Das Licht der Welt
Das Licht der Welt
Der Lärm von Shibuya war ein dumpfes, entfremdetes Rauschen hinter der Wand aus Dranzers Hitze.
Kai nutzte eine eng verlaufende Gasse als Abkürzung, durchbrach die Schneewehen zwischen zwei Gebäudekomplexen und trat mit harten, unerbittlichen Schritten mitten auf die breite Hauptverkehrsstraße. Das geschäftige Treiben der Kreuzung geriet augenblicklich ins Stocken. Autos hielten mit quietschenden Reifen, Hupen ertönten, und Passanten blieben wie angewurzelt stehen, die Handys starr auf ihn gerichtet.
Ein Mann im maßgeschneiderten, dunklen Anzug, mitten im Schneesturm, umgeben von einem sichtbaren, zischenden Hitzefeld, das den Schnee meterweit um ihn herum schmelzen ließ.
Es kümmerte Kai nicht. Es kümmerte ihn nicht im Geringsten, dass sein Geheimnis nun unzähligen Augen preisgegeben wurde. Dass die Welt sah, dass er ein Bit Beast Träger war, dass er Kräfte besaß, die kein normaler Mensch jemals haben sollte. Er würde sich rechtfertigen müssen, sobald dieser Albtraum vorbei war... vor den Behörden, vor der Öffentlichkeit, vor der Welt.
Doch das war ihm völlig egal.
Das Einzige, was in seinem Universum in diesem Augenblick existierte, war das feurige Band, das sich unerbittlich durch die Straßen zog.
Plötzlich schob sich eine weitere Gestalt aus dem Schneegestöber an seine Seite.
Die Person trug eine dunkle, weit ins Gesicht gezogene Kapuze, die das Gesicht im tiefen Schatten verbarg. Der Mann bewegte sich mit derselben raubtierhaften Anmut, derselben eisernen Ruhe, die Kai spiegelbildlich vertraut war.
Kais glühend roter Blick huschte für einen kurzen, scharfen Moment zur Seite. Im Schatten der Stoffkapuze zeichneten sich die schneidenden, markanten Gesichtszüge ab, die seine eigenen waren.
Es war sein Klon. Derselbe Mann, der ihn vor wenigen Tagen im Verborgenen gewarnt hatte, Nami niemals allein zu lassen.
Kais Augen wanderten sofort wieder nach vorne, starr auf die Straße gerichtet. In der Ferne, durch das dichte Weiß des Schneefalls hindurch, zeichneten sich bereits die aufblitzenden Blaulichter des Rettungswagens ab. Der Wagen näherte sich mit hoher Geschwindigkeit der Kreuzung während die übrigen Fahrzeuge zur Seite fuhren um Platz zu machen.
„Wieso zeigst du dich ausgerechnet jetzt?“, fragte Kai. Seine Stimme war gewohnt stoisch, tief und rau, unberührt von der Absurdität der Situation.
„Du hättest einfach in der Versenkung bleiben können. Keiner hätte nach dir gesucht.“
Der Klon regte sich nicht. Er stand starr neben Kai, die Hände in den Taschen, den Blick ebenso starr auf die heranrasenden Lichter fixiert.
„Und wieso machst du dir überhaupt die Mühe, Nami zu beschützen?“, fügte Kai mit gewohnter Härte hinzu, während das Zischen der Hitze um ihre Füße lauter wurde.
„Es ist schließlich nicht dein Problem.“
Ein leises, tiefes Geräusch entwich der Kehle des Klons. Ein für Kai absolut typisches, trockenes „Mh“.
„Ein Problem ist es nicht“, antwortete der Klon schließlich. Seine Stimme klang wie ein düsteres Echo von Kais eigener... kalt, schneidend und bar jeder unnötigen Emotion.
„Es gibt keinen persönlichen Nutzen für mich. Aber ich kann genauso gut dafür sorgen, dass diese Bastarde niemals das bekommen, was sie wollen.“
Ein stummes, eiskaltes Einverständnis lag für einen Herzschlag zwischen den beiden Männern. Keine weiteren Worte waren nötig. Keine Erklärungen, kein Zögern.
Die schrille Sirene des Rettungswagens wurde lauter. Das Einsatzfahrzeug schnitt durch den dichten Verkehr von Shibuya.
Plötzlich weiteten sich die Augen des Sanitäters am Steuer. Durch die von Scheibenwischern freigewischte Windschutzscheibe erblickte er schockiert die zwei Gestalten, die stoisch mitten auf der Fahrbahn standen. Ein panischer Schrecken fuhr dem Fahrer in die Glieder.
Mit voller Kraft trat er auf das Bremspedal.
Die Reifen des schweren Rettungswagens blockierten augenblicklich. Der Wagen geriet auf der nasseisigen Fahrbahn leicht ins Schleudern, die Bremsen kreischten ohrenbetäubend auf, und das Blaulicht warf wilde, zuckende Schattenspiele über den grauen Matsch der Straße, während das tonnenschwere Fahrzeug rutschend nur wenige Meter vor Kai und dem Klon zum Stillstand kam.
Der Scheinwerferkegel erfasste die beiden Männer frontal.
„Der Wagen gehört dir“, raunte der Klon kühl und schob die Hände aus den Taschen. „Ich kümmere mich um die Söldner im Fond.“
„Versag nicht“, war Kais einzige, rauchende Antwort.
Mit dem Zischen schmelzenden Schnees unter Kais Stiefeln traten sie zeitgleich auf das Rettungsfahrzeug zu.
Im Inneren des schwach beleuchteten Rettungswagens herrschte purer Albtraum.
Der Notarzt kniete hektisch neben der Trage, seine Hände zitterten, während Schweißperlen von seiner Stirn auf den sterilen Boden tropften. Das stetige, schrille Piepen des Herzfrequenzmonitors stieg in eine gefährliche Frequenz.
„Was ist da vorne los?!“, schaffte der Arzt es, verzweifelt durch die kleine Trennluke nach vorne zum Fahrer zu rufen. Seine Stimme überschlug sich fast vor Panik. „Wir müssen augenblicklich in die Klinik! Die Wehenhemmer schlagen absolut nicht an... die Kontraktionen kommen ohne jede Pause! Mrs. Hiwatari hyperventiliert, sie verkrampft völlig! Wenn sich die Wehen nicht sofort normalisieren und sie sich entspannt, kann ich die Sauerstoffversorgung des Kindes nicht mehr gewährleisten!“
Nami hörte die Stimmen nur noch wie durch eine dicke Schicht Wasser. Ihr Körper war von den unbarmherzigen, künstlich ausgelösten Wehenwellen vollkommen ausgelaugt. Schmerzüberflutet, klatschnass geschwitzt und mit weit aufgerissenen, verängstigten Augen rang sie nach Luft. Sie war tief gefangen in ihrer eigenen, lautlosen Hölle aus Qualen, ihr Verstand vernebelt, während ihr Körper pausenlos weiter krampfte.
Plötzlich riss eine gewaltige Kraft die hinteren Flügeltüren des Rettungswagens auf.
Ein eisiger Stoß aus Schneegestöber und zischender Hitze drang in den Innenraum. Bevor die zwei Söldner, die sich im Fond versteckt hielten, ihre Waffen ziehen konnten, griff eine dunkle Gestalt hinein. Der Klon riss die Männer mit eiskalter, raubtierhafter Präzision aus dem Fahrzeug und schleuderte sie nacheinander auf die verschneite Fahrbahn von Shibuya.
Der Notarzt schrie vor Schreck auf und wich mit erhobenen Händen gegen die Schränke zurück.
Doch die Gestalt, die als Nächstes in den Rettungswagen stieg, strahlte keine bloße Gewalt aus. Es war eine Urgewalt.
Kai trat in den Wagen. Sein dunkler Anzug dampfte, seine rot glühenden Iris fixierten augenblicklich Namis schmerzverzerrtes Gesicht. Seine eigene Brust bebte unter dem Echo ihrer Qualen, doch als er sie dort so hilflos liegen sah, wandelte sich die vernichtende Wut in seinem Inneren schlagartig in einen unerschütterlichen, eiskalten Beschützerinstinkt.
Nami nahm ihn kaum wahr. Ein brüchiges, leises Wimmern entwich ihren Lippen, während ihre Finger krampfhaft ins Leere griffen. Sie war zu tief in ihrem Schmerz gefangen, um zu begreifen, wer vor ihr stand.
Ohne den zitternden Arzt auch nur einen Blick zu würdigen, beugte sich Kai über die Trage. Mit schnellen, geübten Griffen löste er die engen Sicherheitsschnallen, die Nami fixierten.
„Was… was tun Sie da?!“, brachte der Notarzt fassungslos hervor. „Wir dürfen sie nicht bewegen, der Befund–“
„Sei still.“, raunte Kai. Es war kein Brüllen, sondern ein tiefes, feuriges Ultimatum, das den Arzt augenblicklich verstummen ließ.
Behutsam, aber mit kompromissloser Kraft griff Kai unter Namis Achseln und hob ihren geschwächten Oberkörper an. Er setzte sich direkt hinter sie auf die Trage, zog Nami sanft zwischen seine weitreichenden Beine und lehnte ihren Kopf zurück an seine breite Brust.
Eine Hand legte er behutsam, aber schützend über ihren runden Bauch, genau dorthin, wo der kleine Gou unter dem Krampf der Gebärmutter litt. Seine andere Hand fuhr sanft an ihre Schläfe und strich das nasse, silbrig-weiße Haar aus ihrem schweißgebadeten Gesicht.
„Ich bin hier, Nami“, flüsterte Kai tief an ihrem Ohr. Seine Stimme war plötzlich frei von jeder Härte... rau, getragen von einer tiefen, unerschütterlichen Zuneigung.
„Du bist sicher. Ich habe dich.“
Dranzers feurige, sanft pulsierende Resonanz strömte von seinem Körper direkt in ihren über. Es war keine brennende Hitze, sondern eine schützende, ausgleichende Welle reiner Lebensenergie. Sie breitete sich wie ein warmes Schutzschild in Namis Körper aus und zwang die verkrampften Muskeln ihres Unterleibs zur Ruhe.
Nami atmete mit einem tiefen, zitternden Schluchzen aus.
Der eiserne Griff, der ihren Bauch seit gefühlten Ewigkeiten zusammengedrückt hatte, löste sich schlagartig. Die peinigende, ununterbrochene Schmerzwelle flachte ab. Das krampfhafte Zittern ihres Körpers verlangsamte sich, während die heilsame Wärme von Kais Brust ihr Herz erreichte.
Ihre Augenlider zuckten leicht. Der Nebel vor ihren Augen begann zu weichen, und zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Wehen fokussierte sich ihr Blick. Sie spürte den vertrauten, eisernen Halt um ihren Körper, den vertrauten Duft.
„K-Kai…?“, hauchte sie brüchig, während heiße Tränen über ihre Wangen liefen.
„Ich bin bei dir“, antwortete Kai leise und drückte seinen Mund sanft gegen ihre Schläfe
„Atme, Nami.“
Das schrille Piepen des Herzfrequenzmonitors beruhigte sich Sekunde für Sekunde, bis es in einen gleichmäßigen, gesunden Rhythmus überging.
Der Notarzt starrte vollkommen fassungslos auf die Messgeräte. Die unnatürlichen Kontraktionen hatten vollkommen aufgehört.
Die Gebärmutter hatte sich entspannt, die Sauerstoffsättigung des Babys stabilisierte sich vor seinen Augen in Rekordzeit.
Draußen im Schneesturm von Shibuya verhallten die dumpfen Geräusche der Auseinandersetzung, als der Klon und Armons eintreffende Sicherheitskräfte die Straßen vollends sicherten.
Der sanfte, stetige Rhythmus des Herzfrequenzmonitors war das einzige Geräusch im Inneren des Sanitätswagens, das das Heulen des Windes und das Gemurmel draußen durchbrach.
Namis Atem hatte sich verlangsamt. Die krampfhafte Starre war vollkommen aus ihren Zügen gewichen, während Kais kühlende und zugleich wärmende Aura wie ein Schutzschild durch ihren geschwächten Körper sickerte. Die künstlich erzwungenen Wehen waren erloschen. Doch der künstliche Sturm hatte seinen Dienst bereits getan... die Natur ließ sich nicht mehr zurückdrehen.
Plötzlich versteifte sich Namis Körper erneut. Ein warmer, deutlicher Schwall entfuhr augenblicklich und tränkte den Stoff der Trage... Namis Fruchtblase war geplatzt.
Ein leises, keuchendes Stöhnen entwich ihren Lippen, als der plötzliche Druckabfall die ersten echten, unerbittlichen Kontraktionen ihres eigenen Körpers einleitete. Ihre Finger krallten sich mit erstaunlicher Kraft in Kais Oberschenkel.
Der Notarzt, der sich langsam wieder gefasst hatte, bemerkte das austretende Fruchtwasser und trat blitzschnell an das Ende der Trage. Er warf einen Blick auf die medizinischen Anzeichen, und seine Augen weiteten sich fassungslos.
„Mr. Hiwatari…“, stammelte der Arzt, seine Stimme zitterte leicht vor Erfurcht und Hektik.
„Die Fruchtblase ist geplatzt und der Muttermund ist vollständig geöffnet. Wir können sie nicht mehr transportieren… Das Baby kommt JETZT!“
Nami warf den Kopf leicht nach hinten gegen Kais Schulter. Heiße Tränen der Erschöpfung und Erleichterung rannen über ihre Wangen.
„Kai…“, hauchte sie brüchig, während die nächste echte, natürliche Wehe durch ihren Unterleib rollte. „Er… er kommt…“
Kai wich keinen Millimeter zurück. Seine Arme schlossen sich fest um ihren Oberkörper, hielten sie aufrecht und gaben ihr die nötige Stütze. Er beugte sich nah an ihr Ohr, sein Atem warm auf ihrer nassen Haut.
„Ich bin hier“, flüsterte er tief, vollkommen ruhig und eisern. „Ich halte dich. Press, Nami.“
Draußen vor den dicken Heckscheiben des Rettungswagens war die Welt zum Stillstand gekommen. Das unruhige Blaulicht warf zuckende Schatten in die verschneite Nacht. Armon und seine Männer hatten einen undurchdringlichen Ring um den Sanitätswagen gezogen. Armons Männer blockierten die komplette Straße und schirmten die Szene hermetisch ab.
Der Klon lehnte mit verschränkten Armen an einer Mauer, den Blick stumm in die Dunkelheit gerichtet, während Armon mit Waffengewalt dafür sorgte, dass keine Seele dem Wagen nahe kam.
Im Inneren des Sanitätswagens existierte nur noch dieser eine Raum.
„Sehr gut, Mrs. Hiwatari!“, rief der Notarzt, während er sich in Position brachte und die sterilen Tücher bereitlegte. „Gleich noch einmal! Atmen und mit der nächsten Wehe drücken!“
Nami presste die Zähne zusammen. Ein langer, angespannter Schrei entwich ihrer Kehle, als sie ihre letzte verbliebene Kraft zusammennahm. Kais Hand lag fest auf ihrem Bauch, seine Aura strömte sanft pulsierend in sie hinein und schenkte ihr die Ausdauer, die ihr der Schock zuvor geraubt hatte. Er spürte jede Regung, jeden Herzschlag von ihr und ihrem Sohn.
„Noch einmal, Nami“, raunte Kai, seine Stimme wie ein Anker mitten im Sturm.
„Lass ihn nicht warten.“
Mit einem letzten, tiefen Atemzug warf sich Nami in die nächste Presswehe. Sie klammerte sich an Kais Arme, die Knöchel ihrer Finger traten weiß hervor, während ein erlösender, langer Laut ihren Mund verließ.
„Das Köpfchen ist da!“, rief der Arzt. „Nur noch ein kleines Stück, Mrs. Hiwatari! Fast geschafft!“
Kai hielt den Atem an. In seiner Brust explodierte ein Gefühl, das er in seinem bisherigen Leben noch nie empfunden hatte... eine Mischung aus ehrfürchtiger Sprachlosigkeit und einer unendlichen, beschützenden Liebe.
Ein letztes kräftiges Drücken, ein brüchiges Schluchzen von Nami... und dann, mitten in der verschneiten, stillen Nacht von Shibuya, wurde das Heulen des Windes von einem neuen, klaren Laut durchschnitten.
Ein hohes, kräftiges Schreien erfüllte den Raum.
Der Notarzt fing das neugeborene Leben behutsam auf. Der kleine Junge protestierte lautstark gegen die kalte Luft der Welt, seine winzigen Fäuste ruderten durch die Luft.
Im selben Moment geschah etwas Magisches: Um den kleinen Körper des Babys legte sich für einen winzigen Herzschlag ein hauchfeines, dunkelblaues Glühen... eine mächtige, schlummernde Resonanz, die kurz auf Dranzers verbleibende Wärme im Raum reagierte, ehe sie sanft in der Haut des Neugeborenen verblasste.
Der Notarzt hielt kurz inne, von der auraartigen Erscheinung völlig überrascht, ehe er das Baby zügig in ein warmes, weiches Tuch hüllte und es Nami auf die entblößte Brust legte.
„Ein gesunder, kräftiger Junge“, sagte der Arzt leise, die Erleichterung stand ihm tief ins Gesicht geschrieben.
Nami sank entkräftet, aber überglücklich in Kais Arme zurück. Sie schlang ihre zitternden Arme um das kleine Bündel auf ihrer Brust. Das laute Schreien des Babys wurde augenblicklich ruhiger, als es die vertraute Haut und den Herzschlag seiner Mutter spürte.
„Mr. Hiwatari...“, sagte der Arzt leise. „Möchten Sie die Nabelschnur durchschneiden?“
Kai zögerte keine Sekunde. Sein rubinroter Blick ruhte auf dem kleinen Jungen, der auf Namis Brust lag und trotz des Trubels so wunderbar stark wirkte. Er griff mit einer festen, absolut ruhigen Hand nach dem Instrument welches ihm der Arzt reichte. Über Namis Schulter hinweg fixierte er die Nabelschnur. Ganz nah an ihrem gemeinsamen Sohn, setzte er den Schnitt mit absoluter Präzision an und durchtrennte sie... den letzten physischen Übergang, der Gou nun endgültig zu einem eigenständigen Menschen in dieser Welt machte.
Ein tiefes Ausatmen entwich Namis Lippen. Kai reichte dem Arzt die Schere zurück, beugte sich tiefer über Namis Schulter und blickte starr auf das kleine Gesicht seines Sohnes.
Gou hatte feines, dunkel silbriges Haar, und als er für einen kurzen Augenblick die winzigen Augen öffnete, brannte in ihnen derselbe schneidende, tiefe Blick. Kai stockte der Atem. Er sah die feinen Gesichtszüge, die Stirn, die markante Ruhe... Gou sah ihm jetzt schon unglaublich ähnlich. Es war, als würde er in ein winziges Spiegelbild seiner selbst blicken.
Nami sah zu Kai auf. Ein erschöpftes, aber wunderschönes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während Tränen des reinen Glücks in ihren Augen glänzten.
„Sieh ihn dir an…“, flüsterte sie brüchig, schmiegte sich enger an Kais Brust und sah sanft zu ihrem Sohn hinab.
„Er sieht aus wie du.“
Kai sagte für einen Moment nichts. Seine sonst so unerschütterlichen Züge wurden weich. Er hob seine Hand und strich mit der Kuppe seines Zeigefingers mit unendlicher Vorsicht über die winzige Wange seines Sohnes. Der kleine Junge umklammerte augenblicklich Kais Fingerspitze mit überraschend festem Griff.
Ein seltenes, kaum merkliches, aber zutiefst ehrliches Lächeln stahl sich auf Kais Lippen.
„Willkommen, Gou“, raunte Kai leise.
Er zog Nami fest an seine Brust und drückte einen langen, zärtlichen Kuss auf ihre Schläfe.
„Das hast du wunderbar gemacht.“ flüsterte er gegen ihre nasse Haut.
Das leise, gleichmäßige Atmen des Neugeborenen verlor sich fast im gedämpften Grollen des Motors, der im Leerlauf vibrierte. Kai hielt Nami fest umschlungen, während Gou ganz ruhig auf ihrer Brust lag, die winzigen Fäuste noch immer fest um Kais Zeigefinger geschlossen.
Plötzlich ertönte ein leises Klopfen an der Hecktür des Rettungswagens, ehe sie vorsichtig einen Spalt breit geöffnet wurde. Der beißend kalte Wind drang kurz herein, verzog sich aber sogleich wieder, als ein massiver Körper die Öffnung abschirmte.
Es war Armon. Der hochgewachsene Mann blieb strikt draußen stehen, den Kopf diskret zur Seite gedreht und den Blick starr auf die nasse Straße gerichtet, um Namis Privatsphäre in diesem intimen Moment zu wahren. Seine dunkle Kleidung war nass vom schmelzenden Schnee, und sein Atem stieg in dichten, weißen Wolken in die Nachtluft auf.
„Sir.... “, begann Armon mit gewohnter professioneller Beherrschtheit, ohne den Blick zu wenden. „Die Lage draußen ist unter Kontrolle. Sämtliche Angreifer sind entwaffnet und festgesetzt. Wir haben den Umkreis vollständig abgeriegelt.“ Er machte eine kurze Pause, ehe er ruhig hinzufügte:
„Wohin sollen wir den Wagen eskortieren?“
Kai sah nicht auf. Seine rubinroten Augen ruhten unverändert auf dem Gesicht seines Sohnes, während seine Hand schützend um Namis Bauch lag.
Nami blinzelte erschöpft, die Wangen noch leicht gerötet von den Strapazen der vergangenen Stunde, doch ihr Lächeln galt ganz dem kleinen Jungen in ihren Armen.
„In die Minato-Privatklinik“, antwortete Kai. Seine Stimme war ruhig, tief und spiegelte eine absolute Entschlossenheit wider, die keinen Raum für Widerrede ließ. „Sperrt den gesamten Ostflügel dort. Niemand betritt die Etage ohne meine persönliche Erlaubnis. Dr. Hayashi soll das Ärzteteam vor Ort zusammenrufen. Nami und Gou werden dort die nächsten Tage bleiben, um sich zu erholen und gründlich untersucht zu werden.“
Armon nickte knapp, ohne seine Position zu verändern. „Verstanden, Sir. Ich veranlasse sofort die Absicherung der Klinik und übernehme die Eskorte selbst.“ Damit zog er die Hecktür mit einem satten, gedämpften Geräusch wieder vollständig zu.
Draußen, nur wenige Meter vom Sanitätswagen entfernt, herrschte geschäftiges Treiben. Armons Männer führten die gefesselten Söldner schweigend ab. Die Waffen der Angreifer lagen bereits eingesammelt im Schnee, während die Funkgeräte der Sicherheitskräfte leise knisterten.
Abseits des Geschehens, am Rande der Fahrbahn im Halbschatten einer Straßenlaterne, stand eine einsame Gestalt.
Die schwere, durchnässte Kapuze tief ins Gesicht gezogen, beobachtete der Klon schweigend, wie der Motor des Rettungswagens aufheulte und die Reifen langsam im Matsch nach Grip suchten.
Er blickte auf die matten Scheiben des Sanitätswagens, in dem neues Leben das Licht der Welt erblickt hatte. Ein Kind, das genetisch genauso das seine war. Er hatte es beschützt und verhindert, dass die Abtei ihre gierigen Hände danach ausstrecken konnte.
Ein tiefes, fast stolzes Schmunzeln stahl sich unter den Schatten seiner Kapuze. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, als er aus der Versenkung aufgetaucht war.
Ohne ein weiteres Wort, ohne Anerkennung zu verlangen oder noch einmal zurückzublicken, wandte der Klon sich ab. Er trat einen Schritt zurück in die Gasse, der dicht fallende Schnee nahm seine Konturen auf, und innerhalb weniger Augenblicke verschwand er spurlos in der Dunkelheit der Sturmnacht von Shibuya.
Die Lichter der Minato-Privatklinik schnitten durch das dichte Schneegestöber, als der Konvoi aus schwarzen Geländewagen und dem Sanitätswagen auf das abgesperrte Areal einbog. Armon hatte ganze Arbeit geleistet: Die Einfahrt war von schwer bewaffneten Sicherheitskräften der Tachiwari-Corporation gesichert, und die sonst beleuchtete Auffahrt lag in vorsorglich gedimmtem Licht.
Noch bevor der Sanitätswagen vollständig zum Stehen kam, sprangen die Männer der Eskorte aus ihren Fahrzeugen und bezogen an allen Zugängen Position. Armon riss die Hecktür auf, der Blick nach wie vor sachlich und schützend.
„Der Ostflügel ist vollständig abgeriegelt, Mr. Hiwatari“, berichtete Armon mit tiefer, ruhiger Stimme. „Dr. Hayashi wartet im privaten Behandlungsbereich im vierten Stock. Keine unbefugten Personen, keine Presse, keine Außenstehenden.“
Kai nickte knapp. Er löste sich behutsam aus der Umarmung mit Nami, nahm das fest in warme Decken gehüllte Bündel mit unendlicher Vorsicht in den linken Arm und reichte Nami seine rechte Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.
„Ich kann laufen, Kai…“, hauchte Nami erschöpft, während sie versuchte, die Füße auf den kühlen Boden des Rettungswagens zu setzen. Doch die Beine versagten ihr nach den Strapazen der Geburt und den Nachwirkungen des Medikaments den Dienst. Sie schwankte leicht.
Ohne ein Wort der Diskussion beugte sich Kai vor. Er reichte Gou für einen Sekundenbruchteil an Nami zurück, schlang seine starken Arme um sie und hob sie samt dem neugeborenen Baby mühelos in seine Arme.
Nami legte ihren Kopf entkräftet an seine Brust und schloss mit einem leisen Stoßseufzer die Augen, während sie Gou fest an sich drückte.
Mit weiten, festen Schritten trug Kai seine Frau und seinen Sohn durch den privaten Seiteneingang der Klinik. Armon und zwei hochgewachsene Sicherheitsleute wichen ihm nicht von der Seite und sicherten jede Ecke der hellen Flure.
Die automatische Schiebetür des vierten Stocks öffnete sich. Dr. Hayashi stand bereits wartend im Flur. Neben ihm scharrten zwei jüngere Assistenzärzte und eine Oberschwester nervös mit den Füßen, sichtlich angespannt von der massiven Sicherheitspräsenz.
„Mr. Hiwatari, Gott sei Dank! Bringen Sie Mrs. Hiwatari direkt in Zimmer 401, wir haben alles vorbereitet—“, begann Dr. Hayashi rasch, doch einer der jüngeren Ärzte trat einen Schritt vor, das Klemmbrett fest umklammert.
„Mr. Hiwatari, entschuldigen Sie bitte, aber die Protokolle der Notfallaufnahme verlangen eine genaue Schilderung des Vorfalls im fremden Sanitätswagen!“, sprudelte der junge Arzt aufgeregt hervor, den Blick zwischen Kais finsterer Miene und dem Neugeborenen hin und her schickend. „Wir müssen wissen, welche künstlichen Substanzen injiziert wurden und warum kein Anästhesist—“
Kai blieb abrupt stehen.
Die Temperatur im Korridor schien augenblicklich um mehrere Grad zu fallen. Kais rote Augen verengten sich und eine eisige, erdrückende Aura breitete sich im Flur aus, die dem jungen Arzt augenblicklich das Wort im Munde ersticken ließ.
„Sie werden genau das tun, was Dr. Hayashi Ihnen aufträgt“, raunte Kai. Seine Stimme war nicht laut, aber sie schnitt wie eine Rasierklinge durch die Stille.
„Keine Fragen. Keine Protokolle. Wenn auch nur ein Detail dieser Nacht diesen Flügel verlässt, sorgen meine Männer persönlich dafür, dass Sie nie wieder eine medizinische Einrichtung von innen sehen. Haben wir uns verstanden?“
Der junge Arzt schluckte schwer, seine Knöchel traten weiß an der Klemmmappe hervor. Er nickte hektisch, unfähig, auch nur einen Laut hervorzubringen.
Dr. Hayashi schnaufte leise und warf seinem jungen Kollegen einen warnenden Blick zu.
„Gehen Sie an die Geräte, sofort!“, wies er ihn streng an, ehe er sich mit ehrerbietigem Nicken an Kai wandte.
„Bitte, hier entlang, Mr. Hiwatari.“
Kai trug Nami in das weitläufige, abgedunkelte Privatzimmer. Das warme Holzdekor und die schallgedämmten Fenster ließen das heulende Unwetter draußen völlig vergessen. Behutsam bettete er Nami auf das breite Klinikbett und half ihr, sich in die weichen Kissen zu kuscheln.
In den folgenden zwanzig Minuten herrschte konzentrierte, ruhige Betriebsamkeit. Dr. Hayashi und sein Team führten die ersten routinemäßigen Untersuchungen an Gou und Nami durch. Das sanfte Piepen der Monitore verriet stabile, kräftige Vitalwerte.
„Ein wahres Wunder“, flüsterte Dr. Hayashi schließlich, während er das Stetoskop ablegte und das Tuch über dem kleinen Jungen wieder richtete.
„Trotz des Wehensturms ist der kleine Junge kerngesund. Ausgezeichnete Reflexe, die Lungen sind vollkommen frei, und seine Vitalfunktionen könnten nicht besser sein.
Auch Mrs. Hiwataris Werte stabilisieren sich dank der Infusionen rasch. Sie brauchen jetzt vor allem Ruhe.“
Nami sah mit müden, aber glücklichen Augen zu dem Arzt auf. „Danke, Doktor…“
Nachdem Dr. Hayashi und sein Team das Zimmer leise verlassen hatten, kehrte eine tiefe, wohltuende Stille ein.
Das sanfte, gedimmte Licht des Privatzimmers im Krankenhaus tauchte den Raum in eine warme, friedliche Atmosphäre. Der grausame Albtraum der letzten Stunden und der Trubel der Geburt lagen endlich hinter ihnen. Das leise, gleichmäßige Piepen der Überwachungsmonitore bildete eine beruhigende Kulisse für die Stille, die sich wie eine schützende Decke über die kleine Familie gelegt hatte.
Nami lag leicht aufgerichtet im Bett, gestützt von mehreren dicken Kissen. Ihr langes, silbrig weißes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern. Sie war sichtlich erschöpft, die Blässe stand ihr noch immer im Gesicht, doch in ihren ozeanarbenen Augen brannte ein Licht von unvergleichlicher Wärme.
Auf ihrer Brust lag Gou, eingewickelt in ein weiches, weißes Handtuch. Er gab kleine, feine Glucksgeräusche von sich, während seine winzigen Händchen unruhig nach dem Stoff ihres Krankenhauskleidchens tasteten.
Seine kleinen Lippen machten bereits suchende, reflexartige Bewegungen.
Kai saß direkt an der Bettkante, so nah wie möglich bei ihr. Seine aufrechte, starke Gestalt spendete Nami den gewohnten Rückhalt. Seine rubinroten Augen wichen nicht eine Sekunde von Mutter und Sohn.
„Ich glaube, der kleine Mann hat Hunger“, flüsterte Nami leise, um die feine Stille des Raumes nicht zu brechen.
Sie sah zu Kai auf, ehe sie mit behutsamen, etwas zitternden Fingern den Ausschnitt ihres Kleidchens ein Stück zur Seite schob. Mit einer sanften Führung lenkte sie Gous kleines Köpfchen in die richtige Richtung.
Gou protestierte kurz mit einem leisen Quengeln, drehte den Kopf, berührte ihre Haut und fand schließlich instinktiv das Ziel. Im selben Augenblick, als er das erste Mal richtig trank, entwich Nami ein kleiner, überraschter Atemzug.
Es war ein ungewohntes, intensives Gefühl... eine tiefgreifende, körperliche Verbindung, die sie auf eine ganz neue Weise ergriff.
Nami atmete tief durch, schloss für eine Sekunde die Augen und entspannte sich vollkommen.
„Alles gut?“, fragte Kai sofort. Seine Stimme war tief, aber voller unverkennbarer Vorsorge. Er legte seine große, warme Hand behutsam auf Namis freie Schulter.
„Ja…“, hauchte Nami und schlug die Augen wieder auf, um Kai anzulächeln. „Es ist nur… ich kann es mir einfach nicht erklären, mein Schatz.“
Sie hielt inne, während ihre Finger sanft über den Rücken des trinkenden Babys strichen. Ihre Stimme begann leicht zu zittern, als die Erinnerung an die Ereignisse im Büro wieder hochkam.
„Plötzlich waren da diese… unfassbar starken Wehen“, flüsterte sie brüchig. „Einfach so, aus dem Nichts. Ich lag auf dem Boden in deinem Büro… ich konnte kaum noch klar denken, geschweige denn atmen. Es gab keine Pausen, gar nichts… es hat sich angefühlt, als würde mein Körper zerrissen werden.“
Kai zog die Augenbrauen leicht zusammen. Seine Züge verfinsterten sich für einen kurzen Moment, als in ihm die Erinnerung an Sobolevs Männer und diesen verdammten Sender hochkochte.
„Das war kein natürlicher Beginn einer Geburt, Nami“, sagte Kai mit ruhiger, aber rauer Stimme und blickte ihr fest in die Augen.
„Wood und seine Leute hatten einen hochfrequenten Resonanzsender auf der Etage unter meinem Büro platziert. Sie haben ihn scharfgeschaltet, um die Wehen bei dir künstlich und gewaltsam zu erzwingen.“
Nami hörte ihm aufmerksam zu. Bei seinen Worten weiteten sich ihre ozeanfarbenen Augen leicht. Sie spürte, wie eine leichte Gänsehaut auf ihrer Haut aufstieg und sich über ihre Arme ausbreitete. Die Vorstellung, dass diese Männer so etwas aus der Distanz in ihrem Körper angerichtet hatten, ließ sie frösteln.
Ein leises, unterdrücktes Schluchzen entwich ihrer Kehle. Eine heiße Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und lief über ihre Wange.
„Ich… ich hatte solche Angst, Kai…“, gestand sie leise, während sie den Blick senkte und Gou noch etwas enger an sich drückte. „Ich lag dort ganz allein… du warst nicht da. Ich dachte wirklich, ich verliere unseren Sohn…“
Sie schluckte schwer.
„Und dann im Krankenwagen… plötzlich warst du da. Einfach so. Wie… wie war das überhaupt möglich?“
Kai sah sie einen Moment lang schweigend an, ehe er mit tiefer, fester Stimme antwortete: „Ich war immer noch tief unten in den abgeriegelten Untergeschossen, als der Sender aktiviert wurde. Ihre Leute hatten den Bereich komplett verriegelt, ich war dort unten festgenagelt.“
Namis Atem stockte. Sie blickte ihn erschrocken an.
„Du warst eingesperrt? Aber… wie bist du dann…“
„Als der Sender scharfgeschaltet wurde, habe ich deinen Schmerz gespürt“, erklärte Kai leise, und die Intensität in seinem rubinroten Blick ließ Namis Herz einen Schlag aussetzen.
„Nicht wie eine Vermutung oder ein Bauchgefühl… es hat sich durch meinen Verstand gebrannt, als wäre es mein eigener Körper. Dranzer hat sich in mir gemeldet. Durch die Seelenverschmelzung mit ihm bin ich wohl zu weit mehr in der Lage, als ich bisher selbst geglaubt habe. Er hat mir die Kraft gegeben, die Stahltüren zu sprengen… und deine Spur mitten durch den Schneesturm bis zu dem Rettungswagen zu verfolgen.“
Nami atmete zittrig aus. Die Erschütterung über das, was geschehen war, wandelte sich in ihren Augen langsam in eine tiefe, grenzenlose Ergriffenheit.
„Du hast uns gehört…“, flüsterte sie ergriffen. „Du hast dich durch all das gekämpft.“
„Ich werde immer kommen, Nami“, antwortete Kai ohne jedes Zögern. Seine Stimme war ein felsenfestes Versprechen.
„Egal, ob Stahltüren im Weg sind oder ein Schneesturm. Egal, was sich uns in den Weg stellt. Denn ich liebe dich. Ich liebe euch Beide.“
Gou gab auf ihrer Brust ein kleines, zufriedenes Glucksen von sich. Er hatte aufgehört zu trinken, hielt inne und schlug für einen kurzen Moment die Augen auf. Der schneidende, granatrote Blick des Neugeborenen traf direkt auf seinen Vater. Es war ein faszinierender Anblick... dieses winzige Wesen strahlte trotz des schweren Starts bereits dieselbe eiserne Seelenruhe aus, die Kai seit jeher eigen war.
Kai blickte hinab auf den kleinen Kopf seines Sohnes.
„Er hat überraschend viel Kraft“, schmunzelte Nami schwach durch ihre restlichen Tränen hindurch und sah zu Kai auf.
„Das überrascht mich nicht“, entgegnete Kai leise, und in seinen rubinroten Augen blitzte ein stolzer, fast unmerklicher Schein auf.
„Er ist schließlich unser Sohn.“
Nami hob ihre freie Hand und legte sie über Kais Hand, sodass sich ihre Finger fest miteinander verschränkten.
„Wir passen auf ihn auf, mein Schatz.“, flüsterte sie liebevoll. „Egal, was die Welt für ihn bereithält.“
Kai antwortete nicht mit Worten. Stattdessen beugte er sich vor, drückte seine Lippen sanft an Namis Schläfe und ließ sie dort für einen langen Moment ruhen, während er den Duft von Neugeborenem und Namis gewohnter Nähe tief in sich aufnahm.
Der Raum war erfüllt von einer unerschütterlichen Geborgenheit... das erste Mal zu dritt, vereint in einem Moment reinen Glücks.
Etwa zehn Minuten später hielt Nami Gou immer noch fest in ihren Armen. Das Neugeborene lag nun friedlich dösend auf ihrer Brust. Die feinen, dunkel silbrig blauen Haare des Kleinen schimmerten im matten Licht der Nachttischlampe. Die immense Erschöpfung der vergangenen Stunden forderte schließlich ihren Tribut: Namis Lider wurden schwer, und kurz darauf schlummerte sie mit einem tiefen, erlösten Seufzer ein. Ihr ruhiger Atem zeugte von der tiefen Erholung, die ihr Körper nun so dringend brauchte.
Kais Blicke wanderten von Namis entspanntem Gesicht zu dem kleinen Jungen, der leise schmatzend auf ihrer Brust lag.
Mit unendlicher Vorsicht und einer Behutsamkeit, die man seiner sonst so harten Natur kaum zugetraut hätte, schob Kai seine Hände unter den kleinen Körper seines Sohnes. Er hob Gou Zentimeter für Zentimeter von Namis Brust ab, ohne sie zu wecken. Der kleine Junge regte sich kurz, gluckste leise im Schlaf und kuschelte sich sogleich ganz von selbst an die warme, feste Brust seines Vaters.
Kai zog die warme Decke höher über Namis Schultern, ehe er sich langsam umwandte und mit bedachten Schritten zum großen Panoramafenster des Zimmers ging.
Draußen peitschte der eisige Schneesturm über die Dächer von Tokio hinweg. Die Straßen von Shibuya lagen weit weg im dunklen Treiben des frühen Abends.
Kai blieb vor dem Fenster stehen. Er wiegte seinen Sohn sicher im Arm. Gou öffnete für einen kurzen Herzschlag die granatroten Augen, blickte starr zu seinem Vater auf und schloss sie dann vertrauensvoll wieder.
Kais rubinrote Augen ruhten derweil auf dem Lichtermeer der verschneiten Megacity. Draußen vor der Tür des Zimmers wachte Armon, im Bett schlummerte Nami... und hier am Fenster hielt er das kostbarste Leben in seinen Händen. Er war die unerschütterliche Festung. Eiskalt gegen jede Bedrohung von außen, doch erfüllt von einer tiefen, lautlosen Beschützerliebe für seinen Sohn.
Der eisige Sturm draußen war nur ein dumpfes Rascheln an den schallgedämmten Scheiben. Der Klon war fort, verschlungen von der Dunkelheit Tokios, doch seine Präsenz schien noch immer wie ein kühler Schatten an den Rändern von Kais Bewusstsein zu haften.
Kai hätte den Klon gerne gefragt, wie er das angestellt hatte. Wie er den Schuss damals überlebt hatte und, vor allem, wie er es fast eineinhalb Jahre geschafft hatte, unentdeckt zu bleiben. Diese Fragen brannten wie ein eiskalter Splitter in seinem Verstand.
Doch als sie beide dort standen, mitten auf der breiten Hauptverkehrsstraße von Shibuya, gab es keine Zeit für mehr Worte. Die Welt hatte um sie herum gestanden, die Blaulichter hatten gezuckt, und das Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen. Alles, was zählte, war Nami und das Baby gewesen.
Sein Blick senkte sich von der hell erleuchteten Skyline hinab auf den kleinen Jungen, der nun tief und ruhig an seiner Brust schlummerte.
Doch während die Gedanken noch in seinem Kopf nachhallten, veränderte sich die Dunkelheit da draußen.
Plötzlich erkannte Kai auf der Straße eine Silhouette. Er verengte die Augen und sein Blick traf die granatroten Augen, die seinem mittlerweile rubinroten Blick so sehr ähnelten.
Ja, ihn beinahe spiegelten. Der Klon blickte hinauf.
Eine stumme Forderung an Kai, hinaus zu kommen.
Kai verstand das stumme Zeichen sofort.
Er atmete tief aus, wandte sich langsam von der Glasscheibe ab und trat mit leisen, bedachten Schritten an das kleine Beistellbettchen, das direkt neben Namis Bett stand. Mit unendlicher Vorsicht löste er die winzigen, warmen Fäuste seines Sohnes von seiner Kleidung und bettete den kleinen Gou behutsam auf die weiche Matratze.
Der Kleine gab im Schlaf ein leises, zufriedenes Glucksen von sich, ehe er sich tief in die Decke kuschelte und weiterschlief.
Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm Nami, die tief, erschöpft und friedlich im Bett lag, eingehüllt in die schützende Stille des Raumes.
Sie würde nichts bemerken.
Kai wandte sich ab, öffnete die schwere Zimmertür, trat leise hinaus auf den abgedunkelten, streng abgeriegelten Flur und schloss die Tür hinter sich.
Die Zeit für Antworten war gekommen.