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Der dunkle Informant

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Der dunkle Informant

Ein eiskalter Wind strich über Tokio und trieb feine Schneekristalle gegen die hohen Fenster des Ayame-Anwesens. Der Kalender zeigte den zweiten Februar. Bis zu Namis errechnetem Entbindungstermin blieben nur noch knapp drei Wochen... eine Zeitspanne, die wie ein unaufhaltsam tickendes Pendel über dem Anwesen schwebte.

In den vergangenen vier Wochen war es beunruhigend ruhig geblieben. Kenny hatte die Datenströme und globalen Netzwerke Tag und Nacht überwacht, Tala hatte seine Kontakte in Russland bis aufs Äußerste strapaziert und Kai selbst hatte jedes erdenkliche Detail prüfen lassen. Doch es gab nichts. Keine verdächtigen Regungen von Sobolev, keine Spur von den verbliebenen Zöglingen der Abtei. Es war, als hätten sie sich vollkommen unsichtbar gemacht, aufgelöst im Nichts.

Doch Kai traute dieser Stille nicht. Da Boris hinter all dem steckte... , war diese Ruhe kein Zeichen von Aufgeben, sondern von Lauerstellung. Sie warteten in den Schatten.

Sie warteten genau auf den Moment, in dem die Geburt die Aufmerksamkeit band und eine Schwachstelle offenbaren würde, um zuzuschlagen und den Jungen in ihre Finger zu bekommen.

Tausende Kilometer entfernt, im eiskalten Russland, hallten bei Tala ganz andere Schatten nach. Er war primär nach Tokio gereist, um Kai und Kenny bei der Sobolev-Sache zur Seite zu stehen, doch die gemeinsamen Tage hatten Spuren hinterlassen.

Er dachte zurück an die Silvesternacht.

Die Luft in Luminas Hotelzimmer war heiß und dicht gewesen, durchtränkt vom Duft der Extase und dem unverkennbaren Verlangen, das zwischen ihnen beiden jedes Mal wie eine Naturgewalt entflammte.

Es war wieder einmal eine wilde, grenzenlose Nacht gewesen, in der sie sich gegenseitig alles abverlangt hatten.

Als sie danach erschöpft im Bett lagen und Lumina mit ihren feinen, blassen Fingern über seine muskulöse Brust strich, hatte sie ihm plötzlich verschmitzt und mit diesem unnachahmlichen, auffälligen Grinsen vorgeschlagen, sie könne doch einfach mit ihm nach Russland kommen. Natürlich nur für ein paar Wochen, wie sie beiläufig ergänzt hatte.

Tala hatte sie aus seinen eiskalten Augen angesehen und sie schroff gefragt, ob sie nun vollkommen verrückt geworden sei und das sofort vergessen könne. Er würde sie ganz sicher nicht mitnehmen, hatte er ihr mit harter, distanzierter Stimme gesagt.

Doch während diese kühlen Worte über seine Lippen kamen, hatte sein gesamter Körper nach dem genauen Gegenteil geschrien.

Jeder Nerv in ihm verlangte danach, sie pausenlos an seiner Seite zu haben, sie einzusperren, sie nie wieder aus den Augen zu lassen. Er hatte es nicht ausgesprochen... er konnte es nicht... , doch Lumina hatte seine Überforderung und die tiefe, beinahe zerstörerische Besitzgier, die er krampfhaft zu unterdrücken versuchte, wieder einmal haargenau gespürt.

Als sie sich einige Tage später auf den Weg machten und in ihre jeweiligen Länder zurückkehrten... Tala zurück in die eisige Härte Russlands und Lumina nach England... , hatten sie sich am Flughafen ein letztes Mal gegenübergestanden.

In diesem einen, flüchtigen Moment auf dem Terminal war Tala kurz davor gewesen, die Beherrschung zu verlieren. Er wollte nach ihr greifen, sie am Handgelenk packen und ihr im Befehlston untersagen, in das Flugzeug nach London zu steigen, damit sie mit ihm kam.

Seine Knöchel waren weiß hervorgetreten, während er den Drang niederrang.

Er hatte sie gehen lassen.

Und das kleine, feine Schmunzeln, das bei seinem Anblick auf ihren Lippen gelegen hatte, hatte ihn vollkommen rasend gemacht.

Lumina war, wie so oft, nicht im Geringsten enttäuscht über seine Unfähigkeit gewesen, seine Gefühle zuzulassen oder auszusprechen. Der Blick aus seinen eisblauen Augen hatte ihr wie so oft, völlig gereicht; er war ein offenes Buch für sie.

Nicht jetzt… aber bald. Da war sich Lumina absolut sicher gewesen. Er würde schon noch einknicken. Vor lauter Sucht nach ihr würde er über kurz oder lang komplett wahnsinnig werden.

Die Anspannung in den oberen Etagen der Tachiwari-Corporation war greifbar. Die gläserne Front des Vorstandsbüros bot einen spektakulären Panoramablick über das schneebedeckte Tokio, doch für die frostige Ästhetik der Megacity hatte Kai Hiwatari am heutigen Nachmittag keinen einzigen Blick übrig.

Er saß aufrecht hinter seinem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Marmor. Die Arbeitsfläche vor ihm war gewohnt akkurat geordnet, Dokumente lagen stapelweise bereit, und auf dem Bildschirm flimmerten die vierteljährlichen Finanzanalysen. Doch seine Gedanken waren weit entfernt von Bilanzen und Aktienkursen.

Kais Haltung war steif, jede Faser seines Körpers unter starker Kontrolle. Seine rubinroten Augen fixierten das dunkle Display seines Smartphones, das absolut exakt parallel zur Tastatur lag. Nur das leiseste, unregelmäßige Klopfen seiner Fingerspitzen auf der polierten Marmoroberfläche verriet die innere Unruhe, die an seiner Beherrschung zehrte.

Dr. Hayashi hatte es bei der letzten Untersuchung in der Klinik unmissverständlich klargestellt: Obwohl der errechnete Entbindungstermin erst in drei Wochen lag, war die Schwangerschaft in einer Phase angekommen, in der es jederzeit losgehen konnte. Jede Minute. Jeder unbedachte Moment konnte der Auslöser sein.

Dass Nami heute nicht im Tower war, machte es für Kai keineswegs leichter. In den letzten Wochen war sie mittags immer seltener ins Büro gekommen. Die fortgeschrittene Schwangerschaft verlangte ihren Tribut; die Nächte im Anwesen waren für sie oft zur Qual geworden. Der starke Reflux raubte ihr regelmäßig den Schlaf, und das zusätzliche Gewicht des Babys machte es ihr unmöglich, eine angenehme Liegeposition zu finden. Sie verbrachte die dunklen Stunden meist halb sitzend, geplagt von Sodbrennen und Unruhe, sodass sie am späten Vormittag und um die Mittagszeit vollkommen erschöpft in einen tiefen, nachgeholten Schlaf fiel.

Kai wusste, dass sie im Anwesen bei Graham in besten Händen war und die nötige Ruhe bekam. Doch die räumliche Distanz zwischen dem Hauptsitz der Firma und dem Ayame-Anwesen fühlte sich für ihn an wie eine undurchdringliche Wand.

Sein Blick wandte sich erneut dem Stumm geschalteten Handy zu. Kein Anruf. Keine Nachricht.

Das verfluchte Schweigen des Telefons trieb eine feine Ader an seiner Schläfe zum Pulsieren. Es war nicht nur die bevorstehende Geburt, die seine Nerven anspannte. Es war diese giftige Mischung aus der biologischen Unberechenbarkeit der kommenden Stunden und der quälenden, lautlosen Bedrohung durch die Schatten der Abtei.

Wenn Sobolev und Boris zuschlagen wollten, dann genau jetzt. Wenn Nami geschwächt war. Wenn der Fokus der gesamten Familie auf dem Schrei eines Neugeborenen lag.

Kai verengte die Augen, strich sich mit einer harten Bewegung durch das silbrig-blaue Haar und griff schließlich nach dem Telefon.

Er entsperrte den Bildschirm, raste mit dem Daumen über das Display und rief direkt das interne Sicherheitsprotokoll des Anwesens auf. Die Kamerabilder zeigten den ruhigen, verschneiten Garten des Hauses, den friedlichen Innenhof und das schmiedeeiserne Tor.

Er atmete tief durch die Nase ein, schloss das Display wieder und legte das Gerät exakt an seinen ursprünglichen Platz zurück.

Der Zar der Tachiwari-Corporation war es gewohnt, jede Situation zu kontrollieren, jeden Gegner im Voraus zu analysieren und jede Variable zu beherrschen. Doch gegen die Natur und das kalkulierte Warten von Phantomen in den Schatten gab es keine schnelle Strategie... nur das eisige, zehrende Warten. Und die Gewissheit, dass er beim kleinsten Signal aufspringen und die Welt brennen lassen würde, um seine Familie zu schützen.

Kai erinnerte sich mit einer düsteren Intensität an jenen Abend vor zwei Wochen.

Er hatte den Kreis der Eingeweihten stets so unerbittlich klein wie möglich gehalten. Je weniger Menschen von den ständigen Scans, den Bedrohungsszenarien und der Schattensuche nach Sobolev und den Zöglingen der Abtei wussten, desto geringer war die Gefahr eines Lecks.

Doch an jenem Abend, als Namis Eltern zum Abendessen im Ayame-Anwesen zu Gast gewesen waren, hatte die Realität sein eisernes Kontrollbedürfnis durchbrochen.

Während des Essens hatte es eine erneute, feine Aura-Entladung aus Namis Bauch gegeben. Ein kurzes, tiefes Glühen, das im Raum spürbar gewesen war... flüchtig für normale Menschen, doch unüberriechbar für jeden, der für die Energie von Bit-Beasts empfänglich war.

Wenig später hatte Hiro Tachiba, Namis Vater, Kai mit einer ruhigen, aber unmissverständlichen Geste um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Sie hatten sich in den kleinen Salon zurückgezogen, wo nur das leise Knistern des Kamins die Stille unterbrach.

Hiro war an die hohen Bogenfenster getreten, hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den Blick in den verschneiten Garten gerichtet, ehe er sich mit ernster Miene zu Kai umwandte.

Er hatte Kai ohne Umschweife eröffnet, dass ihm die energetischen Entladungen nicht entgangen waren. Hiro gestand ihm, dass er die Aura des ungeborenen Gou bereits seit Monaten spüren konnte. Er wusste mit absoluter Gewissheit, dass sein Enkelsohn ein mächtiges Bit-Beast in sich trug.

Doch Hiros Beobachtungen endeten nicht bei dem Ungeborenen. Sein kühler, erfahrener Blick war auch auf Kai gerichtet gewesen.

Hiro stellte trocken fest, dass Kai in den letzten Wochen ungewöhnlich gestresst wirkte... eine Regung, die der Zar der Tachiwari-Corporation sonst vor der ganzen Welt zu verbergen wusste. Zudem ließ Hiro eine beiläufige Bemerkung einfließen, die Kais Aufmerksamkeit schlagartig schärfte:

Mr. Dickenson hatte sich ihm gegenüber verwundert darüber geäußert, wie extrem beschäftigt Kenny derzeit mit langwierigen, persönlichen Analysen für Kai war, obwohl Kennys Hauptaufgabe eigentlich den Belangen der BBA galt.

In diesem Moment hatte Kai abgewogen und sich dazu entschlossen, seinen Schwiegervater einzuweihen. In knappen, präzisen Worten hatte er Hiro die volle Tragweite der Situation dargelegt: die Verbindungen zu Sobolev, die Spuren der Abtei und den finsteren Schatten von Boris, der im Hintergrund die Fäden zog, um nach dem Neugeborenen zu greifen.

Die Reaktion des sonst so beherrschten Hiro Tachiba war von einer tiefen, ernsten Beunruhigung geprägt gewesen. Ein schmaler Grat aus Zorn und Sorge hatte sich auf seinen Zügen abgezeichnet.

Hiro hatte einst Jahre seines Lebens darauf verwendet, Nami bis zu ihrem 18. Lebensjahr konsequent aus der Öffentlichkeit herauszuhalten... mit dem einzigen Ziel, Raubtiere wie Boris und die Beyblade-Schattenwelt von seiner Tochter fernzuhalten. Dass eben diese Leute nun, Jahre später, die Hand nach seinem unbornen Enkelsohn ausstreckten, traf den älteren Mann tief.

Die Erinnerung an das Gespräch hallte in Kai nach, während er am Schreibtisch saß und das stumme Display seines Handys fixierte.

Hiro wusste Bescheid, und auch wenn es Kai widerstrebte, die Last zu teilen, war ihm klar gewesen: In diesem Kampf gegen die Geister der Vergangenheit stand nicht nur seine eigene kleine Familie auf dem Spiel, sondern das Erbe einer ganzen Blutlinie.

Die Mittagszeit im Hauptsitz der Tachiwari-Corporation brachte das gewohnte, geschäftige Treiben mit sich. Der gläserne Aufzug glitt geräuschlos nach unten und entließ Kai in die weitläufige, von poliertem Naturstein und feinstem Glas geprägte Eingangshalle des Towers.

Inmitten des stetigen Stroms von Angestellten und Besuchern wirkte Kai wie eine ruhende, unerschütterliche Kraft. Seine aufrechte, athletische Gestalt zog unwillkürlich Blicke auf sich. Mit ruhigen, bedächtigen Schritten steuerte er auf den eleganten Café-Stand auf der linken Seite der Lobby zu, um sich einen einfachen, schwarzen Kaffee zu holen.

Immer wieder zogen Mitarbeiter im vorbeigehen ehrfurchtsvoll die Schultern zurück, verneigten sich leicht oder nickten ihm höflich zu. Kai nahm die Gesten mit einem kaum merklichen, stummen Nicken zur Kenntnis, während seine rubinroten Augen gewohnheitsmäßig und beiläufig die riesige Halle scannten. Keine Bewegung, kein unbedachtes Geräusch entging seinen geschärften Sinnen. Es war ein tief verankerter Instinkt, den er niemals ablegen konnte.

Als der Barista ihm den heißen Becher reichte und Kai die Hand danach ausstreckte, hielt er plötzlich mitten in der Bewegung inne.

Sein Körper versteifte sich schlagartig. Es war nur eine Winzigkeit, eine scheinbar unbedeutende Silhouette im dichten Schneetreiben draußen vor den gewaltigen, bodentiefen Glasfronten des Gebäudes. Doch zwischen der glänzenden Anonymität der Passanten zeichnete sich direkt an der Fensterscheibe die Umrisslinie einer dunkel verhüllten Gestalt ab.

Die Person stand vollkommen reglos da und starrte unverwandt durch das Glas in die Lobby hinein... exakt in Kais Richtung.

In Kais Brust zog sich etwas krampfhaft zusammen. Ein plötzlicher, eiskalter Schauer schoss ihm durch die Glieder, gefolgt von einer augenblicklichen Schärfung all seiner Sinne. Dranzer in seinem Inneren schien leise aufzukreischen, als reagiere der Geist in ihm auf ein unsichtbares Signal. Er wusste in diesem Sekundenbruchteil nicht genau, was es war... kein erkennbares Gesicht, keine sichtbare Waffe... , doch seine Intuition schlug lautstark Alarm.

Armon, sein hochgewachsener Sicherheitschef, der gewohnt am Empfang positioniert war, bemerkte Kais abruptes Erstarren sofort. Mit einem geschulten Blick folgte Armon der Blickrichtung seines Chefs und machte die dunkel gekleidete Person hinter der Scheibe aus.

Ohne zu zögern griff Armon nach seinem Headset, tippte auf die Taste am Ohr und wollte gerade entschlossenen Schrittes in Richtung der automatischen Schiebetüren des Haupteingangs treten, um den Unbekannten abzufangen.

Doch noch bevor Armon die Türen erreichen konnte, wandte sich die dunkel verhüllte Gestalt ruckartig um. Sie verschmolz mit einer fast übernatürlichen Hast mit den herumwirbelnden Schneeflocken und eilte die breite Außentreppe hinab.

Kais Augen weiteten sich minimal. Das Adrenalin schoss wie flüssiges Feuer durch seine Adern. Er ließ den Kaffeebecher auf dem Tresen stehen, drehte sich auf dem Absatz um und hastete ebenfalls mit langen, zielgerichteten Schritten direkt auf den Ausgang zu.

Er wusste nicht wieso... aber irgendwas an dieser Gestalt, an diesem stummen Blick durch das Glas war zutiefst verstörend und falsch gewesen. Seine Beherrschung war wie weggeblasen; jede Faser seines Körpers verlangte danach, dieser Spur im Schnee sofort zu folgen.

Die Eiskälte der Tokioter Winterluft schlug Kai mit voller Wucht entgegen, als die schweren Glastüren des Tachiwari-Towers nach außen schnellten. Der eisige Wind trieb feine, scharfe Schneekristalle über die breite Granittreppe. Kai blieb am obersten Absatz stehen. Seine Füße standen fest auf dem rutschigen Boden, die Schultern angespannt, während seine rubinroten Augen mit raubtierhafter Präzision über den Vorplatz und die angrenzenden Bürgersteige von Shinjuku schnellten.

Armon trat sekundenschnell an seine Seite, den Blick geteilt zwischen dem Getümmel und den Eingängen der U-Bahn-Schächte. Seine Hand ruhte einsatzbereit am Saum seines Sakkos.

„Sir…“, begann Armon mit gewohnt stoischer, aber angespannter Stimme und scannte die Vorbeigehenden. „Die verdächtige Person scheint verschwunden.“

Kai antwortete nicht sofort. Er hob knapp die Hand, um den Sicherheitschef stumm zum Schweigen zu bringen. Der dichte Menschenstrom von Shinjuku... Kapuzen, Schirme und schwere Wintermäntel... verschmolz zu einem beweglichen Meer aus Anonymität. Doch Kai gab sich nicht geschlagen. Seine Sinne waren auf das Äußerste geschärft, jedes Detail filternd.

Und dann sah er sie.

Ein dunkler Kapuzenmantel, der sich abseits der Hauptzeile mit hektischen, unregelmäßigen Schritten entgegen der Menge schob.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stieß sich Kai ab und rannte los. Seine Absätze knallten auf das nasse Pflaster, während er sich mit absoluter Entschlossenheit durch die überraschten Passanten bahnte. Armon zögerte keine Sekunde und setzte seimem Chef sofort im Laufschritt hinterher.

Die dunkel verhüllte Gestalt bog scharf nach rechts ab und schlüpfte in eine schmale, dunkle Nebenstraße... eine jener engen, zwischen den Wolkenkratzern eingepferchten Gassen Shinjukus, in die kaum Tageslicht drang.

Als Kai wenige Sekunden später um die Ecke bog und abrupt zum Stehen kam, traf ihn die Stille des leeren Durchgangs. Die Gasse war eine Sackgasse, versperrt von schweren Müllcontainern und einer abgesperrten Baustelle. Niemand war hier. Die Person war spurlos verschwunden, als hätte die Dunkelheit sie aufgesaugt.

Kai sah sich mit rasendem Puls um. Seine Brust hob und senkte sich schwer, während sein Blick jede Nische, jedes Abflussrohr und jede Feuerleiter absuchte.

Nichts.

Erst als er einen frustrierten Schritt zurücktreten wollte, spürte er einen leichten Widerstand unter seiner Schuhsohle. Er blickte nach unten. Im Matsch aus Schnee und Schmutz lag ein kleines, zusammengefaltetes Papierstück. Im ersten Moment hielt Kai es für belanglosen Unrat, aufgetauter Müll einer Großstadt. Doch als der Wind eine Ecke des feuchten Papiers umknickte, stach ein handschriftliches Wort in sein Blickfeld.

Kai.

Ein Eisschauer jagte ihm durch das Mark. Kai kniete sich auf das nasse Pflaster und hob den durchnässten Zettel vorsichtig mit seinen Fingern auf. Die Tinte war von der Feuchtigkeit bereits heftig verschwommen, doch die knappen Zeilen waren unmissverständlich in der eiligen Handschrift eingebrannt:

Lass sie nicht mehr allein. Bleib bei ihr. Sie haben einen Weg gef…

Der Rest der Nachricht war unleserlich, vom Schneewasser aufgeweicht und in dunklen Schlieren aufgelöst.

Kai starrte auf das Papier. Die Worte woben sich wie eisige Klauen um sein Herz und ließen ihm das Blut in den Adern gefrieren. Sie haben einen Weg gef…

Gefunden?

Armon bog keuchend in die Gasse ein, die Waffe halb verdeckt in der Hand, und sah sich alarmiert um. „Mr. Hiwatari! Nichts zu sehen. Sind Sie unversehrt?“

Kai stand langsam auf. Seine Hände zitterten nicht, doch die Finger schlossen sich so fest um den durchnässten Zettel, dass das Papier schier zerriss.

Warum war die Person geflohen? Warum hatte sie ihm die Nachricht nicht persönlich übergeben?

War Armon der Grund gewesen? War der Anblick seines riesigen Sicherheitschefs das Signal für den Fremden gewesen, abzubrechen und zu verschwinden? Hätte die Gestalt das Gespräch mit ihm gesucht, wenn Kai vollkommen allein aus dem Tower getreten wäre? Oder war der Fremde selbst ein Gejagter gewesen, der nur im Vorbeigehen eine letzte Warnung abwerfen konnte?

Eines war in diesem Moment glasklar: Die verfluchte Stille der letzten vier Wochen war endgültig gebrochen. Und Nami war im Ayame-Anwesen nicht mehr sicher.

Kai wandte sich mit einem Blick zu Armon um, der so düster und gefährlich war, dass der Sicherheitschef unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich.

„Wir fahren nach Hause“, befahl Kai mit einer Stimme, die dunkler war als die Nacht. „Sofort.“

Armon reagierte ohne Zögern. Er wischte sich den Schnee vom Revers seines Sakkos, trat näher an Kai heran und fixierte seinen Chef mit ernster, professioneller Aufmerksamkeit.

„Soll ich meine komplette Mannschaft anfordern und die Wagen bereitstellen lassen, Sir?“, fragte Armon mit gewohnt kühler, geschulter Stimme. „Ich würde das Kommando für die Aufsicht des Towers in diesem Fall direkt an meinen Stellvertreter übergeben.“

Kai stand vollkommen reglos da. Seine Finger hatten sich so fest um das feuchte Stück Papier zusammengepresst, dass das Holz der nahegelegenen Gassenwand zu knirschen schien, als er sich dagegen stützte. Seine rubinroten Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. Er wog die Optionen ab... präzise, eiskalt und ohne Raum für Fehler.

Er schüttelte knapp den Kopf und sah Armon direkt an.

„Nein“, entgegnete Kai mit schneidender Schärfe. „Ich brauche keine Armee vor den Toren. Ich brauche volle Kontrolle. Du kommst mit... und du nimmst nur einen einzigen deiner besten Männer mit. Niemanden sonst.“

Armon nickte knapp, verharrte jedoch kurz.

„Und die Absicherung hier im Tower, Sir? Wenn Sie in den nächsten Tagen im Anwesen bleiben—“

„Ich kann die nächsten Tage kein Homeoffice machen“, unterbrach Kai ihn eisig, und der Tonfall seiner Stimme ließ keinen Raum für Diskussionen.

„Ein neuer Vertragspartner trifft morgen in Tokio ein. Die Verhandlungen sind seit Monaten angesetzt und lassen sich weder verschieben noch aus dem Wohnzimmer führen. Ich muss ab morgen tatsächlich hier im Tower anwesend sein.“

Kai wandte den Kopf leicht zur Seite und blickte aus der schmalen Gasse zurück in Richtung des gläsernen Riesen der Tachiwari-Corporation. Die düsteren Worte des Zettels brannten sich mit jeder Sekunde tiefer in sein Gedächtnis ein.

Lass sie nicht mehr allein. Bleib bei ihr.

Wenn die Schatten der Abtei oder Sobolev wirklich einen Weg gefunden hatten, ins System oder das Anwesen einzudringen, würde er Nami nicht kilometersweit entfernt unter der Aufsicht von Wachen zurücklassen.

Nicht in diesem Zustand.

Nicht drei Wochen vor der Geburt.

„Für heute fahren wir direkt zurück ins Anwesen“, befahl Kai und trat den ersten Schritt aus der düsteren Gasse heraus.

„Aber ab morgen früh kommt Nami jeden einzelnen Tag mit hierher in den Tower. Von morgens bis abends. Sie wird nicht mehr von meiner Seite weichen.“

Er sah Armon noch einmal mit einem Blick an, der die unumstößliche Härte des Zaren widerspiegelte.

„Es geht nicht mehr anders. Richte den Wagen.“

Zehn Minuten später schnitt die schwere, tiefschwarze Tachiwari-Limousine geräuschlos durch das dichter werdende Schneetreiben von Shinjuku. Im geräumigen Fond herrschte gedämpftes Licht. Die getönten Scheiben schirmten die hektische, von Neonlicht getränkte Außenwelt ab, doch die Atmosphäre im Fahrzeuginneren war hochgradig angespannt.

Kai saß kerzengerade in den tiefen Lederpolstern. Die Beine leicht angewinkelt, die Schultern wie aus Stein gemeißelt. In seiner linken Hand hielt er das feuchte, ramponierte Stück Papier, dessen Kanten er behutsam glatt gestrichen hatte, um nicht noch mehr der unleserlichen Schrift zu zerstören. Seine rubinroten Augen waren fest auf die verwaschenen Zeilen gerichtet.

Das Smartphone lag in seiner Rechten, fest an sein Ohr gepresst.

„Kenny“, sagte Kai ohne Begrüßung. Seine Stimme war ruhig, doch von einer düsteren, eisigen Schärfe durchdrungen, die den Analysten am anderen Ende der Leitung sofort zusammenschrecken ließ.

„Kai?“, ertönte Kennys überraschte, helle Stimme aus dem Lautsprecher. Man hörte das schnelle Klappern einer Tastatur im Hintergrund, das abrupt verstummte. „Was ist passiert? Ich habe gerade die Protokolle der BBA durchgesehen, es gibt nach wie vor keine Auffälligkeiten—“

„Vergiss die Protokolle“, unterbrach Kai ihn eiskalt. „Die Ruhe ist vorbei.“

Ein kurzes, schweres Schweigen entstand in der Leitung. Kenny atmete vernehmlich ein. „Was meinst du damit? Hat sich Sobolev gezeigt?“

„Nein. Jemand war am Tower“, berichtete Kai knapp und präzise. Er sah aus dem Fenster, wo die Lichter der Stadt im Weiß des Schnees verschwammen. „Vor etwa fünfzehn Minuten. Eine dunkel verhüllte Gestalt stand direkt vor der Glasfront der Lobby und hat mich beobachtet. Als Armon und ich die Verfolgung aufgenommen haben, ist die Person in eine Sackgasse geflohen und spurlos verschwunden.“

„In einer Sackgasse verschwunden?“, hakte Kenny nach, und das gewohnte, analytische Rattern in seiner Stimme setzte sofort wieder ein.

„Das Sicherheitssystem des Towers… ich klinke mich sofort in die Außenkameras von Shinjuku ein. Hast du ein Gesicht gesehen? Eine Statur?“

„Nichts. Der Mantel und die Kapuze haben alles verdeckt“, entgegnete Kai ernst. „Aber die Person hat etwas hinterlassen. Einen Zettel im Schnee. Adressiert an mich.“

Am anderen Ende der Leitung war das hektische Tippen wieder zu hören. „Ein Zettel? Was steht darauf?“

Kai senkte den Blick erneut auf das feuchte Papier in seiner Hand. Die Worte brannten sich wie glühendes Eisen in sein Gedächtnis ein, während er sie langsam und ohne jede Emotion vorlas:

„Lass sie nicht mehr allein. Bleib bei ihr. Sie haben einen Weg gef… Der Rest ist vom Schneewasser aufgeweicht und unleserlich.“

Kenny hielt inne. Das Tippen verstummte augenblicklich.

„Sie haben einen Weg gefunden… ? Kai, das… das klingt nicht wie eine Drohung von Boris oder Sobolev. Das klingt wie eine Warnung.“

„Das spielt keine Rolle“, schnitt Kai ihm das Wort ab. Die Bedrohung war real, unabhängig davon, wer der Bote war. „Die Person wollte nicht mit mir sprechen. Sobald Armon an meiner Seite auftauchte, ist sie geflohen. Entweder war Armon der Auslöser für den Rückzug, oder derjenige wird selbst gejagt und konnte nicht das Risiko eingehen, gefasst zu werden.“

„Wenn es eine Warnung war, bedeutet das, dass das Anwesen oder deine Routinen kompromittiert sein könnten“, kombinierte Kenny schnell, und eine merkliche Unruhe schlich sich in seinen Tonfall. „Wenn sie wirklich einen Weg gefunden haben, die Schutzwall-Systeme des Anwesens zu umgehen oder Namis Standort zu lokalisieren…“

„Deshalb ändere ich den Plan“, sagte Kai unerbittlich. „Ich kann die Verhandlungen morgen im Tower nicht absagen. Der Vertragspartner ist bereits auf dem Weg. Aber ich werde Nami ab morgen früh mit in die Firma nehmen. Jeden Tag. Sie bleibt in meiner unmittelbaren Nähe, bis die Geburt vorüber ist.“

„Meinst du, das ist klug? Sie ist im neunten Monat, Kai. Der Transport, der Stress im Büro—“

„Das Anwesen ist zu groß, um es gegen ein unsichtbares Phantom zu verteidigen, wenn ich kilometerweit entfernt im Vorstandsbüro sitze“, unterbrach Kai ihn ohne ein Zögern. Seine Entscheidung stand unumstößlich fest.

„Im Tower habe ich die Wachen, die gesicherten Aufzüge und mein Büro. Sie wird an meiner Seite sein. Punkt.“

Kenny seufzte leise, erkannte jedoch die unumstößliche Logik hinter Kais eisernem Schutzinstinkt. „Verstanden. Ich werde die Kameras der Gasse und der umliegenden Straßenblöcke der letzten Stunde abgreifen. Wenn diese Gestalt auch nur den kleinsten Schatten auf einen Sensor geworfen hat, finde ich heraus, wer es war.“

„Mach das“, befahl Kai eiskalt. „Und Kenny… behalt die Frequenzen im Auge. Wenn sie einen Weg gefunden haben, dann nutzen sie ihn vielleicht bereits.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete Kai das Gespräch. Er schob das Smartphone in seine Sakkotasche und blickte auf die gefaltete Nachricht in seiner Hand. Seine Finger schlossen sich fest darum.

Der Wagen bog in die lange, verschneite Allee ein, die direkt zum imposanten Haupttor des Ayame-Anwesens führte. Die Jagd hatte begonnen... doch dieses Mal würde er sein kostbarstes Gut nicht aus den Augen lassen.