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Unfair

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Unfair

Der nächste Tag schleppte sich dahin wie Kaugummi unter einem heißen Sommerschuh. Nami saß in ihrem klimatisierten Klassenzimmer, den Kopf auf die Hand gestützt, während die Stimme des Lehrers nur noch als monotones Hintergrundrauschen an ihr vorbeizog. Draußen vor den Fenstern flimmerte die Luft über dem Asphalt, und das unermüdliche Zirpen der Zikaden schien den Takt ihrer eigenen Ungeduld vorzugeben.

Endlich erlöste sie die schrille Schulglocke. Der Unterricht war vorbei.

Nami blieb noch einen Moment sitzen, während um sie herum das übliche Chaos ausbrechenden Jubels und zuschnappender Taschen entstand. Momoko, ihre beste Freundin und gleichzeitig die feste Freundin ihres Zwillingsbruders Kenji, ließ sich theatralisch mit dem Oberkörper auf Namis Tisch sinken.

„Dieses Wetter bringt mich noch um“, jammerte Momoko und fächerte sich mit einem Heft hektisch Luft zu. „Man schmilzt ja förmlich weg, sobald man nur an Bewegung denkt. Ich will da nicht raus...“ Sie hielt inne und warf Nami einen vielsagenden, fast schon diebischen Blick von der Seite zu. „Aber sag mal... du freust dich doch bestimmt schon riesig darauf, gleich wieder in die Firma zu fahren, oder? Um eine ganz bestimmte....Person zu treffen?“

Nami starrte an die Decke und stieß einen langen, sehnsüchtigen Seufzer aus. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ganz ehrlich?“, flüsterte sie, während sie spürte, wie ihre Wangen schon wieder warm wurden. „Ich bekomme allein bei dem Gedanken an ihn extremes Herzklopfen. Es macht mich völlig fertig, Momoko. Wie er immer noch versucht diese...unnahbare Maske aufzusetzen.“

Bevor Momoko zu einer ihrer üblichen Schwärmereien ansetzen konnte, riss die Klassenzimmertür schwungvoll auf. Einer ihrer Mitschüler, der den Raum eigentlich schon längst verlassen hatte, stürmte herein. Er sah aus, als hätte er gerade einen Geist gesehen...oder einen Gott.

„Nami!“, rief er völlig geplättet und rang nach Luft. „Du... du glaubst nicht, wer unten am Haupttor steht! Es ist Kai Hiwatari! Er lehnt da einfach rum und hat tatsächlich gesagt, dass er auf Nami Tachiba wartet!“

Nami stieß einen kurzen, ungläubigen Schrei aus und sprang so heftig auf, dass ihr schwerer Holzstuhl beinahe nach hinten überkippte. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Kai? Hier? Vor der gesamten Schule?

Natürlich hatte er gestern diesen Spruch abgelassen, er müsse sie wohl „jeden Tag abholen“, um sie vor Belästigungen zu schützen. Aber Nami hatte das für eine seiner typischen, unterkühlten Übertreibungen gehalten...einen trockenen Scherz, um die Situation am Bahnhof zu überspielen. Niemals hätte sie gedacht, dass er das ernst meinte.

Momoko japste aufgeregt und ihre Augen wurden tellergroß. „Das ist ja... das ist unglaublich! Der unnahbare Kai Hiwatari steht höchstpersönlich vor unserer Schule wie ein Leibwächter aus einem Liebesroman!“

„Oh Gott, oh Gott...“, murmelte Nami völlig außer sich, während sie hastig ihre Sachen zusammenraffte.

Momoko schnappte sich grinsend Namis Schultasche, um sie zu entlasten, und schob ihre völlig überforderte Freundin lachend Richtung Ausgang. „Keine Zeit für Panik, Nami! Dein Ritter in glänzender Rüstung wartet! Los jetzt, bevor er es sich anders überlegt!“

Gemeinsam hasteten sie den Flur entlang, wobei Nami das Gefühl hatte, ihre Beine bestünden nur noch aus Wackelpudding. Draußen wartete die Hitze, doch die war nichts gegen das Feuer, das gerade in ihrem Inneren loderte. Als sie sich dem Haupttor näherten, sah sie bereits die Menschentraube, die sich in sicherem Abstand gebildet hatte. Und mittendrin stand er: Kai. Lässig gegen einen Pfeiler gelehnt, die Arme verschränkt...als wäre es das Normalste der Welt, dass der berühmteste Blader des Landes vor einer gewöhnlichen Oberschule Wache schob.

Kai stand dort wie eine unerschütterliche Statue aus Granit, während um ihn herum das Getuschel der Schülermassen zu einem nervösen Rauschen anschwoll. Er schien die neugierigen Blicke und die gezückten Smartphones komplett zu ignorieren; für ihn existierte die Menge schlichtweg nicht. Sein Blick blieb kühl und starr geradeaus gerichtet, bis sich seine Pupillen plötzlich verengten.

Er hatte sie entdeckt.

Schon von weitem erkannte er Nami, und für seine geschulten Augen war sie in diesem Moment wie ein offenes Buch. Er bemerkte das verräterische Rosa, das ihre Wangen färbte, ihren zögerlichen, fast schon schüchternen Gang und die Art, wie sie sich nervös eine silbrig-weiße Haarsträhne hinter das Ohr strich. Kai wusste ganz genau, was er mit seinem Erscheinen anrichtete. Er wusste, dass er sie völlig aus dem Konzept brachte und dass es eigentlich unvernünftig war, ihr Hoffnungen zu machen. Doch es gab da diese unsichtbare Anziehungskraft, etwas an ihrem Wesen, das ihn regelrecht dazu zwang, in ihrer Nähe zu sein.

Als Nami schließlich direkt vor ihm stehen blieb, schien die Welt um sie herum für einen Moment den Atem anzuhalten. Sogar die Zikaden schienen verstummt zu sein. Nami atmete tief durch und versuchte krampfhaft, ihre Fassung zu bewahren, obwohl ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Sie zwang sich zu einem Lächeln und sah zu ihm auf.

„Kai... ich dachte wirklich, du machst nur Scherze, als du gestern meintest, du würdest mich von der Schule abholen“, sagte sie mit einer Stimme, die nur ganz leicht zitterte.

Kai rührte sich nicht. Er blickte sie einen Moment lang einfach nur schweigend an, wobei seine roten Augen ihre Züge fast schon sanft abtasteten, bevor er die Stimme hob.

„Ich bin nicht gerade für meinen Humor bekannt, Nami“, antwortete er trocken und seine Stimme klang tief und endgültig. „Ich habe das ziemlich ernst gemeint. Erst recht...“

Plötzlich veränderte sich seine Aura. Die flüchtige Sanftheit verschwand und machte einer raubtierhaften Schärfe Platz. Sein Blick wanderte an Nami vorbei und bohrte sich wie zwei glühende Dolche in eine Gruppe von Schülern, die ein paar Meter weiter standen. Dort, halb hinter einem Baum verborgen, stand der Typ vom Vortag. Er starrte Kai mit einer Mischung aus Angst und Abscheu an.

„... wenn es Störungen wie diese gibt“, vollendete Kai den Satz, ohne den Blick von dem Jungen abzuwenden.

Die unterschwellige Drohung in seiner Stimme war so deutlich, dass der Mitschüler sichtlich zusammenzuckte und sofort den Blick senkte. Kai machte eine kleine, auffordernde Kopfbewegung Richtung Parkplatz. Er legte wie selbstverständlich eine Hand auf Namis Rücken und signalisierte ihr damit, dass es Zeit war zu gehen. Das Raunen der Menge ignorierte er dabei so konsequent wie den heißen Sommerwind.

Nami zuckte unwillkürlich zusammen, als sie die unerwartete Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken spürte. Es war nur eine flüchtige Berührung, kaum mehr als ein sanfter Impuls, bevor er die Hand nach wenigen Sekunden wieder zurückzog. Doch die Stelle an ihrem Rücken brannte noch immer, als wäre dort ein unsichtbares Mal zurückgeblieben.

Kai warf ihr einen Seitenblick zu, während sie schweigend nebeneinander hergingen. „Wieso bist du auf einmal so wortkarg?“, fragte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme.

Nami sah erneut dieses feine Schmunzeln, das nur seine Mundwinkel umspielte. Sie liebte es, ihn so zu sehen. Es war kein lautes Lachen, eher ein kurzes, ehrliches Zucken seiner Gesichtszüge, das nur sie zu bemerken schien. Es ließ ihn weniger wie den unnahbaren Champion und mehr wie... Kai wirken.

„Ich... ich hatte einfach nur nicht mit dir gerechnet. Das ist alles. Ich muss die Überraschung erst noch verdauen“, gestand sie und lächelte ein wenig unbeholfen. Im Nacken spürte sie die bohrenden Blicke ihrer Mitschüler wie Nadelstiche. Das Getuschel hinter ihnen riss nicht ab, doch Kai schien das alles nicht im Geringsten zu tangieren.

„Das kannst du getrost im Auto machen“, erwiderte er trocken, doch für einen Wimpernschlag lang schenkte er ihr einen Blick, der ungewohnt warm war... fast so, als wollte er ihr damit sagen, dass sie sich keine Sorgen um die anderen machen musste.

Ein Stück weiter vorn, auf dem Parkplatz der Oberschule, blieb er vor einem Wagen stehen. Es war ein tiefschwarzes, fast fabrikneues Modell. Sein Auto war schlicht, elegant und kraftvoll....es strahlte eine ruhige Autorität aus, genau wie Kai selbst.

Er deutete mit einer knappen Geste auf den Wagen. „Steig ein.“

Nami nickte, während ihr Gesicht sich anfühlte, als stünde es in Flammen. Bevor sie die Beifahrertür öffnete, warf sie noch einen schnellen Blick über die Schulter zurück zum Haupttor. Dort stand Momoko, die wie versteinert wirkte, dann aber beide Daumen nach oben reckte und Nami ein breites, vielsagendes Grinsen schenkte. Nami schüttelte leicht den Kopf und schlüpfte in den bequemen Sitz.

Im Inneren des Wagens empfing sie der luxuriöse Duft von neuem Leder, vermischt mit diesem ganz speziellen Hauch von Kais Aroma, den sie mittlerweile so gut kannte. Sie fragte sich heimlich, ob es ein teures Parfum oder ein dezentes Aftershave war. Es war nie aufdringlich, immer nur eine feine Note, die sie jedes Mal ein kleines bisschen mehr aus dem Gleichgewicht brachte.

Kai setzte sich auf die Fahrerseite und ließ den Motor an. Ein tiefes, kehliges Brummen erfüllte die Fahrgastzelle...ein Sound, der deutlich machte, dass unter der eleganten Hülle des Wagens doch eine beachtliche Kraft schlummerte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, löste er die Bremse und steuerte den Wagen vom Bordstein weg.

Die ersten Minuten der Fahrt vergingen in einer fast schon gespenstischen Stille. Nur das leise Surren der Klimaanlage und das sonore Rollen der Reifen auf dem Asphalt waren zu hören. Nami starrte starr aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Stadt, während ihre Gedanken Amok liefen. ~Wieso macht er das? Wieso holt er mich ab und riskiert, dass morgen die ganze Schule über uns spricht? Ich werde einfach nicht schlau aus ihm....~

Schließlich wanderte ihr Blick zur Seite. Sie beobachtete fasziniert seine Hand, die mit traumwandlerischer Sicherheit und Eleganz durch die Gänge schaltete. Seine Finger umschlossen den Schaltknauf fest, jede Bewegung war präzise und ruhig. Das rhythmische Schalten hatte etwas Beruhigendes und zugleich ungemein Spannendes. In der Enge des Wagens fühlte sich die Präsenz von Kai Hiwatari noch viel gewaltiger an als draußen auf dem Bahnsteig.

„Dein Vater hat unseren Testtrainingsplan etwas angepasst“, durchbrach Kai schließlich die Stille. Sein Blick blieb dabei fest auf den fließenden Verkehr gerichtet, seine Hände lagen locker, aber bestimmt auf dem Lenkrad. „Wir beginnen morgen nicht nur mit dem neuesten Prototyp, sondern du bekommst auch eine Reihe von ‚Challenge Blades‘. Sie sind darauf ausgelegt, deine Konzentration unter extremen Bedingungen zu testen. Wir simulieren die Situation von gestern, nur wesentlich intensiver.“

„Challenge Blades?“, fragte Nami irritiert. Die Erleichterung darüber, ein rein fachliches Thema gefunden zu haben, hielt nur kurz vor. „Die sind doch normalerweise für die Testblader in der Produktion gedacht. Reine Verschleißware. Wofür brauche ich die?“

„Weil du gestern abgelenkt warst“, stellte Kai trocken fest. Er betonte das Wort mit einer Präzision, die Nami zusammenzucken ließ. „Ich habe mir deine Daten aus der ersten Runde im Kontrollraum noch einmal genau angesehen. Du hast den Blade in der Sekunde verloren, in der du dich zu sehr auf mich konzentriert hast...nur um zu sehen, ob ich dir zuschaue.“

Nami verschränkte die Arme und schmollt ein wenig. „Das ist unfair!“, beschwerte sie sich. „Diese Dinger sind das Billigste, was wir im Sortiment haben. Damit kann ein echter Blader wie ich doch gar nicht sein Potenzial abrufen. Außerdem war es nur bei diesem einen Test so...“

Kai bremste sanft ab, als eine Ampel auf Rot umsprang. Er nutzte den Moment des Stillstands, um sich ganz zu ihr umzudrehen. In der Enge des Wagens wirkten seine roten Augen fast glühend. „Unfair? Das Testblading, wie dein Vater es betreibt, hat nichts mit Fairness zu tun. Es ist eine Wissenschaft. Der BeyBot würde sich auch nicht umschauen, um zu sehen, wer im Raum steht oder wer ihn beobachtet. Deine Ablenkung gestern hat uns einen wichtigen Datenpunkt im Protokoll gekostet. Konzentration ist nicht verhandelbar, Nami. Niemals.“

Er machte eine kurze Pause. Das Brummen des Motors schien in den Vordergrund zu rücken, während seine Stimme plötzlich leiser, fast schon rau wurde. „Deshalb bin ich heute hier. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen...und die Erlaubnis deines Vaters..., dich abzuholen. Nicht nur, um auf dich aufzupassen, sondern damit du die Fahrt nutzen kannst, um dich mental auf unsere nächsten Stunden vorzubereiten.“

Nami starrte ihn an, unfähig, etwas zu erwidern. Es klang nach mehr als nur einem strengen Training. Es klang, als würde er sie für etwas Großes, etwas Gefährliches stählen wollen. Aber auf was genau bereitete er sie vor?

Wenig später rollte der Wagen in das Parkhaus der Tachibey. Kai manövrierte das Auto mit routinierter Gelassenheit in eine freie Lücke und stellte den Motor ab. Stille breitete sich aus, nur das Knacken des abkühlenden Metalls war zu hören. Er hielt einen Moment inne, den Blick noch immer auf das Armaturenbrett gerichtet, ehe er ihn langsam zu ihr wandte.

„Hat dir dein Vater eigentlich erzählt, was wirklich der Grund für den Abbruch des Turniers war?“, fragte er unvermittelt.

Nami blinzelte verwirrt. „Worauf willst du hinaus? Er hat mir gar nichts erzählt. Nur, dass es eben technische Probleme gab.“

Kai stieß einen genervten Seufzer aus und fuhr sich mit der Hand durch sein markantes Gesicht. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Das Turnier wird in etwa vier Monaten fortgesetzt. Und bis dahin musst du einige Dinge verbessern und dazulernen. Denn das, was dort passieren wird, ist eine ernste Sache.“

„Ernste Sache? Kannst du bitte endlich mal zum Punkt kommen?“, entgegnete Nami ungeduldig. Sie war es leid, dass er ständig in Rätseln sprach. Kai schien ihre plötzliche Schroffheit fast zu amüsieren, doch seine ernste Maske blieb bestehen.

„Mr. Dickenson musste das Turnier abbrechen, weil im Hintergrund bereits zwei Bit-Beasts von Teilnehmern gestohlen wurden“, erklärte er mit unterkühlter Stimme. „Eine Art Mafia versucht das Turnier zu infiltrieren, um an die stärksten Bit-Beasts zu kommen. Und sie hätten sich mit Sicherheit auch deines geschnappt.“

Nami spürte, wie ihr das Blut in den Adern fror. Ihr klappte förmlich die Kinnlade herunter. „Das... das ist doch ein schlechter Scherz, oder?“

Kai schüttelte langsam den Kopf. „Ich wünschte, es wäre einer. Der Abbruch wegen eines Leitungsschadens war nur ein Vorwand, um eine Massenpanik zu verhindern und die Täter in Sicherheit zu wiegen. Aber man konnte sie bisher nicht identifizieren. Das heißt, wir müssen davon ausgehen, dass diese Leute in vier Monaten wieder zuschlagen werden.“

Er öffnete die Fahrertür und stieg aus. Nami tat es ihm nach, ihre Bewegungen wirkten wie ferngesteuert. Sie blickten sich über das glänzende, schwarze Dach des Wagens hinweg in die Augen. Das künstliche Licht des Parkhauses ließ Kais Züge noch schärfer wirken.

„Ich werde dir zeigen, wie man sein Bit-Beast schützt“, sagte er mit einem Ernst, der keinen Widerspruch duldete. „Ich werde dir alles beibringen, was ich weiß. Denn Talent allein wird nicht ausreichen, wenn das, was ich über diese Leute gehört habe, wahr ist. Du musst bereit sein.“