Wettlauf gegen die Zeit
Wettlauf gegen die Zeit
Etwa fünfzehn Minuten zuvor...
Die schwere Tür von Kais Büro fiel mit einem dumpfen, satten Klacken ins Schloss.
Nami atmete tief aus und ließ sich mit einer tiefen, behaglichen Zufriedenheit auf die breite Ledercouch sinken. Die sanfte Wärme des Raumes umfing sie sofort, während draußen vor den bodentiefen Panoramafenstern die dichten Schneeflocken lautlos durch den grauen Tokioter Himmel tanzten. Es war genau dreizehn Uhr.
Der Tapetenwechsel oben im Restaurant und das gemeinsame Mittagessen hatten ihr unglaublich gutgetan. Nami strich sich mit einer behutsamen Bewegung eine helle, wellige Haarsträhne aus dem Gesicht und legte beide Hände auf ihren runden Bauch.
Gou regte sich sanft darunter, ein kleines, rhythmisches Ausstrecken, als würde auch er die ruhige Minute nach dem Essen genießen.
Ein leises Schmunzeln stahl sich auf Namis Lippen. Sie griff nach ihrem Smartphone, das auf dem kleinen Beistelltisch lag, und überlegte kurz, ob sie Lumina anrufen sollte.
Doch als Nami im Kopf kurz die Zeitzonen überschlug, hielt sie inne.
In London war es jetzt gerade einmal fünf Uhr morgens.
„Lieber nicht…“, murmelte Nami leise vor sich hin und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Lumina war zwar ein absoluter Morgenmensch, wenn sie gute Laune hatte, aber sie wollte sie nicht unglücklich aus dem tiefsten Schlaf reißen.
Stattdessen scrollte sie durch ihre Kontaktliste, bis ihr Blick an einem anderen Namen hängen blieb: Mariah.
Nami wählte die Nummer, legte das Telefon an ihr Ohr und lehnte sich entspannt in die weichen Lederpolster zurück. Es dauerte nur drei Freizeichen, bis am anderen Ende das vertraute, gewohnt energetische Lachen zu hören war.
„Nami!“, trällerte Mariahs Stimme fröhlich durch die Leitung. „Was für eine schöne Überraschung. Ich habe gerade an dich gedacht!“
„Hallo Mariah“, antwortete Nami wärmstens und spürte sofort, wie sich ihre eigene Stimmung noch weiter aufhellte. „Ich wollte mich einfach mal wieder bei dir melden und hören, wie es dir geht. Du bist jetzt in der achtzehnten Woche, oder?“
„Achtzehn Wochen und zwei Tage, um genau zu sein!“, lachte Mariah stolz. Im Hintergrund hörte man das leise Klappern von Geschirr.
„Und ich sage dir, das Warten hat endlich ein Ende. Ich hatte gestern einen Ultraschall und wir wissen jetzt endlich ganz sicher, was es wird!“
„Wirklich?“, fragte Nami neugierig und spürte, wie Freude in ihr aufstieg. „Und? Spann mich nicht auf die Folter!“
„Es wird ein Mädchen!“, rief Mariah überglücklich aus. „Ein kleines, gesundes Mädchen. Ray steht immer noch völlig neben sich vor Freude. Er schaut sich schon ununterbrochen rosafarbene Strampler und Babyschalen im Internet an und steigt absolut nicht durch die Sicherheitsanleitungen durch.“
Nami musste herzlich auflachen. „Ein Mädchen! Mariah, das ist wunderschön, ich freue mich so unglaublich für euch beide! Das erste Kind ist etwas ganz Besonderes... und Ray wird bestimmt der fürsorglichste und stolzeste Vater überhaupt sein.“
„Absolut“, stimmte Mariah weich zu. Ihre Stimme wurde etwas ruhiger, getragen von ehrlicher Zuneigung. „Und bei dir? Wie geht es dir und dem Kleinen? Ist Kai brav und kümmert sich um dich?“
„Kai ist… Kai“, antwortete Nami mit einem sanften Lächeln in der Stimme. „Er wacht über mich wie ein Raubvogel. Ich bin gerade bei ihm im Tachiwari-Tower. Er hat unten im Untergeschoss noch geschäftliche Termine mit ein paar potenziellen Zulieferern.“
Bei der Erwähnung der Verhandlungen schlich sich ganz automatisch ein Schatten der Erinnerung an den Mann aus dem Restaurant in Namis Gedanken. Mr. Wood. Der Söldner mit dem russischen Zungenschlag. Sie spürte noch immer das eiskalte Echo von Kais Mordlust, das vorhin durch die Luft gewabert war. Aber sie wollte Mariah nicht mit den düsteren Machenschaften rund um Sobolev oder den Klon belasten.
„Klingt nach einem ganz normalen Tag im Hause Hiwatari“, scherzte Mariah leise, ehe man im Hintergrund Rays tiefe Stimme hörte, der nach ihr rief. „Oh je, Ray hat die Handwerker an der Strippe wegen des Babyzimmers. Ich muss ihm glaub ich mal zur Hilfe eilen, bevor er sich vollends verredet.“
„Geh nur“, sagte Nami herzlich. „Grüß ihn ganz lieb von mir und pass gut auf euch auf!“
„Mach ich! Wir telefonieren ganz bald wieder, Nami!“
Das Gespräch endete, und Stille kehrte zurück in das weitläufige Büro. Nami legte das Telefon beiseite und strich sich abwesend über den Bauch. Das warme Licht an der Decke brannte gewohnt ruhig, die Klimaanlage summte leise im Hintergrund und draußen peitschte nun ein Schneesturm unvermindert gegen die mächtigen Glasfronten. Hier oben auf der Etage war alles friedlich, sauber und absolut ungestört.
Doch trotz der behaglichen Ruhe im Büro spürte Nami plötzlich eine merkwürdige, subtile Unruhe in ihrer Brust aufsteigen. Es war kein greifbarer Gedanke, sondern ein diffuses, schleichendes Gefühl... wie das feine Absinken des Luftdrucks kurz vor einem schweren Unwetter.
Nami richtete sich langsam auf der Couch auf und stellte die Füße auf den dicken Teppichboden. Draußen auf dem Flur standen Armon und ein weiterer Sicherheitsmann. Kai hatte die Sicherheitsprotokolle auf dieser Etage vollkommen routiniert hochgefahren, um ihr absolute Ruhe zu garantieren. Sie war hier oben in Sicherheit.
Warum fühlt es sich dann plötzlich so kalt an?
Nami stand vollends auf. Ihre Finger krallten sich leicht in den Stoff ihres Kleides.
Und dann, nur einen Herzschlag später, raste ein stummes, aber gigantisches Erschüttern durch ihre Sinne.
Es war kein physisches Geräusch. Es war ein viszeraler, schrecklicher Druck, der sich wie eine eiskalte Hand um ihre Kehle legte.
Ihr Atem stockte. Ihre Hand schoss blitzschnell an ihren runden Bauch.
Nein..., schoss es ihr mit lähmender Gewissheit durch den Kopf.
~Das darf nicht wahr sein~
Doch nun schoss ohne jede Vorwarnung ein zweiter, weitaus peinigenderer Schmerz durch ihren Körper.
Es war, als würde eine glühende Kralle tief in ihren unteren Rücken fahren und sich unerbittlich zusammenziehen. Der dumpfe, lähmende Druck presste ihr augenblicklich den Atem aus der Lunge.
Nami keuchte auf, doch die Empfindung wuchs sekundenschnell zu einer derart vernichtenden, eisernen Welle heran, dass ihr die Beine nachgaben. Ein gellender Schrei riss ihre Kehle auf, als die Wehe mit unbarmherziger Gewalt über sie hereinbrach.
Hilflos brach sie nach vorne ab und sank heftig auf die Knie. Der dicke Teppich fing ihren Sturz kaum ab, während sich ihre Finger verzweifelt in den weichen Flor krallten.
„A-Ahhh…!“, presste sie unter Tränen hervor.
Ihr gesamter Körper begann unkontrolliert zu zittern. Schweißperlen traten ihr im Bruchteil einer Sekunde auf die Stirn. Das war keine normale Übungswehe. Es war ein gewaltsamer, zerstörerischer Sturm, der tief in ihrem Unterleib tobte.
Gou…!, schoss es ihr panisch durch den Sinn, doch ehe sie auch nur eine Sekunde zur Besinnung kommen oder einen klaren Gedanken fassen konnte, rollte bereits die nächste Welle an.
Sie gab ihr keine Pause. Keinen einzigen Herzschlag zum Durchatmen.
Die darauffolgende Wehe brüllte noch lauter, noch schärfer durch ihr Nervensystem als die vorige. Ein brennender, unbeschreiblicher Schmerz riss durch ihr Becken, als wollte er sie von innen heraus spalten. Nami schrie erneut auf... ein verzweifelter, roher Laut, der von den Wänden des luxuriösen Büros widerhallte. Ihre Kraft brach vollkommen zusammen; sie kippte seitlich auf den Teppich, zog die Knie krampfhaft an den Bauch und krümmte sich vor Qualen.
Die Umrisse des weitläufigen Raumes begannen vor ihren Augen zu verschwimmen. Das Panoramafenster mit dem fallenden Schnee, das dunkle Holz der Regale, die Deckenleuchten... alles verschwamm zu einem verschwommenen, tanzenden Meer aus schemenhaften Farben und stechendem Licht.
~Nein, nein, nein!~ hämmerte es in ihrem Kopf. Die Wehen kamen rollend, ohne spürbare Intervalle, eine schneidende Schmerzwelle ging nahtlos in die nächste über und schien mit jeder Sekunde nur noch schlimmer und intensiver zu werden.
~Armon…!~ schoss ihr plötzlich ein rettender Gedanke durch die Nebel der Verzweiflung.
~Er muss mich hören… er steht direkt vor der Tür~
Doch im selben Moment traf sie die eiskalte Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht: Das Büro des CEO war absolut schalldicht. Eine massive Panzerung und spezialisierte Akustikdämmung schützten diesen Raum vor jedem Laut von außen... und sperrten ebenso jeden Laut von innen ein. Niemand auf dem Flur konnte sie hören. Weder Armon noch sein Mitarbeiter. Sie war hier drinnen in ihrer eigenen, lautlosen Hölle gefangen.
Ein weiteres wimmerndes Stöhnen entwich ihren Lippen, während sich ihr Verstand gegen die drohende Ohnmacht aufbäumte. Sie durfte hier nicht liegen bleiben. Sie durfte nicht aufgeben.
Ihr Blick, verschleiert von dicken Tränen und vernebelt vor Schmerz, wandte sich mühsam in Richtung des gewaltigen Marmor-Schreibtisches. Dort drüben, direkt in der Arbeitsplatte eingelassen, befand sich das direkte Kontrollinterface. Ein einziger Druck auf die Notfalltaste würde sie zur Armons Knopf im Ohr durchstellen.
~Ich muss… an den Schreibtisch…~ hallte es wie ein Credo durch ihren Kopf.
Mit zitternden Armschlägen und einem Keuchen, das aus tiefster Brust kam, stemmte sich Nami ein Stück weit hoch und begann, sich Zentimeter für Zentimeter über den Teppich zu schleppen.
Jeder Atemzug war ein brennendes Messer in ihrer Lunge, jede neue Wehe eine unbarmherzige Welle, die sie am liebsten bewusstlos in die Dunkelheit gerissen hätte. Ihr Blick hing starr an der dunklen Kante des gewaltigen Marmor-Schreibtisches.
~Nur noch ein Stück… Gou, halte durch…~ flehte sie stumm, während heiße Tränen ihre Sicht vollkommen verschwommen.
Mit einer letzten, schier übermenschlichen Kraftanstrengung stützte sie sich auf die Ellbogen, griff blind nach oben über die Tischkante und tastete verzweifelt über dem kühlen Marmor. Ihre zitternden Fingerspitzen streiften das glatte Metall des Kontrollinterfaces. Sie drückte mit dem Handballen zu... ohne Rücksicht darauf, ob sie die Taste traf.
Ein schrilles, doppeltes Piepen bestätigte die Übertragung. Das elektronische Schloss der massiven Eichentür klackte augenblicklich auf.
Keine zwei Sekunden später flog die Tür mit Wucht auf.
„Mrs. Hiwatari?!“, Armons tiefe Stimme drang durch den Raum, als er mit hochgefahrenen Reflexen hereinsetzte. Doch der Anblick, der sich ihm bot, ließ den durchtrainierten Sicherheitschef mitten in der Bewegung erstarren.
Nami lag krümmend auf dem Boden, schweißgebadet, die Hände verzweifelt in ihren Bauch gekrallt.
Sie schrie erneut. Ein schriller, unerträglicher Schrei schnitt durch die Stille des Büros. Diese Wehen… sie waren absolut nicht normal. Es gab keine Pausen mehr, keine Phasen zum Durchatmen. Eine Welle ging direkt ohne sekundengroße Linderung in die nächste über, eisern, unerbittlich und zermürbend. Es war ein Wehensturm, da war sie sich vollkommen sicher... ihr Körper ruhte keinen einzigen Herzschlag lang aus, sondern krampfte unaufhörlich weiter.
„Verdammt!“, entwich es Armon. Er war mit zwei langen Schritten bei ihr auf den Knien. „Ein medizinischer Notfall! Rufen Sie sofort die Notärzte der Privatklinik an! Sie müssen uns unten in der Lobby entgegenkommen!“, brüllte er in das Mikrofonsystem an seinem Kragen.
Über seinen Ohrstöpsel knisterte sofort die hektische Antwort der Zentrale: „Mr. Ishtar, wir haben ein Sicherheitsprotokoll unten in Minus 6! Die zwei Hochgeschwindigkeitsaufzüge zu den Untergeschossen wurden automatisch abgeriegelt und Mr. Hiwatari ist noch mit weiteren Personen dort unten. Der Notarzt-Helikopter kann außerdem wegen des Schneesturms draußen nicht auf dem Dach landen!“
Armons Kiefer verengte sich exakt so, wie Nami es sonst nur von Kai kannte. Seine Augen blitzten messerscharf auf. „Mir egal, was in den Laboren los ist! Die zwei Express-Schächte nach unten sind dicht, aber die regulären Aufzüge hier oben im Tower laufen! Sperren Sie sofort einen der Hauptaufzüge exklusiv für uns und lassen Sie den Notarztwagen direkt vor dem Haupteingang auffahren!“
Er sah hinab zu Nami, die vor Schmerz erneut aufschrie, während der pausenlose Wehensturm ihren gesamten Körper erschütterte. Wir müssen hier raus, dachte Armon entschlossen. Es hatte keinen Sinn, hier oben auf das Ärzteteam zu warten... jede Minute im Aufzug, die das medizinische Team nach oben brauchte, war verlorene Zeit. Sie mussten ihnen entgegen.
„Ich trage Sie runter, Nami. Schlingen Sie die Arme um meinen Nacken“, sagte Armon mit eiserner, unerschütterlicher Ruhe.
Er griff behutsam, aber mit enormer Kraft unter ihren Rücken und ihre Kniekehlen. Ohne zu zögern hob er Nami vom Boden auf. Ein weiterer erstickter Schrei entfuhr ihrer Kehle, als die Erschütterung eine erneute, rasende Schmerzwelle durch ihren Unterleib jagte. Ihre Finger krallten sich verzweifelt in Armons Schulter.
„Ruhig, ich habe Sie“, raunte Armon, während er mit zügigen, weiten Schritten das Büro verließ und auf die bereitstehenden Aufzüge im Flur zusteuerte. Der Sicherheitsmann an seiner Seite hielt die Tür des reservierten Hauptaufzugs bereits offen.
Armon trat mit Nami auf den Armen in die Kabine. Die Türen schlossen sich augenblicklich, und der Aufzug begann seine schnelle Fahrt hinab in die Lobby.
Nami presste das Gesicht in Armons Schulter, während ihr Körper unter den unaufhörlichen, erbarmungslosen Kontraktionen zitterte.
Sie war gefangen in einem Ozean aus Schmerz, während der Aufzug Meter um Meter nach unten rasierte... hin zu den Notärzten, während tief unter ihnen im abgeschotteten Sektor der Stumm-Alarm weiterleuchtete.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem leisen, hellen Pling zur weitläufigen VIP-Lobby.
Armon stellte sich bereits darauf ein, Nami durch den Windfang bis nach draußen zum Vorplatz tragen zu müssen... doch als er den ersten Schritt aus der Kabine machte, erfasste sein scharfer Blick sofort das hektische Blaulicht, das draußen durch die tief verschneiten Glasscheiben des Haupteingangs zuckte.
Noch bevor er die Lage vollends verarbeiten konnte, hasteten bereits drei Gestalten in leuchtender Einsatzkleidung durch die automatischen Schiebetüren auf sie zu. Zwei Sanitäter mit einem zusammengeklappten Rollstuhl und Notfallkoffern sowie ein Notarzt, der sich im Laufen bereits die medizinischen Handschuhe überstreifte.
Armon hielt inne, die Überraschung stand dem sonst so unerschütterlichen Sicherheitschef für einen kurzen Moment deutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten.
„Wie kann das sein...?“, fragte Armon streng und mit rauem Tonfall, während er Nami fest und sicher in den Armen hielt. „Der Notruf ist vor nicht einmal drei Minuten rausgegangen. Wie können Sie so schnell hier sein?“
Der Notarzt hielt direkt vor ihnen an, warf Armon einen kühlen, professionellen Blick zu und deutete sofort den Sanitätern, den Rollstuhl in Position zu bringen.
„Sie haben verdammt Glück gehabt“, antwortete der Arzt zügig, während er bereits Namis Puls an ihrem zitternden Handgelenk fühlte und ihren schweißgebadeten Zustand musterte. „Wir waren gerade einmal zwei Straßen weiter bei einem Einsatz wegen eines Schwächeanfalls. Der Wagen war einsatzbereit und die Zentrale hat uns direkt umgeleitet.“
Der Arzt wandte sich sofort mit beruhigender, aber bestimmter Stimme an Nami: „Mrs. Hiwatari? Ich bin Dr. Kobayashi. Wir haben Sie. Ruhig atmen, wir bringen Sie jetzt sofort in den Rettungswagen.“
Nami keuchte auf, während der unerbittliche Wehensturm ihren Unterleib weiter ohne jede Pause zusammendrückte. Ihre Knie zitterten unkontrolliert, als Armon sie mit höchster Vorsicht auf den vorbereiteten Transportsessel der Sanitäter herabließ.
„Wo… wo ist Kai?“, brachte Nami verzweifelt und unter bitteren Tränen hervor. Sie blickte mit weit geöffneten, schmerzverhangenen Augen zu Armon auf und klammerte sich an seiner Hand fest.
„Wo ist mein Mann?! Er… er muss mit… bitte, er muss doch bei mir sein…!“
Armons Kiefer spannte sich an. Er konnte ihr in diesem Moment unmöglich sagen, dass Kai tief unter ihnen im abgeriegelten Untergeschoss gefangen war.
„Mrs. Hiwatari, sorgen Sie sich jetzt nicht darum. Wir informieren ihn sofort. Er wird nachkommen—“, begann er, doch er konnte den Satz nicht vollenden.
Mitten im Wort fuhr die nächste Wehe mit doppelter Wucht wie ein brennender Blitz durch Namis Unterleib.
„AHHH…!“, riss ein schriller, schmerzerfüllter Schrei ihre Kehle auf. Nami warf den Kopf nach hinten, die Knöchel ihrer Finger traten weiß hervor, als sie sich an sein Revers krallte. Der Atem entwich ihr vollkommen.
„Es hört nicht auf…!“, wimmerte sie brüchig, als die Welle sie schüttelte. „Die Wehen… sie hören nicht auf…!“
„Ich weiß, Mrs. Hiwatari, ich weiß. Wir kümmern uns darum!“, sagte der Notarzt ernst und nickte den Sanitätern zu. „Sofortige Zugänge legen, Tokolyse vorbereiten! Los, wir müssen sie sofort transportfertig machen!“
Während das Rettungsteam Nami blitzschnell durch die Glasschiebetüren in Richtung des wartenden Rettungswagens schob, sah Armon ihnen mit angespannten Muskeln nach. Draußen peitschte der Schneesturm unvermindert gegen den Tachiwari-Tower... während tief unter ihren Füßen im abgeriegelten Sektor noch immer das rote Notlicht brannte und Kai noch immer keine Ahnung hatte, was hier oben geschah.
Acht Minuten zuvor...
Der dröhnende Schmerz hinter Kais Schläfen war kein physischer Druck, kein technisches Störsignal und kein normaler Anfall. Es war ein Peitschenhieb, der sich tief in sein Rückenmark brannte. Ein gellender, unsichtbarer Aufschrei, der direkt durch das Stahl- und Betonmassiv des Tachiwari-Towers drang.
Es war Namis Schmerz.
Kai krallte die Finger in seine Schläfen, keuchte auf und ging leicht in die Knie. Der Druck in seinem Verstand war so gewaltig, dass sich seine Sicht für einen Moment schwarz verfärbte.
„Warum...“, presste Kai rauchig hervor, während seine Stimme vor mühsam beherrschter Wut und schneidender Qual zitterte. Er hob den Blick, seine rot glühenden Augen fixierten den russischen Söldner.
„Warum tut das so unfassbar weh?! Was... was habt ihr verdammten Bastarde getan?!“
Mr. Wood beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Ein schmales, eiskaltes Lächeln schlich sich auf die harten Gesichtszüge des Söldners, doch in seinen blauen Augen zeigte sich zugleich eine feine, analytische Überraschung.
„Wir haben lediglich den richtigen Augenblick erzwungen, Hiwatari“, antwortete Wood gelassen mit seinem harten russischen Akzent. „Etwa ein Stockwerk unter dem Chefbüro haben meine Leute vor wenigen Minuten einen speziellen Impulssender scharfgeschaltet.“
Kai erstarrte, obwohl das Pochen in seinem Kopf ihn fast zerriss.
„Ein hochfrequenter Resonanzsender“, fuhr Wood fort, während er sich unbeeindruckt an den Rahmen lehnte. „Haargenau auf die biologische und energetische Seelensignatur ihrer Frau und des Babys eingestellt. Wir haben einen Weg gefunden, der Natur ganz gezielt auf die Sprünge zu helfen... ohne dafür auch nur direkt in ihrer Nähe sein zu müssen. Der Sender löst augenblicklich kontrollierte Wehen aus.“
Wood musterte Kais angespannte, schmerzverzerrte Haltung für einen Augenblick sehr genau und neigte den Kopf leicht zur Seite.
„Womit wir allerdings nicht gerechnet haben... ist, dass sie ihren Schmerz tatsächlich spüren.“, fügte der Söldner mit einem leisen, kühl faszinierten Tonfall hinzu. „Das ist etwas völlig Neues. Diese Ebene der Verbindung stand in keiner unserer Analysen. Aber es ändert nichts am Ziel.“
Die Muskeln an Kais Kiefer spannten sich extrem an.
„Es geht darum, an Nami und vor allem an den Jungen heranzukommen“, enthüllte Wood eiskalt. „Wir stehlen ihn direkt nach der Geburt, Hiwatari. Denn wie sie ja sicher längst wissen... trägt ihr Sohn ein angeborenes Bit-Beast tief in seiner Seele. Ein solches Potenzial gehört nicht in die Hände einer Familie. Wir erzwingen die Geburt jetzt, solange sie hier unten isoliert sind und ihre Frau oben völlig hilflos ist.“
Die Worte trafen Kai wie ein Schlag ins Gesicht.
Ein tiefes, kehliges Grollen entwich seiner Brust. Jede Faser seines Körpers spannte sich an wie eine überspannte Sehne. In ihm explodierte eine reißende Flutwelle aus blinder Vernichtungswut.
Er musste hier raus. Er musste hoch zu Nami.
Ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, holte Kai aus.
RUMMS!
Seine geballte Faust schlug mit Brachialgewalt direkt neben Woods Gesicht gegen das zentimeterdicke, verstärkte Panzerglas. Ein Geräusch wie ein Peitschenknall hallte durch den isolierten Bereich der Ebene -6, gefolgt von einem feinen, bedrohlichen Knacken. Winzige, spinnennetzartige Haarrisse zogen sich durch das Verbundglas... genau dort, wo eben noch der Kopf des Söldners geruht hatte.
Mr. Wood weitete überrascht die Augen. Ein ungläubiger Blick huschte über seine harten Gesichtszüge, als er das gesplitterte Panzerglas fixierte. Er wich nicht verängstigt zurück, doch die professionelle Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dass ein Mensch ohne Werkzeug ein solches Glas zum Reißen bringen konnte, entsprach keiner militärischen Berechnung.
Kai fuhr sich derweil grollend durch das Gesicht. Seine Finger krallten sich spürbar in seine Haut. Der Schmerz in seinem Kopf war kaum auszuhalten. Er musste raus... er musste zu ihr.
~Benutze mich~
Kai erstarrte mitten in der Bewegung. Das Grollen in seiner Kehle erstarb.
Zwischen dem dröhnenden Schmerz und dem pochenden Pulsieren in seinen Schläfen war da plötzlich ein Flüstern. Eine eiskalte, majestätische und zutiefst vertraute Stimme, die wie ein loderndes Feuer durch das eisige Chaos seiner Gedanken schnitt. Eine Stimme, die er seit langer Zeit nicht mehr so klar, so direkt gehört hatte.
Dranzer.
„Wie?!“, presste Kai zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Stimme klang von der reinen Anstrengung verzerrt.
Er hatte kein Beyblade bei sich, welches er als Werkzeug verwenden könnte.
~Rufe mich~ sagte Dranzer in seinen Gedanken. Nicht wie eine Erinnerung, sondern wie ein Befehl, der tief aus dem Kern seiner Seele stieg.
~Lass die Fesseln los, Kai. Ich bin nicht nur das Metall. Ich bin deine Wut. Ich bin dein Schutz~
Kai schloss für einen winzigen Sekundenbruchteil die Augen. Der Schmerz von Nami durchzuckte ihn erneut... ein stechender Impuls, der ihn fast in die Knie zwang. Aber anstatt gegen die Welle anzukämpfen, riss Kai die Schleusen in seinem Inneren sperrangelweit auf. Er wandelte den Schmerz um. In pure, feuerrote Vernichtungswut.
Als Kai die Augen wieder aufschlug, brannten seine Iris in einem gefährlichen, glühenden Rot.
Ein leises, tiefes Summen erfüllte den isolierten Gang der Ebene -6. Die Lichter an den Wänden flackerten heftig. Mr. Wood nahm eine defensive Haltung ein und verengte aufmerksam die Augen, als er sah, wie sich um Kais Gestalt eine feuerrote, intensiv glühende Aura aus reiner Energie zu manifestieren begann. Hitzewellen schossen durch den Raum. Das Metall der verriegelten Sicherheitstore begann leise zu ächzen.
„Dranzer...“, flüsterte Kai. Seine Stimme war ein finsteres Ultimatum.
Die feuerrote Aura schoss blitzartig um seinen Körper empor, wuchs zu einer gewaltigen, flammenden Silhouette, deren feurige Schwingen sich bis an die Decke der Ebene -6 ausbreiteten. Der legendäre Phönix reagierte direkt auf den eisernen Willen seines Meisters, seine Frau und seinen ungeborenen Sohn zu beschützen.
„Mach den Weg frei!“, brüllte Kai, während seine Stimme vom Fauchen der Hitze untermalt wurde.
Mit einer einzigen, mächtigen Handbewegung riss Kai den Arm nach vorne. Die flammende Gestalt von Dranzer schoss wie ein Komet aus feuerroter Energie nach vorne. Der Anprall war gigantisch: Das massive Panzerstahl-Sicherheitstor der Ebene -6 verformte sich schlagartig unter der extremen Hitze und der kinetischen Wucht.
Das Metall glühte innerhalb von Millisekunden auf, kreischte unter der Belastung und wurde mit einem donnernden Knall aus den Verankerungen gerissen.
Trümmer schossen durch den Gang, während heiße Luft durch die Bresche strömte.
Alle Anwesenden hoben schützend die Arme vor das Gesicht, um die Druckwelle und die Hitze abzufangen.
Ebenso Mr. Wood. Sein Blick war scharf und voller düsterer Faszination... er hatte viel gesehen, aber die schiere Manifestation dieser Macht war selbst für einen russischen Söldner ein außergewöhnlicher Anblick.
Kai wartete keine Sekunde. Er trat durch den brennenden Rahmenausschnitt der Tür, ohne die Hitze auch nur zu beachten. Die feuerrote Aura umhüllte ihn noch immer wie ein flammender Mantel, während er mit zügigen, eisernen Schritten auf das Treppenhaus zusteuerte.
Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Herzschlag der Rache. Seine Blicke waren starr nach oben gerichtet...
Das Dröhnen in Kais Ohren war kein Geräusch. Es war ein tiefes, vibrierendes Beben, das direkt aus seiner Brust aufstieg und die Luft um ihn herum erhitzt wirken ließ.
Als Kai mit schnellen schweren Schritten das Treppenhaus nach oben stürmte, verblasste die feuerrote Aura um seinen Körper nur langsam. Seine Augen glühten immer noch in einem gefährlichen Rot. Der Schmerz, den Nami durchlitten hatte, hallte wie ein physischer Eindruck in seinen eigenen Nerven nach. Er schmeckte das Eisen ihres Schreckens auf seiner Zunge.
Als er schließlich in die lichtdurchflutete VIP-Lobby des Towers trat, schlug ihm eine Wand aus geschockter Stille entgegen.
Die Angestellten hinter dem Empfangstresen standen wie angewurzelt da. Gesichter waren blass, Hände zitterten, und ein flüsternloses Entsetzen lag über dem sonst so makellos organisierten Eingangsbereich.
Noch bevor Kai das Wort ergreifen konnte, löste sich Armon aus der Gruppe der Sicherheitsleute. Der zwei Meter große, breitschultrige Koloss mit dem kahl rasierten Kopf trat Kai mit gewohnt aufrechter, beherrschter Haltung entgegen. Obwohl auch in seinen Zügen die Anspannung zu sehen war, blieb seine Ausstrahlung vollkommen kontrolliert und professionell.
„Mr. Hiwatari“, sprach Armon ihn mit gewohnt tiefer, ruhiger Stimme an, während er auf ihn zukam. „Wir hatten bereits damit begonnen, das Protokoll außer K... “
„Wo ist sie?“, unterbrach Kai ihn augenblicklich. Seine Stimme war nicht mehr als ein tiefes, gefährliches Rumpeln, rau vor unterdrückter Urgewalt. Er trat einen Schritt näher an seinen Sicherheitschef heran.
„Ich habe es gespürt, Armon. Ich habe Namis Schmerzen gefühlt... Wo ist meine Frau?“
Armon behielt die Ruhe, seine Statur wirkte wie ein Fels in der Brandung.
„Mrs. Hiwatari hatte einen massiven, extrem plötzlichen Wehensturm im Büro. Es ging um Sekunden. Ich habe sie persönlich nach unten getragen und direkt den Sanitätern übergeben. Der Notarztwagen stand wie durch ein Wunder bereits vor der Tür und ist vor nicht einmal zwei Minuten mit Blaulicht abgefahren. Sie bringen sie in die Minato-Privatklinik, die Notaufnahme ist bereits vorber–“
Weiter kam Armon nicht.
Die massiven Glastüren des Haupteingangs flogen dröhnend auseinander. Ein eisiger Windstoß trieb Schneeflocken weit in die beheizte Lobby, und im selben Moment stürmte ein vierköpfiges Ärzteteam in leuchtend orangener Notfallkleidung herein.
Sie zogen schweres Notfall-Equipment hinter sich her, ihre Gesichter von der Kälte und der Eile gezeichnet.
„Wo ist die Patientin?!“, rief der leitende Notarzt der Minato-Klinik suchend in den Raum. „Wir haben den Eilruf wegen Mrs. Hiwatari erhalten! Wo ist sie?“
Eine lähmende, eiskalte Stille breitete sich schlagartig in der Lobby aus.
Armon erstarrte. Seine Augen verengten sich, und für einen kurzen Augenblick wich die Farbe aus dem sonst so unerschütterlichen Gesicht des Hünen. Seine Hand bewegte sich augenblicklich zum Funkgerät an seiner Schulter.
„Was reden Sie da?“, fragte Armon mit scharfer, kontrollierter Stimme. „Der Wagen der Minato-Klinik ist vor zwei Minuten abgefahren. Die Ärzte trugen Ihre Uniformen.“
Der Notarzt sah Armon fassungslos an.
„Unmöglich! Wir sind das primäre Notfallteam! Wir haben das Signal erst vor zehn Minuten empfangen und sind durch den Schneesturm hergeeilt!“
Die Puzzleteile fügten sich in Kais Verstand zusammen... nicht mit Logik, sondern mit der gnadenlosen Schärfe eines Raubtiers.
Es waren echte Sanitäter gewesen. Die Ausrüstung, der Notarztwagen, die medizinischen Griffe... alles war echt. Deshalb hatte Armon keinen Verdacht geschöpft. Doch sie gehörten nicht zur Minato-Klinik. Sobolevs verbliebene Anhänger hatten ihre Fühler wohl viel tiefer in die städtische Infrastruktur gegraben, als bisher angenommen. Sie hatten wahrscheinlich ein anderes, kleineres Krankenhaus unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Krankenhaus, dessen Angestellte unter Todesangst agierten. Ärzte, Pfleger und Sanitäter, deren Familien bedroht wurden und die nur deshalb schwiegen und Befehle ausführten, weil Waffen auf ihre Köpfe gerichtet waren.
Sie hatten Nami nicht entführt, indem sie Gewalt anwandten... sie hatten die Rettung gespielt, um sie isoliert an einen Ort zu bringen, den sie vollkommen beherrschten.
„Sie fahren sie nicht in die Minato-Klinik...“, raunte Kai. Seine Stimme war so leise, dass sie die Luft im Raum gefrieren ließ.
„Mr. Hiwatari, warten Sie“, reagierte Armon sofort und schaltete seinen Kommunikator ein. „Ich lasse die GPS-Signale aller registrierten Rettungsfahrzeuge in ganz Tokio abfragen und sperre die Straßen–“
„Dafür ist keine Zeit“, stieß Kai hervor.
In seiner Brust erflammte Dranzers Resonanz erneut. Es war kein physischer Blick, der ihm den Weg wies, sondern die energetische Spur, die Nami und das ungeborene Leben in ihr hinterließen. Ein dünnes, feuriges Band aus Schmerz, Angst und Liebe, das sich mitten durch das Chaos des Tokioter Schneesturms zog.
Nami war da draußen.
Sie war bei Bewusstsein, gefangen in einem Albtraum aus Wehen und der stummen, verzweifelten Panik der Ärzte, die sie transportierten.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, rannte Kai los und hinaus durch die Glastüren der Lobby.
„Mr. Hiwatari!“, rief Armon ihm nach und gab seinen Männern sofort mit glasklaren Handzeichen Befehle. „Rüstet die Wagen aus! Baut eine Direktverbindung zur Leitstelle auf! JETZT!“
Doch Kai war bereits draußen.
Er trug nichts als seinen edlen, dunklen Anzug. Kein Mantel, keine Handschuhe, kein Schutz gegen das tobende Unwetter. Der eisige Wind peitschte durch die Hochhausschluchten von Shinjuku und trieb dichte Schneeflocken vor sich her, doch Kai spürte die eiskalte Luft nicht einmal.
Dranzers Flammen brannten so heiß tief unter seiner Haut, dass die Schneeflocken, noch bevor sie den Stoff seines Anzugs berühren konnten, in winzigen Dampfwölkchen verdampften. Die Nässe auf den Gehwegplatten um seine Anzugschuhe begann bei jedem seiner Schritte zu zischen und zu schmelzen.
Um ihn herum herrschte das typische Chaos des Businessdistrikts Shinjuku: Der Verkehr staute sich, Motoren dröhnten, Lichter spiegelten sich im grauen Matsch der Straßen.
Er fixierte das unsichtbare, glühende Band, das seinen Geist direkt mit Namis Präsenz verband.
Kai ballte die Fäuste, während sich seine rot glühenden Pupillen zu zwei scharfen Punkten verengten. Seine Schritte wurden schneller, bis er in einen rasenden Sprint überging. Wie ein dunkler, von Zischen und feuriger Hitze umgebener Schatten jagte er im eleganten Anzug an den verdutzten Passanten und hupenden Autos vorbei mitten hinein in den Schneesturm.
Er würde dieses Krankenhaus finden.
Und er würde jeden einzelnen von Sobolevs Männern vernichten, der es gewagt hatte, sich zwischen ihn, Nami und ihren Sohn zu stellen.