Vergeltung
Vergeltung
Kai schloss die schwere Tür des Krankenzimmers lautlos hinter sich. Im Flur herrschte absolute Stille; die von Armon postierten Sicherheitsleute standen wie in Stein gemeißelte Statuen an den Ecken, den Blick diszipliniert nach vorne gerichtet. Sie wichen ihm respektvoll aus, als er mit schnellen, harten Schritten den Gang entlangging, die Treppen hinabstieg und den Personalausgang ansteuerte, der direkt in einen ungesicherten, verschneiten Innenhof der Klinik führte.
Die Kälte schlug ihm wie eine physische Wand entgegen, als er nach draußen trat. Der Schneesturm heulte durch die Häuserschluchten, und die dicken Flocken verschluckten jedes normale Geräusch.
Dort stand er.
Der Klon lehnte an einer Mauer, die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben. Die dunkle Kapuze schluckte sein Gesicht, bis auf die zwei glühenden, granatroten Punkte, die im fahlen Licht der Straßenlaternen wie Raubtieraugen aufleuchteten. Er rührte sich nicht, als Kai näher kam. Erst als Kai auf wenige Meter herangetreten war und die vertraute, bedrohliche Aura der Hitze und des Eises in der Luft knisterte, hob der Klon langsam den Kopf.
„Du hast dir Zeit gelassen“, erklang die Stimme des Klons. Sie war exakt wie seine eigene... tief, rau, aber durch die eisige Luft noch schneidender. „Ich dachte schon, das Vatersein hätte dich weich gemacht.“
„Verschone mich mit dem Theater“, gab Kai zurück. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, das den Lärm des Sturms übertönte. Seine rubinroten Augen bohrten sich in das Gesicht seines Ebenbildes. „Du hast eineinhalb Jahre lang jeden glauben lassen, du wärst tot. Du hast die Fäden im Hintergrund gezogen, wusstest von der Abtei, wusstest von ihren Plänen. Wie hast du den Schuss überlebt?“
Ein trockenes, fast bitteres Lachen entwich der Kehle des Klons. Er trat einen Schritt aus dem Schatten der Wand vor, sodass das Licht der Straßenlaterne seine harten, markanten Züge traf.
„Der Schuss war perfekt, Kai. Keine Frage“, sagte der Klon leise und schob langsam die Hand in seine Manteltasche. Mit einer fast demonstrativen Lässigkeit zog er einen Gegenstand hervor und hielt ihn Kai hin. Es war ein schwarzer Blade. Black Dranzers Gehäuse. Es sah schwer mitgenommen aus: Eine tiefe, wuchtige Delle deformierte das Metall, und der Lack war an den Kanten großflächig abgeblättert.
Kais Blick heftete sich auf das ramponierte Metall.
Schlagartig schossen die Erinnerungen an Talas Bericht durch seinen Kopf... an jene Nacht in Russland, in der Tala heimlich beobachtet hatte, wie Boris den Klon niedergestreckt hatte, weil er sich geweigert hatte, weiter die Marionette für Black Dranzer zu spielen, und versucht hatte, Boris selbst zu vernichten. Tala hatte damals geglaubt, der Klon sei tot. Jeder hatte es geglaubt.
„Boris hatte zweimal geschossen“, fuhr der Klon fort, während seine Finger über die tiefe Delle im Blade strichen. „Der erste Schuss war auf das Herz gerichtet. Er hätte mich auf der Stelle getötet... wenn dieser verdammte Blade nicht in meiner Brusttasche gelegen hätte. Er hat die Wucht abgefangen, bevor die Kugel meinen Brustkorb zertrümmern konnte.“
Ein hageres, humorloses Lächeln huschte über seine Lippen. „Der zweite Schuss ging glatt durch die Schulter. Keine Chance, das zu verbergen. Also habe ich mich fallen lassen. Ich habe mich tot gestellt, während das Blut im Schnee versickerte, bis Boris und seine Männer den Ort verlassen hatten.“
Kai musterte ihn scharf.
„Es war Wladimir der mir half“, sagte der Klon mit dunkler, fester Stimme.
„Wladimir war der Einzige, der das Spiel durchschaut hatte und wusste, auf welcher Seite er stehen musste. Er hat mich im Schatten weggeschafft, bevor Boris seine Leute zurückschicken konnte, um die Spuren zu beseitigen. Als Boris Stunden später nach meinem Leichnam verlangte, wurde ihm eiskalt ins Gesicht gelogen, man habe ihn vorsorglich eingeäschert.“
Der Klon machte einen weiteren Schritt auf Kai zu. „Bis heute weiß keine Seele da draußen, dass ich noch atme. Außer Wladimir, Du und ich wette dass Kenny und Nami ebenfalls davon wissen, wenn ich raten müsste.“ er schmunzelte leicht.
„Das letzte Jahr...“, sprach der Klon weiter, während sein Blick hart in den Schnee gerichtet war, „habe ich im Verborgenen verbracht. Ich habe Boris und seine Leute ausspioniert, ihre Frequenzen abgehört, ihre Routen verfolgt. Ich wusste, was Boris plant. Aber als ich letzten Sommer über die Medien mitbekommen habe, dass du... dass du Vater wirst, da hatte sich alles verändert.“
Ein kurzes, intensives Glitzern flackerte in den granatroten Augen des Klons auf.
„Mir war sofort klar, was passieren würde“, sagte er leiser, fast knurrend. „Boris ist immer noch besessen von dir, von uns, von der Macht, die nun in deinem Blut liegt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er seine Klauen nach dem Kind ausstrecken würde, um es als Versuchsobjekt in die Finger zu bekommen.“
Kai starrte ihn schweigend an.
„Und als Boris Sobolev mit einer Truppe über den Seeweg nach Japan schickte, um dich und Nami zu überwachen und zuzuschlagen... da habe ich mich einfach an Bord ihres Frachters geschlichen“, sagte der Klon mit einem kalten, gefährlichen Grinsen.
„Sie dachten, sie hätten alles unter Kontrolle. Sie hatten keine Ahnung, dass der Wolf, den sie zu entsorgen glaubten, die ganze Zeit im Frachtraum mitgereist ist... nur um ihre Pläne im letzten Moment zu kreuzen.“
Ein schweres, fast greifbares Schweigen legte sich für einen Augenblick über den Innenhof, während der peitschende Wind den Schnee in weiten Bögen über den Boden trieb. Kai ließ den Blick nicht von dem ramponierten Black Dranzer-Blade in der Hand seines Ebenbildes. Seine Gedanken rasten, verbanden die Puzzleteile der letzten Monate.
Plötzlich verdüsterte sich sein Blick. Ein Gedanke, der in den letzten Wochen wie ein schemenhafter Schatten an seinem Verstand gekratzt hatte, drängte sich nach vorne.
Kai hob den Kopf, und seine rubinroten Augen bohrten sich mit unerbittlicher Schärfe in die des Klons.
„Du warst das“, sagte Kai, und seine Stimme klang leise, aber so schneidend wie der Frost in der Luft. „Am Hafen vor zwei Monaten... warst du das?“
Der Klon hielt einen Moment inne. Die Bewegung des Windes schien um sie herum einzufrieren, ehe ein kurzes, fast unmerkliches Zucken um seinen Mundwinkel spielte... ein Hauch von anerkennendem Spott, der jedoch sofort wieder in eiserner Ernsthaftigkeit versank.
Er ließ den Blade sinken, den Daumen fest auf die tiefe Delle gepresst.
„Du hast nicht verlernt, die Zeichen zu deuten“, gab der Klon mit rauer Stimme zu. Er machte eine kleine, wegwerfende Handbewegung. „Ja, ich war dort. Ich habe versucht, tief genug in ihre Strukturen einzudringen, um herauszufinden, was Sobolev genau im Schilde führt und wie weit ihre Vorbereitungen in Japan bereits fortgeschritten sind.“
Ein finsterer Ausdruck legte sich über das Gesicht des Klons, und ein leises Knurren schwang in seiner Stimme mit. „Aber die Wachsamkeit dieser Bastarde war höher als erwartet. Ich wurde beinahe entdeckt. Ein falscher Schritt, ein verräterischer Schatten im falschen Moment... und dadurch sind sie leider Gottes etwas vorsichtiger geworden, weil sie gemerkt haben, dass jemand in ihrem Revier rumschnüffelt.“
Kai spannte sich an, während er die Worte wie bittere Medizin aufnahm. Die erhöhte Wachsamkeit, die plötzliche Stille... all das hatte also einen Grund gehabt.
Der Klon trat noch einen Schritt näher, das matte Licht der Laterne spiegelte sich in den glühenden roten Iris seiner Augen. „Ich habe euch damals gesehen, Kai“, fuhr er fort, und in seiner Stimme lag plötzlich ein seltsam schwerer, fast schützender Unterton. „Dich und Tala... unten am Pier, als ihr nach Spuren gesucht habt.“
Er hielt kurz inne, als wäge er die Worte ab, bevor sie über seine Lippen kamen.
„Ich hätte mich zeigen können. Ich hätte zu euch treten können“, sagte der Klon leiser, während sein Blick kurz über den Schnee glitt. „Aber es war noch zu früh. Wenn Sobolev und die Abtei mich zu diesem Zeitpunkt entdeckt hätten, bevor ich wusste, mit welchen Mitteln sie an das Baby herankommen wollten... hätten sie ihre Pläne nur noch skrupelloser und im Verborgenen umgesetzt. Ich musste abwarten. Ich musste sehen, wie sie das Netz auswerfen, um sie genau dann dort zu treffen, wo es am meisten schmerzt.“
Der Klon atmete tief aus, und eine kleine Wolke aus Kondenswasser stieg in der klirrenden Kälte auf. Seine Züge verhärteten sich, während der spöttische Unterton aus seiner Stimme wich und einer bitteren Ernsthaftigkeit Platz machte.
„Es gab einen Preis für das, was ich getan habe“, fuhr er fort, und seine Augen fixierten Kai mit intensiver Strenge. „Je tiefer ich grub, desto schwerer wurde es, im Verborgenen zu bleiben. Sie wussten, dass jemand da draußen war. Und durch den Wind, den ich am Hafen aufgewirbelt hatte, bekamen sie die Gewissheit, dass sie ausspioniert wurden.“
Ein kurzes, gefährliches Knurren lag in seiner Kehle. „Von da an lief eine großangelegte Suche. Sobolev setzte alles daran, denjenigen zu finden, der ihnen auf den Fersen war. Sie haben Netze ausgelegt, Patrouillen verdreifacht und jede Bewegung im Hafenviertel überwacht, nur um mich in die Finger zu bekommen.“
Er trat einen halben Schritt näher, während der Schneesturm um sie herum tobte.
„Deshalb musste ich vor dem Tower auch flüchten, Kai. Sie hatten mich eingekreist. Plötzlich waren sie mir dicht auf den Fersen, und es gab keinen Spielraum mehr für Heimlichkeit... nur noch für die Flucht. Aber... meine Warnung hattest du ja erhalten. Auch... wenn es am Ende wenig genutzt hatte.“
Kai nickte langsam, eine schwere, fast lauernde Bewegung, und verschränkte die Arme fest vor der breiten Brust. Seine Augen, in denen das rote Feuer der Verbitterung glühte, bohrten sich tief in das Gesicht seines Ebenbildes.
„Trotzdem verstehe ich eines nicht“, begann Kai, und seine Stimme klang dunkel und unnachgiebig gegen das Heulen des Sturms
„Warum nimmst du das alles auf dich? Du hättest verschwinden können. Du hättest in den Schatten bleiben und dein eigenes Leben leben können. Warum riskierst du alles für jemanden... für ein Kind, das dir eigentlich völlig egal sein könnte?“
Der Klon blieb regungslos stehen. Für einen Herzschlag lang schien die Luft zwischen ihnen zu gefrieren. Dann zuckte ein Schatten über seine harten Züge, und ein fast tragisches Lächeln, das mehr Schmerz als Wut in sich trug, glitt über seine Lippen.
„Ein eigenes Leben?“, wiederholte der Klon leise, fast tonlos. Er schüttelte langsam den Kopf. „Ich hätte nie existieren dürfen, Kai. Ich bin kein Mensch im eigentlichen Sinne. Ich bin lediglich ein Abbild dessen, der rechtmäßig und mit einem echten Schicksal in diese Welt geboren wurde. Ich bin ein Experiment. Eine verdammte Anomalie der Wissenschaft.“
Er machte einen harten, entschlossenen Schritt auf Kai zu, bis der Abstand zwischen ihnen fast unheimlich gering wurde.
„Ich habe Erinnerungen in meinem Kopf, die gar nicht meine sind“, fuhr er fort, und seine Stimme gewann an dunkler Schärfe, vibrierend vor unterdrücktem Schmerz.
„Fragmente eines Lebens, das ich nie gelebt habe, Narben, die eine fremde Seele gezeichnet haben. Was glaubst du, was ein solches Leben wert ist? Was ist ein Dasein wert, das dir nicht einmal selbst gehört... wenn man seine verfluchte Kraft nicht dazu nutzt, endlich das zu schützen, was es wirklich wert ist, geschützt zu werden?“
Er hielt inne, fixierte Kai mit einem Blick, der so intensiv und kompromisslos war, dass selbst Kai den Blick nicht abwendete.
„Kein Kind hat es verdient, wie eine Waffe behandelt zu werden“, sagte der Klon mit einer tonnenschweren, unumstößlichen Härte. „Gebrochen zu werden, in ein Korsett aus Angst und Gehorsam gezwängt und als kaltes Werkzeug für die Ziele anderer benutzt zu werden. Ich kenne diesen Schmerz. Ich kenne die Dunkelheit dieser Labore, selbst wenn die Erinnerungen an diese Abtei nicht ursprünglich aus meinem eigenen Fleisch und Blut stammen.“
Sein Griff um den beschädigten Blade in seiner Hand verstärkte sich so sehr, dass seine Knöchel weiß hervortraten. In seinen granatroten Augen loderte plötzlich ein unbändiges, zerstörerisches Feuer auf.
„Auch wenn diese Erinnerungen nicht meine eigenen sind... sie erfüllen mich mit einer solch unbändigen Wut und einem abgrundtiefen Hass“, flüsterte der Klon, und jedes Wort klang wie ein geschmiedeter Schwur. „Ich habe mir vor langer Zeit geschworen: Diejenigen, die uns erschaffen haben, die diesen Albtraum ins Leben gerufen haben... ich werde ihnen das Handwerk legen. Ich will sie bestrafen. Nicht nur für das, was sie aus dir und mir gemacht haben... sondern für jeden einzelnen Tag, an dem sie glaubten, über das Schicksal von Leben bestimmen zu dürfen.“
Kai starrte ihn an, während die Worte des Klons in der eiskalten Luft hängen blieben. Ein harter, skeptischer Zug legte sich um seinen Mund, und er musterte das Ebenbild vor sich mit unnachgiebiger Strenge.
„Du redest von Rache und Abrechnung“, sagte Kai mit dunkler, schwerer Stimme, während er den Blick nicht von den granatroten Augen abwandte. „Aber Sobolev und der Rest seiner Männer laufen immer noch draußen im Schnee herum. Solange sie frei sind, ist hier gar nichts vorbei.“
In genau diesem Moment schmunzelte der Klon. Es war kein kalter, spöttischer Laut, sondern ein dunkles, fast triumphierendes Grinsen, das den harten Ausdruck in seinem Gesicht für einen Augenblick auflöste. Er trat einen Schritt zurück, schüttelte leicht den Kopf und steckte die Hände tief in die Taschen seines Mantels.
„Da irrst du dich, Kai“, erwiderte der Klon leise und legte eine fast lässige Gelassenheit in seine Züge. „Sobolev läuft nirgendwo mehr hin.“
Kai hielt den Atem an. Seine Augen verengten sich. „Was soll das heißen?“
„Ich habe ihn gefangen genommen“, sagte der Klon tonlos, aber mit absolutem Ernst in der Stimme. „Eigenhändig. Vor exakt drei Stunden, kurz bevor das Chaos ausbrach. Seine Männer sind verstreut, führerlos und wissen nicht einmal, wo ihr Kommandant geblieben ist.“
Kai starrte den Klon an. Die Wucht dieser Information traf ihn mit der Intensität eines Hammerschlags. Der Mann, der sie seit Monaten gejagt, der die Fäden im Hintergrund gezogen und sie bis nach Japan verfolgt hatte... gefangen?
Der Klon wandte sich langsam um, machte auf dem Absatz kehrt und schritt mit den Händen tief in den Hosentaschen im knirschenden Schnee voraus, in Richtung eines schwarzen Lieferwagens. Ohne sich ganz zu ihm umzudrehen, warf er Kai über die Schulter einen letzten, herausfordernden Blick zu.
„Wenn du willst, kannst du ihm gerne noch einmal ins Gesicht schauen“, rief der Klon gegen das Heulen des Sturms zurück, während er die schwere Stahltür des Personalausgangs aufstieß. „Bevor ich entscheide ob ich ihm die Beine breche. Du kennst diesen Bastard ja noch aus deiner Kindheit... und ich dachte mir, du möchtest bestimmt gerne eigenhändig Hand an diesen Kerl anlegen.“
Der Wind riss mit eisiger Härte an ihrer Kleidung, als Kai dem Klon durch das tobende, weiße Chaos des Innenhofs folgte.
Die dunklen Umrisse des Lieferwagens zeichneten sich vage hinter den dichten Schneewirbeln ab, als der Klon plötzlich langsamer wurde, stehen blieb und mit einer langsamen, bewussten Handbewegung die Kapuze von seinem Kopf streifte.
Kai hielt im Gehen inne, und für einen Augenblick verengten sich seine rubinroten Augen vor ungläubigem Erstaunen.
Unter der herabgeglittenen Kapuze zeigte sich ein Gesicht, das ihm zwar in jeder Kontur, jeder harten Linie und jedem kalten Blick vertraut war, und doch war da etwas radikal Anderes. Der Klon hatte offensichtlich versucht, sich von dem Bild zu lösen, das die Abtei in ihn hineingepresst hatte. Seine silbrig-blauen Haare waren deutlich länger gewachsen als Kais akribischer Schnitt; sie waren am Hinterkopf zu einem lockeren, hohen Dutt zusammengebunden, aus dem einige Strähnen wild im Wind tanzten.
Doch was Kai am meisten fesselte, war die Zeichnung auf seiner Haut. Eine lange, schmale Narbe schnitt sich von der linken Schläfe quer über den Ansatz seiner Augenbraue bis hinab zum Jochbein... ein stummes, grobes Mal eines brutalen Kampfes aus der Zeit im Untergrund, das ihn endgültig von dem makellosen, spiegelgleichen Ebenbild unterschied, das Kai in den Laboren der Abtei hätte sein sollen.
Der Klon drehte sich halb um, das matte Licht der Straßenlaternen fiel auf die weiße Narbe in seinem Gesicht, und ein schiefes, fast bitteres Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, als er Kais stummen Blick bemerkte.
„Überrascht?“, fragte der Klon mit seiner tiefen, rauen Stimme, die von der Kälte leicht belegt klang. Er strich sich kurz mit den Fingern über die Narbe an der Schläfe.
„Man tut, was man muss, um nicht wie der Mann auszusehen, den die ganze Welt bereits als mächtigen CEO kennt. Ein bisschen Identität muss man sich zurückholen, wenn man das Original übertreffen will.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte er sich wieder ab, trat an die Hecktür des schwarzen Lieferwagens und zog mit einem kräftigen Ruck das schwere Metall auf. Die Dunkelheit des Laderaums tat sich auf, durchbrochen nur von dem fahlen Schein, der von außen hineinfiel.
Darin, gefesselt auf eine massive Metallbank und geknebelt mit einem dicken, schwarzen Klebeband, saß Sobolev. Seine ehemals makellose Uniform war zerrissen, beschmutzt mit Schlamm und Schnee, und das Gesicht des alten Mannes war von den Strapazen und der Gefangennahme bleich und schweißnass. Als die Türen aufschlugen und das kalte Licht auf ihn fiel, zuckte Sobolev heftig zusammen.
Seine kleinen, bösartigen Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er zuerst den Klon und dann im schwindenden Licht direkt dahinter die unverkennbare, bedrohliche Gestalt von Kai Hiwatari erkannte. Ein ersticktes Keuchen drang durch den Knebel, während Sobolev am ganzen Leib zu zittern begann... eingepfercht in die Realität eines Albtraums, den er selbst in Gang gesetzt hatte.
Die kalten, granatroten Augen des Klons musterten die Szenerie, während Kai im Dunkeln des Lieferwagens einen Schritt vortrat. Der Schnee wirbelte durch die geöffnete Hecktür und legte sich wie ein feiner weißer Schleier auf den schmutzigen Boden des Laderaums.
Sobolev zitterte am ganzen Leib. Seine Augen, geweitet vor panischer Angst, klebten an Kai, während das dicke Klebeband von seinem Mund gerissen wurde. Er japste nach Luft, ein röchelnder, heiserer Laut, der in der kalten Nachtluft verhallte.
Kai beugte sich leicht nach vorne. Keine Sekunde verschwendete er an ein langes, theatralisches Verhör. Seine Stimme war nicht laut, aber sie schnitt durch die Enge des Transporters wie eine Klinge.
„Wer immer meiner Familie zu nah kommt und es wagt, sie zu bedrohen, bekommt es mit mir zu tun“, sagte Kai, und jedes Wort war von einer eisigen, unerschütterlichen Härte getragen. Seine rubinroten Augen bohrten sich tief in die des alten Mannes.
„Hast du wirklich geglaubt, ich würde jemals aufgeben, wenn es darum geht, das zu schützen, was mir wichtig ist?“
Sobolev starrte ihn an, die Brust hob und senkte sich hektisch unter der zerrissenen Uniform. Für einen kurzen Moment schien es, als ob ihm die Worte fehlten, gepresst in die Zange aus Todesangst und dem kalten Schatten zweier gleicher Gesichter, die ihn anstarrten. Doch dann zuckte ein hämisches, verbittertes Zucken um seine blutleeren Lippen.
Ein scharfes Keuchen entwich seiner Kehle, ehe er den Kopf hob und mit verächtlicher Geste demonstrativ einen blutigen Speichelklumpen direkt vor Kais Stiefel spuckte.
„Rede keinen solchen Unsinn, Hiwatari“, krächzte Sobolev mit rauem, hasserfülltem Spott in der Stimme. „Damals war dir verdammt noch mal absolut gar nichts auf der Welt wichtiger als du selbst! Du bist über Leichen gegangen, um deine eigene Macht zu beweisen. Du warst besessen vom Kampf, von Stärke, von dir allein... also spiel mir hier nicht den edlen Beschützer und vergleich deine verdammte Kindheit und Jugend nicht mit dem, was du jetzt zu sein vorgibst!“
Ein schweres, bleiernes Schweigen folgte auf Sobolev's Worte, unterstrichen nur vom dumpfen Heulen des Sturms gegen die Außenwände des Lieferwagens. Die Anspannung im schmalen Laderaum schien greifbar, elektrisiert durch die Wahrheiten, die gerade ausgesprochen worden waren.
Kai tat etwas, womit weder der alte Mann noch der Klon gerechnet hatten. Er wandte den Blick nicht ab, sondern verharte in einer eisigen, unerschütterlichen Ruhe. Eine dunkle Ehrlichkeit lag in seinem Gesicht, als er die Anschuldigung nicht etwa von sich wies, sondern sie mit eiskalter Präzision annahm.
„Du hast nicht unrecht“, sagte Kai leise, und seine Stimme klang fast schon monoton, getragen von einer unerbittlichen Akzeptanz der Vergangenheit.
„Damals... gab es schlicht niemanden in meinem Leben, der mir wichtig war. Niemanden, für den es sich zu kämpfen gelohnt hätte, außer für meinen eigenen Weg nach oben. Aber das hat sich geändert.“
Sobolev presste die Lippen aufeinander, seine Brust bebte unter der Anstrengung des erzwungenen Stillsitzens. Ein nervöses Zucken ging durch seine Gesichtszüge, während er in die eisigen, roten Augen blickte, die ihn musterten wie ein Raubtier seine Beute.
„Und jetzt?“, krächzte Sobolev tonlos, wobei die Angst in seiner Stimme nun trotz all des Hasses unverkennbar durchbrach.
„Was hast du vor, Hiwatari? Willst du mich hier im Schnee umbringen? Oder soll dein kleiner Schatten da drußen die Drecksarbeit erledigen?“
Kai ließ ein trockenes, humorloses Lächeln aufblitzen, das jedoch nicht seine Augen erreichte. „Ich bin kein Mörder, Sobolev“, erwiderte Kai mit unumstößlicher Bestimmtheit.
„Ich war es nie, und ich habe niemals vor, einer zu werden, wenn es nicht gerade absolut und unmissverständlich nötig ist, um mein Leben oder das meiner Familie zu verteidigen. Bist du eigentlich wirklich so dämlich zu glauben, ich würde mir wegen so jemandem wie dir die Hände schmutzig machen?“
Mit einer langsamen, kontrollierten Bewegung ging Kai vor dem gefesselten Mann in die Knie, bis ihre Augen auf derselben Höhe waren. Der Klon im Hintergrund lehnte sich schweigend an die Wand des Laderaums, das Kinn auf die Brust gedruckt, und beobachtete das Szenario mit einem kalten, fast amüsierten Funkeln im Blick.
Kai lehnte sich ein Stück vor, seine Stimme sank zu einem gefährlichen, leisen Flüstern herab, das jede Silbe mit bleiernem Gewicht auflud.
„Du scheinst vergessen zu haben, mit wem du hier sprichst“, sagte Kai, während er Sobolev mit einem Blick fixierte, der keinen Widerspruch duldete. „Ich bin mittlerweile nicht mehr nur irgendein schwacher Junge aus der Vergangenheit. Ich bin miliardenschwer, mein Unternehmen und meine Einflüsse reichen weiter, als du dir in deinen kühnsten Albträumen ausmalst. Dazu habe ich einen Familie im Rücken, und einen Schwiegervater, dessen Macht du dir nicht einmal vorstellen kannst.“
Ein unheilvolles, frostiges Lächeln huschte über Kais Lippen.
„Daher... ist es für mich ein absolut Leichtes, dich auf direktem Wege in ein japanisches Hochsicherheitsgefängnis zu bringen“, fuhr Kai fort, während Sobolev das Gesicht entgleiste. „Und mit meinem Einfluss und den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, werde ich dafür sorgen, dass du dort drinnen... absolut keine ruhige Minute haben wirst. Du wirst in einem dunklen Loch sitzen, in dem du dir den Tod Tag für Tag von ganz allein herbeisehnst, weil jede Sekunde dort drinnen die Hölle sein wird.“
Ehe Sobolev etwas erwidern konnte, erhob sich Kai und trat aus dem Lieferwagen, zurück in die Kälte des Schnees.
Der Klon zog die schwere Hecktür des Lieferwagens mit einem dumpfen, metallenen Krachen zu und schnitt das hysterische Geschrei des eingepferchten Sobolev augenblicklich ab. Die Dunkelheit des Laderaums verschwand hinter dem massiven Stahl, während der peitschende Wind den Schnee um ihre Beine wirbelte.
Noch während Kai mit langsamen, schweren Schritten aus dem unmittelbaren Schatten des Wagens heraustrat, zog er das Smartphone aus der Innentasche seines Mantels. Mit einer präzisen, geübten Daumenbewegung wählte er die Nummer, während der Klon mit verschränkten Armen und einem lauernden Blick im Schnee wartete.
Nach nur einem Freizeichen wurde der Ruf am anderen Ende entgegengenommen
„Armon“, sagte Kai mit tiefer, kontrollierter Stimme, die den Lärm des Sturms problemlos übertönte. „Hör mir gut zu. Komm mit einem Team runter in den Innenhof des Krankenhauses. Der Mann, der hinter dem Anschlag auf meine Frau steckt, sitzt hier gefesselt im Laderaum des Lieferwagens. Informiere umgehend die Behörden, sorge dafür, dass die Beweise gesichert werden, und lass ihn abführen.“
Am anderen Ende kam sofort die knappe, disziplinierte Bestätigung, dass die Befehle ohne Umschweife ausgeführt wurden. Kai beendete das Gespräch mit einem Wisch und ließ das Handy wieder in seiner Tasche verschwinden.
Er blieb stehen und musterte sein Ebenbild, das die Kapuze wieder übergezogen hatte.
„Wohin willst du jetzt gehen?“, fragte Kai direkt, während seine rubinroten Augen kühl auf dem Gesicht ruhten, das ihm so unheimlich vertraut und doch durch die Narbe gezeichnet war.
Der Klon sah ihn von der Seite an, die Kälte schien ihm kaum etwas auszumachen, und ein selbstbewusster, fast spöttischer Zug lag um seine Mundwinkel.
„Über den Seeweg. Zurück nach Russland“, antwortete der Klon mit tiefer, fester Stimme. „Und dieses Mal... werde ich Boris vernichten. Endgültig.“
Kai nickte. Doch ein ganz anderer, sehr viel pragmatischerer Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Er musterte den Klon von oben bis unten... den teuren Mantel, die Ausrüstung, die offensichtlich reibungslose Logistik im Hintergrund.
„Sag mal“, fragte Kai skeptisch, die Stirn in leichte Falten gelegt. „Wie bist du eigentlich die ganze Zeit über die Runden gekommen? Ohne Ressourcen überlebt man solche Monate im Untergrund nicht einfach so.“
Ein schmales, amüsiertes Zucken huschte über das Gesicht des Klons, während er den Kopf ein wenig schüttelte.
„Ich bin in Voltaires altes, verlassenes Anwesen in Moskau gezogen. Niemand wagt es dort freiwillig hinzugehen, alle meiden den Ort wie die Pest. Und genau dort habe ich im Arbeitszimmer einen gut versteckten Safe gefunden... Inhalt: zwei Millionen in bar. Damit war ich bestens versorgt.“
Der Klon machte eine kurze Pause, strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht, die sich aus dem Dutt gelöst hatte, und fügte mit fast schon provokanter Gelassenheit hinzu: „Außerdem... bin ich offiziell registriert als Sasha Hiwatari.“
Kais skeptischer Blick verfinsterte sich noch ein Stück. Er starrte sein Ebenbild an, als hätte dieser gerade den Verstand verloren.
„Sasha Hiwatari? Ist das dein scheiß Ernst?“
„Man muss kreativ sein, um zu überleben“, konterte der Klon trocken und zuckte mit den Schultern. „Ich konnte schlecht als Kai Hiwatari durch die Moskauer Straßen spazieren, während der echte Kai in Japan als miliardenschwerer CEO lebt und von jeder Kamera und Zeitung beobachtet wird. Also brauchte ich eine neue Identität.“
Er deutete mit dem Daumen auf sich selbst, während der Schnee um sie herum wirbelte. „Mit meiner äußerlichen Veränderung und ein paar erstklassig gefälschten Unterlagen war das gar nicht mal so schwer. Die russischen Behörden haben mir sofort abgekauft, dass ich ein entfremdeter, bislang unbekannter Verwandter aus der Hiwatari-Linie bin. Immerhin... ist die Ähnlichkeit auch kaum zu leugnen, wenn man genau hinsieht.“
Er musterte Kai noch einmal mit diesem eigenartigen, tiefen Blick... einer Mischung aus unausgesprochener Verbundenheit und der absoluten Entschlossenheit zweier Fremder, die zu viel voneinander wussten.
„Es wird Zeit“, sagte der Klon leise, während seine Stimme fast im Heulen des Sturms unterging. Er hielt Kai für einen kurzen Moment den Blick stand. „Ich verabschiede mich. Und ich hoffe inständig, dass sich unsere Wege kein einziges Mal mehr kreuzen müssen.“
Kai verschränkte die Arme vor der Brust, sein Gesicht ein unbeweglicher Masken aus Härte und Frost, auch wenn in seinen rubinroten Augen ein flüchtiges Funkeln aufblitzte.
„Sieh zu, dass du verschwindest“, gab Kai mit dunkler, unnachgiebiger Stimme zurück. „Und vor allem: Sorge dafür, dass du mir keinen Ärger machst, der am Ende auf mich oder mein Unternehmen zurückfällt.“
Ein kurzes, trockenes Lachen entwich der Kehle des Klons, während er sich bereits auf dem Absatz umdrehte. Er hob kurz die Hand zum Abschied, ohne sich noch einmal umzudrehen.
„Mach dir deswegen mal keine Sorgen“, rief der Klon über die Schulter zurück, während er im schwindenden Licht des Innenhofs zu verschwinden begann.
„Ich plane ohnehin, mich unters Messer zu legen und mein Gesicht operieren zu lassen... damit sehe ich noch verdammt viel weniger wie du aus. Von daher... wirst du von Sasha Hiwatari nie wieder etwas hören.“
Kai blieb regungslos im tobenden Schnee stehen und sah der Gestalt seines Ebenbildes noch einen Moment lang nach, während sie im dichten Schneetreiben und den Schatten der Nacht verschwand.
Ein gedanklicher Schatten zog über seine Züge, während er in sich hineinhorchte.
Schon jetzt, nach nur wenigen Minuten der Konfrontation, war ihm eines schmerzlich bewusst geworden: Dieser Klon hatte mittlerweile eine ganz eigene, spürbar andere Persönlichkeit entwickelt als er selbst.
Er... redete schlicht zu viel.
Wo Kai schweigend agierte, verlor sich der andere in Worten, Erklärungen und sarkastischem Überfluss.
Mit einem fast unmerklichen, verächtlichen Kopfschütteln wandte Kai sich schließlich ab.
In diesem Augenblick näherten sich Armon und ein Dutzend seiner disziplinierten Sicherheitsleute.
Kai passierte Armon, der ihm einen fragenden, gespannten Blick zuwarf, und lief weiter in Richtung des warmen Klinik-Eingangs.
„Er gehört euch“, sagte Kai mit kalter, gleichgültiger Stimme, als er an den Männern vorbeischritt, und ließ das Schicksal der Vergangenheit hinter sich, um sich dorthin zu wenden, was jetzt zählte.
Die schwere Tür des Privatzimmers glitt leise ins Schloss. Die Luft im Raum war angenehm warm, erfüllt von der sanften, ruhigen Atmosphäre des gedimmten Lichts und dem leisen, regelmäßigen Atmen, das die Anspannung der letzten Stunden verflogen schien.
Entgegen seiner Erwartung fand er Nami wach vor. Sie lehnte bequem in den weichen Kissen des Bettes, das Haar breitete sich wellig über die Bettwäsche aus. In ihren ozeanfarbenen Augen lag eine tiefe, unendliche Erschöpfung, aber auch ein so warmes, strahlendes Glück, dass es selbst die härtesten Züge in Kais Gesicht augenblicklich glättete.
An ihre Brust geschmiegt lag der kleine Gou. Der Säugling trank gierig und zufrieden, während seine winzigen Hände leicht zuckten.
Als Kai näher trat, hob Nami den Kopf. Ein Schatten der Sorge huschte über ihr Gesicht, der sich jedoch sofort in Erleichterung auflöste, als sie ihn sah.
„Wo warst du?“, fragte sie mit leiser, belegter Stimme, während ein schwaches, aber ehrliches Lächeln ihre Lippen umspielte. „Ich hatte schon Angst, du wärst... nach Hause gefahren.“
Kai trat ans Bett heran, ließ den Mantel auf einen Sessel sinken und setzte sich auf die Bettkante. Seine großen, kühlen Hände strichen sanft über die Bettdecke, bevor er sie leicht an ihren Arm legte.
„Wieso bist du überhaupt noch wach?“, fragte er leise, und in seinem üblicherweise so kontrollierten Ton schwang eine tiefe, fast schützende Sanftheit mit.
Nami lachte leise, ein warmes, perlendes Geräusch, das die letzten dunklen Ecken des Abends vertrieb. Sie schüttelte leicht den Kopf und blickte hinab auf den kleinen Jungen an ihrer Brust.
„Babies haben nun mal alle paar Stunden Hunger, Kai“, flüsterte sie augenzwinkernd, während ihr Blick wieder zu ihm wanderte.
„Das werden einige verdammt schlaflose Nächte werden, an die du dich wohl oder übel gewöhnen musst.“
Kai sah sie an, betrachtete das friedliche Bild von ihr und ihrem gemeinsamen Sohn, und ein fast unmerklich weicher Ausdruck legte sich in seine roten Augen. Er lehnte sich ein Stück vor und strich ihr behutsam eine helle Strähne aus dem Gesicht.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Kai und seine Stimme klang fest und unumstößlich. „Ich fahre ganz sicher nicht nach Hause. Ich bleibe natürlich hier bei euch.“
Gou gab ein leises, zufriedenes Seufzen von sich, als er schließlich von der Brust abdockte. Seine kleinen Züge entspannten sich vollkommen, die winzigen Fäuste sanken locker zur Seite, und in der wohligen Wärme des Zimmers glitt er tief und friedlich in den Schlaf.
Nami lächelte müde, aber unendlich glücklich, als sie den Jungen behutsam anhob. Sie reichte ihn Kai, der den kleinen Säuglein mit einer überraschend sanften, sicheren Vorsicht entgegennahm. Er trug das schlafende Bündel behutsam hinüber zu dem schlichten Beistellbett, das direkt neben dem großen Krankenbett stand, und bettete den Jungen dort so leise und behutsam nieder, dass Gou nicht einmal im Ansatz mit der Wimper zuckte.
Als Kai sich wieder umdrehte, sah Nami ihn aus müden, aber strahlenden Augen an. Sie schob die Bettdecke ein kleines Stück zur Seite und klopfte leicht auf die Matratze.
„Komm bitte zu mir ins Bett“, bat sie ihn leise, und in ihrer Stimme lag eine zarte, schutzbedürftige Bitte, die all die Anspannung der letzten Stunden vollends verpuffen ließ. „Ich brauche dich. Mir ist kalt, und ich möchte mich einfach nur an dich kuscheln.“
Ein warmes, leises Schmunzeln huschte über Kais Züge. Er trat an die Bettkante, strich ihr kurz über die Wange und begann dann, sich seines Hemdes und der Socken zu entledigen, bis er schließlich nur noch in seiner Hose neben ihr stand. Ohne zu zögern, schob er sich unter die Decke und zog seine Frau augenblicklich eng an seinen warmen Körper.
Nami schmiegte sich sofort an seine Brust, atmete tief seinen vertrauten Duft ein, und in dem Moment, in dem Kai sie in seine Arme schloss und ihre Lippen mit einem tiefen, beruhigenden Kuss versiegelte, schien die Welt da draußen... mit all ihrem Sturm, ihrer Kälte und ihren Schatten... endgültig aufzuhören zu existieren.