Die Ruhe vor dem Sturm
Die Ruhe vor dem Sturm
Die schwere Holztür des privaten Krankenzimmers glitt leise ins Schloss, als Kai den Raum verließ. Er trug seine dunkle Anzughose und sein strahlend weißes Hemd, dessen Ärmel er nun ordentlich bis zu den Oberarmen hochgekrempelt hatte. Die harten Konturen seiner muskulösen Arme und die ausgeprägten Konturen seines Oberkörpers zeichneten sich unter dem Stoff bei jedem Schritt ab und verliehen ihm seine unverkennbare, athletische Präsenz.
Er und Nami hatten im Zimmer kurz zuvor ein exquisites, reichhaltiges Frühstück genossen, doch der Adrenalinspiegel des Morgens und die schwere Nacht verlangten nach einer weiteren Dosis Koffein. Kai brauchte unbedingt einen zweiten Kaffee, um sich vollkommen auf die kommenden geschäftlichen Absprachen zu konzentrieren.
Mit dem Smartphone fest an sein Ohr gepresst, schritt er nun zielstrebig aus dem Aufzug durch den hellen Flur und betrat schließlich die weitläufige Lobby der Privatklinik, um sich an der dortigen Barista-Bar zu versorgen. Bereits beim Betreten des Foyers spürte er, wie die Blicke magisch zu ihm herüberschossen.
An der Rezeption und hinter dem Tresen standen mehrere junge Krankenschwestern, die den Blick kaum von ihm abwenden konnten. Die Neuigkeit, dass Kai Hiwatari im Haus war hatte sich unter dem Personal im Eiltempo verbreitet... ihre Kolleginnen hatten direkt voller Elan erzählt, was sie heute Morgen um Punkt acht Uhr im Krankenzimmer vorgefunden hatten: Einen wahren Adonis, der obenherum nackt und in göttlicher Ruhe im Krankenbett gelegen hatte, mit seiner atemberaubenden Frau an seiner Seite und dem klitzekleinen Baby, das seelenruhig auf seiner breiten, durchtrainierten Brust geschlummert hatte.
Geflüster, verstohlene Blicke und tiefrote Wangen begleiteten jeden seiner Schritte.
Doch diese Art von Aufmerksamkeit war Kai schon immer zuwider; er verabscheute es aus tiefstem Herzen, wie ein Ausstellungsstück begafft zu werden. Mit eisiger Miene und einem fast schon gefährlich kühlen Blick strafte er das weibliche Personal ab, sodass die jungen Frauen augenblicklich erschrocken den Blick senkten und verschüchtert zurücktraten.
Völlig unbeeindruckt von dem Aufsehen, das er erregte, widmete Kai sich ganz seinem Telefonat. „Hören Sie mir gut zu, Sato“, wies Kai seinen Assistenten mit kalter, schneidender Stimme an, während er den Tresen der Barista-Bar erreichte. „Dem neuen Zulieferer erteilen Sie mit sofortiger Wirkung eine Absage. Nach allem, was vorgefallen ist, kommt eine geschäftliche Zusammenarbeit absolut nicht mehr infrage.“
Am anderen Ende der Leitung ertönte umgehend das zustimmende, etwas hastige Stammeln des Assistenten, der Kais unerbittlichen Tonfall nur zu gut kannte.
„Sie kümmern sich stattdessen darum, einen neuen Termin mit einem anderen potenziellen Zulieferer zu vereinbaren“, fuhr Kai in gewohnt kontrollierter Härte fort.
„Aber legen Sie das Gespräch keinesfalls vor Mai an. Ich werde in den nächsten Wochen meiner Frau mit dem Baby zur Hand gehen und den Großteil meiner geschäftlichen Verpflichtungen vorerst aus dem Homeoffice heraus steuern. Nur absolut unaufschiebbare Dinge werde ich mir direkt im Tower vornehmen. Haben wir uns da verstanden, Sato?“
Nachdem sein Assistent die Anweisungen pflichtbewusst bestätigt hatte, beendete Kai das Gespräch mit einem knappen, bestimmten „Gut“ und steckte das Smartphone in seine Hosentasche.
Inzwischen hatte der Barista ihm schweigend und mit leicht zitternden Händen den ersehnten zweiten Kaffee über den Marmortresen gereicht. Kai nahm die Tasse entgegen, warf den gaffenden Krankenschwestern noch einen letzten, frostigen Blick zu, der sie sofort endgültig verstummen ließ, und machte auf dem Absatz kehrt, um schnellen Schrittes zu seiner kleinen Familie ins Krankenzimmer zurückzukehren. Doch er kam nicht weit...
Die automatischen Glastüren des Haupteingangs glitten auf, und in genau diesem Moment hasteten Hiro Tachiba und seine Frau Hilda in die Lobby der Privatklinik. Hilda sah wie immer absolut tadellos aus... jede Strähne ihres Haares saß perfekt, und ihr eleganter Mantel verlieh ihr eine anmutige Haltung, während ihr Gesicht bereits von einem breiten, überglücklichen Lächeln erhellt wurde. Kaum hatte sie festen Boden unter den Füßen, warf sie einen suchenden Blick umher. „Wo um alles in der Welt ist denn mein wundervolles Enkelkind?!“ gurrte sie glockenhell durch die Lobby.
Bevor Kai überhaupt etwas erwidern konnte, tönte plötzlich eine vertraute, sanfte Stimme durch das helle Foyer.
„Wir sind genau hier“, rief Nami mit einem vergnügten Unterton in der Stimme.
Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, das Zimmer direkt nach Kai zu verlassen, und war soeben mit dem fahrbaren Beistellbettchen, in dem der kleine Gou tief und seelenruhig schlummerte, in die Lobby gerollt.
Ein leichtes Missfallen zog über Kais Gesicht. Seine dunklen Augenbrauen zogen sich kurz zusammen, und er warf Nami einen gewohnt trockenen, leicht tadelnden Blick zu.
Doch Nami ignorierte dies gekonnt und quittierte seinen strengen Blick stattdessen nur mit einem süßen, schweigenden Lächeln, während sie das Bettchen direkt zu ihren Eltern lenkte.
Hiro und Hilda beugten sich augenblicklich über das kleine Bettchen, und der Anblick ihres winzigen Enkelsohns ließ sie vor Stolz und Zärtlichkeit vollkommen dahinschmelzen. Sie kamen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, während Hilda hingerissen über Gous feines Haar strich und Hiro mit feuchten Augen betonte, was für ein prächtiger Junge er doch sei und wie ähnlich er Kai doch sehe.
Während die Großeltern völlig in ihrer Bewunderung aufgingen, trat Kai leise an Namis Seite. Mit einem dunklen, unzufriedenen Blick in seinen rubinroten Augen raunte er ihr zu:
„Warum in aller Welt bist du heruntergekommen? Ich war doch gerade ohnehin auf dem Weg nach oben, und deine Eltern wussten genau, welche Zimmernummer wir haben.“
Nami schmunzelte, lehnte sich sacht an seine feste Seite und sagte leise: „Du hast wohl völlig vergessen, dass es mir gut geht und ich dank Pegasus komplett geheilt bin. Wieso siehst du mich dann trotzdem so an, als würdest du mich am liebsten einfach über die Schulter werfen und mich zurück ins Bett verfrachten?“
Kai schwieg für einen Moment, während seine harten Gesichtszüge unbewegt blieben. Nami musterte ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen, blinzelte belustigt und fragte mit neckischem Unterton: „Oder geht es dir etwa gar nicht um meine Beine, sondern um die... gaffenden Blicke der weiblichen Belegschaft hier?“
Sie kicherte leise, und um seine Reaktion zu testen, legte sie ihre Hand demonstrativ flach gegen seinen Rücken und strich langsam knapp über sein Gesäß.
Kai brummte tief in seiner Brust und warf ihr einen warnenden Blick zu. „Du solltest es definitiv nicht zu weit treiben, Nami.“
Nami lächelte nur noch breiter, ließ ihre Hand jedoch provokant an Ort und Stelle. „Oder was, mein Schatz? Willst du mich etwa sonst tatsächlich vor meinen Eltern über die Schulter werfen?“
Nami nahm gelassen die Hand wieder von seinem Rücken, zuckte jedoch kurz zusammen, als Kai blitzschnell reagierte. Anstatt sie weiter zu verwarnen, schlang er stattdessen eine Hand fest und bestimmt um ihre schmale Taille und zog sie mit einer einzigen fließenden Bewegung dicht an seinen harten Körper.
Das plötzliche Manöver ließ Nami ein kurzes, überraschtes Aufquieken entringen, das jedoch sofort in einem leisen Lachen erstickte. Sie biss sich ertappt auf die Unterlippe und sah ihn aus ihren wunderschönen ozeanfarbenen Augen von unten an, während sie sich unschuldig gab.
Ein paar Schritte weiter hinten an der Rezeption hatten die jungen Krankenschwestern das Geschehen mit angespannter Neugier verfolgt. Sie kannten Kai aus den Medien allzu gut und wussten bestens Bescheid... und genau deshalb schickten sie Nami jetzt einen erneuten, fast schon neidischen Blick zu, während Kai seine Frau fest, besitzergreifend und ungerührt an seiner Seite hielt.
Der Trubel der weitläufigen Hotelobby schien in diesem Moment vollkommen unwichtig zu werden.
Hiro hob nun den Blick zu den Beiden und sah Kai ernst an. In seinen Augen lag eine unverkennbare Unruhe, die er trotz seiner jahrelangen Erfahrung im Krisenmanagement nicht gänzlich verbergen konnte.
Er trat noch einen Schritt näher an die Beiden heran, während seine Augen nervös über den polierten Marmorboden und die geschäftstig umherlaufenden Menschen huschten. Er schluckte schwer, bevor er den Blick wieder auf Kai richtete. Die Sorge war ihm ins Gesicht geschrieben.
„Kai, wir müssen reden“, sagte Hiro mit gedämpfter, aber dringlicher Stimme. „Für heute Mittag um vierzehn Uhr ist die Pressekonferenz nun angesetzt. Die Medien stehen Kopf, und du wirst dich vor der ganzen Welt erklären müssen, bevor die Tachiwari-Corporation einen irreparablen Schaden nimmt.“
Hilda schien von der Hektik des Augenblicks gänzlich unberührt. Noch immer war sie wie hingerissen über das Beistellbettchen gebeugt, während Hiro sprach. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie leise murmelte: „Schau dir nur an, wie friedlich er schläft... Die Welt da draußen brennt, und hier drinnen herrscht absolute Ruhe.“
Kai nickte knapp und kontrolliert, während er Nami noch immer fest und schützend an seiner Seite hielt. Seine rubinroten Augen fixierten Hiro mit eiserner Gelassenheit.
„Gut. Gehen wir nach oben“, antwortete er mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die jeden Zweifel im Keim erstickte. „Dort besprechen wir die Einzelheiten.“
Die Fahrt nach oben im geräumigen, holzverkleideten Fahrstuhl verlief in schweigender Übereinkunft. Kai hielt Nami weiterhin nah an seiner Seite, während Hiro mit unruhigen Schritten auf und ab ging und Hilda den schlafenden Gou im fahrbaren Beistellbettchen bewunderte.
Als sich die Türen im vierten Stockwerk öffneten, traten sie gemeinsam in den weitläufigen Korridor und anschließend ins warmes Licht getauchte Zimmer zurück. Kaum hatten sich die schweren Holztüren hinter ihnen geschlossen, schlugen die Augenlider des kleinen Gou kurz flackernd auf. Ein leises, unschuldiges Gähnen entkam dem winzigen Mund, und er begann leise, aber vernehmbar zu quengeln, während er seine kleinen Fäuste reckte.
Hilda lächelte sofort zärtlich und wandte sich um. „Oh, sieh mal an, der kleine Mann wird wach“, flüsterte sie verzaubert.
In diesem exakten Moment klopfte es diskret an der Tür, und Dr. Hayashi trat mit einem höflichen Lächeln und einer kleinen Aktenmappe unterm Arm in den Raum. Sein Blick fiel sofort auf das frisch erwachte Baby im Bettchen.
„Mr. und Mrs Hiwatari, guten Tag die Herrschaften“, begrüßte Dr. Hayashi die Runde mit ruhiger, professioneller Stimme und trat ein paar Schritte näher. Er wartete kurz ab, bis ihm alle Aufmerksamkeit sicher war, ehe er Kai und Nami musterte. „Ich sehe, der Kleine ist nun endlich munter. Wäre es in Ordnung, wenn ich jetzt die üblichen Untersuchungen durchführe, die man standardmäßig innerhalb der ersten achtenundvierzig Stunden nach der Geburt bei einem Neugeborenen vornimmt?“
Nami wandte sich sofort an Kai, wobei ihre Hand kurz beruhigend auf seinen Unterarm glitt. Ihre ozeanfarbenen Augen blickten ihn fest und zuversichtlich an.
„Geh ruhig mit meinem Vater nach nebenan in den Empfangsraum, Kai“, sagte Nami leise und bestimmt, während Dr. Hayashi den Apparat für die Vorsorgeuntersuchung vorbereitete. „Besprecht alles Nötige wegen der Pressekonferenz und der Tachiwari-Corporation. Ich und meine Mutter bleiben hier bei Gou.“
Kai zog kurz die Augenbrauen zusammen, schien in Gedanken kurz mit sich zu ringen, ob er sie auch nur für eine Minute allein lassen sollte, nickte dann jedoch knapp.
Seine tiefe, sonore Stimme schnitt durch den Raum: „Gut. Wir sind im Nebenzimmer.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sich Kai an Hiro, deutete mit einer kurzen Handbewegung auf die Verbindungstür zum angrenzenden Empfangsraum und ließ Nami und ihre Mutter für den Augenblick allein.
Nami wandte sich mit einem sanften, fürsorglichen Lächeln wieder dem Beistellbettchen zu, an dessen Rand Dr. Hayashi bereits mit leisen, beruhigenden Worten begann, den kleinen Gou auf die anstehenden Untersuchungen vorzubereiten. „Alles gut, mein Kleiner“, murmelte Nami sanft, beugte sich über das Bettchen und half dem Arzt, während sich Kai und Hiro in den Nebenraum zurückzogen.
Die schwere Holztür des angrenzenden Empfangsraums fiel hinter ihnen ins Schloss und schottete sie von den leisen Geräuschen der Untersuchung im Hauptzimmer ab. Das gedämpfte Licht und die elegante, zurückhaltende Einrichtung des Raumes boten einen scharfen Kontrast zu dem Sturm, der draußen in der Medienwelt auf sie wartete.
Hiro trat sofort unruhig zu dem großen Panoramafenster, das den Blick auf das geschäftige Treiben Tokios freigab.
Er atmete tief aus, wandte sich abrupt um und blickte Kai mit einem entschlossenen, fast trostlosen Ausdruck in den Augen an.
„Vielleicht sollte ich mich einfach selbst vor die Kameras stellen und es offenlegen, Kai“, sagte Hiro mit tonaler Dringlichkeit, während seine Hände sich leicht verkrampften. „Ich werde erklären, dass ich selbst ein Bit Beast Träger bin. Wenn die Öffentlichkeit ein Gesicht braucht, das das Phänomen erklärt, soll sie meines dazu haben.“
Kai starrte ihn an, während seine rubinroten Augen in dem gedämpften Licht gefährlich aufblitzten. Er schüttelte langsam den Kopf.
„Das ist absolut nicht notwendig, Hiro“, sagte Kai mit seiner tiefen Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Du bist seit Jahrzehnten im Geschäft. Wenn du jetzt mit so etwas an die Öffentlichkeit gehst, werden sie dir unfaire Vorteile vorwerfen. Sie werden behaupten, dass du deinen gesamten Erfolg, deine gesamte Karriere und deinen Reichtum über all die Jahre durch übermenschliche Kräfte errungen hast. Das würde das Unternehmen komplett destabilisieren.“
Hiro atmete schwer aus, die Anspannung schien für einen Moment von seinen Schultern abzufallen, während er den Blick senkte. „Da... da hast du vielleicht recht, Kai“, murmelte er leise, spürbar geschlagen von der Tragweite des Gedankens.
Kai trat einen Schritt näher an ihn heran, seine Statur wirkte dabei unnachgiebig und absolut kontrolliert.
„Ich werde ganz alleine für mich selber sprechen“, erklärte Kai mit absoluter Härte in der Stimme. „Erst recht, um die Aufmerksamkeit komplett von Nami abzulenken. Niemand soll jemals auf die Idee kommen, dass auch sie eine Trägerin ist. Die Medien bekommen mich... und sonst niemanden.“
Hiro verschränkte die Arme vor der Brust, während sein besorgter Blick an Kai hängen blieb, und warf eine drängende Frage in den Raum:
„Und was machen wir, wenn sie dir genau dasselbe vorwerfen, Kai? Wenn die Medien behaupten, du hättest dir deine Position und deinen Einfluss bei der Corporation durch unfaire Vorteile verschafft? Nicht zu vergessen deine Rolle davor, bezüglich der BBA.“
Kai verzog keine Miene. Seine rubinroten Augen bohrten sich kühl und fest in Hiros Blickfeld, während seine sonore Stimme ruhig durch den Raum hallte:
„Ich bin erst seit etwa acht Monaten als CEO im Amt, und erst seit eineinhalb Jahren mit Dranzer verschmolzen. Es weist in meinem Falle absolut nichts darauf hin, dass ich dadurch jemals einen geschäftlichen Vorteil hatte, ganz davon abgesehen, dass ich diese Position durch mein Erbe erreicht habe. Was die BBA betrifft, bin ich ohnehin bereits seit mehr als vier Jahren in einer Art Ruhestand und war nur als Trainer und Berater tätig. Von daher hatte ich schlichtweg keine Möglichkeit, bei Turnieren oder offiziellen Matches irgendeinen unfairen Vorteil gegenüber jemandem zu haben, der sein Bit Beast ganz normal aus dem Blade beschwört.“
Hiro hörte zu, während Kai die Fakten mit messerscharfer Präzision aneinanderreihte.
„Ich werde all das auf der Pressekonferenz haarklein erklären und ganz offenlegen, dass ich einer amtlichen oder öffentlichen Untersuchung bezüglich meiner Vergangenheit und meiner geschäftlichen Entscheidungen absolut nicht abgeneigt bin“, fuhr Kai unnachgiebig fort, während seine muskulösen Arme unter dem hochgekrempelten Hemd angespannt blieben.
„Ich habe nichts zu verbergen... jedenfalls nicht, wenn es um mich selbst geht.“
Mitten in Kais Worten zeriss plötzlich ein schrilles, markerschütterndes Schreien die Luft. Es kam aus dem Nebenraum.
Kai zuckte augenblicklich zusammen, seine Muskeln spannten sich in einer unbewussten, reflexartigen Schutzreaktion bis zum Äußersten an. Noch während das Echo des schmerzlichen Schreiens durch die Wände hallte, riss er die schwere Holztür auf und stürmte in den Hauptraum zurück.
Der Anblick, der sich ihm bot, ließ sein Blut gefrieren: Der kleine Gou lag auf der gepolsterten Untersuchungsliege und schrie aus Leibeskräften, das winzige Gesicht vor Schmerz und Empörung verzerrt. Neben ihm standen Dr. Hayashi und eine Krankenschwester. Nami stand unmittelbar daneben, hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen und schluchzte bitterlich, während ihr gesamter Körper zitterte.
Kai überwand die Distanz zwischen der Tür und der Liege mit wenigen schnellen Schritten. Die Wut und der pure Beschützerinstinkt brannten in seinen rubinroten Augen, als er sich aufbaute und mit rauem, schneidendem Tonfall ausrief:
„Was zum Teufel ist hier los?!“
Dr. Hayashi hob gelassen den Kopf, völlig unbeeindruckt von der explosiven Anspannung, die den Raum erfüllte, und tätschelte beruhigend Gous winzige Ferse. Mit völlig entspannter Stimme wandte er sich an den hochfahrenden Vater:
„Ganz ruhig, Mr. Hiwatari. Es ist alles in Ordnung“, sagte der Arzt mit einem leisen Lächeln. „Ich habe ihm lediglich ein wenig Blut abgenommen, um den Blutzuckerspiegel zu testen. Das ist eine reine Routineuntersuchung bei Neugeborenen. Der Kleine hat sich nur erschrocken.“
Erst in diesem Moment, als die Worte bei ihm ankamen, bemerkte Kai, wie starr und angespannt er dagestanden hatte. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sein ganzer Körper in Angriffsstellung, bereit, jeden zu vernichten, der seinem Kind auch nur ein Haar zu Leibe rücken wollte. Langsam wich die unmittelbare Bedrohung aus seinen Zügen, und seine Muskeln entkrampften sich Stück für Stück.
Nami nahm langsam die Hände von den Augen, atmete tief und zitternd aus und wischte sich eine Träne von der Wange. Sie war vollkommen ergriffen von dem Schmerzenschrei ihres Babys gewesen, doch die Erleichterung spiegelte sich nun in ihren ozeanfarbenen Augen wider, als sie sah, wie Kai schützend die Hand auf den Rand der Liege legte und den kleinen Gou mit besorgtem, aber beruhigendem Blick musterte.
Nami schloss einen Moment die Augen, während das leise Schluchzen des kleinen Gou allmählich in ein erschöpftes Quengeln überging. Sie öffnete die Augen wieder, wandte den Blick von der Liege ab und beobachtete stattdessen Kai, der noch immer mit breiter, schützender Präsenz neben ihr stand. Sein Atem ging ruhig, doch die Anspannung war in seinen breiten Schultern noch immer spürbar.
In diesem Moment drifteten ihre Gedanken unwillkürlich zurück. Sie erinnerte sich genau an jene Tage und Nächte am Anfang ihrer Schwangerschaft, in denen Kai abends oft schweigend am Fenster gestanden hatte, während der Mond auf das Ayame-Anwesen schien.
Sie erinnerte sich an die seltenen, verletzlichen Momente, in denen er seine tiefsten Ängste vor ihr ausgesprochen hatte. Er hatte damals mit schwerer Stimme gestanden, dass er nicht wusste, wie man ein guter Vater sei. Er hatte geglaubt, zu viel Dunkelheit und Schlechtes in sich zu tragen, und die panische Sorge empfunden, nicht das zu sein, was ein Kind brauchte.
Nami hatte damals von der allerersten Sekunde an gewusst, dass diese Gedanken nichts als unbegründete Ängste waren... die dunklen Schatten seiner Vergangenheit, die sich gegen sein eigenes Glück auflehnten. Sie hatten niemals auch nur einen Hauch von Realität in sich getragen.
Ein sanftes, fast wehmütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie ihn musterte. Kai war nicht dafür gemacht, im Schatten zu stehen... obwohl er sich lange dort aufgehalten hatte. Er war dafür geschaffen zu beschützen, zu lenken und für die Seinen einzustehen. Ein unerschütterlicher Anführer, ein hingebungsvoller Ehemann und nun... wie der heutige Tag und jede seiner unbewussten Reaktionen bewiesen... auch ein Vater, der alles in Brand setzen würde, um seine Familie vor jedem Schmerz zu bewahren.
Kai bemerkte schließlich Namis stummen, innigen Blick, der auf ihm ruhte. Die Wogen des Adrenalins, das ihn vor Sekundenbruchteilen noch wie eine Flutwelle durchströmt hatte, ebbten langsam ab und machten einer tiefen, besitzergreifenden Vertrautheit Platz. Mit einer fließenden, mühelosen Bewegung trat er einen Schritt auf sie zu, legte einen Arm um ihre schmale Taille und zog sie eng an seine harte, noch leicht angespannte Seite.
Er senkte den Kopf, drückte seine Lippen sanft an ihre silbrig-weiße Schläfe und flüsterte mit leiser, aber fester Stimme gegen ihr Haar: „Ich hätte verdammt noch mal hierbleiben sollen. Ich hätte dich und ihn nicht allein lassen dürfen.“
Nami schüttelte leicht den Kopf, während sie den vertrauten, beruhigenden Duft aus purem Vertrauen einatmete, der ihn umgab. „Es ist alles in Ordnung, Kai“, flüsterte sie zurück. „Wir haben es überstanden.“
„Du hast geweint“, entgegnete er und strich mit einer fast vorsichtigen Zärtlichkeit über ihren Rücken.
Nami hob langsam eine Hand, legte sie flach an seine warme, leicht raue Wange und schloss die ozeanfarbenen Augen. Die Erinnerung an diesen kurzen, schrillen Schmerz schnitt ihr noch immer tief ins Fleisch.
„Ich kann ihn einfach nicht... nicht vor Schmerz weinen sehen“, flüsterte sie, und ein leises Schaudern lief durch ihren Körper. Sie drückte ihren Kopf etwas fester an seine Haut und sprach den Gedanken aus, der ihr jetzt schon schwer im Magen lag: „Ich fürchte mich jetzt schon vor den Impfungen... wie sollen wir das nur überstehen?“
Sie spürte Kais Lippen, die noch immer leicht an ihrer Schläfe ruhten, als er auf ihre Worte hin nickte. Seine Stimme klang dunkel, kompromisslos und tröstend zugleich, als er ihr die Gewissheit gab, die sie in diesem Moment brauchte:
„Dann bin ich bei den Impfungen ebenfalls dabei“, sagte er leise. „Jedes einzelne Mal. Da gibt es gar keine Widerrede.“
Ein befreites, fast spielerisches Lachen schlich sich in Namis Kehle, das sie jedoch mit Mühe und Not unterdrückte, als sie den unverkennbar trockenen und bestimmten Unterton in seiner Stimme hörte. Selbst in den angespanntesten Momenten blieb Kai eben durch und durch Kai... absolut kompromisslos, wenn es um den Schutz seiner Familie ging.
Sie löste sich langsam aus der festen Umarmung, strich ihm kurz über das Revers seines Hemdes, stellte sich dann flink auf die Zehenspitzen und zog ihn an seinem Hemd in einen tiefen, innigen Kuss. Es war eine stumme Bekräftigung all dessen, was Worte in diesem Raum voller Adrenalin und Sorge kaum auszudrücken vermochten: Dankbarkeit, unendliches Vertrauen und das beruhigende Gefühl, dass sie gemeinsam allem standhalten konnten.
Im Hintergrund beobachteten Hilda und Hiro das junge Paar mit rührendem Stolz. Hilda lehnte sich an die Schulter ihres Mannes, während Hiro mit einem warmen, milden Lächeln im Gesicht den Blick zu seiner Tochter und seinem scharfkantigen Schwiegersohn wandte.
Dr. Hayashi ließ indessen professionell die letzten Handgriffe der Vorsorgeuntersuchung an dem kleinen Gou ausklingen. Er schloss die Aktenmappe mit einem leisen Klicken, während der Winzling sich nach dem kurzen Schreck nun wieder völlig beruhigt hatte und mit geschlossenen Äuglein atmete.
Ein paar Schritte weiter stand die junge Krankenschwester. Mit leicht rosigen Wangen und angestrengtem Blick versuchte sie krampfhaft, demonstrativ in ihre Unterlagen zu starren, um bloß nicht zu den sich küssenden Ehepartnern hinüberzuschielen, während im Zimmer eine wunderbare, schwer erkämpfte Ruhe einzukehren schien.
Dr. Hayashi räusperte sich leise, um die trauliche Stille im Raum zu durchbrechen, und trat mit einem anerkennenden Lächeln von der Untersuchungsliege zurück. Er schlug die Aktenmappe auf und warf einen letzten, professionellen Blick auf die frisch erfassten Vitalwerte.
„Nun, ich muss sagen, Mr. und Mrs. Hiwatari“, begann der Arzt mit warmer, zufriedener Stimme, während er den Blick hob. „Der kleine Gou ist ein absolutes Prachtexemplar. Obwohl er gut drei Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt gekommen ist, ist er phänomenal entwickelt... kräftig, vital und absolut gesund. Es gibt absolut keinen medizinischen Grund, euch hier länger festzuhalten.“
Er schloss die Mappe endgültig und sah Nami direkt an.
„Wenn Sie sich fit genug fühlen und es vorziehen, die Ruhe des eigenen Zuhauses zu genießen, entlasse ich Sie und den Kleinen hiermit offiziell noch für heute. Die Nachsorge können wir problemlos über unsere Hausbesuche regeln.“
Ein erleichtertes Nicken ging durch Namis Gesichtszüge, während sie sich mit warmer Stimme an den Arzt wandte. „Vielen Dank, Dr. Hayashi... für alles“, sagte sie und warf dem Mediziner einen dankbaren Blick zu, während Hilda ihr zustimmend zulächelte und Hiro erleichtert ausatmete.
Währenddessen zog Kai bereits sein Smartphone aus der Anzughose, trat ein Stück beiseite und wählte mit geübter Schnelligkeit die Nummer. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das gewohnte Klingeln auf der anderen Seite abbrach.
„Guten Tag, Master Kai.“, meldete sich die unverkennbar ruhige, makellose Stimme des Butlers, die in ihrer feinen britischen Artikulation sofort jeden Hauch von Hektik aus dem Raum nahm. Graham klang völlig ungerührt, als er mit seiner gewohnt trockenen, diskreten Manier fortfuhr.
„Ich darf Sie und Miss Nami wohl im Namen des gesamten Anwesens beglückwünschen. Wie ich den soeben überschlagenden Meldungen der städtischen Medien entnehmen durfte, haben Sie und Madame den neuen Erdenbürger sicher bereits in die Arme schließen dürfen.“
Kai schwieg für einen kurzen Moment. Mit ungewohnt nüchterner und fast schon gefasster Stimme ergriff Kai das Wort: „Graham... ich muss mich... entschuldigen, dass ich dir nicht unmittelbar Bescheid gegeben habe, wo wir sind und was vorgefallen ist.“
Am anderen Ende der Leitung war ein leises, elegantes Räuspern zu hören.
„Sir, als Butler dieses Hauses stelle ich keine Fragen, sondern lasse Taten sprechen“, antwortete Graham mit staubtrockenem britischem Humor. „Zudem stand mir niemals das Recht zu, vorab benachrichtigt zu werden, da mein eigener Instinkt es mir ohnehin längst mitgeteilt hatte... ganz offensichtlich einige Minuten vor den hiesigen Stadtmedien. Der Zustand des Westflügels und die Abwesenheit von Madame sprachen eine durchaus deutliche Sprache.“
Ein kaum merkliches, kurzes Zucken glitt über Kais Mundwinkel. Er verschwendete keine Zeit mit Erklärungen, sondern kam direkt auf den Punkt.
„Graham, hol uns bitte ab“, wies Kai seinen treuen Bediensteten mit fester Stimme an.
„Bring den Bentley und fahr zur Minato-Privatklinik. Und vergiss nicht, die Babyschale einzupacken.“
„Selbstverständlich, Master Kai.“, antwortete Graham drüben in gewohnt perfekter Manier.
„Der Wagen ist bereits startklar, und die Babyschale befindet sich auf dem Rücksitz. Ich bin in zwanzig Minuten vor Ort.“
Mit einem knappen Wischen beendete Kai das Gespräch und ließ das Smartphone in seiner Tasche verschwinden. Er wandte sich augenblicklich zu seinem Schwiegervater um, dessen besorgter Blick noch immer auf ihm ruhte.
„Wo genau soll die Pressekonferenz eigentlich stattfinden?“, fragte Kai mit dunkler, kontrollierter Stimme.
Hiro richtete sich etwas auf und antwortete sofort. „Direkt auf dem Vorplatz vor dem Tachiwari-Tower, Kai. Die Medien drängen darauf, und es als offenes Statement zu handhaben... als ein unmissverständliches Zeichen der Stärke und Transparenz... wurde als beste Strategie erachtet.“
Kai nickte langsam, während seine rubinroten Augen die Information verarbeiteten. Er hob das Handgelenk und warf einen prüfenden Blick auf seine Uhr. Es war knapp elf Uhr vormittags. Die Konferenz war für exakt vierzehn Uhr angesetzt.
Drei Stunden.
Das war mehr als genug Zeit. Genug Zeit, um mit dem Bentley ins Ayame-Anwesen zurückzukehren, in aller Ruhe zu duschen, die Kleidung zu wechseln und sich frisch und absolut unerschütterlich der medialen Meute vor dem Tower zu stellen.
„Gut“, sagte Kai mit fester, bestimmter Tonlage und trat einen Schritt näher an Hiro heran.
„Wir treffen uns um punkt 13:45 Uhr direkt am Tower. Bis dahin kümmere ich mich darum, Nami und den Kleinen nach Hause zu bringen.“