sanft seine Hand.

Es war die absolute Wahrheit. So unberührbar und dominant Kai nach außen hin auch wirken mochte... er mochte Elias tatsächlich. Der Brite war ehrlich, unkompliziert und besaß einen anständigen Charakter. Werte, die Kai tief in seinem Inneren über alles schätzte.

Das feine Neckischsein wich einer tiefen, ehrlichen Wärme. Nami löste sich von seiner Schulter, hob die freie Hand, legte ihre Handfläche sanft an seine Hand und strich mit dem Daumen vorsichtig über seine Haut ehe sie ihren Blick in seine Augen lenkte.

„Ich liebe dich, Kai Hiwatari“, sagte sie leise, aber mit einer Fülle und Überzeugung in der Stimme, die jeden Raum erfüllt hätte. „Du warst und bist mein gesamter Fokus … damals, heute und für immer.“

Kais Blick hielt dem ihren stand. Die rubinroten Augen, die sonst so oft unaufdringlich kühl und undurchdringlich wirkten, wurden weich. Er legte seine Hand über ihre, die an seiner Wange ruhte, und drückte sie sanft fest.

„Und du bist meiner.“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der eine selten gezeigte, aber spürbare Intensität lag. Er beugte sich ein Stück vor und drückte einen bedachten, langen Kuss auf ihre Stirn, ehe er seine Lippen ganz nah an ihr Ohr neigte. „Ich liebe dich auch, Nami. Jetzt und ohne jeden Zweifel."

Nami schmunzelte glücklich, schloss die Augen und lehnte ihre Schläfe wieder an seine feste Schulter, während Kai den Arm fest um sie schloss und der Bentley sie sicher nach Hause fuhr.