Der letzte Abend
Der letzte Abend
Am nächsten Tag...
Der eisige Tokioter Dezemberregen, der die Stadt noch am Nachmittag in ein graues, tristes Licht getaucht hatte, war über Nacht in ein dichtes, beinahe magisches und lautloses Treiben übergegangen. Es waren nur noch wenige Tage bis Silvester.
Feine, nasse Schneeflocken tanzten in dichten Wirbeln durch die Dunkelheit. Sie fielen auf die lange, glänzend dunkelgrüne Motorhaube des Bentley und schmolzen im selben Moment, als Kai den schweren Wagen mit fließender Präzision zum letzten Mal auf den fast leeren Parkplatz des städtischen Familienzentrums steuerte.
Das warme, gelbe Licht, das aus den Fenstern des zweiten Stocks in die frostige Winternacht hinausfiel, wirkte inmitten des Schneegestöbers fast wie ein sicherer Zufluchtsort. Im Fond des Wagens herrschte eine dichte, angenehme Stille. Die Welt draußen fühlte sich weit weg an, ausgesperrt durch das dicke Panzerglas und den Luxus des Wagens. Nur das leise, gleichmäßige Schnurren der Lüftung, die angenehme Wärme in den Innenraum blies, durchbrach die Dunkelheit.
Kai stellte den Motor ab. Das tiefe Vibrieren unter der Motorhaube erstarb, doch er nahm seine Hände nicht sofort vom ledernen Lenkrad. Seine langen, eleganten Finger ruhten reglos auf dem Kranz, während er die Augen für einige, stille Sekunden auf dem erleuchteten Fenster ruhen ließ. In der Reflexion der Armaturenanzeigen leuchteten seine rubinroten Augen auf, verengten sich leicht und schienen für einen Moment in Gedanken meilenweit entfernt zu sein.
Das leise Klicken des Anschnallgurts neben ihm holte ihn sanft in die Gegenwart zurück.
„Der letzte Abend“, raunte Nami weich von der Seite. Ihre Stimme war nicht mehr als ein samtenes Flüstern, das sich wie eine warme Decke über die kühle Stille im Wagen legte.
Sie hatte sich abgeschnallt und verlagerte ihr Gewicht ein wenig, bevor sie eine schlanke Hand behutsam auf ihren rund gebauchten Schoß legte. Unter dem geschmeidigen, tannengrünen Umstandskleid, dessen edler Stoff sich sanft an ihre Kurven schmiegte, wirkte die Wölbung ihres Bauches Ende des achten Monats wundersam erhaben. Sie drehte den Kopf, und im gedämpften Licht der Straßenlaternen, das durch die beschlagene Scheibe fiel, zeigte sich ihr gewohntes, warmes Schmunzeln. Ihre ozeanfarbenen Augen funkelten voller Zuneigung.
„Ich spüre deine Erleichterung bis hierher, mein Schatz“, zog sie ihn leise auf und strich mit dem Daumen gedankenverloren über die Wölbung ihres Bauches.
Kai wandte den Kopf langsam zu ihr. Seine feinen, markanten Züge blieben gewohnt stoisch, eine makellose Maske aus kühler Kontrolle. Doch in seinem Blick, der sanft über ihr Gesicht und hinab zu ihrer Hand glitt, lag das gewohnte, ruhige Glühen, das er nur für sie reserviert hatte.
„Erleichterung ist der falsche Begriff“, erwiderte Kai tief und trocken. Seine Stimme klang wie dunkler Samt, der durch den kleinen Raum des Autos rollte. „Ich bin es lediglich gewohnt, Projekte effizient und ohne unnötige Verzögerungen zu Ende zu führen. Fünf Wochen sind eine inakzeptable Laufzeit für eine bloße Einweisung.“
Nami lachte leise auf. Es war ein heller, glockenähnlicher Klang, der die restliche Strenge aus dem Auto vertrieb. Sie beugte sich über die Mittelkonsole hinüber, legte eine Hand sanft an seine kühle Wange und drückte ihm einen innigen, weichen Kuss auf die Lippen.
„Na dann...“, flüsterte sie gegen seine Lippen, bevor sie sich mit einem liebevollen Lächeln wieder ein Stück zurückzog. „Bringen wir das letzte Projekt hinter uns, mein Zar.“
Der kurze Weg vom Auto bis zum Gebäude war von eisigem Wind geprägt, doch Kai hatte sofort einen schützenden Arm um ihre Schultern gelegt, sie fest an seine warme Seite gezogen und sie sicher über den rutschigen Asphalt geführt.
Als sie schließlich den Kursraum im zweiten Stock betraten, spürten sie sofort, dass sich die Atmosphäre grundlegend verändert hatte. Die nüchterne Funktionalität der letzten Wochen war verschwunden. Es gab keine aufgereihten Wickeltische mehr, keine Schaubilder an den Wänden und keine harten Plastikwannen für Badeübungen.
Stattdessen waren die dicken Matten und Sitzkissen in einem weiten, harmonischen Kreis angeordnet worden. In der Mitte des Raumes brannten diesmal zahlreiche kleine, elektrische Kerzen. Ihr flackerndes, künstliches Licht tauchte den gesamten Raum in ein goldenes, fast besinnliches und intimes Halbdunkel. Der gewohnte, etwas sterile Duft von Lavendel-Desinfektionsmittel war einem tiefen, warmen Aroma von Vanille und frischem Orangentee gewichen, der in einer großen Kanne auf einem Beistelltisch dampfte.
Sobald Kai und Nami über die Türschwelle traten, verstummte das gedämpfte Gemurmel der bereits anwesenden Paare für einen Sekundenbruchteil. Ryo und Kentaro, die auf der anderen Seite des Kreises bei ihren Frauen saßen, hoben sofort die Köpfe. Sie nickten Kai mit einer Mischung aus aufrichtigem Respekt und einer neuen, ehrlichen Vertrautheit zu. Kais kühle, aber eindringliche Worte aus der Vorwoche hallten bei den Männern offenbar noch immer spürbar nach.
Kai erwiderte die Geste mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes, eine stille Anerkennung, die die Männer mit einem erleichterten Lächeln quittierten.
Miss Kirigaya stand am Rande des Kerzenkreises. Sie trug heute einen festlichen, waldgrünen Strickpullover, der perfekt zur winterlichen Stimmung passte, und strahlte über das ganze Gesicht, als sie die beiden erblickte.
„Ah, Willkommen zum großen Finale, liebe Eltern!“, rief sie begeistert, klatschte leise in die Hände und bat sie mit einer einladenden Geste herein.
„Setzt euch, macht es euch gemütlich. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, um anzukommen. Heute Abend schließen wir das Kapitel der theoretischen Vorbereitung ab. Es geht um das Herzstück: die Geburt selbst. Aber vor allem geht es heute um die Männer. Um die Rolle des Partners als emotionaler, unerschütterlicher und physischer Anker.“
Während Nami bereits ihre Stiefel abstreifte, half Kai ihr lautlos aus ihrem Mantel. Danach schälte er sich aus seinem eigenen schweren, dunklen Wollmantel und hängte beide Kleidungsstücke akkurat an die Garderobe.
Darunter trug er einen feingestrickten, kohlegrauen Rollkragenpullover, der sich wie eine zweite Haut an seinen Körper schmiegte. Der dunkle Stoff brachte seine breiten Schultern, die muskulösen Arme und seine insgesamt imposante, fast raubtierhafte Statur unnachgiebig zur Geltung. Er folgte Nami zu ihrem gewohnten Platz auf der linken Seite des Raumes.
Sie ließen sich auf den dicken Kissen nieder.
Kai öffnete wie selbstverständlich die Beine, um schützend und stützend hinter ihr zu sitzen.
Nami positionierte sich gewohnt direkt vor ihm, lehnte ihren Rücken mit einem tiefen, hörbar zufriedenen Seufzer an seine breite Brust und schloss für einen Moment die Augen. Seine Präsenz in ihrem Rücken war wie eine massive Wand. Behutsam umschloss er ihren Bauch mit seinen großen Händen, verschränkte die Finger locker über dem Stoff ihres Kleides und zog sie fest an sich.
Miss Kirigaya ging durch den Kreis, trat in die Mitte und blickte in die Runde der Paare. Ihr Lächeln war warm, trug diesmal aber eine Spur von sanftem Ernst.
„Nach all den Wochen der Vorbereitung, den Atemtechniken und den Trockenübungen sind wir heute an dem Punkt angekommen, an dem es ernst wird“, begann sie mit klarer, ruhiger Stimme. „Heute sprechen wir übrigens nicht mehr darüber, wie man eine Wehe veratmet. Heute sprechen wir über den Tag X. Über die Logistik des Aufbruchs, den Ablauf im Kreißsaal und das, was direkt nach dem ersten Schrei geschieht.“
Sie wandte sich den Männern zu. „Väter, ab jetzt seid ihr die Einsatzleiter. Wenn eure Frauen mitten in der Nacht aufwachen und spüren, dass die Abstände kürzer werden oder die Fruchtblase platzt, ist das kein Moment für Hektik. Ihr behaltet die Uhr im Auge, ihr tragt die Tasche, ihr kennt die beste Route ins Krankenhaus... und ihr trefft die Entscheidungen, wenn die werdende Mutter vollkommen auf ihren Körper fokussiert ist.“
Hinter Nami blieb Kais Haltung unerschütterlich. Seine großen Hände ruhten ruhig auf ihrem Bauch. In seinem Kopf liefen längst alle Szenarien ab.
Route? Der Bentley war gewartet, die Fahrtzeit von der Privatresidenz bis zur Klinik auf die Minute kalkuliert... inklusive Puffer für nächtlichen Schneefall oder dichter Verkehr.
Notfallprotokolle mit dem Chefarzt der Privatklinik in Minato waren längst hinterlegt. Für Kai war dies kein emotionales Wagnis, sondern eine strategische Operation, deren Parameter er bis ins kleinste Detail beherrschte.
„Ein wichtiger Punkt, den viele unterschätzen, ist die Flexibilität“, fuhr Miss Kirigaya fort und sah die Paare eindringlich an.
„Nicht jede Geburt läuft nach Lehrbuch. Manchmal stagniert der Muttermund, manchmal fallen die Herztöne des Babys. Ihr müsst darauf vorbereitet sein, dass die Ärzte eingreifen müssen... sei es durch ein wehenförderndes Mittel, eine PDA zur Schmerzlinderung oder im Notfall einen Kaiserschnitt. Und auch hier gilt: Der Partner ist der Sprecher der Frau. Ihr müsst vorher besprochen haben, was ihr wollt und wo eure Grenzen liegen.“
Nami lehnte sich ein Stück weiter an Kais breite Brust zurück. Sie wandte das Gesicht minimal zur Seite, sodass ihre Wange seinen dicken Rollkragenpullover berührte.
„Wir haben unseren Plan, nicht wahr, mein Zar?“, raunte sie leise, sodass nur er es hören konnte.
„Ein Ausweichplan existiert für jedes Szenario“, erwiderte Kai tief an ihrem Ohr, ohne die Hebamme aus den Augen zu lassen.
Seine raue Stimme klang vollkommen abgeklärt. „Der Chefarzt weiß exakt, welche medizinischen Schritte autorisiert sind und welche nicht. Niemand trifft in diesem Raum eine Entscheidung ohne meine Zustimmung.“
Nami schmunzelte leise. Typisch Kai.
Während andere Männer bei dem Gedanken an eine PDA oder einen Notkaiserschnitt nervös auf ihren Sitzkissen herumrutschten, hatte ihr Mann das medizinische Personal der Klinik vermutlich schon im Vorfeld mental unter seine Kontrolle gebracht.
„Und schließlich...“, Miss Kirigaya dämpfte ihre Stimme noch weiter ab, und im Raum wurde es vollkommen still. Das flackernde Licht der elektrischen Kerzen spiegelte sich in den Augen der werdenden Eltern. „...kommt der Moment, für den ihr das alles tut. Der Moment, in dem euer Kind geboren wird. Die Abnabelung. Die Nachgeburt der Plazenta. Und das Erste, was wir tun, sobald das Baby atmet: Wir legen es direkt nackt auf die nackte Brust der Mutter.“
Sie lächelte sanft. „Das sogenannte Bonding. In diesen ersten zwei Stunden ruht die Welt. Der Herzschlag der Mutter, ihre Körperwärme und eure Stimmen sind alles, was das Baby kennt. Der Vater schneidet auf Wunsch die Nabelschnur durch... das physische Trennen der Versorgung, um die eigenständige Reise eures Kindes zu beginnen.“
Ein leises Durchatmen ging durch die Frauen im Raum. Ryo schluckte hörbar bei dem Gedanken, die Nabelschnur zu durchtrennen, während seine Frau sich gerührt an ihn schmiegte.
Kais Handflächen über Namis Bauch spannten sich ganz minimal an. Der Gedanke an den Moment, in dem sein Sohn zum ersten Mal die Lunge mit Luft füllte und auf Namis Brust lag, rief in seinem Inneren eine tiefe, fast gefährliche Beschützerglut hervor.
Er neigte den Kopf zu Namis Schläfe. „Ich werde die Nabelschnur durchtrennen“, raunte er leise. Es war keine Frage, keine Option... es war ein Versprechen. Ein Siegel auf seine Vaterschaft.
Nami legte ihre Hand auf seine und verflocht ihre Finger fest mit den seinen. „Ich weiß, mein Schatz. Niemand sonst.“
Miss Kirigaya hielt einen Moment inne, ließ die Stille im Raum wirken und sah mit einem ergriffenen, matronenhaften Lächeln in die Runde der Paare. Das sanfte Flackern der Kerzen warf warme Schatten an die Wände, und das dichte Schneetreiben draußen vor den hohen Fenstern schien noch weiter in den Hintergrund zu rücken.
„In genau diesem ersten Moment der Ruhe“, fuhr die Hebamme leise fort, während sie zwei Finger aneinanderlegte, um die Geste der Nabelklemme nachzubilden, „geschieht die Magie. Es ist der Augenblick, in dem das Baby zum allerersten Mal eure ungefilterten Stimmen hört. Nicht mehr gedämpft durch das Fruchtwasser, sondern klar. Der Duft der Haut, der vertraute Klang eures Herzschlags... das ist es, was dem Neugeborenen die Angst vor dieser riesigen, kalten Welt nimmt.“
Ryo, der ein paar Matten weiter saß, hob zögerlich die Hand. Seine Stimme klang etwas belegt, als er in die Stille hinein fragte:
„Miss Kirigaya... was ist, wenn das Baby im ersten Moment gar nicht schreit? Wenn es einfach... still ist? Wie reagiert man da am besten, ohne direkt in Panik zu geraten?“
Ein leises, verunsichertes Gemurmel ging durch die Reihe der anderen Väter. Man sah ihnen an, wie sehr diese Ungewissheit an ihren Nerven zehrte.
Miss Kirigaya nickte verständnisvoll. „Eine sehr wichtige Frage, Ryo. Nicht jedes Baby kommt schreiend wie ein kleiner Vulkan auf die Welt. Manche brauchen ein paar Sekunden, um den Atemreflex auszulösen. Das Hebammenteam und die Ärzte sind in genau diesen ersten dreißig Sekunden extrem aufmerksam. Solange die Hautfarbe rosig wird und das Herz kräftig schlägt, gibt es keinen Grund zur Sorge. Und genau hier kommt wieder der Partner ins Spiel: Eure Gelassenheit überträgt sich direkt auf die Mutter. Wenn ihr panisch werdet, wird es die Mutter auch.“
Hinter Nami blieb Kais Brustkorb in einem vollkommen gleichmäßigen, unerschütterlichen Rhythmus. Seine Arme, die fest um ihren Oberkörper geschlungen waren, gaben keinen Millimeter nach. Seine breiten Hände ruhten wie eine schützende Rüstung auf der Rundung ihres Bauches.
Er neigte seinen Kopf minimal nach unten, sodass seine Lippen fast die feine Haut hinter Namis Ohrläppchen berührten.
„Panik ist das Ergebnis mangelnder Vorbereitung“, raunte Kai so tief und leise an ihrer Schläfe, dass nur sie das raue Vibrieren seiner Stimmbänder spüren konnte. „Sollte der Arzt auch nur eine Sekunde zu lange zögern, werde ich die Situation sofort übernehmen. Niemand wird in diesem Raum unüberlegt handeln.“
Nami spürte, wie sich ein warmes, inniges Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete. Sie legte ihren Kopf noch etwas schwerer an seine breite Schulter und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um die Geborgenheit aufzusaugen, die seine unnachgiebige Präsenz ihr schenkte.
„Du würdest selbst den Chefärzten Befehle erteilen, nicht wahr?“, flüsterte sie leise zurück, während ihre Finger sanft über seine Handknöchel strichen.
„Ich erteile keine Befehle, wenn sie ihren Job von alleine richtig machen“, erwiderte Kai stoisch. „Aber ich dulde keine Fehler, wenn es um dich und meinen Sohn geht.“
In diesem Augenblick bewegte sich etwas unter ihren zusammengeschlossenen Händen.
Ein kleiner, deutlicher Stoß traf Kais rechte Handfläche von innen... so kräftig und zielgerichtet, dass es sich anfühlte, als wollte der kleine Gou direkt auf die tiefe Resonanz der Stimme seines Vaters antworten.
Kais Finger spannten sich für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde an. Das gewohnte, kühle Glühen in seinen rubinroten Augen veränderte sich, wurde intensiver, dunkler. Sein Daumen begann ganz automatisch, in einer winzigen, bedachten Bewegung über genau die Stelle auf Namis Bauch zu streichen, an der die kleine Ferse oder Faust gerade dagegen gedrückt hatte.
Nami drehte ihr Gesicht leicht zur Seite und sah ihn aus dem Augenwinkel an. Das matte Kerzenlicht spiegelte sich in ihren ozeanarbenen Augen.
„Er scheint dir mal wieder zuzustimmen.“, raunte sie weich und legte ihre andere Hand über seine.
„Er weiß eben genau, wer da hinter uns sitzt.“
Kai antwortete nicht sofort mit Worten. Er hielt den Blick fest auf die Stelle auf ihrem Bauch gerichtet, während sein Daumen die sanfte Streichelbewegung fortsetzte. Sein Herz schlug kräftig und stetig an ihrem Rücken... ein unumstößlicher Taktgeber inmitten der leisen Musik, die Miss Kirigaya nun im Hintergrund aufflammen ließ.
„Er wird lernen, was es bedeutet, ein Hiwatari zu sein“, raunte Kai schließlich tief. Seine Hände umschlossen ihren Bauch wieder fest und beschützend, als wollte er den kleinen Jungen darin schon jetzt der ganzen Welt vorenthalten. „Und er wird wissen, dass dieser Ort hier sicher ist.“
Miss Kirigaya trat nun leise an die kleine Musikanlage an der Wand und dimmte das elektrische Kerzenlicht noch ein Stück weiter herunter, bis der Raum in ein dämmeriges, tiefgoldenes Licht getaucht war.
„Wir schließen die theoretische Einheit für heute ab“, kündigte die Hebamme sanft an und setzte sich im Schneidersitz wieder in die Mitte des Kreises. „Bevor wir gleich zu den persönlichen Fragen und der kleinen Abschiedsrunde kommen, möchte ich, dass wir für fünf Minuten in eine gemeinsame, tiefe Entspannungsphase gehen. Väter, haltet eure Frauen fest. Spürt den Rhythmus eurer Atmung. Lasst die Gedanken an den Alltag draußen im Schnee zurück.“
Im Raum wurde es vollkommen still. Nur das leise Knistern der Lautsprecher und das synchrone Ein- und Ausatmen der Paare erfüllte die warme Luft.
Kai zog Nami noch ein Stück enger an sich, sodass kein Millimeter Platz mehr zwischen ihrem Rücken und seinem Oberkörper blieb. Er atmete tief durch die Nase ein... langsam, kontrolliert, genau vier Sekunden lang... , hielt die Luft kurz an und stieß sie lautlos wieder aus.
Nami spürte die Bewegung seines mächtigen Brustkorbs sofort. Ohne nachdenken zu müssen, passte sie ihren eigenen Atemzug exakt seinem Rhythmus an. Sie senkte die Schultern, ließ alle verbliebene Anspannung aus ihrem Körper weichen und ergab sich völlig dem Gefühl, von seinen starken Armen gehalten zu werden.
Draußen wirbelten die nassen Schneeflocken lautlos gegen die dicken Scheiben des Familienzentrums, doch hier drinnen, im Kerzenschein, existierte für die beiden in diesem Moment nur der Rhythmus ihrer gemeinsamen Atemzüge.
Miss Kirigaya schenkte den Paaren nach der kurzen Atemphase ein warmes, aufmunterndes Lächeln und hob leicht die Hände.
„So, ihr Lieben. Bevor wir den Abend ausklingen lassen, ist jetzt der Moment für alles, was euch noch auf dem Herzen liegt. Keine Frage ist zu unbedeutend oder seltsam. Wer hat noch ein Anliegen?“
Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen im Raum. Das flackernde Kerzenlicht warf lange Schatten an die Wände, während das leise Knistern des Schnees gegen die Fensterscheiben zu hören war.
Auf der anderen Seite des Kreises rührte sich schließlich etwas. Ein junger Mann namens Seiya, der mit seinen dunklen, leicht violetten Haaren und den weichen Gesichtszügen bisher eher ruhig und zurückhaltend gewirkt hatte, räusperte sich leise. Seine Beine waren unruhig verschränkt, und seine Hände lagen auf den Knien seiner Frau, wo seine Finger den Stoff ihres Kleides nervös zusammenkniffen.
Er zögerte einen Moment, sah kurz zu den anderen Männern hinüber und hob dann langsam, fast ein wenig scheu, die Hand.
„Ich... ich hätte da tatsächlich noch eine Frage, Miss Kirigaya“, begann Seiya leise. Seine Stimme klang brüchig, belastet von einer Sorge, die er offenbar schon die ganzen letzten Wochen mit sich herumgetragen hatte.
Er schluckte spürbar, während seine Frau liebevoll ihre Hand auf seine legte, um ihm Mut zuzusprechen. Seiya sah auf ihre verschlungenen Finger hinab, bevor er den Blick wieder hob.
„Was... was machen wir als Partner, wenn ein Wehensturm einsetzt?“, fragte er schließlich, und das Wort schien ihm nur schwer über die Lippen zu gleiten. Er sah die Hebamme mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und tiefer Sorge an.
„Wir... wir haben Bekannte im Freundeskreis, bei denen genau das passiert ist. Die Wehen kamen ohne jede Pause, ununterbrochen und extrem heftig. Die Mutter hatte überhaupt keine Zeit mehr zum Durchatmen, das Gewebe verkrampfte vollkommen... und am Ende stand das Baby kurz davor, nicht mehr ausreichend versorgt zu werden. Es... es ist damals fast schiefgegangen.“
Ein beklemmendes Frösteln schien kurz durch die kleine Runde im Raum zu gleiten. Kentaro zog überrascht die Augenbrauen hoch, und auch Ryo sah besorgt zu Seiya hinüber.
Seiyas Blick wandte sich für einen Bruchteil einer Sekunde zu Kai, als würde er unwillkürlich nach der absoluten Unerschütterlichkeit suchen, die der jüngere Mann die ganze Zeit ausstrahlte, ehe er wieder Miss Kirigaya ansah.
„Ich habe Angst, dass ich in so einer Situation völlig nutzlos daneben stehe“, gestand Seiya leise, die Stimme von ehrlicher Sorge ergriffen. „Wenn der Schmerz sie überrollt und man als Mann absolut gar nichts mehr tun kann, um diese Welle zu stoppen... Wie reagiert man da richtig?“
Miss Kirigaya nickte ernst und blickte Seiya mit tiefem, mütterlichem Verständnis an.
„Das ist eine sehr spezifische und vollkommen berechtigte Angst, Seiya“, begann sie mit klarer, beruhigender Stimme.
„Aber ich kann dich und euch alle direkt an einem ganz wesentlichen Punkt beruhigen: Ein echter Wehensturm... also ununterbrochene, krampfartige Wehen ohne jede Erholungspause... tritt bei einem natürlichen, spontanen Geburtsbeginn extrem selten auf.“
Sie machte eine kurze Pause und sah die Runde der Väter eindringlich an.
„In den allermeisten Fällen ist so ein Wehensturm die Folge von künstlichen Geburtseinleitungen oder wehenfördernden Mitteln wie einem Oxytocin-Tropf, wenn die Gebärmutter überempfindlich auf das synthetische Hormon reagiert und der Körper keine Zeit hatte, eigene Schmerzhemmer aufzubauen.“
Seiyas Schultern senkten sich um einen Nuance, während er die Information aufnahm.
„Sollte so etwas passieren“, fuhr Miss Kirigaya fort, „seid ihr im Kreißsaal keineswegs hilflos. Das Geburtsteam kann einen Wehentropf augenblicklich stoppen oder ein sogenanntes Wehenhemmungsmittel verabreichen. Damit lässt der Krampf innerhalb von zwei bis drei Minuten spürbar nach, die Gebärmutter entspannt sich, und das Baby bekommt wieder sofort ausreichend Sauerstoff.“
Sie neigte leicht den Kopf zu Seiya. „Und was deine Rolle angeht: Du bist in so einem Moment alles andere als nutzlos. Wenn der Schmerz die Frau wie eine Welle überrollt, verliert sie manchmal den Kontakt zu ihrem eigenen Körper. Du wirst dann ihr physischer Anker. Du hältst ihren Blick, drückst deine Stirn an ihre, atmest ruhig vor und sprichst mit fester Stimme auf sie ein. Und vor allem: Du bist ihr Sprachrohr nach außen. Du forderst die Hebamme oder den Arzt auf einzugreifen, Schmerzmittel wie eine PDA anzubieten oder das Wehenmittel sofort zu drosseln, wenn du merkst, dass deine Frau keine Pause mehr zum Lufthalten bekommt.“
Ein hörbares Durchatmen ging durch die Reihe der Männer. Seiya nickte langsam, spürbar erleichtert, und fuhr mit dem Daumen sanft über die Handrückenseite seiner Frau, die sich dankbar an seine Schulter lehnte.
Für Kai waren dies keine neuen Erkenntnisse, sondern medizinische Fakten, die er bei seinen Nachforschungen über die Privatklinik längst analysiert hatte.
Dennoch spürte er, wie Nami sich bei dem Wort Wehensturm unwillkürlich eine Spur enger an seinen Brustkorb geschmiegt hatte. Seine großen Hände über ihrem Bauch schlossen sich noch einen Hauch fester um sie.
„Bei uns wird niemand mit synthetischen Experimenten eingreifen, solange es nicht medizinisch zwingend notwendig ist“, raunte Kai tief an Namis Ohr, sodass seine raue Stimme wie ein beruhigendes Summen durch ihren Körper drang. „Ich kenne das Dossier des Chefarztes. Die Protokolle für Tokolytika und Notfalleingriffe sind hinterlegt.“
Nami schmunzelte leise in der Dämmerung des Kerzenlichts, legte ihren Kopf wieder an seine breite Schulter und strich liebevoll über seine Hände. „Ich weiß, mein Zar. Bei dir gibt es keine unberechenbaren Variablen.“
Miss Kirigaya schenkte der Runde ein aufmunterndes Lächeln. „Gibt es noch etwas, das euch auf dem Herzen liegt? Ein Detail, eine Sorge für die ersten Stunden oder den Weg in die Klinik?“
Ryo stützte das Kinn auf die Handfläche und sah für einen Moment nachdenklich ins Kerzenlicht. Dann wandte er vorsichtig den Kopf zur Seite. Sein Blick lag voller Respekt auf Kai... jener ehrfurchtsvollen Distanz, die fast jeder gegenüber dem ehemaligen Weltmeister wahrte.
„Die meisten Väter haben ja heimlich Angst davor, im entscheidenden Moment umzukippen oder den Halt zu verlieren“, sagte Ryo mit ruhiger, fast ehrfürchtiger Stimme in die Runde und warf Kai einen vorsichtigen Blick zu. „Aber ich bin mir sicher… das ist eine Sorge, die bei Ihnen völlig unbegründet ist, Mr. Hiwatari. Sie würden wahrscheinlich nicht einmal mit der Wimper zucken, egal was im Kreißsaal passiert.“
Ein leises, verständnisvolles Nicken ging durch die Runde der Männer, die Ryos Einschätzung nur zu gut nachvollziehen konnten.
Kai erwiderte Ryos Blick, ohne auch nur eine Nuance seiner stoischen Miene zu verändern. Seine roten Augen fixierten die des wenige Jahre älteren Mannes mit ruhiger Gelassenheit.
„Panik entsteht durch Unwissenheit und Kontrollverlust“, antwortete Kai mit gewohnt tiefer, fester Stimme. „Wer vorbereitet ist und seinen Fokus behält, hat keinen Grund umzukippen.“
Ryo nickte zustimmend und wandte sich mit spürbarer Erleichterung wieder nach vorne, als hätte Kais gewohnte Festigkeit auch ihm ein Stück mehr Sicherheit gegeben.
Nami biss sich schmunzelnd auf die Unterlippe und neigte den Kopf nach hinten, um Kai von unten her anzusehen.
„Mein Fels in der Brandung“, raunte sie liebevoll, während ihre Hand sanft über seinen Oberschenkel strich.
Kai antwortete nicht, aber sein Daumen strich bedächtig über Namis Taille, und der Druck seiner Arme um sie war die stumme Bestätigung, dass ihn auf dieser Welt absolut nichts ins Wanken bringen würde, solange es um ihre Sicherheit ging.
Miss Kirigaya wollte gerade ansetzen, die Runde zu beenden, als Nami sanft ihre Hand hob. Die bisherige Gelassenheit wich für einen Moment einer ganz pragmatischen Überlegung, die sie schon eine Weile beschäftigte.
Sie spürte, wie sich Kais Griff um ihre Taille minimal versteifte... seine Aufmerksamkeit war augenblicklich zu einhundert Prozent geschärft.
„Ich hätte tatsächlich noch eine Frage“, sagte Nami ruhig und sah Miss Kirigaya an. „Was ist die beste Vorgehensweise, wenn die Wehen tagsüber einsetzen, während ich alleine zu Hause bin? Mein Mann ist meistens bis zum späten Nachmittag in der Firma. Sollte ich ihn sofort informieren oder erst abwarten, wie sich die Abstände entwickeln?“
Ein zustimmendes Murmeln ging von einigen der anderen Frauen aus. Auch sie schienen genau diese Alltagssorge im Hinterkopf zu haben.
Miss Kirigaya schenkte Nami ein verstehendes, warmes Lächeln.
„Das ist eine hervorragende Frage, Nami... und eine Situation, die sehr viele Erstgebärende betrifft.“
Sie lehnte sich leicht vor. „Das Wichtigste vorweg: Die allermeisten Geburten beginnen nicht schlagartig mit heftigsten Wehen. Es beginnt fast immer schleichend. Ein Ziehen im unteren Rücken, ein unregelmäßiges Hartwerden des Bauches. Wenn du merkst, dass es losgeht, bleibst du erst einmal ganz ruhig. Du hast alle Zeit der Welt.“
Sie hob zwei Finger. „Für den Ablauf empfehle ich folgende zwei Schritte:
Erstens: Sobald du spürst, dass die Abstände regelmäßiger werden... sagen wir alle zehn bis fünfzehn Minuten... , sagst du deinem Mann Bescheid. Nicht, damit er nach Hause rast, sondern damit er seine Termine geordnet abschließen, den Schreibtisch verlassen und sich ohne Hektik auf den Weg machen kann.“
Kai neigte leicht den Kopf zu Namis Ohr, während Miss Kirigaya weitersprach. Seine raue, tiefe Stimme war nur für sie hörbar.
„Mein Terminkalender spielt in dem Moment keine Rolle mehr. Sobald dein Anruf kommt, bin ich unterwegs. Das Board und die Meetings sind sekundär.“
Nami lächelte sanft und legte ihre Hand auf seine große Hand an ihrem Bauch, während Miss Kirigaya fortfuhr:
„Zweitens: Während dein Mann auf dem Heimweg ist, machst du es dir gemütlich. Eine warme Dusche nehmen, noch etwas Leichtes essen, die Tasche bereithalten. Erst wenn die Wehen regelmäßig alle fünf bis sechs Minuten kommen und so stark sind, dass du dich währenddessen nicht mehr unterhalten kannst, macht ihr euch gemeinsam auf den Weg in den Kreißsaal. Sollte die Fruchtblase zuerst platzen, rufst du ihn direkt an und ihr fahrt entspannt los.“
Miss Kirigaya sah Nami und Kai an. „Ihr habt ein starkes Netz um euch herum und die Anfahrt ist gut planbar. Sobald das erste Signal kommt, schaltet ihr einfach auf euren gemeinsamen Plan um.“
Eine junge Frau namens Hanako, die schräg gegenüber auf ihren Kissen saß und Ryos Hand fest umschlungen hielt, hob zögerlich die Hand. Sie strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr und sah Miss Kirigaya mit sanftem, aber nachdenklichem Blick an.
„Ich hätte da noch eine Frage, Miss Kirigaya…“, begann Hanako leise. „Man hört ja oft, dass Frauen zu Hause wunderbare, regelmäßige Wehen haben, aber sobald man dann im Krankenhaus ankommt... in dieser fremden, medizinischen Atmosphäre... , die Wehen plötzlich schwächer werden oder sogar ganz aufhören. Was macht man in so einem Moment? Und wie verhindert man, dass man dann direkt in Hektik verfällt oder sofort mit Medikamenten nachgeholfen werden muss?“
Miss Kirigaya nickte verständnisvoll und lehnte sich ein Stück vor.
„Eine sehr feinfühlige und extrem wichtige Frage, Hanako“, begann sie mit sanfter Stimme. „Was du beschreibst, ist ein völlig natürlicher Schutzreflex unseres Körpers. Wenn wir die gewohnte, sichere Umgebung verlassen, schüttet das Gehirn ganz automatisch ein wenig Adrenalin aus. Das ist ein alter Urtrieb... Adrenalin signalisiert dem Körper Gefahr, und der Körper stoppt die Geburt kurzzeitig, um in Sicherheit zu gelangen.“
Sie sah Hanako aufmunternd an.
„Um genau das zu verhindern, verändern wir die Atmosphäre im Kreißsaal so gut wie möglich. Wir machen das Licht aus, stellen Duftlampen auf, spielen ruhige Musik. Und der Partner spielt hier die Hauptrolle: Du bist ihr gewohntes Stück Heimat. Wenn du deine Frau im Arm hältst, ihr den Rücken stärkst und sie sich geborgen fühlt, sinkt der Adrenalinspiegel wieder. Dem Körper muss Zeit gegeben werden, sich einzupendeln... gutes Personal wartet erst einmal ab und drängt nicht sofort auf künstliche Wehenmittel.“
Nami lauschte den Worten der Hebamme und spürte dabei die wohlige Wärme von Kais Brust an ihrem Rücken. In Gedanken musste sie leise schmunzeln. Sie sparte es sich bewusst auszusprechen, dass sie im Ayame-Anwesen ohnehin niemals wirklich allein war... Graham war schließlich rund um die Uhr vor Ort und würde im Fall der Fälle mit gewohnter Präzision sofort alles veranlassen.
Sie wollte in der Runde nicht privilegiert oder abgehoben wirken, weshalb sie diesen Gedanken lieber für sich behielt.
Stattdessen genoss sie einfach das beruhigende Gefühl von Kais Händen über ihrem Bauch.
Hinter ihr blieb sein Körper vollkommen ruhig, doch seine raue Stimme ertönte sogleich erneut dicht an ihrem Ohr.
„Unser Raum in der Privatklinik wird nach deinen Vorgaben vorbereitet sein“, raunte er unumstößlich, während sein Daumen sanft über ihre Taille strich. „Keine fremden Blicke, keine unnötige Hektik. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass dort dieselbe Ruhe herrscht wie im Anwesen.“
Nami lächelte in das dämmrige Licht hinein. Sie wusste, dass Kai in der Klinik keinen millimeterbreiten Raum für Stress oder Störungen zulassen würde.
Miss Kirigaya blickte nun noch einmal lächelnd in die Runde. „Gibt es von euch noch eine allerletzte Frage, bevor wir uns verabschieden?“
Hina, die bisher aufmerksam zugehört hatte, rückte auf ihrem Kissen etwas näher an Kentaro heran. Ihre dunklen Augen wanderten kurz zu den anderen Paaren, ehe sie sich an Miss Kirigaya wandte.
„Ich habe noch eine Frage…“, meinte Hina leise, während Kentaro aufmerksam ihre Hand hielt. „Wenn es dann wirklich in die heiße Phase geht und die Wehen immer intensiver werden… wie schafft man es, nicht von den Schmerzen überwältigt zu werden oder panisch zu reagieren? Gibt es einen Moment, an dem man einfach lernt, loszulassen?“
Miss Kirigaya lächelte mütterlich und nickte zustimmend.
„Das ist ein ganz zentraler Punkt, Hina“, erklärte die Hebamme sanft. „Angst erzeugt Spannung, und Spannung verstärkt den Schmerz. Der Schlüssel liegt in der Atmung und im Vertrauen auf den eigenen Körper. Ihr müsst nicht 'durchhalten', als wäre es ein Kampf. Jede Wehe bringt euch eurem Baby einen Schritt näher. Und genau deshalb seid ihr als Partner dabei... um eure Frauen daran zu erinnern, ruhig auszuatmen, wenn der Druck am größten wird.“
Kai atmete tief ein.
„Genauso werden wir es machen. Atemzug für Atemzug. Ich weiche keinen Millimeter von deiner Seite.“
Nami schloss für einen kurzen Moment die Augen. Kais tiefe, unerschütterliche Präsenz gab ihr genau das Gefühl der absoluten Kontrolle und Geborgenheit, das keine Übung der Welt ersetzen konnte.
Miss Kirigaya sah schließlich mit einem warmen Blick in die Runde, während das Sanftlicht der Kerzen den Raum in eine angenehme Ruhe tauchte.
„Das waren wunderbare, ehrliche Fragen“, sagte sie leise. „Damit, meine Lieben, schließen wir unsere Vorbereitungsrunde für heute ab. Vertraut auf eure Körper, vertraut auf eure Partner... und genießt die verbleibende Zeit bis zum großen Tag.“
Ein leises, tiefes Ausatmen ging durch die kleine Runde der Paare. Die verbliebene Anspannung schien sich endgültig im sanften Kerzenlicht aufzulösen, und eine spürbare, warme Erleichterung breitete sich im Raum aus.
Miss Kirigaya erhob sich fließend von ihrer Matte in der Mitte, strich ihren waldgrünen Strickpullover glatt und schenkte jedem Paar einen langen, fast mütterlichen Blick.
„Ihr seid mehr als bereit, meine Lieben“, sagte sie leise, während ihre Stimme eine ehrliche Wärme trug. „Vergesst nie: Eine Geburt ist kein medizinisches Ereignis, das man einfach über sich ergehen lässt. Es ist der Moment, in dem ihr als Familie geboren werdet. Ich wünsche euch von ganzem Herzen eine sichere, kraftvolle und wunderschöne Ankunft eurer Kleinen.“
Sie neigte den Kopf in einer tiefen, respektvollen Verbeugung vor der Gruppe. Ein warmer, ehrlicher Applaus brach aus. Ryo und Kentaro, so wie die Anderen, klatschten begeistert mit, während ihre Frauen sich gerührt an ihre Schultern schmiegten.
Kai blieb noch einen Moment reglos hinter Nami sitzen, seine großen Hände weiterhin stützend um ihre Taille gelegt. Er wartete geduldig, bis die ersten Paare aufgestanden waren und sich im Raum zu verteilen begannen, bevor er sich fließend und mit einer mühelosen, raubtierhaften Eleganz auf die Beine schob. Er reichte Nami beide Hände, umschloss ihre Finger mit gewohnter Festigkeit und zog sie mit perfekter Behutsamkeit nach oben.
Nami strich sich eine silbrige Locke aus dem Gesicht, legte eine Hand auf ihren Bauch und atmete die von Vanille und Orangentee erfüllte Luft ein.
Ryo trat gemeinsam mit Hanako an die beiden heran. Der junge Mann zog vorsichtig seine Jacke an, bevor er sich vor Kai und Nami leicht verbeugte. Seine Züge wirkten deutlich entspannter als noch zu Beginn des Abends.
„Mr. Hiwatari... Mrs. Hiwatari“, sagte Ryo mit ehrlicher Hochachtung und sah Kai direkt in die tiefroten Augen. „Vielen Dank für die letzten Wochen. Ihre... Ihre unerschütterliche Ruhe hat mir wirklich gezeigt, wie man als Mann stehen muss, wenn es ernst wird. Ich wünsche Ihnen beiden und Ihrem Sohn alles Gute für die Geburt.“
Kai sah den älteren Mann einen Augenblick lang mit unbewegter Miene an. Doch in seinen Zügen lag kein kühles Desinteresse mehr, sondern die schlichte, sachliche Anerkennung eines Mannes, der Bereitschaft erkannte.
„Bleib fokussiert, Ryo“, entgegnete Kai ruhig, seine raue Stimme tief und unumstößlich.
„Dein Kind braucht keinen zweifelnden Vater. Du bist vorbereitet. Mach deinen Job.“
Ryo nickte stumm, sichtlich ergriffen von den klaren Worten, während Hanako Nami ein warmes, freundschaftliches Lächeln schenkte. „Passen Sie gut auf sich auf, Nami“, sagte Hanako sanft.
„Vielen Dank, Hanako. Euch beiden ebenfalls nur das Beste“, erwiderte Nami herzlich.
Nachdem sie sich auch vom Rest mit aufrichtigem Nicken verabschiedet hatten, schritt Miss Kirigaya auf das Paar zu. Sie sah Nami mit einem sanften Lächeln an, ehe ihr Blick kurz zu Kai wanderte.
„Sie werden ein hervorragendes Team im Kreißsaal sein, Mr. Hiwatari“, meinte die Hebamme leise und mit großem Respekt.
„Passt gut auf euren kleinen Jungen auf.“
„Wir danken Ihnen für alles, Miss Kirigaya“, sagte Nami weich und neigte den Kopf, während Kai das Lob stoisch mit einem kaum merklichen Kopfnicken quittierte.
Am Rand des Raumes half Kai Nami beim Anziehen. Er nahm ihren Umstandsmantel von der Garderobe, hielt ihn ihr hin und strich, sobald sie hineingeschlüpft war, ihre langen, silbrig-weißen Wellen behutsam unter dem Kragen hervor. Erst als sie vollkommen geschützt und warm eingepackt war, streifte er seinen eigenen schweren Wollmantel über den kohlegrauen Rollkragenpullover.
Die Tür des Familienzentrums öffnete sich, und der eisige Tokioter Dezemberschnee schlug ihnen in feinen, wirbelnden Flocken entgegen. Kai legte augenblicklich seinen Arm um Namis Schulter, zog sie fest an seine warme Seite und schirmte sie gegen den auffrischenden Wind ab, während sie gemeinsam die Stufen hinab zum Bentley traten.