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Mit der Tür ins Haus

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Mit der Tür ins Haus

Ein sanfter, goldener Sonnenstrahl brach durch die hohen Bogenfenster des großen Salons und tauchte das edle Holz der alten Möbel in ein warmes Morgenlicht. Die nächtliche Stille des Ayame-Anwesens war längst gewichen, doch für Nami fühlte sich die Welt an, als drehe sie sich in Zeitlupe.

Sie saß tief in den weichen Polstern des riesigen Ledersofas gekauert, die Beine angewinkelt und ein großes Kissen im Rücken, während der kleine Gou zufrieden an ihrer Brust trank. Nami unterdrückte ein herzhaftes Gähnen und strich sich mit müden Fingern eine silbrige Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre ozeanfarbenen Augen waren von dunklen Schatten unterlaufen, und jede Faser ihres Körpers schrie nach Schlaf.

Gou hatte in der zweiten Hälfte der Nacht beschlossen, dass ein normaler Rhythmus völlig überbewertet war... er hatte mit dem sogenannten Clusterfeeding begonnen und verlangte gefühlt alle dreißig Minuten nach der Brust. Nami war schlichtweg fix und fertig.

Im krassen Gegensatz dazu stand ihr Ehemann.

Kai war bereits seit gut einer Stunde auf den Beinen und hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, um von zu Hause aus die dringlichsten Geschäfte der Tachiwari-Corporation zu regeln. Die wenigen Male, die er in der letzten Stunde kurz lautlos durch den Salon getrottet war... um sich einen frischen schwarzen Kaffee zu holen... , bot er ein Bild vollkommener, fast schon ärgerlicher Perfektion.

Obwohl er bei jedem einzelnen Quengeln von Gou in der Nacht sofort mit Nami wach geworden war, sah Kai aus wie frisch aus einem Magazin entsprungen. In seinem dunklen, maßgeschneiderten Hemd, mit akkurat sitzendem Haar und dieser unerschütterlichen, ruhigen Gelassenheit wirkte er völlig ausgeschlafen und wie gewohnt makellos gutaussehend. Er war jedes Mal kurz bei ihr stehengeblieben, hatte ihr mit rauer Sanftheit einen Kuss auf die Schläfe gedrückt, ihr stumm über die Wange gestrichen und war mit seiner dampfenden Tasse wieder in seinem Arbeitszimmer verschwunden.

Nami seufzte tief, ergab sich ihrem Erschöpfungsschmerz und ließ sich noch ein Stück tiefer in die Sofakissen gleiten. Sie sah hinab auf ihren Sohn, der mit unermüdlicher Ausdauer trank, und schüttelte amüsiert den Kopf.

„Wie macht dein Vater das nur…?“, flüsterte sie dem Neugeborenen leise und mit brüchiger Schmunzelstimme zu. „Der Mann schläft gefühlt zwei Stunden und sieht aus wie ein Gott… während ich mich fühle wie von einem LKW überrollt.“

Genau in dem Moment, als Gou mit einem kleinen, zufriedenen Glucksen die Brust losließ und Nami erschöpft die Augen schloss, durchbrach ein schrilles, energisches Klingeln die morgendliche Stille des Anwesens. Direkt darauf folgte ein heftiges, ungeduldiges Klopfen gegen das schwere Holz der großen Eingangstür.

Nami schreckte minimal aus ihrer Dösigkeit hoch und runzelte verwirrt die Stirn. Ein träger Blick auf die edle Standuhr im Salon verriet ihr die Uhrzeit: 8:42 Uhr.

Wer um alles in der Welt stand um diese Uhrzeit unangemeldet vor der Tür? Der Postbote lieferte um diese Zeit sicher nicht mit einer solchen Wucht ab.

Graham erschien wie aus dem Nichts im Salon. Er schritt mit seiner gewohnt unerschütterlichen Gelassenheit am Sofa vorbei in Richtung des Korridors, der direkt zur imposanten Eingangshalle führte.

„Ich gehe geradewegs nachsehen, Ma'am“, merkte der ältere Mann mit gewohnt stoischer Ruhe an und verneigte sich leicht, ehe er im Flur verschwand.

Nami schloss die Augen wieder und wollte sich entspannt zurücklehnen, doch die friedliche Stille hielt nur wenige Sekunden an. Plötzlich hallte ein deutliches Poltern durch die hohen Flure des Anwesens, gefolgt von einer schrillen, exzentrischen und unverwechselbar energetischen Stimme, die lautstark durch die Gänge tönte:

„Wooo ist mein Urenkelchen!?“

Nami entwich ein tiefes, langes Seufzen. Ihr Kopf sank ein Stück weiter in die dicken Sofakissen. Oma Yumi.

„Lass mich durch, Graham!“, schallte die gewohnt kompromisslose Stimme direkt hinterher, während das Haken von Absätzen auf dem Parkett immer näher kam. „Meine Enkelin hat meine Anrufe und Nachrichten seit gestern komplett ignoriert! Dabei ist es meine absolute Pflicht als Urgroßmutter, als Erstes einen Blick auf das Baby zu erhaschen!“

„Mrs.Tachiba, ich muss doch sehr bitten“, ertönte Grahams Stimme, die für seine Verhältnisse ungewohnt ernst und merklich gequält klang, während er versuchte, den Wirbelwind aufzuhalten. „Ein etwas späterer Zeitpunkt wäre nach der anstrengenden Nächte durchaus angebracht…“

Doch Graham hatte keine Chance. Genau in diesem Moment schwangen die flügeltürgroßen Zugänge zum Salon mit einem Schwung auf.

Oma Yumi stürmte in den Raum. Wie ein eleganter, aber absolut unaufhaltsamer Hurrikan blieb sie mitten auf dem kostbaren Teppich stehen. In einem auffälligen, farbenfrohen Ensemble, mit perfekt sitzendem Haar und Blitzen in den Augen steuerte sie zielgerichtet auf das Sofa zu, während Graham schicksalsschwer seufzend im Türrahmen stehen blieb und sich diskret die Schläfe rieb.

Die zierliche, alte Frau, die mit ihren spärlichen 1,58 Metern Körpergröße den gesamten Raum mit einer schier erdrückenden Energie erfüllte, marschierte energisch bis auf zwei Meter an das Sofa heran. Mit einer schwungvollen Bewegung hob Oma Yumi ihren polierten Gehstock und zeigte mit der hölzernen Spitze in Namis Richtung... genauer gesagt direkt auf das kleine, friedlich schlummernde Bündel in ihren Armen.

„Dieses Baby ist ja unglaublich schön geworden!“, verkündete Yumi in ihrer gewohnt schrullig-exzentrischen Art, während ihre Augen begeistert aufblitzten. Sie stemmte die freie Hand theatralisch in die Hüfte und sah Nami leicht entrüstet an. „Und du wolltest mir diesen Anblick ernsthaft vorenthalten? Ich kann es absolut nicht fassen, dass ich mein eigenes Urenkelchen erst nach zwei Tagen zu Gesicht bekomme!“

Noch ehe Nami auch nur den Mund öffnen konnte, um sich zu verteidigen, neigte Yumi den Kopf leicht zur Seite. Obwohl sie noch immer gute eineinhalb Meter entfernt stand, analysierte ihr scharfer Blick das Neugeborene in Sekundenschnelle.

„Ha!“, rief die alte Dame triumphierend aus und gestikulierte erneut mit dem Gehstock in der Luft. „Der Junge ist Kai ja wie aus dem Gesicht geschnitten! Das sehe ich selbst von hier drüben! Ich wusste doch gleich, dass dieser Mann hervorragende Gene hat. Sie haben sich ohne jeden Zweifel direkt durchgesetzt.“

Sie schnaubte amüsiert, trat mit den Absätzen näher an das Sofa heran und sah Nami mit einem spitzbübischen Funkeln an.

„Seien wir mal ehrlich, mein Schatz: Die Tachiba-Gene waren noch nie wirklich dominant…“, fuhr Yumi vollmundig fort und winkte ab, als wolle sie ein unbedeutendes Detail wegwischen. „…außer natürlich, was die Körpergröße betrifft!“

Nami entfuhr ein helles, gelöstes Lachen. Bei den Worten ihrer Großmutter stiegen sofort die Bilder der Männer ihrer Familie vor ihrem inneren Auge auf: ihr hochgewachsener, fasst zwei Meter großer Großvater Takeshi, ihr Vater Hiro, sein Bruder Takeru und natürlich ihr 1,90 Meter großer Zwillingsbruder Kenji. Die Tachibas mögen wenige Merkmale vererbt haben, aber in der Statur waren sie seit Generationen wahre Riesen gewesen.

„Guten Morgen, Oma“, begrüßte Nami die alte Dame herzlich und schenkte ihr trotz der tiefen Erschöpfung ein müdes, liebevolles Lächeln. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht geantwortet habe. Bitte verzeih mir… aber ich hatte die letzten achtundvierzig Stunden wirklich nur das Baby im Kopf.“

In diesem Moment trat Graham vollkommen geräuschlos heran, neigte höflich den Kopf und nahm Oma Yumi mit stoischer Eleganz den farbenfrohen Mantel ab.

Die 81-Jährige winkte nur flüchtig ab, als wolle sie Namis Entschuldigung im Keim ersticken, und ließ sich bereits mit erstaunlicher Schwungkraft direkt neben Nami auf das weiche Leder des Sofas sinken.

Sämtliche Exzentrik schien für einen kurzen Herzschlag von der alten Frau abzufallen, als sie den Kopf neigte und den friedlich schlummernden Gou mit einem überraschend sanften, zutiefst stolzen Blick bewunderte.

„Er ist wirklich wunderschön, mein Schatz…“, flüsterte Yumi leise, während ihre faltige Hand vorsichtig und federleicht über den kleinen Arm des Säuglings strich.

Doch die rührselige Stille währte nur genau drei Sekunden. Plötzlich zuckte Yumis Kopf nach oben. Ihre scharfen Augen fixierten Nami aus nächster Nähe, und ohne ein Fältchen im Gesicht zu verziehen, platzte sie frei heraus:

„Und? Wann ist das zweite geplant?“

Nami stockte auf der Stelle der Atem. Ihr Blick fror ein, ehe sie vor reiner Fassungslosigkeit ungehemmt losprustete. „Oma! Er ist doch gerade erst seit zwei Tagen auf der Welt!“

„Erst einmal… ist überhaupt nichts geplant.“

Die kühle, tiefdunkle Stimme hallte ruhig durch den Salon und schnitt mühelos durch das Gespräch. Kai war lautlos aus seinem Arbeitszimmer auf den Flur getreten und schritt nun mit den Händen entspannt in den Hosentaschen seiner schwarzen Hose in den Raum. Sein maßgeschneidertes, dunkles Hemd saß makellos, die Ärmel flüchtig bis zu den Unterarmen hochgekrempelt, und seine rubinroten Augen ruhten mit gewohnter, unerschütterlicher Gelassenheit auf Namis Großmutter.

Oma Yumi wandte den Kopf langsam zu Kai herum, während ihre Augen spitzbübisch aufblitzten. Sie stützte beide Hände auf ihren Gehstock, neigte das Kinn leicht nach oben und bedachte den jungen Mann mit einem prüfenden, kühnen Blick.

„Ach, mein lieber Kai“, hob die alte Dame unbeeindruckt und mit leuchtendem Schabernack in den Zügen an, „in deinem Alter sollte man doch keine kostbare Zeit verstreichen lassen! Wenn du vorhast, eine ordentliche Hiwatari-Dynastie aufzubauen, müsst ihr am Ball bleiben. Gou braucht schließlich eine vernünftige Gefolgschaft!“

Kai hielt mitten im Schritt inne. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich um keinen Millimeter, doch seine rubinroten Augen verengten sich minimal, während er die Ältere mit vollkommener Unverständnis fixierte.

„Ich bin einundzwanzig Jahre alt“, stellte er mit schneidender, absolut trockener Präzision klar und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Ich habe daher alle Zeit der Welt. Und Nami wird dieses Jahr erst zwanzig.“

Er sah kurz zu seiner Frau hinab, die sich glucksend die Hand vor den Mund hielt, um ihr Lachen zu verbergen, ehe sein kühler Blick zurück zu Oma Yumi wanderte.

„Falls jemals ein zweites Kind geplant sein sollte…“, fügte er mit unerschütterlicher, geschäftsmäßiger Gelassenheit hinzu, „…so kann das getrost in zehn Jahren noch umgesetzt werden. Vorerst ist die Nachfolge der Tachiwari-Corporation mit einem Erben vollkommen abgedeckt.“

Yumi schnaubte amüsiert auf und gestikulierte beiläufig mit der Hand. „Zehn Jahre! Pah! Bis dahin bin ich ja einhundertundeins! Wollt ihr eine alte Frau etwa so lange auf die Folter spannen?“

Nami krümmte sich vor amüsiertem Kichern auf dem Sofa, während Kai völlig unbeeindruckt an die Lehnes des Sofas trat. Er beugte sich ruhig zu Nami herab, legte eine Hand beschützend auf ihre Schulter und drückte ihr einen flüchtigen, rauen Kuss auf die Schläfe, ehe er Yumi gelassen ansah.

Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, während er die Ältere mit gewohnt kühler, analytischer Präzision beäugte.

„Laut meiner Berechnung bist du erst einundachtzig Jahre alt“, merkte er mit vollkommen trockener, geschäftsmäßiger Gelassenheit an. „In zehn Jahren wärst du somit einundneunzig. Die Wahrscheinlichkeit, dass du auch dann noch unangemeldet Türen einrennst, ist statistisch gesehen äußerst hoch.“

Oma Yumi schnaubte theatralisch auf, stützte sich stolz auf ihren Gehstock und winkte ab, während ihre Augen vor ungezähmter Lebensfreude funkelten.

„Ich muss doch eben ein bisschen Druck machen, mein Lieber!“, verkündete die alte Frau vollmundig und mit hochgezogener Braue. „Ich denke gar nicht daran, erst ins Gras zu beißen, ehe ich nicht ein vernünftiges Gefolge von mindestens zehn Urenkeln unter mir versammelt habe!“

Nami prustete erneut los und hielt sich den Bauch, während Kai keine einzige Miene verzog und dem Redefluss der 81-Jährigen stumm lauschte.

„Ich habe schließlich mehr als genug Enkel, die das gefälligst umsetzen könnten“, fuhr Yumi unverdrossen fort und gestikulierte energetisch mit dem Stock in der Luft. „Aber bisher haben ja erst mickrige zwei von euch überhaupt damit angefangen, eine ordentliche Familie zu gründen! Du und deine Schwester Hana, Nami! Der Rest lässt sich mal wieder schändlich viel Zeit. Und ich werde schließlich auch nicht jünger, während ihr alle Däumchen dreht!“

„Schändlich viel Zeit?“, wiederholte Nami fassungslos und strich sich die silbrigen Haare aus dem Gesicht. Sie schüttelte amüsiert den Kopf und blickte ihre Großmutter aus wachen, ozeanfarbenen Augen an. „Oma, Hana ist mit ihren fünfundzwanzig Jahren die Älteste von uns! Alle anderen sind gerade einmal Anfang zwanzig und meine Cousinen sind alle noch ledig. Du tust ja so, als wären wir alle schon späte Dreißiger!“

Oma Yumi stieß ein tiefes, dramatisches Seufzen aus und lehnte sich mit schwelgerischem Blick in die dicken Polster des Ledersofas zurück.

„Ach, Details!“, winkte die alte Dame ab und klopfte mit der Stockspitze energisch auf den kostbaren Teppich. „Ich spekuliere sowieso schon längst darauf, eine deiner Cousinen mit Elias zu verkuppeln, sobald dieser Prachtkerl wieder in Tokio ist.“

Nami unterdrückte ein weiteres Lachen, während Kai im Hintergrund eine Braue hochzog und das Spektakel schweigend beobachtete.

„Ich habe das damals bereits angekündigt und ich werde das ganz genau so durchziehen!“, verkündete Yumi mit absolutem, unumstößlichem Nachdruck und Blitzen in den Augen. „Die Gene dieses wunderschönen Mannes reserviere ich definitiv für die Tachibas. Es wäre eine absolute Schande, so etwas Ungeschliffenes an irgendjemand anderen zu verschwenden!“

Nami hielt es schlichtweg nicht mehr aus. Ein lautes, ungehemmtes Prusten entfuhr ihrer Kehle, und sie vergrub das Gesicht lachend in ihrer Hand. Die Vorstellung, wie Oma Yumi mit gewohnter Entschlossenheit Jagd auf den armen Elias machen würde, um ihn nun wirklich in die Tachiba-Familie einzulagern, war einfach zu absurd.

Kai hingegen schloss für einen langen, geduldigen Augenblick die Augen. Ein tiefes, kaum hörbares Seufzen entwich seiner breiten Brust. Er dachte nicht einmal daran, diesen haarsträubenden Verkupplungsplan seiner Schwiegermutter erneut zu kommentieren. Stattdessen wandte er sich mit gewohnt geschmeidiger, geschäftsmäßiger Eleganz um.

„Ich bin in meinem Arbeitszimmer“, erklärte er trocken in Namis Richtung. „Falls etwas sein sollte.“

Oma Yumi drehte den Kopf und beäugte die eindrucksvolle, athletische Statur des jungen Mannes, der bereits mit ruhigen Schritten auf den Ausgang zustrebte. Ein anerkennendes, hochzufriedenes Schmunzeln glitt über die faltigen Züge der alten Frau.

„Ich muss schon sagen, Kai… du hast wirklich hervorragende Arbeit geleistet“, tönte Yumis Stimme sonor durch den hohen Raum. „Das Baby ist wirklich absolut vorzüglich geworden! Aber gut, was erwartet man auch anderes bei so einem Prachtexemplar von Mann wie dir…“

Kai verlangsamte seine Schritte nicht, doch Yumis nächste Worte schossen mit einer so ungefilterten, dreisten Schamlosigkeit hinterher, dass die Luft im Salon für einen Herzschlag einzufrieren schien:

„…du solltest deine physischen Kräfte die nächsten Wochen allerdings etwas zügeln, mein Lieber! Immerhin ist meine liebe Enkeltochter noch mitten im Wochenbett und somit für dich absolut tabu. Beherrsch dich also gefälligst!“

Nami erstarrte mitten im Lachen. Eine schlagartige, kochende Hitze schoss ihr ins Gesicht und färbte ihre Wangen in ein tiefes Karamellrot.

Kai hielt mitten im Türrahmen abrupt inne.

Seine Hände ruhten noch immer gelassen in den Hosentaschen, doch seine Schultern spannten sich für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde spürbar an. Er schloss die Augen, atmete langsam und tief durch die Nase aus... ein Stummes Gebet um Beherrschung... , ehe er sich nicht einmal umdrehte. Ohne die absurde Bemerkung auch nur mit einer Silbe zu würdigen oder seine Miene zu verziehen, schritt er unvermindert und mit kühler, eisern regulierter Gelassenheit weiter den Flur entlang in sein Arbeitszimmer.

Nami sah ihm mit brennenden Wangen nach, ehe sie sich laut lachend zu Yumi umwandte. „Oma!“, quickte Nami auf. „Du kannst doch nicht einfach…!“

„Was denn?“, wiegte Yumi unschuldig den Kopf und strich sich absolut unbeeindruckt über ihren eleganten Gehstock. „Einer muss es diesem feurigen Burschen ja schließlich sagen.“

Nami schüttelte sich kurz vor Lachen, während die Röte auf ihren Wangen eher von der reinen Dreistigkeit und Amüsanz der Situation herrührte als von tatsächlicher Scham. Sie war schließlich viel zu sehr an Oma Yumis ungefilterte Art gewöhnt, um sich von so etwas wirklich aus der Fassung bringen zu lassen.

„Als ob du Kai sagen müsstest, wie er auf mich aufzupassen hat“, schnaubte Nami amüsiert, während sie den schlummernden Gou etwas höher an ihre Brust schob und sich wieder bequemer ins Sofa kuschelte. Ein liebevolles, warmes Schmunzeln glitt über ihre Lippen.

„Glaub mir, Oma… mein Mann ist in dieser Hinsicht vorsichtiger und beschützender als jeder Arzt es sein könnte.“

Oma Yumi hob nur spitzbübisch eine Augenbraue, sichtlich zufrieden damit, dass sie die kleine, perfekte Morgenruhe der beiden mit ihrer gewohnten Dynamik aufgewirbelt hatte.

„Pah, ein bisschen Vorsorge hat noch niemandem geschadet!“, meinte sie schnippisch, winkte ab und beugte sich dann wieder mit feuchten, stolzen Augen über ihren Urenkelsohn. „Aber gut… wie ich sehe, habt ihr hier alles fest im Griff. Und jetzt gib mir endlich deinen Sohn auf den Arm, Nami. Ich habe nicht umsonst Graham an der Tür überrannt!“

Nami schmunzelte warm, beugte sich achtsam vor und reichte der alten Dame das kleine, wunderbare Bündel. Oma Yumi legte ihren Gehstock beiseite und schloss ihre Arme überraschend geschmeidig um ihren Urenkelsohn. Sie bettete den schlafenden Gou an ihre Brust und begann sofort, ihn mit einem leisen, fast unmerklichen Wiegen sanft hin und her zu schaukeln.

Für einen kurzen Augenblick schien all die sprudelnde, exzentrische Energie von der alten Frau abzufallen. Yumi blickte auf das makellose, ruhige Gesichtchen des Babys hinab. Ihre Augen glänzten verdächtig im einfallenden Sonnenlicht, und ihre Unterlippe bebte für den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie ein leises, gerührtes Schniefen angestrengt unterdrückte. Sie blinzelte die aufkeimenden Tränen der Rührung rasch weg, streichelte mit den faltigen Fingerknöcheln ganz behutsam über die zarten dunklen Flaumhaare des Babys und beugte sich tiefer zu ihm herab.

„Du kleiner, perfekter Erdenbürger…“, tuschelte Yumi mit einer für sie ungewohnt leisen, samtigen Stimme direkt in Gous Richtung. Ein spitzbübisches Schmunzeln glitt jedoch augenblicklich wieder über ihre schmalen Züge, als sie leise fortfuhr: „Du wirst deine Eltern noch ordentlich auf Trab halten, nicht wahr? Und hoffentlich bekommst du ganz schnell noch viele kleine Geschwisterchen… damit dein Vater nicht einrostet und deine Urgroßmutter noch eine Menge zu tun hat.“

Nami, die die rührselige und zugleich gewohnt unerschütterliche Szene beobachtete, entwich ein langes, tiefes Seufzen. Sie schüttelte amüsiert den Kopf, fuhr sich mit der Hand durch das silbrige Haar und konnte schließlich nicht anders, als in ein helles, leises Kichern auszubrechen.

„Du gibst wirklich niemals Ruhe, oder Oma?“, raunte Nami amüsiert, lehnte sich wieder entspannt in die weichen Polster des Sofas zurück und sah ihrer Großmutter voller Zuneigung dabei zu, wie sie den kleinen Gou stolz und voller Urgroßmutterglück in den Armen wiegte.

Zwei Stunden später herrschte im Ayame-Anwesen wieder die gewohnte, ruhige Erhabenheit. Oma Yumi hatte sich nach ausgiebigen Kuscheleinheiten, unzähligen Ratschlägen und weiteren spitzbübischen Ansagen endlich verabschiedet. Der kleine Gou lag nun friedlich schlummernd in seinem geschmackvollen Stubenwagen mitten im lichtdurchfluteten Salon, während Graham diskret im Hintergrund über seinen Schlaf wachte.

Nami nutzte die seltene Gunst der Minute.

Mit leisen, leichten Schritten trat sie an der schweren Eichentür von Kais Arbeitszimmer vorbei und schob sich lautlos in den Raum. Das Zimmer roch vertraut nach dunklem Holz, edlem Leder und dem herben Duft von frisch gebrühtem Kaffee.

Kai saß hinter seinem massiven Schreibtisch. Vor ihm leuchteten mehrere Bildschirme mit Zahlenkolonnen der Tachiwari-Corporation, doch im selben Moment, in dem das leise Knarren der Türschwelle ertönte, hob er den Kopf. Seine faszinierenden rubinroten Augen verankerten sich augenblicklich auf ihr.

Ein samtiges, warmes Lächeln glitt über Namis Züge, als sie sich ihm näherte.

„Ist der alte Wirbelwind wieder abgezogen?“, erkundigte er sich ohne Umschweife mit gewohnt kühler, rau angehauchter Stimme, während er eine Hand vom Stift löste.

Nami entfuhr ein kurzes, helles Lachen über seine gewohnt trockene Wortwahl. „Du kennst sie doch mittlerweile, Kai…“, raunte sie amüsiert, wischte sich eine silbrige Locke aus der Stirn und sah ihn aus spitzbübisch funkelnden ozeanfarbenen Augen an. „Gib es zu: Ohne Oma Yumi wäre das Leben doch nur halb so unterhaltsam. Es wäre schlichtweg langweilig.“

Kai schmunzelte leise, ein kaum merkliches, aber zutiefst faszinierendes Zucken seiner Mundwinkel, und schob seinen Lederstuhl mit einer flüssigen Bewegung ein Stück vom Schreibtisch zurück.

Nami ließ sich die Gelegenheit nicht zweimal bieten. Ehe er etwas entgegnen konnte, schlüpfte sie geschmeidig an seine Brust und nahm direkt auf seinem Schoß Platz. Sie schlang einen Arm um seinen Nacken, lehnte sich mit einem Erleichterungsseufzer an seine breite, schützende Brust und genoss die vertraute Wärme, die augenblicklich von ihm ausging.

Kais Arm fand wie selbstverständlich seinen Platz um ihre Hüfte, verankerte sie fest auf seinen Oberschenkeln und zog sie noch ein Stück enger an sich heran.

„Langweilig vielleicht nicht“, brummte er trocken an ihrer Schläfe, während seine rauen Finger sanft ihren Rücken über den seidenen Stoff streichelten. „Aber definitiv um einiges ruhiger.“

Nami lehnte ihr Kinn auf seiner breiten Schulter ab und ließ die Finger flüchtig über den Kragen seines dunklen Hemdes gleiten. Ein spitzbübisches, zutiefst zufrieden wirkendes Schmunzeln stieg auf ihre Lippen, als sie sich noch etwas enger an ihn schmiegte.

„Es ist ehrlich gesagt ein absoluter Segen, dass Oma gar nicht weiß, dass ich durch meine starke Selbstheilung überhaupt kein Wochenbett habe…“, raunte sie leise und mit einem tiefen, frechen Unterton in der Stimme.

„Und dass wir Beide bereits heute Nacht wieder übereinander hergefallen sind. Sie wäre vermutlich hochgradig schockiert gewesen.“

Kai schwieg für einen kurzen Augenblick. Seine rauen Finger verharrten an ihrer Hüfte und drückten sanft, aber unmissverständlich zu. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal.

„Es ist auch absolut notwendig, dass so wenige Menschen wie möglich über deine heilende Aura Bescheid wissen“, entgegnete Kai mit schneidender, geschäftsmäßiger Präzision, in die sich jedoch eine bemerkenswerte, beschützende Schärfe mischte. „Je weniger Leute von deiner regenerativen Fähigkeit ahnen, desto sicherer bist du. Das war schon immer so und das gilt erst recht jetzt.“

Er hielt inne, neigte den Kopf ein Stück tiefer zu ihr herab und sah sie mit einem unnachgiebigen, kühlen Blick an, in dem ein dunkles Flimmern von reinem Besitzergreifen lag.

„Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich dich dringend bitte, die nächsten Wochen nur mit weiter Kleidung im Anwesen und draußen herumzulaufen“, fuhr er mit gewohnt ruhiger, rauer Stimme fort.

Nami hob überrascht eine Braue und sah ihn fragend an. „Weite Kleidung?“

„Ganz genau“, stellte Kai mit unerschütterlicher Gelassenheit klar, während ein feines, gefährliches Schmunzeln seine Züge überzog. „Damit absolut niemand sieht… wie vollkommen perfekt deine Figur nach nur zwei Tagen wieder ist. Ein flacher Bauch und diese straffe Silhouette würden viel zu viele unangenehme Fragen aufwerfen. Und außerdem… reicht es vollkommen aus, wenn ich diesen Anblick genießen darf.“

Nami sah ihn für einen Herzschlag stumm an, ehe ein leises, glückliches Kichern aus ihrer Kehle brach. Sie vergrub das Gesicht kurz lachend in seiner Halsbeuge, genießerisch die besitzergreifende, beschützende Ader ihres Ehemannes aufsaugend.

Nami richtete sich auf seinem Schoß ein Stück auf, neigte den Kopf leicht zur Seite und schenkte Kai einen durchtriebenen, unendlich neckischen Blick aus ihren schillernden, ozeanfarbenen Augen.

„Weißt du…“, raunte sie leise, während ihre Fingerspitzen langsam die feine Stoffnaht seines dunklen Hemdkragens nachfuhren, „…ich beobachte dich manchmal heimlich beim Duschen. Und ehrlich gesagt geht mir da exakt derselbe Gedanke durch den Kopf.“

Kai zog eine dunkle Augenbraue hoch, veränderte seine unerschütterliche Miene jedoch keinen Millimeter.

„Kaum jemand da draußen ahnt überhaupt, was für ein Makelloses Sixpack sich unter all deinen maßgeschneiderten Hemden und Sakkos verbirgt“, fuhr Nami schmunzelnd fort, während ihr Tonfall von purer Provokation sprühte. „Eigentlich ist es eine Schande, dass diese Perfektion so gut versteckt bleibt… aber wie du schon sagtest: Es reicht ja vollkommen aus, wenn ich diesen Anblick genießen darf.“

Ein tiefes, raues Schmunzeln glitt über Kais Züge. Ohne Vorwarnung packte er sie sanft, aber mit unnachgiebigem Griff an den Hüften, zog sie augenblicklich ein Stück höher und fixierte sie mit seinen glühenden rubinroten Augen aus nächster Nähe.

„Du denkst also, das war heimlich?“, raunte er mit tiefroher, dunkler Stimme dicht an ihren Lippen. „Ich habe jedes einzelne Mal ganz genau gespürt, wenn du durch den Türspalt gelinst hast, Nami.“

Nami hielt seinem intensiven Blick stand und brach in ein lautes, helles Lachen aus, das die ruhige Atmosphäre seines Arbeitszimmers auf das Angenehmste durchbrach. Sie schlang beide Arme um seinen Hals, schmiegte sich noch enger an seine starke Brust und sah ihn glücklich an.

„Dass dir das nicht entgeht, war mir natürlich von der ersten Sekunde an klar, Mr. Hiwatari“, gestand sie kichernd, ehe sie ihm einen sanften, liebevollen Kuss auf die Lippen drückte. „Aber das hat mich noch nie davon abgehalten, es trotzdem zu tun.“

Kai neigte den Kopf ein Stück weiter vor. Sein Griff an ihren Hüften intensivierte sich spürbar, und in seinen rubinroten Augen flackerte ein klares, unmissverständliches Feuer auf.

„Wenn ich nicht exakt in zwei Minuten diese Videokonferenz hätte…“, raunte er mit tiefroher, gefährlich samtiger Stimme dicht an ihrem Ohr, „…würde ich dich genau jetzt über diesen Schreibtisch werfen.“

Nami spürte ein tiefes, angenehmes Kribbeln in der Magengegend, doch ein amüsiertes, volles Schmunzeln glitt über ihre Lippen. Sie strich ihm sanft über die Wange und sah ihn mit spitzbübischem Blitzen in den Augen an.

„Glaub mir, die Versuchung ist groß, mein Zar…“, gab sie leise und mit einem frechen Unterton zurück, „…aber meine Beine zittern ehrlich gesagt immer noch von gestern Nacht. Und abgesehen davon… wartet da draußen ja noch mein Smartphone auf mich.“

Sie seufzte spielerisch auf und stand mit geschmeidiger Eleganz von seinem Schoß auf, während Kais Blicke jede ihrer Bewegungen intensiv verfolgten.

„Ich habe mir fest vorgenommen, mich jetzt endlich durch diesen gigantischen Berg von unbeantworteten Anrufen und Nachrichten zu kämpfen, ehe Oma Yumi das Gerücht streut, ich sei im Wochenbett verschollen“, fügte Nami lachend hinzu.

Kai ließ sie nur widerwillig ziehen. Ein trockenes, dunkles Schmunzeln glitt über seine Züge, während er den Stuhl wieder näher an den Schreibtisch rückte und das Headset griff.

„Viel Erfolg“, brummte er mit stoischer Gelassenheit. „Wenn dir die Nachrichten zu viel werden, sag Bescheid. Ein Knopfdruck und Armon legt das Mobilfunknetz im Umkreis von zwei Kilometern lahm.“

Nami blieb mitten im Raum abrupt stehen, wirbelte auf ihren Absätzen herum und starrte ihren Ehemann mit weit aufgerissenen, ozeanfarbenen Augen an. Ein völlig fassungsloses Lachen entfuhr ihrer Kehle.

„Bitte was macht er?“, platzte es aus ihr heraus, während sie die Arme vor der Brust verschränkte und die Stirn ungläubig kraus zog. „Ist das dein Ernst, Kai? Armon ist doch immerhin der Sicherheitschef im Tower! Seit wann gehört das Blockieren meines Smartphones zu seinem Aufgabenbereich?“

Kai rückte ungerührt seine Dokumente zurecht und zuckte mit keiner Wimper. Seine rubinroten Augen ruhten mit unerschütterlicher, geschäftsmäßiger Gelassenheit auf ihr.

„Er führt nur Befehle aus“, entgegnete Kai vollkommen trocken. „Und der Aufwand ist minimal. Kenny hatte damals doch diesen speziellen Störsender für die Auramessungen installiert, die Sobolevs Leute in der Gegend durchgeführt hatten.“

Nami blinzelte verwirrt und legte den Kopf leicht zur Seite. „Den Störsender…?“

„Ganz genau“, fuhr Kai fort und tippte beiläufig eine Tastenkombination auf seinem Laptop ein. „Kenny hat das System ausversehen so konfiguriert, dass es als Nebeneffekt das gesamte Mobilfunknetz im Umkreis sozusagen komplett aussperrt, wenn man die Leistung zu hoch einstellt. Kein Empfang, keine Benachrichtigungen, absolute Stille.“

Nami schüttelte amüsiert und leicht ungläubig den Kopf. „Aber Kai… wir brauchen diesen Sender doch überhaupt nicht mehr! Die Lage mit Sobolevs Leuten ist längst geklärt.“

Kai zuckte schlichtweg mit den Schultern. Ein kaum merkliches, extrem trockenes Schmunzeln glitt über seine Lippen, als er kurz zu ihr hochblickte.

„Er hängt immer noch draußen an der Außenfassade des Anwesens und ist momentan abgeschaltet“, merkte er pragmatisch an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Man müsste ihn lediglich wieder hochfahren. Und falls deine Verwandtschaft meint, dich heute noch weiter bombardieren zu müssen… wäre das eine äußerst effiziente Option.“

Nami prustete lachend los, ging zurück zu seinem Schreibtisch und beugte sich kurz vor, um ihm einen schnellen Kuss auf die Wange zu drücken.

„Du bist unmöglich, mein Schatz.“, raunte sie schmunzelnd. „Lass Armon und den Sender mal schön in Ruhe. Ich stelle mich meiner Familie und der Welt... auch ohne Hightech-Netzsperre.“