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Rastlos

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Rastlos

Die Luft in der unterirdischen Trainingshalle brannte förmlich. Wolborg fegte mit einer so unbarmherzigen, zerstörerischen Wucht durch die Arena, dass die glühende Aura des Bit-Beasts fast greifbar im Raum schien. Bryan und Spencer wurden mit jedem Zusammenprall tiefer in die Defensive gedrängt. Ihre Gesichter waren schweißnass, ihre Atemzüge schwer und unregelmäßig, während sie versuchten, dem brutalen Ansturm standzuhalten.

Doch das hier war längst kein sportlicher Wettkampf mehr. Es war ein Exempel, das Tala statuierte... an ihnen, an der Welt und vor allem an sich selbst.

Da reichte es Ian endgültig.

Mit einer langsamen, fast lässigen Bewegung löste er sich von der Wand, an die er sich bisher gelehnt hatte. Seine Arme glitten von der Brust, und mit ein paar Schritten trat er direkt an den Rand des Stadions. Seine Augen... kühl, analytisch und von einer tiefen, unerschütterlichen Ruhe durchsetzt... fixierten Tala, der mit stechendem Blick über die Brüstung gebeugt stand.

„Es reicht jetzt, Tala“, sagte Ian mit einer Stimme, die schneidend und ruhig durch das Kreischen der Beyblades drang.

Tala wandte den Kopf nicht ab, doch seine Kiefermuskeln zuckten. „Halt die Fresse, Ian. Das geht dich einen Scheiß an.“

„Tut es sehr wohl“, entgegnete Ian ungerührt, während er die Hände in die Taschen seiner Hose schob und das Duell mit einem herrischen Blick musterte. „Wir machen das Spielchen schließlich nicht erst seit gestern mit.“

Spencer wich währenddessen knapp einem harten Treffer von Wolborg aus, stieß ein wütendes Keuchen aus und schnappte nach Luft, ehe er Tala einen Blick zuwarf, in dem pure Erschöpfung und lang angestauter Groll lagen.

„Er hat recht, verdammt noch mal!“, keuchte Spencer, während er sein Beyblade mit letzter Kraft im Spiel hielt. „Glaubst du eigentlich, wir sind blind, Tala?! Seit vier Monaten hältst du diesen Laden hier in Atem!“

Bryan presste die Zähne aufeinander, während sein Beyblade bedenklich ins Schlingern geriet. „Vier Monate, Tala! Vier Monate lang ziehst du eine Fresse, zerstörst jede Woche mindestens zwei Arenen, säufst dir in irgendwelchen verlassenen Clubs die Kante und kommst morgens zurück, als wärst du durch die Hölle gegangen. Wir haben geschwiegen. Wir haben deinen Scheiß gedeckt, weil wir deine Teamkollegen sind!“

Talas Augen verengten sich zu eiskalten Schlitzen. Die Ader an seiner Schläfe pulsierte wild. „Ihr hattet nicht das Recht, hinter meinem Rücken irgendwelche Berichte an Kai zu schicken!“, zischte er mit einer Aggression, die den Raum zum Erbeben bringen konnte.

„Weil es nicht mehr anders ging!“, schrie Bryan fast zurück, während Spencer Wolborgs nächsten Angriff mit Mühe abwehrte. „Du bist kurz davor, dich selbst und uns komplett gegen die Wand zu fahren! Du bist wie ein Irrer, der vor seinem eigenen Schatten wegläuft, und jeder im Umkreis von fünfhundert Kilometern kriegt es ab, nur weil du zu feige bist, dir einzugestehen, dass du diese Lumina vermisst wie ein Süchtiger seinen Stoff!“

Das Wort traf Tala wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Für einen Sekundenbruchteil schien die Zeit in der Halle stillzustehen. Das Kreischen der Beyblades verblasste zu einem dumpfen Summen. Tala erstarrte am Rand des Stadions, die Hände verkrampft an der kalten Metallbrüstung. Die Wahrheit, die ihm Kai bereits am Telefon um die Ohren gehauen hatte, schlug nun von den eigenen Leuten mit voller Wucht zurück.

Ian trat noch einen Schritt näher an das Stadion heran. Sein Blick war scharf, fast musternd, als er den jungen Anführer fixierte.

„Du kannst noch so lange die Wände hochgehen und Bryan und Spencer als Zielscheibe nutzen, Tala“, sagte Ian mit eiskalter, unerbittlicher Klarheit. „Das ändert nichts daran, dass du hier stehst, deine Zeit mit sinnlosen Trainingskämpfen verschwendest… während sie in London ist und du dich wie ein beleidigtes Kind in deiner Höhle verkrochen hast.“

Talas Atem ging stoßweise. Sein ganzer Körper spannte sich bis zum Zerreißen an, als würde ihn jede einzelne Silbe von Ians Worten enger ein schnüren.

Für einen winzigen Moment schien der Druck der Wahrheit ihn tatsächlich zu zerreißen, doch sein eiserner, jahrelang antrainierter Stolz schlug sofort wie ein Schild vor ihn.

Ein kaltes, schneidendes Lachen entrang sich seiner Kehle... ein hohler, giftiger Laut, der jegliche Schwäche im Keim ersticken sollte.

„Glaubst du eigentlich wirklich den Müll, den du da von dir gibst, Ian?“, zischte Tala, während er sich gefährlich weit über die Brüstung nach vorne beugte und den anderen mit eisigem Blick fixierte.

„Du bildest dir wohl ein, du könntest hier den Psychoanalytiker spielen, nur weil du ein paar Wochen lang zu viel Zeit in dieser Halle verbracht hast.“

Ian blinzelte nicht einmal. Seine Augen blieben unerschütterlich auf Tala gerichtet. „Ich spiele keinen Psychologen, Tala. Ich sehe einfach nur Fakten. Und die Tatsache, dass du hier stehst und uns anbrüllst, weil dir die Wahrheit nicht in den Kram passt, beweist nur, dass ich voll ins Schwarze getroffen habe.“

Talas Gesicht verzerrte sich vor Zorn. Eine explosive Welle von Wut schoss durch seine Adern, angetrieben von der schmerzhaften Gewissheit, dass sie alle recht hatten. Doch anstatt einzulenken, schlug er mit noch größerer Härte zurück.

„Genug jetzt!“, schnauzte Tala und schlug mit der flachen Hand so heftig auf die Metallbrüstung, dass es im Raum hallte.

„Wenn ihr meint, ihr könnt hier auf cool machen und mir Vorschriften machen, wie ich mein Team zu führen habe, dann habt ihr euch gewaltig geschnitten! Aufheben! Blades in die Hand, sofort! Das Training ist noch längst nicht vorbei!“

Er erwartete, dass sie wie gewohnt zähneknirschend gehorchen würden. Er erwartete den gewohnten Widerstand, den er einfach mit eiserner Disziplin niederwalzen konnte.

Doch diesmal rührte sich keiner von ihnen.

Spencer starrte ihn für einen Herzschlag lang an, bevor ein bitteres, fassungsloses Kopfschütteln über sein Gesicht huschte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, öffnete er die Hand und ließ sein Beyblade mit einem dumpfen, harten Aufschlag auf den Betonboden fallen. Das Metall rollte ein paar Zentimeter weit und kam leblos zum Stillstand.

„Fuck you, Tala“, murmelte Spencer tonlos, wandte sich um und ging ein paar Schritte rückwärts weg von der Arena.

Bryan zögerte keinen Moment länger. Mit einer genervten Handbewegung fing er sein Blade auf und warf es achtlos auf den Boden hinter sich. „Spencer hat recht“, knurrte Bryan, während er sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn wischte. „Mach deinen Scheiß ab jetzt alleine.“

Talas Atem stockte. Seine Augen weiteten sich vor ungläubiger Wut, als er sah, wie Bryan und Spencer sich demonstrativ abwandten.

Er wandte den Blick augenblicklich zu Ian, dem Einzigen, der noch am Rand stand. Doch Ian machte keine Anstalten, nach seinem Blade zu greifen. Stattdessen schüttelte er langsam den Kopf, während ein kühler, fast enttäuschender Zug um seine Mundwinkel lag.

„Du bist ganz allein in diesem Ring, Tala“, sagte Ian mit leiser, messerscharfer Deutlichkeit. „Und solange du nicht kapierst, dass du gegen deinen eigenen Schatten kämpfst, wird sich daran auch nichts ändern.“

Mit diesen Worten drehte sich auch Ian um, schob die Hände in die Taschen und folgte den anderen mit langsamen, gleichmäßigen Schritten in Richtung Ausgang.

Die schwere, eiserne Tür der Trainingshalle fiel hinter ihnen ins Schloss. Ein dumpfer, schallender Schlag, der in der riesigen, leeren Halle nachhallte.

Tala stand allein.

Mitten in der Arena, umgeben von der kalten Luft, dem surrenden Echo seines eigenen Atems und der bleiernen Stille, die plötzlich wie ein Vakuum auf ihm lastete. Wolborg lag nun still und unbewegt vor ihm im Stadion.

Seine Atmung ging flach und schnell, und das hämmernde Pochen in seinen Schläfen war das Einzige, was in der plötzlichen, unerträglichen Stille noch zu hören war.

Ganz allein.

Die Worte brannten sich wie Säure in sein Bewusstsein. Kein Team, das er kommandieren konnte. Kein Beyblade-Duell, das er in diesem Moment als Ablenkung nutzen konnte. Nur er, seine verfluchte Sturheit und die nackte, ungeschönte Wahrheit, dass er sich selbst in diese Sackgasse manövriert hatte.

Ein leises, heiseres Ausatmen entwich seiner Kehle, das fast wie ein unterdrücktes Auflachen klang... trocken, voller Bitterkeit und purem Frust.

Mit einer abrupten, fast gewaltsamen Bewegung riss er die Hände von der Brüstung, griff in die Arena und packte sein Beyblade. Wolborg verschwand in seiner Westentasche, während er sich mit harten, fast mechanischen Schritten aus dem Stadion wandte. Er hielt sich nicht länger auf.

Er ließ die dunkle, kalte Trainingshalle hinter sich, stürmte den Korridor hinauf und schloss die Tür zu seinem Büro hinter sich ab, als würde ihm jemand im Nacken sitzen.

Dort stand er. Im halbdunklen Raum, der Blick starr auf den Schreibtisch gerichtet.

Die Erleichterung, die ihn vorhin noch kurz beschlichen hatte... das Wissen, dass sie ihm ihren Freiraum ließ... , wirkte jetzt wie ein finsterer Witz. Sie wartete nicht ewig. Kai hatte recht gehabt. Ian hatte recht gehabt. Jeder von ihnen hatte es längst durchschaut, während er hier saß und den starken Mann spielte.

Mit einer zornigen, ungeduldigen Handbewegung fischte er sein Smartphone aus der Tasche, entsperrte den Bildschirm und rief sofort wieder Luminas Profil auf. Das Reel, ihr strahlendes Lachen, die unbeschwerte Energie... es schien ihn zu verspotten.

Tala schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Seine Kiefermuskeln arbeiteten wild, während er auf das Display starrte.

Genug gespielt. Genug weggelaufen.

Mit ein paar harten, entschlossenen Tippbewegungen, die keinen Platz mehr für Zweifel ließen, rief er die App für Flugbuchungen auf. In weniger als zwei Tagen fing dieses Festival in London an. Und wenn er sich jetzt sofort auf den Weg machte, würde er rechtzeitig dort sein, um diesem verdammten Versteckspiel eigenhändig ein Ende zu setzen.

Ein kurzes, völlig humorloses Lachen entrang sich seiner Kehle... ein rauer, fast ungläubiger Laut, der in dem stillen Büro verhallte wie der Beweis seines eigenen Wahnsinns.

Was zur Hölle tat er da eigentlich?

Buchte er tatsächlich einen Flug? Einen stundenlangen, schweineteuren Flug quer durch die halbe Welt, nur um einer Frau hinterherzuspringen? Einer Frau, die ihn mit ihrem unerschütterlichen Strahlen seit Monaten komplett aus der Bahn warf?

Tala starrte auf das beleuchtete Display in seiner Hand, während sich ein Gefühl von surrealer Fremdheit in ihm ausbreitete. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Er erkannte sich seit vier Monaten... seit dieser verfluchten Hochzeit von Kai und Nami, auf der er ihr zum ersten Mal begegnet war... absolut nicht wieder. Jede seiner eisernen Prinzipien, jede logische Barriere hatte sich in Luft aufgelöst, ersetzt durch diesen nagenden, unstillbaren Hunger.

Doch es musste sein.

Vielleicht gab es keinen anderen Ausweg mehr. Vielleicht musste er ihr endlich von Angesicht zu Angesicht erneut gegenüberstehen, um dieses verdammte Biest von einem Gefühl in seinem Innern überhaupt erst wieder in den Griff zu bekommen.

Er tippte auf Luminas Profil, scannte die Kommentare unter ihren Beiträgen, suchte nach einem ganz bestimmten Namen. Nach Elias. Luminas Cousin.

Tala presste die Zähne aufeinander, dass der Kiefer schmerzte. Der Gedanke, Elias um Hilfe zu bitten, widerstrebte ihm bis ins Mark. Er schuldete diesem Typen nichts, und er hatte ganz gewiss nicht vor, Lumina im Vorfeld zu kontaktieren. Er konnte es einfach nicht ertragen, ihr per Nachricht zu sagen, dass er kam... das würde sich wie eine Kapitulation anfühlen.

Er musste unangemeldet vor ihr stehen.

Aber das Problem war simpel und niederschmetternd: Er hatte schlichtweg keine Ahnung, wo in London sie wohnte oder wann genau sie auf diesem Festival auftauchen würde.

Er brauchte einen Verbündeten. Und er wusste verdammt genau, dass Elias... wahrscheinlich kein gutes Haar an ihm lassen würde. Er wusste nicht einmal, ob Elias ihn überhaupt leiden konnte oder ob er ihm diesen Gefallen tun würde.

Doch in diesem Moment gab es keinen Platz mehr für Stolz. Er musste ihn herunterschlucken, so bitter es auch schmeckte.

Mit schwerem, unnachgiebigem Druck auf die Tasten öffnete Tala den Chat und begann, Elias zu schreiben.

Der Cursor blinkte unbarmherzig in dem hellen Textfeld des Messengers. Jedes einzelne Wort, das Tala in den Bildschirm tippte, schmeckte nach Asche und purem Stolzverlust. Es grenzte an Selbstfolter, den Namen des Mannes einzutippen, den er sonst wahrscheinlich mit Genuss ignoriert hätte.

Doch die Realität war unerbittlich: Ohne Elias würde er in London wie ein verlorener Tourist durch die Straßen irren, während das Festival längst tobte und Lumina vielleicht schon längst von anderen umschwärmt wurde.

Nach einigen getippten und sofort wieder gelöschten Zeilen... zu barsch, zu stolz, zu verlegen... brachte er schließlich eine knappe, unmissverständliche Nachricht zustande:

„Elias. Ich bin in zwei Tagen in London. Wo hält sie sich auf? Und spiel nicht den Unwissenden, du weißt genau, worum es geht.“

Er ließ dem Cousin keine Sekunde, um sich herauszureden. Mit einem harten Daumendruck feuerte er die Nachricht ab, warf das Smartphone auf den Schreibtisch, als hätte es ihn verbrannt, und fuhr sich schwer atmend mit beiden Händen über das Gesicht.

Jetzt hieß es warten. Auf eine Antwort, die vermutlich in Spott und bissigen Kommentaren über sein verflogenes, eisernes Image ertrinken würde.

Elias ließ sich nicht lange bitten. Die Antwort kam wenige Minuten später auf Talas Smartphone... knapp, spöttisch und mit einer unverkennbaren Portion Genugtuung, die durch das kalte Display hindurch fast greifbar war.

„Wurde auch Zeit, dass du aus deiner finsteren Höhle kriechst, Tala. Sie wohnt im Anwesen ihrer Eltern, genannt Davies Manor am Rande von London. Google einfach. Das Teil ist nicht zu übersehen. Viel Glück,... du wirst es mit Sicherheit nötig haben, denn mein Onkel Eric ist nicht sehr gut auf dich zu sprechen.“

Tala starrte auf das Display, während ein leises, gefährliches Grollen in seiner Kehle aufstieg. Davies Manor. Am Rande von London. Und als ob die Aussicht, sich durch das elterliche Anwesen schleusen zu müssen, nicht schon genug wäre, hatte Elias noch eine köstliche Kleinigkeit nachgeschoben: Sein Onkel... Lord Eric Davies...Luminas Vater, war absolut nicht gut auf ihn zu sprechen.

Mit den Zähnen aufeinandergepresst tippte Tala die Antwort in sein Smartphone, die Wut über diese bescheuerte Idee deutlich in den Tasten spürbar:

„Bei ihren Eltern aufzukreuzen ist absolut dämlich, Elias. Ich habe nicht vor, dort wie ein ungebetener Bittsteller auf der Matte zu stehen und mir von ihrem Vater das Genick brechen zu lassen.“

Er hielt inne, atmete einmal scharf durch, löschte die Hälfte und setzte den entscheidenden Satz nach, der ihn fast den letzten Rest seines verbliebenen Stolzes kostete:

„Ich will ihr auf dem Festival gegenübertreten. Bleib erreichbar, wenn ich in London bin. Ich werde deine Infos brauchen.“

Tala feuerte die Nachricht ab, bevor er es sich anders überlegen konnte, lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und starrte an die Decke.

Es dauerte keine Minute, bis das Display seines Smartphones erneut aufleuchtete. Ein kurzer, heller Ton durchschnitt die schwere Stille im Büro.

Mit scharfen Bewegungen hob er das Gerät auf und fixierte die eintreffende Nachricht. Elias klang in seinen Zeilen fast so, als würde er entspannt auf einer Couch sitzen und sich köstlich über ihn amüsieren.

„Wer hat eigentlich gesagt, dass ich dir helfe?“

Tala starrte auf die Worte, während eine Welle aus purem, unbändigem Zorn durch seine Adern schoss. Seine Kiefermuskeln pressten sich so fest aufeinander, dass es schmerzte. Mit einer langsamen, kontrollierten Geste schloss er die Augen und atmete durch die Nase aus, während seine Hand das Smartphone so fest umklammerte, dass das Gehäuse unter seinem Griff bedrohlich knisterte.

~Verdammt noch mal... ~

Er hätte diesen arroganten Kerl am liebsten eigenhändig gewürgt.

Bevor er auch nur ansatzweise eine ebenso giftige Antwort eintippen konnte, vibrierte das Display in seiner Hand erneut. Eine zweite Nachricht schob sich direkt hinterher.

„Aber um ehrlich zu sein... ich habe mich sowieso schon gefragt, wann du endlich zur Besinnung kommst und deinen Hintern in Bewegung setzt. Und du hast recht, es ist höchste Eisenbahn, Kumpel. Lumina hat auf diesem Festival tatsächlich ein Date.“

Tala stockte der Atem. Für einen Sekundenbruchteil schierte die Welt um ihn herum einzustüren. Ein Date? Lumina?

Doch Elias setzte sofort mit einer weiteren Zeile nach, die die hochexplosive Situation in seinem Kopf nur noch mehr anheizte:

„Keine Panik, sie tut das rein aus purer Langeweile und weil der Typ ihr absolut leid tat. Aber trotzdem... wenn du nicht bald aufkreuzt, könnte sich dieser bemitleidenswerte Kerl am Ende noch zu viele Hoffnungen machen. Also sieh zu, dass du rechtzeitig hier bist.“

Das Fass lief über.

Ein dunkles, gefährliches Grollen entrang sich Talas Kehle. Ein Date. Aus Langeweile. Aus Mitleid. Der Gedanke, dass ein anderer Mann auch nur in die Nähe von ihr kam... ganz egal, wie gleichgültig er ihr war... , entfachte ein solch wildes, besitzergreifendes Feuer in seiner Brust, dass jegliche verbliebene Skrupel oder Zögern augenblicklich verbrannten.

Keine Sekunde länger würde er hier rumsitzen und zusehen.

Mit einer harten, entschlossenen Wischbewegung schloss er den Messenger, warf das Smartphone in seine Westentasche und stand auf um in sein Penthouse zu fahren um seinen Koffer zu packen. Das Spiel war vorbei.

Jede Faser seines Körpers stand unter Strom, angetrieben von einer explosiven Mischung aus purem Jähzorn, ungeduldigem Adrenalin und diesem brennenden, alles verzehrenden Verlangen, das sich nun nicht mehr aufhalten ließ.

Ein Date. Aus purer Langeweile. Aus Mitleid.

Der Gedanke allein reichte aus, um sein Blut in den Adern zum Kochen zu bringen. Dass sich ein x-beliebiger Kerl in London auch nur im Ansatz erdreisten konnte, sich in Luminas Nähe aufzuhalten, trieb Tala an den Rand des Wahnsinns.

Mit harten, schnellen Schritten verließ er das RBA-Hauptgebäude. Die eisige Moskauer Abendluft schlug ihm entgegen, doch er nahm sie kaum wahr. Sein schwarzer Wagen stand auf dem reservierten Parkplatz, die Karosserie überzogen mit einer dünnen Schicht Eis. Er riss die Fahrertür auf, warf sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor mit einem aggressiven Aufheulen starten.

Die Fahrt zurück zu seinem Penthouse glich einem Höllenritt. Die dunklen, nassen Straßen Moskaus verschwammen in seinem Blickfeld, während er das Gaspedal gnadenlos durchdrückte. Jeder Kilometer, den er hinter sich brachte, fühlte sich wie verschwendete Zeit an. In seinem Kopf wiederholten sich die Worte von Kai, Ian und Elias wie ein unbarmherziger Trommelschlag.

~Du läufst vor deinem eigenen Schatten weg~

Genug gelaufen.

Als er das Penthouse erreichte, riss er die Tür auf und warf sie hinter sich ins Schloss, dass die Wände erbebten. Die kühle, minimalistische Eleganz seiner Wohnung wirkte auf einmal wie ein steriler Käfig. Keine Sekunde verlor er mit Nachdenken. Er zog eine schwere, dunkle Reisetasche aus dem Schrank und warf sie ungeduldig auf das breite Bett im Schlafzimmer.

Von gepflegtem Zusammenlegen konnte keine Rede sein. Mit harten, fahrigen Handgriffen raffte er dunkle Hemden, Hosen und Wechselsachen aus dem Kleiderschrank und stopfte sie in die Tasche, als ginge es um Leben und Tod. Seine Finger strichen kurz über die kalte Oberfläche von Wolborg, das sicher in seiner Westentasche lag, ehe er es mit einer bedächtigen, fast ehrerbietigen Geste in die Seitentasche der Reisetasche gleiten ließ.

Sein Pass, die Kreditkarten, das Smartphone... ein kurzer Griff, und alles war an Ort und Stelle.

Er warf einen letzten, scharfen Blick durch den Raum, zog sich den Mantel über die breiten Schultern und packte den Griff der Tasche so fest, dass das Leder unter seinem Druck knarzte. Mit langen Schritten verließ er das Penthouse, schloss die Sicherheitstür ab und trat den Weg zum Flughafen an.

London konnte sich warm anziehen.