Auf die 'Kai-Art'
Auf die 'Kai-Art'
„Das kannst du gerne tun, Lumina. Aber... jetzt gehört deine Aufmerksamkeit ersteinmal diesem schleimigen Typen da vorne."
Elias warf ihr noch ein spöttisches, vielsagendes Salutieren zu und bog mit den Händen tief in den Manteltaschen in eine Seitengasse ab, um sich dezent im Hintergrund zu halten.
Lumina ließ die Schultern für einen Sekundenbruchteil sinken und stieß ein leises, von der Februarluft sofort gefrierendes Seufzen aus. Sie strich sich mit einer eleganten Bewegung das silbrig-weiße Haar über die Schulter, schüttelte die gedankliche Präsenz von Tala kurz ab und setzte ihr makelloses, aristokratisches Lächeln auf.
Mit stolzer Haltung und müheloser Anmut schritt sie auf den großen, zentralen Pavillon nahe der Eisbahn zu.
Schon von Weitem fiel ihr Blick auf die Gestalt, die dort an einem der mit Tannengrün geschmückten Stehtische wartete... direkt unter dem warmen, rötlichen Schein eines Heizpilzes.
Julian Croft sah objektiv betrachtet unverschämt gut aus. Er besaß das makellose, fast schon zu perfekt gestaltete Äußere der britischen High Society. Sein goldblondes Haar war akkurat gestylt, trotz jedem eisigen Windstoß, und seine tiefgrünen Augen blitzten auf, als er Lumina in der Menge entdeckte. Seine Statur war schlank, aber durch jahrelanges Polospiel und privaten Fitnesstrainer sportlich durchtrainiert, betont durch einen teuren, maßgeschneiderten Designer-Mantel in dunklem Camel.
Als Lumina auf ihn zusteuerte, breitete sich auf seinen Zügen ein breites, selbstgefälliges und spürbar schleimiges Grinsen aus. Er wirkte vollkommen von sich überzeugt... der Prototyp eines jungen Mannes, der es gewohnt war, dass man ihm Türen öffnete und dass Frauen auf sein Aussehen und sein Bankkonto ansprangen.
~Gott, ich müsste mich selbst ohrfeigen~
dachte Lumina innerlich, während ihr Lächeln nach außen hin kein Stück nachließ.
~Warum zur Hölle habe ich diesem Mitleids-Date überhaupt zugestimmt? Ah ja... weil mein Vater meinte, es wäre ein ‚guter Ton‘~
„Lumina!“, rief Julian mit geschulter, wohlklingender Stimme, die ein wenig zu laut war, als wolle er sichergehen, dass die Umstehenden mitbekamen, wer bei ihm stand. Er trat ihr entgegen, griff nach ihren Händen und neigte sich nach vorne, um ihr einen leichtes Kuss auf die Wange zu hauchen. „Du siehst wie immer absolut atemberaubend aus. Ich dachte schon fast, der Londoner Verkehr hätte dich aufgehalten.“
„Julian“, entgegnete Lumina geschmeidig und zog ihre Hände sanft, aber bestimmt aus seinem Griff zurück. „Keineswegs. Das Festival ist nur wunderbar voll heute.“
„Absolut“, stimmte er sofort zu, während seine grünen Augen über ihre Züge glitten, als taxiere er ein besonders wertvolles Sammlerstück. Er winkte mit einer beiläufigen Geste einem Kellner am Pavillon.
„Ich habe uns schon zwei Becher vom exklusiven Gewürzwein gesichert. Nur das Beste für dich, selbstverständlich.“
Er reichte ihr einen dampfenden Becher, wobei sich seine Lippen erneut zu diesem überheblichen Lächeln verzogen. Lumina nahm das Getränk entgegen, nippte kurz daran und unterdrückte ein erneutes Augenrollen. Julians Blick verriet genau, was in seinem Kopf vorging: Er hielt sich bereits für den Sieger des Nachmittags.
Sofort plapperte Julian unaufhörlich weiter, seine Stimme wohlklingend, aber monoton und vollkommen auf sich selbst fixiert. Er breitete details über seine letzte Polosaison aus, seinen „strategischen“ Sieg beim Investment-Wettbewerb und seine Pläne für die „Zukunft“, in der er sie offensichtlich als die perfekte Trophäe an seiner Seite sah.
Sein Camel-Mantel umhüllte ihn, und unter dem Heizpilz wirkte er unheimlich selbstgefällig, während seine grünen Augen glänzten.
Lumina stand da, hielt den dampfenden Becher mit Gewürzwein und nickte mechanisch. Ihr elegantes, silbrig-weißes Haar bewegte sich leicht im eiskalten Februarwind, der jenseits der Pavillon-Wärme wehte. Sie trug ihren hellen Wollmantel, und ihr Lächeln war eine sorgfältig gepflegte Maske aristokratischer Höflichkeit.
Innerlich war sie jedoch längst abgedriftet.
Julian’s Worte klangen wie ein fernes Rauschen, während ihre Gedanken unaufhaltsam zu Tala zurückkehrten. Zu dem eiskalten, sturen, dominanten Russen mit den eisblauen Augen und der Red-Flag-Ausstrahlung, der aber wenigstens... echt war.
Sie dachte an ihre wilden, kompromisslosen Nächte in Tokio, an die ehrlichen, rohen Momente, die so unendlich wertvoller waren als Julians eitles Geplänkel. Sie erinnerte sich an ihre Worte zu Elias: „Vier Monate... ich rechne sowieso nicht im Traum damit, dass er vor Ablauf eines ganzen Jahres überhaupt irgendeine Art von... Eingeständnis über die Lippen bringt.“ Die Sehnsucht fraß sich durch ihre Langeweile.
„Wir als Team... mein Vater meint, das wäre wundervoll... “, drang Julians Stimme wieder an ihr Ohr, und sie antwortete mit einem halbherzigen, „Wirklich, Julian? Das klingt... tatsächlich interessant.“, bevor sie wieder ins Leere blickte.
Lumina blinzelte kurz.
Ihre magentafarbenen Augen fokussierten sich jenseits der Wärme des Pavillons und des Heizpilzes, in das pulsierende Gewimmel des Festivals. Die bunte Menge, Lichterketten, das ferne Lachen.
Inmitten des Chaos aus Mänteln und Schals glaubte sie, einen Schopf roter Haare zu erkennen. Rote Haare, ein vertrauter Farbton, der ihr sofort bekannt vorkam. Wie ein Signalfeuer im eisigen Februar. Ihr Herz setzte unkontrolliert einen Schlag aus. Sie hielt inne, der dampfende Becher in ihrer Hand erstarrte.
Waren das rote Haare? Wie Tala?
Ein winziger, wilder Funke Hoffnung flackerte in ihrer Brust auf.
Jemand Echtes. Jemand Vertrautes.
Vielleicht nicht Tala, aber jemand, der sie aus dieser Öde befreite.
Sie blinzelte schnell, ihre magentafarbenen Augen weiteten sich. Sie atmete zittrig aus, ein kurzer, eiskalter Atemzug.
Nein.
Die rothaarige Gestalt war flüchtig, vielleicht nur eine Verwechslung oder eine Frau mit einer ähnlichen Haarfarbe oder Mütze, die in der Menge verschwand. Die Vision war weg, bevor sie sie wirklich festhalten konnte.
Ein leises, schweres Seufzen entwich ihr, das den eisigen Atem in der Luft gefrieren ließ. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, während sich das auffällige, strahlende Lächeln wieder mühsam auf ihren Zügen ausbreitete.
~Gott, Lumina. Was ist nur los mit dir?~
mahnte sie sich innerlich streng.
~Hör auf damit. Tala ist in Moskau. Du halluzinierst nur wegen deines eigenen Wunschdenkens. Es ist Februar. Nicht Mai. Nicht Tokio. Du bist hier mit Julian. Konzentrier dich.~
Sie nippte an ihrem Becher, um die innere Unruhe zu verbergen, und zwang sich, Julian wieder zuzuhören, dessen Stimme wie ein monotones Echo weiterging. Er hatte nichts bemerkt und redete ungerührt über sich selbst.
Lumina spürte, wie sich mitten in Julians unaufhörlichem Redefluss ein ermüdetes Gähnen in ihrer Kehle anbahnte. Mit einer schnellen, fast unmerklichen Bewegung presste sie die Zähne aufeinander und tat so, als müsse sie sich nur kurz den Kragen ihres hellen Wollmantels höher ziehen, um das verräterische Zucken ihrer Mundwinkel zu verdecken. Der eisige Februarwind, der um den hölzernen Pavillon strich, bot ihr eine perfekte Ausrede.
Julian schien in seiner eigenen, selbstverliebten Welt ohnehin kaum zu registrieren, ob sie tatsächlich zuhörte oder ob sie innerlich bereits auf dem Mars war. Er wechselte das Thema... oder vielmehr lenkte er es auf ein Gebiet, das ihm offenbar ein diebisches, überhebliches Vergnügen bereite.
Seine tiefgrünen Augen blitzten auf, und sein Grinsen wurde noch ein Stück schleimiger, als er sich einen Schritt näher zu ihr herüberbeugte.
„Sag mal, Lumina...“, hob er mit diesem künstlich vertraulichen Tonfall an, der in ihren Ohren klang wie Fingernägel auf einer Tafel.
„...hast du eigentlich in letzter Zeit noch mal etwas von Paul gehört? Von Paul Huntington?“
Luminas Hand, die den Becher mit dem dampfenden Gewürzwein hielt, erstarrte. Eine plötzliche, kühle Reglosigkeit legte sich über ihre Züge.
Julian bemerkte es natürlich nicht... oder er interpretierte ihr Schweigen völlig falsch. Er schmunzelte selbstgefällig, überzeugt davon, hier gerade einen spannenden Punkt berührt zu haben.
„Man hört ja so einiges in den Kreisen“, fuhr er fort und nahm einen Schluck von seinem Drink. „Der Kerl läuft auf jeder Veranstaltung immer noch herum wie ein geprügelter Hund, der sein Herrchen sucht. Er scheint den Sommer und die Art und Weise, wie du ihn damals einfach abserviert hast, bis heute nicht überwunden zu haben. Ganz ehrlich, er tut mir fast ein bisschen leid... na ja, fast.“
Lumina stieß ein kurzes, trockenes Schnauben aus, das scharf genug war, um den aufsteigenden Dampf ihres Getränks zu zerteilen. Sie fixierte Julian aus ihren faszinierenden, magentafarbenen Augen, und für einen winzigen Moment loderte in ihrem Blick ein so kühles, unbarmherziges Feuer auf, dass der junge Erbe unwillkürlich die Stirn in Falten legte.
„Paul Huntington ist ein Kapitel, das schon seit fast einem Jahr der Vergangenheit angehört, Julian“, sagte sie mit einer Stimme, die so glatt und eiskalt war wie eine gefrorene Glasscheibe. „Dass er es bis heute nicht verkraftet hat, dass ich ihm damals nach ein paar Wochen die Tür gewiesen habe, ist ganz allein sein Problem, nicht meins. Wenn er ein zu schwaches Rückgrat hat und nicht damit klarkommt, dass ich mir nicht vorschreiben lasse, wie ich zu leben habe, hätte er sich eben eine andere Partnerin suchen sollen.“
Julian lachte nervös auf, versuchte das plötzliche, unangenehme Klima zwischen ihnen mit einem schnellen Schluck zu überspielen und zuckte mit den Schultern.
„Schon gut, war ja nur eine Neugierde... Man fragt sich eben nur, welcher Mann überhaupt das Zeug dazu haben soll, dich auf Dauer zu bändigen, wenn selbst Typen wie Paul an dir zerbrechen.“
~Niemand, den du jemals verstehen wirst, du armseliger Narr~
dachte Lumina mit einem eisigen inneren Lächeln, während sie den Blick wieder demonstrativ in die Menge schweifen ließ.
~Ganz bestimmt kein glatter, langweiliger Schnösel, der bei jeder Gelegenheit in der Vergangenheit wühlt~
Ein scharfer, eisiger Windstoß riss an den Lichterketten über dem Pavillon und schlug unbarmherzig durch den dicken Stoff von Luminas hellem Wollmantel. Sie schauderte unwillkürlich kurz vor Kälte, während ein winziger, frostiger Schauer über ihren blassen Rücken lief. Die britische Februarluft kroch ihr erbarmungslos bis unter die Haut.
Julian, der das schmale Zittern ihrer Schultern bemerkte, räusperte sich wichtig. Er sah darin sofort die perfekte Gelegenheit, sich als fürsorglicher und entschlossener Kavalier zu präsentieren. Seine grünen Augen blitzten auf, und er strich sich mit einer polierten Handbewegung über das akkurat frisiert goldblonde Haar.
„Es zieht hier ziemlich, merk ich gerade“, meinte er mit einem Tonfall, der fast ein wenig zu geschmeidig klang. „Wie wäre es, wenn wir uns in einen der Pub-Clubs hier am Rand verkrümeln? Die haben für das Festival heute Abend drinnen ordentlich eingeheizt... und ein bisschen Musik und Bewegung bringen uns sicher auf andere Gedanken.“
Lumina hielt für einen Herzschlag inne. Der Gedanke, in einem überfüllten, schwülwarmen Club eng an Julians Seite zu stehen, klang in der Theorie fast genauso öde wie das bisherige Date. Aber die Alternative... hier weiter zu erfrieren und sich noch eine Sekunde sein selbstgefälliges Geplänkel anzuhören... war schlicht unerträglich.
Ein helles, fast erleichtertes Aufatmen lag in ihrer Stimme, als sie sich von dem Stehtisch löste und den halbvollen Becher abstellte. Ihre magentafarbenen Augen musterten ihn mit einer plötzlichen, ungeduldigen Entschlossenheit.
„Von mir aus sehr gerne, Julian“, sagte sie mit einem charmanten, aber unmissverständlichen Nachdruck.
„Hauptsache, wir bewegen uns jetzt mal vom Fleck.“
Die schweren Holztüren des Pub-Clubs öffneten sich, und sofort schlug ihnen eine Woge aus angenehmer Wärme, gedämpftem Bass und dem geschäftigen Stimmengewirr der feiernden Menge entgegen. Drinnen war der Laden für das Festival-Spezialprogramm aufwendig dekoriert: Schimmernde Lichterketten zogen sich über die dunklen Eichenbalken an der Decke, während ein DJ am Ende des Raumes ein rhythmisches Set spielte.
Kaum hatten sie den vollen Eingangsbereich passiert, ließ es sich Julian nicht nehmen, seinen teuren Camel-Mantel mit einer fast demonstrativen Beiläufigkeit auszuziehen.
Unter dem Mantel trug er ein eng anliegendes, dunkelblaues Poloshirt, das seine durchtrainierte, sportliche Statur perfekt hervorhob. Er strich sich selbstsicher mit den Fingern durch das akkurat gestylte goldblonde Haar und wandte das Gesicht leicht der Menge zu... wohlwissend, dass hier und da sofort gierige Blicke von Mädchen in Luminas Alter an seinem gut gebauten Körper und seinem hübschen Gesicht hängen blieben. Ein verhaltenes, stolzes Schmunzeln glitt über seine Lippen. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen.
Doch die einzige Frau, deren Blick ihm in diesem Moment wirklich etwas bedeutet hätte, schaute nicht einmal hin.
Lumina knöpfte ungerührt ihren hellen Wollmantel auf und schälte sich mit einer geschmeidigen, fließenden Bewegung aus dem dicken Stoff. Darunter kam ein elegant geschnittenes, figurbetontes Feinstrickkleid zum Vorschein, das sich makellos an ihre Figur schmiegte und hervorragend zu den kniehohen, edlen Wildlederstiefeln passte.
Das silbrig-weiße Haar fiel ihr wie ein flüssiger Wasserfall über den Rücken, während ihre magentafarbenen Augen kalt und abgewandt den Raum taxierten.
Julians selbstgefälliges Grinsen fror für einen Augenblick ein. Seine tiefgrünen Augen klebten förmlich an ihrer atemberaubenden Silhouette. Für einen kurzen Herzschlag vergaß er sogar die bewundernden Blicke der anderen Frauen um sich herum, gefangen von der schieren, unnahbaren Ausstrahlung, die Lumina wie eine Aura umgab.
Der laute Bass wummerte angenehm durch den Boden, während sich die Menge um sie herum in dem gedimmten, stimmungsvoll beleuchteten Club drängte. Julian wandte den Blick von Lumina ab, deutete mit einer selbstbewussten Geste auf die lange Eichentheke am anderen Ende des Raumes und beugte sich ein Stück näher zu ihr, um gegen die Musik anzusprechen.
„Wollen wir uns an die Bar setzen? Ich würde dir gerne noch einen Drink ausgeben“, schlug er vor, während seine grünen Augen in einem fast schon kalkulierten Glanz aufleuchteten. „Außerdem... habe ich noch ein paar Fragen an dich.“
Lumina zuckte lässig mit den Schultern, während ihr silbrig-weißes Haar schwer über ihren Rücken glitt. Ihr magentafarbener Blick musterte ihn kühl. „Ein Root Beer reicht mir völlig. Geh ruhig schon mal vor.“
Julian nickte zufrieden, überzeugt davon, dass sie ganz nach seinen Vorstellungen tanzte, und bahnte sich mit geschickten Schritten einen Weg durch das Gedränge zur Bar. Lumina folgte ihm mit federndem Gang, die Hände locker an den Seiten, während sie den Anblick seines breiten Rückens mit einer Mischung aus Amüsement und innerer Leere musterte.
Kurz darauf saßen sie nebeneinander auf den hohen Barhockern. Der Barkeeper hatte ihnen bereits die Karte zugeschoben, doch Julian wandte sich sofort wieder zu ihr um, stützte die Ellenbogen auf die Theke und entschied sich offenbar dazu, jegliches Vorgeplänkel über Bord zu werfen.
„Sag mal...“, hob er an, und seine Stimme klang plötzlich ungewohnt direkt, fast geschäftsmäßig, obwohl ein charmanter, polierter Zug auf seinen Zügen lag. „Könntest du dir eigentlich vorstellen... dass wir beide eine Beziehung eingehen? Ich finde dich schon seit Ewigkeiten absolut faszinierend und atemberaubend schön. Und mal ganz ehrlich: Eine Verbindung zwischen den Crofts und den Davies wäre gesellschaftlich gesehen doch eine ziemlich gute Partie.“
Lumina hielt inne. Für einen kurzen Augenblick blitzte eiskalte Überraschung in ihren magentafarbenen Augen auf. Dass er so plump und direkt mit der Tür ins Haus fiel, war selbst für jemanden wie Julian fast schon bemitleidenswert. Ihre Zunge juckte; sie überlegte kurz, ob sie ihm eine gewohnt scharfzüngige, vernichtende Abfuhr verpassen sollte, die ihn für den Rest des Abends in den Boden rammen würde.
Doch dann entschied sie sich für den weitaus pragmatischeren Weg. Warum sich an diesem eitlen Schnösel abarbeiten, wenn es eine viel elegantere, unumstößliche Methode gab, ihn abzuwimmeln?
Ein Hauch von amüsiertem Lächeln huschte über ihre rosigen Lippen, während sie sich auf dem Hocker etwas zurücklehnte.
„Das mag aus strategischer Sicht für deine Zukunft vielleicht charmant klingen, Julian“, erwiderte sie mit einer ruhigen, fast sanften Stimme, die jeden Hauch von echtem Interesse vermissen ließ. „Aber ich sehe im Moment absolut keinen Sinn in einer Beziehung. Vor allem nicht, da ich in etwa drei Monaten für mindestens zwei Jahre nach Tokio ziehe, um dort mein Studium zu beginnen.“
Die Worte trafen Julian wie ein unerwarteter Kinnhaken. Sein selbstgefälliges Grinsen fror auf der Stelle ein, und seine grünen Augen weiteten sich fassungslos.
Er saß da wie vom Donner gerührt. Die Kunde von ihrem bevorstehenden Umzug nach Tokio schien in seinem Kopf regelrecht zu rotieren, während er angestrengt nach den richtigen Worten suchte, um dieses unbedacht aufgestellte Hindernis in seinem perfekt durchgeplanten Zukunftsszenario zu umgehen.
Lumina ahnte in diesem Moment nicht, dass nur wenige Meter von ihnen entfernt... im gedimmten Schatten einer massiven Holzsäule gleich um die Ecke der Bar... eine eiskalte, vertraute Präsenz verweilte.
Tala lehnte dort an der Wand, die schmalen Augen zu gefährlichen Schlitzen verengt. Die Kapuze seines dunklen Mantels hatte er leicht im Nacken liegen gelassen, sodass der schwache Schein der Clubbeleuchtung nur die harten, markanten Konturen seines Gesichts streifte. Seine Arme hatte er ruhig vor der Brust verschränkt.
Er beobachtete die beiden bereits seit einer verdammten Stunde.
Schon drüben am Pavillon, als Julian dieser unbedeutende Schatten an Luminas Seite das erste Mal gierig nach ihren Händen gegriffen und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, hatte es in Talas Beinen unbarmherzig gejuckt. Jede Faser seines Körpers hatte danach geschrien, einfach nach vorne zu preschen, Lumina mitten im Getümmel über die Schulter zu werfen, sie aus diesem lächerlichen Spektakel herauszureißen und direkt in sein Hotelzimmer zu verfrachten.
Doch er hatte sich gezwungen, tief durchzuatmen. Er hatte nachgedacht. Und er hatte sich bewusst dafür entschieden, nicht wie ein unkontrollierter Barbar zu handeln, sondern auf die Kai-Art zu agieren.
Strategisch. Überlegt. Und knallhart beobachtend.
Tala war keineswegs blind gewesen. Elias’ Warnung vor Lord Eric Davies war kein leerer Säbelrassel-Versuch gewesen. Er hatte die geschulten, unauffälligen Blicke der verdeckten Sicherheitsmänner im Umkreis längst registriert. Zu viel wutgesteuerte Aufmerksamkeit hätte unweigerlich bedeutet, binnen weniger Minuten von den Sicherheitskräften ihres Vaters eingekreist und im Keim erstickt zu werden.
Es sollte keine chaotische Invasion werden.
Wenn er eingriff, dann würde es eine unmissverständliche Machtdemonstration sein... eine, die keine Fragen offenließ.
Und vor allem... er hatte es von der ersten Sekunde an erkannt: Lumina brauchte seinen Schutz hier gar nicht. Sie hatte diesen Möchtegern-Erben die ganze Zeit über absolut bestens im Griff.
Tala löste sich nun doch von der Wand, ohne seinen Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde von der Bar abzuwenden. Mit einer ruhigen, beinahe beiläufigen Bewegung griff er nach dem Kragen seines dunklen Mantels und schälte sich langsam aus dem dicken Stoff.
Darunter trug er ein eng anliegendes, schwarzes Langarmshirt, das sich wie eine zweite Haut an seinen Oberkörper schloss und absolut nichts der Fantasie überließ. Die Textur des Stoffs spannte über den breiten Schultern und der massiven Brust. Durch das verbissene, gnadenlose Training der letzten vier Monate... diesen monatelangen Exzess aus Frust, Wut und eiserner Disziplin... waren seine Muskeln noch einmal spürbar gewachsen. Seine Oberarme und Unterarme wirkten noch ein Stück massiger, sehniger und gefährlicher als jemals zuvor.
Er bemerkte nicht einmal die getuschelten Reaktionen im Umkreis, als er den Mantel lässig über einen freien Barhocker warf.
Ein Mann von gut über 1,80 Meter Größe, mit rot glühendem Haar und einer Physis, die aussah, als hätte man sie aus Marmor gemeißelt... in dieser vollen, dunklen Club-Atmosphäre war er eine absolut unübersehbare Erscheinung. Das feuerrote Haar war am Hinterkopf zu einem strammen, hohen Dutt gebunden, doch ein paar einzelne, wilde Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihm lose ins Gesicht, was seinen eisigen Zügen eine noch rauere, gefährlichere Note verlieh.
Etliche junge Frauen und Mädchen an den umliegenden Tischen starrten ihn mit unverhohlenen, lüsternen Blicken an, vergaßen für einen Moment ihre Drinks oder hielten mitten im Satz inne. Seine Präsenz war wie ein schwarzes Loch, das alle Aufmerksamkeit im Raum ansaugte.
Doch für Tala existierten diese Frauen nicht.
Weder ihre Blicke noch das aufgeregte Tuscheln drangen zu ihm durch.
Seine eisblauen Augen, die unter den roten Brauen hervorstarrten, waren wie Laser auf die eine silbrig-weiße Silhouette an der Bar gerichtet. Während Julian noch immer fassungslos an seinem Glas nippte und versuchte, Luminas Absage zu verdauen, trat Tala mit langsamen, raubtierhaften Schritten aus dem Schatten hervor.
Julian presste die Zähne aufeinander, wobei sein verletzter Stolz nun endgültig durchschimmerte. Sein selbstgefälliges Grinsen wich einem leicht beleidigten, fast trotzigen Ausdruck, als er sich noch ein Stück näher zu ihr herüberbeugte und versuchte, das Ganze mit einer arroganten, anzüglichen Note zu überspringen.
„Weißt du...“, hob er an, während seine grünen Augen sie musterten, „man hört so einiges in bestimmten Kreisen, Lumina. Gerüchte über... ganz bestimmte Vorlieben, die du im Bett haben sollst. Wenn du also keine Lust auf eine steife, offizielle Beziehung hast, müssen wir das ja nicht erzwingen. Ich bin mir sicher, dass ich dir im Privaten sehr viel bieten kann. Man hat mir schließlich schon oft genug bestätigt, dass ich weiß, wie man eine Frau im Bett glücklich macht.“
Doch Lumina hörte ihn schon längst nicht mehr.
Jedes einzelne Wort versank in dem hämmernden Bass des Clubs. Ihre magentafarbenen Augen weiteten sich abrupt, und ein schneller, flacher Atemzug hob ihre Brust unter dem Feinstrickkleid. Ihr Blick war starr auf einen Punkt direkt hinter Julian gerichtet, unfähig, auch nur einen Millimeter auszuweichen.
Verwirrt über ihr plötzliches Schweigen und die blanke Reglosigkeit in ihren Zügen, brach Julian mitten im Satz ab. Die Stirn in tiefe Falten gelegt, drehte er sich auf seinem Barhocker um und folgte ihrem Blick.
Etwa drei Meter entfernt, im Halbdunkel des Clubs und perfekt positioniert, stand Tala.
Er wirkte absolut unaufgeregt, stand mit einer lässigen, fast lauernden Selbstverständlichkeit da, die jede Bewegung von ihm zu einer Demonstration roher Macht machte. Der rote Haardutt im Nacken, die wilden Strähnen, die ihm ins Gesicht fielen, und das schwarze Langarmshirt, das sich hauteng über seine massige, durchtrainierte Brust spannte, machten ihn zu einer Erscheinung, die man unmöglich übersehen konnte. Sein Blick war stoisch gelassen... und doch so eiskalt, dass Julians Atem stockte.
In dem Bruchteil einer Sekunde, in der Tala sah, wie das fassungslose Starren in Luminas Gesicht in ein regelrechtes, alles überstrahlendes Strahlen umschlug... jenes typische, auffällige Lächeln, das heller leuchtete als jede Clubbeleuchtung... , passierte etwas, das man fast als Wunder bezeichnen konnte: Tala musste tatsächlich leicht schmunzeln. Ein seltener, fast unmerklich weicher Zug huschte über seine harten Züge.
Lumina fackelte keine weitere Sekunde.
Ein helles, befreites Lachen entrang sich ihrer Kehle... ein Ton voller reiner Vorfreude und unbändiger Energie. Sie sprang förmlich von ihrem Barhocker, ließ den verdutzten Julian auf der Theke sitzen und stürmte los.
Mitten durch die feiernde Menge rannte sie, ohne auch nur einen Gedanken an Höflichkeit oder die umstehenden Menschen zu verschwenden. Mit einem jubelnden Laut warf sie sich Tala entgegen und sprang ab.
Tala fing sie mit einer mühelosen, rohen Kraft auf, zog sie sofort fest an seinen massigen Körper.
Lumina zögerte keine Sekunde. In einer fließenden, gewandten Bewegung schlang sie ihre Beine fest um Talas schmale Hüfte, während er sie mit einer rohen, unbändigen Sicherheit an den Oberschenkeln auffing.
Seine massiven Hände hielten sie fest an ihrem Platz, als wiege sie absolut gar nichts.
Mit beiden Händen fasste sie an seine Wangen, spürte die raue Wärme seiner Haut unter den Fingern und die harte, kompromisslose Struktur seiner Gesichtszüge. Sie lehnte ihre Stirn direkt an seine und schloss für einen winzigen, fast heiligen Moment die magentafarbenen Augen. Die stumme Anspannung der letzten Wochen, das Warten und die schwelende Sehnsucht... all das schmolz in diesem einzigen Augenblick zu purer Erleichterung zusammen.
Ein helles, aus tiefster Seele kommendes Lachen entrang sich erneut ihrer Kehle, laut und pulsierend, während ihr silbrig-weißes Haar wie ein schwerer, flüssiger Wasserfall über seine Schultern strömte.
Um sie herum schien die Welt für einen Herzschlag stillzustehen. Mehrere Gäste in dem gut gefüllten Club blickten überrascht und verdutzt zu dem plötzlichen Aufsehen herüber. An den umliegenden Tischen bekamen etliche der jungen Mädchen und Frauen sofort rote Wangen, während sie das Szenario mit einer Mischung aus staunendem Neid und sehnsüchtigen Blicken verfolgten. Der Anblick des rothaarigen Giganten mit seiner gemeißelten Statur und der atemberaubenden Schönheit in ihrem figurbetonten Strickkleid war schlicht ein Magnet für alle Augen im Raum.
Nur wenige Meter weiter saß Julian mit offenem Mund auf seinem Barhocker. Seine tiefgrünen Augen waren weit aufgerissen, während er fassungslos mit ansehen musste, wie das vermeintliche Mitleids-Date in einem einzigen Augenblick in tausend Teile zersprang.
Lumina gab ihm nicht einmal die Chance, sich von dem Schock zu erholen. Noch während sie in Talas Armen hing, zog sie ihn mit einer leidenschaftlichen Entschlossenheit zu sich und riss ihn in einen tiefen, unbändigen Kuss. Ein Kuss, der nach all den Wochen des Wartens und des sturen Stolzes puren, ungezähmten Hunger atmete... heiß, fordernd und so kompromisslos, dass er die eisige Kälte Londons mit einem Schlag vergessen ließ.
Sie drückte ihre Wange fest an seine Schläfe, während ihr Atem heiß und unregelmäßig an seiner Haut perlte. Die Erleichterung und das pure, ungefilterte Glück vibrierten durch ihren gesamten Körper.
„Du bist da...“, flüsterte sie mit rauchiger, zitternder Stimme direkt an seinem Ohr, während ein ungläubiges, leises Lachen ihre Kehle verließ. „Du bist wirklich da. Mein Gott...“
Sie hielt inne, der Kontrast zwischen der wochenlangen Funkstille und der harten, realen Präsenz dieses Mannes in ihren Armen überwältigte sie für einen Augenblick. Doch statt in Rührung zu verfallen, schlug die Emotion nur noch mehr in pure, triumphierende Lebensfreude um.
Sie lachte hell auf... und riss ihn sofort in einen weiteren, noch tieferen und fordernderen Kuss.
Tala ließ es zu. Seine massiven Hände hielten sie eisernen Griffes sicher an ihren Oberschenkeln fest, und sein breiter, in das schwarze Langarmshirt gehüllter Oberkörper gab keinen einzigen Zentimeter nach. Er trank sich förmlich an ihrer Nähe satt; die monatelange Eiseskälte verbrannte in diesem einzigen, kompromisslosen Moment.
Doch während seine Lippen auf den ihren lagen und er die Hitze dieses Augenblicks aufsog, veränderte sich etwas in seiner Haltung.
Talas stechender, eisblauer Blick huschte langsam an Lumina vorbei.
Mit einer absoluten, fast grausamen Gelassenheit fixierte er den jungen Erben, der nur wenige Meter entfernt wie vom Blitz getroffen auf seinem Barhocker saß. Seine Augen trafen Julian mit einer mörderischen, herablassenden Klarheit, die jegliche Regung im Gesicht des Briten erfrieren ließ.
Es brauchte keinen einzigen ausgesprochenen Laut, keine Schlägerei und kein lautes Wort.
Es war eine stumme, unbarmherzige Botschaft, die jede noch so kleine Illusion von Julian in der Luft zerfetzte:
Vergiss es. Sie gehört mir. Und du existierst in dieser Gleichung nicht einmal.
Die perfekte, strategisch berechnete Machtdemonstration... kalt, überlegen und absolut endgültig.