In anderen Sphären
In anderen Sphären
Die Landung in London war unspektakulär gewesen... eine graue, schwere Nacht, in der die Reifen der Maschine mit einem lauten Quietschen auf dem nassen Asphalt von Heathrow aufgesetzt hatten.
Tala hatte sich ein Taxi genommen, das ihn durch den dichten, neonbeleuchteten Verkehr direkt ins Herz der britischen Metropole gebracht hatte.
Jetzt stand er im elften Stock eines modernen Luxushotels, nur wenige Minuten vom Gelände des Festivals in Soho entfernt, auf dem in knapp vierundzwanzig Stunden das Festival steigen würde. Ein Festival namens 'Open Winter Pub'.
Das Zimmer war in ein gedimmtes, kühles Licht getaucht. Die riesige Fensterfront aus raumhohem Glas gab den Blick auf ein unendliches Lichtermeer frei... London dehnte sich unter ihm aus wie ein riesiges, glitzerndes Raster aus roten Rücklichtern, nass glänzenden Straßen und dem fahlen Schein der Straßenlaternen, die durch den feinen, feuchten Nieselregen schimmerten.
Tala drückte die Handfläche gegen die kalte Glasscheibe. Seine dunklen, scharf umrissenen Züge spiegelten sich schwach in dem Glas, überlagert von der urbanen Kulisse da draußen. Seine Hand zitterte nicht, doch das Adrenalin, das noch vor wenigen Stunden wie Gift durch seine Adern geschossen war, hatte sich in eine tiefe, bleierne Unruhe verwandelt.
Hier war sie also. In derselben Stadt.
Nur ein paar Meilen entfernt, geschützt hinter den Mauern des elterlichen Anwesens... bereits tief im Schlaf, während er hier stand und den Atem anhalten musste, um nicht den Verstand zu verlieren.
Ein trockenes, dunkles Schnauben entwich seiner Kehle. Wer hätte gedacht, dass er einmal an diesen Punkt kommen würde?
Vier Monate lang hatte er geglaubt, er könnte diesen Sturm aussitzen. Vier Monate lang hatte er sich eingeredet, dass die Erinnerung an diese wilden, kompromisslosen Nächte in Tokio verblassen würde wie ein schlechter Traum. Und stattdessen saß er jetzt hier, auf der falschen Seite des Kontinents, getrieben von einer Eifersucht, die so roh und primitiv war, dass sie ihn von innen heraus zerriss.
Ein Date. Aus Langeweile.
Die Worte von Elias brannten sich immer noch wie glühendes Eisen in sein Gedächtnis. Selbst wenn es nur Mitleid war... selbst wenn dieser namenlose Kerl ihr absolut nichts bedeutete... , allein die Vorstellung, dass ein anderer Mann im selben Raum atmete, sie anblickte oder vielleicht auch nur versuchte, sie zum Lachen zu bringen, ließ das dunkle Biest in seiner Brust erneut unkontrolliert aufbäumen.
Er drehte sich langsam von der Fensterfront weg. Die schwere Reisetasche lag ungeöffnet auf dem breiten, makellos bezogenen Bett. Daneben lag sein Smartphone, das Bildschirmdisplay dunkel und leblos im Schatten.
Tala ging mit langsamen, schweren Schritten auf den Tisch zu, auf dem eine ungeöffnete Flasche Whisky stand, die das Hotel für seine Gäste bereitgestellt hatte. Ohne zu zögern, schraubte er den Deckel ab, schenkte sich einen Schluck in ein schweres Glas ein und stürzte den bernsteinfarbenen Alkohol in einem Zug herunter. Die Flüssigkeit brannte angenehm scharf in seiner Kehle, ein kurzer, physischer Schmerz, der ihn erdete.
Er stellte das Glas mit einem dumpfen Ton ab und griff nach dem Handy. Kein neuer Anruf. Keine Nachricht von Elias. Stattdessen flackerte auf dem Sperrbildschirm ein kurzes Update über das Festival auf... die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, die Tore würden morgen Mittag öffnen.
Morgen.
Tala starrte auf das schwarze Display, während seine Kiefermuskeln unmerklich zuckten. Das Warten war eine Folter, die jede Sekunde länger dauerte als sie sollte. Doch er war bereit. Die eiserne Fassade war gefallen, das stundenlange Weglaufen vorbei.
Morgen würde er vor ihr stehen. Und diesmal gab es kein Entkommen mehr.
Der nächste Morgen in London brachte kein Erbarmen. Der Jetlag zerrte erbarmungslos an Talas Nerven, ein stumpfer, hämmernder Schmerz hinter den Augen, den auch der gestrige Whisky nicht gänzlich vertrieben hatte. Mit finsterer Miene und den Händen tief in den Taschen seines Mantels saß er in einer ecke des hellen, steril-eleganten Frühstücksraums des Hotels.
Vor ihm auf dem Tisch stand ein Teller, den er mit unverhohlener Verachtung musterte. Eggs Benedict, triefend vor Hollandaise, daneben eine schwere, fettige Portion Sausage and Beans. Das war kein Frühstück, das war eine Zumutung für jeden, der auch nur ansatzweise auf seinen Körper achtete.
Er wollte etwas Anständiges, etwas Funktionales... ein einfaches Sandwich oder ein vernünftiges Proteinmüsli, das seine Energie auf das ausrichtete, was heute anstand. Stattdessen schien die britische Küche darauf ausgelegt zu sein, ihm schon vor dem ersten Schritt vor die Tür den Magen umzudrehen.
Mit einem abfälligen Schnauben schob er den Teller ein Stück von sich weg und lehnte sich zurück, während die Anspannung in seinem Körper minütlich wuchs.
Genau in diesem Moment summte sein Handy auf der glatten Holzoberfläche des Tisches. Ein kurzes, vibrierendes Geräusch, das in der gediegenen Atmosphäre des Raumes fast zu laut klang.
Tala warf einen scharfen, ungeduldigen Blick auf das Display. Eine neue Nachricht.
Absender: Elias.
„Na, großer Mann? Bist du nun tatsächlich in London aufgeschlagen oder hast du im letzten Moment kalte Füße bekommen und bist wieder umgekehrt? Sag bloß, du sitzt immer noch in deiner Moskauer Höhle.“
Talas Kiefermuskeln zuckten. Ein gefährliches, dunkles Glitzern trat in seine stechenden eisblauen Augen, während er das Gerät mit harten Fingern griff, um Elias eine Antwort zu schicken, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier die Fäden in der Hand hielt.
Mit raschen, ungeduldigen Fingern tippte Tala seine Antwort in das Display, während er den Teller mit dem fettigen Frühstück mit einem letzten, vernichtenden Blick bedachte:
„Gibt es hier in England eigentlich auch richtiges Essen oder lebt ihr alle nur von Fett und Würstchen? Ich brauche was Anständiges und keinen Herzinfarkt auf einem Teller.“
Es dauerte keine zehn Sekunden, bis das Handy erneut vibrierte. Elias schien förmlich auf sein Smartphone zu starren.
„Heul nicht rum, das ist britische Kultur, Kumpel. Aber wenn du so leidest… wollen wir zusammen frühstücken gehen?“
Bei diesen Worten zuckte Tala unwillkürlich zusammen. Eine Augenbraue schoss nach oben, und seine Hand verkrampfte sich so fest um das Gerät, dass seine Knöchel weiß wurden. Zusammen frühstücken?
Mit ihrem Cousin?
Fassungslos tippte er die nächsten Zeilen in die Tasten:
„Ist das ein verfluchter Scherz?“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, und man konnte die vergnügte Genugtuung in Elias’ Worten förmlich spüren:
„Null Scherz. Bin zufällig eh in der Nähe. Wenn du nicht gleich wie ein griesgrämiger Bär über die Hotelmöbel herfallen willst, hol ich dich ab. Ich zeig dir einen Spot, wo du dein heißersehntes Proteinzeug kriegst. Bis gleich.“
Mit leicht zusammengekniffenen Augen und dem unverkennbaren Drang, dem Kerl am liebsten den Hals umzudrehen, tippte Tala seine letzte Nachricht in das Display:
„Wehe, das ist ein Scheiß-Scherz. Ich hoffe inständig, dass ich da drüben etwas Richtiges zu essen kriege und nicht an eurem britischen Fett verhungere.“
Elias ließ sich nicht lange bitten. Die Antwort bestand aus genau einem winzigen Icon und einer kurzen Ansage: Einem zwinkernden Smiley und der Nachricht, dass er in zwanzig Minuten direkt vor dem Hotel stehen würde.
Exakt zwanzig Minuten später trat Tala durch die automatischen Glastüren des Hotels hinaus in die beißende, kalte Februarluft von Soho. Der feuchte Nieselregen des Vorabends war einer klaren, frostigen Morgenluft gewichen, die sofort in den Lungen brannte.
Draußen auf dem Gehsteig lehnte Elias mit einer lässigen, fast aristokratischen Selbstverständlichkeit an der Hauswand. Er trug einen eleganten, maßgeschneiderten langen Mantel, der seine breiten athletischen Schultern betonte, und sah in diesem Moment aus, als wäre er direkt den Seiten eines englischen Adelsmagazins entsprungen. Sein weißblondes Haar fiel leicht strähnig und im Nacken ein Stück länger über den Kragen, während seine makellose, blasse Haut mit seinen stechend himmelblauen Augen um die Wette schimmerte. Ein amüsiertes, fast schon spöttisches Lächeln lag auf seinen Zügen, als er den Blick hob.
Tala blieb mit finsterer Miene auf dem Absatz stehen. Seine eigene kalte, absolut unnahbare und stoische Ausstrahlung bildete einen krassen, harten Gegenpol zu Elias’ entspannter, fast mühelosen Eleganz. Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein konnten... und die jetzt, trotz aller vergrabenen Feindseligkeiten, unweigerlich aneinandergeraten waren.
Elias stieß ein leises, belustigtes Ausatmen aus, während er sich von der Hauswand löste und die Hände locker in den Taschen seines Mantels vergrub.
„Du siehst schrecklich aus, Tala“, stellte er ohne jede Umschweife fest und betrachtete die tiefen Schatten unter den Augen des Russen mit unverhohlener Neugier. „Aber gut, folg mir. Es gibt zwei Straßen weiter einen Laden, der tatsächlich genießbares Protein-Müsli serviert. Sogar ohne fettige Würstchen.“
Tala antwortete nicht. Er stieß nur ein tiefes, gefährliches Grollen aus, während er sich neben Elias schob und mit harten, gemessenen Schritten das Tempo vorgab. Die kühle Morgenluft von Soho brannte auf seiner Haut, doch die Hitze unter seiner Oberfläche war längst unkontrollierbar geworden.
Sie bogen um die nächste Ecke, vorbei an den Schaufenstern der noch geschlossenen Boutiquen und den ersten Lieferwagen, die die Pubs für das bevorstehende Festival belieferten.
„Wir stellen hier direkt ein paar Regeln klar, Kumpel“, brach Elias das eisige Schweigen. Seine Stimme klang nicht mehr ganz so spöttisch wie noch vor wenigen Minuten. Ein kühler, ernsthafter Ton mischte sich in seine Worte.
„Ich helfe dir nicht dabei, heute Nachmittag ein Massaker anzurichten.“
Tala wandte den Kopf nicht, doch seine Augen verengten sich zu eiskalten Schlitzen. „Ich brauche keine Verhaltensregeln von dir, Elias.“
„Doch, die brauchst du ganz offensichtlich“, entgegnete Elias ungerührt, während er vor einem kleinen, eleganten Bistro stehen blieb und Tala einen durchdringenden Blick aus seinen himmelblauen Augen zuwarf. „Lumina ist nicht dein Eigentum, das du mit Brachialgewalt aus der Arena schleifen kannst. Wenn du vorhast, heute auf diesem Festival wie ein wütendes Rumpelstilzchen aufzukreuzen, das Inventar zu zerlegen und sie vor ihren Freunden oder diesem armen Kerl bloßzustellen, dann drehst du am besten auf der Stelle um und fliegst zurück nach Moskau.“
Talas Kiefermuskeln arbeiteten wild. Seine Hände ballten sich in den Manteltaschen zu Fäusten. Der Drang, Elias einfach gegen die nächste Hauswand zu knallen und ihm das stolze Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen, war fast greifbar.
„Sie hat dich wie immer ganz bewusst nicht kontaktiert, Tala“, fuhr Elias unerbittlich fort, und der Schimmer von familiärem Beschützerinstinkt war plötzlich überdeutlich.
„Sie hat dir wieder deinen Freiraum gelassen. Sie hat ihr Leben weitergelebt. Wenn du also jetzt meinst, hier aufkreuzen zu müssen, dann will ich von dir wissen, was verdammt noch mal dein Plan ist. Was willst du von ihr?“
Die Worte hingen wie eine schwere Unwetterwolke in der frostigen Luft zwischen ihnen. Tala starrte den blonden Engländern an, die Ader an seiner Schläfe pulsierte bedrohlich. Doch anstatt auszurasten, schloss er für einen einzigen Herzschlag die Augen.
Die nackte Wahrheit war bitterer als jeder Whisky.
„Ich habe keinen verdammten Plan“, knurrte Tala schließlich mit heiserer, schneidender Stimme, öffnete die Augen wieder und fixierte Elias mit einem Blick, der den Boden unter ihnen hätte gefrieren lassen können.
„Ich weiß nur, dass ich es nicht länger ertrage, nicht vor ihr zu stehen. Und wenn dieser Typ meint, er könne sie anrühren, wird er herausfinden, was echte Probleme sind. Also gib mir die Details zum Festival... oder geh mir aus dem Weg.“
Elias musterte ihn für einen langen Moment schweigend. Dann glitt ein leises, fast anerkennendes Schmunzeln über seine Lippen.
„Na gut. Immerhin ehrlich“, murmelte Elias, stieß die Tür zum Bistro auf und bedeutete Tala einzutreten. „Setz dich. Ich erzähle dir genau, wann und wo die beiden heute Nachmittag auftauchen werden.“
Das kleine Bistro war geschmackvoll eingerichtet, mit dunklem Holz, polierten Messingdetails und dem dezenten Duft von frisch gebrühtem Espresso. Ein Kellner stellte Tala schweigend eine schlichte Schüssel mit proteinreichem Müsli und einen starken, ungesüßten schwarzen Kaffee vor die Nase.
Tala würdigte das Essen kaum eines Blickes; er schob den Löffel beiseite, lehnte sich vor und fixierte Elias mit einem Blick, der unmissverständlich klarmachte, dass die Schonfrist vorbei war.
Elias lehnte sich seelenruhig zurück, nahm einen Schluck aus seiner Tasse und musterte den Russen mit einem kalkulierten Lächeln.
„Bevor ich dir auch nur einen Ort oder eine Uhrzeit nenne, hör mir jetzt ganz genau zu, Tala“, begann Elias, und der spöttische Tonfall wich einer kühlen, unverkennbaren Ernsthaftigkeit. „Du bist hier nicht in Moskau oder in irgendeiner verlassenen Trainingshalle im Industriegebiet. Du bist in London. Und genauer gesagt im Dunstkreis meiner Familie.“
Tala presste die Zähne aufeinander, sagte aber nichts.
„Mein Onkel Eric... Luminas Vater“, fuhr Elias fort, während er die Tasse abstellte, „ist kein Mann, mit dem man sich leichtfertig anlegt. Er hält schützend seine Hand über seine Familie, und er ist absolut nicht gut auf dich zu sprechen, seit der Sache bei der Hochzeit und diesem... Pressefoto. Wenn du glaubst, du kannst hier aufkreuzen, das Festival in Schutt und Asche legen und einen Skandal verursachen, wird Eric dafür sorgen, dass du das Land schneller wieder verlassen musst, als dir lieb ist. Und das ganz ohne offizielle Papiere.“
Die Drohung hing unübersehbar im Raum. Es ging nicht nur um körperliche Gewalt oder den Stolz eines wütenden Mannes es war ein diplomatisches Minenfeld der Londoner Oberschicht, in das sich Tala gerade begab.
Tala atmete langsam durch die Nase aus, seine Augen verengten sich zu scharfen Schlitzen. „Ich bin nicht hier, um Tee mit ihrem Vater zu trinken, Elias. Ich will zu ihr. Wenn er mir nicht in die Quere kommt, gibt es keinen Grund für einen Krieg.“
Elias schmunzelte schwach, schien von dieser kompromisslosen Haltung fast beeindruckt zu sein. „Gut. Dann halten wir uns an den operativen Teil. Das ‚Open Winter Pub‘-Festival öffnet heute Mittag um zwei auf dem großen Platz in Soho. Der Ort wird überrannt sein von Leuten, was es dir einerseits leicht macht, unterzutauchen, dich aber andererseits zwingt, verdammt schnell zu reagieren, wenn du sie abfangen willst.“
Er lehnte sich ein Stück weiter vor und senkte die Stimme.
„Und was ihren Begleiter angeht...“, Elias verdrehte theatralisch die Augen. „Sein Name ist Julian Croft. Irgendein langweiliger Erbe einer Investment-Dynastie, dessen Vater sich unbedingt bei Onkel Eric einschleimen wollte. Lumina hat sich breitschlagen lassen, ihn auf einen Drink zu treffen, weil der Typ auf jeder Veranstaltung wie ein verirrter Welpe hinter ihr herlief und ihr schlicht und einfach leidtat. Sie langweilt sich zu Tode mit ihm. Er ist absolut keine Konkurrenz... aber er atmet in ihrer Nähe, und genau das scheint dir ja bereits den Verstand zu rauben.“
Talas Kiefermuskeln zuckten erneut. Bei dem Namen Julian Croft schloss sich der Kreis in seinem Kopf. Ein weicher, völlig unbedeutender Kerl, der sich im Schatten von Luminas Ausstrahlung sonnte. Die bloße Vorstellung reichte aus, um den Adrenalinspiegel in Talas Adern wieder nach oben schnellen zu lassen.
„Um vier Uhr nachmittags“, fuhr Elias fort, während er mit den Fingern leicht auf die Tischplatte klopfte, „treffen sich die beiden am großen zentralen Pavillon nahe der Eisbahn. Wenn du klug bist, nutzt du das Getümmel, schnappst dir Lumina, bevor Julian auch nur kapiert, was passiert ist, und verschwindest mit ihr, bevor mein Onkel Wind davon kriegt.“
Tala rührte sich nicht. Er saß da wie eine Raubkatze vor dem Sprung, die Informationen tief im Bewusstsein abgespeichert, jedes Detail, jeden Namen, jede Uhrzeit.
„Ich schulde dir nichts, Elias“, sagte Tala mit dunkler, fast tonloser Stimme, während er sich erhob und eine Banknote auf den Tisch warf, die die Rechnung bei Weitem überstieg.
„Aber die Infos waren nützlich.“
Elias lehnte sich entspannt zurück und sah ihm nach. „Vergiss nicht, was ich gesagt habe, Tala... spiel nicht den Elefanten im Porzellanladen. Sonst hole ich sie eigenhändig zurück.“
Tala antwortete nicht mehr. Er wandte sich um und verließ das Bistro.
Die Straßen von Soho kochten in einem eigentümlichen, geschäftigen Rhythmus, als Tala das Gebäude verließ.
Der beißende, eiskalte Februarwind pfiff durch die Häuserschluchten und zeichnete den Atem in kleinen, gefrorenen Wolken in die Luft. Es war kurz nach ein Uhr mittags. Noch knapp drei Stunden, bis das Unvermeidliche beginnen würde.
Tala hatte nicht vor, unvorbereitet in dieses Gewühl zu stolpern.
Mit tief ins Gesicht gezogenem dunklen Mantelkragen und Schritten, die ebenso kontrolliert wie unbarmherzig wirkten, bewegte er sich durch die Gassen Richtung Hauptplatz, auf dem das „Open Winter Pub“-Festival aufgebaut war. Schon aus der Entfernung drang ein dumpfer Teppich aus Musik, Stimmverwirrung und dem schweren Geruch von gebratenen Spezialitäten, Holzkohle und rauchigem Whiskey an sein Ohr.
Der Platz glich einem urbanen Winter-Areal. Rustikale, dekorierte Holzhütten und große, beheizte Schankzelte, die im schummrigen Licht von Lichterketten glänzten, bildeten ein enges Netz aus Gassen. In der Mitte des Areals thronte eine riesige, hochmoderne Schlittschuhbahn, umgeben von Menschenmassen in dicken Wollmänteln, Daunenjacken und Schals, die lachend Becher mit Mulled Wine oder heißen Punsch schwenkten. Für die Londoner war es das perfekte Winter-Wochenende.
Für Tala war es ein potenzielles Schlachtfeld.
Er blieb im Schatten einer überdachten Passage am Rand des Platzes stehen, unsichtbar im dichten Strom der Passanten. Seine Augen... kalt, scharf und unnachgiebig... musterten das Terrain mit der Präzision eines Jägers, der sein Revier absteckte.
Eingänge und Fluchtwege.
Er zählte im Kopf die potenziellen Fluchtoptionen. Zwei Hauptzugänge im Norden und Süden, drei engere Gassen im Westen, die direkt in die labyrinthartigen Nebenstraßen von Soho führten. Sollte Lord Eric Davies tatsächlich Männer hier platziert haben, durfte er sich nicht in die Enge treiben lassen. Seine Blicke glitten über die Gesichter von Security-Mitarbeitern in dunklen, gefütterten Jacken, die am Rand der Eisbahn postiert waren. Bislang wirkten sie entspannt und routiniert, fernab jeglicher Alarmbereitschaft. Niemand von ihnen rechnete mit einem unangekündigten Gast aus Moskau.
Mit langsamen, zielgerichteten Schritten bewegte er sich weiter vor, hinein in das Gedränge. Niemand achtete auf ihn; in diesem chaotischen Getümmel ging ein Mann mit seiner eisigen Ausstrahlung fast unter... oder stach gerade deshalb heraus wie eine Rasierklinge im Samt.
Schließlich erreichte er den Ort, den Elias beschrieben hatte: den großen zentralen Pavillon direkt neben der Eisbahn.
Ein massiver Holzbau mit rustikalen Balken, umgeben von Stehtischen und großen, roten Heizpilzen, die wohlige Wärme abgaben. Hier sollte es also passieren. Hier würde Julian Croft... dieser bedauernswerte, überflüssige Erbe... auftauchen, um Lumina mit belanglosem Geplänkel zu langweilen, während sie innerlich längst woanders war.
Tala blieb in sicherer Entfernung stehen, lehnte sich gegen den hölzernen Pfosten eines geschlossenen Stands und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt, jede Faser seines Körpers auf den Moment fixiert, in dem sich die Uhr auf den Nachmittag drehen würde.
Die Zeit schien zu kriechen. Jede Minute fühlte sich an wie Blei in seinen Adern.
Er atmete die kalte, winterliche Februarluft ein, während sein Blick den Eingangsbereich des Pavillons fixierte. Die Uhr auf seinem Display zeigte 15:45 Uhr.
Der Countdown lief.
Ein paar Straßen weiter, mitten im pulsierenden, eisigen Treiben von Soho, sah die Realität ganz anders aus als am isolierten Rand der Eisbahn. Das „Open Winter Pub“-Festival war kein einzelner, zentraler Marktplatz... es zog sich wie ein pulsierendes Adernetz durch das gesamte Viertel. Jeder einzelne Pub, von der traditionsreichen Eckkneipe bis zur modernen Bar, hatte sich für den heutigen Februartag in eine Event-Location verwandelt, bot Spezialprogramme, Live-Musik und exklusive Winter-Cocktails an, während sich die Menschenmassen von einer Station zur nächsten drängten.
Lumina schritt mitten durch dieses bunte Getümmel. Mit ihrer atemberaubenden Ausstrahlung... dem wallenden, silbrig-weißen Haar, das ihr bis zum Gesäß reichte, und den faszinierenden magentafarbenen Augen... zog sie unweigerlich die Blicke aller Passanten auf sich. Trotz der eisigen Kälte trug sie einen eleganten, hellen Wollmantel, der ihre makellose Figur betonte, und ging mit einer federnden, fast mühelosen Leichtigkeit neben Elias her.
Immer wieder wurde ihr Weg verlangsamt, weil sie hier jeder zu kennen schien. Mit einem charmanten Lächeln und einem auffälligen, strahlenden Grinsen, das noch ein Stück ausgeprägter und einnehmender war als das von Nami, winkte sie den vertrauten Pubbesitzern zu, die hinter ihren in Eichenholz gefassten Tresen standen oder vor den Türen Gäste anlockten.
„Hey, Lumina! Schön, dich zu sehen!“, rief ein älterer Wirt von der Tür eines gemütlichen Pubs herüber. „Hallo, Arthur! Sieht fantastisch aus bei euch!“, rief sie mit heller, glockenklarer Stimme zurück, bevor sie Elias einen vielsagenden, gequälten Seitenblick zuwarf.
Sobald sie an der nächsten Straßenecke für einen kurzen Moment dem direkten Lärm der Musik entkommen waren, stieß Lumina ein langes, hörbares Seufzen aus. Die frische Februarluft bildete kleine Wölkchen vor ihrem blassen Gesicht.
„Ich sage dir, Elias, ich habe so unendlich wenig Lust auf diesen Julian“, murmelte sie und verdrehte dabei theatralisch die magentafarbenen Augen. „Der Typ ist so unfassbar anstrengend. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, sterbe ich ein Stück weit innerlich. Warum habe ich mich überhaupt breitschlagen lassen?“
Elias, der die Hände tief in den Taschen seines langen Mantels vergraben hatte, konnte sich ein amüsiertes Grinsen kaum verkneifen, während er sie von der Seite musterte. Er wusste genau, was nur wenige Straßen weiter auf sie wartete... und dass die Langeweile mit Julian gleich schlagartig ein Ende haben würde.
Elias hob eine Augenbraue und grinste breit, während sie an einem lauten Pub vorbeischlenderten, vor dem gerade live irische Folkmusik gespielt wurde.
„Weißt du eigentlich, dass Julian an seiner Uni ein absoluter Mädchenschwarm sein soll?“, stichelte Elias mit einem unverkennbaren Unterton von amüsiertem Spott in der Stimme. „Bestimmt beneiden dich hunderte Studentinnen um diesen Fang.“
Lumina warf ihrem Cousin einen vielsagenden, belustigten Blick zu, während eine Strähne ihres silbrig-weißen Haares im eiskalten Februarwind über ihre Schulter wehte. Ihre magentafarbenen Augen blitzten dabei auf.
„Er mag ja ganz passabel aussehen, Elias, aber er ist schlichtweg totlangweilig“, winkte sie ab und schüttelte leicht den Kopf. „Und das Schlimmste ist: Er bildet sich ernsthaft ein, ich sei die ideale Partie für seine glorreiche Zukunft. Dabei weiß er ganz genau, dass ich absolut nicht pflegeleicht bin.“
Sie strich sich den Kragen ihres Mantels etwas höher, während ihr dieses charakteristische, auffällige Lächeln um die Lippen spielte.
„Es ist ja wohl kein Geheimnis, dass ganz London weiß, wie wählerisch ich bin“, fuhr sie fort, und in ihrer Stimme schwang ein Hauch von stolzer Unabhängigkeit mit. „Ich habe damals nicht umsonst mit Paul Huntington Schluss gemacht, nur weil er mir stets nachgelaufen ist wie ein treues Hündchen und entrüstet nach Luft geschnappt hatte, wenn ich ihm mal die Meinung gegeigt hatte. Ich brauche keinen hübschen Erben, der in mir nur eine glänzende Trophäe sieht, weil ich gut aussehe und adelig bin. Das ist mir viel zu flach.“
Ihre Augen verengten sich kurz, und in ihrem Blick lag ein hungriger, fast herausfordernder Funke.
„Ich brauche eine Herausforderung... das weißt du ganz genau.“, sagte sie mit Nachdruck, fast wie eine Frau, die genau wusste, wonach sie suchte, aber bisher nirgendwo fündig geworden war.
„Dominanz... jemanden mit einem verdammt starken Charakter, der meinem eigenen gewachsen ist und sich nicht sofort einschüchtern lässt. Ich brauche...“
Sie stockte mitten im Schritt. Ihr Blick verhakte sich kurz, als suchte sie nach den exakten Worten, um dieses verfluchte Gefühl in ihrem Innern zu beschreiben.
Elias, der genau wusste, was in den nächsten Sekunden passieren würde, hielt inne. Ein breites, diebisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Mit einer fast unverschämten Gelassenheit lehnte er sich leicht zu ihr herüber und warf im perfekten Moment ein:
„Jemanden wie... Tala?“
Ein leises, schweres Ausatmen entwich Lumina, während ihre silbrig-weißen Haare im eisigen Februarluftzug leicht über ihren Mantel tanzten. Sie schloss für einen winzigen Augenblick die magentafarbenen Augen, als wolle sie sich gegen die plötzliche Realität wappnen, die Elias mit diesem einen Namen heraufbeschworen hatte.
„Er ist stur“, begann sie mit einer Mischung aus Frustration und verhaltener Faszination in der Stimme, während sie neben ihrem Cousin weiter durch das bunte, laute Treiben von Soho schritt.
„Eiskalt. Dominant bis zum Erbrechen... und im Grunde eine wandelnde, neonblinkende Red Flag auf zwei Beinen.“
Sie öffnete die Augen wieder, und ein Funkeln von purem, ungezähmtem Verlangen lag in ihrem Blick, während sich ein auffälliges, strahlendes Lächeln auf ihren Zügen ausbreitete.
„Aber er ist wenigstens echt, Elias“, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen fast schwärmerischen, herausfordernden Ton an.
„Kein blasser Schatten von einem Menschen, der vor mir einbricht. Er ist so unglaublich hot, und bei jeder Sekunde, die wir zusammen verbracht haben, hatte ich das verflixte Gefühl, dass er von allen Männern da draußen einfach am besten zu mir passt.“
Elias, der die Hände tief in den Taschen seines eleganten Mantels vergraben hatte, warf ihr einen skeptischen, fast amüsierten Seitenblick zu. Er zog eine Augenbraue nach oben, während sie an einer Holzhütte vorbeikamen, aus der der schwere Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein strömte.
„Sei mir nicht böse, Lumina, aber wieso bist du dir da eigentlich immer noch so verdammt sicher?“, hakte er mit einem kritischen Unterton nach.
„Bis jetzt war das, was du und Tala hattet, zu gefühlten neunzig Prozent eine rein körperliche Angelegenheit. Da war von emotionaler Stabilität oder Zukunftsplänen bisher verdammt wenig zu sehen.“
Lumina blieb für einen kurzen Moment stehen, während um sie herum das bunte, lärmende Gewimmel des Festivals tobte. Ein kalter Windstoß strich über ihr blasses Gesicht und ließ die Strähnen ihres silbrig-weißen Haares, noch ein wenig wilder um ihre Schultern wehen. Sie warf Elias einen scharfen, völlig unbeeindruckten Blick zu, in dem ihre magentafarbenen Augen aufblitzten.
„Stabilität? Du meinst... Heiraten? Kinder kriegen?“, gab sie mit einem kurzen, fast spöttischen Schnauben zurück. „Elias, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie auch nur eine Sekunde ernsthaft darüber nachgedacht, mir so ein spießiges Zukunftsszenario auszumalen. Für mich zählt nur das Hier und Jetzt. Ich bin nicht Nami, auch wenn ich ihr ähnlich sehe.“
Sie trat wieder dicht an ihn heran, während sich dieses auffällige, strahlende Lächeln auf ihren Zügen ausbreitete... eine Mischung aus purem Selbstbewusstsein und ungezügelter Lebensfreude.
„Wenn ich wirklich darauf aus wäre, nach der Fuchtel meines Vaters zu tanzen und die brave, gehorsame Erbin zu spielen, würde ich mir dafür ganz gewiss nicht Tala aussuchen“, fügte sie mit einer Mischung aus Amüsement und kühler Entschlossenheit hinzu. „Damit würde ich ihn wahrscheinlich direkt in den Herzinfarkt treiben.“
Dann jedoch erlosch das spielerische Blitzen in ihren Augen für einen winzigen Augenblick. Sie wandte den Blick ab, sah in die Menge und stieß ein langes, schweres Seufzen aus, das den eisigen Atem in der Luft gefrieren ließ.
„Aber es sieht wohl so aus, als sei Tala... immer noch zu sehr in den Traumata seiner Vergangenheit gefangen“, murmelte sie, und ein Hauch von bitterer, ungesagter Realität schwang in ihrer Stimme mit. „Er zerfrisst sich immer noch selbst mit diesem Scheiß, und er läuft seit Monaten vor sich selbst weg.“
Ein kurzes, helles Kichern entrang sich ihrer Kehle, das sofort von dem Lärm des umgebenden Festivals verschluckt wurde. Mit einer fast leichtfertigen Handbewegung strich sich Lumina eine Strähne ihres silbrig-weißen Haares aus dem Gesicht, während ihre magentafarbenen Augen vor spitzbübischer Vorfreude glänzten.
„Vier Monate... “, sagte sie mit einem amüsierten Kopfschütteln, während sie neben ihm weiterging. „Ich rechne sowieso nicht im Traum damit, dass er vor Ablauf eines ganzen Jahres überhaupt irgendeine Art von... Eingeständnis über die Lippen bringt. Dafür ist er viel zu starrsinnig.“
Sie schmunzelte, und dieses charakteristische, auffällige Strahlen breitete sich auf ihrem blassen Gesicht aus.
„Ich warte doch im Grunde nur darauf, dass er in den nächsten Monaten in Tokio aufkreuzt“, fuhr sie fort, und in ihrer Stimme schwang eine fast triumphierende Zuversicht mit. „Spätestens ab Mai, wenn du und ich dort mit dem Studium beginnen, wird er es ohnehin nicht mehr aushalten, am anderen Ende der Welt zu sitzen.“
Ein vielsagendes, dunkles Funkeln trat in ihren Blick.
„Und dann...“, hauchte sie fast leise, während sie Elias einen letzten, bedeutungsvollen Seitenblick zuwarf, „werden das sicher wieder unvergessliche Nächte. Und ich werde es mir verdammt noch mal nicht nehmen lassen, seinen eisernen Panzer noch ein weiteres Stückchen anzukratzen.“