Totgeglaubte leben länger...
Totgeglaubte leben länger...
Der schwere Motor der Tachiwari-Limousine verstummte, als der Wagen vor dem säulenflankierten Haupteingang des Ayame-Anwesens zum Stehen kam. Das alte Gebäude lag stolz und erhaben in der Dämmerung des späten Nachmittags, während die feinen Schneekristalle geräuschlos auf die breite Freitreppe fielen.
Kai stieß die Autotür auf und trat in die frostige Abendluft. Die Eiskälte spiegelte die unerbittliche Entschlossenheit in seinen rubinroten Augen wider. Anstatt abzuwarten, schritt er mit gewohnten, raubtierhaft schnellen Schritten die Stufen hinauf, gefolgt von Armon und dessen ausgewähltem Sicherheitsmann, die aufmerksam die Umgebung sicherten.
Die schweren, doppeltschildigen Eichentüren öffneten sich bereits, ehe Kai den Knauf berühren konnte. Es war Graham. Der betagte Butler wirkte wie stets die personifizierte Ruhe selbst und seine Haltung war gewohnt aufrecht.
„Guten Abend, Master Kai.“, begrüßte Graham ihn mit gewohnt sonor-trockener Stimme und einer leichten, respektvollen Neigung des Kopfes.
Kai schritt schweigend an ihm vorbei in die imposante, von warmem Licht durchflutete Eingangshalle. Die wohlige Wärme des Hauses bildete einen krassen Kontrast zu der eisigen Unruhe, die in Kais Innerem tobte. Ohne ein Wort zu verlieren, schälte er sich aus seinem schweren Wintermantel.
Graham trat mit geschultem, lautlosem Schritt heran und nahm Kai das Kleidungsstück ab.
„Madam befindet sich derzeit im Master-Badezimmer, um sich für den Abend frisch zu machen“, fuhr Graham unaufgefordert fort, während er den Mantel sorgfältig glattstrich.
„Sie hat am Mittag tief geschlafen und wirkt etwas erholter, wenngleich das Sodbrennen ihr nach wie vor zu schaffen macht.“
Kais Blick wandte sich für den Bruchteil einer Sekunde in Richtung der geschwungenen Treppe. Das Wissen, dass sie in Sicherheit war und sich in unmittelbarer Nähe befand, ließ den krampfhaften Druck auf seiner Brust um eine Nuance nachlassen. Doch die Warnung auf dem durchnässten Zettel in seiner Sakkotasche brannte sich weiter unvermindert in sein Gedächtnis ein.
Er wandte sich zu Armon und dessen Begleiter um. Der Hünenhafte Sicherheitschef stand mit aufmerksam verengten Augen in der Halle und wartete stumm auf weitere Anweisungen.
„Bring die beiden in mein Arbeitszimmer, Graham“, befahl Kai mit gewohnt kühler, unumstößlicher Schärfe. „Sie richten dort die taktische Besprechung für das erweiterte Sicherheitsprotokoll des Anwesens und des Towers ein.“
„Sehr wohl, Sir“, entgegnete Graham makellos und deutete mit einer ruhigen Handbewegung in den linken Flügel des Anwesens.
„Meine Herren, wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
Armon nickte seinem Chef kurz und verständnisvoll zu. „Wir gehen die ersten Eckpunkte der Absicherung durch, Mr. Hiwatari.“
Kai sah den beiden Männern hinterher, bis sie im Korridor verschwanden, und sah dann noch einmal zu Graham, der sich kurz zu ihm umwandte.
„Ich sehe kurz nach Nami“, sagte Kai mit tiefer, dichter Stimme. „Ich komme in etwa zwanzig Minuten nach unten ins Arbeitszimmer.“
Graham neigte stumm den Kopf. „Ich werde in der Zwischenzeit dafür Sorge tragen, dass Erfrischungen und die Unterlagen in Ihrem Büro bereitstehen, Sir.“
Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, wandte Kai sich ab und stieg die breiten Stufen der Marmortreppe hinauf... mit jedem Schritt darauf bedacht, das eisige Getriebe seiner Gedanken zu bändigen, ehe er die Tür zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer öffnete.
Ein dezenter Duft nach warmem Zedernholz, Sandelholz und dem vertrauten, sanften Vanillearoma von Namis Haut lag in der Luft. Der Raum war in ein gedämpftes, warmes Licht getaucht, doch der Blick von Kai richtete sich augenblicklich auf die einen Spalt breit offenstehende Tür zum angrenzenden Master-Badezimmer.
Dichte, weiße Dampfschwaden quollen aus dem Raum hervor und wiegten sich langsam in der kühleren Luft des Schlafgemachs.
Mit geschmeidigen, geräuschlosen Schritten überquerte Kai den weichen Teppich und trat an den Türspalt heran. Die Eiskälte, die ihn seit dem Fund des durchnässten Zettels fest im Griff gehabt hatte, schmolz für einen flüchtigen Augenblick dahin, als er den Blick ins Innere richtete.
Durch das von Kaskaden aus feinen Wassertropfen überzogene Glas der geräumigen Dusche war Namis Silhouette klar zu erkennen. Das heiße Wasser prallte in einem stetigen, beruhigenden Rauschen auf die dunklen Natursteinfliesen. Nami stand mitten unter dem Brausekopf. Sie hatte den Kopf leicht in den Nacken gelegt, ließ das sprudelnde Nass über ihr Gesicht laufen und strich sich mit einer fließenden, eleganten Bewegung durch die schweren, nassen Haare, die ihr wie helle Seide über die Schultern und den Rücken fielen.
Sie war schlichtweg atemberaubend.
Kais Blick glitt an ihren zarten Schultern hinab zu der geschwungenen Linie ihres Rückens und schließlich zu ihrem Bauch. Er war rund, prall und deutlich gewachsen... die sichtbare, wunderschöne Erinnerung an das Leben, das in ihr heranwuchs. Dieser Bauch passte so perfekt, so natürlich zu ihr, dass Kai ein tiefer, unwillkürlicher Atemzug entwich.
Die Anspannung der letzten Stunden trat für einen Herzschlag in den Hintergrund, abgelöst von einem tief verankerten
Beschützerinstinkt und unendlicher Wärme.
Er brauchte nicht lange zu überlegen.
Ohne den Blick von ihr zu wenden, griff Kai nach seinem Sakko und streifte es ab ehe er sich auch das Hemd auszog. Streng darauf bedacht, kein unnötiges Geräusch zu machen, zog er Gürtel, Hose und Schuhe aus.
Die kühle Luft des Raumes traf seine nackte Haut, doch die Hitze, die aus der Dusche strömte, empfahl sich bereits als Einhüllung.
Er schob die Badezimmertür vollends auf und trat über den feuchten Fliesenboden an die gläserne Duschkabine heran. Das leise, charakteristische Schleifen der Glastür, als er sie vorsichtig zur Seite schob, ging fast im Rauschen des Wassers unter.
Doch Nami drehte sich nicht um.
Ein feines, wissendes Schmunzeln stieg auf ihre Lippen, noch bevor Kai den ersten Schritt auf den nassen Stein der Dusche setzte. Im selben Moment glitt das heiße Wasser über seine nackte Schultern, als er von hinten an sie herantrat und seine starken Arme behutsam um ihren runden Bauch schlang.
Nami atmete tief aus, ließ sich ohne das geringste Zögern nach hinten in seine Umarmung fallen und lehnte ihren nassen Kopf sanft an seine Schulter. Sie schloss die Augen und genoss das vertraute Gefühl seiner festen, schützenden Brust an ihrem Rücken.
„Ich habe dich gespürt, sobald du die Auffahrt heraufgefahren bist“, raunte Nami leise, während das warm strömende Wasser über ihre zusammengeschlungenen Körper rann.
In ihrer Stimme lag eine sanfte, ruhige Erheiterung.
„Deine Aura ist unverwechselbar, mein Schatz... Aber seit Gou in mir heranwächst, habe ich das Gefühl, dass diese Verbindung mittlerweile noch viel intensiver ist. Ich erfasse deine Anwesenheit sofort.“
Kai schloss für einen Moment die Augen und drückte seinen Körper noch ein wenig fester an ihren. Seine großen Hände ruhten schützend auf den Wölbungen ihres Bauches, wo er spürte, wie das Leben in ihr schlug.
„Du bist früher als gewöhnlich zurück“, merkte Nami leise an, wandte ihr Gesicht ein Stück zu ihm und suchte den Kontakt zu seiner Haut. „Ist in der Firma alles in Ordnung?“
Kai schwieg für einen langen, gewichtigen Moment. Er vergrub sein Gesicht in ihrem nassen Haar am Halsansatz und atmete ihren Duft ein, während das heiße Duschwasser über sie beide hinwegspülte. Die Realität außerhalb dieses Raumes drohte ihn sofort wieder einzuholen, doch hier, in diesem Augenblick, hielt er sie fest im Arm.
Er hob den Kopf und setzte einen bedachten, tiefen Kuss auf ihr nasses Haar.
„Es gibt etwas, das wir besprechen müssen“, antwortete er schließlich mit seiner tiefen, kühlen Stimme, die trotz der Dringlichkeit eine ruhige Festigkeit behielt.
„Deshalb bin ich früher gekommen.“
Nami bewegte sich nicht. Sie blieb fest an seine Brust geschmiegt, während das heiße Wasser unaufhaltbar über ihre Schultern rann. Die anfängliche Erleichterung in ihrer Aura wich einer feinen, alarmierten Aufmerksamkeit. Sie spürte die plötzliche Anspannung, die wie eine eiskalte Welle durch Kais Muskeln strömte, als er die Worte aussprach.
Seine Arme schlangen sich eine Nuance fester um ihren Bauch, beschützend, wie ein undurchdringliches Schild gegen eine unsichtbare Gefahr.
„Kai…“, flüsterte Nami leise und legte ihre durchnässten Hände auf seine großen Unterarme. „Was ist passiert?“
Kai vergrub seine Stirn für einen kurzen Moment an ihrer Schläfe. Er wollte sie nicht in Unruhe versetzen, nicht in ihrem Zustand, nicht jetzt, wo sie sich gerade etwas von dem kräftezehrenden Sodbrennen und der Müdigkeit erholt hatte. Doch er wusste auch besser als jeder andere, dass Nami keine Frau war, die man durch Verschweigen schützte. Sie würde die Lücke in seiner Aura ohnehin augenblicklich durchschauen.
„Heute Nachmittag gab es einen Zwischenfall am Tower“, begann er mit tiefem Timbre, das trotz des stetigen Rauschens der Dusche klar und deutlich war.
„Jemand hat mir eine Nachricht hinterlassen. Eine Warnung.“
Nami atmete tief ein, doch sie erschrak nicht. Ihre Finger krallten sich sanft, aber bestimmt in seine nackte Haut. Über die feine, magische Verbindung, die seit Gous Heranwachsen in ihr noch deutlicher geworden war, empfing sie Kais innere Regungen ohne Filter. Sie spürte die eiskalte, raubtierhafte Wut, die tief in ihm loderte, gepaart mit einem kompromisslosen Trieb, sie um jeden Preis abzuschirmen.
„Was für eine Warnung?“, fragte sie gefasst und drehte den Kopf erneut, um ihn aus dem Augenwinkel anzusehen.
Kai schwieg für einen weiteren Herzschlag. Das Wasser tropfte ihm von den dunklen Strähnen ins Gesicht, während sich seine Kiefermuskeln anspannten.
„Dass ich dich nicht mehr allein lassen darf“, sprach er die Worte schließlich aus, und jedes einzelne klang wie aus Stein gemeißelt. „Der Zettel war durchnässt und aufgeweicht, aber die Zeilen waren eindeutig: Lass sie nicht mehr allein. Bleib bei ihr. Sie haben einen Weg gefunden...“
Eine kurze Stille legte sich über die Duschkabine, nur untermalt vom gleichmäßigen Rauschen des warmen Wassers. Namis Blick verengte sich leicht. Sie spürte genau, wie sehr diese gezielte Botschaft an Kais tiefstem Beschützerinstinkt gekratzt hatte. Dass jemand wusste, dass sie hier im Anwesen war, während er kilometerweit entfernt im Büro saß, entfachte in ihm eine eiskalte, kontrollierte Raserei.
„Deshalb bin ich früher zurück“, fuhr Kai kühl fort. Seine Augen schimmerten gefährlich dunkel im feuchten Dunst des Badezimmers.
„Armon ist unten im Arbeitszimmer, um das erweiterte Sicherheitsprotokoll durchzugehen. Aber das wird nicht reichen. Ich habe morgen einen Verhandlungstermin mit einem neuen Vertragspartner im Tower, den ich nicht absagen oder verschieben kann. Ich kann dich in diesem Zustand nicht im Anwesen zurücklassen, während ich in Shinjuku sitze.“
Er sah sie durch den dichten Wasserdunst hindurch mit unumstößlicher Härte an.
„Du wirst ab morgen früh mit mir in den Tower kommen, Nami. Jeden Tag. Von morgens bis abends. Du weichst mir nicht mehr von der Seite, bis die Geburt vorüber ist.“
Nami drehte sich in seinen Armen langsam um, bis sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Das heiße Duschwasser perlte von ihren Wangen ab und glitzerte in ihren ozeanfarbenen Augen. Sie sah ihn lange an, las die unerbittliche Entschlossenheit in seinen Zügen und legte dann eine flache Hand an seine nasse Wange.
„Du willst mich den ganzen Tag in deinem Büro haben?“, fragte sie sanft, und ein feines, leichtes Lächeln stieg trotz der Schwere der Situation auf ihre Lippen.
„An deiner Seite bin ich sicher, Kai. Und Gou ist es auch. Wenn du meinst, dass das die beste Lösung ist, komme ich mit dir.“
Kais Blick erweichte sich um einen Hauch, als er ihre warme Hand auf seiner Wange und ihr Verständnis spürte. Er legte seine eigene Hand über ihre und drückte einen rauen Kuss in ihre Handfläche.
„Es ist die einzige Lösung“, schwor er leise und unverrückbar. „Ich gehe jetzt nach unten zu Armon, um die Abläufe für morgen und die Absicherung des Anwesens zu finalisieren.“
Nami nickte ruhig. „Geh nur. Ich ziehe mich an und komme nach, sobald ihr mit den ersten Vorkehrungen fertig seid.“
Kai sah sie einen Moment schweigend an, ehe er sie noch einmal fest an sich zog, ihre nassen Lippen in einem tiefen, besitzanzeigenden Kuss forderte und sich schließlich von ihr löste.
Er schob die Glastür der Dusche auf und trat auf die kühlen Fliesen des Badezimmers. Das heiße Wasser, das noch an seinem muskulösen Körper hinablief, hinterließ feuchte Spuren auf dem dunklen Stein, während er nach einem der großen, schweren Handtücher griff. Mit kurzen, routinierten Bewegungen trocknete er sich ab, schlang das Handtuch knapp um die Hüften und trat zurück ins Schlafzimmer.
Der Raum wirkte ruhig und friedlich im warmen Licht der Lampen, doch die Stille währte nur einen flüchtigen Augenblick.
In seiner Hosentasche begann sein Smartphone zu vibrieren. Das dumpfe, stetige Summen schnitt durch die Atmosphäre. Kai trat an seine Hose die über dem Bett lag, zog das Gerät aus der Tasche und entsperrte den Bildschirm. Noch während er mit der freien Hand nach einer anderen frischen Hose griff und sie sich überzog, führte er das Telefon an sein Ohr.
„Kai? Bist du bereits zu Hause angekommen?“, fragte Kenny ohne Umschweife. Seine Stimme wirkte merkwürdig angespannt.
„Ich bin im Anwesen“, antwortete Kai tief und knapp, während er den Verschluss seiner Hose schloss. „Was gibt es?“
„Ich... ich habe die Überwachungskameras im Umfeld des Towers ausgewertet“, begann Kenny hektisch. Im Hintergrund war das schnelle Klappern von Tasten und das Hasten von Schritten zu hören. „Die Aufnahmen der Straßenblöcke rund um die Sackgasse und die Kreuzungen Shinjukus... Ich habe mir das Material Bild für Bild vorgenommen und...“
Kenny hielt plötzlich mitten im Satz inne. Die Leitung verstummte für einen langen, zentnerschweren Herzschlag. Das gewohnte, unermüdliche Plappern des Analysten war schlagartig verflogen.
„Kenny?“, hakte Kai mit eiskalter, scharfer Stimme nach. Seine Hand schloss sich fester um das Gehäuse des Handys.
„Ich... ich kann dir das nicht am Telefon sagen, Kai“, stieß Kenny schließlich hervor. In seiner Stimme lag eine tief sitzende Erschütterung, die Kai sofort hellhörig werden ließ. „Ich kann es wirklich nicht. Ich muss es dir persönlich zeigen. Du musst dir das selbst ansehen.“
Kais Augen verengten sich.
„Wie lange brauchst du?“
„Ich sitze direkt im Auto“, entgegnete Kenny rasch, während man das deutliche Zuknallen einer Autotür hörte. „Wenn ich durch den Schnee durchkomme, bin ich in spätestens fünfzehn Minuten am Anwesen.“
„Gut“, befahl Kai eiskalt.
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beendete Kai das Gespräch. Er schob das Smartphone in die Hosentasche, griff nach einem dunklen Pullover und zog ihn sich über den Kopf. Die Stille im Schlafzimmer wirkte plötzlich noch bedrohlicher als zuvor... und Kennys Sprachlosigkeit war der unruhestiftende Beweis, dass das Bildmaterial Dinge enthüllte, die das Fundament ihrer Sicherheit ins Wanken brachten.
Nami trat wenige Augenblicke später ebenfalls aus dem Badezimmer. Sie hatte sich ein weiches Handtuch um das nasse Haar gewickelt und rubbelte die schweren Strähnen behutsam trocken, während dampfende Schwaden ihr in das Schlafzimmer folgten. Ihr Blick fiel sofort auf Kai, der mit finsterer Miene gerade aus dem Schlafzimmer laufen wollte.
„Wer war das?“, fragte Nami leise und hielt in der Bewegung inne. Die leichte Unruhe, die durch das Telefonat in die Luft gesprungen war, entging ihrer feinen Wahrnehmung nicht.
Kai sah zu ihr auf. Die Strenge in seinen Zügen milderte sich um eine Nuance, als sein Blick auf ihr lag, doch der Schatten in seinen rubinroten Augen blieb unberührt.
„Kenny“, antwortete Kai mit tiefer, fester Stimme. Er zog seinen Pullover glatt und fixierte sie ruhig. „Er hat das Videomaterial der Überwachungskameras rund um den Tower ausgewertet... und er hat wohl etwas beunruhigendes entdeckt. Er wollte es mir nicht am Telefon sagen. Er ist bereits unterwegs und in fünfzehn Minuten hier.“
Nami hielt den Atem für einen kurzen Moment an. Sie spürte die eiskalte Wachsamkeit, die sich in Kais Aura breitmachte, doch noch ehe die Schwere des Gedankens Raum greifen konnte, schloss Kai die verbleibende Distanz zwischen ihnen.
Mit geschmeidigen, ruhigen Schritten trat er an sie heran. Seine großen, warmen Hände legten sich behutsam an ihre Taille, und er zog sie sanft, aber unumstößlich fest an sich. Seine Brust spannte sich gegen ihren Körper, während er sie schützend umschloss und den gewohnten, vertrauten Duft ihrer Haut einatmete.
Nami ließ das Handtuch sinken, hob den Kopf und blickte ihm direkt in seine rubinroten Augen. Sie spürte den festen Herzschlag in seiner Brust und die unerschütterliche Entschlossenheit, die jeden seiner Muskeln durchdrang.
„Ich habe keine Angst, Kai“, sagte sie ruhig und legte eine Hand auf seine Brust. In ihren ozeanfarbenen Augen lag ein tiefes, bedingungsloses Vertrauen.
„Ich weiß, dass ich bei dir sicher bin. Und ab morgen weiche ich nicht mehr von deiner Seite.“
Kai sah sie einen langen Augenblick lang schweigend an. Er neigte den Kopf, drückte einen tiefen, besitzanzeigenden Kuss auf ihre Schläfe und spürte, wie der unruhige Puls in seiner eigenen Brust für diesen kurzen Moment zur Ruhe kam.
Etwa 18 Minuten später...
Das schwere Klopfen kündigte Kennys Ankunft an. Er war zwar mit dem Wagen vorgefahren und somit nicht durchnässt, doch der Weg vom Tor bis zum Eingang hatte genügt, dass ihm die eiskalte Luft den Atem raubte.
Gerade als Graham die schwere Eichentür am Haupteingang für ihn öffnete und ihn ins Warme treten ließ, kamen Kai und Nami ihm aus dem Flur entgegen. In den Händen hielt Kenny seinen Laptop fest an die Brust gepresst, als sei er ein Schatz von unschätzbarem Wert.
„Kai... Nami...“, brachte Kenny keuchend hervor, während Graham ihm routiniert, aber stumm den Mantel abnahm.
Kenny versuchte, seinen Atem zu kontrollieren, während sie gemeinsam ins Arbeitszimmer traten. Ohne Umschweife steuerte er auf den wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz zu und klappte das Gerät auf.
Kai und Nami traten sofort dicht an den Schreibtisch heran. Armon und sein Angestellter nahmen im Hintergrund eine wachsame Haltung ein.
„Ich habe das Material der hochauflösenden Außenkameras Bild für Bild in Zeitlupe durchverfolgt“, erklärte Kenny mit zitternder, aber fokussierter Stimme. Seine Finger flogen über die Tastatur. „Der Schnee war extrem dicht, und die Gestalt hat die Kapuze tief im Gesicht getragen. Normalerweise hätte man rein gar nichts erkannt. Aber... seht euch diese Sequenz an.“
Er drückte auf Play. Auf dem hochauflösenden Bildschirm waren die Gehwege von Shinjuku zu sehen. Die verhüllte Person rannte, drehte sich kurz um... und genau in diesem Sekundenbruchteil erfasste eine eiskalte Böe die Kapuze und riss sie mit voller Wucht leicht nach hinten.
Kenny fror das Bild exakt in diesem Augenblick ein und wandte einen digitalen Schärfefilter an.
Das Gesicht trat glasklar hervor.
Nami schlug sich schockiert die Hand vor den Mund. Ein erstickter Laut entwich ihrer Kehle, und ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich in reiner Fassungslosigkeit.
Auf dem Display zeichneten sich die schneidenden, markanten Züge ab, die sie besser kannte als alles andere auf dieser Welt: das silbrig-blaue Haar, die blasse Haut und die unerbittliche Knochenstruktur.
Es war Kais Gesicht.
Doch es war nicht Kai. Die Augen auf dem Standbild waren nicht rubinrot, und die Ausstrahlung war von einer düsteren, gehetzten Tragik erfüllt.
Es war der Klon.
Jener Klon aus den Schatten der Abtei, den sie seit über einem Jahr für tot gehalten hatten... jener Klon, der nun im eisigen Treiben Tokios aufgetaucht war, um Kai die verwischte Warnung im Schnee zu hinterlassen:
Lass sie nicht mehr allein. Bleib bei ihr. Sie haben einen Weg gefunden...
Eine eiskalte, lähmende Stille legte sich über das Arbeitszimmer. Kai starrte reglos auf den Bildschirm. Seine rubinroten Augen verengten sich, während seine Kiefermuskeln so stark hervortraten, dass man das Mahlen seiner Zähne hören konnte.
Der Klon lebte.
Und er war gekommen um sie zu warnen.
Sogar Armons sonst so unerschütterlicher, professioneller Ausdruck entgleiste für einen langen Moment vollkommen. Seine Augen weiteten sich, und die stoische Maske des Sicherheitschefs zerbrach vor purer Fassungslosigkeit. Er blickte abwechselnd auf den Bildschirm und dann zu Kai, als würde die Realität vor seinen Augen ins Wanken geraten.
„Sir?“, stammelte Armon, und in seiner Stimme lag eine Verwirrung, die man bei dem hochgewachsenen Sicherheitschef noch nie erlebt hatte. „Wie… wie ist das möglich?“
Kais Blick löste sich nicht vom Display. Seine Wut war von einer eiskalten, kontrollierten Schärfe durchdrungen. Er schloss das Notebook nicht, drehte sich aber mit langsamer, unerbittlicher Präzision zu Armon um.
„Ich erkläre dir das nachher in Ruhe, Armon“, sagte Kai tief und unumstößlich. Der Tonfall ließ keinen Raum für weitere Fragen oder Zweifel zu. „Warte im kleinen Salon mit deinem Mitarbeiter. Wir brauchen ein paar Minuten.“
Armon blinzelte einmal heftig, fing sich dann jedoch mühsam wieder. Der gewohnte Gehorsam siegte über das Entsetzen. Er verneigte sich knapp, strich sein Sakko glatt und entgegnete mit festerer Stimme:
„Verstanden, Mr. Hiwatari.“
Ohne ein weiteres Wort trat er zusammen mit seinem Mitarbeiter zurück aus dem Arbeitszimmer und schloss die schwere Holztür leise hinter sich, um Kai, Nami und Kenny in der drückenden Stille des Raumes allein zu lassen.
Nami schlang die Arme eng um ihren Oberkörper, als spürte sie plötzlich einen eiskalten Luftzug. Ihre Blicke wanderten immer wieder zwischen dem eingefrorenen Standbild auf Kennys Laptop und Kais starrer Silhouette hin und her.
„Woher… woher können wir uns sicher sein, dass es eben dieser Klon ist?“, fragte Nami mit zitternder, aber gefasster Stimme. Sie sah Kai flehend an, während in ihren ozeanfarbenen Augen die Sorge um die Zukunft aufflammte.
„Vielleicht hat Boris einfach einen neuen erschaffen. Ein weiteres Experiment aus seinen Schatten…“
Kai schüttelte langsam und bestimmt den Kopf. Seine rubinroten Augen verengten sich noch weiter, als er den Blick auf dem Bildschirm fixierte.
„Nein“, entgegnete Kai eiskalt und ohne jedes Zögern. „Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass das komplette Labor damals bis auf die Grundmauern zerstört wurde. Boris besitzt weder die Mittel noch die Ressourcen, um ein so komplexes und unbezahlbares Projekt ein zweites Mal aufzuziehen. Das Kapitel der Klon-Labore ist abgeschlossen.“
Er machte einen langsamen Schritt auf den Schreibtisch zu, legte die flache Hand auf das dunkle Holz und fuhr mit tiefer, rauer Stimme fort:
„Ich bin mir sicher… weil ich es vorhin am Tower gespürt habe. Es war kein Fremder, der da im Schnee stand.“
Kai ballte die Hand zur Faust, während eine eiskalte Welle seiner eigenen Aura kurz den Raum streifte.
„Es war das schwache, gebrochene Echo von Black Dranzer in seinem Inneren. Es ist genau der Klon, den wir für tot hielten. Er lebt.“
Kai trat noch ein Stück näher an den Monitor heran und stützte die Knöchel seiner rechten Hand fest auf die Tischplatte. Sein Blick war starr auf das unruhige Standbild gerichtet.
„Wohin ist er verschwunden, Kenny?“, fragte Kai direkt, und der raue Unterton in seiner Stimme verriet, wie sehr ihn der Vorfall wurmte. „Als Armon und ich in die Seitengasse einbogen, war die Straße wie leergefegt. Keine Fußspuren im frischen Schnee, kein Geräusch. Niemand kommt so schnell durch diesen Engpass, ohne gesehen zu werden.“
Kenny nickte verständnisvoll und tippte erneut auf sein Keyboard, um das Videomaterial einer höher installierten Sicherheitskamera des Nachbargebäudes abzuspielen.
„Genau das habe ich mich auch gefragt, als ich eure Bewegung auf dem Material verfolgt habe“, erklärte Kenny und verlangsamte die Abspielgeschwindigkeit der Aufnahme um die Hälfte. „Er hat den Boden überhaupt nicht als Fluchtweg genutzt. Schaut hier.“
Auf dem Display erwachte die Aufnahme wieder zum Leben. Der schemenhafte Schatten des Klons rannte in die schmale Gasse hinein, bremste aber keineswegs ab. Stattdessen nutzte er den Schwung, sprang mit erstaunlicher Dynamik gegen die Ziegelwand, stieß sich kraftvoll ab und griff mit treffsicherer Präzision nach der Kante einer massiven Mauer.
In einer einzigen, flüssigen Parkour-Bewegung zog er seinen Körper hoch, schwang die Beine über die Brüstung und setzte ohne Zögern zum nächsten Satz an. Er landete federnd auf dem verschneiten Blechdach eines niedrigeren Seitengebäudes, fing den Aufprall perfekt ab und verschwand im Bruchteil einer Sekunde in der Dunkelheit über den Dächern der Stadt.
Das Ganze dauerte kaum fünf Sekunden... exakt in dem Moment, als Kai und Armon unten um die Ecke bogen.
Kai verharrte schweigend, während er das geschmeidige, beinahe lautlose Manöver auf dem Schirm beobachtete. Die Bewegung war präzise, kontrolliert und extrem kraftvoll gewesen.
„Er hat die Zeit genutzt“, murmelte Kai leise, und in seinen rubinroten Augen flackerte eine finstere Erkenntnis auf. „Er ist nicht mehr derselbe wie damals. Er hat trainiert.“
Kenny räusperte sich leise, legte die Finger auf das Touchpad seines Laptops und zog die Aufmerksamkeit im Raum wieder auf den Bildschirm. Seine Züge verfinsterten sich noch weiter.
„Das ist leider noch nicht alles“, begann Kenny mit gesenkter, ernster Stimme und blickte auf. „Ich habe das Material der umliegenden Kameras noch akribischer analysiert und die Randbereiche der Schnittbilder vergrößert. Der Klon war nicht allein.“
Mit ein paar gezielten Tastenanschlägen rief Kenny eine Reihe neuer Standbilder auf dem Display auf. Sie stammten von einer Kamera, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite montiert war und einen schummrigen Eingangsbereich im Schatten eines Nebengebäudes erfasste.
Auf dem Monitor zeichneten sich die schemenhaften Umrisse von drei dunkel gekleideten Männern ab. Sie standen reglos im Schatten der Hauswand, die Kragen ihrer schweren Mäntel hochgeschlagen, und beobachteten jede einzelne Bewegung des Klons am Tower mit kühler Distanz.
„Als der Klon sich vom Tower abwandte, um zu flüchten, setzten ihm diese drei Männer sofort nach“, erklärte Kenny und schaltete auf die nächste Bildsequenz. Man sah, wie die Gestalten aus dem Schatten traten und mit schnellen, koordinierten Schritten die Verfolgung aufnahmen. „Sie waren direkt hinter ihm. Aber seht hier…“
Kenny drückte auf Wiedergabe. Die Sequenz zeigte, wie die Männer plötzlich mitten in der Bewegung innehielten und abrupt im dichten Schneetreiben abtauchten, als zwei weitere Gestalten auf dem Bildmaterial auftauchten:
Kai und Armon, die von der Treppe des Towers gerannt waren, um dem Klon ebenfalls nachzusetzen. Sobald Kai und Armon die Verfolgung aufgenommen hatten, brachen die drei Unbekannten ihre Jagd ab und verschwanden spurlos in den Seitengassen.
Kenny fror die Aufnahme ein und zoomte dicht an das Gesicht des Mannes heran, der die Gruppe offenbar angeführt hatte. Trotz des Schneefalls und des schlechten Lichtwinkels schärfte der digitale Filter die Konturen seiner Züge nach.
Kai trat einen Schritt näher an den Schreibtisch heran. Seine rubinroten Augen hefteten sich auf das Gesicht des Mannes auf dem Bildschirm, und augenblicklich verengte sich sein Blick zu zwei gefährlichen, eiskalten Schlitzen. Seine Kiefermuskeln spannten sich extrem an.
Er kannte dieses Gesicht.
„Ich kenne ihn“, sagte Kai mit einer Stimme, die so kalt und unerbittlich klang, dass sie die Luft im Raum gefrieren zu lassen schien.
Nami sah ihn sofort besorgt von der Seite an. „Kai?“
„Es ist einer der Männer, die ich vor Monaten in dem Restaurant bemerkt habe“, antwortete Kai langsam, während die Erinnerung in ihm aufstieg. „Und er ist derselbe Mann, den ich wenig später an der Seite von Sobolev gesehen habe.“
Die Puzzleteile fügten sich schlagartig mit einer erschreckenden Klarheit zusammen.
Der Klon war nicht nur auf der Flucht... er wurde gejagt. Und Sobolevs Leute waren ihnen weit näher, als sie es für möglich gehalten hatten.