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Stolz

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Stolz

Das exklusive Traditionshaus in einer ruhigen Seitengasse von Ginza lag abgeschirmt vom Hektik und Lärm der Hauptstraße. Das sanfte Plätschern des kleinen Zierbrunnens im Innenhof und das gedämpfte Licht der Papierlaternen schafften eine Atmosphäre harter, ungestörter Diskretion.

Tala schob den schweren Seidenvorhang des separaten Tatami-Raumes zur Seite und trat ein. Seine Anwesenheit füllte den kleinen Raum augenblicklich mit einer dunklen, drückenden Kälte. Er streifte seinen schweren Mantel ab, warf ihn mit einer einzigen Bewegung über den Holzstuhl in der Ecke und setzte sich stoisch an den niedrigen Tisch.

Ihm gegenüber saßen Kai und Kenny. Vor Kenny lag der aufgeklappte Laptop, dessen Bildschirm ein komplexes Raster aus Satellitendaten, Hafenplänen und rot blinkenden Systemcodes anzeigte. Kai saß mit verschränkten Armeln daneben, die roten Augen kühl auf den Bildschirm gerichtet, die Züge wie aus Stein gemeißelt.

„Du bist spät“, brummte Kai trocken, ohne den Blick zu heben.

„Unwichtig“, raunte Tala dunkel, goss sich aus der Tonkanne eine Schale grünen Tee ein und trank ihn in einem einzigen Zug aus, ehe er die Schale hart auf dem Holz abstellte. Seine eisblauen Augen fixierten den Brillenträger am Tisch.

„Spuck’s aus, Kenny. Was hast du über Sobolev?“

Kenny rückte nervös seine Brille zurecht, tippte kurz auf der Tastatur herum und drehte den Bildschirm ein Stück in die Mitte des Tisches.

„Das ist es ja eben… gar nichts mehr“, begann

Kenny besorgt und deutete auf ein ausgebleichtes Signalmuster auf der Karte. „Seit unserem Vorstoß am Hafen vor einer Woche sind sämtliche Verschlüsselungscodes, Lieferketten und Funkfrequenzen schlagartig abgerissen. Ich habe die digitalen Spuren der Frachtcontainer zurückverfolgt, aber das Signal verliert sich komplett im Nichts.“

Tala verengte die eisblauen Augen.

„Erklär das genauer.“

„Ich kann den Standort absolut nicht mehr eingrenzen“, fuhr Kenny fort und schüttelte verständnislos den Kopf. „Es ist, als hätten sie von Anfang an gewusst, dass wir ihnen auf den Fersen sind und am Hafen auf sie gewartet haben. Sämtliche Kontakte wurden sofort abgebrochen, die Server gesäubert und die Routen geändert. Sie haben sich vollkommen unsichtbar gemacht.“

Ein tiefes, gefährliches Knurren entstieg Talas Brust. Seine Finger krallten sich so fest in die Kante des Holztisches, dass das Material leise knarrte. Seine Laune war nach den Geschehnissen des Morgens ohnehin auf dem Nullpunkt, und diese Nachricht traf exakt seinen empfindlichsten Nerv:

Kontrollverlust.

„Das ist unmöglich“, knurrte Tala rau. „Wir haben die Daten absolut sauber beschafft. Niemand wusste von der Fracht am Pier.“

„Ich verstehe es selbst nicht!“, verteidigte sich Kenny leise und strich sich aufgeregt über den Nacken. „Nur wir drei wussten davon! Wir waren extrem vorsichtig, haben nur abhörsichere Kanäle genutzt und keine digitalen Spuren hinterlassen. Dass sie uns einen Schritt voraus sind, macht technisch überhaupt keinen Sinn… außer sie wussten schon vorher, worauf wir aus sind.“

Die Stille im Raum wurde augenblicklich zentnerschwer.

Kai wandte langsam den Kopf. Seine roten Augen verengten sich messerscharf, während er Tala prüfend aus den Augenwinkeln beobachtete.

„Kenny hat recht“, sagte Kai mit gewohnt kühler, ruhiger Stimme, in der jedoch ein gefährlicher Unterton mitschwang. „Ein Leck auf unserer Seite ist ausgeschlossen. Sobolev spielt nicht zum ersten Mal Versteckspiel, aber diese Reaktion war zu präzise. Er hat die Falle gerochen, noch bevor wir sie stellen konnten.“

Tala lehnte sich langsam zurück, die Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar unter seiner nassen Haut. In seinem Kopf schlug der gewohnte Drill Alarm. Wenn Sobolev wusste, dass sie ihm auf der Spur waren, veränderte das die gesamte Lage. Es war keine Jagd mehr... es war ein Minenfeld.

„Wenn er sich zurückzieht, heißt das nur, dass er sich neu formiert“, brummte Tala mit finsterer Entschlossenheit. „Er weiß, dass wir nicht lockerlassen. Und das bedeutet, dass wir die Zügel noch enger ziehen müssen.“

„Was schlägst du vor?“, fragte Kenny vorsichtig.

Tala fixierte das ausgebleichte Signal auf dem Bildschirm. „Du gräbst weiter, Kenny. Scheiß auf die digitalen Wege, geh an die alten analogen Frachtpapiere der Reederei. Und du, Kai… wir halten die Augen offen. Sobolev macht keine Fehler, bis er glaubt, er sei sicher.“

Er ballte die Faust auf dem Tisch zusammen, während vor seinem inneren Auge kurz das Lächeln von Lumina blitzte... und die drängende Besitzgier, die ihn seit Tagen nicht mehr losließ, flammte nur noch düsterer auf.

„Wir werden herausfinden, wo diese Ratte steckt“, raunte Tala eiskalt. „Und wenn ich den Hafen Stein für Stein umdrehen muss.“

Ein leises, dezentes Räuspern hinter dem Seidenvorhang unterbrach die dichte Stille im Tatami-Raum.

Ein Kellner in einem traditionellen, dunkelblauen Kimono trat mit lautlosen Schritten ein, beugte sich in einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung und platzierte aufmerksam die kunstvoll angerichteten Speisen auf dem niedrigen Holztisch. Das feine Aroma von frischem Sashimi, gedämpftem Gemüse und dampfender Miso-Suppe stieg auf.

Der Mann richtete alles mit akribischer Präzision aus, neigte noch einmal stumm den Kopf und zog sich ebenso geräuschlos wieder zurück.

Kai griff gelassen nach seinen Stäbchen, sah kurz auf die reich gedeckte Tafel und wandte seinen kühlen Blick dann zu seinem Gegenüber.

„Bestell dir auch was, Tala“, sagte Kai ruhig und deutete beiläufig auf die Platten. „Du hast sicher seit heute Morgen nichts gegessen.“

Tala sah Kai lange und düster an. Seine eisblauen Augen verengten sich, während die Unruhe in seiner Brust nur noch heftiger zu kochen begann. Er verstand es einfach nicht

„Wie kannst du verdammt noch mal so ruhig bleiben, Kai?“, fragte Tala mit rauer, angespannter Stimme, in der eine gefährliche Schärfe mitschwang. Er beugte sich ein Stück über den Tisch.

„Sobolev hat es auf dein ungeborenes Kind abgesehen! Und wir treten hier seit einer Woche auf der Stelle!“

Kai legte die Stäbchen nicht ab. Seine Miene blieb unerschütterlich wie eine Wand aus Granit, während seine rubinroten Augen Talas wütendem Blick standhielten.

„Weil es absolut nichts bringt, durchzudrehen... das musste ich mir aber auch erst selbst eingestehen.“, erwiderte Kai mit getragener, eiskalter Gelassenheit. „Hektik führt zu Fehlern. Und Fehler können wir uns nicht erlauben.“

Er nahm sich ein Stück Fisch, ehe er ruhig fortfuhr: „Nami ist bald im neunten Monat. Ich habe jede erdenkliche Sicherheitsvorkehrung getroffen. Sie weiß mittlerweile über die gesamte Lage und jedes Detail Bescheid... sie ist aufmerksam und weiß, worauf sie achten muss. Graham ist rund um die Uhr an ihrer Seite und weicht ihr keinen Millimeter von der Stelle.“

Kai hielt kurz inne und sah kurz auf die Uhr an seinem Handgelenk.

„Jetzt genau in diesem Moment sitzt Nami in einem Restaurant meiner Wahl, um sich spontan mit Lumina und Elias zum Mittagessen zu treffen“, fügte Kai hinzu, ohne dass auch nur eine Nuance von Sorge in seiner Stimme lag. „Das Lokal liegt direkt neben dem Tachiwari-Tower. Armon, mein Sicherheitschef, steht persönlich mit seinen Männern vor der Tür. Ich überlasse absolut nichts dem Zufall, Tala. Gar nichts.“

Kai führte die Stäbchen zum Mund, kaute langsam und musterte Tala dabei eingehend. Die angestaute Wut, das raue Muskelanspannen und die düstere Aura des Russen entgingen ihm keineswegs.

„Was ist eigentlich mit dir los?“, fragte Kai schließlich trocken und legte die Stäbchen wieder ab. Seine roten Augen verengten sich leicht, als er Tala durchbohrte. „Du wirkst… zornig. Mehr als ohnehin schon.“

Kai nahm einen ruhigen Schluck Tee, ehe er die Schale langsam abstellte. Seine roten Augen verloren dabei nicht für den Bruchteil einer Sekunde den Kontakt zu Talas eisblauem, düsterem Blick. Ein fast unmerkliches, trockenes Zucken glitt über Kais Züge.

„Sag bloß, wir sind wieder bei ‚Ich ignoriere sie heute wieder, weil ich überfordert bin‘?“, stellte Kai die Frage kühl und ohne jede Umschweife in den Raum.

Talas Augen ruhten vollkommen starr auf Kai, doch seine Kiefermuskeln traten augenblicklich so scharf hervor, dass die Haut darüber weiß spannte. Ein gefährliches, leises Brodeln ging von dem Hünen aus, doch er verog keine Miene.

„Du hast keine Ahnung, wovon du redest“, brummte Tala mit einer Stimme, die so rau und tief klang wie berstendes Eis.

Kai lehnte sich ein Stück zurück, ohne sich von dem finsteren Blick seines Gegenübers auch nur im Ansatz beeindrucken zu lassen.

„Ach nein?“, erwiderte Kai trocken, während seine Stimme messerscharf durch die Stille des Raumes schnitt.

„Also hast du Lumina vorgestern Nacht und gestern Morgen nicht wieder komplett für dich beansprucht und sie invalide gebumst, um nicht zugeben zu müssen, dass sie dir langsam aber sicher etwas bedeutet?“

Die Luft im Raum schien auf einen Schlag einzufrieren. Kenny, der eben noch konzentriert auf seinen Laptop gestarrt hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Er schluckte hörbar, zog den Kopf unwillkürlich ein Stück zwischen die Schultern und wanderte mit aufgeregten Blicken panisch zwischen den beiden Männern hin und her, als würde er jeden Moment eine Detonation erwarten.

Tala sagte kein einziges Wort. Seine Fäuste auf dem Holztisch ballten sich so unbarmherzig zusammen, dass das feine Holz unter seinen Knöcheln ein bedrohliches Knacken von sich gab. Die eisblaue Kälte in seinen Augen spitzte sich zu einem tödlichen Funkeln zu. Wenn Blicke töten könnten, wäre das exklusive Restaurant in Ginza in diesem Augenblick in Schutt und Asche gelegt worden.

Doch Kai wich keinen Millimeter zurück. Er hielt Talas wütendem Stieren mit derselben stoischen, unerschütterlichen Ruhe stand, die ihn seit jeher ausmachte... wissend, dass er exakt ins Schwarze getroffen hatte.

Tala strich sich langsam mit der Hand über die eisgekühlte Teeschale, ehe er ein leicht zynisches, kaltes Lächeln aufsetzte. Seine eisblauen Augen verengten sich.

„Du interpretierst da zu viel rein, Kai“, raunte Tala mit einer tiefen, spöttischen Gelassenheit, die seine innere Anspannung überspielen sollte. Er lehnte sich stoisch zurück und sah Kai direkt ins Gesicht.

„Sie ist schlicht und ergreifend ein verdammt gutes Spielzeug. Und sowas gebe ich nun mal ungern aus der Hand. Erst recht nicht, wenn ich mich gerade erst damit eingespielt habe.“

Kenny atmete unwillkürlich leise aus, als spürte er, wie der unmittelbare Druck im Raum um ein paar Bar sank... auch wenn die Luft noch immer schneidend kalt war.

Kai verog keine Miene. Er hob nicht einmal eine Braue bei Talas zynischer Ansage. Er nahm einen weiteren Bissen von seinem Sashimi, kaute ruhig und legte die Stäbchen schließlich mit einer präzisen Bewegung ab.

„Nenn es, wie du willst“, erwiderte Kai mit getragener, eiskalter Präzision. Seine roten Augen fixierten Tala ohne jedes Wanken.

„Aber wenn dich dein ‚Spielzeug‘ nachts so sehr auf Trapp hält, dass du wegen Schlafmangel, Reizbarkeit oder Ablenkung bei der Sobolev-Sache den Fokus verlierst, ziehe ich dich persönlich aus dem Verkehr.“

Die Stille im Raum war augenblicklich wieder messerscharf.

„Mir ist völlig egal, wie oft du sie für dich beanspruchst“, fuhr Kai unberührt fort. „Aber Sobolev ist kein Spiel. Wenn du mir in dieser Sache nicht zu hundert Prozent mit absolut klarem Kopf zur Seite stehst, weil deine Gedanken ständig woanders kreisen, wirst du zum Risiko. Und Risiken dulde ich nicht.“

Tala ballte die Hand auf dem Tisch erneut zur Faust.

„Ich verliere wegen keiner Frau der Welt den Verstand“, brummte Tala mit einer düsteren, schneidenden Entschlossenheit. „Und ich brauche sicher keine Nachhilfe von dir in Sachen Fokus. Ich werde dieser Ratte Sobolev eigenhändig den Hals umdrehen, sobald wir seinen Standort haben. Verlass dich drauf.“

„Das will ich hoffen“, schloss Kai trocken und griff wieder nach seinen Stäbchen. „Dann iss was. Wir haben heute Nachmittag noch genug zu tun.“

Tala sah Kai noch eine Sekunde lang finster an, ehe er nach der Schale griff und schweigend den Tee austrank. Die Fronten zwischen den beiden Alphas waren geklärt, doch das innere Feuer in Tala brannte unbarmherzig weiter.

Zur selben Zeit, an einem anderen Ort...

Ein sanftes Klirren von Kristallgläsern und das leise Stimmengewirr der gehobenen Gesellschaft erfüllten den lichtdurchfluteten Speiseraum des edlen Panoramarestaurants direkt neben dem Tachiwari-Tower. Von den bodentiefen Fensterfronten aus hatte man einen atemberaubenden Blick über das Häusermeer von Tokio.

Elias lehnte sich in dem bequemen Lederstuhl zurück, nahm einen kleinen Schluck von seinem Wasser und ließ den Blick zweifelnd durch die Scheibe nach unten auf den Eingangsbereich gleiten. Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.

„Sagt mal…“, begann Elias schmunzelnd, während er das Glas wieder abstellte und mit der Hand unbestimmt in Richtung Straße deutete, „muss ich mir Sorgen machen, oder ist das hier der neue Standard-Empfangsservice in Tokio? Da unten stehen mindestens vier Schränke von Kerlen in Anzügen. Und der Typ ganz vorne mit dem Empfänger am Ohr sieht aus, als könnte er eine Haustür mit bloßen Händen zerlegen. Die sind mir vorhin beim Reinkommen schon aufgefallen.“

Lumina, die sich gerade amüsiert eine Traube in den Mund schob, folgte seinem Blick kurz nach draußen, ehe sie mit einem spitzbübischen Grinsen zu ihrer Cousine herübersah.

Nami ließ ein sanftes, melodisches Lachen hören. Ihre Züge wirkten entspannt und strahlend, während sie sich eine weiße Strähne hinter das Ohr strich und eine Hand sanft auf ihren Wölbung im neunten Monat legte.

„Keine Sorge, Elias“, erwiderte Nami und winkte abwiegender Handbewegung ab.

„Die Presse ist wegen meiner Schwangerschaft schon seit Beginn einfach… sagen wir, extrem anhänglich und penetrant. Seit die Neuigkeit raus ist, belagern die Fotografen praktisch jede Einfahrt, um einen Schnappschuss von meinem Bauch zu ergattern. Kai verabscheut diese Unruhe, deshalb hat er seinen Sicherheitschef Armon Ishtar und seine Leute eingesetzt. Sicher ist sicher.“

Elias hob verstehend die Brauen und nickte. „Verstehe. Die Schattenseiten des Tachiwari-Imperiums, wenn Nachwuchs unterwegs ist.“

Weder Elias noch Lumina ahnten auch nur das Geringste von Sobolev, den abgefangenen Frachtpapieren oder dem wahren Grund für das Großgebot der

Sicherheitskräfte.

Aus dem Schatten hinter Namis Stuhl löste sich mit gewohnter, perfekter Haltung die Gestalt des Butlers. Graham glättete mit einer winzigen, unaufgeregten Bewegung die Ärmel seines maßgeschneiderten Anzugs.

„Wenn ich mir eine feine Nuance der Korrektur erlauben darf, Madame“, schaltete sich Graham mit seiner unverwechselbaren, drastisch trockenen britischen Eleganz und feinstem Akzent ein. Er neigte den Kopf nur um einen Bruchteil eines Millimeters zu Elias.

„Mr. Ishtar und seine Männer dienen keineswegs nur der optischen Dekoration. Ihr primärer Auftrag besteht darin, den Boulevard-Journalismus und gierige Paparazzi auf jene physische Distanz zu halten, die dem Anstand entspricht. Und ich versichere Ihnen, Master Vaughn… Armon pflegt einen ausgesprochen überzeugenden Dialogstil, sollte ein Reporter verfrüht versuchen, eine Kamera durch die Drehtür zu schieben.“

Lumina prustete leise in ihre Serviette und sah Graham begeistert an.

„Das war die eleganteste Umschreibung für ‚Er bricht ihnen die Beine‘, die ich je gehört habe, Graham!“

„Ich würde eine solche Wortwahl selbstverständlich niemals in den Mund nehmen, Miss Lumina“, erwiderte Graham mit absolut unbewegter Miene, während in seinen Augen ein winziges, amüsiertes Funkeln aufblitzte. „Ich bevorzuge den Begriff ‚nachdrückliche Geländeverweigerung zum Schutz des familiären Friedens‘.“

Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und griff nach ihrem Saftglas. Während das Gespräch am Tisch locker weiterplätscherte, glitt ihr Blick für einen kurzen, unbemerkten Augenblick nach draußen zu Armon, der wachsam die Straße im Auge behielt.

Sie wusste genau, dass die Paparazzi nur eine perfekte Ausrede waren... doch dank Kais akribischer Vorbereitung lag kein Funken Panik in ihren ozeanfarbenen Augen.

Sie verengte ihre ozeanfarbenen Augen schelmisch, während sie ihre Cousine über den Rand ihres Saftglases hinweg nun eingängig musterte.

Luminas Haltung, das feine, kaum merkliche Verziehen ihrer Mundwinkel bei jeder größeren Bewegung und die leichte Unruhe in ihren Beinen blieben Nami keineswegs verborgen.

„Apropos nachdrückliche Geländeverweigerung…“, raunte Nami leise und beugte sich schmunzelnd über den Tisch. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und schenkte Lumina ein durchtriebenes, neckisches Lächeln.

„Sag mal, Lumina… Ich habe vorhin beim Reinkommen schon dieses feine, unmerkliche Zittern in deinen Beinen gesehen. Hat es sich denn wenigstens gelohnt, dafür das gestrige Brunchen im Granger Dojo sausen zu lassen?“

Elias, der entspannt im Stuhl gegenüber saß und sein Glas schwenkte, zog amüsiert eine Braue hoch.

Lumina hielt mitten in der Bewegung inne.

Anstatt wie die meisten jungen Frauen verlegen den Blick zu senken, breitete sich augenblicklich ihr unnachahmliches, strahlendes Grinsen auf ihren Zügen aus. Sie gluckste leise, stellte ihr Glas ab und schob voller Stolz erst die Ärmel ihres feinen Seidenpullovers ein Stück nach oben, ehe sie den enganliegenden Rollkragen mit zwei Fingern frech zur Seite zog.

Nami hob amüsiert die Brauen. An Luminas blassem Hals kamen erneut frische, dunkle Bisse und mahlende Knutschflecke zum Vorschein, während ihre Unterarme von bläulichen Abdrücken gezeichnet waren... deutliche Spuren von eisernem Zupacken.

Nami prustete laut los und verdeckte schnell mit der Hand den Mund, um nicht die Aufmerksamkeit der umliegenden Tische auf sich zu ziehen.

Elias konnte sich ein leises, trockenes Lachen ebenfalls nicht verkneifen und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Guter Gott, Lumina!“, lachte Nami leise mit glitzernden Augen. „Es hat sich also definitiv gelohnt. Aber so wie ich Tala kenne, scheint er heute wohl wieder etwas mehr Abstand zu brauchen, um seinen Kopf wieder klar zu bekommen. Er rennt wahrscheinlich gerade irgendwo durch die Stadt oder lässt seine Wut an Kai aus, nur um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, dass er die Kontrolle verliert.“

Lumina ließ den Kragen wieder zurückschnellen, lehnte sich mit einem triumphierenden Strahlen im Gesicht zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Oh, absolut“, erwiderte Lumina vergnügt, während ihre magentafarbenen Augen aufblitzten.

„Er ist heute Morgen fast an seiner eigenen Sturheit erstickt, als er versucht hat, absolut distanziert zu wirken. Es ist einfach herrlich, wenn er so komplett überfordert ist.“

„Ihr spielt echt ein gefährliches Spiel mit dem Russen“, klinkte sich Elias nun amüsiert ein, nahm einen Schluck von seinem Getränk und schmunzelte Lumina an.

„Irgendwann kippt der Kerl vor lauter Sturheit und Kontrollzwang noch aus den Stiefeln.“

„Soll er ruhig brodeln“, winkte Lumina lachend ab und zupfte ihren Pullover zurecht. „Am Ende kommt er doch wieder genau dahin zurück, wo er hingehört.“

Nami lächelte warm und legte eine Hand behutsam über Elias’ Handrücken auf dem Tisch. Seine Anwesenheit brachte eine angenehme, vertraute Ruhe an den Tisch, die nach all den turbulenten Wochen einfach gut tat.

„Ich bin übrigens wirklich froh, dass ich dich doch noch einmal kurz vor deiner Rückreise nach London zu Gesicht bekomme“, sagte Nami ehrlich, während ihre ozeanfarbenen Augen sanft auf ihm ruhten. „Nachdem wir uns gestern beim Brunchen im Dojo eigentlich schon so ausführlich verabschiedet hatten, habe ich heute gar nicht mehr damit gerechnet.“

Elias schmunzelte, nahm gelassen einen weiteren Schluck Wasser und winkte entspannt ab.

„Ja, das war ursprünglich auch nicht geplant“, erwiderte Elias mit einem leichten Grinsen.

„Aber ich war heute Morgen überraschend schnell mit dem Kofferpacken fertig. Und da mein Flug nach London erst heute Abend um 18:35 Uhr geht, hatte ich schlichtweg noch jede Menge Leerlauf. Da habe ich die Chance natürlich direkt genutzt, um euch Beide noch mal zu sehen.“

Lumina nickte zustimmend und stützte ihr Kinn auf die Handfläche.

„Ein Glück. Ein doppelter Abschied ist sowieso viel besser.“

„Allzu lange müsst ihr ohnehin nicht auf mich verzichten“, fügte Elias mit einem zuversichtlichen Blick in die Runde hinzu. „Im April komme ich ja schon zusammen mit Lumina fest fürs Studium zurück nach Tokio. Dann bin ich dauerhaft hier.“

„Das klingt nach einem verdammt guten Plan“, schmunzelte Nami und nickte erfreut. „Und bis April verfliegt die Zeit schneller, als man denkt.“

Lumina schmunzelte, nahm sich eine weitere Traube von der Schale und sah Nami spitzbübisch von der Seite an.

„Sag mal…“, begann Lumina und neigte neugierig den Kopf, „war Kai eigentlich nicht wenigstens ein kleines bisschen eifersüchtig, als du meintest, dass du Elias heute vor seinem Flug noch einmal triffst?“

Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und verfeinerte ihr Lächeln mit einer sanften, unbeeindruckten Handbewegung.

„Überhaupt nicht“, erwiderte Nami gelassen und nippte an ihrem Saft.

„Kai kann Elias eigentlich recht gut leiden. Und ehrlich gesagt… hat er ohnehin absolut keinen Grund, überhaupt auf irgendwen eifersüchtig zu sein. Eifersucht ist nun wirklich nicht sein Stil. Er vertraut mir blind... und er weiß ganz genau, wo er steht.“

Lumina prustete leise auf und ihr Grinsen wurde noch ein ganzes Stück breiter. Sie warf Elias einen kurzen, amüsierten Blick zu, ehe sie wieder zu Nami sah.

„Pah, Kai vielleicht nicht!“, gluckste Lumina und lehnte sich triumphierend zurück. „Aber ich hätte damals schwören können, dass Tala absolut eifersüchtig war, als er noch keine Ahnung hatte, dass Elias mein Cousin ist! Der Kerl hat Elias Blicke zugeworfen, die locker Stahl hätten schmelzen können.“

Sie zuckte amüsiert mit den Schultern und fügte lachend hinzu: „Natürlich würde Tala das selbst unter Folter niemals zugeben. Er tut dann lieber so, als wäre er einfach nur grundlos noch schlechter gelaunt als sonst."

Elias schmunzelte, legte die Arme locker über der Stuhllehne ab und sah Lumina mit einem amüsierten, aber prüfenden Blick von der Seite an.

„Jetzt mal ehrlich, Lumina…“, begann Elias und hob fragend eine Braue. „Wie lange willst du dem Russen eigentlich noch nachlaufen, ehe es dir irgendwann zu doof wird?“

Lumina lachte glockenhell auf und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Elias, du kennst mich doch“, erwiderte sie mit einem spitzbübischen Funkeln in den magentafarbenen Augen. „Du weißt ganz genau, dass ich niemals in meinem Leben einem Mann nachlaufe. Das habe ich nicht nötig. Ich warte schlicht und ergreifend ab, was passiert.“

Sie beugte sich ein Stück vor, stützte das Kinn auf ihre Handflächen und schenkte Elias ein wissendes Lächeln.

„Du hast doch gestern Abend vor dem Hotel selbst am eigenen Leib gespürt, wie krampfhaft Tala versucht hat, seinen Beschützerinstinkt zu verstecken, als er dir mit mir auf den Armen über den Weg gelaufen ist“, meinte sie amüsiert. „Der arme Kerl war kurz vor dem kollabieren vor lauter Anspannung, weil er auf frischer Tat ertappt wurde.“

Lumina zuckte gelassen mit den feinen Schultern. „Ich habe noch genau sechs Tage hier in Tokio, ehe ich zurück nach London fliege. Und bis dahin… wird sich schon zeigen, in welche Richtung das Ganze geht.“

Nami, die aufmerksam zugehört hatte, hob neugierig eine Braue. „Welche Richtung meinst du genau?“

Lumina wandte sich zu ihrer Cousine und lehnte sich wieder entspannt zurück.

„Ganz einfach“, erklärte sie unberührt und zupfte ihren Pullover zurecht. „Ich werde abwarten, was passiert, wenn ich wieder drüben bin. Ob er sich von sich aus meldet... oder ob er wieder monatelang gar nichts von sich hören lässt. Wenn seine Sturheit und sein verfluchter Stolz am Ende größer sind als seine Sucht nach mir… dann war es das eben. Ich werde ihm sicher keine einzige Träne nachweinen.“

Ihre magentafarbenen Augen blitzten verschmitzt auf, als sich ein tiefes, geheimnisvolles Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete.

„Aber… wenn seine Gefühle, die er gerade so unglaublich verkrampft zu unterdrücken versucht, schlussendlich doch die Oberhand gewinnen… wer weiß das schon?“

Nami lachte herzlich auf, legte die Hand an den Mund und sah ihre Cousine mit schimmernden Augen an.

„Wer weiß das schon?“, fragte Nami amüsiert und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Sag bloß, du spielst ernsthaft darauf an, dass Tala dir am Ende nach London hinterherfliegt?“

Lumina stimmte sofort in Namis Lachen ein, schüttelte amüsiert den Kopf und winkte energisch ab.

„Gott, nein!“, lachte Lumina mit funkelnden magentafarbenen Augen.

„Das würde ich von ihm doch niemals erwarten. Bevor Tala freiwillig seinen Fuß nach London setzt, nur um mir hinterherzulaufen, würde er vermutlich eher ein Glas Säure trinken!“

Elias schmunzelte trocken in sein Glas und nickte zustimmend. „Das trifft die Selbsteinschätzung des Russen wahrscheinlich ziemlich auf den Punkt.“

Lumina zuckte lächelnd mit den Schultern, strich sich eine silbrig weiße Strähne hinter das Ohr und nahm gelassen wieder ihre Gabel.

„Er muss auch gar nicht nach London kommen“, fügte sie mit einem unerschütterlichen, leichten Lächeln hinzu.

„Es würde mir schon vollkommen reichen, wenn dieser sture Kopf irgendwann begreift, dass ein einziges Telefonat seinen Stolz nicht umbringen wird.“