Machtlos
Machtlos
Die Dämmerung legte sich langsam wie ein dunkelblauer Schleier über Tokio. Das grelle Neonlicht der Straßenzüge begann auf den feuchten Asphaltflächen zu reflektieren, während der kalte Abendwind feine Schneekristalle durch die Häuserschluchten trieb.
Elias trat aus dem eleganten Eingang des Hotels, zog seinen Mantel etwas fester um die Schultern und war gerade im Begriff, den Weg in Richtung der Innenstadt einzuschlagen, als ein dunkles Taxi mit leise quietschenden Reifen direkt vor dem Haupteingang hielt.
Elias blieb unwillkürlich stehen. Er wollte dem eintreffenden Gast nicht im Weg stehen, als sich die Beifahrertür öffnete und der Fahrer mit gewohnter Diskretion im Wagen verharrte.
Die Hintertür wurde mit einer Bewegung aufgestoßen, die keinerlei Raum für Zögern ließ.
Tala stieg aus. Seine massive Gestalt baute sich in der kühlen Abendluft auf, der schwere dunkle Mantel wie gewohnt bis zum Hals geschlossen. Seine Miene war gewohnt stoisch, fast schon unerschütterlich kühl, doch wer ihn genau kannte, hätte die feinen Schatten der Erschöpfung um seine eisblauen Augen und den leicht rauen, erschöpften Zug um seinen Kiefer nicht übersehen.
Ohne Elias auch nur mit einem Blick zu würdigen... vermutlich hatte er ihn in der Dunkelheit unter dem Vordach noch gar nicht registriert... , lief der Russe mit strammen, zielgerichteten Schritten um das Heck des Taxis herum auf die andere Seite.
Er riss die Tür auf.
Lumina saß im Fond. Ihr silbriges Haar war zwar in eine elegante Hochsteckfrisur gerettet worden, doch einzelne Locken fielen ihr weich ins Gesicht. Ihre magentafarbenen Augen glänzten matt, von tiefer, vollkommener Verausgabung gezeichnet, während ein unverschämtes, glückseliges Lächeln ihre Lippen umspielte. Sie versuchte vorsichtig, ein Bein aus dem Wagen zu setzen, um auf die eigenen Füße zu gelangen... doch im selben Moment, in dem sie ihr Gewicht auf das erste Knie verlagern wollte, versagten ihre Muskeln den Dienst.
Ein leises, hilfloses Kichern entwich ihrer Kehle.
Tala zögerte nicht eine Millisekunde. Er schüttelte nur stumm und mit einem tiefen, genervten Brummen den Kopf, beugte sich weit in den Fond hinein und griff nach ihr.
Ehe Lumina auch nur protestieren konnte, schob er einen Arm tief unter ihre Kniekehlen und den anderen fest um ihren Rücken. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung hob er sie mühelos aus dem Taxi und hievte sie wie selbstverständlich auf seine kräftigen Arme.
Ein klares, glockenhelles Lachen entfuhr Lumina. Es hallte unbeschwert durch die kühle Abendluft, während sie augenblicklich beide Arme um seinen Nacken schlang, um nicht den Halt zu verlieren.
„Tala!“, lachte sie heiser, völlig außer Atem, und vergrub das Gesicht kurz an seiner Halsbeuge. „Ich hätte es schon irgendwie geschafft…“
„Du wärst direkt auf die Nase gefallen“, knurrte Tala dunkel an ihrem Ohr, während er die Taxitür mit einer Fußbewegung zustieß und das Bündel Scheine bereits durch das Fahrerfenster geschoben hatte. „Deine Beine sind wie Pudding. Halt den Mund und lass dich tragen.“
Lumina lachte nur noch lauter, zog sich mit einem spitzbübischen Schmunzeln etwas steiler an ihm hoch und presste ihre Wangen provokant an seinen harten Kiefer.
Tala wandte den Kopf ab, versuchte krampfhaft, die eiskalte Unmutsmiene aufrechtzuerhalten, doch der eiserne Griff, mit dem er ihren Körper fest an seine Brust gepresst hielt, verriet ihn vollkommen. Er drehte sich um, um zielstrebig auf die automatischen Glastüren des Hotels zuzusteuern... und erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde mitten in der Bewegung.
Ein paar Meter entfernt, halb im Schatten der dekorativen Säulen des Vordachs, stand Elias.
Er hatte die Arme entspannt in den Mantel taschen vergraben. Seine Brauen hoben sich langsam nach oben, und ein unnachahmlich amüsiertes, tief wissendes Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus. Er wechselte kein einziges Wort mit ihnen, doch sein Blick wanderte langsam von Talas angespannter, beinahe ertappter Miene hinab zu Lumina, die absolut glücklich und völlig ungeniert auf den Armen des hünenhaften Russen hing.
Tala verengte die eisblauen Augen zu gefährlichen Schlitzen. Seine Kiefermuskeln traten scharf hervor. Für einen Herzschlag sah es so aus, als wolle er Elias am liebsten mit Blicken durchbohren, weil dieser Zeuge dieses Moments geworden war... dieser absoluten, unfreiwilligen Entblößung seiner Beschützerinstinkte.
Lumina hingegen bemerkte Elias nun ebenfalls. Anstatt verlegen zu werden, winkte sie Elias mit einem bezaubernden, völlig erschöpften Grinsen zu.
„Guten Abend, Elias!“, rief sie ihm verschmitzt entgegen.
Tala stieß ein tiefes, wütendes Knurren aus der Brust aus, spannte die Muskeln an und marschierte stoisch, ohne Elias auch nur mit einer Silbe zu begrüßen, erhobenen Hauptes an ihm vorbei direkt durch die automatischen Glastüren ins warme Innere der Lobby.
Elias sah den beiden schmunzelnd nach, wie Tala die zierliche Frau auf seinen Armen trug, als sei sie das Einzige auf der Welt, das er vor dem Verfall schützen musste... während Lumina sich entspannt an ihn schmiegte und leise weitergluckste.
Elias schüttelte leise schmunzelnd den Kopf und raunte leise vor sich hin, während die Glastüren hinter den beiden zufielen:
„Machtlos gegen das, was er fühlt… Du hast wirklich deine Meisterin gefunden, Tala.“
Der schwere Duft von frischen Lilien und teurem Leder empfang Tala und Lumina, als sich die automatischen Glastüren der Hotellobby hinter ihnen schlossen. Die wohlige Wärme des Innenraums hüllte sie augenblicklich ein und bildete einen extremen Kontrast zu dem beißenden, kalten Abendwind draußen.
Tala verlangsamte seine Schritte nicht um ein einziges Tempo. Er marschierte mit stoischem Blick über den polierten Marmorboden, als würde er eine militärische Formation anführen... völlig ignorierend, dass der Concierge am Empfang kurz die Augen weit aufriss und schnell schluckte, ehe er professionell den Blick senkte.
Lumina lag nach wie vor in seinen Armen. Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und stieß bei jedem seiner kraftvollen Schritte ein leises, erschöpftes Seufzen aus. Obwohl ihre Muskeln völlig versagten, geizte sie keineswegs mit ihren Sprüchen.
„Tala…“, murmelte sie heiser, während ihr kleiner Atemhauch seinen Hals traf. „Du hättest Elias wenigstens hallo sagen können. Das war unhöflich. Schließlich musste er heute ohne uns zum brunchen.“
„Ich bin nicht hier, um Kaffeekränzchen mit aristokratischen Briten zu halten“, knurrte Tala tief aus der Brust heraus, ohne auch nur den Blick zu senken. Seine Stimme vibrierte spürbar durch seinen schweren Mantel. Er steuerte geradewegs auf die Fahrstühle zu und drückte mit dem Ellenbogen den Rufknopf. „Außerdem grinst er wie ein ehlendiger Besserwisser.“
Lumina gluckste leise auf, was in ein kurzes Gähnen überging. „Er ist nur erstaunt, dich so hilfsbereit zu sehen. Du siehst furchtbar wütend aus für jemanden, der mich gerade freiwillig trägt.“
Tala verengte die eisblauen Augen und blickte kurz kühl auf die silbrige Mähne in seinen Armen hinab. „Hilfsbereit? Ich habe nur keine Lust, dich vom Boden zu fischen, wenn du auf dem Asphalt zusammenbrichst.“
„Natürlich…“, hauchte Lumina, schloss vollkommen ungeniert die Augen und schmunzelte matt. „Ganz wie du meinst, Tala…“
Ein leises Pling kündigte die Ankunft des Aufzugs an. Die verspiegelten Türen glitten lautlos auseinander.
Tala trat hinein, drehte sich fließend um und betätigte mit dem Knöchel seiner Hand die Taste für die oberste Etage. Als sich die Türen schlossen und sie allein in der kabineneigenen Stille waren, blieb seine Miene unverändert hart, doch er lockerte seinen Griff ein klein wenig, um ihre Beine besser zu stützen.
„Du bist völlig durch den Wind, weißt du das?“, raunte er trocken, während der Fahrstuhl sanft nach oben glitt. „Erst große Reden schwingen und dann nicht mal drei Schritte zum Taxi schaffen.“
„Ich wollte… einfach nur zurück ins Hotel…“, murmelte Lumina halb im Schlaf und blinzelte ihm mit ihren magentafarbenen Augen verschmitzt entgegen.
„Aber irgendjemand musste es ja maßlos übertreiben... “
Tala stieß ein tiefes, amüsiertes Schnauben durch die Nase aus. „Halt den Mund, Lumina. Beschwer dich nicht über die Quittung... du wolltest es schließlich so.“
Der Aufzug erreichte die vierzehnte Etage, und die Türen öffneten sich wieder. Mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten trug er sie durch den weichen Teppichläufer des Flurs direkt vor ihre Zimmertür.
Tala fischte den elektronischen Schlüssel aus seiner Manteltasche, hielt sie dabei mühelos mit einem Arm fest und entsperrte die Tür mit einer einzigen geschickten Bewegung. Er stieß das Holz auf, betrat das abgedunkelte Zimmer und stieß die Tür mit der Ferse hinter sich ins Schloss.
Er steuerte direkt auf das große Bett zu und ließ sie vorsichtig genug, auf die weiche Matratze gleiten.
Lumina sank mit einem tiefen Seufzer in die Kissen zurück, das silbrige Haar breitete sich wirr um ihren Kopf aus. Tala richtete sich auf, streifte sich mit einer fließenden Bewegung den schweren Mantel von den Schultern und warf ihn kalt über seine Schulter.
Er wandte sich ab, bereit, den Raum zu verlassen und in sein eigenes Zimmer zu gehen.
„Bleib…“, erklang plötzlich Luminas leise, heisere Stimme aus dem Kissen.
Tala hielt in der Bewegung inne. Sein Körper spannte sich auf der Stelle an. Er drehte sich nicht um, doch seine eisblauen Augen verengten sich in der Dunkelheit des Zimmers.
„Bitte… bleib einfach hier bei mir. So wie gestern.“, fügte sie hinzu. Es war kein Flehen, sondern eine schlichte, ehrliche Bitte, die in der Stille des Raumes nachhallte.
In Tala tobte augenblicklich ein innerer Kampf. Sein Kiefer spannte sich so hart an, dass die Muskeln hervortraten. Erst heute Morgen war er mit ihr im Arm erwacht. Er hatte sie im Schlaf nicht losgelassen, hatte sich an sie festgeklammert, ohne dass sein Verstand es bewusst entschieden hatte.
Dieser bloße Reflex hatte ihm einen Riss in seiner sonst so fehlerfreien, kalten Mauer versetzt... ein reiner Kontrollverlust, den er verabscheute.
In seinem Inneren keimte das drängende, fast instinktive Bedürfnis auf, zu fliehen. Es war eine absurde Ironie: Er hatte diese Frau über Stunden hinweg dominiert, hatte ihren Körper vollkommen kontrolliert und sie mehrmals an den Rand des Wahnsinns zum Kommen gebracht... und nun, da die körperliche Ekstase vorbei war, forderte sie tatsächlich echte Nähe ein. Das verunsicherte ihn erneut auf eine Weise, die er nicht greifen konnte.
Er holte tief Luft, um ihr eine gewohnt schroffe Abfuhr zu erteilen und sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Doch ehe er seinen Gedanken auch nur zu Ende führen konnte, durchbrach ihre Stimme erneut die Dunkelheit.
„Du kannst natürlich auch wieder flüchten, wenn du zu überfordert bist“, meinte Lumina mit einem leisen, schwachen Schmunzeln in der Stimme, während sie die Augen geschlossen hielt. „Das wäre ja schließlich nichts Neues.“
Talas Kopf zuckte herum. Sein Blick durchbohrte die Dunkelheit und traf die zierliche Gestalt auf dem Bett. Für einen langen, zentnerschweren Herzschlag herrschte absolute Stille. Sein stolzer, unnachgiebiger Charakter revoltierte gegen ihre Worte, und der Impuls, die Tür einfach hinter sich zuzuschlagen, war greifbarer denn je.
Seine Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar. Für einen Moment herrschte im abgedunkelten Raum eine so dichte, bedrohliche Stille, dass man nur das leise Pfeifen des kalten Windes draußen vor den Scheiben hörte. Luminas Worte hallten in seinen Ohren nach, kratzten an seinem stolzen Ego und trafen punktgenau den wunden Punkt, den er heute Morgen unter allen Umständen hatte verdrängen wollen.
Überfordert. Geflüchtet.
Ein tiefes, gefährliches Knurren entstieg seiner Brust. Anstatt hinaus zu gehen und die Tür hinter sich zuzuschlagen, machte er zwei schwere, gezielte Schritte zurück zum Bett.
Seine schattige Silhouette baute sich bedrohlich über der im Kissen liegenden Lumina auf. Er beugte sich so weit hinab, dass sein sonst so warmer, von der Abendluft noch immer leicht kühler Atem ihre Wange streifte.
„Glaub bloß nicht, dass deine billigen Psychospiele bei mir erneut funktionieren, Lumina“, brummte er eiskalt, während seine eisblauen Augen in der Dunkelheit gefährlich funkelten. „Ich flüchte vor gar nichts. Und erst recht nicht vor einer Frau, die nicht mal mehr auf ihren eigenen Beinen stehen kann.“
Lumina erwiderte seinen Blick kaum spürbar, ein mattes, unverschämtes Schmunzeln lag auf ihren Lippen, ehe ihre Lider vollends schwer wurden.
Tala richtete sich ruckartig auf, stieß ein genervtes Zischen aus und stiftete keine weitere Silbe mehr an Worte. Um ihr unmissverständlich zu beweisen, wie lächerlich er ihre Behauptung fand, streifte er sich mit zwei rauen Bewegungen die Stiefel von den Füßen. Er dachte gar nicht daran, sich auszuziehen... er wollte nur klarstellen, wer hier die Kontrolle behielt.
Mit einer harten, fast schon hölzernen Bewegung warf er sich auf das breite Bett, zog die Decke grob über sie beide und drehte ihr augenblicklich den Rücken zu.
„Mach die Augen zu und halt endlich den Mund.“, raunte er düster in die Dunkelheit des Zimmers.
Er lag starr wie eine Statue auf der Matratze. Seine Muskeln waren extrem angespannt, jede Sehne in seinem Körper wirkte wie auf Hochspannung. Er redete sich ein, dass er nur hier lag, um dieser unerträglichen Behauptung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Um ihr zu zeigen, dass ihre Nähe ihm absolut nichts anhaben konnte. Dass er stoisch und unberührt war.
Doch die Realität sah anders aus.
Nur wenige Sekunden später gab die Matratze leicht nach. Von der Müdigkeit übermannt und völlig ohne Hintergedanken schob sich Lumina im Schlaf näher an seinen breiten Rücken. Ein leises, zufriedenes Seufzen entwich ihren Lippen, als sie stirnvoran an seinem Schulterblatt andockte und einen Arm ganz automatisch quer über seine Hüfte legte, um sich an seiner Wärme zu bedienen.
Tala erstarrte vollkommen. Sein Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde.
Die Wärme ihres Körpers sickerte augenblicklich durch sein Hemd. In seinem Kopf schlug der Verstand Alarm... er wollte sich wegdrehen, sie von sich stoßen, sie anknurren, dass sie Abstand halten sollte.
Doch seine Arme bewegten sich nicht. Sein Körper verweigerte den Befehl zur Flucht.
Er ballte die Fäuste auf dem Laken fest zusammen, schloss die Augen und kämpfte gegen das drückende, unerklärliche Gefühl in seiner Brust an, das er mit aller Macht zu ignorieren versuchte.
Er lag minutenlang völlig reglos da, während er spürte, wie sich Luminas regelmäßiger, tief werdender Atem an seinem Rücken beruhigte. Sie war eingeschlafen... vollkommen entkräftet und ohne jede weitere Provokation.
Er selbst hingegen war hellwach. Das Adrenalin der Auseinandersetzung und die unbequeme Kälte, die ihm langsam in die Knochen kroch, machten an Schlaf gar nicht erst denkbar. Hose und Hemd spanten unbequem an seinen Oberschenkeln und Schultern, der Stoff klemmte bei jeder minimalen Bewegung.
Er richtete sich langsam auf. Die Matratze wackelte kaum merklich, als er die Beine über die Bettkante schwang und sich die Haare aus der Stirn strich.
Er war jetzt frei. Er konnte aufstehen, in sein eigenes Zimmer gehen und sich in sein eigenes Bett legen. Sie schlief bereits tief und fest. Selbst wenn er ging, würde sie es gar nicht mitbekommen. Und selbst wenn... was kümmerte es ihn, was sie am nächsten Morgen dachte? Er schuldete ihr keine Rechenschaft, erst recht keine Gesellschaft.
Tala stand lautlos auf und wollte sich bereits abwenden, doch sein Blick blieb hängen.
Der blasse Scheinvorhang der Nacht warf kühles Licht durch die Fensterfront des Zimmers auf das Bett. Lumina lag dort, immer noch voll angezogen in ihrem dunklen Rollkragenpullover und der eng anliegenden Hose. Ihr silbriges Haar lag wirr über den Kissen verstreut, und ihr Gesicht war im Schlaf völlig verändert. Kein neckisches, unverschämtes Grinsen, kein spöttischer Unterton, keine provozierende Höflichkeit, mit der sie sonst versuchte, seine Rüstung zu durchbrechen.
Sie sah einfach nur friedlich aus. Fast schon makellos, mit einer Ruhe, die in absolutem Kontrast zu der chaotischen Energie stand, die sie sonst umgab.
Tala verharrte mitten im Raum. Ein dunkler Schatten legte sich über seine Züge, während in seinem Kopf der gewohnte Selbstbetrug einsetzte. Er redete sich ein, dass er nur stehen blieb, weil es absurd war, sie in Straßenkleidung schlafen zu lassen. Dass es rein praktisch war. Doch etwas tief in seinem Inneren... eine eiskalte, ungreifbare Unruhe... hielt ihn davon ab, die Klinke der Zimmertür auch nur zu berühren.
Mit gewohnter, lautloser Präzision wandte Tala den Blick nicht von ihr ab, während er begann, seine eigene Kleidung abzulegen. Er streifte das Hemd über den Kopf, knöpfte die Hose auf und ließ sie zu Boden gleiten, bis er schließlich nur noch in seinen Boxershorts dastand.
Sein Verstand suchte krampfhaft nach einer rationalen Erklärung. Normalerweise überließ er nichts dem Zufall, jede seiner Handlungen hatte ein klares, logisches Ziel.
Doch jetzt?
Er wusste selbst nicht genau, warum er das hier tat. Warum er nicht einfach den Schritt in sein eigenes Zimmer machte, wo eine ruhige, ungestörte Nacht auf ihn gewartet hätte.
Es war kein kalkulierter Entschluss, sondern ein unwillkürliches Bedürfnis, das sich tiefer in ihm regte, als seine Logik reichte. Er spürte den drängenden Wunsch, sich einfach wieder zu ihr zu legen. Nicht, um großartig Nähe einzufordern. Nicht, um sie wieder in die Arme zu schließen oder sich an ihr festzuklammern. Es reichte vollkommen aus, einfach nur glatt und stoisch neben ihr zu liegen... im selben Raum, auf derselben Matratze.
Tala trat vorsichtig an ihre Bettseite heran. Er beugte sich schweigend vor, griff mit rauen, überraschend kontrollierten Händen nach den Bündchen ihrer Hose und streifte sie ihr mit leisen, behutsamen Bewegungen über die Knöchel. Danach fasste er nach dem Saum ihres dicken Rollkragenpullovers, zog ihn ihr vorsichtig über den Kopf. Zurück blieb sie nur in ihrer leichten Unterwäsche, befreit von den einengenden Stoffen des Tages.
Lumina murmelte im Schlaf etwas Unverständliches, drehte sich leicht auf die Seite und seufzte tief aus, ohne wirklich aufzuwachen.
Tala verharrte einen Augenblick, die Lippen fest aufeinandergepresst. Er zog die Decke ein Stück höher über ihre Schultern, ehe er auf die andere Seite des riesigen Bettes stieg.
Lautlos glitt er unter die Decke und legte sich flach auf den Rücken. Seine Schultern lagen breit auf den Kissen, die eisblauen Augen starr auf die dunkle Decke des Zimmers gerichtet. Er hielt gebührenden Abstand zu ihr. Seine Arme ruhten locker neben seinem Körper... er berührte sie nicht einmal.
Und dennoch, während das leise, gleichmäßige Atmen der schlafenden Lumina neben ihm den Raum erfüllte, spürte er, wie die Anspannung in seinem Nacken langsam nachließ. Er verstand dieses Gefühl nicht, verabscheute die Kontrolle, die es über ihn ausübte, und stellte doch für diese Nacht das Hinterfragen ein.
Er schloss die Augen und ließ sich schweigend in die Dunkelheit sinken.
Tala schlug die Augen auf. Er war sofort hellwach... der militärische Drill seiner Vergangenheit ließ ihn niemals träge aus dem Schlaf gleiten. Sein erster Impuls war es, den Körper auf Spannung zu bringen, doch die gewohnte Härte schmolz im selben Herzschlag dahin, als er die Schwere spürte, die auf seiner Brust lag.
Lumina.
Sie hatte sich im Laufe der frühen Morgenstunden unbemerkt die verbleibende Distanz auf der Matratze geholt. Ihr Kopf ruhte direkt auf seiner nackten Brust, das silbrige Haar lag wirr über seine Schulter verstreut, und ein Bein hatte sie quer über seine Oberschenkel geworfen. Ein Arm schlang sich um seine Taille, als sei er ein riesiges Kissen, das sie gegen die Morgenkälte verteidigen musste.
Tala verharrte völlig starr. Seine eisblauen Augen fixierten die Decke. In seinem Kopf schlug der gewohnte Alarm an:
Kontrollverlust. Schon wieder.
Er war nicht gegangen. Er hatte sie ausgezogen. Er lag hier in Boxershorts neben ihr, und sein Körper hatte die Grenze, die sein Verstand so krampfhaft gezogen hatte, im Schlaf wieder völlig einreißen lassen.
Er atmete tief durch die Nase ein, wobei sich sein Brustkorb hob und Lumina auf ihm leicht mitbewegt wurde.
Ein leises, verschlafenes Murren entwich ihrer Kehle. Lumina blinzelte mühsam gegen das kühle Licht an. Ihre magentafarbenen Augen brauchten ein paar Sekunden, um scharf zu stellen, ehe sie bemerkte, worauf ihr Gesicht gebettet lag. Sie spürte die harten Muskeln unter ihrer Wange, die gleichmäßige, warme Haut und den rauen Herzschlag, der darunter schlug.
Anstatt erschrocken zurückzuweichen, hob sie langsam den Kopf. Ein verschmitztes, noch völlig verschlafenes Schmunzeln breitete sich auf ihren Zügen aus.
„Guten Morgen, Tala…“, hauchte sie heiser, die Stimme noch vom Schlaf belegt. Ihre Augen wanderten von seiner angespannten Kieferpartie hinab zu seiner entblößten Brust und wieder hoch. „Ich dachte, du wolltest flüchten? Stattdessen liegst du halbnackt in meinem Bett.“
Talas Kiefermuskeln traten scharf hervor. Er wandte den Kopf leicht zur Seite, um ihrem Blick nicht direkt ausgesetzt zu sein, während seine Hand stoisch auf der Matratze liegen blieb.
„Ich habe dir gestern gesagt, dass du deinen Mund halten sollst“, brummte er tief und rau. „Mein Zimmer liegt zwei Stockwerke weiter unten. Ich hatte schlichtweg keine Lust, da runterzughen... außerdem lagst du noch vollkommen angezogen auf dem Bett.“
Lumina gluckste leise auf... ein unbeschwertes, spöttisches Geräusch, das die kühle Morgenluft durchbrach. Sie stützte sich mit einer Hand auf seiner Brust ab, um ihn von oben herab anzusehen.
„Natürlich. Pure Bequemlichkeit, ganz bestimmt“, meinte sie neckisch, während ihre Augen verräterisch glänzten. „Und die Kleidung hast du mir wahrscheinlich auch nur aus absoluter Nächstenliebe ausgezogen?“
Tala verengte die Augen zu gefährlichen Schlitzen. Ein dunkler Schatten legte sich über seine Züge, als sein Stolz versuchte, die Oberhand zurückzugewinnen. Er griff nach ihrem Handgelenk... fest genug, um ihr seine Überlegenheit zu demonstrieren und drehte sie mit einer einzigen, fließenden Bewegung unter sich, sodass er nun über ihr lag.
„Reiz das Glück nicht aus, Lumina“, knurrte er leise an ihrem Ohr, während sein massiver Körper sie wieder komplett einnahm. „Ich bin nicht dein Dienstbote und erst recht nicht dein Kuscheltier.“
Doch Lumina verlor kein Fältchen ihres Grinsens. Sie sah zu ihm hoch, die magentafarbenen Augen blitzten aufmerksam. Sie spürte den harten Herzschlag, der in seiner Brust raste... ein deutliches Zeichen dafür, dass seine kühle Maske nur noch mehr Risse bekommen hatte, egal wie sehr er dagegen ankämpfte.
„Du brummst schon wieder, Tala“, hauchte sie völlig unbeeindruckt und legte die freie Hand ganz leicht an seine Wange. „Aber du bist immer noch hier.“
Tala erstarrte unter ihrer Berührung. Für einen langen, intensiven Herzschlag trafen sich ihre Blicke in absoluter Stille. In ihm tobte der gewohnte Sturm aus Abwehr und dieser unerklärlichen, drängenden Anziehungskraft, die er mit seinen Einundzwanzig Jahren schlichtweg noch nicht einordnen konnte. Er verabscheute es, wie leicht sie ihn aus der Fassung brachte... und gleichzeitig war es ihm absolut unmöglich, sich von ihr abzuwenden.
Er stieß ein genervtes Zischen aus, ließ ihr Handgelenk los und stützte sich neben ihrem Kopf auf den Ellenbogen ab.
„Ich gehe jetzt duschen“, brummte er düster, richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett, ohne sie noch einmal anzusehen.
„Und wenn ich zurückkomme, bist du angezogen.“
Lumina blieb schmunzelnd auf dem Kissen liegen, schlang die Arme über dem Kopf zusammen und sah seinem breiten Rücken nach, wie er auf das Badezimmer zusteuerte.
„Wie du meinst, mein Großer …“, rief sie ihm amüsiert hinterher. „Wie du meinst.“
Das heiße Wasser prasselte mit unerbittlichem Druck auf seine Schultern und wusch die verbleibende Taubheit der Nacht von seiner Haut. Tala stützte beide Hände gegen die kühlen, dunklen Fliesen der Dusche, ließ den Kopf hängen und schloss die Augen. Der Dampf füllte die Kabine, doch die Hitze schaffte es nicht, die innere Unruhe zu verbrennen, die in seinen Adern tobte.
Er fluchte tief aus der Kehle auf Russisch, während ihm das Wasser über die fest zusammengepressten Lippen lief.
Sein Kiefer mahlte. Er war kurz davor gewesen. Wieder. Er hatte über ihr gelegen, spürte ihren Atem auf seiner Haut, und die Versuchung, die Kontrolle erneut komplett abzugeben, sie greifen und ihren Mund mit einem harten, besitzergreifenden Kuss zu versiegeln, war so nah gewesen, dass er den Geschmack ihrer Haut bereits auf der Zunge gespürt hatte.
Er verstand schlichtweg nicht, was zur Hölle mit ihm los war.
Sein gesamtes Leben hatte auf Kontrolle basiert. Auf Disziplin, Kälte und eiserner Beherrschung. Und jetzt? Vorgestern Abend war er völlig besessen mit dem Taxi zum Ayame-Anwesen gefahren, nur um Lumina da rauszuzitieren.
Warum?
Weil er den halben Tag lang nicht dazu in der Lage gewesen war, seine eigene Erektion beim bloßen Gedanken an sie in den Griff zu bekommen. Es war lächerlich gewesen. Ein unerträglicher Zustrom von Verlangen, der ihn rasend gemacht hatte. Er hatte sie gebraucht... schlicht und ergreifend gebraucht... , um sich an ihr abzureagieren.
Denn sie schien die Einzige auf dieser Welt, die dieses abartige, drängende Verlangen stoppen konnte, das sie überhaupt erst in ihm auslöste.
Ganze vier Nächte hintereinander. Vier verdammte Nächte, in denen er sie dominiert, hart geküsst und maßlos an sich gerissen hatte. Im Bett, unter den dampfenden Wasserstrahlen der Dusche, gegen die kalte Wand gepresst und vorgestern Nacht stundenlang bis zum nächsten Vormittag im Love Hotel. Er hatte ihren Körper gefordert, hatte sie wieder und wieder an den Rand des Wahnsinns getrieben, bis sie seinen Namen wimmerte und nur noch in seinen Armen lag.
Tala schlug mit der Faust flach gegen die Fliesenwand. Das Geräusch hallte dumpf wider.
Wieso kam er nicht von ihr los? War er wirklich so süchtig nach dieser Frau?
Es ergab keinen Sinn für seinen Verstand. Er war ein Soldat, gewohnt an eiserne Disziplin, an Kontrolle und unerschütterliche Distanz. Und doch funktionierte kein einziger seiner Abwehrmechanismen, sobald Lumina in seiner Nähe war.
Er wollte sie.
Er wollte sie mit einer Intensität, die ihn wütend machte. Er wollte, dass sie nur ihm allein gehörte, dass kein anderer Mann auch nur einen Blick auf dieses spöttische Lächeln oder diese silbrige Mähne warf. Und doch… wollte er sie im selben Moment am liebsten vergessen. Wollte ihre Stimme aus seinem Kopf streichen, dieses unverschämte, glückselige Lächeln auslöschen, das ihn jedes Mal aufs Neue provozierte.
Wollte er das wirklich?
Wollte… er sie wirklich vergessen?
Er fuhr sich mit beiden Händen durch das nasse Haar, stieß ein raues, düsteres Schnauben aus und drehte den Hahn rücksichtslos auf eiskalt. Das eisige Wasser traf seinen massiven Körper wie ein Peitschenhieb, ließ seine Muskeln augenblicklich verkrampfen und zwang ihn zu einem tiefen Atemzug.
Doch selbst die eiskalte Dusche schaffte es nicht, das Bild von ihren magentafarbenen Augen aus seinem Kopf zu brennen.
Das Dampfen verflüchtigte sich langsam, als Tala ein dunkles Handtuch straff um seine Hüften schlang und ein zweites nutzte, um sich die nassen, dunklen Haare aus dem Gesicht zu rubbeln. Die Kälte, die er sich am Ende der Dusche auferlegt hatte, drückte zwar seinen Puls herunter, doch sein Blick in den beschlagenen Spiegel verriet eine unbeugsame, düstere Anspannung.
Er stieß die Badezimmertür auf und trat zurück in das Hotelzimmer.
Lumina stand bereits am großen Panorafenster, die Arme verschränkt und den Blick auf die erwachende Skyline von Tokio gerichtet. Sie hatte seinen Befehl tatsächlich befolgt: Sie trug ein bequemes, cremefarbenes Strickkleid, ihr silbriges Haar war locker im Nacken zusammengebunden, und die blasse Haut an ihrem Hals trug noch immer die verräterischen Spuren der letzten Nächte.
Als sie das Geräusch seiner Schritte hörte, drehte sie sich langsam um. Das gewohnte, spitzbübische Lächeln blitzte sofort wieder auf ihren Lippen auf, und ihre magentafarbenen Augen glänzten aufmerksam.
„Na, hat das kalte Wasser geholfen?“, stichelte sie leise und ließ ihren Blick völlig ungeniert über seine breite, nasse Brust und die scharfen Konturen seiner Muskeln wandern.
Tala verharrte zwei Schritte vor ihr. Er ignorierte ihre Stichelei stoisch, während er das Handtuch aus den Haaren nahm und es sich um den Nacken legte. Seine eisblauen Augen verengten sich.
„Ich habe heute übrigens keine Zeit für dich“, brummte er tief und rau, während seine Stimme keinerlei Raum für Diskussionen ließ.
„Und du stehst mir daher heute bloß nicht im Weg herum. Kapiert?“
Lumina trat einen Schritt näher an ihn heran. Der sanfte Duft von Lilien und ihrer weichen Haut stieg ihm sofort wieder in die Nase... derselbe Duft, der ihn in den letzten vier Nächten um den Verstand gebracht hatte.
Anstatt sich wie immer von seiner gewohnt geschaffenen Härte einschüchtern zu lassen, entwich ihrer Kehle ein leises, glockenhelles Kichern.
„Mach dir um mich keine Sorgen, Tala“, erwiderte sie verschmitzt und sah mit einem spitzbübischen Funkeln in den magentafarbenen Augen zu ihm auf. „Ich bin heute ohnehin beschäftigt. Ich helfe Elias beim Packen... er fliegt heute Abend schließlich schon zurück nach London und dann treffen wir uns mit Nami zum Mittagessen.“
Talas Kiefermuskeln spanten sich auf der Stelle an. Die Erinnerung an Elias’ amüsiertes, wissendes Lächeln von gestern Abend vor dem Hotel blitzte vor seinem inneren Auge auf.
Er beugte sich ein Stück zu ihr hinab, sodass sein massiver Schatten sie komplett einnahm.
„Dann sieh zu, dass du Land gewinnst, Lumina“, raunte er dunkel, nur wenige Zentimeter von ihren Lippen entfernt, während seine Blicke sich in ihren verhakten.
Lumina blinzelte langsam, legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn mit einem unverschämt unschuldigen Blick an.
„Kommst du denn nicht mit runter zum Frühstücken?“, fragte sie beiläufig, als wäre es das Normalste der Welt.
Tala verengte die eisblauen Augen und stieß ein tiefes, raues Schnauben aus der Brust aus. „Sicher nicht.“
Anstatt zurückzuweichen, stellte sich Lumina auf die Zehenspitzen, drückte ihm einen federleichten, provozierenden Kuss direkt auf den harten Kieferknochen und raunte ihm leise ans Ohr:
„Schade. Dein Verlust, mein Großer.“
Sie wandte sich mit einem leisen Glucksen ab und schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale auf dem Tisch.
„Wir sehen uns heute Abend!“, rief sie ihm verschmitzt über die Schulter zu und steuerte entspannt auf die Tür zu.
Tala blieb starr im Raum stehen, ballte die Fäuste und musste den brennenden, besitzergreifenden Drang in seiner Brust mit aller Macht niederkämpfen, sie nicht auf der Stelle am Handgelenk zurückzureißen.