Die Falle
Die Falle
Der späte Vormittag des nächsten Tages zog sich wie zähes Blei. Im achtzehnten Stockwerk des Tachiwari-Towers, in dem weitläufigen, von bodentiefen Panoramafenstern eingefassten Hauptkonferenzsaal, herrschte eine drückende, beinahe monotone Atmosphäre.
Draußen wirbelten dichte Schneeflocken gegen die eisigen Scheiben, während drinnen das leise Summen der Klimatechnik und das nervöse Rascheln von Papierakten die Luft erfüllten.
Kai saß am Kopf des massiven Verhandlungstisches aus poliertem Mahagoni. Seine Haltung war gewohnt stoisch, fast unbeweglich, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Doch hinter der makellosen, unnahbaren Fassade brannte eine tief sitzende, dunkle Müdigkeit. Seine Augenbrauen waren leicht zusammengezogen, und mit zwei Fingern der rechten Hand rieb er sich langsam, mit spürbarer Ungeduld, die Schläfen.
Ihm gegenüber stand der Chefingenieur des potenziellen neuen Zulieferunternehmens... ein schmächtiger Mann im viel zu steifen Anzug, dem der Schweiß spürbar auf der Stirn stand. Mit zitterndem Laserpointer deutete er auf die riesige Projektion an der Stirnwand.
„W-Wie Sie auf Seite siebzehn sehen können, Mr. Hiwatari…“, stotterte der Ingenieur, während ihm die Stimme kurz wegbrach. Er versuchte hektisch, seine Brille auf der Nase zurechtzurücken.
„…handelt es sich bei dieser spezifischen Legierung um eine völlig neuartige Molekularstruktur. Die Hitze- und Druckbeständigkeit übertrifft die bisherigen Industriestandards um fast vierzig Prozent. In… in diesem exakten Augenblick läuft die finale Testphase in einem Ihrer unterirdischen Hochleistungslabore unter absoluten Extrembedingungen. Die Daten strömen live ein und… und die Werte sind… hervorragend.“
Kai würdigte die bunte Grafik auf der Leinwand keines einzigen Blickes. Die monotonen Ausführungen des Mannes drangen nur wie ein fernes, unbedeutendes Hintergrundrauschen an sein Ohr.
Seine Gedanken schweiften unaufhaltsam zurück in die verflogene Nacht.
Nachdem Nami sich gestern spät Abends ins Schlafzimmer zurückgezogen hatte, waren Kai und Kenny bis in die frühen Morgenstunden im Arbeitszimmer des Anwesens gesessen. Unzählige Bildschirme hatten den Raum in ein gleißendes, bläuliches Licht getaucht. Sie hatten Protokolle gewälzt, globale Überwachungsdaten abgeglichen und Satellitenaufnahmen durchforstet... verzweifelt auf der Suche nach einer Antwort auf die eine Frage, die Kai seit Stunden keine Ruhe ließ:
Wie zur Hölle war es dem Klon gelungen, sich über anderthalb Jahre hinweg völlig unentdeckt zu bewegen? Und vor allem… seit wann war er wieder zurück auf japanischem Boden?
Tala hatte ihnen damals nach der blutigen Tragödie in Russland schwören können, dass er mit eigenen Augen beobachtet hatte, wie Boris dem geschwächten Klon eiskalt eine Kugel in die Brust gejagt hatte. Sie alle waren fest davon überzeugt gewesen, dass dieses schreckliche Kapitel im Schnee Sibiriens begraben worden war.
Doch der Klon trug nun einmal Kais Erbgut in sich. Er trug dieselbe unerbittliche Intelligenz, dasselbe eiskalte Kalkül und dieselbe Fähigkeit in sich, wie ein Raubtier im Verborgenen zu agieren. Er dachte wie Kai:
strategisch, effizient und ohne jeden Raum für emotionale Fehler. Er hatte seine Spuren über Kontinente hinweg mit einer Präzision verwischt, die selbst Kennys hochmodernen Analyseprogrammen standgehalten hatte. Ein Meister der Illusion, erschaffen aus dem Schatten, der gelernt hatte, in der Dunkelheit zu überleben.
Ein lautes Verlegenheitsräuspern des Ingenieurs riss Kai abrupt aus seinen finsteren Gedanken.
„M-Mr. Hiwatari?“, wagte der Mann vorsichtig zu fragen. Der gesamte Vorstand des Zulieferers starrte Kai nun mit angehaltenem Atem an, wartend auf ein einziges Urteil des jungen Konzernchefs.
Kai ließ die Hand von seiner Schläfe sinken. Seine rubinroten Augen fixierten den stotternden Ingenieur mit einer so eisigen, unbarmherzigen Schärfe, dass dem Mann auf der Stelle die Spucke wegblieb.
„Wie hitzebeständig ist das Material wirklich?“, fragte Kai mit ruhiger, schneidender Stimme. „Ich habe das Dossier zwar vorab gelesen, aber mir wäre es doch lieber, wenn Sie mir die entsprechenden Daten anhand eines übersichtlichen Schaubilds veranschaulichen.“
Der Chefingenieur nickte hektisch und begann mit zittrigen Händen durch die Präsentationsseiten zu schalten, während sich am Ende der langen Tafel plötzlich ein leises, prägnantes Räuspern erhob.
Kais rubinrote Augen wanderten langsam und mit eiskalter Gelassenheit in die Richtung der Lautquelle.
Dort saß ein jüngerer Mann, schätzungsweise Mitte zwanzig. Er hatte fast exakt Kais Statur... breitgeschultert, athletisch und von einer merkwürdig kontrollierten Präsenz. Während der gesamten vergangenen Stunde war dieser Mann extrem bedacht darauf gewesen, im Hintergrund zu bleiben und kein einziges Wort zur Verhandlung beizutragen.
Doch Kais scharfer Beobachtungsgabe war bereits bei der ersten Begrüßung der seltsame, schwere Ausdruck in den Augen des Fremden aufgefallen. Jetzt wirkte er leicht genervt von den hektischen Versuchen des Chefingenieurs, die gewünschte Seite zu finden.
„Haben Sie etwas anzumerken… Mr…?“, fragte Kai kühl und fixierte ihn ohne jedes Blinzeln.
„Wood“, stellte sich der Mann ruhig vor, erhob sich und trat einen kleinen Schritt nach vorn. „Und ja, ich hätte allerdings eine kleine Anmerkung diesbezüglich…“
Eine von Kais Augenbrauen zuckte kaum merklich nach oben.
Der Fremde hatte zwar versucht, seinen Tonfall geschult und unauffällig zu halten, doch Kais geschultes Gehör erfasste die Nuance im Bruchteil einer Sekunde. Trotz des englisch klingenden Namens war das, was da unter der polierten Oberfläche mitschwang, definitiv kein amerikanischer Akzent. Und auch kein britischer. Es war ein gänzlich anderer, vertrauter Zungenschlag, den der Mann mit Mühe zu unterdrücken suchte.
Mr. Wood machte einen ruhigen Schritt an den Konferenztisch heran. Er schob den völlig verunsicherten Chefingenieur mit einer beiläufigen, fast befehlenden Handbewegung zur Seite, griff nach dem Laserpointer und richtete den Blick direkt auf Kais rubinrote Augen.
„Die Standardprojektion geht von einer kontinuierlichen Belastung aus“, erklärte Wood, und erneut schwang dieser feine, eiskalt unterdrückte russische Zungenschlag durch seine Worte.
„In der Praxis... vor allem unter Extrembedingungen, wie sie in Ihren unterirdischen Anlagen simuliert werden... ist der kritische Faktor jedoch nicht die Hitze an sich, sondern die molekulare Schockreaktion bei abruptem Druckabfall. Bei mehr als vierundsechzigtausend PSI reißt die Gitterstruktur, wenn die Legierung nicht zuvor mit Titan-Wolfram verdichtet wurde.“
Er trug die Daten mit einer kühlen, militärischen Präzision vor, die keineswegs zu dem Profil eines gewöhnlichen Firmenvertreters passte.
Im Konferenzraum herrschte vollkommene Stille. Der Vorstand des Zulieferers blickte erstaunt zu seinem jungen Kollegen auf, doch Kais Miene veränderte sich um keinen Millimeter. Er lehnte sich langsam in seinem Ledersessel zurück, verschränkte die Finger ineinander und fixierte den angeblichen
„Mr. Wood“.
Russland, dachte Kai. Sobolev.
Dass Sobolevs Netzwerk seine Fühler so weit ausstreckte, dass sie selbst unbescholtene Zulieferfirmen unterwanderten, um Agenten direkt in sein Hauptquartier zu schleusen, war eine neue Ebene der Dreistigkeit.
„Eine bemerkenswerte Analyse, Mr. Wood“, entgegnete Kai mit schneidender, trügerischer Ruhe. Seine Stimme hallte tief im Raum wider. „Besonders für jemanden, der laut den eingereichten Unterlagen als Junior-Berater für Logistik in New York geführt wird.“
Ein Hauch von Anspannung ging durch die Schultern des Fremden, doch er hielt Kais Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Ich habe mich intensiv mit den Materialwissenschaften der Ost-Märkte beschäftigt, Mr. Hiwatari“, parierte Wood glatt und legte den Laserpointer auf den Tisch.
„Man lernt schnell, wo die Schwachstellen liegen, wenn man weiß, wonach man suchen muss.“
„Ist das so?“, hakte Kai nach. Er richtete sich langsam auf, stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und neigte den Kopf leicht zur Seite. Seine rubinroten Augen verengten sich.
„Dann ist Ihnen sicher auch bekannt, dass eine solche Verdichtung nach dem veralteten Omsk-Verfahren das Material bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt extrem spröde macht. Ein fataler Fehler... außer man plant, das Material für gezielte Sprengpunkte zu nutzen.“
Ein kaum merkliches Muskelzucken ging durch den Kiefer von Wood.
Kai hatte die Behauptung frei erfunden... eine gezielte Fangfrage, um die Reaktionen des Mannes zu testen. Ein echter Materialexperte hätte die rhetorische Falle sofort richtiggestellt. Doch Woods stummes, eiskalt kalkulierendes Zögern verriet Kai alles, was er wissen musste.
Der Fremde wusste nicht, wie die Moleküle reagierten. Er kannte nur die Einsatzmöglichkeiten.
Er war kein Ingenieur. Er war ein Soldat.
„Unsere Laboranten haben dieses Verfahren jedoch perfektioniert, Sir“, schaltete sich der ahnungslose Chefingenieur aufgeregt ein, völlig blind für das psychologische Duell, das sich direkt vor seinen Augen abspielte. „Wir können garantieren, dass—“
„Das reicht“, unterbrach Kai den Ingenieur mit einem einzigen, eisigen Wort.
Er wandte den Blick nicht von Wood ab. Die Luft im Raum schien um mehrere Grad abzukühlen, als Kais Aura im Verborgenen anstieg. Wood spürte die subtile Bedrohung; seine Hand glitt unwillkürlich einen Zentimeter näher an den Saum seines Sakkos, ehe er sich im letzten Moment beherrschte.
„Wir werden die heutigen Verhandlungen an dieser Stelle unterbrechen“, verkündete Kai stoisch und stand auf. Seine imposante Gestalt warf einen langen Schatten über den Tisch. „Ich werde mir die Testergebnisse aus dem unterirdischen Labor persönlich ansehen. Und Sie, Mr. Wood...“
Kai machte zwei langsame, lautlose Schritte um den Kopf des Tisches herum und blieb exakt vor dem verdächtigen Mann stehen.
Er ragte leicht über ihn hinaus.
„...werden mich zusammen mit Ihrem Vorstand nach unten begleiten. Ich möchte mir von Ihnen vor Ort erklären lassen, wie gut Sie sich wirklich mit Schwachstellen auskennen.“
Kai warf einen kurzen, kühlen Blick auf seine silberne Armbanduhr.
„Allerdings… erst nach der Mittagspause“, fügte er hinzu, während sich seine Lippen zu einem leichten, unnahbaren Schmunzeln verzogen, das keinerlei Wärme ausstrahlte.
„Ich bin ja kein Unmensch. Ich sehe Sie in exakt fünfundsechzig Minuten im Labor.“
Ein kurzes, knappes Nicken in die Runde der völlig überraschten Vorstandsmitglieder folgte, ehe Kai sich stoisch abwandte und mit leisen, gemessenen Schritten aus dem riesigen Konferenzsaal schritt. Die schweren Eichentüren fielen hinter ihm schallend ins Schloss.
Er fuhr hinauf in die Chefetage. Als er in den weitläufigen, ruhigen Korridor trat, wich die eiserne Disziplin für einen kurzen Moment.
Kai hob die Hand, lockerte mit einer fließenden Bewegung den engen Knoten seiner Krawatte und fuhr sich seufzend durch das dichte Haar. Während er den Flur entlangging, schärften sich seine Gedanken erneut. Er rief sich jedes winzige Detail vor Augen: den festen, unnachgiebigen Blick von Mr. Wood, die beinahe militärisch kontrollierten, geschmeidigen Bewegungen und diese kaum merkliche, aber unverkennbare russische Nuance in seiner Stimme.
Kai hatte nicht den geringsten Zweifel. Dieser Mann war ein Profi, eingeschleust, um das Tachiwari-Imperium von innen heraus zu beobachten.
Er öffnete die schwere Tür und trat in sein Büro. Im selben Augenblick wurde sein sonst so harter, unerbittlicher Blick augenblicklich weich.
Auf der eleganten Ledercouch am Fenster lag Nami. Eine weiche Decke war über ihre Beine gebreitet, und sie war ganz in ein Buch vertieft. Das Dämmerlicht des schneereichen Tages hob die feinen Konturen ihres Gesichts hervor. Als sie das Geräusch der Tür hörte, schaute sie auf und blickte ihm mit einem sanften, liebevollen Lächeln entgegen.
Kai trat an die Couch heran, neigte sich tief zu ihr hinab und legte eine Hand behutsam an ihre Wange, ehe er ihr einen tiefen, innigen Kuss gab, der all die dunklen Gedanken an den bevorstehenden Nachmittag für diesen einen Moment vollkommen vertrieb.
Er löste seine Lippen langsam von den ihren, blieb ihr aber ganz nah. Seine raue Hand strich behutsam über ihre Wange, während sein Daumen die samtweiche Haut an ihrer Schläfe liebkoste.
Die Eiskälte, die ihn noch wenige Minuten zuvor im Konferenzsaal umgeben hatte, war schlagartig verflogen.
„Wie geht es dir?“, fragte er leise, und in seiner tiefen Stimme lag jene ehrliche, unaufgeforderte Fürsorge, die nur ihr ganz allein gehörte.
Nami lächelte matt und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um die Wärme seiner Berührung aufzusaugen.
„Gut“, antwortete sie sanft und streckte eine Hand unter der Decke hervor, um sanft nach seinem Handgelenk zu greifen. „Ich habe ehrlich gesagt bis gerade eben geschlafen. Als ich vor etwa zehn Minuten aufgewacht bin, habe ich mir nur das Buch gegriffen und auf dich gewartet.“
Sie wandte den Kopf ein Stück, suchte seinen Blick und schaute ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen aufmerksam an. Die feine Verbindung zwischen ihnen verriet ihr, dass hinter seinen ruhigen Zügen wie so oft etwas arbeitete.
„Wie laufen die Verhandlungen?“, fragte sie leise nach.
Kai verharrte einen Augenblick. Für den Bruchteil einer Sekunde wog er ab, ob er ihr von Mr. Wood erzählen sollte... von dem militärischen Auftreten des Mannes, dem mühsam unterdrückten russischen Akzent und dem finsteren Verdacht, dass Sobolev seine Fühler bereits direkt bis in diesen Tower ausgestreckt hatte. Doch als sein Blick auf Namis sanften Zügen und ihrem runden, prallen Bauch ruhte, schluckte er die düsteren Gedanken hinunter.
„Es ist anstrengend“, entgegnete Kai schließlich mit gewohnter, kühler Gelassenheit und ließ sich leicht auf die Kante des Sofas nieder. „Und zu großen Teilen schlichtweg langweilig. Nur zähe technische Daten und stotternde Ingenieure.“
Er neigte sich noch einmal ein Stück zu ihr und strich eine helle, lockige Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
„Möchtest du, dass ich uns das Essen direkt hierher ins Büro bestellen lasse?“, fragte er mit tiefer Stimme. „Oder ist dir danach, wie gewohnt nach oben ins Restaurant zu gehen?“
Nami schmunzelte sanft, schob die Decke Stück für Stück beiseite und richtete sich langsam auf der breiten Ledercouch auf. Sie strich ihr weißes, welliges Haar hinter die Schulter und sah Kai mit einem feinen, bittenden Glanz in den ozeanfarbenen Augen an.
„Ich würde wirklich unheimlich gerne nach oben ins Restaurant gehen“, sagte sie leise und legte eine Hand sanft auf ihren runden Bauch. „Etwas frische Luft auf dem Weg dorthin und ein richtiger Tapetenwechsel tun mir sicher gut. Und Gou hat langsam auch tüchtigen Hunger.“
Kai sah sie einen kurzen Moment schweigend an. Ein finsterer Gedanke schlich sich augenblicklich in seinen Kopf. Wenn sie jetzt nach oben ins Restaurant fuhren, bestand eine durchaus reale Chance, dass sie dort Mr. Wood über den Weg liefen... oder wie immer dieser Typ mit dem unterdrückten russischen Akzent in Wahrheit hieß.
Doch je länger Kai darüber nachdachte, desto mehr wandelte sich die Bedenken in eine eiskalte, berechnende Zufriedenheit.
Es war im Grunde sogar perfekt. Sollte dieser Kerl im Restaurant sitzen, würde er Nami direkt an Kais Seite sehen. Er würde sehen, wie eng Kai sie abschirmte, wie unumstößlich sein Schutz um sie lag und dass jede noch so kleine Bewegung in Namis Richtung Selbstmord bedeutete. Es war eine klassische, unmissverständliche Machtdemonstration ganz nach Kais Manier.
Der Klon hatte auf dem Zettel geschrieben, er solle sie nicht mehr alleine lassen.
Nun... für die trockenen Verhandlungen im Konferenzsaal konnte er Nami schlecht mit an den Tisch setzen, doch Kai hatte die Sicherheitsprotokolle der Chefetage stets von Armon überwachen lassen. Sein Büro war eine uneinnehmbare Festung; hier war sie für die paar Stunden der Verhandlung absolut sicher.
„Gut“, willigte Kai schließlich ein und reichte ihr mit ruhiger, fester Hand eine Stütze zum Aufstehen. Er zog sie behutsam an sich und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Dann gehen wir nach oben.“
Er wartete geduldig, bis sie ihren Schritt gefunden hatte, ehe er seine Hand schützend an ihren unteren Rücken legte und sie gemeinsam sein Büro verließen, um den Fahrstuhl in die oberste Restaurant-Etage zu nehmen.
Das Restaurant des Tachiwari-Towers bot durch seine riesigen Panoramafenster einen gewohnt atemberaubenden, fast majestätischen Ausblick über das verschneite Häusermeer Tokios. Drinnen herrschte eine gedämpfte, edle Atmosphäre... leises Klappern von feinem Porzellan, dezente Musik im Hintergrund und der Duft von frisch zubereiteten Speisen.
Kai steuerte zielstrebig ihren gewohnten, etwas abseits gelegenen Tisch an der Fensterfront an. Er rückte Nami aufmerksam den Stuhl zurecht und legte seine Hand noch einmal beruhigend auf ihre Schulter, als sie sich setzte, ehe er ihr gegenüber Platz nahm.
Das Mittagessen verlief zunächst ruhig. Nami genoss sichtbar den Tapetenwechsel, die sanfte Bewegung des ungeborenen Kindes unter ihrer Hand und die ungestörte Zeit mit Kai. Doch nach etwa fünfzehn Minuten öffnete sich die gläserne Flügeltür des Restaurants.
Der Vorstand der Zulieferfirma trat ein, um sich ebenfalls an einen der Reservierungstische zu begeben. Direkt hinter dem ergrauten Geschäftsführer schritt „Mr. Wood“.
Der jüngere Mann bewegte sich mit derselben militärischen Geschmeidigkeit, die Kai bereits im Konferenzsaal aufgefallen war.
Seine blauen Augen wanderten aufmerksam durch den Raum... und blieben im selben Augenblick an dem Tisch am Fenster hängen.
Wood bemerkte Kai sofort. Und direkt neben ihm... Nami.
Für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde verharrte der Blick des Fremden auf Namis Silhouette, auf ihrem sanften Gesicht und dem runden Bauch, der sich unter dem weichen Stoff ihres Kleides abzeichnete.
In genau diesem Moment kippte die Luft am Tisch spürbar.
Kais Haltung veränderte sich nicht. Er nahm nicht einmal das Glas Wasser von der Tischplatte. Doch die Temperatur um sie herum schien schlagartig um mehrere Grad zu fallen, als seine schwere, raubtierhafte Aura lautlos, aber mit voller Wucht im Raum aufstieg.
Kai wandte den Kopf langsam zu Wood herum. Seine rubinroten Augen verengten sich. Es war kein wütender Blick; es war die absolute, tödliche Warnung eines Raubtiers, das sein Revier und seine Gefährtin absteckte. Der stumme Ausdruck in Kais Zügen verlangte kein einziges Wort, um verstanden zu werden:
Ein einziger falscher Schritt in ihre Richtung, und du überlebst diesen Tower nicht.
Wood spürte den eiskalten Druck, der sich wie ein unsichtbarer Panzer um seine Brust legte. Sein Kiefer spannte sich extrem an, doch er war Profi genug, um den Blick nach einem kurzen, zentnerschweren Herzschlag abzuwenden und stumm seinem Vorstand an den Tisch zu folgen.
Nami, die die plötzliche, eiskalte Schärfe in Kais Aura sofort registriert hatte, legte die Gabel behutsam ab. Sie sah das feine Mahlen seiner Kiefermuskeln und folgte seinem Blick zu dem Tisch der Zulieferer.
„Kai?“, fragte sie leise und legte ihre Hand über seine auf dem Tisch. In ihren ozeanfarbenen Augen lag eine feine, wachsame Erschütterung. „Was ist los?“
Kai sah zu Nami hinab. Die kleine Hand, die sanft auf seinen Knöcheln lag, war warm, doch der Blick aus ihren ozeanfarbenen Augen war glasklar und unnachgiebig. Sie kannte jede Nuance seiner Aura. Die lange Zeit an seiner Seite, geprägt von Gefahren, Rivalitäten und der Verantwortung für ihre Familie, hatten ihre Intuition geschärft. Nami ließ sich nicht mehr mit einem beiläufigen Satz abspeisen, und Kais scharfe Mordlust eben im Raum war schlichtweg zu gewaltig gewesen, um sie als alltägliche Vorstandsgenervtheit abzutun.
Kai ließ den Atem langsam ausströmen. Das feine Mahlen seiner Kiefermuskeln legte sich. Er drehte seine Hand um und schloss seine Finger fest, aber behutsam um die ihren.
„Du hast recht“, sagte er mit tiefer, gedämpfter Stimme, die nur für sie bestimmt war. „Es ist kein gewöhnlicher Berater.“
Nami neigte den Kopf leicht zur Seite. Ihre Blicke blieben fest miteinander verschlungen.
„Wer ist er?“
„Er nennt sich Mr. Wood und tritt offiziell als Logistikberater der neuen Zulieferfirma auf“, raunte Kai, während seine rubinroten Augen die Bewegung im Restaurant aufmerksam im Augenwinkel behielten. Wood saß drei Tische weiter mit dem Rücken zu ihnen, doch Kais Sinne blieben scharf wie eine Klinge.
„Aber sein Auftreten ist rein militärisch. Er kennt Fachbegriffe, die in keinem zivilen Dossier stehen, und trotz seines angeblich amerikanischen Hintergrunds schwingt in seiner Stimme eine feine russische Nuance mit.“
Nami zog die Augenbrauen leicht zusammen. Ein Schatten des Begreifens legte sich über ihre Züge. „Sobolev?“
„Höchstwahrscheinlich“, nickte Kai eiskalt.
„Sobolev versucht, seine Fühler über unverdächtige Firmen direkt in unser Hauptquartier zu erstrecken. Wood ist kein Ingenieur, Nami. Er ist ein geschulter Soldat, der eingeschleust wurde, um die Sicherheitsvorkehrungen und Schwachstellen des Tachiwari-Towers von innen heraus auszukundschaften.“
Nami blickte für einen kurzen Herzschlag hinüber zu dem Tisch, an dem der scheinbar unauffällige Mann ruhig sein Wasserglas hielt. Aus ihrer Perspektive sah Wood wie ein gewöhnlicher Geschäftsberater aus, doch mit Kais Erklärung im Hinterkopf bemerkte sie nun die unnatürlich gerade Haltung, das ständige, unauffällige Scannen der Fluchtwege und die absolute Reglosigkeit seiner Schultern.
„Er hat dir vorhin im Konferenzsaal Kontra gegeben, nicht wahr?“, analysierte Nami leise. Ein feines, fast stolzes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, auch wenn die Sorge in ihren Augen blieb. „Du hast ihn sicher mit einer rhetorischen Falle geprüft.“
„Er ist darauf hineingefallen“, bestätigte Kai knapp. „Er weiß, wie man Dinge zerstört, nicht wie man sie baut. Ich werde ihn heute Nachmittag unter den Augen seiner eigenen Vorgesetzten zerlegen.“
Nami drückte seine Hand fest. „Sei vorsichtig, Kai. Jemand, der so dreist ist, direkt in dein Hauptquartier zu marschieren, hat entweder ein extremes Ego... oder er führt etwas im Schilde, das uns noch entgeht.“
„Ich kenne mein Terrain“, entgegnete Kai stoisch. „Und er wird sehr schnell lernen, wie eng die Grenzen in diesem Gebäude abgesteckt sind.“
Nachdem Kai Nami nach dem Mittagessen persönlich in sein Büro zurückbegleitet hatte... diesmal zusätzlich abgesichert durch Armon und einem weiteren Sicherheitsmann vor der Tür... , fuhr er mit dem Hochgeschwindigkeitsaufzug tief hinab in die unterirdischen Komplexe des Tachiwari-Towers während er über sein Handy erneut die Profile der Zulieferfirma aufrief.
Ebene minus sechs.
Der Trakt für Hochleistungsforschung und Prototypenentwicklung.
Die Fahrstuhltüren glitten mit einem leisen Zischen auseinander und gaben den Blick auf einen klinisch reinen, weiß ausgeleuchteten Korridor frei. Vor den massiven Panzerglastüren des Hauptprüflabors warteten bereits die Vorstandsmitglieder der Zulieferfirma. Sie wirkten allesamt nervös, tuschelten leise und rückten ihre Krawatten zurecht.
Nur einer stand abseits, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick ruhig auf die schwere Sicherheitsschleuse gerichtet:
Mr. Wood.
Kais schwere Schrittfolge hallte auf dem polierten Estrichen wider. Seine imposante Gestalt strahlte eine unnahbare, majestätische Autorität aus. Als der Vorstand den Konzernchef herannahen sah, verstummten die Gespräche augenblicklich.
Kai blieb nicht etwa auf Abstand. Er schritt erhobenen Hauptes direkt an dem ergrauten Geschäftsführer vorbei und blieb knapp einen Meter vor Wood stehen. Die Luft im Korridor schien augenblicklich einzufrieren.
„Mr. Hiwatari“, begann der Geschäftsführer aufgeregt und trat von einem Fuß auf den anderen. „Wir haben die Live-Testprotokolle für die Hitzebeständigkeit bereits vorbereitet, wie Sie es gewünscht haben. Unser Ingenieurteam—„
„Sparen Sie sich die Worte“, unterbrach Kai den Mann, ohne den Blick von Wood zu wenden. Seine schneidende Stimme ließ keinen Raum für Widerspruch. „Mich interessiert heute Nachmittag nur eine einzige Meinung. Die Ihres vielseitigen Beraters.“
Wood verzog keine Miene, doch die Muskeln an seinen Schläfen spannten sich sichtbar an. „Ich bin geehrt durch Ihre Aufmerksamkeit, Mr. Hiwatari.“
„Sollten Sie nicht sein“, erwiderte Kai eiskalt und trat noch einen halben Schritt näher, sodass er sich drohend vor dem Mann aufbaute.
„Ich habe mir Ihre Sicherheitsakte aus New York noch einmal persönlich angesehen. Eine faszinierende Biografie, Mr. Wood. Allerdings gibt es ein kleines Detail, das mich stutzig gemacht hat.“
Ein leises Murmeln ging durch die Vorstandsmitglieder. Wood hielt Kais Blick stand, seine blauen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Tatsächlich?“
„Ihre Fingerabdrücke und Ihre biometrischen Daten wurden erst vor genau drei Monaten im internationalen Register hinterlegt“, schoss Kai die Worte ab wie Giftpfeile. „Sehr frisch für jemanden, der angeblich seit drei Jahren Logistikketten in Nordamerika betreut. Und noch interessanter ist, dass Ihre Sprachmuster exakt mit den regionalen Dialekten der südlichen Militärbezirke der Russischen Föderation übereinstimmen.“
Der Geschäftsführer des Zulieferers wurde kreidebleich. „M-Mr. Hiwatari, was soll das bedeuten? Wir haben Mr. Wood von einer renommierten Agentur—„
„Ihr Unternehmen wurde unterwandert“, schnitt Kai dem älteren Mann eiskalt das Wort ab. Er wandte sich keinen Zentimeter von Wood ab. „Sie haben ein Kuckucksei in Ihren Reihen. Einen Mann, der nicht hier ist, um Verträge zu schließen, sondern um die Struktur meiner Anlage und meine Familie auszuspähen.“
Wood ließ das mühsam aufrechterhaltene Lächeln eines Logistikberaters vollkommen fallen. Seine Haltung veränderte sich schleichend... die Schultern sanken leicht, der Schwerpunkt verlagerte sich. Die Fassade des Zivilisten war abgestreift; vor Kai stand nun unverkennbar der ausgebildete Söldner.
„Sie sind tatsächlich sehr aufmerksam, Mr. Hiwatari“, sagte Wood, und diesmal sparte er sich jeglichen Versuch, seinen harten russischen Akzent zu verbergen. Seine Stimme war tief und kühler geworden. „Man hat mir gesagt, dass Sie nichts dem Zufall überlassen. Sie sind wahrlich eine Legende.“
„Wer schickt Sie?“, verlangte Kai zu wissen, seine raubtierhafte Aura flutete den Korridor und drückte die restlichen Vorstandsmitglieder unwillkürlich ein paar Schritte zurück. „Boris? Sobolev? Oder einer seiner verbliebenen Statthalter?“
Wood verzog die Lippen zu einem schmalen, humorlosen Grinsen. „Namen sind unbedeutend. Sie sollten wissen, dass dieser Tower keine uneinnehmbare Festung ist, egal wie viele Sicherheitsschleusen Sie installieren. Man beobachtet Sie. Jeden Schritt. Jede Verhandlung... und jeden Spaziergang im Restaurant.“
Kais rubinrote Augen glühten in gefährlichem Rubinrot auf. Im Bruchteil einer Sekunde schoss seine rechte Hand nach vorne. Noch ehe Wood reagieren konnte, schlossen sich Kais eiserne Finger um die Kehle des Mannes und drückten ihn mit krachender Wucht gegen die verstärkte Panzerglasscheibe des Labors.
Ein Aufschreien ging durch die Vorstandsmitglieder, doch niemand wagte es, einzugreifen.
„Du hast einen gewaltigen Fehler gemacht, als du deinen Blick im Restaurant auf meine Frau gerichtet hast“, zischte Kai eiskalt, seine Stimme tief wie ein grollendes Donnern. Er brachte sein Gesicht wenige Zentimeter an das von Wood heran. „Du richtest deinem Auftraggeber aus, dass jeder einzelne Schatten, den er in meine Richtung schickt, genau hier enden wird. Auf dem Boden meines Towers.“
Wood keuchte leicht unter dem unfassbaren Druck an seiner Kehle, doch in seinen Augen lag ein hämisches, eiskaltes Funkeln.
„Glauben Sie wirklich... dass ich der Einzige bin... der heute im Gebäude ist, Hiwatari?“
Kai verengte die Augen. Eine düstere Vorahnung schoss ihm durch den Kopf.
Der Griff seiner eisernen Finger um Woods Kehle verengte sich nur noch weiter. Seine Stimme war tief, schneidend und barg die unerbittliche Kälte eines Raubtiers, das die wahren Absichten seines Gegners herausfordern wollte.
„Was für ein Spiel wird hier gespielt?“, fragte Kai eiskalt.
In Woods blauen Augen lag kein Schreck, sondern die pure, berechnende Genugtuung eines Mannes, dessen Plan aufgegangen war.
„Die Falle... ist gerade... zugeschnappt, Hiwatari“, brachte Wood mühsam, aber voller Hohn hervor. Ein leises Rasseln lag in seiner Stimme.
„Sie dachten... Sie hätten die Kontrolle... weil Sie uns durchschaut haben. Aber das hier... diese unterirdische Etage... ist die sicherste im ganzen Gebäude, nicht wahr? Und genau das... macht sie zur gefährlichsten. Ich muss gestehen, wir mussten den Plan ändern als wir... sahen, dass sie ihre Frau mit in den Tower brachten. Aber eigentlich... machte es die Sache nur noch einfacher.“
Noch bevor Kai antworten konnte, ertönte ein tiefes, dumpfes Grollen, das spürbar durch das massive Fundament des Towers vibrierte.
Klack.
Im selben Bruchteil einer Sekunde erlosch die strahlende, klinische Hauptbeleuchtung des gesamten Untergeschosses. Das grelle Weiß wich augenblicklich einer drückenden, absoluten Finsternis.
Ein erstickter Aufschrei ging durch die Vorstandsmitglieder der Zulieferfirma, die panisch im Dunkeln zurückwichen.
Einen Herzschlag später sprangen mit einem schrillen Summen die Notstromaggregate an. Schwere, blutrote Warnleuchten drehten sich an den Decken und tauchten den langen, sterilen Flur in ein bedrohliches, pulsierendes Licht.
Sämtliche hydraulischen Brandschutz- und Sicherheitstore fuhren blitzschnell aus den Decken und Wänden herab. Mit ohrenbetäubendem Scheppern versiegelten Zentimeter dicke Panzerstahlplatten die Zugänge. Die Displays an den Wänden sprangen auf ein blinkendes, leuchtendes Rot um:
SICHERHEITSPROTOKOLL EBENE -6 AKTIVIERT. TOTALER LOCKDOWN.
Das summende Geräusch der Hochgeschwindigkeitsaufzüge verstummte schlagartig. Das gesamte Sicherheitssystem der Forschungsetage hatte sich vollkommen isoliert. Alle Aus- und Zugänge waren verriegelt. Der Fahrstuhl war tot.
Sie waren tief unter der Erde gefangen.
Kai verlor trotz des plötzlichen Umschwungs nicht für einen Wimpernschlag die Orientierung. Er lockerte seinen Griff um Woods Kehle nicht, sondern drückte den Mann im roten Notlicht nur noch fester gegen das Panzerglas, während sein eigener Blick rasiermesserscharf den abgeschnittenen Korridor scannte.
Wood lachte leise, ein rauhes, Heiseres Glucksen.
„Kein Signal nach draußen“, flüsterte der Söldner, während die roten Lichter über ihre Gesichter strich. „Keine Aufzüge. Und die Wachen oben auf den Cheffetagen... wissen nicht einmal, was hier unten gerade passiert ist.“
Ein einziger Gedanke schoss Kai mit eisiger, unerbittlicher Klarheit durch den Kopf:
Nami.
Sie war oben im Büro. Zwar geschützt von seinen besten Männern, aber wenn dieses System von außen gehackt oder sabotiert worden war, galt der Angriff nicht nur dieser Etage.
„Wer hat das Protokoll ausgelöst?“, zischte Kai, und die Mordlust in seinen rubinroten Augen ließ selbst im düsteren Rotlicht keinen Zweifel daran, dass er bereit war, Wood auf der Stelle zu vernichten.
„Rede.“
Wood keuchte leicht, während Kais eisige Finger weiterhin seine Kehle umschlossen hielten. Die roten Notleuchten warfen lange, bedrohliche Schatten über die schneeweißen, sterilen Wände des abgeschnittenen Korridors.
„Der Verantwortliche… ist ein neues Mitglied des Reinigungspersonals“, presste Wood mühsam hervor. Ein schmaler, zynischer Spalt zeigte sich zwischen seinen Lippen.
„Niemand, den Sie kennen würden, Mr. Hiwatari… aber er ist überaus effizient.“
In exakt diesem Augenblick explodierte ohne jede Vorwarnung ein brüllender, stechender Schmerz hinter Kais Schläfen.
Es war ein so brachialer, roher Schock, dass Kais Atem schlagartig stockte. Seine Pupillen verengten sich zu Nadelstichen. Sein unerschütterlicher Griff um Woods Kehle lockerte sich unwillkürlich um Millimeter, und Kai machte einen kurzen, schwankenden Schritt zurück. Seine Hand schoss an seinen Kopf, während seine Sicht für einen Bruchteil einer Sekunde schwarz flackerte.
Ein solches Gefühl… ein solcher physischer Schmerz aus dem Nichts war ihm in seinem ganzen Leben noch nie passiert.
Kai atmete flach und schwer. Jeder einzelne Atemzug fühlte sich an wie flüssiges Eis in seinen Lungen. Er krallte die Finger seiner rechten Hand an die Schläfe, um die Kontrolle über seinen eigenen Körper nicht zu verlieren.
Wood rieb sich die Kehle, während er Kai mit einer Mischung aus Schock und reinem Erstaunen beobachtete.
„Das… das ist bemerkenswert“, murmelte Wood leise und blickte überrascht zu den Deckenleuchten hinauf, ehe sein Blick wieder auf Kai traf.
„Sie… Sie spüren diesen Schmerz tatsächlich? Aber das ist technisch völlig unmöglich. Der Impulssender befindet sich mehrere Etagen über uns. Die Reichweite hier unten ist gleich null… Es kann gar nicht durch den Sender kommen.“
Kais Augen weiteten sich schlagartig.
Ein weiterer, noch heftigerer Schmerzschub raste durch seinen Schädel. Es war wie eine dunkle, reißende Welle, die nicht über ein Gerät übertragen wurde, sondern sich wie eine unsichtbare, schreckliche Resonanz durch den Stahl und den Beton des gesamten Towers fraß.
Eine Resonanz, die Kai bis ins tiefste Innere seiner eigenen Seele wiedererkannte.
Es war keine Maschine. Es war eine Aura. Aufgepeitscht durch einen Impuls.
Ein Impuls, der oben aktiviert worden war... nur wenige Meter von Namis Aufenthaltsort entfernt.